Mein Großvater Bernhard Maaß wurde
am 30.10.1867 als Sohn des Bauern und Ortsvorstehers Johann
Eduard Leopold Maaß und seiner Ehefrau Ernestine
Luise Maaß geb. Kaske (in einigen Dokumenten auch Albertine anstatt
Ernestine genannt) in Alt-Lülfitz,
einem kleinen Dorf nordöstlich von Belgard an der Persante, geboren.
Er hatte fünf Geschwister: Elisabeth
verehelichte Stieg (sie zog nach Belgard in die Stadt), Erich,
der den mütterlichen "anderen" Hof erbte, Friedrich, der mit 24 Jahren an Diabetes
starb, Adelheid verehelichte Hohenstein, die
nach Berlin zog und Ewald,
der den väterlichen Hof erbte und ihn in den zwanziger und dreißiger
Jahren bewirtschaftete. Seine Brüder Erich und Ewald heirateten die
Schwestern Agathe und Agnes Manke aus dem benachbarten Pustchow. Der Maaßsche
Hof hatte guten Ackerboden und Wiesen. Wie ich mich erinnere gehört
zu haben umfaßte er 120 Morgen (etwa 30 ha). Die frühen Vorfahren
meines Großvaters waren ebenfalls Bauern und aus Henkenhagen / Kreis
Kolberg
kommend seit einer Generation in Lülfitz ansässig. Sein Vater
Johann Eduard Leopold Maaß war in Alt-Lülfitz auch zeitweilig
Ortsvorsteher. Mein Vater Erwin bewahrte noch Originale von königlichen
Anordnungen bzw. Vorschriften aus der Zeit Friedrich II. und Friedrich Wilhelm
II. auf, die ihm sein Onkel Ewald überlassen hatte. Mein Großvater
verließ das Dorf als junger Mann und ging für eine Kaufmannslehre
nach Berlin zu einem Hoflieferanten des Kaisers, in dessen Kontor die Angestellten
nur mit Cutaway und Zylinder kamen.
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Kolonialwarengeschäft Bernhard Maaß
Anfang des Jahrhunderts,
mein Großvater Bernhard Maaß auf der Treppe oben rechts
(Dezember 1908 als Ansichtskarte versandt )* |
Nach Abschluß der Lehre kaufte er mit seinem Lülfitzer Erbe in
der Marienstraße in Belgard ein Haus, in dem er in den neunziger Jahren
ein Kolonialwarengeschäft einrichtete. Als etwas später das Nachbarhaus
abbrannte, erwarb er das Grundstück und ließ es mit einem Gebäude
im Stil seines ersten Hauses bebauen, so daß die Adresse nun Marienstraße
15/16 lautete. Baumeister war Wilhelm
Utech, der Vater des Belgarder Bildhauers Joachim
Utech, der auch mein Zeichenlehrer
an der Oberschule war. Mein Großvater war ein tüchtiger Geschäftsmann,
der sich nicht scheute, bereits morgens um sechs Uhr vor seinem Laden zu
stehen, um die Kunden zu bedienen, die auf dem Weg zur Arbeit bei ihm etwas
kaufen wollten. Andererseits aber brachte er, durch den Aufenthalt in Berlin
dazu befähigt, auch etwas "savoir vivre" nach Belgard, was
sich u.a. in der Einführung von in unserer Stadt noch unbekannten Lebens-
und Genußmitteln - etwa Ananas, französische Weine und neue Kaffeemischungen
- zeigte. In dem vergrößerten Anwesen konnte er bald auch zwei
Bierstuben einrichten. Im Hof befand sich
eine Ausspannung, die vor allem für die Kunden aus den umliegenden
Dörfern Bedeutung hatte, denn hier konnten sie - wie auch bei verschiedenen
anderen Geschäften der Stadt - ihre Pferde ausspannen und während
des Einkaufs unterstellen. Mitte
der zwanziger Jahre war u.a. Hilmar Kramp als Lehrling im Maaßschen
Geschäft, der Sohn des Stationsvorstehers von Nassow und Bruder von
Grete Kramp, meinem Kindermädchen bis Anfang der dreißiger Jahre
und erste Frau meines Onkels Karl Alverdes
(der sie bei uns im Hause kennenlernte); letzter kaufmännischer Lehrling
war Bruno Giese
Anfang der vierziger Jahre.*
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Heinz, Ilse, eine Freundin und
Vater Bernhard Maaß (1916) |
In Berlin hatte mein Großvater in der Badstraße die damals sechzehnjährige
Tochter Elsbeth des Bäckermeisters
Mohr kennengelernt (nach Erinnerung meiner Schwester Anneliese hatte
er bei Mohrs nicht nur eingekauft, sondern auch gewohnt). Er heiratete die
Schönheit mit dem dicken schwarzen Zopf am 8.5.1896 in Berlin als sie
19 Jahre alt war und brachte sie als seine Ehefrau nach Belgard. Die beiden
hatten drei Kinder: Erwin (*12.3.1897), Heinz
(*7.9.1900) und Ilse
(*6.5.1903). Mein Vater Erwin, der Älteste, übernahm das Geschäft.
Heinz hatte studiert und zunächst ein Volontariat auf einem Gut in
Ostpreußen absolviert. Nach einer Ausbildung als Drogist finanzierte
seine Mutter Elsbeth die Einrichtung einer Drogerie in Nörenberg am
Enzigsee, einer kleinen Stadt auf der Pommerschen Seenplatte südwestlich
von Belgard. Als die Geschäfte schlecht liefen, ging er weiter "gen
Westen" und kam Ende der dreißiger Jahre nach Neunkirchen bei
Saarbrücken, wo er als Angestellter einer Hütte beschäftigt
war. Er heiratete eine Nürnbergerin, mit der er vier Kinder hatte.
1945 mußten sie kriegsbedingt das Saarland verlassen und wurden in
ein Flüchtlingslager in Usingen im Taunus eingewiesen. Später
lebte er mit seiner Frau Hilde und den Kindern Helga, Else, Heinz und Alice
in Frankfurt-Bornheim, wo er am 12.9.1973 starb. Onkel Heinz war handwerklich
äußerst geschickt und künstlerisch sehr begabt, er baute
zum Beispiel in den zwanziger Jahren selbst einen Rundfunkempfänger,
er photographierte und entwickelte, zeichnete und malte sehr schön.
So war er während eines Bockbierfestes, das in den dreißiger
Jahren zu Fastnacht in den Bierstuben unseres Geschäftes stattfand,
bei uns zu Besuch und kümmerte sich sehr phantasievoll um die Dekoration
der Räumlichkeiten. Das Fest stand unter dem Motto "eine Weltreise".
Mit dem Pinsel schuf er entzückende Aquarelle von den Häfen der
Welt durch die Bullaugen eines Schiffes betrachtet und zahlreiche aus Buntpapier
gefaltete und geklebte Papageien, wobei ich ihm gerne beim Ausschneiden
half. Ilse war als jüngstes Kind Liebling der Eltern.
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| Geschäftsanzeige von 1926 |
Diese freuten sich über ihre Heirat mit dem Gutsbesitzersohn Ferdinand
(Ferry) Griep (*5.10.1890) aus Granzin
/ Kreis Belgard, Bruder das dortigen Gutsbesitzers. Die Hochzeit fand am
22.6.1927 statt, drei Tage vor dem Tode ihres Vaters. Wohl unter Beteiligung
der Schwiegereltern Griep hatte Bernhard Maaß den Ankauf eines Gutes
für Tochter und Schwiegersohn finanziert (Gut Wachhholzhausen in der
Nähe von Belgard), das zunächst noch mit Hypotheken belastet war.
Leider kamen die jungen Leute auf keinen grünen Zweig, denn diese Belastung
in Verbindung mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sowie schlechte
Ernten brachten Tochter und Schwiegersohn in Bedrängnis. Nach
dem Tode ihres Mannes Bernhard übernahm meine Großmutter Elsbeth
die Leitung des Maaßschen Geschäftes, überließ indes
die praktische Tätigkeit ihrem ältesten Sohn Erwin, meinem Vater.
Dabei verfügte sie allein über die Finanzen, so daß sie
erhebliche Mittel aus dem Geschäft abziehen konnte, um ihr Lieblingskind
Ilse zu unterstützen. Meine Mutter erzählte aus dieser Zeit, daß
der gesamte Gutshaushalt seine Lebensmittel, aber auch Spezialitäten
und Delikatessen unentgeltlich aus dem Maaßschen Geschäft bezog,
und in einem Jahr wurde selbst noch das Heu von zwei Morgen Wiese bei Darkow,
die zu dem Grundstück Marienstraße 15/16 gehörten, nach
Wachholzhausen gefahren; zudem unterstütze die Mutter ihre Tochter
auch finanziell recht großzügig. Dennoch ging das Gut in Konkurs,
Ferry Griep übernahm danach als Verwalter u.a. Gut Klötzin
/ Kreis Belgard, arbeitete später beim Reichsnährstand
in der Bahnhofstraße in Belgard und darauf bei derselben Behörde
in Pyritz. Von dort konnte die Familie 1945 über Stettin mit dem Schiff
nach Dänemark fliehen, nachdem Ilse noch ihren fünfzehnjährigen
Sohn aus dem Volkssturm, welcher Pyritz im April 1945 gegen die Russen verteidigen
sollte, herausgeholt hatte. Die Familie war eineinhalb oder zwei Jahre in
Dänemark in einem Internierungslager und konnte dann endlich nach Gütersloh
in Westdeutschland übersiedeln, wo eine Schwester von Ferry Griep lebte.
Ilse hatte zwei Kinder, meinen Cousin Horst (*16.9.1929) und meine Cousine
Hansi (*20.6.1936). Ferry und Ilse lebten bis zu ihrem Tode in Gütersloh.
Tante Ilse starb am 26.12.1971, Onkel Ferry am 1.4.1971.*
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Mein Großvater nach
dem Ersten Weltkrieg |
Bernhard Maaß war ein angesehener Bürger Belgards, der durch
seine geschäftlichen Erfolge bald in guten Verhältnissen lebte.
Er hatte mehrere Angestellte in Laden und Bierstuben, einen Hofarbeiter,
eine Hausangestellte und ein Kindermädchen für seine drei Kinder.
Nach dem Einbau eines Badezimmers in seinem Haus soll er scherzhaft erwähnt
haben, daß er komfortabler als der Kaiser in Berlin ausgestattet sei,
der sich selbst im Stadtschloß die Badewanne vom nahegelegenen Hotel
Adlon borgen müsse. Er war Mitglied in verschiedenen Vereinen und wurde,
wie einige andere Honoratioren der Stadt auch, im Jahre 1918 als Ehrenmitglied
in die einflußreiche Belgarder Brauerzunft aufgenommen. Seine
finanzielle Situation waren so gut, daß er für einen befreundeten
Belgarder Bankier eine Bürgschaft übernehmen konnte, was nach
dessen Konkurs und anschließendem Selbstmord zu einem Verlust von
60.000 Goldmark führte. Aus der Konkursmasse erhielt er lediglich zwei
Kutschpferde (zwei wilde Füchse), einen Landauer und einen Anteil an
den Hartsteinwerken, einer Kalksandsteinfabrik im Vorwerk Belgard. Bernhards
Hobby war die Jagd. Er hatte in Buchhorst
gemeinsam mit einem dortigen Hofbesitzer eine Jagd gepachtet und hielt dafür
auch Dackel und Vorstehhunde. So war auch ein kleiner Jagdwagen vorhanden,
der vorn Sitze für zwei Personen und hinten einen Kasten für das
erlegte Wild hatte. Zwei Pferde, ein Korbschlitten und ein sogenannter Rollwagen
zur Belieferung der Kunden vervollständigten den Fuhrpark. Mein Großvater
litt lange Jahre unter einer Herzkrankheit. Man erzählte sich, daß
der Ursprung dieses Leidens in den Aufregungen und Erschütterungen
lag, die sich nach dem Konkurs und Selbstmord des befreundeten Bankiers
einstellten. In den zwanziger Jahren verschlimmerte sich die Krankheit so
sehr, daß ihn sein ältester Sohn Erwin, mein Vater, und seine
Frau Else bei der Führung des Geschäftes unterstützen mußten.
Wegen seiner Krankheit fuhr er jedes Jahr nach Bad Nauheim zur Kur, von
wo aus er in Wiesbaden bei einem Juwelier Schmuck für seine Frau und
weitere Geschenke für die Belgarder Familie einkaufte. Eine seiner
letzten Freuden soll gewesen sein, daß ich, sein erstes Enkelkind,
die ersten Laufschritte in seiner Gegenwart gemacht habe. Er rief darauf
das ganze Haus zusammen, so daß sich die Familie im ersten Stock vor
seinem Lehnstuhl einfand, um den Bericht entgegenzunehmen: "Sie läuft!
Sie läuft!" Mein Großvater Bernhard starb am 25.6.1927 an
seinem Herzleiden in unserem Haus in Belgard in der Marienstraße 15/16,
nicht ohne seinem Sohn Erwin vorher das Versprechen abgenommen zu haben,
niemals im Leben, auch nicht für den besten Freund, eine Bürgschaft
zu leisten.*
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Kolonialwaren Bernhard Maaß
nach dem Ersten Weltkrieg: mein Groß-
vater auf der Treppe rechts, vor dem Schaufenster links Albert Manke
und
rechts Alwin Ewald aus Pumlow [Aufnahme von Herrn Dietmar Behling
aus Berlin freundlicherweise zur Verfügung gestellt] |
Zur Beerdigung meines Großvaters Bernhard Maaß schreibt Fritz
Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"),
nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 1,
Oktober 1969 auf Seite 3: "Es war bei der damaligen Trauerfeier für
den verstorbenen Kaufmann Bernhard Maaß, Marienstraße. Die Petrikirche
war fast überfüllt, denn an diesem Nachmittag war viel Landvolk
in die Stadt gekommen, um von dem beliebten Kaufmann Abschied zu nehmen.
'Wir singen zu Beginn unserer Trauerfeier', so sagte Superintendent Zitzke,
'Was Gott tut, das ist wohlgetan!' Wie üblich kurzes Orgelvorspiel.
Sofort sang ein Bauer laut mit, worauf ihm sein Nachbar mit dem Finger vor
dem Mund andeutete, er solle schweigen. Der Einzelsänger war plötzlich
still, jedoch fragte laut: 'Wat schal ick?' Darauf der andere: 'Du schalst
dat Mul hulle!' Auf diese Zurechtweisung blieb er verstummt. Erst auf dem
Friedhof war die markante Stimme wieder zu hören." |