Henriette Eleonore Elsbeth Maaß geb. Mohr
1877 - 1936
Meine Großmutter Elsbeth Maaß wurde am 27.3.1877 als Tochter des Bäckermeisters Johann Karl Ferdinand Mohr und seiner Ehefrau Eleonore Mohr geb. Bahr in Berlin-Wedding in der Badstraße 59 geboren. Über ihre Kindheit und Jugend wissen wir nichts näheres, sie soll jedoch noch mindestens eine Schwester gehabt haben. Sie taucht in der Geschichte meiner Familie erst auf, als sie mit 16 Jahren meinem Großvater Bernhard Maaß in der Bäckerei ihrer Eltern in Berlin begegnete (oder war er hier nicht nur Kunde, sondern der möblierte Herr der Familie Mohr?). Bei dieser Begegnung soll er damals gesagt haben: "Die werde ich einmal heiraten!" Und das tat er dann auch am 8.5.1896 und entführte sie aus Berlin in sein neu eingerichtetes Kolonialwarengeschäft in die Marienstraße 15/16 nach Belgard an der Persante. Die noch sehr junge Frau hatte es nicht leicht, sich in das Leben einer Geschäftsfrau in einer kleinen hinterpommerschen Landstadt hineinzufinden, wobei noch hinzukam, daß ihr zwischen 1897 und 1903 vier Kinder, mein Vater Erwin (12.3.1897 - 5.3.1945), sein Bruder Heinz (7.9.1900 - 12.9.1973), Schwester Ilse (6.5.1903 - 26.12.1971) und noch ein weiteres Kind, welches bereits als Kleinkind starb, geboren wurden (auch sein kleines Grab besuchten wir bei unseren sonntäglichen Spaziergängen zum Friedhof in den dreißiger Jahren). Zudem war ihr der regionale Dialekt, das Plattdütsch der Landkunden, nicht sofort verständlich, und sicher haben die Belgarder öfter über ihr "Berlinern" geschmunzelt. Als Anekdote aus ihrer ersten Zeit in Belgard wurde erzählt, daß sie einmal ihrer Mutter nach Berlin berichtete, daß sie sehr geweint habe, weil sie das über sie geführte Gespräch zweier Landfrauen mitgehört habe, in dem sie selbst als "gemein" bezeichnet wurde. Nachdem sie mit einem Tränenschwall ihrem Mann Bernhard davon erzählt hatte, habe dieser sie aufgeklärt, daß dies nur bedeute, daß "sie sich schon mit den Landfrauen gemein gemacht hätte", also nicht auf sie herabschaue. Mein Vater hatte in einem Holzkästchen im Kontor unseres Geschäftes diesen Briefwechsel seiner Mutter mit der Großmutter in Berlin aufgehoben und las uns manchmal daraus vor. Es ging in diesen Briefen um Berichte über den Belgarder Alltag, um Mode (Kleiderschnitte aus Berlin für die Belgarder Hausschneiderin), um das viel zu tiefe Décolleté von Elsbeths Ballkleid auf dem letzten "Vergnügen" des Kaufmannsvereins, um Kochrezepte aber auch einmal - soweit ich mich erinnere - um den Zorn des Ehemannes. Ihre Mutter gab wohl nicht immer die besten Ratschläge, vielleicht auch deshalb, weil sie die so ganz anderen Lebensverhältnisse der Tochter in Belgard nicht einschätzen konnte. Die Besuche der Mutter samt ihres zweiten Ehemannes Marotz (Elsbeths Vater war ja früh gestorben) stellten für Elsbeth oftmals eine Belastung dar, denn ihre Mutter mischte sich in Geschäfts- und Familienangelegenheiten ein, so daß mein Großvater häufig ärgerlich über sie war, ja sie einmal sogar aus dem Hause warf.*

Großmutter Elsbeth am Flügel bei ihrer
Tochter Ilse auf Gut Wachholzhausen
Nach dem Tode ihres Mannes Bernhard im Jahre 1927 übernahm Elsbeth die Leitung des Geschäftes, überließ indes die praktische Tätigkeit ihrem ältesten Sohn Erwin, meinem Vater. Dabei verfügte sie allein über die Finanzen, was sich jedoch nicht immer zum Vorteil des Geschäftes auswirkte. So zog sie erhebliche Mittel aus dem Unternehmen ab, um ihrem Lieblingskind, der Tochter Ilse zu helfen, die am 22.6.1927, drei Tage vor dem Tode ihres Vaters, den Gutsbesitzersohn Ferdinand (Ferry) Griep (*5.10.1890) aus Granzin / Kreis Belgard geheiratet hatte, dem Bruder des dortigen Gutsbesitzers. Denn Bernhard Maaß hatte - wohl unter Beteiligung der Schwiegereltern Griep - für Ilse und Ferry das Gut Wachholzhausen gekauft, das noch durch Hypotheken belastet war. Diese Belastung in Verbindung mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sowie schlechte Ernten brachten Tochter und Schwiegersohn in Bedrängnis. Meine Mutter erzählte aus dieser Zeit, daß der gesamte Gutshaushalt seine Lebensmittel, aber auch Spezialitäten und Delikatessen unentgeltlich aus dem Maaßschen Geschäft bezog, und in einem Jahr wurde selbst noch das Heu von zwei Morgen Wiese bei Darkow, die zu dem Grundstück Marienstraße 15/16 gehörten, nach Wachholzhausen gefahren; zudem unterstütze die Mutter ihre Tochter auch finanziell recht großzügig. Dennoch ging das Gut in Konkurs, und Ferry Griep übernahm danach als Verwalter u.a. Gut Klötzin / Kreis Belgard, arbeitete später beim Reichsnährstand in der Bahnhofstraße in Belgard und darauf bei derselben Behörde in Pyritz. Von dort konnte die Familie 1945 über Stettin mit dem Schiff nach Dänemark fliehen, nachdem Ilse noch ihren fünfzehnjährigen Sohn aus dem Volkssturm, welcher Pyritz im April 1945 gegen die Russen verteidigen sollte, herausgeholt hatte.Die Familie war eineinhalb oder zwei Jahre in Dänemark in einem Internierungslager und konnte dann endlich nach Gütersloh in Westdeutschland übersiedeln, wo eine Schwester von Ferry Griep lebte. Ilse hatte zwei Kinder, meinen Cousin Horst (*16.9.1929) und meine Cousine Hansi (*20.6.1936). Ferry und Ilse lebten bis zu ihrem Tode in Gütersloh. Tante Ilse starb am 26.12.1971, Onkel Ferry am 1.4.1971.

Ilse Maaß [Pfeil] auf einem Ausflug der Belgarder Höheren Töchterschule im Jahre 1917 nach Arnhausen bei Groß Rambin [Aus dem Lande Belgard, Nr. 13 / Okt. 1970, Seite 1]

Zu meinem Onkel Ferry Griep schreibt Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 13, Oktober 1970 auf Seite 6: "[....] Das 934 Morgen große elterlich Gut war von 1831 bis 1945 im Besitz der Familie Griep. Im Juni 1927 heiratete Ferdinand Griep die einzige Tochter Ilse des Kaufmanns Bernhard Maaß, Marienstraße 15/16. Nach dem ersten Weltkrieg übernahm sein Bruder Karl die Verwaltung des Gutes, während Ferdinand die Bewirtschaftung des Gutes Klötzin, Krs. Schivelbein übernahm. Nach dessen Verkauf im Jahre 1937 wurde Ferdinand Griep Leiter des Pomm. Viehhandelsverband in Pyritz. Hier erfolgte am 3. Febr. 1945 die Beschießung der Stadt durch die Russen u. es mußte über Stettin-Strahlsund geflüchtet werden. Am 1. Mai 1945 landete das Ehepaar Griep in Dänemark und von hier im November 1947 in Gütersloh, nach wohin 1946 die Angehörigen des Ferdinand Griep, Mutter, Bruder und drei Schwestern geflüchtet waren, noch fast 15 Jahre war Ferdinand Griep bei der Firma Miehle in Gütersloh tätig. [....]"

Sohn Heinz hatte studiert und zunächst ein Volontariat auf einem Gut in Ostpreußen absolviert. Nach einer Ausbildung als Drogist finanzierte seine Mutter Elsbeth die Einrichtung einer Drogerie in Nörenberg am Enzigsee, einer kleinen Stadt auf der Pommerschen Seenplatte südwestlich von Belgard. Als die Geschäfte schlecht liefen, ging er weiter "gen Westen" und kam Ende der dreißiger Jahre nach Neunkirchen bei Saarbrücken, wo er als Angestellter einer Hütte beschäftigt war. Er heiratete eine Nürnbergerin, mit der er vier Kinder hatte. 1945 mußten sie kriegsbedingt das Saarland verlassen und wurden in ein Flüchtlingslager in Usingen im Taunus eingewiesen. Später lebte er mit seiner Frau Hilde und den Kindern Helga, Else, Heinz und Alice in Frankfurt-Bornheim, wo er am 12.9.1973 starb. Onkel Heinz war handwerklich äußerst geschickt und künstlerisch sehr begabt, er baute zum Beispiel in den zwanziger Jahren selbst einen Rundfunkempfänger, er photographierte und entwickelte, zeichnete und malte sehr schön. So war er während eines Bockbierfestes, das in den dreißiger Jahren zu Fastnacht in den Bierstuben unseres Geschäftes stattfand, bei uns zu Besuch und kümmerte sich sehr phantasievoll um die Dekoration der Räumlichkeiten. Das Fest stand unter dem Motto "eine Weltreise". Mit dem Pinsel schuf er entzückende Aquarelle von den Häfen der Welt durch die Bullaugen eines Schiffes betrachtet und zahlreiche aus Buntpapier gefaltete und geklebte Papageien, wobei ich ihm gerne beim Ausschneiden half.*

Elsbeth Maaß mit
Enkel Horst Griep
In ihren letzten Lebensjahren (vielleicht ab 1934) lebte sie nicht mehr in der bis zum Tode ihres Mannes gemeinsamen bewohnten Wohnung in der ersten Etage, sondern im Dachgeschoß, wo ihr eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern und Küche ausgebaut worden war. Sie war für mich deshalb "Omi oben". Ihr "Damenkränzchen" tagte weiterhin im Eßzimmer der Maaßschen Wohnung in der ersten Etage, weil ihre Dachwohnung keinen Platz für eine große Kaffeetafel bot. Meine Großmutter hatte ein Faible für Handarbeiten, fertigte Lochstickereien, aber auch Strick- und Häkelpullover und nähte für ihre Enkelinnen Schürzen, die ich zu meinem Leidwesen noch in den ersten Schuljahren tragen mußte. Sie besuchte regelmäßig eine Freundin, Frau Graßmann, die Besitzerin von Ackerhof, einem Landgut, das außerhalb der Stadt hinter Vorwerk lag. Wenn ich von ihr mitgenommen wurde, spielte ich dort im Garten, während sich die Damen unterhielten. Ich kenne sie aus dieser Zeit nur in schwarzen bzw. schwarzgestreiften Kleidern und mit einem schwarzen Bändchen um den Hals. Meine Beziehung zu dieser Großmutter war nicht so eng wie die zu den Großeltern Alverdes und den Urgroßeltern Fraedrich, bedingt wohl auch durch den Umstand, daß sie in ihren letzten Lebensjahren oft bei ihrer Tochter Ilse auf Gut Wachholzhausen oder später in Klötzin weilte und für mich somit zeitweise gar nicht präsent war.*

Nachdem meine Großmutter Elsbeth Mitte der dreißiger Jahre schwer erkrankt und zeitweise pflegebedürftig geworden war, wurde sie zunächst von ihrer Verwandtschaft in Berlin gepflegt. Sie kehrte jedoch bald nach Belgard zurück und starb schließlich am 7.2.1936 im Belgarder Krankenhaus.*

Eleonore Gürge geb. Maaß