Christian Bernhard Hermann Maaß
1867 - 1927
Mein Großvater Bernhard Maaß wurde am 30.10.1867 als Sohn des Bauern und Ortsvorstehers Johann Eduard Leopold Maaß und seiner Ehefrau Ernestine Luise Maaß geb. Kaske (in einigen Dokumenten auch Albertine anstatt Ernestine genannt) in Alt-Lülfitz, einem kleinen Dorf nordöstlich von Belgard an der Persante, geboren. Er hatte fünf Geschwister: Elisabeth verehelichte Stieg (sie zog nach Belgard in die Stadt), Erich, der den mütterlichen "anderen" Hof erbte, Friedrich, der mit 24 Jahren an Diabetes starb, Adelheid verehelichte Hohenstein, die nach Berlin zog und Ewald, der den väterlichen Hof erbte und ihn in den zwanziger und dreißiger Jahren bewirtschaftete. Seine Brüder Erich und Ewald heirateten die Schwestern Agathe und Agnes Manke aus dem benachbarten Pustchow. Der Maaßsche Hof hatte guten Ackerboden und Wiesen. Wie ich mich erinnere gehört zu haben umfaßte er 120 Morgen (etwa 30 ha). Die frühen Vorfahren meines Großvaters waren ebenfalls Bauern und aus Henkenhagen / Kreis Kolberg kommend seit einer Generation in Lülfitz ansässig. Sein Vater Johann Eduard Leopold Maaß war in Alt-Lülfitz auch zeitweilig Ortsvorsteher. Mein Vater Erwin bewahrte noch Originale von königlichen Anordnungen bzw. Vorschriften aus der Zeit Friedrich II. und Friedrich Wilhelm II. auf, die ihm sein Onkel Ewald überlassen hatte. Mein Großvater verließ das Dorf als junger Mann und ging für eine Kaufmannslehre nach Berlin zu einem Hoflieferanten des Kaisers, in dessen Kontor die Angestellten nur mit Cutaway und Zylinder kamen.

Kolonialwarengeschäft Bernhard Maaß Anfang des Jahrhunderts,
mein Großvater Bernhard Maaß auf der Treppe oben rechts
(Dezember 1908 als Ansichtskarte versandt )*

Nach Abschluß der Lehre kaufte er mit seinem Lülfitzer Erbe in der Marienstraße in Belgard ein Haus, in dem er in den neunziger Jahren ein Kolonialwarengeschäft einrichtete. Als etwas später das Nachbarhaus abbrannte, erwarb er das Grundstück und ließ es mit einem Gebäude im Stil seines ersten Hauses bebauen, so daß die Adresse nun Marienstraße 15/16 lautete. Baumeister war Wilhelm Utech, der Vater des Belgarder Bildhauers Joachim Utech, der auch mein Zeichenlehrer an der Oberschule war. Mein Großvater war ein tüchtiger Geschäftsmann, der sich nicht scheute, bereits morgens um sechs Uhr vor seinem Laden zu stehen, um die Kunden zu bedienen, die auf dem Weg zur Arbeit bei ihm etwas kaufen wollten. Andererseits aber brachte er, durch den Aufenthalt in Berlin dazu befähigt, auch etwas "savoir vivre" nach Belgard, was sich u.a. in der Einführung von in unserer Stadt noch unbekannten Lebens- und Genußmitteln - etwa Ananas, französische Weine und neue Kaffeemischungen - zeigte. In dem vergrößerten Anwesen konnte er bald auch zwei Bierstuben einrichten. Im Hof befand sich eine Ausspannung, die vor allem für die Kunden aus den umliegenden Dörfern Bedeutung hatte, denn hier konnten sie - wie auch bei verschiedenen anderen Geschäften der Stadt - ihre Pferde ausspannen und während des Einkaufs unterstellen. Mitte der zwanziger Jahre war u.a. Hilmar Kramp als Lehrling im Maaßschen Geschäft, der Sohn des Stationsvorstehers von Nassow und Bruder von Grete Kramp, meinem Kindermädchen bis Anfang der dreißiger Jahre und erste Frau meines Onkels Karl Alverdes (der sie bei uns im Hause kennenlernte); letzter kaufmännischer Lehrling war Bruno Giese Anfang der vierziger Jahre.*



Heinz, Ilse, eine Freundin und
Vater Bernhard Maaß (1916)
In Berlin hatte mein Großvater in der Badstraße die damals sechzehnjährige Tochter Elsbeth des Bäckermeisters Mohr kennengelernt (nach Erinnerung meiner Schwester Anneliese hatte er bei Mohrs nicht nur eingekauft, sondern auch gewohnt). Er heiratete die Schönheit mit dem dicken schwarzen Zopf am 8.5.1896 in Berlin als sie 19 Jahre alt war und brachte sie als seine Ehefrau nach Belgard. Die beiden hatten drei Kinder: Erwin (*12.3.1897), Heinz (*7.9.1900) und Ilse (*6.5.1903). Mein Vater Erwin, der Älteste, übernahm das Geschäft. Heinz hatte studiert und zunächst ein Volontariat auf einem Gut in Ostpreußen absolviert. Nach einer Ausbildung als Drogist finanzierte seine Mutter Elsbeth die Einrichtung einer Drogerie in Nörenberg am Enzigsee, einer kleinen Stadt auf der Pommerschen Seenplatte südwestlich von Belgard. Als die Geschäfte schlecht liefen, ging er weiter "gen Westen" und kam Ende der dreißiger Jahre nach Neunkirchen bei Saarbrücken, wo er als Angestellter einer Hütte beschäftigt war. Er heiratete eine Nürnbergerin, mit der er vier Kinder hatte. 1945 mußten sie kriegsbedingt das Saarland verlassen und wurden in ein Flüchtlingslager in Usingen im Taunus eingewiesen. Später lebte er mit seiner Frau Hilde und den Kindern Helga, Else, Heinz und Alice in Frankfurt-Bornheim, wo er am 12.9.1973 starb. Onkel Heinz war handwerklich äußerst geschickt und künstlerisch sehr begabt, er baute zum Beispiel in den zwanziger Jahren selbst einen Rundfunkempfänger, er photographierte und entwickelte, zeichnete und malte sehr schön. So war er während eines Bockbierfestes, das in den dreißiger Jahren zu Fastnacht in den Bierstuben unseres Geschäftes stattfand, bei uns zu Besuch und kümmerte sich sehr phantasievoll um die Dekoration der Räumlichkeiten. Das Fest stand unter dem Motto "eine Weltreise". Mit dem Pinsel schuf er entzückende Aquarelle von den Häfen der Welt durch die Bullaugen eines Schiffes betrachtet und zahlreiche aus Buntpapier gefaltete und geklebte Papageien, wobei ich ihm gerne beim Ausschneiden half. Ilse war als jüngstes Kind Liebling der Eltern.
Geschäftsanzeige von 1926
Diese freuten sich über ihre Heirat mit dem Gutsbesitzersohn Ferdinand (Ferry) Griep (*5.10.1890) aus Granzin / Kreis Belgard, Bruder das dortigen Gutsbesitzers. Die Hochzeit fand am 22.6.1927 statt, drei Tage vor dem Tode ihres Vaters. Wohl unter Beteiligung der Schwiegereltern Griep hatte Bernhard Maaß den Ankauf eines Gutes für Tochter und Schwiegersohn finanziert (Gut Wachhholzhausen in der Nähe von Belgard), das zunächst noch mit Hypotheken belastet war. Leider kamen die jungen Leute auf keinen grünen Zweig, denn diese Belastung in Verbindung mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sowie schlechte Ernten brachten Tochter und Schwiegersohn in Bedrängnis. Nach dem Tode ihres Mannes Bernhard übernahm meine Großmutter Elsbeth die Leitung des Maaßschen Geschäftes, überließ indes die praktische Tätigkeit ihrem ältesten Sohn Erwin, meinem Vater. Dabei verfügte sie allein über die Finanzen, so daß sie erhebliche Mittel aus dem Geschäft abziehen konnte, um ihr Lieblingskind Ilse zu unterstützen. Meine Mutter erzählte aus dieser Zeit, daß der gesamte Gutshaushalt seine Lebensmittel, aber auch Spezialitäten und Delikatessen unentgeltlich aus dem Maaßschen Geschäft bezog, und in einem Jahr wurde selbst noch das Heu von zwei Morgen Wiese bei Darkow, die zu dem Grundstück Marienstraße 15/16 gehörten, nach Wachholzhausen gefahren; zudem unterstütze die Mutter ihre Tochter auch finanziell recht großzügig. Dennoch ging das Gut in Konkurs, Ferry Griep übernahm danach als Verwalter u.a. Gut Klötzin / Kreis Belgard, arbeitete später beim Reichsnährstand in der Bahnhofstraße in Belgard und darauf bei derselben Behörde in Pyritz. Von dort konnte die Familie 1945 über Stettin mit dem Schiff nach Dänemark fliehen, nachdem Ilse noch ihren fünfzehnjährigen Sohn aus dem Volkssturm, welcher Pyritz im April 1945 gegen die Russen verteidigen sollte, herausgeholt hatte. Die Familie war eineinhalb oder zwei Jahre in Dänemark in einem Internierungslager und konnte dann endlich nach Gütersloh in Westdeutschland übersiedeln, wo eine Schwester von Ferry Griep lebte. Ilse hatte zwei Kinder, meinen Cousin Horst (*16.9.1929) und meine Cousine Hansi (*20.6.1936). Ferry und Ilse lebten bis zu ihrem Tode in Gütersloh. Tante Ilse starb am 26.12.1971, Onkel Ferry am 1.4.1971.*




Mein Großvater nach
dem Ersten Weltkrieg
Bernhard Maaß war ein angesehener Bürger Belgards, der durch seine geschäftlichen Erfolge bald in guten Verhältnissen lebte. Er hatte mehrere Angestellte in Laden und Bierstuben, einen Hofarbeiter, eine Hausangestellte und ein Kindermädchen für seine drei Kinder. Nach dem Einbau eines Badezimmers in seinem Haus soll er scherzhaft erwähnt haben, daß er komfortabler als der Kaiser in Berlin ausgestattet sei, der sich selbst im Stadtschloß die Badewanne vom nahegelegenen Hotel Adlon borgen müsse. Er war Mitglied in verschiedenen Vereinen und wurde, wie einige andere Honoratioren der Stadt auch, im Jahre 1918 als Ehrenmitglied in die einflußreiche Belgarder Brauerzunft aufgenommen. Seine finanzielle Situation waren so gut, daß er für einen befreundeten Belgarder Bankier eine Bürgschaft übernehmen konnte, was nach dessen Konkurs und anschließendem Selbstmord zu einem Verlust von 60.000 Goldmark führte. Aus der Konkursmasse erhielt er lediglich zwei Kutschpferde (zwei wilde Füchse), einen Landauer und einen Anteil an den Hartsteinwerken, einer Kalksandsteinfabrik im Vorwerk Belgard. Bernhards Hobby war die Jagd. Er hatte in Buchhorst gemeinsam mit einem dortigen Hofbesitzer eine Jagd gepachtet und hielt dafür auch Dackel und Vorstehhunde. So war auch ein kleiner Jagdwagen vorhanden, der vorn Sitze für zwei Personen und hinten einen Kasten für das erlegte Wild hatte. Zwei Pferde, ein Korbschlitten und ein sogenannter Rollwagen zur Belieferung der Kunden vervollständigten den Fuhrpark. Mein Großvater litt lange Jahre unter einer Herzkrankheit. Man erzählte sich, daß der Ursprung dieses Leidens in den Aufregungen und Erschütterungen lag, die sich nach dem Konkurs und Selbstmord des befreundeten Bankiers einstellten. In den zwanziger Jahren verschlimmerte sich die Krankheit so sehr, daß ihn sein ältester Sohn Erwin, mein Vater, und seine Frau Else bei der Führung des Geschäftes unterstützen mußten. Wegen seiner Krankheit fuhr er jedes Jahr nach Bad Nauheim zur Kur, von wo aus er in Wiesbaden bei einem Juwelier Schmuck für seine Frau und weitere Geschenke für die Belgarder Familie einkaufte. Eine seiner letzten Freuden soll gewesen sein, daß ich, sein erstes Enkelkind, die ersten Laufschritte in seiner Gegenwart gemacht habe. Er rief darauf das ganze Haus zusammen, so daß sich die Familie im ersten Stock vor seinem Lehnstuhl einfand, um den Bericht entgegenzunehmen: "Sie läuft! Sie läuft!" Mein Großvater Bernhard starb am 25.6.1927 an seinem Herzleiden in unserem Haus in Belgard in der Marienstraße 15/16, nicht ohne seinem Sohn Erwin vorher das Versprechen abgenommen zu haben, niemals im Leben, auch nicht für den besten Freund, eine Bürgschaft zu leisten.*

Kolonialwaren Bernhard Maaß nach dem Ersten Weltkrieg: mein Groß-
vater auf der Treppe rechts, vor dem Schaufenster links Albert Manke und
rechts Alwin Ewald aus Pumlow [Aufnahme von Herrn Dietmar Behling
aus Berlin freundlicherweise zur Verfügung gestellt]

Zur Beerdigung meines Großvaters Bernhard Maaß schreibt Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 1, Oktober 1969 auf Seite 3: "Es war bei der damaligen Trauerfeier für den verstorbenen Kaufmann Bernhard Maaß, Marienstraße. Die Petrikirche war fast überfüllt, denn an diesem Nachmittag war viel Landvolk in die Stadt gekommen, um von dem beliebten Kaufmann Abschied zu nehmen. 'Wir singen zu Beginn unserer Trauerfeier', so sagte Superintendent Zitzke, 'Was Gott tut, das ist wohlgetan!' Wie üblich kurzes Orgelvorspiel. Sofort sang ein Bauer laut mit, worauf ihm sein Nachbar mit dem Finger vor dem Mund andeutete, er solle schweigen. Der Einzelsänger war plötzlich still, jedoch fragte laut: 'Wat schal ick?' Darauf der andere: 'Du schalst dat Mul hulle!' Auf diese Zurechtweisung blieb er verstummt. Erst auf dem Friedhof war die markante Stimme wieder zu hören."

Eleonore Gürge geb. Maaß