Meine Mutter Bertha Maaß wurde am 27.6.1898
in Schiltigheim bei Straßburg im Elsaß geboren. Ihr Vater
Johannes
Alverdes, der ursprünglich aus Schlawe in Pommern stammte, war
bereits seit einigen Jahren vor ihrer Geburt in Straßburg als Zahlmeister
beim Militär und hatte 1897 die Lehrerstochter Elfriede
Fraedrich aus Viverow im Kreis Köslin in Pommern geheiratet. Die
jungen Eheleute hatten in Schiltigheim das Gartenhaus einer Villa gemietet.
Dort wurde meine Mutter - wie sie selbst sagte - "unter Rosen"
geboren. Auch ihre Mutter Elfriede Alverdes erwähnte den Rosenduft,
der am Geburtstag ihrer Tochter zum Fenster hereingedrungen war. Vielleicht
hatte meine Mutter auch deshalb eine so große Vorliebe für Rosen.
Sie bekam später oft welche aus dem Garten ihres Vaters Johannes in
der Pankniner Straße 10 in Belgard an der Persante. Nachdem
die Familie von Straßburg aus nach Pommern und hier zunächst
nach Köslin übersiedelt war, wo ihr Vater
als "Zwölfender" eine Stelle als Beamtenanwärter bei
der Bezirksregierung antrat und am 20.4.1904 ihr Bruder Karl geboren wurde, verlebte Bertha in
Köslin eine glückliche Kindheit.*
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Meine Mutter als junges Mädchen |
In ihrer Jugend verkehrte die Familie Alverdes mit Schwägerin und Neffen
von Johannes. Sein Stiefbruder Hermann war als Zahlmeister-Aspirant
für mehrere Jahre zur Schutztruppe in Deutsch-Südwest-Afrika
abkommandiert worden und schickte deshalb seine Frau und Kinder nach Köslin,
wo sie in engem Kontakt mit Johannes Alverdes' Familie lebten. Meine Mutter
erzählte oftmals, wie sie mit einem der Kinder, ihrem Vetter
Paul Alverdes (6.5.1897-28.2.1979), dem späteren
Schriftsteller, gespielt und in der Zeitung das Geschehen in Südwest-Afrika
verfolgt hatte (Paul Alverdes, Mitglied des jüngeren Münchner
Dichterkreises, als Autor vor allem von der Teilnahme am Ersten Weltkrieg
geprägt und mit Erzählungen wie "Die Pfeiferstube" [1929]
oder dem Märchen "Das Schlaftürlein" [1938] bekannt
geworden, gab ab 1934 gemeinsam mit Karl Benno von Mechow die von den Nationalsozialisten
zunächst geduldete und im Verlauf des Krieges schließlich verbotene
Zeitschrift "Das Innere Reich" heraus, welche während der
dreißiger Jahre ein Forum für zahlreiche Schriftsteller der sogenannten
"Inneren Emigration" bildete). In einem Brief an meine Mutter
vom 7.12.1958 erinnert sich Paul Alverdes an die gemeinsame Kindheit in
Köslin: "Liebe Cousine Bertha, Dein freundlicher Brief hat manche
Erinnerung an unsere gemeinsame Kösliner Zeit in mir geweckt. Ich erinnere
mich sehr gut an Deine Eltern und auch an Deinen Bruder, der eine Vorliebe
dafür hatte, einem mit dem Zeigefinger nach den Augen zu zielen und
dazu 'pik' zu sagen. Auch an die Neutorstraße erinnere ich mich und
an ein halbverwildertes Gelände hinter dem Haus, in dem wir mit unserer
Mutter wohnten, und an ein Rinnsal, das es durchfloß. Wir ließen
Schiffe darauf schwimmen. Ferner gab es da eine gewisse Elli im Haus, in
die ich heftig verliebt war. Auch an eine geheimnisvolle steinalte Tante
unseres Namens erinnere ich mich, die im Hause eines Bäckers wohnte.
Sie rauchte schwarze Zigarren, und wir gingen Ostern zum Stiepen zu ihr,
was sich lohnte. Es tut mir leid, daß Du soviel Bitteres und Unverwindbares
hast auf Dich nehmen müssen, wie wir alle. Daß Pommern polnisch
sein soll, darüber komme ich nicht hinweg. [....]" Von seinem
Freund Karl Benno von Mechow hatte mir meine Mutter in den ersten Jahren
des Krieges (vielleicht 1942) den Roman "Vorsommer" geschenkt.
Er wurde bald zu meinem Lieblingsbuch - oft gelesen und oft unter uns Mädchen
verborgt. Die Ferien verbrachte meine Mutter häufig bei den
Großeltern Fraedrich in Viverow. Aus
dieser Zeit erzählte sie von ihren Erlebnissen mit dem Hund "Sekt"
der Großeltern, einem Schottischen Schäferhund, und vom Krebsessen.
Es gab so viele Krebse im Jasee, daß man sie aus großen Emailleschüsseln
aß. Meine Mutter saß oft auf den Stufen der Hoftreppe des Schulhauses
und sah beim Knacken der Krebse dem Hund und den Hühnern zu. Manchmal
verbrachte Großmutter Elfriede mit Bertha und ihrem sechs Jahre jüngeren
Bruder Karl die Sommerferien in einem Fischerhaus in dem auf der Nehrung
zwischen Ostsee und Jamunder See gelegenen Fischerdorf Nest.
Mit einem großen Leiterwagen, der mit allem beladen war, was die Stadtbewohner
für ihre Bequemlichkeit in der primitiven Unterkunft brauchten, fuhr
man von Köslin ans Meer. Vater Johannes besuchte die Familie dann am
Wochenende. Es war eine für die damalige Zeit typische "Sommerfrische",
die man je nach Wetterlage am Meer oder am Jamunder See verbrachte.
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Berthas Abschlußklasse an der Kösliner Höheren Töchterschule |
Als ihr Vater Johannes Alverdes 1914 kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges
an die Kreiskasse nach Belgard versetzt wurde, blieb Bertha noch bis zu
ihrem Lyceumsabschluß in Köslin. Sie lebte dort mit mehreren anderen
Mädchen in einem Pensionat und zeitweise auch in der Familie ihrer
Schulfreundin Lotte Ruhfuß. Besonders gerne erinnerte sie sich an
die Streiche mit ihrer besten Freundin Ilse Schwedersky. Das muß Anfang
des Ersten Weltkrieges gewesen sein. Lotte Ruhfuß, die bereits vor
dem Zweiten Weltkrieg nach Kassel gezogen war, wurde eine wichtige Briefpartnerin
in der für meine Mutter sehr schweren Zeit in Halle / Saale, so kurz
nach der Vertreibung aus der
geliebten Heimat. Aus Kassel erhielten wir auch viele Päckchen in diesen
ersten Nachkriegsjahren in der sowjetischen Besatzungszone. In einem Beileidsschreiben
zum Tode meiner Mutter im Jahre 1974 erinnert sich Lotte Ruhfuß an
die gemeinsame Schulzeit in Köslin: "Liebe Lore, ich will Dir
heute erzählen, wie eng wir doch verbunden waren und wie viele Erinnerungen
bei ihrem Tod wach wurden. Sie war in unserem Haus eine zeitlang in Pension.
Da gingen wir abends auf den Bummel und wurden geschnappt. In Köslin
durften wir keinen modernen [ein Wort nicht lesbar] umbinden, aber in Belgard,
wo wir mit Hans Reichow ruderten (er ist wohl sehr berühmt geworden
als Architekt, man liest oft darüber). Gerne ließen wir uns von
Onkel Walter [Fraedrich] (in Uniform) zur
Schlittenfahrt abholen oder fuhren mit ihm nach Belgard. Bis Montag früh
durften wir nicht bleiben, das machte Großmutter zu viel Umstände.
Immer kam ich später zu Muttis Geburtstag und zur obligaten Erdbeerbowle
im Garten. Einmal habe ich dadurch eine wichtige Arbeit in der Schule versäumt
und bin übel aufgefallen. Mit Großvater spielten wir Poch, aber
er konnte nicht verlieren. Die erste Verlobung mit Braatz machte ich auch
mit, die Nelken kamen aus Nizza, das war damals eine Sensation, und heute?
Muttis sorgloses Leben ist dann durch den Krieg zerstört worden, und
ich muß staunen, wie sie es gemeistert hat, nach den beneidenswerten
Jugendjahren war ihr Zusammenleben mit Großmutter schwer. Für
mich war aber Haus Alverdes einen Oase des Friedens [....]." Nach dem
Lyceumsabschluß in Köslin folgte Bertha ihren Eltern nach Belgard
in die Pankniner
Straße 10. Dort half sie ihrer Mutter im Haushalt, besuchte Freundinnen,
spielte Tennis, ging auf Bälle - wie so junge Beamtentöchter damals
eben lebten. Sie erzählte in diesem Zusammenhang
öfter von Hans Reichow, der vielleicht ihr Tanzstundenherr war, vielleicht
aber auch nur ein häufiger Tanzpartner bei den vielfältigen gesellschaftlichen
"Vergnügen" (auch an gemeinsames Schlittschuhlaufen erinnerte
sie sich). Hans
Reichow (1899-1974) wurde später als Architekt und Städteplaner
bekannt und mit internationalen Auszeichnungen geehrt. Meine Mutter verfolgte
seinen Werdegang in den einschlägigen Veröffentlichungen.*
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| Meine Mutter ca. 1918 |
Die Verhältnisse während des Ersten Weltkrieges und in den ersten
Nachkriegsjahren waren schlecht, Versorgung und Ernährung besserten
sich erst allmählich. Allerdings bekam die Familie Alverdes von Friedchens
Eltern Fraedrich aus dem Dorf Seydel so manche Unterstützung, vor allem
in Form von Lebensmitteln. Später kamen auch Pakete, ja Kisten per
Fracht aus Amerika von den Stiefgeschwistern
ihres Vaters Johannes. Ein Stiefbruder von Johannes Alverdes besuchte
die Familie in den zwanziger Jahren und beschenkte besonders seine Nichte
Bertha äußerst großzügig. Meine Großmutter Elfriede hatte bald
auch einen Ehemann für ihre Tochter gefunden; einen Juristen, der aus
Westpreußen oder dem östlichen Teil Pommerns stammte, im preußischen
Staatsdienst arbeitete (wahrscheinlich in
Bütow)
und damit den Eltern Alverdes sehr genehm war. Meine Mutter verlobte sich
mit diesem Herrn Braatz, löste diese Verbindung jedoch nach einem Jahr
wieder, weil sie selbst keine positiven Gefühle für diesen Mann
aufbringen konnte. Von 1917 bis 1922 bzw. bis zu ihrer Verlobung mit
meinem Vater Anfang 1924 oder auch noch länger arbeitete sie als
Angestellte im Büro ihres Vaters Johannes, der als Oberrentmeister
der Kreiskasse in Belgard vorstand. Dort wurde während der Inflation
aufgrund des rapiden Kaufkraftverfalls der Lohn zuletzt täglich an die
Bediensteten des Kreises ausgezahlt, und die Abteilung meines Großvaters
brauchte dabei dringend Hilfskräfte. Meine Mutter erzählte aus
dieser Zeit, daß außer ihr auch junge Lehrer, die nach dem Ersten
Weltkrieg wegen der hohen Arbeitslosigkeit keine Anstellung gefunden
hatten, im Kreishaus zur Aushilfe beschäftigt waren. Bertha arbeitete
gern bei ihrem Vater, der ihr häufig Urlaub für ihre eigenen Vorhaben
gewährte (etwa für das
Tennisspielen
am Nachmittag), sie jedoch auch abends bis spät in die Nacht mitarbeiten
ließ. Einmal, in der Zeit des Kapp-Putsches, gerieten beide abends auf dem
Heimweg in eine Schießerei. Mein Großvater zerrte sie in der Luisenstraße
von einer dicken Kastanie zur nächsten, um zumindest ein bißchen Deckung
zu gewinnen. Der kurze Heimweg vom Kreishaus
zur Pankniner Straße erschien beiden endlos. Von diesem sie doch sehr beeindruckenden
Erlebnis erzählte sie öfter im Rahmen von Erinnerungen an ihren
Vater.*
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| Die Hochzeit meiner Eltern 1924 |
Im Winter 1922/23 hatte meine Mutter Bertha bei den Proben zu einer Amateurtheater-Aufführung
meinen Vater Erwin
Maaß kennen- und liebengelernt. Beide wollten sich verloben und
brauchten dazu - wie damals üblich - die Genehmigung der Eltern. Meine
Großmutter Elfriede Alverdes war bereits eingeweiht
und mit Einschränkungen einverstanden. So
kam mein Vater in die Pankniner Straße 10, um von Rechnungsrat
Johannes
Alverdes die Hand seiner Tochter zu erbitten. Mein Großvater wollte
jedoch nicht, daß seine Tochter in eine Kaufmannsfamilie einheiratet
und dort vielleicht noch im Geschäft
mithelfen muß. Sie sollte lieber einen Beamten heiraten, denn die
Alverdes' waren seit
vielen Generationen preußische Beamte; und von daher wäre Berthas
erster, von Ihrer Mutter ausgesuchter Verlobter, der im preußischen
Staatsdienst beschäftigt war, ihrem Vater wohl der Genehmere gewesen.
So trafen sich Bertha und Erwin weiter heimlich trotz des väterlichen
Verbotes. Ein Jahr später versuchte mein Vater noch einmal, Johannes
Alverdes' Herz zu erweichen, dieses Mal mußte sich dieser den Wünschen
der jungen Leute beugen und gab seine Zustimmung zu ihrer Eheschließung.
Meine Mutter erzählte mehrmals, wie dieser zweite Besuch meines Vaters
vor sich ging: Erwin war angemeldet und mußte allein in das Zimmer
des Großvaters eintreten. Bertha und ihre Mutter, die das heimliche
Verhältnis geduldet hatte, saßen im Nebenzimmer und lauschten.
Sie konnten von drinnen jedoch leider nichts hören. Als sie nach einer
Weile von Johannes Alverdes hineingerufen wurden und erwartungsvoll Platz
nahmen, herrschte erst einmal für lange Zeit bedrückendes Schweigen.
Endlich sah mein Großvater über die Brille hinweg seine Tochter
an und meinte: "Na, dann muß ich wohl eine Flasche Wein aus dem
Keller holen!" Damit war die Sache klar und die Hochzeit konnte schließlich
am 10. November 1924 stattfinden.*
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| Letzte Sommerfrische in
Kolberg (1939) |
So kam ich (Eleonore) als erste Tochter
am 18.12.1925 auf die Welt und als drittes Kind am 8.9.1933 meine Schwester
Anneliese. Dazwischen wurde am
25.12.1928 ein Junge, Heinz
Bernhard, geboren, der jedoch bei der Geburt starb. Dieser hätte
wohl nach den Gepflogenheiten der damaligen Zeit das Geschäft übernehmen
sollen, dennoch sagte mein Vater immer, daß er zwar traurig über
den Tod seines kleinen Sohnes gewesen sei, aber durchaus zufrieden mit "seinen
drei Frauen". Meine Eltern wohnten in ihren ersten Ehejahren in der
etwas kleineren Wohnung im ersten Stock rechts vom Hausflur. Eß- und
Herrenzimmer lagen nach vorne zur Marienstraße hin, im hinteren, vor
der Küche zum Hof hin gelegenen "Berliner Zimmer" waren mein
Bett und meine Spielsachen. Die Eltern hatten ihr Schlafzimmer im Oberstock
zum Hof hin. Als dann einige Jahre nach dem Tode von Großvater Bernhard
Maaß für Großmutter Elsbeth eine Wohnung im Obergeschoß
ausgebaut worden war, übersiedelten meine Eltern in die gegenüberliegende
größere Wohnung. Meine Eltern
besuchten in den ersten Ehejahren wohl oft Veranstaltungen, wie sie in einer
kleinen Stadt wie Belgard üblich waren, etwa Bälle und Feste von
Vereinen, Konzerte der Belgarder Liedertafel etc. Hierbei waren meiner Mutter
die Maskenbälle
besonders in Erinnerungen geblieben. Eine Karnevalskampagne wie im Rheinland
oder Fastnacht wie in Süddeutschland gab es in Pommern jedoch nicht;
außer einigen Maskenbällen und Kostümfesten in "Falks
Gesellschaftshaus" (Hindenburgstraße) und im Vereinshaus
"Karow" (Wilhelmstraße) fanden nur geschlossene Gesellschaften
in den Räumen von Hotel Wolter und Hotel Remus am Markt statt. In Bezug
auf Kleidung war meine Mutter anspruchsvoll. Sie kleidete sich gediegen
und geschmackvoll, legte auch viel Wert auf schöne Schuhe und Hüte.
Sicher wurde auch bei ihren
Besuchen in Berlin
bei Onkel Walter Fraedrich für die Garderobe
so manches eingekauft. Das Tennisspielen gab Bertha
bald auf, denn mein Vater spielte nicht Tennis, er hielt Tennis überhaupt
für einen "Flirtsport". Sie unternahmen jedoch gemeinsame
Fahrten ins Theater nach Stettin
oder Ausflüge nach Kolberg
an die Ostsee, oder machten etwa in der Spätsaison Kurzurlaub in
Stolpmünde
oder im Ostseebad Binz auf Rügen.
Höhepunkte waren Reisen nach Berlin zu ihrem Onkel
Walter Fraedrich, der dort eine Rechtsanwaltskanzlei
betrieb. Dieser Bruder meiner Großmutter Elfriede Alverdes - er war viel jünger
als Friedchen, etwa 1885 geboren - war ebenso wie mein Vater im Ersten Weltkrieg
Soldat gewesen. Da er (in Halle / Saale) studiert hatte, wurde er als Fähnrich
eingezogen und brachte es wohl zum Leutnant oder Oberleutnant. Später
lebte er mit seiner Frau Edith geb. Buntrock und Sohn Horst
(1921-2004) als Rechtsanwalt in Berlin, hatte Wohnung und Kanzlei in der
Stresemannstraße 14 (der späteren Saarlandstraße, Nähe
Anhalterbahnhof). Als Scheidungsanwalt war er auch an Scheidungen Prominenter,
so zum Beispiel des Pianisten Michael Raucheisen von der Sängerin Maria
Ivogun, beteiligt, und die Erzählungen meiner Mutter von Besuchen bei
ihm in Berlin brachten eine Ahnung von der großen, weiten Welt, von
mondänem Leben zu uns in die Kleinstadt Belgard. Sein Sohn
Horst kam in den dreißiger Jahren mehrmals zu seinen Großeltern
Fraedrich und seiner Tante Elfriede Alverdes nach Belgard zu Besuch; er
spielte in den dreißiger Jahren für mich eine große Rolle.
Das letzte Mal sah ich ihn 1944 auf dem Bahnhof in Belgard, als er dort
(vielleicht als angehender Militärarzt) einen kurzen Aufenthalt auf
dem Weg zur baltischen Front hatte. Mit dem Zusammenbruch 1945 riß
auch der Kontakt zu ihm ab, und meine Mutter konnte nach dem Kriege lediglich
in Erfahrung bringen, daß er mit seiner Familie im Rheinland gelandet
sein sollte. So habe ich meinen Vetter Horst Fraedrich leider niemals wiedergesehen,
denn erst nach seinem Tode im Herbst 2004 erfuhr ich, wo es ihn nach Kriegsende
aus Berlin hin verschlagen hatte.*
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| Alte Freunde aus Belgard |
Länger gemeinsam Urlaub konnten meine Eltern nur äußerst
selten machen; in den dreißiger Jahren war meine Mutter mehrmals in
Kolberg
und mein Vater, der sich in Belgard die Woche über um das Geschäft kümmern
mußte, kam an den Wochenenden dazu. Eine verspätete Hochzeitsreise
führte beide nach Wien, wo sie unter anderem im Burgtheater den "Rosenkavalier"
sahen, der auf meinen Vater jedoch nur einschläfernd gewirkt haben
soll; eine weitere gemeinsame Reise führte sie in die Sächsische
Schweiz. Der Kontakt meiner Mutter zu Freundinnen
und Bekannten war wohl in den ersten Ehejahren lebhafter als später:
Da waren Ilse Schwedersky aus der Torstraße
13, Trude Priebe aus der Friedrichstraße, Trudchen und Piet Czepluch,
Drogeriebesitzer aus der Friedrichstraße,
oder auch das Ehepaar Neubüser (Dr. Ernst Neubüser hatte eine
Kanzlei in Belgard, nach seinem Staatsexamen 1924 wurde er als Rechtsanwalt
und Notar in Belgard, Falkenburg, Köslin und Stolp zugelassen, er war
mit Wanda Rotzoll verheiratet, der Tochter des damaligen Gymnasial-Oberschullehrers
Fritz Rotzoll). Öfter kam auch der Bruder meines Vaters, Heinz Maaß
(7.9.1900 - 12.9.1973) zu Besuch, zu dem meine Mutter ein sehr gutes Verhältnis
hatte und welcher ihr bei dieser Gelegenheit häufig seine "Sünden"
beichtete. Ich versuche heute vergeblich, mich noch an die übrigen
Personen zu erinnern, für die ich manchmal den Kaffeetisch mit den
Sammeltassen meiner Mutter decken half und die sich nach dem Kaffeetrinken
oft zu einer Runde Rommé zusammensetzten. Nachdem Czepluchs nach
Falkenstein im Vogtland verzogen waren, blieben meiner Mutter als wirklich
Vertraute nur Trude Priebe (meine Patentante "Tudi") und meine
zweite Patin Ilse Schwedersky. Tante Tudi wurde 1945 im März oder April
mit einem Transport Frauen nach Polen zur Arbeit verschleppt, und wir hörten
einige Monate später, daß sie in der Gegend von Posen umgekommen
sei. Niemand erfuhr, wo sie begraben wurde. Tante Ilse Schwedersky war die
Tatkräftige, Zupackende, Praktische, die als gelernte Säuglingsschwester
meine Mutter auch nach den Entbindungen in der Wochenbettzeit unterstützt
hatte und später als Fürsorgerin im Belgarder Gesundheitsamt beschäftigt
war. Beide Tanten waren unverheiratet.*
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Emailletafel neben dem Ein-
gang zu unserem Geschäft |
Im Kontor unseres Geschäftes war meine Mutter meinem Vater häufig
bei Buchführungsarbeiten behilflich, jedoch bis zum Kriege nie im Laden
selbst tätig. Sie hielt sich überhaupt gern im Kontor auf, wo
ich sie mit einer Tasse Kaffee auf dem an der hinteren Wand stehenden geblümten
Sofa sitzen sehe, oftmals gemeinsam mit einer ihr gut bekannten Kundin oder
einer anderen Besucherin. Meine Mutter betreute auch eine Agentur der Preußisch-Süddeutschen
Klassenlotterie und empfing dann im Kontor ihre Kunden. Hier stellte sich
auch oft "Goldelse" (Frl. Else Müller) ein, eine alleinstehende
ältere Frau, Tochter eines Goldschmiedes, die sich durch Zimmervermieten
kärglich ernährte. Ihr väterliches Haus Marienstraße
Nr. 6 lag schräg gegenüber und so hatte sie es nicht weit zu uns
zu einer Tasse Kaffee oder einem kleinen Frühstück. Ihre Resolutheit
setzte sie in den Wirren der ersten Tage nach der Besetzung Belgards durch
die Russen im März 1945 erfolgreich - und nicht nur zum Nutzen der
Familie Maaß - ein. Wenn meine Mutter Geburtstag hatte, bekam sie
so viele Rosen, daß sich Wohnzimmer und Herrenzimmer in ein Blumenmeer
verwandelten. Da ihre besondere Vorliebe für Rosen (weil sie, wie ihre
Mutter sagte, in Schiltigheim "unter Rosen" geboren wurde) bei
allen bekannt war, brachten ihr die Gäste und Gratulanten ausschließlich
Rosen, und auch von der eigenen Familie bekam sie natürlich fast nur
diese Blumen, so daß an diesen Tagen ein wundervoller Rosenduft unsere
Wohnung durchzog (wobei ihr Vater, so lange er noch seinen Garten in der
Pankniner Straße hatte, ausgesuchte Exemplare seiner selbstgezogenen
Sorten schenkte). Einmal jedoch erhielt sie den schönsten Strauß
von ihrem Mann: Mein Vater war bereits in den frühen Morgenstunden
mit dem Fahrrad in den Denziner Wiesen gewesen und hatte die Blumen dort
selbst gepflückt, um sie ihr dann morgens ans Bett zu bringen. Für
den Nachmittag wurde in unserem Wohnzimmer immer eine große Kaffeetafel
gedeckt und der Tisch aufwendig geschmückt, wobei auch ich gerne half.
Dort saß sie dann noch lange mit ihrer besten Freundin Ilse Schwedersky,
mit Trudchen Priebe, Trude Czepluch, Elli Neitzke, Ottilie Reichelt und
weiteren Geburtstagsgästen, an deren Namen ich mich heute nicht mehr
erinnere, zunächst bei Kaffee und Kuchen und später bei Wein und
Likör zusammen; den Abend verbrachte sie mit uns im Kreise der Familie.
An die Geburtstagsfeiern meines Vaters kann ich mich zu meiner heutigen
Verwunderung leider überhaupt nicht mehr erinnern.*
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| In Zoppot (1940) |
Häufig spielten wir gemeinsam mit meiner Mutter Spiele, vor allem Rommé
und "Mensch ärgere dich nicht", wobei sich in der Regel auch
noch weitere Mitspieler fanden; wer das jedoch gewesen sein könnte
erinnere ich heute nicht mehr. Daß mein Vater dabei mitspielte glaube
ich nicht, er wurde bei derartigen Karten- oder Brettspielen immer gleich
schläfrig. Schon immer riet meine Mutter gerne Rätsel, sie kaufte
bereits damals sogenannte Rätselhefte. Zu den von mir als Kind selbst
entworfenen Silbenrätseln ließ sie sich allerdings lange bitten,
diese waren ihr wohl zu anspruchslos. Sie las auch Unterhaltungsromane,
die sie insbesondere in den letzten Kriegsjahren größtenteils
aus einer Leihbücherei neben dem
Kino
"Capitol" in der Hindenburgstraße oder aus der Stadtbücherei
bezog, die im alten Rathaus am Markt untergebracht war und von "Püppchen
Schulze", einem ehemaligen Gymnasiallehrer und Belgarder Original,
betreut wurde. So war ich es, die in den Kriegsjahren öfter zum Bücherholen
geschickt wurde und, falls Mutti keine speziellen Wünsche geäußert
hatte, häufig Bücher brachte, die ihrem Geschmack nicht entsprachen.
Die Hausarbeiten erledigte von den zwanziger bis Mitte der dreißiger
Jahre unsere "Perle" Olga, mein Kindermädchen war bis Anfang
der dreißiger Jahre Grete Kramp, Tochter des Stationsvorstehers von
Nassow und erste Frau meines Onkels
Karl Alverdes
(der sie bei uns im Hause kennenlernte, ihr Bruder
Hilmar Kramp war
in den zwanziger Jahren Lehrling in unserem
Geschäft
gewesen), und zuletzt half uns die junge
Ilse Kruggel
im Haushalt. Als Hausschneiderinnen kamen zu uns zwei Schwestern mittleren
Alters aus Belgard, die ich manchmal in einem der hinteren Zimmer bei der
Arbeit mit Nadel und Faden oder an der Nähmaschine sitzen sah, wo
sie Reparaturen an Bett- und Tischwäsche vornahmen oder einfachere
Kleidungsstücke für mich oder auch für meine Mutter nähten.
Als nach dem Tode meines Großvaters Johannes Alverdes Anfang 1936
meine Großmutter Elfriede und die Urgroßeltern Fraedrich zu
uns in die Marienstraße zogen, ging meine Mutter dann - so wie meine
Großmutter Alverdes bereits seit langem - mit ihren Änderungen
und Reparaturen zu Fräulein Cruspe in die Nähschule in der Karlstraße.
Bei den Näharbeiten, die hier auch für mich in Auftrag gegeben
wurden, ging Fräulein Cruspe nur selten auf meine Wünsche ein,
sondern fertigte die Kleidung ihren eigenen Vorstellungen gemäß
an, was bei mir fast immer für heftigen Verdruß sorgte, insbesondere
als ich bereits etwas älter war. Und selbst wenn ich dann später
noch einmal hinging, so waren meine Forderungen nach Änderung jedoch
meistens umsonst, denn ich konnte mich mit meinen eigenen Vorstellungen
zu meinem Leidwesen ihr gegenüber nur äußerst selten durchsetzen.
Deshalb griff ich später - zum Entsetzen meiner Mutter - oft zur Selbsthilfe,
da ich, durch die im Handarbeitsunterricht erworbenen Fertigkeiten, die
gewünschten Änderungen nun selbst vornehmen konnte (ob Fräulein Cruspe
auch mein Konfirmationskleid aus schwarzem Seidensamt
genäht hat, das sehr schön gearbeitet war und von allen Seiten
viel Lob erhielt, kann ich dagegen heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen).
Alle vier bis sechs Wochen kam damals noch eine Waschfrau zu uns ins Haus,
die uns die große Wäsche machte und dabei in der dampfenden Waschküche
an einem großen, fest eingebauten Kessel mehrere Tage zugange war.
Anschließend fuhr sie die Wäsche zum Spülen mit dem Handwagen
an die Leitznitz
und hängte dann die Bettwäsche und andere große Stücke
bei uns um die Ecke auf Tante Ilse Schwederskys großer Wiese neben
ihrem Garten an der Wallstraße zum Trocknen auf, wo auch andere Leute
gegen ein paar Groschen ihre Wäsche trockneten oder zum Bleichen auslegten.
Das Abnehmen und Legen der Wäsche war die Aufgabe unserer Hausgehilfin,
wobei ich ihr beim darauf folgenden Mangeln regelmäßig half.
Denn noch in den dreißiger Jahren war am Ende des Strillenganges kurz
vor der Gartenstraße eine sogenannte Rolle (Wäschemangel), wohin
wir die getrocknete Wäsche mit einem Handwagen fuhren oder in einem
Korb gemeinsam trugen - das Drehen der beiden großen, hölzernen
Rollen, die durch einen mit Feldsteinen gefüllten Kasten beschwert
waren, wurde dabei von mir übernommen. Sowohl die Hausschneiderinnen
als auch die Waschfrauen wurden während der Arbeit von meiner Mutter
beköstigt, und meine Großmutter Alverdes erzählte später
manchmal etwas amüsiert von ihrer früheren Waschfrau in der Pankniner
Straße, die immer Kotelett zum Mittagessen verlangte, ein Gericht,
das bei meiner sparsamen Großmutter nur selten auf den Tisch kam.
Um meine Schularbeiten jedoch kümmerte sich meine Mutter, insbesondere
um die Fremdsprachen. Beim obligatorischen Spaziergang am Sonntagnachmittag
gingen wir meistens zum Friedhof, wobei ich oftmals über "nicht-mehr-können"
klagte, um meine Eltern zur Einkehr in das Bahnhofsrestaurant zu bewegen,
was mir auch manchmal gelang. Es gehörte
Herrn Meybem, einem Freund meines Vaters, und war für hinterpommersche
Verhältnisse recht anspruchsvoll ausgestattet, sowohl in Hinblick auf
die Möblierung als auch das Tischzeug, Geschirr usw. Ich empfand es
als Kind als äußerst interessant, wenn mir hier von einem herbeigerollten
Servierwagen auf einer Silberplatte Kuchen zur Auswahl angeboten wurde.
Auf dem vorderen Teil des nahegelegenen "Eisenbahn-Friedhofs"
hatte meine Familie zwei größere Grabstellen, eine für die
Familie Maaß, die andere für die Familien Alverdes und Fraedrich.
Beide waren mit einer niedrigen Hecke umfriedet. Auf der ersten lagen mein
Großvater Bernhard
und meine Großmutter Elsbeth
Maaß in einem efeubewachsenem Doppelgrab vor einem großen
Granitfindling, auf dem ihre Namen eingelassen waren. In einer vorderen
Ecke dieser Grabanlage war mein 1928 bei der Geburt gestorbener Bruder beigesetzt.
An einem hierzu parallel liegenden Hauptweg waren mein Großvater
Johannes
Alverdes und seine Schwiegermutter Mathilde
Fraedrich begraben (1944 kam mein Urgroßvater
Karl Fraedrich
hinzu). Ein aufrecht stehender schwarzer Stein mit hellem Unterteil teilte
die große Grabstelle, er trug vorn den Namen von Johannes Alverdes,
auf der Rückseite die meiner Urgroßeltern Fraedrich. Meine Großmutter
Elfriede
Alverdes (1958) sollte einmal dort neben ihrem Mann beerdigt werden;
nun ruht sie nach der
Vertreibung aus der
geliebten Heimat auf einem Friedhof in Halle an der Saale. Eine Gartenbank
innerhalb dieser Grabstelle gab uns die Möglichkeit, nach dem langen
Weg von der Marienstraße zum Friedhof etwas auszuruhen. Nachdem meine
Schwester Anneliese dem Kinderwagen entwachsen war, ließ bei meinen
Eltern die Neigung zu Sonntagsspaziergängen zum Friedhof nach, vielleicht
weil die Kleine damals noch nicht so weit laufen konnte.*
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| Auf Urlaub (1940/41) |
Als mein Vater 1939 bereits einige Tage vor Beginn des Krieges eingezogen
wurde, übertrug er meiner Mutter die Geschäftsleitung. Da auch
unsere Angestellten zur Wehrmacht einberufen wurden, unterstützten
sie nur noch der Lehrling Bruno Giese und Emma Kunst,
ein älteres Fräulein, das schon früher bei uns zeitweise
als Kassiererin ausgeholfen hatte. Bruno Giese bat meine Mutter nach dem
Kriege um eine Bestätigung seiner Tätigkeit in unserem Geschäft.
Folgender Entwurf aus dem Jahre 1958 fand sich in ihrem Nachlaß: "Ihr
Schreiben vom 27.2.1958 erreichte mich erst jetzt da ich seit September
in der Bundesrepublik bin. Bruno Giese war vom 1.4.1938 bis 30.11.1940 in
unserem Betrieb als kaufmännischer Lehrling. Am 30.11.1940 schloß
ich den Betrieb, weil mein Mann seit 1939 Soldat war. Die Lehrzeit des Bruno
Giese wurde dadurch unterbrochen und er beendete sie, da die Lehrzeit eines
Lehrlings 3 Jahre währte, in einer anderen Firma bis 30.3.1941. Über
das Entgelt in seiner Lehrzeit und ob und in welcher Höhe Beitragsmarken
geklebt worden sind, kann ich heute leider keine Angaben mehr machen. Er
war, wie es üblich war, in voller Kost und Logis und erhielt ein Taschengeld."
Zu den Schwierigkeiten durch die Abwesenheit des Geschäftsinhabers
und die fehlenden Mitarbeiter kamen die zahlreichen Vorschriften der Kriegswirtschaft
wie etwa Lebensmittelkarten und Lieferbeschränkungen. Das alles führte
zu einer erheblichen Steigerung des Arbeitsaufwandes und bedeutete damit
eine große Belastung für uns alle. So sehe ich uns heute noch
- meine Mutter, meine Großmutter, unsere Hausangestellte Grete und
mich - in unserem Wohnzimmer auf dem großen Eßtisch unter einer
dunkelroten Hängelampe mit Fransen die unzähligen Lebensmittelmarken
aus unserem Geschäft auf große Packpapierbögen in Reihen
abgezählt und nach Kategorien geordnet mit Leim und Pinsel aufkleben.
Dazu kam die immer weiter verschärfte Preisauszeichnungspflicht. Anläßlich
einer Kontrolle in unserem Geschäft hatte meine Mutter eine äußerst
unangenehme Begegnung mit einem anmaßenden Beamten von der Preisüberwachung,
der sie des Betruges verdächtigte, weil sie in Unkenntnis der Gepflogenheiten
im Wildhandel das Fleisch eines Spießbockes nicht richtig ausgezeichnet
hatte. Nach Gesprächen mit Hertha Beyer vom gleichnamigen Kolonialwarengeschäft
am Markt / Ecke Poststraße über die unter allen Einzelhändlern
unbeliebten Praktiken der Preisüberwachungsbehörde und eingehender
Beratung mit meinem Vater schloß meine Mutter im November 1940 das
Geschäft. Die bewirtschafteten
Waren übernahm die Firma
Beyer und der Lehrling beendete seine Ausbildung bei Kolonialwaren
Banatz am Markt / Ecke Jägerstraße. Die finanzielle Lage
unserer Familie war gesichert, weil mein Vater nach der Schließung
des Geschäftes neben seinem Zahlmeistergehalt eine Familienunterhaltszahlung
erhielt.*
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| 1943 in Padua |
Während des Krieges waren die Gedanken meiner Mutter natürlich
sehr mit meines Vaters Ergehen beschäftigt. Sie sprach viel von ihm
und freute sich sehr über bevorstehende Urlaube. Zudem waren wir sehr
froh, daß mein Vater wegen seines Alters nicht zur kämpfenden
Truppe eingezogen wurde. Er mußte sich jedoch schon ein paar Tage
vor Kriegsausbruch im August 1939 als Zahlmeister in der alten Belgarder
Kaserne an der Körliner Straße stellen, gegen Kriegsende diente
er als Oberzahlmeister (Leutnant der Reserve) bei der Fahr-Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung
2 in Köslin und schließlich beim 1. Bataillon des Auffrischungs-Regiments
59 in Hammerstein bei Neustettin (ca. 70 km südöstl. v. Belgard).
Nach einigen Wochen in der Belgarder Kaserne wurde er bereits 1939 ins "Generalgouvernement"
nach Polen beordert, kam nach Lublin, Krakau und auch nach Reval. Im Osten
war er dann zuletzt in Biala Podlaska stationiert, von Sommer 1943 bis Herbst
1944 in Padua in Italien. Dazwischen kam er immer mal wieder nach Belgard
auf Urlaub und zeigte die vielen Photos, die er mit seiner von uns vielbestaunten
Kleinbildkamera gemacht hatte. Besonders schwärmte er von Krakau und
Padua. Ich glaube nicht, daß er in den besetzten Gebieten ein "Absahner"
war; und nur selten brachte er uns etwas mit. Ich kann mich lediglich an
ein Paar Stiefel aus Polen für meine Schwester Anneliese und mich und
später an zwei Seidenstoffe aus Padua für meine Mutter erinnern.
Zahlreiche Päckchen wurden von uns an seine Feldpostnummer geschickt,
die unter anderem die von ihm so gern gegessene Sandtorte enthielten. Im
Jahre 1942 wurde mein Vater für eine zeitlang nach
Stargard
in Pommern versetzt, von wo aus er uns in Belgard öfter sonntags besuchen
konnte. Zwischen den Auslandseinsätzen war er bei Neuaufstellungen
von Einheiten innerhalb Deutschlands beschäftigt; meine Mutter hat
ihn dann mehrfach dort besucht, so zum Beispiel in Neustrelitz und
Danzig
bzw. Zoppot. Meine jüngere Schwester Anneliese
erinnert sich, daß sie meine Mutter dabei einmal nach Schwerin und
einmal nach Neustrelitz begleiten durfte. Die Aufführung von "Die
schöne Galathée" (Operette von Franz v. Suppé) im
Residenztheater von Neustrelitz gefiel ihr ausnehmend und von den davor
gebotenen Ballettszenen war sie, die schon von klein auf vom Ballett träumte,
so begeistert, daß sie zu Hause vor dem großen Schlafzimmerspiegel
immer wieder versuchte, die Posen der Tänzerinnen einzunehmen und deren
Schritte nachzuahmen. Einmal wurde auch ich für drei Tage von der Schule
beurlaubt und durfte mit der Bahn zu meinem Vater nach Neustrelitz in Mecklenburg
fahren, wo ich mit ihm in einem kleinen Hotel wohnte. Für einen Abend
war ein Besuch in dem entzückenden Residenztheater der Stadt bei einer
Aufführung von "Der Vogelhändler" von Carl Zeller geplant.
Mein Vater ging mit mir vorher das Textbuch durch und sang mir einige Lieder
vor (vielleicht pfiff er mir die Melodien auch vor). In diesen ersten Kriegsjahren
wurde mein Vater, der als Zahlmeister für die Versorgung seiner Einheit
zuständig war, von seiner Dienststelle auch einmal nach Stettin zu
einem Kochlehrgang geschickt, wobei er die hier erworbenen Kenntnisse wohl
an die Truppe weitergeben sollte. Aus seinen Berichten zog auch meine Mutter
einen gewissen Nutzen, etwa als er uns erzählte, daß für
eine gute Suppe die Suppenknochen vor dem Kochen zunächst angebraten
werden müßten. In diesem Zusammenhang erinnerte er sich lachend
an den Ersten Weltkrieg, als die Rekruten während der Grundausbildung
selbst noch das richtige Kauen lernen sollten. So stand auf dem Kasernenhof
vor der Abteilung junger Soldaten, zu der auch mein Vater gehörte und
von denen jeder eine Scheibe Kommißbrot in der Hand hielt, der Unteroffizier
und kommandierte "Abbeißen!", zählte dann langsam von
1 bis 32, wobei die gesamte Kompanie im Takt kauen mußte, bis ihnen
schließlich mit einem letzten Kommando das Runterschlucken erlaubt
wurde. Mein Vater nannte dieses Verfahren "32mal Rumkauen" und
erklärte uns, daß man dabei hoffte, die starke Speichelentwicklung
durch das lange Kauen würde die Verdauung fördern und das Sättigungsgefühl
verstärken, sodaß bei der Verpflegung der Truppe etwas eingespart
werden könnte. Von da an bekamen wir, wenn mein Vater in Belgard auf
Heimaturlaub war und bei den gemeinsamen Mahlzeiten das Essen wieder einmal
zu schnell heruntergeschlungen wurde, von ihm manchmal in Anspielung auf
seine Rekrutenzeit die Worte "32mal Rumkauen" zu hören.
 |
| Ein Photo für den Vater im Feld |
Meine Mutter fühlte sich während des Krieges sehr verlassen, weil
sie sich immer und überall auf ihren Mann hatte stützen können.
Ihre alte Freundin Ilse Schwedersky war in diesen Jahren ihr häufigster
Umgang. Fast täglich erschien Ilse auf dem abendlichen Heimweg vom
Gesundheitsamt in der Marienstraße 15/16, und beide zogen
sich zu einem Dämmerstündchen bei einem Glas Wein oder einem Likör,
etwa "Gilka Kümmel", der im Winter auf der Galerie im Hof
kalt gestellt war, zurück. Im Gegensatz zu
den Lebensmitteln, die bei Schließung des Geschäftes noch vorhanden
waren und an einen anderen Kaufmann übergeben werden mußten,
brauchte meine Mutter die Alkoholika nicht abzuliefern. Sie hatte also davon
einige Vorräte und nutzte diese wie damals allgemein üblich -
etwa zur "Bestechung" ihres Tabakhändlers in der Marienstraße,
weil die Abschnitte ihrer Raucherkarte niemals ausreichten. Auch ganz alte
Weine waren noch vorhanden; sie stammten noch aus der Zeit von Großvater
Bernhard Maaß, der bei der Lieferung eines guten Weines jedes Mal
eine Flasche in einem besonderen Kellerraum für die Familie aufgehoben
hatte. Im Maaßschen Haushalt lebte in den ersten Kriegsjahren außer
meinem Urgroßvater Karl Fraedrich nur noch meine Großmutter
Elfriede Alverdes, die bis zu ihrer Erkrankung der Tochter tatkräftig
und später mit Rat und Zuspruch beistand, außerdem unsere liebenswerte
und sehr tüchtige Hausangestellte Ilse Kruggel.
Im Jahre 1943 nahm meine Mutter dann noch die Familie Waßmund / Bölk,
drei Erwachsene und ein Kind, die in Berlin ausgebombt worden waren, in
unsere Wohnung auf. Tante Erna Waßmund geb. Fraedrich war eine Nichte
von Urgroßvater Karl Fraedrich
und damit eine Cousine meiner Großmutter Elfriede
Alverdes. Ernas Vater, ein Bruder meines Urgroßvaters Karl, stand
in Berlin als "Bratenmeister" im Dienste von Wilhelm II. und war
so für die kaiserliche Tafel zuständig, später wurde er Verwalter
von Schloß Charlottenburg. In Hinblick auf ihre persönliche Bekanntschaft
mit den Kindern des Kaisers äußerte Tante Erna oft: "Ich
habe als Kind mit dem Kronprinzen gespielt!" Vor dem Zweiten Weltkrieg
wohnte sie mit ihrer Familie in der Yorkstraße in Berlin, als Ausgebombte
später in Erkner (einem Vorort im Südosten der Reichshauptstadt),
danach in Spreenhagen, einem kleinen Dorf östlich von Berlin, um schließlich
mit ihrem Mann, ihrer Tochter Erika Bölk und Enkel Lutz in das damals
von Luftangriffen weitgehend verschonte Hinterpommern zu übersiedeln.
Waßmunds schliefen im Zimmer meiner Großmutter Elfriede, die
aufgrund ihres schweren Gelenkrheumatismus' zu dieser Zeit bereits bettlägerig
und in ein kleineres Zimmer innerhalb unserer Wohnung umquartiert worden
war. Da sich nun insgesamt zehn Personen auf fünfeinhalb Zimmer verteilten,
wurde es bei uns äußerst eng und wir mußten alle sehr zusammenrücken.
Tante Ernas Mann wurde schon bald nach ihrer Ankunft in Belgard zur Wehrmacht
eingezogen und war dann in Danzig stationiert. Die Papierwaren, die er als
Papierhändler noch lange Zeit an unsere Adresse in Belgard nachgeschickt
bekam, lagerten in großen Stapeln in unserem Kontor und in der Packstube.
Diese unzähligen Pakete mit den verschiedensten Arten von geschnittenem
Papier wurden im März 1945 zum Spielball der plündernden Russen.
So sahen wir später, wie russische Soldaten die Sendungen aus Kontor
und Packstube gezerrt, die Verpackungen aufgerissen und das Papier beschmutzt
und zertrampelt in den Geschäftsräumen im Erdgeschoß verteilt
hatten. Ebenso wie in der geplünderten Wohnung bot sich damit auch
in unserem seit Kriegsbeginn geschlossenen Geschäft ein Bild der Verwüstung.*
Meine Mutter war eine begeisterte Kaffeetrinkerin. Mehrmals täglich
wurden die Bohnen in der Handmühle gemahlen und frisch aufgebrüht;
gekocht werden durfte der Kaffee jedoch nicht, sie hielt das für einen
Frevel an den geliebten Bohnen. Und so gab es selbst bei ganz kurzen Besuchen
von Freunden oder Bekannten stets eine Tasse Kaffee. Seit Beginn des Krieges
aber - und natürlich erst recht nach der Schließung unseres Geschäftes
Ende 1940 - wäre sie allein auf die seltenen Zuteilungen von ein paar
Gramm Kaffee über Sonderabschnitte der Lebensmittelkarten angewiesen
gewesen, wenn es ihr nicht ab und zu möglich war, in der Nachbarschaft
oder von Bekannten kleine Mengen schwarz zu erwerben. Vielleicht brachte
auch mein Vater, wenn er auf Heimaturlaub kam, etwas Kaffee mit, wobei es
sich damals wohl immer um Rohkaffee handelte. Da diese kleinen Mengen grüner
Kaffeebohnen selbstverständlich nicht mit dem großen elektrischen
Kaffeeröster, der noch bis Kriegsende bei uns im Laden stand, geröstet
werden konnten, habe ich meine Mutter einige Male dabei beobachtet, wie
sie die Bohnen in einem kleinen, manuellen Röster gebräunt hat.
Dieser wurde - ebenso wie ihre Lockenschere - mit Esbit beheizt und stammte
wohl noch aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, vermutlich aus dem Haushalt
ihrer Eltern (meiner Großeltern
Alverdes). Der kleine Apparat wurde auf den Küchentisch gestellt,
die mit einer Handkurbel versehene Trommel mit einigen Löffeln grüner
Kaffeebohnen befüllt und etwas Esbit darunter gelegt. Nach dem Entzünden
mußte die Kurbel für einige Minuten langsam gedreht und das Röstgut
dabei aufmerksam beobachtet werden, damit der gewünschte Bräunungsgrad
auch nicht überschritten wurde. So war das aus den röstfrischen
Bohnen gebrühte Getränk dann ein seltener, unvergleichlicher Genuß.
 |
Besuch bei Emmi Klawin
(Sommer 1950) |
Familie Klawin aus dem in der Nähe von Belgard gelegenen Dorf Pumlow
war uns nicht nur als Kunde unseres Geschäftes und durch
ihre Tochter Emmi, die im Kriege als DRK Schwester im
Lazarett
in Belgard arbeitete und währenddessen bei uns im Haus
ein Zimmer
hatte, in Freundschaft verbunden, sondern auch über ihre Schwestern
Lotte und Marie. Die beiden waren sehr geschickt am heimischen Webstuhl,
wo sie, wenn in den Wintermonaten auf dem Hof nicht mehr ganz so viel Arbeit
anfiel, neben feineren Webarbeiten auch aus Woll- und Stoffresten viel Nützliches
für die eigene Familie und für Bekannte anfertigten. So webten
sie während des Krieges für uns mehrere Teppichvorleger aus alten
Strümpfen, die meine Mutter aufgehoben oder von unseren Mietern, von
Bekannten und Freunden erbeten hatte. Nach dem Kriege sollten diese Vorleger
dann zu einem größeren Stück zusammengefügt werden,
um einen strapazierten Teppich in unserem Eßzimmer zu ersetzen (meine
Mutter hatte bereits einen großen Orientteppich aus unserem Wohnzimmer
zusammengerollt und auf dem Boden unseres Hauses eingelagert - denn nach
ihren Worten sollte "nach dem Kriege alles wieder schön eingerichtet
werden"). Zudem bedauerte sie oft, daß ein weiterer wertvoller
Teppich aus dem Herrenzimmer, das bei uns seit einigen Jahren als Durchgangszimmer
diente und wo der Bodenbelag dementsprechend strapaziert wurde, mittlerweile
ebenfalls recht abgetreten war (mein Großvater
Johannes
Alverdes hatte ihn ursprünglich einem Kollegen aus dem Kreishaus
abgekauft, den sich dieser aus der Türkei hatte schicken lassen, dann
jedoch mit der Farbstellung nicht zufrieden gewesen war). So saßen
meine Mutter, meine Großmutter Friedchen
(soweit sie nicht mit Gelenkrheumatismus das Bett hüten mußte),
unsere Hausgehilfin Ilse Kruggel
und ich öfter abends mit Schere und Nähzeug am Wohnzimmertisch
und bereiteten das Material für die Webarbeiten vor. Die verschiedenfarbigen
Strumpflängen wurden spiralförmig zerschnitten, die so entstandenen
Streifen aneinandergenäht und zu großen Knäulen aufgewickelt,
sodaß die Vorleger dann unter den geschickten Händen der Schwestern
Klawin in den üblichen Strumpffarben beige-, braun- und schwarzmeliert
entstehen konnten. Zu einem endgültigen Abschluß der Arbeiten
ist es dann durch das Kriegsende nicht mehr gekommen, jedoch entsinnt sich
meine Schwester Anneliese
noch daran, einige der Vorleger bereits gesehen zu haben. Doch nicht nur
durch das Weben dieser Teppiche, sondern auch noch in ganz anderer Hinsicht
unterstützten uns Klawins in dieser schweren Zeit: So versorgten sie
meine Familie mit der damals recht knappen Butter, denn da sie ihre Milch
an die Belgarder Molkerei abliefern mußten, waren sie dort auch als
Bezieher von Butter eingetragen, die sie jedoch nicht in Anspruch nahmen,
weil ihnen selbstgemachte Butter viel besser schmeckte. So hatten sie im
Keller ein alte Zentrifuge versteckt und butterten damit schwarz für
den Eigenbedarf, konnten daher meiner Mutter die Abholkarte für die
Molkereibutter überlassen und wir auf diese Weise ihre Butterzuteilung
beziehen. Meine Mutter hielt auch noch nach
dem Kriege von Halle an der Saale aus brieflich Kontakt zu
Emmi Klawin, die nun in Kühlungsborn an der Ostsee ein Erholungsheim
für Tbc-kranke Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft
 |
Bei Familie Klawin in der
Nähe von Bad Doberan |
leitete. Denn Emmis Eltern und ihre Schwestern Lotte und Marie waren nach
der Vertreibung aus Pommern auf einem Bauernhof
in einem kleinen Dorf bei Bad Doberan unweit von Kühlungsborn gelandet
und arbeiteten dort in der Landwirtschaft. Emmi lud meine Schwester Anneliese
und mich im Sommer 1950 zu sich nach Kühlungsborn ein, wo wir uns bei
herrlichem Strandwetter und gutem Essen mehrere Wochen in ihrem Zimmer einnisten
durften, während sie selbst bei einer Kollegin im gleichen Haus schlief.
In Kühlungsborn trafen wir auch eine alte Freundin meiner Eltern aus
Belgard, Trude Czepluch von der gleichnamigen Drogerie in der
Friedrichstraße
neben der Post, die damals mit ihrem Enkel in einem Kühlungsborner
Hotel wohnte. Emmi sorgte während dieser Zeit rührend für
uns. Hier verbrachten wir viele schöne Stunden und ich erlebte dabei
auch einige aufregende Momente, etwa wenn ich am Abend gemeinsam mit Emmi
in den ausgedehnten Blumenfelder einer Gärtnerei heimlich Sträuße
für unser Zimmer pflückte und wir dabei nicht nur einmal von einem
Feldwächter verfolgt wurden. Als ich dann im Jahre 1953 während
eines FDGB-Urlaubes erneut einige Wochen in Kühlungsborn verbrachte,
besuchte ich natürlich auch wieder Emmi. Nach dem Tode meiner Mutter
konnte ich die Verbindung zu Emmi leider nicht aufrechterhalten, und so
hörte ich erst viel später, als ich von einer Klassenkameradin
die Adresse ihrer Schwester Lotte erhalten hatte, daß sie - von ihrer
Schwester bis zum Schluß gepflegt - an einer schweren Krankheit gestorben
war.
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| Erwin Maaß 1942 |
Nun kam das Jahr 1945 und damit der Abschied von Vater und Ehemann. In seinen
letzten Lebensmonaten, als er aufgrund des deutschen Rückzuges bereits
in Pommern stationiert war (bis Anfang 1945 in Köslin, danach in Hammerstein
bei Neustettin), schrieb mein Vater zahlreiche
Briefe an uns, berichtete von seinem Befinden und schilderte die Lage
seiner Einheit. Wir hielten uns zu jener unsicheren Zeit an seine Bitte,
uns nicht in den Strom der Flüchtlinge einzureihen. So erlebte meine
völlig verzweifelte und vor Angst hysterische Mutter nach der Einnahme
Belgards durch russische Truppen am 5. März 1945 viele bedrohliche
und beängstigende Situationen. Ich selbst war seit Ende 1944
kriegsverpflichtet
bei einer aus Stettin ausgelagerten Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche
Maschinen der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard. Dort suchte
mich mein Vater noch am Vormittag des 3. März 1945 auf und verabschiedete
sich von mir. Er war bereits am Tag zuvor, kurz vor dem Einmarsch der Russen
in Belgard also, für uns alle ganz überraschend gemeinsam mit
einem Fahrer auf dem Motorrad nachmittags nach Belgard gekommen, um sich
beim Stadtkommandanten einen Marschbefehl zu holen. Hier traf er einen ehemaligen
Kunden, den Gutsbesitzer Major Lobeck, der ihm den Rat gab: "Schlagen Sie
sich mit ihrer Einheit in Richtung Kolberg durch!" Denn mein Vater lag mit
einer von ihm geführten Gruppe versprengter Wehrmachtsangehöriger
und Zivilisten, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, bei
Battin
im Kreis Belgard in der Nähe der Front. Er blieb in dieser Nacht bei
uns in Belgard und wollte am nächsten Morgen zu seiner Einheit zurückkehren.
Er schilderte uns das Elend der Flüchtlinge auf den Straßen des
Kreises und bat uns, in Belgard zu bleiben, für eine Flucht sei es
zu spät. Wir sahen ihn damals zum letzten Mal, er wurde, wie wir jedoch
erst Anfang der fünfziger Jahre erfuhren, mit seinen Kameraden zwei
Tage später auf dem Weg nach Kolberg
von den Russen bei Degow
überrollt und am 6. März 1945 auf dem Marsch
in die Kriegsgefangenschaft von einem russischen Bewacher aus der Marschkolonne
herausgegriffen und erschossen. Als sich mein Vater am 3. März auf
meiner Arbeitsstelle in der Zimmerstraße von mir verabschiedete, sagte
er dem Sinn nach: "Jetzt mußt Du für die anderen sorgen.
Hilf Mutti, sie ist ganz verzweifelt. Geht nicht auf die Flucht, es ist
alles viel zu spät. - Wenn wir am Leben bleiben, treffen wir uns in
Halle bei Else Gerboth!" (einer Cousine zweiten oder dritten Grades
meines Vaters, mit der wir über die
Vorfahren Mohr meiner Großmutter
Elsbeth
Maaß verwandt waren). Er berichtete noch, daß er auf dem
Wege zur Zimmerstraße einen Soldaten beobachtet hatte, der vor einem
Bäckerladen einem Kind ein Brot wegriß. Sein Kommentar dazu:
"Soweit ist es nun schon gekommen!" Dies sind die letzten Erinnerungen an
meinen Vater, und noch Jahre später konnte ich mir trotz all der gegenteiligen
Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde....
Als ich an diesem Sonnabend aus der Werkstatt in der Zimmerstraße
nach Hause kam, lag ein riesiger Schweineschinken auf dem Küchentisch,
den uns ein entfernter Verwandter (Willi
Richter, Sattlermeister und Feuerwehrhauptmann aus Groß Tychow,
der mit meinem Großvater
Johannes Alverdes in den zwanziger und
dreißiger Jahren gemeinsam zum Angeln fuhr) überlassen hatte,
weil er sich mit seiner Familie im Auto nach Kolberg an die Ostsee durchschlagen
wollte - sie kamen tatsächlich noch bis nach Kolberg durch und mit
einem Schiff nach Westen fort. Meine kranke Großmutter
Elfriede
Alverdes gab mir Anweisungen zum Zerlegen des Schinkens und als ich
gerade beide Hände so richtig im Fett hatte, hörten wir gegen
18 Uhr die Sirene, was "Räumungsbefehl" bedeutete. Noch am
Morgen hatte meine Mutter mit dem Belgarder Ortsgruppenleiter Pascheke gesprochen,
der seit der kriegsbedingten Schließung unseres
Kolonialwarengeschäftes
in den Bierstuben unseres Hauses sein Büro hatte; dieser hatte noch
einmal streng darauf hingewiesen, daß eine Flucht Verrat sei, und
daß es für uns in anderen Teilen des Reiches sehr schwierig werden
würde, wenn wir ohne Räumungsbefehl die Stadt verließen.
Er selbst war natürlich bald darauf verschwunden.
Meine Mutter wurde durch das Heulen der Sirenen von ihrem Vorhaben, die
weiteren Ereignisse in unserem Haus in Belgard abzuwarten, abgebracht; schnell
wurde ein Handwagen mit den bereits vorbereiteten Rucksäcken und einem
Bettsack beladen, meine halbgelähmte Großmutter daraufgesetzt,
und unsere Familie (Mutter, Großmutter, meine Schwester
Anneliese
und ich) setzte sich in Richtung Bahnhof in Bewegung. Allerdings kamen wir
nur bis zum Markt. Durch die Berichte der uns entgegenkommenden Menschen,
die bereits am Bahnhof gewesen waren, wurde uns klar, daß es für
eine Flucht zu spät war; der letzte Zug war bereits hoffnungslos überfüllt
und ein weiterer sollte nicht mehr fahren. So kehrten wir schon nach 100
Metern wieder um und in unsere Wohnung zurück. Wie wir den Sonntag
verbrachten, an dem wir steten Geschützlärm hörten, erinnere
ich mich nicht mehr. Wir suchten tagsüber jedoch mehrfach unseren Luftschutzkeller
auf und blieben seit dem Abend des Sonntags gemeinsam mit etwa 100 Personen
aus der Nachbarschaft in unserem großen, als Luftschutzraum ausgebauten
ehemaligen Bierkeller unseres früheren Mieters Ernst Hardt, einem Vertreter
der Brauerei Kohlstock. Im Laufe des späten Abends und der frühen
Nacht war ich noch mehrmals an der Haustür, wobei ich in der Nacht
von Sonnabend auf Sonntag einen Soldaten traf, der dort Deckung suchte.
Aus seiner Bemerkung "Wir ziehen uns zurück" zu schließen
konnten die Russen nicht mehr weit sein. Tatsächlich erreichten die
russischen Truppen wohl bereits am Sonntagnachmittag den Stadtrand von Belgard.
Die Luftschutzwartin berichtete von Gewehrfeuer in den Straßen und
am Montag morgen (5. März 1945) wagte ich mich mit "Goldelse"
(Else Müller, Tochter eines Goldschmiedes),
einer älteren alleinstehenden Nachbarin aus der Marienstraße
6, auf unseren Boden und sah aus der Dachluke zu meinem Entsetzen direkt
vor unserem Haus einen russischen Panzer stehen.
 |
| Anfang der 40er J. |
Nach und nach verließen die Menschen unseren Keller und suchten vorsichtig
ihre Wohnungen auf. Allerdings sahen wir auch Leute aus der benachbarten
Mauerstraße, die den vorbeifahrenden Russen zuwinkten. In unserer
Wohnung nahmen wir zwei Damen, Klavierlehrerinnen aus Körlin, und Else
Müller, die Nachbarin aus der Marienstraße, auf; wir rückten
so eng zusammen wie es nur ging und fühlten uns dadurch etwas sicherer.
Im Laufe des Tages kam dann der erste Russe in unsere Wohnung, begleitet
von einem etwa zwölfjährigen Ukrainerjungen, der als Dolmetscher
fungierte. Er wollte ein "Stilett". Meine Mutter war verzweifelt,
weil sie zunächst nicht wußte, was er damit meinte und ihr der
Ehrendolch von meines Vaters Ausgehuniform erst sehr spät einfiel.
So erleichterte er uns zunächst um unsere "Uhri" und zog
dann schließlich mit Uhren und Dolch ab. Ich muß zugeben, daß
wir zu dieser Zeit noch nicht an Vergewaltigungen o.ä. dachten, vielleicht
auch deshalb, weil sich dieser erste Russe recht zivil benahm. Allerdings
hatten wir in der Nacht zuvor, als wir im Keller saßen, schon einmal
Todesängste auszustehen, als eine Panik ausbrach nachdem die Luftschutzwartin
hysterisch berichtete, daß die Russen vom Hintereingang in der Mauerstraße
mit Flammenwerfern in unseren Keller eindringen wollten. Daß wir von
den hinausdrängenden Menschen nicht an der nach innen zu öffnenden
Stahltür, die auf unseren Hof hinaus führte und vor der wir selbst
saßen, erdrückt wurden, ist nur meiner Patentante Ilse Schwedersky
zu verdanken, die sehr resolut die panischen Kellerinsassen beruhigte.
Die weiteren Stunden des 5. März 1945 verbrachten wir in großer
Angst mit Warten auf die Dinge, die da kommen würden, besonders beunruhigt
durch die unheimlichen Geräusche aus dem Ortsgruppenbüro der NSDAP,
welches seit der kriegsbedingten Schließung
unseres Geschäftes Ende 1940 in den Bierstuben im Erdgeschoß
unseres Hauses Marienstraße 15/16 eingerichtet war. Nachdem der zu
uns in den ersten Stock herauftönende Lärm etwas nachgelassen
hatte, wagte sich meine Mutter dann doch ein paar Schritte aus unserer Wohnung
in den Hausflur und warf einen raschen Blick vom oberen Treppenabsatz ins
Erdgeschoß, wo sie zu ihrem grenzenlosen Entsetzen ein schnurähnliches
Gebilde sah, das aus der halbgeöffneten Tür des Parteibüros
herausschaute. In ihrer Angst hielt sie es für eine Zündschnur
und eilte mit dem Ausruf "Wir müssen hier alle sofort raus, die
Russen wollen unser Haus in die Luft sprengen!" zu uns in die Wohnung
zurück. Als dann auch noch das Wort "Höllenmaschine"
fiel, rannten wir alle panisch die hintere Holztreppe zum Hof hinunter -
meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, die sich gerade
erst wieder etwas von ihrer Krankheit erholt hatte und trotz ihrer Pantoffeln
auf der steilen Treppe zum Glück nicht zu Fall kam, meine Schwester
Anneliese, unsere Nachbarin Else Müller sowie unsere Mieter, das alte
Ehepaar Schulze, das durch den Lärm und unser Rufen aufgeschreckt worden
war, und dessen als Bombenflüchtling aus Rastatt evakuierte Tochter
mit ihrem Säugling. So liefen wir zunächst in die nahegelegene
Torstraße zum Haus Nr. 13, wo wir Tante Ilse Schwedersky von unseren
Befürchtungen berichteten. Im Gegensatz zu uns wollte meine Patentante
jedoch nicht in der Torstraße bleiben, da es ihr hier nun auch zu
unsicher erschien, sie drängte weiter, nachdem sie ihre alte Mutter
geholt und sich noch mit einigem Silberzeug bepackt hatte. So landeten wir
schließlich in einer Bäckerei, die in der Wilhelmstraße
neben der Brücke über die Leitznitz lag. Dort saßen wir
dichtgedrängt und völlig ratlos in der Backstube und fragten uns
voller Angst, was wohl weiter geschehen werde. Nach einigen Stunden
- der Bäcker versorgte uns währenddessen mit Neuigkeiten, die
er durch vorsichtiges Hinausschauen aus einem Fenster auf die Wilhelmstraße
erspäht hatte, wo immer wieder einzelne Russen vorbeiliefen, die wohl
die benachbarten Häuser durchsuchten und plünderten - entschloß
sich die Tochter unserer Mieter Schulze, in die Wohnung in der Marienstraße
zurückzugehen, weil sie in der Eile nichts für die Versorgung
ihres Säuglings mitgenommen hatte. Else Müller und der alte Schmiedemeister
Otto Lichtfuß aus der Torstraße 4, der sich mittlerweile auch
in der Backstube eingefunden hatte, begleiteten sie, ihre Eltern folgten
ihr kurz darauf. Wir übrigen kehrten nach einiger Zeit in das Haus
meiner Patentante in der Torstraße 13 zurück, wo sich in der
Wohnung von Schwederskys etwa ein Dutzend Menschen in zweieinhalb Zimmern
zusammendrängten: meine Mutter, meine Großmutter Elfriede, meine
Schwester Anneliese und ich, Tante Ilse Schwedersky, die alte Frau Schwedersky,
Else Müller, Trude Priebe, Elli Neitzke und noch einige weitere Personen
aus der Nachbarschaft. In dieser etwas größeren Gruppe fühlten
wir uns alle ein wenig sicherer. Doch die Verpflegung für so viele
Menschen zu besorgen gestaltete sich sehr schwierig. Selbst die alte Frau
Schwedersky beteiligte sich an der Suche nach Nahrung, denn die jüngeren
Frauen konnten sich, nachdem was wir mittlerweile von anderen gehört
hatten, kaum mehr auf die Straße wagen. So ging sie gemeinsam mit
Else Müller und weiteren Frauen, die sich mit alten Kleidungsstücken,
Kopftüchern und geschwärzten Gesichtern entsprechend zurechtgemacht
hatten, etwa zum Schlachthof an der Polziner Straße, wo sie ab und
zu Knochen und Schlachtabfälle bekamen. In unsere Wohnung in der Marienstraße
zurückzugehen wagten wir damals noch nicht, die Gefahr den plündernden
Russen im Ortsgruppenbüro im Erdgeschoß zu begegnen war doch
zu groß. So faßte meine Mutter den Entschluß, sich bei
Zahnarzt Dr. Lothar Rudolph in der Bahnhofstraße 4, der
von den Russen als vorläufiger Bürgermeister eingesetzt war, einen
Rat zu holen. Mit welchen Ängsten sie sich damals durch die ganze Stadt
bis in die Bahnhofstraße geschlichen hat und ob sie dabei von jemand
begleitet wurde, erinnere ich heute nicht mehr. Nach ihrer Rückkehr
berichtete sie uns, daß Dr. Rudolph ihr geraten hatte, unser Haus
für einige Wochen zu meiden, da das Schild der Ortsgruppe neben der
Haustür auch weiterhin eine Gefahr für alle Bewohner bedeuten
konnte. Sie erzählte uns auch Erstaunliches, das sie dort ganz nebenbei
gesehen hatte: Während sie auf Dr. Rudolph wartete, konnte sie durch
eine halbgeöffnete Tür in ein elegantes Schlafzimmer blicken,
in dem eine alte Dame im spitzenbesetzten Nachthemd von einer Bediensteten
umsorgt wurde. In Anbetracht unserer eigenen Lage erschien meiner Mutter
dieses Szenario äußerst unwirklich, wenn nicht sogar absurd,
wie ein Ausschnitt aus einem Film im tiefsten Frieden. Später erfuhren
wir, daß die alte Dame zur Familie des bekannten Düsseldorfer
Bankhauses Trinkaus gehörte und aufgrund der Bombenangriffe im Rheinland
bei Rudolphs einquartiert war (sie soll jedoch bald darauf mit einem Transport
des Roten Kreuzes Belgard in Richtung Westen verlassen haben).
Nach ungefähr zwei Wochen kehrten wir in unser Haus zurück, wo
die mittlerweile geplünderte Wohnung unbeschreiblich aussah. Besonders
betrüblich war für uns, daß auch unsere aufgesparten Vorräte
von den Russen gefunden und sinnlos vernichtet worden waren; so klebte etwa
der Honig vermengt mit Haferflocken an den Teppichen. Meine Mutter hatte
nun alle Hände voll mit dem Aufräumen zu tun, unterstützt
lediglich von Else Müller aus unserer Straße. Meine noch nicht
völlig genesene Großmutter konnte dabei nicht helfen; und unsere
frühere Hausgehilfin und gute Seele
Ilse Kruggel
war bereits Mitte 1944 in ihren Heimatort
Naffin
zurückgekehrt. Es muß nach Ablauf von
zwei weiteren Wochen gewesen sein, als Dr. Beilfuß, ein Schulfreund
meines Vaters, mit meiner Freundin Marli bei uns erschien, mich abholte
und uns - Marli und ich in Rotkreuz-Uniform - zum Krankenhaus begleitete
(wo ich im Juni 1941 am Blinddarm operiert worden war und in meinem Krankenzimmer
im Radio vom Angriff auf die Sowjetunion hörte). Dort sollte man als
Frau sicherer sein. Als DRK-Schwester wurde Marli sogleich zum Pflegedienst
herangezogen, während ich als "ungelernte Kraft" ab und zu
in der Küche helfen durfte. Es waren viele Mädchen dort, mehr
als gebraucht wurden. Nach einiger Zeit wurde uns nahegelegt,
das Krankenhaus wieder zu verlassen, weil es keine Lebensmittelzuteilung für
so viele unnütze Esser gab. Anschließend mußte ich gemeinsam mit
anderen zur Arbeit verpflichteten deutschen Frauen im ehemaligen Proviantamt
an der Polziner Straße für die Russen Eisenbahnwaggons mit Vorräten
aus den Verpflegungslagern der Wehrmacht beladen. Uns blutete das Herz,
wenn wir an die Not der Familien und Freunde dachten und wir klauten, wo
wir nur konnten (wobei ich selbst das Glück hatte, nie kontrolliert
zu werden). In diesen ersten Wochen nach der Einnahme Belgards mußten
sich die Deutschen täglich frühmorgens zum Arbeitseinsatz auf
dem Marktplatz melden, und nicht nur meine Mutter mußte in dieser
Zeit oft unter grausamen Bedingungen arbeiten, so zum Beispiel die Uniformen und
die Unterwäsche der gefallenen deutschen Soldaten im kalten Wasser
der Leitznitz waschen. All das war zuviel für sie, sie war entsetzlich
verängstigt und hatte nun nicht mehr nur ergrautes, sondern vollkommen
weißes Haar. Dazu kam die große Angst und Sorge um meinen Vater,
von dem wir immer noch keine Nachricht hatten.*
Als dann die auswärtigen Arbeitsverpflichtungen für meine Mutter
zu Ende gingen, weil in unser Haus Marienstraße 15/16 Polen einzogen,
die unser
Geschäft und unsere Wohnung bis auf ein großes Zimmer übernahmen
und meine Mutter quasi als Haushälterin anstellten, war ihre Angst
nicht mehr so furchtbar. Zudem war die aus dem Raum Posen bzw. dem Wartheland
gekommene Familie Behrend / Sabrotzki zum Teil deutschstämmig. Zur
Familie gehörten Frau Sabrotzki und ihr polnischer Ehemann, ihr Bruder
Herr Behrend und ihre Tochter Jadwiga Katz mit einem kleinen Kind. Bis auf
Herrn Sabrotzki sprachen alle deutsch. Die Eltern von Frau Sabrotzki (sie
mag vielleicht zehn Jahre jünger als meine Mutter gewesen sein) hatten
beim Volksentscheid 1918 wohl für Polen optiert, sie selbst hatte den
Polen Sabrotzki geheiratet und nun die Chance gesehen, als polnische Staatsangehörige
in Belgard ein Geschäft zu übernehmen. Tochter Jadwiga war mit
einem Deutschen verheiratet, der gegen Ende des Jahres 1945 aus der Kriegsgefangenschaft
in Norwegen zurückkehrte und zunächst von der Außenwelt
abgeschirmt wurde, um nicht gleich als Deutscher aufzufallen und erst einmal
in der Familie polnisch zu lernen. Meine Mutter arrangierte sich mit den
Polen und akzeptierte ihre neue Situation, die aber insgesamt doch sehr
demütigend und unsicher blieb. Ende April 1945
bekamen wir Post von der polnischen Verwaltung, die mittlerweile die Stadt
übernommen hatte. Es war die Aufforderung an mich, zu einem bestimmten
Zeitpunkt im Rathaus zu erscheinen. Meine Familie war entsetzt und befürchtete,
daß ich zu einem Arbeitseinsatz nach Polen abkommandiert werde. Meine
Schwester wurde mit Decken und Wegzehrung zum Markt geschickt, um zu beobachten,
ob ich einen Lastwagen zum Abtransport besteigen müsse. Stattdessen
bekam ich eine Stelle als Hilfskraft bei Janek Klimkiewicz, der die Sattler-
und Polsterwerkstatt der Firma Asmus in der Kämpenstraße übernommen
hatte. Auf diese Weise verfügte ich über eine Arbeitsbescheinigung
und durfte nun hoffen, in Zukunft unbehelligt von Arbeitseinsätzen
wie am Proviantamt oder beim Kiesharken am russischen Ehrenmal in der Körliner
Straße zu bleiben.
Die Arbeit in der polnischen Sattlerei war erträglich, der Chef ebenfalls.
Ab und zu ließ er seine Wut über die Familie Söhnert heraus,
wo er während des Krieges hatte arbeiten müssen, besonders die
Töchter haßte er zutiefst. Von ihm hörte ich zum ersten
Mal von den Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Er erzählte
auch von den Beschlüssen von Potsdam und der Abtrennung der deutschen
Ostgebiete, was wir jedoch damals noch nicht glauben mochten, und überprüfen
konnten wir seine Angaben nicht, denn es gab keine deutschen Zeitungen und
unser Radio hatten wir wie alle Deutschen bereits zuvor bei den Russen abgeben
müssen. Bei Klimkiewicz arbeitete ich mit mehreren jüngeren und
zwei älteren deutschen Frauen sowie zwei älteren deutschen Männern
zusammen, die vorher als Zivilangestellte in der
Alten
Kaserne an der Körliner Straße beschäftigt waren. Herr
Schäfer, ein netter älterer Sattlermeister, fungierte in der Kämpenstraße
als Zuschneider, geschätzter Fachmann und väterlicher Freund der
hier arbeitenden Frauen; sein Kollege, an dessen Namen ich mich heute nicht
mehr erinnere, saß wie wir Frauen an einem "Sattlerpferd"
und bekam aufgrund seiner Erfahrung die schwierigeren Näharbeiten zugeteilt.
Zur Gruppe der Frauen gehörte auch eine Büroangestellte aus der
zuvor genannten Kaserne, die uns schon seit langem bekannt war, weil sie
Mieterin im Hause von Tante Ilse Schwedersky in der Torstraße 13 war.
Sie holte mich morgens für den Weg durch die Stadt ab; und meine Mutter
war stets beruhigt, wenn ich zusammen mit Fräulein Rudnick zur Arbeit
ging, obwohl mir diese auch nicht hätte helfen können, falls ein
russisches Kommando wieder Deutsche für einen Arbeitseinsatz aufgreifen
sollte. So schlichen wir uns dann auf immer wechselnden Umwegen durch die
Stadt in Richtung Kämpenstraße.
Zu meinen Kolleginnen in der Sattlerei gehörten damals noch Ursula
Müller und Ursula Wrase, und hier traf ich auch Anneliese Scholz aus
der Lindenstraße wieder. Sie hatte mit mir einige Jahre das Lyzeum
besucht und die Oberschule schon früher verlassen; Ursula
Müller kannte ich aus der Volksschule, wo wir vier Jahre gemeinsam in
einer Klasse waren, und Ursula Wrase, ein etwas jüngeres Mädchen,
kam ebenfalls aus unserer Stadt. Ursula Müller wurde bald zur Gefährtin
unseres Chefs und führte ihm dann auch den Haushalt in der neben der
Werkstatt gelegenen Wohnung. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft
von Iwan, einem russischen Soldaten, der zur russischen Militärpolizei
gehörte und ständiger Besucher bei unserem Chef war; er vermittelte
ihm Aufträge beispielsweise von russischen Offizieren, die dann Pistolen-
oder Kartentaschen in der Sattlerei anfertigen ließen. Wir Frauen
nähten dabei die Zuschnitte von Herrn Schäfer zusammen und versahen
sie mit den verschiedenen Ziernähten. Iwan bekam von Klimkiewicz für
die Vermittlung der Kunden großzügig Kartoffelschnaps und war
so nicht selten völlig betrunken. Als er wieder einmal im Vollrausch
eingeschlafen war, nutzte Ursel Müller die günstige Situation
und versteckte zum Spaß sein Gewehr, das der Russe zuvor neben dem
Bett von Klimkiewicz, in dem er wie so oft seinen Rausch ausschlief, abgestellt
hatte. Nach dem Erwachen glich sein Verhalten einem Vulkanausbruch, der
uns alle um unser Leben fürchten ließ. Er tobte durch die Werkstatt
und wollte zuerst unseren Chef und dann uns alle umbringen, so daß
Ursel die Waffe ganz schnell wieder auftauchen ließ. Nur mit einer
großen Flasche Kartoffelschnaps gelang es schließlich, ihn etwas
zu besänftigen. Iwan konnte sich aber auch von einer ganz anderen Seite
zeigen, wenn er einmal nicht betrunken war. So hatte er sich in Anneliese
Scholz verliebt und machte ihr mit einem Geschenk einen Antrag. Als sie
jedoch sowohl sein Geschenk als auch seinen Ansinnen ablehnte, wurde er
ausgesprochen aggressiv, und auch die Besänftigungsversuche von Klimkiewicz
halfen nun nicht mehr viel. Anneliese hatte von diesem Zeitpunkt an nur
noch bei der Arbeit in der Werkstatt vor ihm Ruhe und mußte auf dem
Heimweg oft die verschiedensten Tricks anwenden, um sich seinen Nachstellungen
zu entziehen (ihre genaue Adresse war ihm damals glücklicherweise nicht
bekannt).
Ursula Wrase, ein weiteres Mädchen aus Belgard, hatte ebenfalls Beschäftigung
in der Sattlerei gefunden. Sie wohnte mit ihren Eltern in einer Seitenstraße
der Wilhelmstraße, in dieser Gegend der Stadt war auch Familie Kußmaul
untergekommen, die bereits 1944 mit Pferd und Wagen aus Wolhynien kam und
ein Pony sowie ein Pferd mitgebracht hatte. Der schwere Kaltblüter
war in der Sattlerei untergestellt, wo er von Klimkiewicz beim Gerben des
Rindleders gut gebraucht werden konnte und dort beim Walken der Häute
an einem Göpel im Kreise ging. Ursel Wrase kam morgens gemeinsam mit
Herrn Kußmaul und seinem etwa 15 bis 16 Jahre alten Sohn Eduard zur
Arbeit, wobei diese tagsüber mit den verschiedensten Aufgaben auf dem
Hof betraut waren. In unseren Arbeitspausen bestiegen Ursel, Eduard und
ich manchmal abwechselnd den breiten Rücken des Pferdes und ritten,
während das Tier den schweren Göpel bewegte, einige Runden mit,
wurden jedoch vom Chef meistens wieder schnell heruntergeholt. Dieser hatte
anfangs einen Landsmann aus Ostpolen als Helfer angeheuert, der kein Wort
deutsch sprach, immer eine Pelzmütze trug und über einen ungewöhnlich
großen Appetit verfügte. Bevor Ursel Müller die Herrschaft
über die Küche des Chefs übernommen hatte, wurde ich einige
Male dazu ausersehen, für diesen Helfer zu kochen. Die Vorräte
in der Küche beschränkten sich auf ein großes Stück
Rindfleisch, Schmalz und Kartoffeln, wobei es mir mit dem hieraus zubereiteten
"Gulasch" jedoch nicht gelang, den Hungrigen zufriedenzustellen
und er sich darauf bei Klimkiewicz beschwerte, daß er nicht satt würde.
"Mehr Kartoffeln, Lora!" rief mir darauf der Chef zu und so steigerte
ich die Portion schließlich auf etwa zwei Kilogramm - was er dann
auch tatsächlich alles verdrückte! Diese erste polnische Hilfskraft
wurde aber schnell wieder nach Hause geschickt und Klimkiewicz ließ
darauf Leo, einen Freund, kommen. Er sollte während seiner Abwesenheit
auf uns und das Material aufpassen und gleichzeitig etwas herausgefüttert
werden. Leo war ein etwa 25 Jahre alter kränklicher junger Mann (vielleicht
hatte er TBC) und sehr umgänglich. Dabei wurde er für uns von
einem Aufpasser allmählich fast zu einem Freund. Seine Deutschkenntnisse
waren ziemlich gut, so daß wir ihn sowohl über das Geschehen
während des Krieges in Polen als auch über die politische Lage
der Gegenwart befragen konnten. Er erschien uns auch erheblich glaubwürdiger
als Klimkiewicz, und so geriet unser Glaube an eine deutsche Zukunft für
unsere Heimat Pommern erstmals etwas ins Wanken.
Unser Wochenlohn, der jeweils am Sonnabend bei Arbeitsschluß ausgezahlt
wurde, betrug lediglich 45 Zloty, dazu kamen gelegentlich Naturalien, etwa
Butter (die unser Chef von Bauern aus dem Umland für von ihm gelieferte
Pferdegeschirre bekommen hatte), oder Kartoffelschnaps, der aus den verschiedensten
Quellen stammen konnte, und ab und zu etwas Zucker, welcher damals ausgesprochen
knapp war. Nach der Auszahlung des Lohnes gab es dann vom Chef Schnaps und
Brot, so daß wir vor dem Heimweg immer noch einige Gläser im
Stehen leerten. Einmal erhielten wir auch jeweils ein halbes Ferkel zugeteilt.
Die Tiere waren wohl schon vor längerer Zeit geschlachtet worden und
hatten bereits eine bedenklich grüne Farbe angenommen, so daß
die meisten von uns das Fleisch überhaupt nicht mit nach Hause nahmen
und Fräulein Rudnick und ich auf dem Heimweg an einem Weg an der Leitznitz
etliche dieser halben Ferkel im Gebüsch liegen sahen. Ich aber nahm
auf Anweisung meiner Großmutter grundsätzlich alles Eßbare
- also auch das Ferkel - mit nach Hause, wo wir zu dieser Zeit auch noch
zwei Klavierlehrerinnen aus Körlin bei uns in der Wohnung aufgenommen
hatten. Sie waren auf ihrer Flucht im März 1945 in Belgard gestrandet,
hatten keine Arbeit und verfügten somit auch nicht über Geld,
um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Meine Mutter und Großmutter
konnten deren Bedarf nicht decken, denn auch wir bekamen von den bei uns
wohnenden Polen nur einen geringen Teil des Essens ab, das meine Mutter
für die polnische Familie zubereiten mußte. So wurden das von
mir mitgebrachte Ferkel dann von den beiden alten Frauen, die erst nach
einigen Wochen wieder nach Körlin zurückkehren konnten, ohne weitere
Folgen für ihre Gesundheit verzehrt.
Da meine ehemaligen Klassenkameradinnen fast alle aus den nun aufgelösten
Reichsarbeitsdienstlagern, in denen sie in Hinterpommern während ihrer
Dienstverpflichtung nach dem Abitur untergebracht waren, vor den heranrückenden
Russen nach Westen geflüchtet waren, hatte ich während der Zeit
von Anfang März 1945 bis zu unserer Vertreibung aus Belgard im Januar
1946 außer zu Marie-Luise Beilfuß, die mich in den ersten Märzwochen
mit ins Krankenhaus nahm, nur noch einmal im Sommer
1945 Kontakt zu Magdalene Nest, die damals bei einem Polen in einer Gärtnerei
arbeitete. Meine Mitschülerin Barbara Dumjahn war mit Mutter und Geschwistern
nach ihrer Flucht, welche die Familie nach Mecklenburg führte, und
der anschließenden Rückkehr nach Hinterpommern, in Naffin bei
Belgard gelandet, denn der Versuch, wieder in ihrem eigenen Haus in der
Kleiststraße in Belgard unterzukommen, war aufgrund der dort mittlerweile
lebenden Polen gescheitert. So arbeitete Bärbel bei den Russen auf
dem Gut der Familie Wilde in Naffin, ohne daß ich von ihr wußte.
Ihre Mutter Frau Dumjahn kam im Sommer 1945 mit der kleinen Tochter Gunhild
an der einen und einer Kanne Milch für uns in der anderen Hand zu Fuß
zu uns in die Marienstraße gelaufen. Meine Mutter weinte vor Rührung,
als sie mir abends nach der Arbeit davon berichtete. Bärbel hat mir
viel später bei einem Klassentreffen in den achtziger Jahren erzählt,
daß meine Mutter damals Frau Dumjahn ein Sommerkleid von mir für
Bärbel mitgab, als sie hörte, daß Bärbel nach der Flucht
nur noch ein einziges Kleid besaß.
Da mein Verdienst bei Janek Klimkiewicz nur 45 Zloty pro Woche betrug und
damit gerade ausreichte, um in der Bäckerei drei "Schweinsohren"
zu kaufen, wurde unser Lebensunterhalt währenddessen von meiner Mutter
verdient, indem sie für die Polen in unserem Haus die Wirtschaft führte.
Besonders die Feiern der Familie Sabrotzki waren uns ein Greuel, nach denen
am Morgen die abgenagten Knochen unter dem Tisch lagen und der Hund über
die Tasten des Klaviers laufen durfte. Aus dieser Zeit habe ich nur wenige
Erinnerungen an das häusliche Leben mit meiner Familie, da ich den
ganzen Tag über in der polnischen Sattlerei in der Kämpenstraße
beschäftigt war. Ich weiß aber sicher, daß meine Mutter
das gesamte Jahr 1945 das Haus nicht verließ. So erledigte meine
Großmutter
Elfriede, deren Gelenkrheumatismus sich wieder etwas gebessert hatte,
oft von meiner Schwester
Anneliese begleitet alle äußeren
Angelegenheiten, mochte es sich um Einkäufe, Behördengänge
oder um den Verkauf von Wertgegenständen handeln, denn wir mußten
nach und nach unser Silberzeug und andere versteckte Wertsachen verkaufen.
Dabei wandte sich meine Großmutter an eines der zahlreichen polnischen
An- und Verkaufgeschäfte, die sich mittlerweile in unserer Stadt ausgebreitet
hatten, so auch an der Südost-Seite des Marktplatzes in einem ehemaligen
Korsettgeschäft bzw. im Laden eines deutschen Uhrmachers. Anneliese
besorgte das Holen der Suppe von dem in der Familie Sabrotzki verkehrenden
Russen Mischa, der in unserer nun vom russischen Militär belegten Oberschule
als Koch und Zahlmeister sein Refugium hatte.
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Vor der Haustür in Halle (frühe 50er Jahre) |
So verging das Jahr 1945 für uns in Ungewißheit. Der Glaube meiner
Mutter an eine Änderung der Verhältnisse, ihre Hoffnung, daß
Pommern wieder deutsch werden würde, war damals unerschütterlich.
Sie wollte aus diesem Grunde Belgard nicht verlassen, sondern weiter beobachten,
was mit unserem Haus geschehen würde, obgleich man damals vielleicht
noch wie manch anderer durch die Kirche oder das Rote Kreuz in einem Transport
nach Westen hätte fortkommen können. "Ich muß das Haus
für Pappi erhalten!" sagte sie in dieser Zeit oft. Als dann im
Januar 1946 die Vertreibung aus Belgard weder durch meine Arbeitsbescheinigung
der Sattlerei in der Kämpenstraße noch durch das Reden von Frau
Sabrotzki verhindert werden konnte, war unsere Trauer und Bestürzung
grenzenlos. Am 21. Januar 1946 gegen 19 Uhr kam die polnische Miliz in unsere
Wohnung und verlangte, daß wir in einer Viertelstunde "zur Ausreise"
fertig sein müßten. Dem alten Ehepaar Schulze, den letzten Mietern
in unserem Haus, dessen Tochter schon 1945 - vermutlich mit einem Transport
des Roten Kreuzes - mit ihrem Kleinkind nach Rastatt zurückgekehrt
war, erging es ebenso. Rucksäcke und Bettzeug hatten auch wir für
diesen Fall bereits lange vorher gepackt, denn schon im Jahr zuvor waren
in unserer Stadt immer wieder zahlreiche Deutsche von den Polen abgeholt
und mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Die Miliz überwachte uns,
während wir uns warm anzogen und noch schnell einige weitere Dinge
zusammensuchten. Dabei verfolgte mich ein Pole bis in mein Zimmer unter
dem Dach und beobachtete mich in meinem Mansardenstübchen selbst noch
beim Umziehen. Dann wurde unser Handwagen mit den wenigen Habseligkeiten
beladen, und wir vier Frauen - meine Mutter, meine
Großmutter
Elfriede Alverdes, meine jüngere
Schwester
Anneliese und ich - mußten mit weiteren Deutschen aus unserem
Viertel unter Bewachung den Weg in die Pankniner Straße antreten,
wo wir in einen Keller des großen Mietshauses neben der katholischen
Kirche geführt wurden, in dem bereits viele Menschen dichtgedrängt
saßen - ausschließlich Frauen, Kinder und alte Männer.
Nach langem, quälenden Warten ging plötzlich das Licht aus, wir
erschraken alle heftig und mußten nun im Dunkeln ausharren, bis wir
schließlich nach und nach in kleinen Gruppen in einen danebenliegenden
Kellerraum kommandiert wurden, wo ein Pole an einem Schreibtisch saß
und zwei weitere Männer die Leibesvisitationen durchführten (denn
wir hätten ja polnisches Staatseigentum mitnehmen können!). Bei
der Durchsuchung nahmen sie uns nahezu den gesamten, in unserer Kleidung
eingenähten Schmuck und fast all unser verstecktes Geld ab, das wir
für den Verkauf unseres Silberzeuges in den bereits kurz nach Kriegsende
in Belgard wie Pilze aus dem Boden geschossenen polnischen Ankaufsläden
bekommen hatten. Nur einige Scheine, die meine Mutter im Leibchen meiner
Schwester eingenäht hatte, konnten wir als Notgroschen über diese
erste Ausplünderung retten. In der Zwischenzeit waren unsere Rucksäcke,
die wir im Nebenraum hatten zurücklassen müssen, von den Polen
ebenfalls durchsucht und geplündert worden, und sogar unsere Bettsäcke
hatte man uns weggenommen. Anneliese trauerte um ihre Lieblingspuppe "Bärbelchen"
von Schildkröt, die ihr aus ihrem kleinen Rucksack gestohlen worden
war, und selbst meiner rheumakranken Großmutter hatte man trotz flehentlicher
Bitten ihren pelzgefütterten Mantel ausgezogen. Sie überlebte
die tagelange Fahrt in der Januarkälte im ungeheizten Viehwaggon nur,
weil ich ihr mit meinem zweiten Mantel helfen konnte, den ich über
meinen Rucksack gebunden hatte. Dann mußten wir die Nacht auf den
Bänken des Kellerraumes verbringen, in dem wir bereits zuvor gewartet
hatten, und wo wir nun mit zahlreichen Leidensgenossen unseres weiteren
Schicksals harrten. Am nächsten Morgen trieb uns die polnische Miliz
in einem langen Zug durch die Luisenstraße und Bahnhofstraße
in Richtung Bahnhof, wo wir in die Viehwaggons eines bereitstehenden Zuges
einsteigen mußten. Die zugigen, ausgekühlten Wagen verfügten
über keinerlei Sitzgelegenheiten und waren nur mit einem Eimer zur
Verrichtung der Notdurft versehen, und nicht einmal Stroh zum Schutz gegen
die größte Kälte war uns hier von den Polen zugestanden
worden. Was allein schon das für die vielen alten Leute wie etwa meine
Großmutter bedeutete, sich auf dem eiskalten Wagenboden niederzulassen
und dort unabsehbare Zeit sitzen zu müssen, das kann ich erst heute
als alte Frau ermessen. Wohl dem, der einen Sitzplatz an einer Wand oder
in einer Ecke fand, denn er konnte sich wenigsten anlehnen, die übrigen
mußten die mehrtägige Fahrt dichtgedrängt auf dem Boden
kauernd zubringen. An Schlaf war dabei nicht zu denken - nicht nur aufgrund
der Enge und der bitteren Kälte, sondern vor allem weil uns die Angst
vor weiteren Übergriffen der Polen nicht schlafen ließ und wir
uns deshalb auch während der gesamten Fahrt nur flüsternd unterhielten.
Als der Zug nach langem Warten endlich abfuhr, begann eine drei Tage dauernde,
quälende Odyssee in eisiger Kälte, die durch endloses Halten auf
zahlreichen Bahnhöfen und gefährliche Zwischenstops auf freier
Strecke zusätzlich erschwert wurde (die Fahrzeit von Belgard bis nach
Stettin an die Oder betrug vor dem Kriege weniger als drei Stunden). Während
dieses nicht enden wollenden Albtraums erlebten wir nicht nur einmal, daß
bei den Zwischenhalts auf freier Strecke Polen in die Waggons eindrangen,
um uns die letzten Wertsachen zu rauben. So verloren wir auch noch den Rest
des uns nach der Ausplünderung durch die polnische Miliz in Belgard
verbliebenen, in unsere Kleidung eingenähten Familienschmuckes. In
der Nähe eines größeren Bahnhofes - es könnte Stargard
gewesen sein - wurden alle arbeitsfähigen Erwachsenen (ausschließlich
Frauen und alte Männer) gezwungen, auszusteigen und sich für einen
Arbeitseinsatz bereitzumachen. Als daraufhin Anneliese laut zu schreien
anfing - sie befürchtete wohl, daß sie allein zurückbleiben
müsse und der Zug ohne ihre Angehörigen weiterfahren würde
- gelang es meiner Mutter, im Waggon zurückzubleiben und das Kind zu
beruhigen. Dennoch machte meine kleine Schwester auch noch Tage danach einen
äußerst verstörten Eindruck. Somit mußte dann nur
ich mehrere Stunden gemeinsam mit zahlreichen anderen Belgardern bei der
Ausbesserung der Gleisanlagen in der Nähe des Bahnhofes helfen, wo
wir Schwellen verlegten und weitere schwere Arbeiten zugeteilt bekamen -
dabei immer mit einem angstvollen Blick auf unseren Zug, ob er nicht vielleicht
doch ohne uns losfahren und wir auf diese Weise von unseren Familien getrennt
würden. So zog sich diese Schreckensfahrt über drei Tage hin,
in denen wir in dauernder Anspannung und größter Angst immer
wieder um unser Leben fürchten mußten - und dies obwohl seit
Kriegsende fast ein Jahr vergangen war und gemäß den Potsdamer
Beschlüssen eine Vertreibung der deutschen Bevölkerung nur aus
Polen zulässig gewesen wäre, nicht jedoch aus Pommern und den
übrigen deutschen Ostgebieten, da diese von den vier Siegermächten
lediglich unter polnische Verwaltung gestellt und von den Polen erst mit
Hilfe der Sowjetunion annektiert werden konnten:
"Artikel
XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, daß die Überführung
der deutschen Bevölkerung aus Polen 'in ordnungsgemäßer
und humaner Weise' erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen
war jedoch eine völlig andere. Mit sowjetischer Zustimmung dehnte
die polnische Regierung den Begriff 'Polen' dabei auch auf die ihrer Verwaltung
unterstellten Oder-Neiße-Gebiete aus. Als die Westmächte Kenntnis
von der Vertreibung erhielten, konnten sie eine kurzzeitige Unterbrechung
erreichen, hatten aber aufgrund der Haltung der Sowjetunion auch danach
keine Möglichkeit, Polen zur Einhaltung der in Potsdam vereinbarten
Bestimmungen zu zwingen." [Bundeszentrale für politische Bildung:
Informationen
zur politischen Bildung Nr. 267, Seite 5-6]
Aber das erfuhren wir erst viel später, und genützt hätte
es uns damals auch nichts. Schließlich erreichten wir kurz hinter
Stettin den Bahnhof von Scheune, dem Grenzort zur damaligen sowjetischen
Besatzungszone, wo wir dann endlich aufatmen und die eiskalten Viehwaggons
der Polen verlassen konnten, um in einem deutschen Personenzug bis Anklam
weiterzufahren. Dort saßen wir zunächst im Wartesaal, wo man
uns sagte, daß wir entlaust werden und vom Bahnhof aus direkt in ein
Notaufnahmelager kommen sollten. Um mir und meiner Familie das Lagerleben
zu ersparen und möglichst schnell bei unserer Verwandtschaft unterzukommen,
versuchte ich mit Hilfe eines abgelaufenen Studentenausweises von meinem
Zahnmedizinstudium
in Greifswald während des letzten Kriegsjahres und unter dem Vorwand,
daß ich aus dieser Zeit dort noch ein Zimmer habe, für uns eine
Fahrkarte in die Universitätsstadt zu lösen - und es gelang mir
zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich, das Herz des gutmütigen
Schalterbeamten zu erweichen, der uns als gerade erst aus dem Osten eingetroffenen
Vertriebenen die Weiterreise eigentlich überhaupt nicht hätte
ermöglichen dürfen. So landeten wir nach
einer erneuten Bahnfahrt bei der Familie meines Großonkels
Ernst Lawin in Greifswald - schwer traumatisiert
und dabei einerseits froh, nun endlich den Übergriffen der Polen entkommen
und hinter der Oder in Sicherheit zu sein, andererseits jedoch entsetzt
über die Verständnislosigkeit unserer jetzt ausgesprochen unfreundlichen
Verwandten und ihre Weigerung, uns länger als eine Woche in ihrer doch
recht großen Wohnung zu beherbergen (sie hatten hier allerdings bereits
Flüchtlinge aus Ostpreußen aufnehmen müssen). Es handelte
sich um die Familie des jüngsten Bruders meiner Urgroßmutter
Mathilde
Fraedrich geb. Lawin aus Viverow, pensionierter Konrektor einer Greifswalder
Schule, in dessen Haus ich während meines Studiums 1944 gern gesehener
Gast war, und für dessen Familie ich von jeder Fahrt nach Hause Butter
und andere, im letzten Kriegsjahr rare Lebensmittel aus Hinterpommern mitbrachte.
Er konnte sich jedoch gegen seine zweite, erheblich jüngere Frau nicht
durchsetzen, die uns samt ihrem etwa zehnjährigen Sohn den Aufenthalt
in Greifswald unerträglich machte. So kam zu all den Schikanen der
Polen, denen wir in Belgard und während der Vertreibung aus der Heimat
ausgesetzt waren und welche meine Mutter und Großmutter naturgemäß
viel tiefer verletzten als mich Zwanzigjährige, die Unduldsamkeit der
Greifswalder Verwandten, bei denen wir erst einmal Unterschlupf zu finden
gehofft hatten. Deshalb siedelten wir bereits Anfang Februar zu Else Gerboth
- einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über
die Vorfahren Mohr meiner Großmutter
Elsbeth
Maaß verwandt waren - nach Halle an der Saale in die Lutherstraße
74 über, wo wir in einem Zimmer ihrer äußerst beengten und
mittlerweile übervollen Dreizimmerwohnung herzlich aufgenommen wurden
(in einem weiteren Raum lebte sie selbst mit ihren beiden Kindern, im dritten
Zimmer waren bereits andere Flüchtlinge einquartiert). Auf Rat von
Else Gerboth meldete ich mich bald zu einem der sogenannten Neulehrerkurse
an, welche damals zur Behebung des eklatanten Lehrermangels in den meisten
Regionen der sowjetischen Besatzungszone angeboten wurden, und erhielt dadurch
die Zuweisung von eigenem Wohnraum für unsere Familie. So wohnten wir
bereits nach einigen Wochen zur Untermiete bei Fräulein Dr. Körner
in einer Altbauwohnung im Haus "Am Kirchtor 28" in Halle - zwei
Zimmer mit Küchen- und Toilettenbenutzung sowie ein unbenutzbares Badezimmer.
Hier waren insbesondere meine Mutter und meine Großmutter froh, wieder
einmal für sich allein sein zu können, meine bei Kriegsende erst
zwölfjährige Schwester Anneliese konnte nun endlich wieder zur
Schule gehen und ich selbst besuchte einen
Neulehrerkurs in der Klosterschule in
Halle, welche damals zur Behebung des eklatanten Lehrermangels in den meisten
Regionen der damaligen sowjetischen Besatzungszone angeboten wurden. Anschließend
unterrichtete ich an der Schule in
Nehlitz und später im benachbarten
Nietleben, bis ich im Jahre 1955 von einem
Besuch bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR
zurückkehrte. Auch meine Mutter fand ganz allmählich wieder in
ein geregeltes Leben zurück, das man aber noch lange nicht als normal
bezeichnen konnte. Da war einmal das finanzielle Problem: Außer den
3000 Reichsmark, die in Annelieses Leibchen eingenäht der Plünderung
durch die Polen während der Vertreibung entgangen waren, verfügten
wir über keinerlei Geldreserven. Nach einiger Zeit bekam meine Großmutter
eine bescheidene Rente in Höhe von 90 Reichsmark, welche bis 1955 niemals
erhöht wurde. Nachdem ich ab September 1946 ein Lehrergehalt (vielleicht
220 Reichsmark pro Monat) bezog, gab ich meiner Mutter die
Hälfte davon ab.*
 |
Frank Alverdes und Familie aus den USA (ca. 1950) |
Die damals unverzichtbaren Bezugsscheine für das Notwendigste, was
man zum Überleben brauchte, waren nur schwer zu bekommen; einige Möbelstücke
stellte uns unsere Vermieterin Fräulein Körner zur Verfügung.
Das Schlimmste jedoch war, daß die Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten
nicht die nötigen Kalorien liefern konnten. Denn meine Mutter und meine
Großmutter hatten als "Nichtarbeitende" lediglich die sogenannte
"Friedhofskarte" (Karte 5), während Anneliese als Heranwach-sende
und ich als Lehrerin in der Ausbildung ein bißchen besser gestellt
waren. Ohne Verwandtschaft auf dem Lande wie in Belgard und ohne jegliche
Wertgegenstände, mit deren Hilfe man Lebensmittel bei den Bauern der
Umgebung hätte eintauschen können, war für Heimatvertriebene
wie uns das Leben in den ersten Nachkriegsjahren kaum zu bewältigen.
Dazu kam der Kohlenmangel und die kalten Winter der ersten Nachkriegsjahre.
Auf meiner Mutter lag zu dieser Zeit natürlich
die größte Last; sie mußte vor den Geschäften nach
den bewirtschafteten Lebensmitteln und eventuellen Sonderzuteilungen anstehen
und hielt fortwährend nach Dingen Ausschau, die den Hunger besänftigen
konnten, oder sie versuchte im Winter mit der wenigen Braunkohle das Wohnzimmer
auf zumindest 15 Grad zu erwärmen. Ich selbst war in diesen halleschen
Jahren zunächst für ein Jahr als Lehrerin in
Nehlitz im Saalkreis,
danach bis 1955 an einer Schule in Nietleben und kam so nur am Wochenende
zu meiner Familie nach Halle. Eine große Hilfe in materieller Hinsicht
waren die Pakete der amerikanischen Verwandtschaft, die nach einem entsprechenden
Brief meiner Mutter bald bei uns eintrafen. Die Absender waren Mitglieder
der Familien von Großvater Johannes
Alverdes' Stiefgeschwistern aus St. Paul / Minnesota und Portland /
Oregon in den USA. Einer dieser Stiefbrüder, Frank (ursprünglich
Franz) Alverdes, wurde als Sohn von Franz Alverdes und seiner zweiten Ehefrau
Ottilie Witzke am 15.1.1873 in Lauenburg / Pommern geboren, wanderte nach
dem Tode des Vaters (2.10.1880) gemeinsam mit seiner Mutter und weiteren
fünf Geschwistern nach Nordamerika aus und hatte sich als Buchbinder
in St. Paul am Mississippi niedergelassen, später zog er dann wohl
nach Portland. Bereits in den zwanziger Jahren war er einmal in Belgard
zu Besuch gewesen und hatte seine pommerschen Verwandten äußerst
großzügig beschenkt. So waren es auch nun wieder wahre Festtage
für uns alle, wenn die Pakete mit Lebensmitteln ausgepackt wurden;
und nicht minder war die Freude, wenn Sendungen mit wunderschöner und
sehr gut erhaltener, abgelegter Kleidung eintrafen. Das alles half in
der damaligen Situation doch sehr, das Überleben zu sichern. Meine
Mutter setzte den Briefwechsel mit den amerikanischen Verwandten noch bis
zu ihrem Tode im Jahre 1974 fort.*
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Mit Tochter Anneliese und Besuch aus dem Westen |
Meine Mutter gewann im Laufe der Zeit in Halle einige Bekannte, es waren
hauptsächlich Vertriebene aus Pommern, also Leidensgenossen. Nur mit
diesen konnte sie über die verlorene Heimat sprechen, denn in der DDR
wurde das Thema in den staatlich gelenkten Medien sowie in der Öffentlichkeit
totgeschwiegen, und für das SED-Regime galten wir lediglich als "Umsiedler",
daß heißt die Polen als "sozialistisches Brudervolk"
durften keinesfalls für die Vertreibung und Deportation der Menschen
aus den deutschen Ostgebieten verantwortlich gemacht werden. So erfuhr ich
auch erst nach meiner Übersiedelung nach Westdeutschland vom ganzen
Ausmaß dieser ethnischen Säuberung und den an den Deutschen begangenen
Verbrechen. Zu den Bekannten aus der alten Heimat zählten die Familien
Schmiedeberg, Boehme und Ruhnke aus Belgard, wobei meine Mutter Boehmes bereits
in Belgard selbst kennengelernt hatte. Schmiedebergs, zu denen der Kontakt
seit 1946 bestand, bewohnten eine Baracke am Bahnhof Halle-Trotha, wo Herr
Schmiedeberg als Eisenbahner tätig war. Meistens gingen wir zu ihnen,
wurden dort zu einem Imbiß eingeladen und konnten oft etwas für
uns damals sehr Wertvolles mit nach Hause nehmen, etwa Gemüse aus Schmiedebergs
Garten, ein selbstgefüttertes Kaninchen oder auch Briketts von einem
durchkommenden Kohlentransport. Die Beziehung zu Frau Boehme war emotional
enger als die zu Schmiedebergs, vielleicht auch weil die Situation von Frau
Boehme der Lage meiner Mutter sehr ähnlich war, denn auch sie war in
den ersten Nachkriegsjahren unter schwierigsten Verhältnissen mit ihren
drei Kindern auf sich allein gestellt. Herr Boehme hatte in Belgard in der
oberen Friedrichstraße ein kleines Elektrogeschäft betrieben
und kam - vielleicht erst 1948 - aus der Gefangenschaft zurück.
Ein Angestellter von Herrn Boehme in Belgard hatte eine Schwester mit Namen
Helene, die Ende der dreißiger Jahre Onkel
Karl Alverdes'
zweite Frau wurde. Onkel Karl hatte sie wohl kennengelernt, als er für
das Elektrogeschäft seines Freundes Erich Krause (das in der Friedrichstraße
74 schräg gegenüber von Boehmes Geschäft lag), wo er in der
zweiten Hälfte der dreißiger Jahre als Buchhalter eingestellt
worden war und auch die Arbeit der auswärts tätigen Monteure überwachte,
die bei der Elektrifizierung der Dörfer im Kreisgebiet beschäftigt
waren; dabei fuhr er mit seinem Auto, einem DKW Meisterklasse, noch bis
in die ersten Kriegsjahre zu den Montagetrupps auf die Baustellen des Belgarder
Umlandes (wegen dieser Tätigkeit war er wohl auch "uk" gestellt
und wurde vielleicht erst 1943 zur Wehrmacht eingezogen, wo er nach Rhodos
und Kreta kam). Der zuvor erwähnte Herr Boehme fand nach seiner Entlassung
aus der Kriegsgefangenschaft in Halle wieder Arbeit und besuchte uns mit
seiner Frau, manchmal auch allein, in unserer Wohnung. Hier
wurde über gemeinsame Sorgen und Probleme beraten und nicht zuletzt
der pommerschen Heimat gedacht. Auch das Ehepaar Ruhnke war zu jener Zeit
oft mit meiner Mutter zusammen, später jedoch blieb ihr nur die Beziehung
zu Frau Ruhnke, da deren Mann 1953 während des Volksaufstandes in der
DDR durch Schüsse aus einem Parteigebäude der SED in Halle als
Unbeteiligter getötet wurde: Auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle bei
der Post in der Nähe des Hauptbahnhofes bzw. des Riebeckplatzes kam
er an einer aufgebrachten Menschenmenge vorbei, die sich vor einem Parteihaus
versammelt hatte, als aus den Fenstern des Gebäudes geschossen und
Wilhelm Ruhnke von einem Schuß tödlich getroffen wurde. Wie bei
vielen anderen unschuldigen Opfern wurde auch seine Leiche erst lange Zeit
später zur Beerdigung freigegeben, da man seine Unschuld von offizieller
Seite zunächst nicht anerkennen wollte (Frau Ruhnke zog dann einige
Jahre später zu ihrer Tochter in die Bundesrepublik). Da ich damals
als junge
Lehrerin an der Volksschule im benachbarten Nietleben unterrichtete,
kam ich nur am Wochenende zu meiner Familie nach Halle. Als ich an diesem
17. Juni 1953 morgens den Weg zur Schule einschlug, konnte
ich noch nicht ahnen, was dieser Tag für uns einmal bedeuten würde.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder im DDR-Rundfunk noch durch Mitbewohner
im Haus oder auch von den Menschen auf der Straße vom Geschehen in
Berlin oder Halle gehört, das heißt es deutete zunächst
noch nichts auf die dramatischen Ereignisse der kommenden Stunden und Tage
hin. So traf ich völlig ahnungslos im Schulgebäude an der Kröllwitzer
Straße ein, wo sich ein Teil meiner Kollegen versammelt hatte. Sie
standen auf dem Treppenabsatz im Erdgeschoß und versuchten, sich ein
Bild von der Lage zu machen, insbesondere von der Situation in der nahegelegenen
Bezirkshauptstadt Halle - woher sie ihr Wissen über die Proteste bezogen,
erwähnten sie mir gegenüber nicht (vielleicht über den Westberliner
Sender RIAS, der jedoch gezielt gestört wurde und somit nur schlecht
zu empfangen war). Von den SED-Genossen im Kollegium ließ sich niemand
blicken, es herrschte eine eigenartige Stimmung, euphorische Reden wechselten
mit nachdenklichen Äußerungen ab, wobei alle Gespräche in
gedämpften Ton stattfanden. Da kam Herr
Hohnstädter, ein älterer Kollege, der dem Regime wie wir kritisch
gegenüberstand, die Treppe herunter und rief uns laut zu: "Die
Freiheit marschiert!" Tief bewegt durch dieses Statement wurde mir
plötzlich die Bedeutung der neuen Situation bewußt, zumal ich
dann hörte, daß unser Chef, ein überzeugter Parteigenosse,
sich im Sekretariat im Dachgeschoß eingeschlossen hatte. Der von einigen
Kollegen geäußerte Gedanke, die Kinder nach Hause zu entlassen
und uns alle nach Halle zu begeben, wurde sofort wieder verworfen, und wir
beschlossen zumindest bis Mittag Unterricht zu halten, um unsere neugierigen
Schüler von der Straße fernzuhalten und so zu verhindern, daß
auch sie in die Bezirkshauptstadt kommen und in Anbetracht der unübersichtlichen
Lage in Gefahr geraten könnten (es war der Tag, an dem auch die Belegschaft
der Bunawerke nach Halle marschierte, um an den Demonstrationen gegen das
verhaßte SED-Regime teilzunehmen). Nach dem Unterricht entschloß
ich mich, gemeinsam mit meinem Kollegen und späteren Ehemann
Friedrich
Gürge mit dem Fahrrad zu meiner Familie nach Halle zu fahren. Wir
trafen gegen 14 Uhr dort ein und fanden in unserer Wohnung "Am Kirchtor
28" nur meine verängstigte Großmutter vor. Sie war völlig
verzweifelt, da weder meine Mutter von ihrer Arbeitsstelle in der Leipziger
Straße noch meine Schwester, die damals eine Lehre bei der Firma Diamalt
in Halle-Diemitz machte, nach Hause zurückgekehrt waren. Meine Großmutter
berichtete von Gruppen aufgebrachter Menschen, die in Richtung
"Roter
Ochse" gezogen waren, eines berüchtigten Zuchthauses nur wenige
Schritte von unserer Wohnung entfernt. Es war dem Ministerium für Staatssicherheit
(MfS) unterstellt, hinter diesen Mauern hielt die Stasi - ebenso wie hier
bereits die Nationalsozialisten nur wenige Jahre zuvor - politisch Verfolgte
ohne Gerichtsurteile willkürlich unter Verschluß, hier wurden
in Schauprozessen abgeurteilte Andersdenkende unter unmenschlichen Haftbedingungen
gefangen gehalten (das Gebäude hatte auf uns schon immer sehr furchteinflößend
gewirkt, man sprach - wenn überhaupt - nur hinter vorgehaltener Hand
darüber, und bei Spaziergängen gingen wir ganz schnell und unauffällig
an der langen, roten Backsteinmauer vorüber). Russische Panzer waren
an unseren Fenstern vorbeigerollt und Schüsse gefallen, auch vor dem
Haus zeugte ein großer Blutfleck noch lange davon. Als die wütende
Menge vor dem "Roten Ochsen" die Freilassung der Gefangenen forderte
und versuchte, das Tor des Zuchthauses aufzubrechen, eröffneten die
Wachmannschaften das Feuer, erschossen vier Demonstranten und verletzten
zahlreiche weitere Menschen. Wie ich später erfuhr, war die Belegschaft
der Spritzmalerei Böttcher, zu der auch meine Mutter gehörte,
geschlossen zum Untersuchungsgefängnis in der Kleinen Steinstraße
marschiert, wo sich bereits eine große Menschenmenge versammelt hatte,
die schließlich in das Gebäude eindringen und die Häftlinge
befreien konnte. Einige Tage nach der blutigen Niederschlagung des von uns
so lange ersehnten Volksaufstandes ergab sich für mich nochmals eine
bedrückende Situation, als wir von unserem Rektor, der mittlerweile
wieder aus der Versenkung aufgetaucht und sich bis dahin noch nicht zu den
Ereignissen geäußert hatte, zu einer Personalversammlung in den
Nietlebener Kindergarten bestellt wurden. Dort mußten wir auf kleinen
Kinderstühlchen rund um die zusammengeschobenen niedrigen Tische neben
dem Schulleiter, den übrigen SED-Genossen aus dem Kollegium und dem
Pionierleiter Platz nehmen. Nach deren langatmigen Ausführungen über
die - gemäß offizieller Lesart - von westdeutschen Provokateuren
gesteuerten Unruhen und die beschämende Verführbarkeit vieler
DDR-Bürger sollten wir nun zu den Geschehnissen und unserem eigenen
Verhalten einzeln Stellung beziehen. So blieb uns nichts anderes übrig,
als die erwarteten Antworten herunterzubeten, um nicht die Anstellung als
Lehrer zu verlieren oder auch noch Schlimmeres heraufzubeschwören.
Dabei quälte sich jeder die durch den Rundfunk und die Zeitungen verbreiteten
standardisierten Erklärungen ab, und äußerst besorgt mußten
wir verfolgen, wie einer nach dem anderen, nicht selten stockend und nach
den entsprechenden Phrasen suchend, seine Solidarität zum verhaßten
Ulbricht-Regime bekundete. Und auch meine Angst nahm stetig zu, als ich
sah, daß die Reihe nun bald an mir sein würde und alle gängigen
Floskeln schon verbraucht waren....*
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| Mit Mathilde Krüger |
Zu meiner Großmutter Alverdes kam zu dieser Zeit eine alte Belgarder
Bekannte, Frau Lässig, die schon lange vor dem Kriege nach Halle gezogen
und deren Mann ein Kollege meines Großvaters Johannes Alverdes am
Belgarder
Kreishaus gewesen war. Sie war natürlich in einer viel besseren
materiellen Lage als meine Mutter, aus ihrem Haushalt erhielten wir in diesen
schweren Jahren manches nützliche Stück. Einmal - vielleicht auch
mehrmals - trug Frau Lässig durch die Weitergabe ihrer Kartoffelschalen
zu unserer Ernährung bei. So brachte meine Mutter mir von einer Grüne-Bohnen-Suppe,
die mit eben diesen Kartoffelschalen angereichert war, ein Töpfchen
voll nach Halle-Nietleben in die sogenannte Gartenstadt, wo ich damals zur
Untermiete bei zwei alten Damen in einem möblierten Zimmer ohne Kochgelegenheit
wohnte. Sie mußte dazu eine lange Straßenbahnfahrt und einen
halbstündigen Fußmarsch auf sich nehmen. Auch mit der bereits
zuvor erwähnten Lotte Ruhfuß aus Kassel, einer Freundin
aus ihrer Kösliner Schulzeit, stand sie noch Jahrzehnte lang in Briefwechsel.
Die wichtigste Beziehung meiner Mutter aber war die zu Frau Podschun, welche
ebenfalls aus Belgard vertrieben worden war und ihr damals zu einer wirklichen
Freundin wurde. Sie kam oft aus einem Dorf bei Halle, wo sie mit ihren Kindern
wohnte, um einen Nachmittag bei meiner Mutter zu verbringen. Sie war eine
lebenslustige Frau, die meine Mutter regelmäßig aus ihrem Trübsinn
riß. Leider ging sie einige Jahre später in den Westen zu ihrem
Mann, der bereits seit Kriegsende in der Bundesrepublik lebte.*
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| Karl Alverdes |
Der Bruder meiner Mutter, Karl
Alverdes (*20.4.1904), welcher auf Kreta Soldat gewesen war, kam nach mehrjähriger
amerikanischer Kriegsgefangenschaft Ende der vierziger Jahre nach Halle
zu Mutter und Schwester. Er blieb zwei oder drei Jahre in der DDR und wohnte
während dieser Zeit bei uns in einem vorderen Zimmer der großen
Wohnung "Am Kirchtor 28"; ich selbst unterrichtete damals bereits
als Lehramtsanwärterin an einer Schule in Nietleben unweit von Halle
und fuhr nur an den Wochenenden nach Hause. Onkel Karl hatte vor dem Krieg
erneut geheiratet, und wo seine zweite Frau nach 1945 lebte war ihm damals
noch nicht bekannt. In seinem ursprünglichen Beruf als Buchhalter konnte
er nach dem Kriege keine Stelle finden und machte deshalb in Halle eine
Umschulung zum Maurer. Da seine Lebensmittelkarte bei der schweren Arbeit
für eine angemessene Ernährung bei weitem nicht ausreichte, kaufte
er sich von fast dem gesamten spärlichen Lohn, den er während
der Umschulung erhielt, auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen jede Woche
zusätzlich ein Brot. Es mag im Jahre 1950 gewesen sein, als er durch
den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes die Adresse seiner Frau Helene
fand und zu ihr in den Westen ging. Da diese mittlerweile mit einem anderen
Mann in Baden-Württemberg zusammenlebte, ließ er sich von ihr
scheiden und zog später mit Anna Wilnuss zusammen, einer Kriegerwitwe,
mit der er bis zu ihrem Tode im Jahre 1962 in Pfullingen wohnte. Onkel Karl
starb am 11.1.1963; meine Mutter stand bis zuletzt in Briefwechsel mit ihm.
Hannes Alverdes, sein Sohn aus erster Ehe, lebt heute als Pensionär
in Bad Pyrmont (er war früher Leiter eines Berufsschulzentrums).*
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Meine Mutter mit Kolleginnen im Hof
der Spritzmalerei Böttcher in Halle |
Im Jahre 1952 konnte meine Mutter eine Arbeitsstelle in der Spritzmalerei
Wilhelm Böttcher in Halle annehmen, wo sie laut ihrem in der damaligen
DDR für jeden "Werktätigen" obligatorischen Arbeitsbuch
vom 3.3.1952 bis 31.12.1953 und vom 5.7.1954 bis 19.9.1958 beschäftigt
war. Hier wurden Igelit-Plastiktischdecken mit farbigen Mustern dekoriert.
Sie kam dort mit den verschiedensten Frauen zusammen, wodurch sie einerseits
etwas von ihrem freudlosen Leben fernab der geliebten Heimat abgelenkt wurde,
und auch froh war, endlich selber Geld zu verdienen; andererseits war diese
Arbeit für sie jedoch völlig ungeeignet, denn das stundenlange
Halten der schweren Spritzpistole verschlimmerte die athrotischen Schäden
an ihrer rechten Hand enorm; zudem war die lösungsmittelgeschwängerte
Atemluft in der Werkstatt äußerst gesundheitsschädlich.*
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| 1958 in Halle / Saale |
Nachdem ich in Absprache mit meiner Mutter im Sommer 1955 von einem Besuch
bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrt
und in der Bundesrepublik geblieben war, wurde das Geld für sie noch
knapper, wobei allerdings der Verdienst meiner Schwester Anneliese, die
mittlerweile ihre Lehre als Industriekaufmann bei der Firma Diamalt beendet
hatte, nun etwas zum Familienunterhalt beitrug. So dachte auch meine Mutter
oft an einen Aufbruch gen Westen, konnte diesen Wunsch jedoch erst nach
dem Tode meiner Großmutter Alverdes am 8.3.1958, die in ihrem hohen
Alter von über 85 Jahren nicht mehr umsiedeln wollte bzw. konnte, wahrmachen
und mit meiner Schwester Anneliese in die Bundesrepublik kommen. Meine
Mutter durchlief das Erstaufnahmelager Berlin-Lichterfelde, kam dann
zunächst zu uns nach Hausen vor der Höhe bei Wiesbaden, wo ich
mittlerweile mit meinem Mann Friedrich Gürge im Schulhaus lebte,
und ging danach gemeinsam mit Anneliese nach Frankfurt zu unserem Onkel
Heinz Maaß,
worauf sie bald eine eigene Wohnung in Oberursel bei Frankfurt zugewiesen
bekamen. Denn Hilde Maaß, die Ehefrau von Heinz Maaß, welche
bei einer Behörde in Frankfurt beschäftigt war, konnte meiner
Mutter durch ihre beruflichen Beziehungen zu einer umgehenden Bearbeitung
ihres Rentenantrages und der Anerkennung als Vertriebene verhelfen. So bekam
sie im April 1959 sehr schnell den Vertriebenenausweis A und danach auch
gleich eine Rente (180 DM), über die sie sehr glücklich war. In
der DDR hätte sie nur eine winzige Rente für die sechs Jahre ihrer
eigenen Berufstätigkeit in Halle bekommen, jedoch keine Hinterbliebenenrente
für ihren vermißten
Ehemann, welcher als Offizier der Deutschen Wehrmacht und Teilnehmer
am Krieg gegen die Sowjetunion aus Sicht des SED-Regimes jegliche Versorgungsansprüche
verloren hatte. Hier erhielt sie nun auch eine Rente für meinen Vater
und später Lastenausgleich für Haus und
Geschäft, wenn auch
im Verhältnis zu den erlittenen Verlusten nur äußerst wenig.
Der weitere Weg meiner Mutter führte von Oberursel über
Auringen
nach Lübeck, wo sie zunächst bei Richard Franke, einem verwitweten
weitläufigen Verwandten wohnte (seine gestorbene Frau Lene war durch
Fraedrichs oder Lawins mit Maaßens verwandt), und schließlich
nach Wehen bei Wiesbaden, wo sie zuletzt in einem Altenwohnheim in einer
eigenen kleinen Wohnung bis zu ihrem Tode am 23.1.1974 lebte. Sie unterhielt
Kontakte zu einem Nachbarsehepaar aus Schlesien und zu einer Tierarztwitwe
aus Bütow in Pommern. Ihre größte Freude waren die Besuche
ihrer Töchter und Enkelkinder Peter, Christiane
und Birgid.* |