Elfriede Margarethe Elisabeth Alverdes geb. Fraedrich
1876 - 1958
Meine Großmutter Elfriede Alverdes wurde am 20.7.1876 als Tochter des Lehrers Karl Fraedrich und seiner Ehefrau Mathilde Fraedrich geb. Lafin in dem kleinen Dörfchen Viverow im Kreis Köslin geboren. Sie verlebte ihre Jugend im dortigen Schulhaus, half der Mutter im Haushalt und übernahm oft die Sorge für ihren etwa zehn Jahre jüngeren Bruder Walter (vielleicht 1885 geboren). Aus dieser Zeit erzählte sie auch folgende Anekdote: Als sie einmal schlimmes Zahnweh hatte, schickte ihr Vater sie zum Dorfschmied, nachdem er ihr vorher versichert hatte, daß die Behandlung dort überhaupt nicht weh täte. Nachdem das arme Friedchen die Behandlung über sich ergehen lassen hatte - das Ausreißen des schmerzenden Zahnes mit einer ziemlich großen Zange - schlich sie sich bitterlich weinend nach Hause, wo sie ihrem Vater den ganzen Tag böse war.

Als sie 19 Jahre alt war, gaben ihre Eltern sie nach Köslin, wo sie in einer kleinen Pension bei Fräulein Anna Alverdes gemeinsam mit anderen Mädchen feinere Umgangsformen und feine Küche erlernen sowie in Wäschepflege und Handarbeiten unterwiesen werden sollte. Dort machte sie die Bekanntschaft ihres späteren Mannes Johannes Alverdes, eines Neffen des Fräulein Anna Alverdes. Auch hierzu wußte sie eine Anekdote zu berichten: Als es galt, mit dem Neffen einen Ausflug zum Picknick auf den nahegelegenen Gollen, den Hausberg von Köslin, zu machen, hatten die Mädchen dafür Berliner gebacken. Meine Großmutter Elfriede (genannt Friedchen) trug sie in einem Korb und bot, nachdem man sich auf einer Wiese bequem gelagert hatte, dem Neffen des Fräulein Alverdes mit den folgenden Worten davon an: "Möchten Sie einen Blonden oder einen Braunen, Herr Alverdes?" Dieser antwortete: "Natürlich einen Blonden, Fräulein Fraedrich!" Womit meine Großmutter durch den Hinweis auf ihre Haarfarbe einen erneuten Beweis für die Zuneigung meines Großvaters erhielt. Beide verlobten sich noch in jenen Kösliner Tagen und heirateten ein Jahr später am 9.4.1897. Elfriede folgte Johannes nach Straßburg im Elsaß, wo er als Zahlmeister-Aspirant beim "Fußartillerieregiment Nr. 10" diente. Später äußerte sie immer wieder, daß sie - als "Dorfpomeranze" in die Großstadt Straßburg versetzt - nie Sehnsucht nach Eltern und Heimat hatte und daß diese Zeit in Schiltigheim die schönste ihres Lebens gewesen sei, obwohl es insgesamt nur eineinhalb oder zwei Jahre gewesen sein können.

Meine Großmutter im
Alter von etwa 20 J.
Dort in Schiltigheim bei Straßburg wurde am 27.6.1898 ihr erstes Kind, die Tochter Bertha, geboren, welche 1924 meinen Vater, den Kaufmann Erwin Maaß, heiratete. Nach der Rückübersiedelung der jungen Familie nach Pommern, wo Johannes Alverdes als "Zwölfender" nach dem Ende seines Militärdienstes eine Stelle beim Regierungspräsidium in Köslin antrat, wurde am 20.4.1904 ihr zweites Kind, der Sohn Karl Georg Hermann, geboren (meine Großmutter erwähnte auch noch ein drittes Kind, das wohl im Kleinkindalter gestorben ist). Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde mein Großvater 1914 als Rentmeister an die Kreiskasse in Belgard an der Persante versetzt und sie zogen in eine große Wohnung in der dortigen Pankniner Straße 10, wo sie später auch Friedchens Eltern aufnahmen. Meine Großmutter war eine gute Hausfrau, sie kochte und backte nach pommerscher Art, hatte aber auch aus dem Elsaß aus den ersten Jahren ihrer Ehe ein Gericht mitgebracht. Es handelte sich dabei um "Baeckeoffe" (Backöffe), ein Gemüse-Fleischgericht, das mehrere Stunden im Backofen gegart wurde. Wenn ich in meiner Grundschulzeit in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre am Sonnabendmittag nach dem Unterricht statt nach Hause lieber zu den Großeltern in die Pankniner Straße ging, um auf diese Weise die Brühkartoffeln bei meinen Eltern nicht mitessen zu müssen, briet mir meine Großmutter zwei Setzeier (Spiegeleier) mit Speck, dazu gab es eine Tasse Maggi-Brühe, was ich in Verbindung mit einem Brötchen vom Bäcker nebenan mit großem Genuß verzehrte. Sie bereitete auch ein Gericht, das sie "Überguß" oder "Schinkenbegräbnis" nannte, denn es bestand aus Schinkenresten, die mit Suppengrün gekocht und dann über Salzkartoffeln gegossen wurden. Ihr Kompott mit dem Namen "Dreimus" aß ich besonders gerne; es setzte sich aus Äpfeln, Birnen und Pflaumen zusammen, die man im gleichen Verhältnis zueinander dick einkochte. Die Weihnachtsplätzchen waren aus Mürbeteig, wobei die eine Hälfte des Teiges gleich abgebacken wurde, die andere Hälfte erst am nächsten Tag. Diese bekamen durch die lange Ruhezeit ein anderes Aussehen, wir bezeichneten sie als "Satzplätzchen", und sie haben mir als Kind auch besser geschmeckt. In der Küche lief meine Großmutter Frieda aber erst zu Höchstform auf, als sie nach dem Tode Ihres Mannes 1936 und dem Umzug zu uns in die Marienstraße 15/16 in einem nun erheblich größeren Haushalt meiner Mutter Bertha mit Rat und Tat in Küche und Keller zur Seite stand. Daß Friedchen auch eine gute Schneiderin war, konnte meine Mutter jedoch beim besten Willen nicht behaupten, wenn sie in ihren Erzählungen von Kleidern berichtete, die für sie in ihren jungen Jahren mit viel Mühe auf der Nähmaschine genäht wurden und sich an die von der Ungeduld ihrer Mutter begleiteten Anproben erinnerte. Auch sonst erledigte meine Großmutter die gesamte Hausarbeit allein, denn in der Wohnung Pankniner Straße hatte sie lediglich ein sogenanntes Abwaschmädchen, eine Schülerin, die täglich nach dem Mittagessen zu meinen Großeltern kam, um das Geschirr zu spülen und die Küche aufzuräumen. Nachdem sie ihre Eltern, Karl und Mathilde Fraedrich aus Viverow, in ihre Wohnung in Belgard aufgenommen hatte, mußte sie auch noch ihrer Mutter Mathilde zur Hand gehen, die den Haushalt nicht mehr alleine bewältigen konnte. So waren ihre Tage mit den verschiedensten Arbeiten in der großen Wohnung mehr als ausgefüllt. Große Sorgen machte der Familie Sohn Karl, denn in seiner Ehe mit einer anspruchsvollen Frau reichte das Geld nie. Er hatte Grete Kramp, Tochter des Stationsvorstehers von Nassow, im Hause Maaß in der Marienstraße 15/16 kennengelernt, als sie dort als Kindermädchen seine Nichte Eleonore betreute (ihr Bruder Hilmar Kramp war in den zwanziger Jahren Lehrling in unserem Geschäft gewesen). Von der Bank, bei der er als Buchhalter angestellt war, wurden ihm Unregelmäßigkeiten bei der Buchführung vorgeworfen, und seine Frau zog mit dem gemeinsamen Sohn Hannes fort. Meine Großmutter hielt immer zu ihrem Sohn Karl, während sich mein Großvater ganz von ihm losgesagt hatte. Das waren sehr schwere Jahre für meine Großmutter, wobei für sie nun auch ihr Enkel Hannes nicht mehr erreichbar war, und so konnte sie nur noch mir und meiner Schwester Anneliese eine liebevolle Großmutter sein.*

Köslin Bergstraße
In Köslin fuhr ich mit meiner Großmutter
zum ersten Mal in einer Straßenbahn
Wenn meine Großmutter Frieda mit der Bahn zu ihrer Verwandtschaft nach Köslin fuhr, nahm sie mich öfter auf die kleine Reise mit. Die Regionalzüge ("Bummelzüge") der Reichsbahn hatten damals vier Klassen: Die 1. und 2. Klasse als "Polsterklasse" mit bequemer Ausstattung und viel Raum für jeden Fahrgast, die 3. Klasse als "Holzklasse" mit ungepolsterten Bänken und die 4. Klasse für Reisende "mit Traglasten", daß heißt die Holzbänke befanden sich hier an den Außenwänden der Waggons und die Mitte war für das Gepäck bzw. größere Lasten frei. Unsere Familie fuhr in der Regel 3. Klasse, nur auf längeren Reisen im D-Zug (z.B. zu Onkel Walter Fraedrich nach Berlin) nahm man die 2. Klasse. In Köslin besuchten wir Elisabeth Ratzmann, eine weitläufige Verwandte meiner Großmutter Elfriede (ich nannte sie Tante Lisbeth, meine Großmutter war mit ihr über ihre eigene Großmutter Friederike Johanna Ratzmann verwandt), oder auch andere Kösliner Verwandte - ob dies Verwandtschaft von ihrem Vater Karl Fraedrich oder von ihrer Mutter Mathilde geb. Lafin war, und wo sie damals in der Stadt gewohnt haben, läßt sich heute leider nicht mehr klären. Jedenfalls führte uns der Weg vom Bahnhof meistens über den sogenannten Wall (wahrscheinlich Reste der ehemaligen Stadtbefestigung), wo wir gemächlich unter Bäumen entlangspazierten und meine Großmutter meinen Blick auf die links und rechts des Weges gelegenen Besonderheiten der Stadt lenkte. Dazu gehörte auch die Straßenbahn, die ich hier im Alter von vielleicht sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal sah, und mit der wir ab und zu auch eine Strecke fuhren, etwa zu Tante Lisbeth in die Rogzower Allee 43 oder durch die Danziger Straße in Richtung Gollen, dem Hausberg Köslins. Auf dem Gollen sind wir damals allerdings nicht gewesen, und erst viel später während des Krieges war ich am Gollenkreuz auf dem Gipfel, als ich in den Sommerferien 1942 meinen Dienst im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt "Salem" am Fuße des Gollens leistete. Zu Elisabeth Ratzmann begleitete ich meine Großmutter besonders gerne, während mir die übrige Verwandtschaft - immer schwarz gekleidet und stets sehr ernsthaft - als Kind etwas unheimlich war. Bei diesen Kösliner Verwandten saß ich dann ganz still dabei und lauschte den Erzählungen der Erwachsenen. Ganz anders jedoch bei Tante Lisbeth, deren Eltern früher eine Gärtnerei
Straßenbahnfahrschein Köslin
Straßenbahnfahrschein aus Köslin
besaßen; sie hatte in einer Zimmerecke einen Steintopf stehen und erlaubte mir, den Deckel des Topfes kurz zu öffnen, so daß von den dort eingesalzenen Rosenblättern ein wunderbarer Rosenduft durch den Raum zog. Ab und zu wurde Lisbeth Ratzmann auch für ein bis zwei Wochen zu Maaßens nach Belgard eingeladen, um uns bei Näh- und Stopfarbeiten zu helfen, denn sie lebte von einer sehr kleinen Rente und war über jeden zusätzlichen Verdienst froh. Auf der Rückfahrt nach Belgard kehrte meine Großmutter mit mir regelmäßig in die Gaststätte des Kösliner Bahnhofes ein ("Wartesaal 2. Klasse"), und ich durfte mir dort mein Lieblingsgericht bestellen: Ragout Fin, das überbacken in einer muschelförmigen Schale serviert wurde.*

Mit Besuch aus Berlin vor
Pankniner Straße 10
Als Kind ging ich nach der Schule häufig in die Pankniner Straße 10 zum Mittagessen, wo meine Urgroßeltern Fraedrich und meine Großeltern Alverdes bis Anfang 1936 gemeinsam in einer großen Wohnung lebten. Nachdem ich dort meine Schularbeiten erledigt und dann mit meinem Urgroßvater Karl Fraedrich oder meinem Großvater Johannes Alverdes den Nachmittag verbracht hatte, begleitet mich Omi Frieda Alverdes abends nach Hause. Oft war es bereits dunkel, und der Mond und die Sterne lenkten mein Interesse auf den nächtlichen Himmel. Auf unserem Weg durch die Pankniner Straße und den Mükepark in Richtung Marienstraße zeigte mir meine Großmutter die verschiedenen Sternbilder und versuchte mir zu erklären, warum der Mond immer mit uns wanderte. Nach dem Tode ihres Mannes Johannes Anfang 1936 gab sie die Wohnung in der Pankniner Straße auf und zog mit ihren Eltern Karl und Mathilde Fraedrich zu Tochter Bertha und Schwiegersohn Erwin in den ersten Stock des Maaßschen Geschäftshauses in der Marienstraße 15/16. Hier kümmerte sich meine Großmutter Elfriede um alles, was den Haushalt und die Kinder betraf und unterstützte ihre Tochter Bertha wo sie konnte. Im Kriege bekam sie eine schwere Krankheit, wurde wegen Gelenkrheumatismus für längere Zeit bettlägerig. Sie lag in Watte und Schafwolle eingepackt, täglich kam die Gemeindeschwester zu Einreibungen und zur Kontrolle der Druckstellen. Vor allem in den letzten Kriegsjahren konnte sie nur mühsam gehen und selbst die Hände nur schlecht bewegen. Ich erinnere genau, wie ihr Vater, Karl Fraedrich, der ja auch seit 1937 Witwer war, sie besorgt in ihrem kleinen Zimmer besuchte und der bettlägerigen Tochter durch eine Unterhaltung die Zeit zu vertreiben suchte. Erst heute, als alte Frau, kann ich nachfühlen, wie furchtbar die Vertreibung aus der Heimat vor allem auch für sie gewesen sein muß, denn sie war damals nahezu 70 Jahre alt und hatte nach arbeitsreichen und bewegten Jahrzehnten doch einen ruhigen Lebensabend verdient.*

Elfriede Alverdes
Anfang der 40er J.
Nachdem in Belgard bereits tagelang Geschützdonner zu hören gewesen war, wurde am 3. März 1945 endlich Alarm zur Räumung der Stadt gegeben. Nun versuchte auch meine Mutter mit meiner Schwester Anneliese und mir, der kaum bewegungsfähigen, auf einem Handwagen sitzenden Großmutter und etwas Notgepäck zum Bahnhof zu kommen, um den letzten Zug nach Kolberg zur rettenden Ostsee zu erreichen. Unser Weg endete aber schon an der Ecke zum Marktplatz, wo uns die vom Bahnhof zurückflutenden Flüchtlingen entgegenkamen und von dem letzten schon überfüllten Zug berichteten. Wir kehrten deshalb in die Marienstraße 15/16 zurück und blieben dort bis zum 21. Januar 1946, dem Tag unserer Vertreibung aus der Heimat. Meine Mutter war zusammengebrochen und der äußerst schwierigen Lage - auch aufgrund der mittlerweile in unserem Haus einquartierten Polen - kaum gewachsen; meine Großmutter Elfriede zwar ängstlich, der bedrückenden Gegenwart jedoch eher pragmatisch begegnend. Nach einer dreitägigen, von Schikanen der polnischen Miliz begleiteten Bahnfahrt in ungeheizten Güterwagen im Januar 1946 erreichten wir über den Grenzübergang Scheune schließlich Greifswald. Nach kurzem Aufenthalt in Greifswald bei der Familie von Ernst Lawin, dem jüngsten Bruder meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich, wurden wir dann von einer Cousine meines Vaters in Halle an der Saale, Else Gerboth (wohl Verwandtschaft von der Seite meines Urgroßvaters Mohr), aufgenommen; später bezogen wir eine uns zugewiesene Teilwohnung (zwei Zimmer mit Küchenbenutzung) Am Kirchtor 28 in Halle. Dort verbrachte meine Großmutter ihre letzten Lebensjahre.

Meine Großmutter in unserer
Wohnung am Kirchtor 28
In den ersten Nachkriegsjahren, während denen vor allem in der damaligen sowjetischen Besatzungszone noch die meisten Lebensmittel streng rationiert waren, war meine Großmutter, die nur Lebensmittelkarte 5, die sogenannte "Friedhofskarte" erhielt, stark unterernährt. Dank unserer netten Ärztin Frau Dr. Blum, die im selben Haus wohnte, wurde sie mehrmals in ein Krankenhaus eingewiesen, wo die Lebensmittelversorgung besser war und sie wieder etwas aufgebaut werden konnte. Sie bewegte sich trotz der ständigen Schmerzen aufgrund ihres Gelenkrheumatismus langsam durch die Wohnung, stand im Sommer häufig auf ein Kissen gestützt am offenen Fenster und blickte auf die großen Kastanien der gegenüberliegenden Straßenseite und den dahinterliegenden botanischen Garten, ruhte jedoch die überwiegende Zeit auf ihrem Bett. Sie versuchte, ihre Tochter Bertha mit Rat und, soweit sie es konnte, mit Taten zu unterstützen. Auch die finanzielle Misere trug dazu bei, ihr das Alter schwer und freudlos werden zu lassen, denn sie bekam eine Rente von nur 90 Reichsmark im Monat, von denen sie lediglich etwa zehn Mark für sich selbst behielt. Außer den schmerzhaften Folgen des Gelenkrheumatismus hatte sie noch ein Augenleiden (grauen Star), das ihr unbehandelt große Schwierigkeiten bereitete (sie konnte nur noch mit Lupe und selbst dann lediglich große Schrift lesen). Wenn ich am Wochenende aus meinem Dienstort Nehlitz und später aus Nietleben nach Halle kam, setzte ich mich an ihr Bett und sie erzählte mir von den Ereignissen der vergangenen Woche. Unser Kontakt riß jedoch 1955 durch meine Flucht in die Bundesrepublik ab. Meine Großmutter Elfriede starb am Geburtstag ihres Mannes Johannes am 8. März 1958 in unserer Wohnung Am Kirchtor 28 in Halle/Saale an Altersschwäche.*
Eleonore Gürge geb. Maaß