Mein Vater Erwin Maaß wurde am 12.3.1897
in Belgard
an der Persante als Sohn des Kaufmannes Bernhard
Maaß und seiner Ehefrau Elsbeth
Maaß geb. Mohr in der Marienstraße 15/16 geboren.
Er wuchs zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern Heinz
(7.9.1900 - 12.9.1973) und Ilse (6.5.1903 - 26.12.1971)
auf. Die Kinder wurden von einem Kindermädchen betreut, das im Sommer
mit den Kindern viel Zeit in einem Garten verbrachte, der hinter der alten
Stadtmauer nahe der Marienstraße lag. Der Aufsicht des Kindermädchens
entwachsen war Erwin ein lebhafter Junge, der mit den Freunden in und um
Belgard auf Entdeckungsreisen ging. Die Eltern waren streng, der Junge bekam
oft Prügel: Mein Vater erzählte mir nicht nur einmal, wie die
Familie damals, als er vielleicht zehn Jahre alt war, den Sonntagnachmittag
verbrachte: So rüstete man auch bei Maaßens feiertags regelmäßig zum Spaziergang
durch die Stadt oder auch zum Friedhof, wo ein Geschwisterchen begraben
lag. Die Kinder - in weißen Matrosenanzügen bzw. -kleidern - wurden schon
vor die Tür geschickt, während die Eltern noch ihre Ausgehtoilette beendeten.
Die Jungen gingen natürlich nicht manierlich die Treppe hinunter, sondern
rutschten auf dem Bauch liegend auf dem Geländer nach unten. Als die Eltern
schließlich die vor der Haustür wartenden Kinder betrachteten, geriet der
Vater in großen Zorn und verprügelte beide Jungen. Denn schräg über die
Matrosenanzüge der Sprößlinge zogen sich breite "Ordensbänder", das heißt
dunkle Schmutzstreifen vom offenbar nicht sehr gewissenhaft geputzten Treppengeländer.
Die kleine Ilse war daran offenbar nicht beteiligt.*
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Heinz, Ilse & Erwin
(etwa 1906) |
Von 1903 bis 1913 besuchte mein Vater Volksschule und Gymnasium in Belgard,
später auch einige Jahre das Gymnasium in Halle an der Saale bis zur
"Obersekundarreife"; wahrscheinlich wohnte er dort gemeinsam mit
Bruder Heinz bei der Mohrschen Verwandtschaft
(von Seiten seiner Mutter Elsbeth). Vater Bernhard gab seine beiden Söhne
vermutlich nach Halle, da er in dieser Zeit im Streit mit dem Direktor des
Belgarder Gymnasiums lebte, wobei es um eine unbezahlte Rechnung aus unserem
Geschäft gegangen sein soll. Danach wurde mein Vater für eine
zweijährige Kaufmannslehre (1913-1915) zur Firma Gebr. Schönfeld
nach Stettin
geschickt. Nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg und einigen
Jahren kaufmännischer Tätigkeit als Angestellter bei der Firma
Karl Saß in Stolp sollte
er später einmal die väterliche
Kolonialwarenhandlung in Belgard übernehmen. Nach dem Tode seines
Vaters Bernhard Maaß 1927 war er zunächst für seine Mutter
Elsbeth als Geschäftsführer tätig, bis er zu Beginn der dreißiger
Jahre das Geschäft als selbstständiger Kaufmann übernahm.
Nach dem Tode seiner Mutter im Jahre 1936 erbte mein Vater Geschäftshaus
und -grundstück. Ich erinnere mich einmal gehört zu haben, daß
er eigentlich überhaupt nicht Kaufmann werden wollte....*
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| Mein Vater 1916 |
Mein Vater war als einziger der Familien Maaß,
Alverdes und Fraedrich
als Soldat im Felde. 1915 wurde er zur Infanterie, zum Infanterieregiment
54, eingezogen. Er kam mehr als drei Jahre Soldat nach Frankreich und hatte
als Gemeiner und später als Gefreiter an den übelsten Stellen
kämpfen müssen. Er bekam das EK II und war in Frankreich
häufig als Melder eingesetzt. Im Januar 1919 kehrte er schließlich
mit einer Verwundung an einem Fußknöchel vom Militär zurück.
Er erzählte oft von Verdun, Arras und Flandern,
vor allem den ersten Namen erwähnte er öfter. Diese Erlebnisse
müssen sehr prägend für ihn gewesen sein; viele Bücher
über den Ersten Weltkrieg (Romane und Dokumentationen, auch eine dicke
Geschichte seines Infanterieregiments) zeugten von seinem Interesse daran.
Er äußerte oft seine Wut und Verachtung über die "Etappenhengste",
deren Treiben er bei Lazarettaufenthalten in Belgien kennengelernt hatte.
Auch seine Abneigung, mit seinem Vater Bernhard auf die Jagd zu gehen, mag
aus der Kriegszeit herrühren. Er meinte, daß die Wildbeobachtung
durch das Fernglas eine interessante Sache sei, das Töten der Tiere
für ihn aber nicht akzeptabel. Sein Interesse für Wild, insbesondere
für Hirsche, zeigte sich zum Beispiel auch daran, daß er zur
Brunftzeit im Herbst nach Nassow,
einer Station an der Bahnstrecke nach Köslin in ein großes Waldgebiet
fuhr und dort die röhrenden Hirsche beobachtete. Hunde mochte er auch
sehr gern. Ich kann mich zwar nicht mehr an
Strolch,
einen stichelhaarigen Vorstehhund erinnern, der 1926 auf der Galerie zum
Hof an der Rückseite unseres Hauses neben meinem Kinderwagen Wache
gehalten haben soll, jedoch erinnere ich mich gut an den glatthaarigen Terrier
Fips,
an unseren Bernhardiner Peter
und an Drill,
einen beigen Deutschen Boxer. Bis zum Jahre 1936 hatten wir für unser
Geschäft auch noch ein Pferd, das den Rollwagen ziehen mußte,
wenn Waren von der Güterabfertigung der Bahn abgeholt oder zu Kunden
ausgeliefert wurden. Als Kind war mir das große, starke Pferd sehr
unheimlich, es erschien mir riesenhaft und bedrohlich, aber mein Vater hob
mich hinauf und führte mich auf dem Pferd im Hof herum.*
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Die Geschwister Erwin,
Ilse
und Heinz Maaß (ca. 1922) |
Mein Vater hatte zwei Geschwister: den Bruder Heinz (*7.9.1900) und die
Schwester Ilse (*6.5.1903). Heinz hatte studiert und zunächst ein Volontariat
auf einem Gut in Ostpreußen absolviert. Nach einer Ausbildung zum
Drogisten finanzierte seine Mutter Elsbeth die Einrichtung einer Drogerie
in Nörenberg am Enzigsee, einer kleinen Stadt auf der Pommerschen Seenplatte
südwestlich von Belgard. Von Nörenberg aus besuchte uns Onkel
Heinz öfter, manchmal brachte er von dort Krebse mit und erzählte
bei dieser Gelegenheit auch vom "Großen
Krebs im Enzigsee". Hier erinnere ich mich an eine Ansichtskarte,
auf der ein riesiger Krebs am Seeufer angekettet war und an ein Gedicht,
welches mich als Kind sehr beeindruckte ("Der große Krebs im
Enzigsee, das war ein Untier, jemine. Ein Kalb war gegen ihn ein Zwerg,
daob erschrak ganz Nörenberg. Mit seinen Scheren schnitt das Tier Holz,
Stein und Stahl im Stadtrevier...."). Denn vom Großen Krebs hatte
ich bereits in der Volksschule
gehört, als uns in der dritten oder vierten Klasse unser Lehrer auch
mit pommerschen Sagen wie etwa "Die Maränen im Madüsee",
"Die Sage vom Hertha-See" oder der Geschichte von der versunkenen
Stadt Vineta bekannt machte. Als das Geschäft in Nörenberg schlecht
lief, ging Onkel Heinz weiter "gen Westen" und kam Ende der dreißiger
Jahre nach Neunkirchen bei Saarbrücken, wo er als Angestellter einer
Hütte beschäftigt war. Er heiratete eine Nürnbergerin, mit
der er vier Kinder hatte. 1945 mußten sie kriegsbedingt das Saarland
verlassen und wurden in ein Flüchtlingslager in Usingen im Taunus eingewiesen.
Später lebte er mit seiner Frau Hilde und den Kindern Helga, Else,
Heinz und Alice in Frankfurt-Bornheim, wo er am 12.9.1973 starb. Onkel Heinz
war künstlerisch sehr begabt und auch handwerklich äußerst
geschickt, so baute er zum Beispiel in den zwanziger Jahren selbst einen
Rundfunkempfänger. Mein Vater hatte diesen alten
Detektorempfänger seines Bruders
aus der Anfangszeit des Radios im Kontor unseres Geschäftes aufgehoben.
Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, daß diese nur aus wenigen
Bauteilen und einem einfachen Kopfhörer bestehende Konstruktion ein
Vorgänger unseres großen Radios im Herrenzimmer war und habe
dieses einfache Gerät auch leider niemals in Betrieb gesehen. Oder
er zimmerte mir einen Stall für mein schönstes Ostergeschenk:
Ich mochte vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als mein
Onkel über Ostern bei uns zu Besuch war und am Ostersonnabend nach
Geschäftsschluß gemeinsam mit meinem Vater einen Abendspaziergang
an der Leitznitz machte. Als sie unweit der
Schloßmühle in der Dämmerung eine Katze beobachteten, die
einem jungen Hasen nachjagte und ihn bereits gepackt hatte, gelang es ihnen,
das Häschen zu befreien und mit nach Hause zu bringen. Als ich am Ostersonntag
erwachte, war mein Onkel schon dabei, für das verängstigte Tier,
das man zunächst in einen Karton gesetzt hatte, einen kleinen Stall
aus Holz zu bauen. Auf diese Weise kam ich damals zu einem echten Osterhasen.
Heinz photographierte und entwickelte, zeichnete und malte aber auch sehr
schön. So war er während eines Bockbierfestes, das in den dreißiger
Jahren zu Fastnacht in den Bierstuben unseres Geschäftes stattfand,
bei uns zu Besuch und kümmerte sich sehr phantasievoll um die Dekoration
der Räumlichkeiten. Das Fest stand unter dem Motto "eine Weltreise".
Mit dem Pinsel schuf er entzückende Aquarelle von den Häfen der
Welt durch die Bullaugen eines Schiffes betrachtet und zahlreiche aus Buntpapier
gefaltete und geklebte Papageien, wobei ich ihm gerne beim Ausschneiden
half.*
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Großmutter Elsbeth am Flügel bei ihrer
Tochter Ilse auf Gut Wachholzhausen |
Ilse war als jüngstes Kind Liebling der Eltern. Diese freuten sich
über ihre Heirat mit dem Gutsbesitzersohn Ferdinand (Ferry) Griep (*5.10.1890)
aus Granzin
/ Kreis Belgard, dem Bruder das dortigen Gutsbesitzers. Die
Hochzeit fand am 22.6.1927 statt, drei Tage vor dem Tode ihres Vaters. Wohl
unter Beteiligung der Schwiegereltern Griep hatte Bernhard Maaß den
Ankauf eines Gutes für Tochter und Schwiegersohn finanziert (Gut Wachhholzhausen
in der Nähe von Belgard), das zunächst noch mit Hypotheken belastet
war. Leider kamen die jungen Leute auf keinen grünen Zweig, denn diese
Belastung in Verbindung mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sowie
schlechte Ernten brachten Tochter und Schwiegersohn in Bedrängnis.
Nach dem Tode ihres Mannes Bernhard übernahm meine Großmutter
Elsbeth die Leitung des Maaßschen Geschäftes, überließ
indes die praktische Tätigkeit ihrem ältesten Sohn Erwin, meinem
Vater. Dabei verfügte sie allein über die Finanzen, so daß
sie erhebliche Mittel aus dem Geschäft abziehen konnte, um ihr Lieblingskind
Ilse zu unterstützen. Meine Mutter erzählte aus dieser Zeit, daß
der gesamte Gutshaushalt seine Lebensmittel, aber auch Spezialitäten
und Delikatessen unentgeltlich aus dem Maaßschen Geschäft bezog,
und in einem Jahr wurde selbst noch das Heu von zwei Morgen Wiese bei Darkow,
die zu dem Grundstück Marienstraße 15/16 gehörten, nach
Wachholzhausen gefahren; zudem unterstütze die Mutter ihre Tochter
auch finanziell recht großzügig. Dennoch ging das Gut in Konkurs,
Ferry Griep übernahm danach als Verwalter u.a. Gut Klötzin
/ Kreis Belgard, arbeitete später beim Reichsnährstand
in der Bahnhofstraße in Belgard und darauf bei derselben Behörde
in Pyritz. Von dort konnte die Familie 1945 über Stettin mit dem Schiff
nach Dänemark fliehen, nachdem Ilse noch ihren fünfzehnjährigen
Sohn aus dem Volkssturm, welcher Pyritz im April 1945 gegen die Russen verteidigen
sollte, herausgeholt hatte. Die Familie war eineinhalb oder zwei Jahre in
Dänemark in einem Internierungslager und konnte dann endlich nach Gütersloh
in Westdeutschland übersiedeln, wo eine Schwester von Ferry Griep lebte.
Ilse hatte zwei Kinder, meinen Cousin Horst (*16.9.1929) und meine Cousine
Hansi (*20.6.1936). Ferry und Ilse lebten bis zu ihrem Tode in Gütersloh.
Tante Ilse starb am 26.12.1971, Onkel Ferry am 1.4.1971.*
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| Die Hochzeit meiner Eltern 1924 |
Im Winter 1922/23 lernte mein Vater Erwin bei den Proben zu einer Amateurtheater-Aufführung
meine Mutter Bertha kennen. Beide wollten sich verloben
und brauchten dazu - wie damals üblich - die Genehmigung der Eltern.
Meine Großmutter Elfriede Alverdes war bereits eingeweiht
und mit Einschränkungen einverstanden. So kam mein Vater in die Pankniner
Straße 10, um von Rechnungsrat Johannes
Alverdes die Hand seiner Tochter zu erbitten. Mein Großvater wollte
jedoch nicht, daß seine Tochter in eine Kaufmannsfamilie einheiratet
und dort vielleicht noch im Geschäft
mithelfen muß. Sie sollte lieber einen Beamten heiraten, denn die
Alverdes' waren seit
vielen Generationen preußische Beamte.
So trafen sich Bertha und Erwin weiter heimlich trotz des väterlichen
Verbotes. Ein
Jahr später versuchte mein Vater noch einmal, Johannes Alverdes'
Herz zu erweichen, dieses Mal mußte sich dieser den Wünschen
der jungen Leute beugen und gab seine Zustimmung zu ihrer Eheschließung.
Die Hochzeit fand am 10.
November 1924 statt. Nach Aussagen meiner Mutter hatte mein Vater
sich immer nur Töchter gewünscht, so daß er sehr zufrieden
gewesen sei, als ich (Eleonore)
als erste Tochter am 18.12.1925 auf die Welt kam und als drittes Kind am
8.9.1933 meine Schwester Anneliese.
Dazwischen wurde am 25.12.1928 ein Junge, Heinz
Bernhard, geboren, der jedoch bei der Geburt starb. Dieser hätte
wohl nach den Gepflogenheiten der damaligen Zeit das Geschäft übernehmen
sollen; dennoch sagte mein Vater immer, daß er zwar traurig über
den Tod seines kleinen Sohnes gewesen sei, aber durchaus zufrieden mit "seinen
drei Frauen". Er war ein aufmerksamer, wohl auch recht nachgiebiger Ehemann,
wie ich den Bemerkungen meiner Großmutter Elfriede Alverdes (seiner
Schwiegermutter) entnahm, und er war ein liebevoller Vater. Sehr viel Zeit
hatte er als Geschäftsmann für uns Kinder nicht, nutzte aber die
verbleibende Zeit an Sonn- und Feiertagen, um sich mit uns zu beschäftigen.
Da er gern Rad fuhr, unternahm er mit mir kleinere Fahrradtouren, zum Beispiel
zu den Wiesen bei Denzin
und Roggow
zum Blumenpflücken, nach Kiefheide,
in Richtung Poetensteig
oder weiter bis zum Klempiner Berg, um dort den Segelfliegern zuzuschauen,
aber auch in das Belgarder
Stadtholz, wo wir dann im Restaurant rasteten.*
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Meine Eltern in Binz
auf Rügen (26.7.1928) |
Auch zu Fuß war die Familie im Sommer manchmal am Sonntagnachmittag
zur Gaststätte im Stadtholz
unterwegs, wo drei oder vier Musiker der Stadtkapelle Klemz Kaffeehausmusik
darboten. Sie spielten damals direkt auf der Veranda des Lokals und noch
nicht in der Konzertmuschel, die erst später gegenüber dem Restaurant
erbaut wurde. Ein Automat in Form einer großen, bunten Blechhenne,
die nach dem Einwerfen eines Groschens ein mit Süßigkeiten gefülltes
Blechei legte, erregte hier die besondere Aufmerksamkeit von uns Kindern.
Bisweilen waren wir in den dreißiger Jahren sonntags auch im
Café
Langjahr an der Ecke Hindenburgstraße / Wiesenstraße, wo
es mir damals sehr gut gefiel. Besonders hatte es mir ein freilaufender
Pfau angetan, der im Garten des Cafés zwischen den Tischen herumstolzierte.
Leider machte er uns nie die Freude, in unserer Gegenwart ein Rad zu schlagen
und so seine prunkvollen Schwanzfedern zu entfalten. Aber ich kann mich
auch an vertraute Stunden mit meinem Vater bei uns zu Hause erinnern, etwa
an die gemeinsame Lektüre von Büchern und an Gespräche über
die Inhalte. Dabei griff er wohl manchmal etwas zu hoch. So las er mir aus
Goethes "Hermann und Dorothea" vor, was mich als Zwölf- oder
Dreizehnjährige damals zu Tode langweilte.
Andererseits erinnere ich mich auch an seine Rezitationen aus Gustav Freytags
"Soll und Haben" (die Geschichte einer schlesischen Kaufmannsfamilie
im 19. Jahrhundert) oder aus dem Lustspiel "Die Journalisten",
die meiner Mutter und mir vor Lachen die Tränen in die Augen trieben.
Apropos "Soll und Haben": Wegen des Themas schenkte mein Vater
jedem Lehrling im dritten Lehrjahr zu Weihnachten ein Exemplar dieses Buches
- trotz meiner Mutter Protest, die wohl zu Recht meinte, daß die jungen
Leute diesen "Wälzer" bestimmt nie lesen würden. Zudem
weckte mein Vater bei mir das Interesse für Geschichte; ich habe schon
früh mit Freude historische Romane aus dem elterlichen Bücherschrank
gelesen. Auch für den Ersten Weltkrieg begann ich mich durch sein Schicksal
schon früh zu interessieren. Daß ich jedoch ein richtiger Bücherwurm
wurde, fand nicht seinen ungeteilten Beifall. Meiner Introvertiertheit und
der Neigung, mich mit meinen geliebten Büchern zurückzuziehen,
wollte er wohl entgegenwirken, indem er mich - es mag vielleicht 1937, 1938
oder 1939 gewesen sein - mit Botendiensten für das Geschäft beauftragte.
So mußte ich zum Beispiel zur Post, zur Deutschen Bank oder zu Kaufmann
Kaske in der Friedrichstraße gehen, was ich entsetzlich haßte.
Besonders in den Ferien ging ich ihm deshalb möglichst aus dem Weg.
Oft saß ich dann auf einem Sofa der Urgroßeltern, das mit anderen
Möbeln auf unserem Boden in einer Kammer abgestellt war. Von Büchern
umgeben fühlte ich mich dort geborgen und hörte nicht auf die
"Lore, Lore!"-Rufe, die durch das Haus schallten.*
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Die Hochzeitsgesellschaft anläßlich der Heirat
von Edwin Maaß aus Lülfitz mit Edith Knop
aus Redlin am 29.05.1936 vor der Scheune auf dem Hof der Familie Knop in Redlin
(links hinter dem Brautpaar Bertha & Erwin Maaß, rechts vorne Eleonore Maaß) |
Erheblich exklusiver als in der Gaststätte am Stadtholz gestalteten
sich dagegen die Besuche im Belgarder
Bahnhofsrestaurant. Bereits auf dem Weg dorthin fiel mir als Kind eine
grasbewachsene Erdaufschüttung rechts vom Bahnhofsvorplatz auf, nach
der ich meinen Vater befragte. Darauf erklärte er mir, daß dieser
Hügel hinter den Bäumen gegenüber der Güterabfertigung
ein künstlich angelegter Eiskeller sei, aus dem das hier im Winter
eingelagerte Stangeneis dann im Sommer zum Kühlen an Gastwirte und
Geschäftsleute geliefert würde, so auch an unser
Kolonialwarengeschäft
und die angeschlossenen Bierstuben. Dabei hatte ich bereits zuvor öfter
beobachtet, wie ein mit Eis beladener Pferdewagen zu uns in die Marienstraße
kam und die großen Eisstangen von Männern mit einem Lederschutz
auf der Schulter bei uns ins Haus getragen wurden, wo man mit dem zerkleinerten
Eis etwa in den Bierstuben in einem Becken der Theke Flaschen mit Spirituosen
kühlte. Der Besitzer des Belgarder Bahnhofsrestaurants, Herr Meybem,
war ein Freund meines Vaters. Sein Lokal war für hinterpommersche Verhältnisse
sowohl in Hinblick auf die Möblierung, das Tischzeug, das Geschirr
als auch die gesamte übrige Ausstattung recht elegant eingerichtet;
so wurde hier etwa der Kuchen von einem herbeigerollten Servierwagen auf
einer silbernen Platte zur Auswahl angeboten. Im Bahnhofsrestaurant kehrten
auch wir manchmal ein, wenn wir von einem Besuch des nahegelegenen Friedhofs
kamen. Denn auf dem vorderen Teil des "Eisenbahn-Friedhofs" hatte
die Familie zwei größere Grabstellen, eine für die Familie
Maaß, die andere für die Familien Alverdes und Fraedrich. Beide
waren mit einer niedrigen Hecke umfriedet. Auf der ersten lagen mein Großvater
Bernhard
und meine Großmutter Elsbeth
Maaß in einem efeubewachsenem Doppelgrab vor einem großen
Granitfindling, auf dem ihre Namen eingelassen waren. In einer vorderen
Ecke dieser Grabanlage war mein 1928 bei der Geburt gestorbener Bruder beigesetzt.
An einem hierzu parallel liegenden Hauptweg waren mein Großvater
Johannes
Alverdes und seine Schwiegermutter Mathilde
Fraedrich begraben (1944 kam mein Urgroßvater Karl Fraedrich
hinzu). Ein aufrecht stehender schwarzer Stein mit hellem Unterteil teilte
die große Grabstelle, er trug vorn den Namen von Johannes Alverdes,
hinten die meiner Urgroßeltern Fraedrich. Meine Großmutter
Elfriede
Alverdes (1958) sollte einmal dort neben ihrem Mann beerdigt werden;
nun ruht sie nach der Vertreibung aus der
Heimat auf einem Friedhof in Halle/Saale. Eine Gartenbank innerhalb dieser
Grabstelle gab uns die Möglichkeit, nach dem langen Weg von der Marienstraße
zum Friedhof etwas auszuruhen. Weiterhin erinnere
ich mich an einen Ausflug
mit Pferd und Wagen, den mein Vater an Himmelfahrt oder an einem Pfingstsonntag
mit uns (meiner Mutter, meiner Großmutter Frieda Alverdes und mir)
in ein Waldgebiet bei Kiefheide machte. Nach einer Weile übergab er
meiner Mutter die Zügel und bat sie, mit der Kutsche auf dem Weg weiterzufahren,
während er mit mir einen Fußweg einschlug, der später wieder
auf den Fahrweg mündete. Ich trug trotz der Wärme ein langärmliges
Strickkleid und fühlte mich deshalb unterwegs sehr unwohl. Wahrscheinlich
hatten wir den Fahrweg schon lange vor dem Pferdegespann wieder erreicht
- ich durchschaute das als kleines Kind damals jedoch nicht - als mein Vater
mir das Kleid auszog und es mit der Bemerkung "Wenn sie hier vorbeifahren,
werden sie es schon sehen!" an einen Ast am Wegesrand hängte.
Ich wehrte mich verzweifelt gegen diese Idee, denn ich befürchtete,
daß das Kleid von meiner Mutter nicht wahrgenommen würde und
ich in der Unterwäsche in die Stadt zurückkehren müßte.
Aber mein Vater beruhigte mich - und natürlich wurde das Kleid von
meiner Mutter gefunden und zu uns mitgebracht.
Aus dieser Zeit ist mir auch noch eine Fahrt mit unserem Pferdeschlitten
lebhaft in Erinnerung. Vermutlich im Jahre 1930 oder 1931 in einem auch
für Pommern ungewöhnlich langen Winter, der selbst im März
noch große Schneemengen brachte, waren meine Eltern und ich zu einer
Konfirmation bei einem guten Kunden auf dem Lande eingeladen (vielleicht
in Pumlow oder Silesen). Wir genossen die Fahrt durch die herrliche Winterlandschaft
in unserem mit wärmenden Decken ausgestatteten Korbschlitten, begleitet
vom Glöckchengeläut am Geschirr unseres Braunen. Die Hinfahrt
am Vormittag verlief problemlos (wir waren vielleicht eine dreiviertel Stunde
unterwegs), und nach der Einsegnung in der Dorfkirche und einem ausgiebigen
Festessen brachen wir schließlich am Nachmittag auf. Mein Vater wählte
für die Rückfahrt eine Abkürzung, um noch bei Tageslicht
nach Hause zu kommen. Das Unglück wollte es jedoch, daß wir in
einen vom Schnee zugewehten Hohlweg gerieten, in dem unser Pferd bis zur
Brust einsank. Meine Mutter und ich waren sehr erschrocken, mein Vater hatte
jedoch wie immer die Ruhe weg, beruhigte uns erst einmal und gab uns Anweisungen
für unser weiteres Verhalten. So half er uns zunächst aus dem
Schlitten und wir kämpften uns mühsam durch den brusthohen Schnee
bis auf den Rand des Hohlweges, von wo aus wir mit ängstlichem Staunen
die Bemühungen meines Vaters verfolgten, dem tief eingesunkenen Pferd
herauszuhelfen. Er hatte sich durch den Schnee bis vor unseren Braunen vorgearbeitet
und es gelang ihm nach mehreren Versuchen, das Tier mit anspornenden Rufen
und gleichzeitigem Hochreißen am Kopfgeschirr mit den Vorderbeinen
aus der tiefen Schneeverwehung heraus und schließlich einige Meter
weiter auf festen Grund zu bringen. Unsere Bewunderung für meinen Vater
war riesig und wir konnten nun den Rest des Weges ohne weitere Zwischenfälle
zurücklegen - und hatten zu Hause dann noch lange von unserem kleinen
Abenteuer zu erzählen.*
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In Kolberg auf dem Seesteg (ca. 1938) |
Mein Vater ging gern in den Zirkus und nahm mich des öfteren dorthin
mit. Auf dem Gelände
"An
der Binning", dem Belgarder
Rummelplatz,
hatte manchmal auch ein kleiner Zirkus sein Zelt aufgebaut - wir besuchten
jedoch nur größere Zirkusse wie etwa Zirkus Krone, die ihre Zelte
am Ortsrand auf einem großen Platz an der Polziner Straße aufschlugen.
Dann zogen oft einige Clowns und Artisten mit einem Elefanten und einer
kleinen Musikkapelle durch unsere Stadt, um das Ereignis gebührend
anzukündigen, wobei sie ihren Weg meist von der Friedrichstraße
über den Markt und die Heerstraße nahmen und so schließlich
durch die Marienstraße und an unserem Haus vorbeikamen, wo auch wir
in den Fenstern lagen und ihnen nachschauten, bis sie in Richtung Hohes
Tor verschwanden, um dann durch die Wilhelmstraße stadtauswärts
zur Polziner Straße zurückzukehren. Einmal gingen wir schon am
Vormittag gemeinsam zum Zirkus Krone, weil mein Vater dort wegen einer Lebensmittellieferung
etwas besprechen mußte. Dabei nahm er mich auch zum Wohnwagen von
Therese Renz, der "weißen Dame", einer berühmten, damals
aber nicht mehr aktiven Kunstreiterin aus einer alten Berliner Artistenfamilie
mit. Wenn es in Belgard ein Theater gegeben hätte, wäre er dort
sicher ein regelmäßiger Besucher gewesen. So fuhr er mit meiner
Mutter nur ab und zu nach Stettin, wo sie im Stadttheater musikalische Aufführungen
bevorzugten, Opern und vor allem Operetten. Er merkte sich die eingängigen
Melodien und konnte sie gut nachpfeifen. Oft soll er seiner Mutter Elsbeth
zu Hause die Melodien vorgepfiffen haben, und diese spielte sie dann auf
dem Klavier nach. Ins
Kino
gingen meine Eltern öfter; das heißt fast regelmäßig am
Samstagabend. Dort saßen sie stets in der zehnten Reihe rechts an der Seite,
damit mein Vater seine Beine ausstrecken konnte. Meine Eltern sahen am liebsten
Gesellschaftsdramen; Kriminalfilme liebten sie weniger oder garnicht. An
Schauspielern wurden unter anderem Heinrich George, Willi Forst und Hans
Söhnker geschätzt. Bei den Schauspielerinnen bevorzugte mein Vater
Zarah Leander, während meine Mutter Olga Tschechowa besonders mochte,
in Hinblick auf die Berliner Theaterwelt - anläßlich von
Besuchen
in Berlin bei
Walter Fraedrich, dem Onkel meiner Mutter
- waren das vor allem Fritzi Massary und Claire Waldorf. Mit dem uns Kindern
oft vorgesungenen "Sonnenkäferlied" aus der damals recht
populären Operette "Wela-Mädchen von Carl Bette höre
ich noch heute die Stimme meines Vaters:
Erst kommt der Sonnenkäferpapa
Dann kommt die Sonnenkäfermama
Und hinterdrein, ganz klitzeklein, die Sonnenkäferkinderlein
Und hinterdrein, ganz klitzeklein, die Sonnenkäferkinderlein
Sie haben rote Röckchen an
Mit kleinen schwarzen Pünktchen dran
So machen sie den Sonntagsgang
Auf unsrer Gartenbank entlang
Aus seiner Belgarder Schulzeit hatte mein Vater zwei gute Freunde: Walter
Fritzke und Till, dessen Familienname in meiner Gegenwart nie erwähnt
wurde. Walter Fritzke ging Ende der zwanziger Jahre für die Firma Siemens
nach Tokio und kam nur alle drei Jahre mit seiner Familie zu einem Urlaub
nach Deutschland. Er verlebte davon die meiste Zeit in Belgard bei seinen
Eltern und besuchte natürlich auch die Familie Maaß. Ich war
sein Patenkind und sehr stolz auf diesen Patenonkel, seine exotischen Mitbringsel
aus Japan und die Erzählungen von und über ihn. Von Till, dem
zweiten Freund meines Vaters, erzählte mir meine Mutter, die ihn wohl
sehr mochte. Er war Ingenieur bei der Überlandzentrale Belgard und
starb durch einen Stromschlag von einer Hochspannungsleitung. Das muß
in den ersten Ehejahren meiner Eltern gewesen sein.*
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Letzte Sommerfrische vor dem Krieg:
auf dem Rückweg vom Strand im
Rosengarten in Kolberg (1939) |
Längere gemeinsame Reisen waren meinen Eltern kaum möglich, da
der Geschäftsbetrieb Priorität hatte und somit die Anwesenheit
zumindest eines Elternteils in Belgard unverzichtbar war. Wenn meine Mutter
mit uns für einige Wochen nach
Kolberg
in die Sommerfrische fuhr, kam mein Vater dann am Wochenende - das heißt
sonntags oder manchmal auch bereits am Sonnabend nach Geschäftsschluß
- zu uns ans Meer. Im Gegensatz zu meiner Mutter liebte er Badeurlaube und
das Faulenzen im Strandkorb nicht besonders, so daß mein Vater vor
allem Spaziergänge an der Wasserlinie in Richtung Osten zur Waldenfelsschanze,
nach Westen zum Kolberger Hafen oder im lichten Kiefernwald hinter den Dünen
unternahm (dabei sagte er immer: "Ich muß laufen!", und
so richtete er es auch zu Hause ein, daß er abends nach Geschäftsschluß
zumindest noch einmal "um den Block" gehen konnte). Außerdem
liebte er Fahrten mit dem Schiff auf der Ostsee, sei es nun auf dem Boot
eines ihm bekannten Fischers oder mit einem Ausflugsdampfer zu einer längeren
Promenadenfahrt auf See, bei der ich ihn dann zweimal begleitete. Bei trübem
Wetter lenkte er unsere Schritte zur nahegelegenen Waldenfelsschanze am
östlichen Ende des Strandes, benannt nach Hauptmann von Waldenfels,
welcher sich ebenso wie Rittmeister von Schill und Rittmeister von Lützow
während der Belagerung Kolbergs durch Napoleons Truppen im Jahre 1807
um die Verteidigung der Stadt verdient gemacht hatte. Wenn wir bei unseren
Spaziergängen dann die Waldenfelsschanze erreichten, legte mein Vater
eine Pause ein und erzählte, während wir auf die Ostsee hinausschauten,
aus der Vergangenheit der Stadt Kolberg, die damals eine der wenigen Festungen
war, die den Franzosen standhielt. Unter Führung des Stadtkommandanten
Gneisenau und des Kolberger Bürgers Nettelbeck verteidigten sich die
Bewohner während der monatelangen Einschließung erfolgreich
gegen den Ansturm der napoleonischen Übermacht, wodurch ihr heldenhafter
Widerstand zu einer nationalen Legende wurde - und uns in der Schule als herausragendes
Beispiel preußischen Patriotismus' vorgeführt sowie von den Nationalsozialisten
bereits lange vor Kriegsbeginn für ihre Propaganda mißbraucht.
Oder er führte uns zum im Westen der Stadt gelegenen Hafen, wo wir
auf der langen Mole bis zur Hafenausfahrt gingen, die Schiffe am Horizont
beobachteten und die salzige Luft der Ostsee genossen. Dort begleitete ich
meinen Vater, der sich der Ostsee immer sehr verbunden gefühlt hat
und sich auch für den Hafen und den Alltag der Fischer interessierte,
zu den Liegeplätzen der Boote, wo er sich mit den Fischern über
die Arbeit und den Ertrag ihrer Fänge unterhielt oder mir das Leben
am Hafen erklärte. Hier bewunderte ich vor allem die Fischer bei der
Reparatur ihrer Netze, wenn sie mit flinken Fingern das Schiffchen mit dem
Netzgarn durch die Maschen führten, oder wir verfolgten die farbenfrohen
Fischerboote beim Ein- oder Auslaufen und beobachteten das Anlanden der
Fänge. Bei einem dieser Spaziergänge zeigte mir mein Vater auch,
wo am frühen Morgen die Belgarder Fischfrauen einzukaufen pflegten
und ihre Karren mit Fisch beluden, um dann mit der Bahn nach Belgard zurückzukehren
und ihre Ware fangfrisch auf dem Fischmarkt
in der Dienerstraße zum Verkauf anzubieten. Einmal durfte ich
meinen Vater begleiten, als er von einem befreundeten Fischer auf dessen
Boot mit auf die Ostsee hinaus genommen wurde; meine Mutter blieb währenddessen
am Ufer zurück, da sie immer gleich seekrank wurde. Diese Bootsfahrt
war für mich als vielleicht Zwölf- oder Dreizehnjährige ein
beeindruckendes Erlebnis und ich wünscht mir damals, auch einmal eine
richtige
Seereise zu machen (was für mich dann im Sommer 1939 in Erfüllung
gehen sollte). Der Höhepunkt seiner Ostseefahrten war eine mehrtägige
Schiffsreise mit einem großen Dampfer nach Dänemark (vielleicht
im Jahre 1937), von der er uns noch lange Zeit erzählte. Mich haben
dabei besonders seine Erinnerungen an den Vergnügungspark Tivoli in
Kopenhagen beeindruckt. Er bedauerte stets, daß ihn meine Mutter bei
derartigen Ausflügen nicht begleiten konnte, da ihr bereits bei leichtem
Wellengang schlecht wurde. Es muß dann wohl im Winter 1938/39 gewesen
sein, als sich mein Vater schließlich einen mehrwöchigen Urlaub
in den bayerischen Alpen gönnte. Nachdem er mit der Bahn in Brannenburg
am Fuße des Wendelsteins angekommen war, besorgte er sich einen Schlitten
und rodelte damit die Pisten hinab (als Flachlandbewohner hatte er das Skilaufen
nicht gelernt), oder er ging im Schnee spazieren und genoß die winterliche
Berglandschaft. Aus diesem Winterurlaub brachte er mir eine Skimütze
und eine Anstecknadel in Form eines kleinen Skis mit. Für seine Hinweise
zu Land und Leuten war ich ihm später auf meiner Reise
nach Bad Reichenhall im Jahre 1943 dankbar, denn so konnte ich bereits
vom Zug aus ab Freilassing das allmähliche Auftauchen der Alpen am
Horizont verfolgen und auf diese Weise das herrliche Panorama schon aus
der Ferne genießen, und auch seine Tips für Ausflüge an
den Königssee und nach Salzburg konnte ich damals gut gebrauchen. Von
diesen Reisen brachte mein Vater auch zahlreiche Photos mit, die seine Erzählungen
besonders anschaulich werden ließen.
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| Kolonialwarengeschäft Maaß 1926 |
Nachdem mein Vater nach dem Tode seines Vaters Bernhard 1927 einige Jahre
als Geschäftsführer für seine Mutter Elsbeth tätig gewesen
war, übernahm er Mitte der dreißiger Jahre die familieneigene
Kolonialwa-ren-, Delikatessen- und Weinhandlung als selbstständiger
Kaufmann. Die Geschäfts-räume befanden sich im Erdgeschoß
des Hauses Marienstraße 15/16, zwei Bierstuben
waren dem Laden angeschlossenen;
an der Hauswand neben den Schaufenstern hingen große emaillierte Blechschilder,
darunter Werbung für "Hildebrand Schokolade & Kakao",
"Kathreiner Malzkaffee", "Liebigs Fleischextrakt", "Bensdorp
Cacao", "Knorr Hafermehl beste Kindernahrung", "Zuntz
geröstete Kaffees", "Kohlstock-Bier"
und auch für "Spratts
Hundekuchen", ein übergroßes Emailleschild mit dem Kopf eines
Bernhardiners (nach einem Entwurf von Hans Lindenstaedt, einem der bedeutendsten
deutschen Gebrauchsgraphiker des frühen 20. Jahrhunderts), das mir
als Kind besonders gut gefiel. Wir entdeckten dieses Schild 1989 in einem
Hühnerstall hinter dem Haus und kauften es auf einer weiteren Reise
nach Pommern im Jahre 1992 einer polnischen
Familie ab, die damals in einer Wohnung des Gebäudes Marienstraße
15/16 lebte. Im Hof befand sich eine Ausspannung, die vor
allem für die Kunden aus den umliegenden Dörfern Bedeutung
hatte, denn hier konnten sie - wie auch in verschiedenen anderen Läden
der Stadt - ihre Pferde ausspannen und während des Einkaufs unterstellen.
Mitte der zwanziger Jahre war u.a.
Hilmar Kramp als Lehrling im Maaßschen
Geschäft, der Sohn des Stationsvorstehers von Nassow und Bruder von
Grete Kramp, meinem Kindermädchen bis Anfang der dreißiger Jahre
und erste Frau meines Onkels Karl Alverdes
(der sie bei uns im Hause kennenlernte); letzter kaufmännischer Lehrling
war Bruno Giese
Anfang der vierziger Jahre.*
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"Belgards Hausfrauen kochen elektrisch"
(Poststempel 1935) |
Das Geschäft war bereits seit langem auf Kaffee, Weine und Spirituosen
spezialisiert. Natürlich führte man auch alle anderen Lebensmittel.
Schon mein Großvater Bernhard Maaß hatte neue Kaffeemischungen
hergestellt. Der Rohkaffee wurde damals in einem Gasröster gemischt
und geröstet. Später schaffte mein Vater einen großen elektrischen
Kaffeeröster an. Ich habe oft davor gestanden und durch eine Glasscheibe
die Bewegungen der Kaffeebohnen in der großen Rösttrommel verfolgen
und danach beobachten, wie der Kaffee in einem großen, offenen Behälter
zum Abkühlen durch ein Rührwerk bewegt wurde. Alle Räume
waren dann von herrlichem Kaffeeduft durchzogen. Wahrscheinlich kam dieser
elektrische Kaffeeröster im Zuge einer Kampagne der Überlandzentrale
zur Umstellung von Gas auf elektrischen Strom in den Laden. Dafür warben
auch Transparente über den Straßen mit der Aufschrift "Belgard
kocht elektrisch" und eine elektrische Illumination des Mükeparks,
die mir als Kind besonders gut gefiel. Im Jahre 1935 wies sogar der Belgarder
Poststempel darauf hin. Im Zuge dieser Umstellung wurden bisher gasbetriebene
Geräte wie beispielsweise Kocher, Waffel- und Bügeleisen während
einer gewissen Übergangsphase kostenlos gegen elektrische Modelle eingetauscht,
auch wir bekamen damals einige Haushaltsgeräte unentgeltlich umgetauscht.
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Das Gebäude Ecke Lindenstraße/
Bahnhofstraße im Jahre 1997 |
Einige andere Kolonialwarengeschäfte in Belgard waren: Paske (früher
Reichow) in der vorderen Friedrichstraße,
Beyer,
Banatz
und Manke
am Markt, Krüger an der Ecke Luisenstraße / Pankniner Straße,
eine Filiale von Kaisers Kaffeegeschäft in der Heerstraße und
ein Konsum. Zeitweise hatte die Firma Maaß auch eine Filiale an der
Ecke Lindenstraße/Bahnhofstraße - mein Vater nahm mich jedoch
nur ein einziges Mal dorthin mit. Bis zum Jahre 1936 verfügte das Geschäft
noch über ein Pferd, das den Rollwagen (einen Tafelwagen mit niedrigen
Seitenwänden) zog, wenn Waren von der Güterabfertigung der Bahn
abgeholt oder zu Kunden gebracht werden mußten. Später wurden
die Auslieferungen an die Kundschaft dann mit einem Geschäftsrad mit
Anhänger erledigt. An ruhigen Tagen leistete sich mein Vater manchmal
das Vergnügen, vor dem Laden mitten auf der Marienstraße die
städtischen Tauben zu füttern. Mit Erbsen oder Linsen in den geöffneten
Händen lockte er die Tierchen an - und die Vögel ließen
sich tatsächlich direkt auf seinen ausgestreckten Händen nieder
und pickten hier in aller Ruhe die angebotenen Hülsenfrüchte.
Von diesem, für mich als Kind äußerst beeindruckenden Schauspiel
hatten wir in unserem Familienalbum ein Photo, welches mein Onkel
Heinz Maaß aufgenommen hatte und das
ich leider nicht über die Vertreibung aus Pommern retten konnte. Trotz
der Mahnungen meines Vaters, die Hände auch wirklich ruhig zu halten,
schaffte ich es jedoch nie, ihm dieses Kunststück nachzumachen - denn
in meiner kindlichen Ungeduld und mit meinen hastigen Bewegungen verscheuchte
ich die Tauben immer sofort.*
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Mein Vater Mitte
der 30er Jahre |
Mein Vater handelte auch mit Briketts (en detail) und Brennspiritus. Diese
Geschäfte lagen in den Händen von Herrn Rettig, dem Hofarbeiter.
Im Herbst und Winter wurde auch Wild - Hirsche, Rehe, Hasen und Wildschweine
- verkauft, das an großen Haken unter der Holzgalerie im Hof aufgehängt
war und von Herrn Rettig fachgerecht zerlegt wurde. Das Häuten der
Hasen übernahm unsere langjährige Hausgehilfin Olga, die darin
ebenso wie im Spicken eine große Fertigkeit erlangt hatte. In Hinblick
auf die in unserem Geschäft verkauften Lebensmittel erinnere ich mich
an Artikel von Knorr und Maggi, an Blauband-Margarine (mit einer Zeitung
für Kinder, die bei uns an der Kasse auslag), an Sarotti-, Hildebrand-,
Mauxion-, Hachez- und Cailler-Schokolade, Camembert "Stolper Jungchen",
geräucherte Gänsebrust (Spickbrust), an Teewurst von der Firma
Wilhelm Brandenburg aus Rügenwalde
und Kathreiner Malzkaffee. Senf - bei uns Mostrich genannt - kam von der
Firma Kühne und wurde aus großen grau-blauen Keramikgefäßen
in die von den Kunden mitgebrachten Gefäße gezapft. Ebenso verfuhr
man mit "Kreude", dem schwarz-glänzenden Zuckerrübensirup.
Marmelade gab es lose aus Blecheimern oder als Konfitüre in gedrungenen,
rundlichen Gläsern der Firma Bourzutschky. Bei den weihnachtlichen
Süßwaren, von denen ich als Kind Marzipankartoffeln aus Lübeck
bevorzugte, kann ich mich natürlich auch an Nürnberger Lebkuchen
erinnern. Die edelsten Oblatenlebkuchen waren in geprägte und farbig
bedruckte Blechdosen verpackt und kamen von Haeberlein & Metzger. Nährmittel,
Zucker und Salz wurde in Säcken angeliefert, vom Personal abgewogen
und eingetütet. Die Salzsäcke waren weiß und hatten einen
hellblauen seitlichen Streifen, sie wurden nach dem Auftrennen als Handtücher
in Laden und Bierstube benutzt. Zigaretten befanden sich in einem etwas
höher aufgehängten Wandschrank, unter dem ein kleiner Holztritt
stand. Ich erinnere mich an
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Die Rama-Kinderzeitung (Jugendschrift
zur Unterhaltung und Belehrung) gab
es auch bei uns im Geschäft |
die Marken "Eckstein", "R6" und "Muratti Gold".
Meine Mutter rauchte nur Zigaretten mit Goldmundstück und sammelte
für mich die den Packungen beiliegenden Bilderschecks, die ich dann
nach Hamburg-Bahrenfeld zum Zigaretten-Bilderdienst sandte, um dafür
Bilder einzutauschen und die entsprechenden Sammelalben - etwa "Märchen",
"Tiere des Waldes", "Blütenpflanzen" oder "Malerei
der Renaissance" - zu bestellen. Wasch- und Putzmittel gab es damals
noch nicht in dieser Vielfalt wie heute, jedoch sind mir "Persil",
"Sil", "Henko", Kernseife, Seifenflocken und Ata-Scheuerpulver
in Erinnerung geblieben. Ein Großhändler, welcher unser Geschäft
mit Lebensmitteln belieferte und u.a. auch ein Auslieferungslager in Belgard
unterhielt, war die Firma Tetzlaff & Wenzel, Nahrungsmittel-Großhandel,
-Einfuhr und -Industrie, mit Hauptsitz in Stettin
und mit bereits damals mehr als 200 Vertretungen, Auslieferungslagern und
Fabrikationsstandorten in Deutschland, Österreich, den Niederlanden,
Spanien und selbst in Ostafrika.
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| Das Erdgeschoß 1936 |
Die beiden Bierstuben
lagen rechts neben dem Laden und hatten zwei bzw. drei Fenster zur Marienstraße.
Man konnte sie vom Laden, vom Hausflur und vom Hofgang aus betreten. In
der ersten Bierstube stand eine kurze Theke mit den Bierzapfhähnen,
die vom Keller aus gespeist wurden. In späterer Zeit waren die Zapfstellen
in einer hinter der Theke vom Packraum abgeschlagenen Nische, wo sich auch
das Spülbecken befand. Auf der alten Theke standen von da an Gläser
mit Salzstangen und ähnliches. An einer Seitenwand neben dem Hinterausgang
befand sich ein Schränkchen für verschiedene weitere Utensilien;
in einem Hängeschränkchen lagerten Zigarren. Vom Packraum war
ein schmaler Gang durch Holzplatten abgeteilt, der die benachbarte erste
Bierstube mit dem Ausgang zum Hof verband. In diesem Durchgang stand der
Geschirrschrank. Die Einrichtung bestand aus zwei großen, langen Tischen
mit gepolsterten Bänken und Stühlen aus Holz. Die zweite Bierstube
hatte drei große und einen kleinen Tisch, sowie Sofas und gepolsterte
Stühle mit Armlehnen. Ein Mantelständer und eine Reihe von Haken
für Zeitungen und Zeitschriften, etwa die "Belgarder Zeitung"
oder die "Berliner Illustrierte", vervollständigten die Ausstattung.
Meine Mutter versuchte in den letzten Jahren, die triste Einrichtung durch
Blumen etwas aufzuhellen. Ich habe für die kleinen Keramikvasen im
Sommer oft Wiesenblumen gepflückt.*
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| Marienstraße 15/16 im Jahre 1996 |
An Getränken gab es Bier vom Faß - u.a. Dortmunder Unionsbräu,
wahrscheinlich auch Kohlstock-Bier
- Spirituosen und Kaffee. Man konnte dazu warme Würstchen mit Brot
und Tilsiter oder Schweizer Käse, der in Streifen geschnitten und mit
Senf serviert wurde, verzehren. Einmal im Jahr im Winter gab es einen großen
Topf "Königsberger Fleck", eine Suppe, die aus Rinder- und
Schweinemagen gekocht war und deren Brühe viele kleine Magenwürfel
enthielt. In der Fastnachtszeit wurde zu einem Bockbierfest eingeladen,
bei dem auch entsprechende Dekorationen, Kappen und Pappnasen eine Rolle
spielten. Die Betreuung der Bierstube erfolgte tagsüber wohl durch
Angestellte vom Laden aus. Abends kamen nur wenige Gäste, es waren
fast alles Stammgäste. Mein Vater bediente sie selbst, und wenn er
im Kontor Schreib- oder Buchführungsarbeiten zu erledigen hatte, saß
meine Mutter in der Bierstube und versorgte die Gäste. Später
wurde ein Buffetier eingestellt, der jedoch im Herbst 1939 kurz nach dem
Einmarsch der deutschen Truppen in Polen nach Westpreußen ging, um
dort selbst ein Lokal zu eröffnen. Ich vermute, daß im letzten
Jahr die Bierstuben am Abend geschlossen waren, denn mein Vater war ja schon
zu Kriegsbeginn eingezogen worden, so daß meine Mutter sich allein
um das Geschäft kümmern mußte und bereits damit überlastet
war.*
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| Verblichener Hinweis im Jahre 2000 |
Werner Pagel, Sohn von Reinhard Pagel, dem letzten Bürgermeister von
Roggow (einem Dorf etwa 4 km südlich von Belgard),
erinnert sich an einen Besuch in den Bierstuben unseres Geschäftes:
"Bis Mitte der dreißiger Jahre lief alles in ruhigen Bahnen.
Mein Vater konnte damals noch alles mit dem Fahrrad, auch zu den Ämtern
in Belgard, erledigen. Gelegentlich nahm er auch Pferd und Wagen und verband
damit einiges, so beim Einkaufsverein, beim Sattler, in Geschäften
usw. Ich fuhr oft mit; wir spannten bei Kaufmann Bernhard Maaß am
Ende der Heerstraße, in der Nähe des Hohen Tors aus. Wenn die
Besorgungen erledigt waren, saß man noch etwas in der Gaststube, wo
in der Regel Bekannte aus anderen Dörfern anzutreffen waren. Das erste
Getränk meines Vater war ein "Koks", ein hochprozentiger
Rum (?) mit einem Stück Würfelzucker und einer Kaffeebohne darin.
Dann - je nach Wetter - eine Tasse Kaffee oder ein Bier. Für mich nach
Wunsch eine gelbe, rote oder grüne Limonade. Auch den kleinen Imbiß
vergesse ich nicht. Unterhalb von Kaufmann Maaß - Richtung Marktplatz
- in der Heerstraße war eine Bäckerei. Ich meine, es war die
Bäckerei Sellnow. Von dort mußte ich dann für 20 Pfennig
vier Brötchen holen. Aus dem Laden wurde auf einem Teller ein Keil
Tilsiter Käse in Streifen geschnitten mit Mostrich gebracht. Für
mich war dieses zweite Frühstück ein Erlebnis. Die Fahrt zurück
nach Roggow führte meistens über Sternkrug. Mein Vater konnte
hier dann noch amtliche Erledigungen machen."
[Quelle:
http://www.Belgard.org/Ortsgesch/Fotos/Roggow/Pagel.htm]
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| Marienstraße 15/16 im Jahre 1972 |
Unter dem Laden und den Bierstuben befanden sich die Kellerräume, zum
Teil mit Gewölben. Hier wurden Käselaibe, Essig und Weine - aus
dem Rheingau, von der Mosel und aus Frankreich - gelagert. Es gab auch einen
Abfüllapparat und eine Verkorkungsmaschine für Weine, die im Faß
geliefert wurden. Heringe lagerten in einer großen Tonne im Packraum
hinter dem Laden, wo auch die Materialien für die Schaufenstergestaltung
in einem Wandregal lagen. Ein großer Tisch vor dem Hoffenster war
der Ort, wo die Lebensmittel für die Hauslieferungen zusammengestellt
und verpackt wurden. Auf diesem Tisch wurde auch das Wild zerlegt, das vorher
an Haken unter der Holzgalerie "abhing". Ich erinnere mich auch
an lebende Karpfen, die man zu Weihnachten und Sylvester anbot. Sie wurden
in der Waschküche in mehreren Tonnen unter ständigem Zufluß
von Leitungswasser gehalten. Einmal geschah es, daß einige Karpfen
übrig blieben. Diese wurden dann in unsere Badewanne umquartiert und
nach und nach an Freunde und Bekannte verschenkt. Natürlich kamen sie
auch bei uns als "Karpfen blau" oder "Karpfen in Biersoße"
auf den Tisch.
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| Marienstraße 15/16 am 13.8.2001 |
In einem zum Hof gelegenen, vom Hausflur aus zugänglichen Zimmer hielten
sich am Sonnabend, dem Einkaufstag der Landkundschaft, oft Bauersfrauen
auf, die nach Erledigung ihrer Einkäufe sich nur ungern zu ihren Männern
in die Bierstuben setzten und deshalb hier auf die Heimfahrt warteten (die
Wagen der Bauern standen während des Einkaufs in der Mauerstraße
hinter unserem Haus und die Pferde im großen Pferdestall am hinteren
Hoftor). Dieses hintere Zimmer war in den dreißiger Jahren zeitweise
an Ernst
Hardt, einen Vertreter der Kohlstock-Brauerei
vermietet, der hier sein Büro hatte. Die Kohlstockfässer lagerten
in einem separaten Keller, der Anfang des Krieges zum Luftschutzkeller ausgebaut
wurde. Das dicke Kaltblutpferd, das den Brauereiwagen zog, hatte einen kleinen
Stall im hinteren Teil des Hofes. Im Geschäft arbeiteten in den dreißiger
Jahren meistens einige "junge Männer" (Angestellte) und zwei
Lehrlinge, dazu Fräulein Emma Kunst
als Kassiererin. Dabei erinnere ich mich an Herrn Kuchenbecker, der mich
im Radfahren unterwies und an Herrn Hribernig aus Leoben in der Steiermark,
der mit seinem Saxophon-Spiel mein pubertäres Herz rührte.
Nach der Schließung unseres Geschäftes im Jahre 1940 wohnte in
diesem hinteren Zimmer Emmi
Klawin, Tochter
eines Bauern aus dem benachbarten Dorf Pumlow, die während des
Krieges als DRK-Schwester im Lazarett in Belgard tätig war.
Die Wohnungen in unserem Haus waren zur Zeit meiner Kindheit wie folgt verteilt:
Über den Geschäftsräumen und den Bierstuben des Erdgeschosses
lagen im ersten Stock zwei Wohnungen. Das waren die große Wohnung
auf der linken Hausseite mit Fensterblick zum Marktplatz (4 ½
Zimmer, Küche, Bad mit WC), die von den Großeltern Maaß
und später von meiner verwitweten Großmutter Elsbeth Maaß
allein bewohnt wurde und die kleinere Dreizimmerwohnung, in der meine Eltern
mit mir wohnten. Meine Eltern hatten zusätzlich ein Zimmer im Dachgeschoß,
das sie als Schlafstube nutzten. Dieses Zimmer war zur Zeit der großen
Wohnungsnot für vielleicht ein bis zwei Jahre an Herrn Ruthenberg vermietet,
den neu zugezogenen Direktor einer Krankenkasse, der dort mit Frau und Tochter
Renate (einer netten Spielgefährtin) wohnte. Eine Kochgelegenheit wurde
mit einem Gaskocher auf dem Trockenboden geschaffen. Außerdem waren
im Dachgeschoß drei kleinere Zimmer und eine Toilette für die
kaufmännischen Angestellten und im linken Seitenflügel zwei kleine
Kammern für das Hausmädchen, die nur über eine kleine Holztreppe
von unserer Küche aus erreichbar waren. Außerdem war dort oben
der große Trockenboden mit kleinen Fenstern zur Marienstraße
und zwei abgeschlagene Bodenkammern, von denen die hintere eine separate
Räucherkammer enthielt.*
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| Marienstraße 15/16 im Jahre 1989 |
Nachdem meine Großmutter Elsbeth aus der großen Wohnung in eine
für sie ausgebaute Wohnung im Dachgeschoß (zwei Zimmer und Küche)
gezogen war, übernahmen meine Eltern die große Wohnung im ersten
Stock, die mit fünf Fenstern zur Marienstraße lag. Die von ihnen
vorher bewohnte rechte Wohnung dieses Geschosses wurde nun als Zweizimmerwohnung
mit Küche vermietet. Das dritte Zimmer dieser Wohnung, das noch einen
Ausgang zum Treppenhaus besaß, wurde abgetrennt und von Maaßens
als Gästezimmer benutzt. Die ersten Mieter der Zweizimmerwohnung waren
das pensionierte Ehepaar Schönwaldt, später das alte Ehepaar Schulze.
Herr Schulze hatte ein Gemüsegeschäft
in der Friedrichstraße Nr. 12 gehabt, Ernst Schönwaldt war früher
Malermeister gewesen. Er machte noch ab und zu Gelegenheitsarbeiten und
hatte für seine Farben ein vom Hof zugängliches Kämmerchen
unter der Treppe zum Speichergebäude an der Mauerstraße. Mit
seiner Frau und deren Schwester, einer Bethaniendiakonisse aus Stettin,
spielte ich im Sommer oft auf der Galerie Rommé. Ich verehrte Schwester
Elise und freute mich schon immer auf ihren Sommerurlaub. Frau Schönwaldt
hatte eine Nichte oder Großnichte mit Namen Evchen (Eva Malsch geb.
Huth), die oft zu Besuch kam und dann mit meiner Schwester Anneliese spielte.
Nach dem Tod meiner Großmutter Maaß
im Jahre 1936 wurde ihre Wohnung im Dachgeschoß an den Bruder meiner
Mutter, Onkel Karl Alverdes und seine zweite Frau Helene vergeben, wobei
zu den zwei Zimmern und der Küche noch ein Bad kam, das in eine der
Mädchenkammern des linken Seitenflügels eingebaut wurde. Danach
verblieben für die Angestellten zwei kleine Zimmer im Dachgeschoß
des rechten Seitenflügels und eine Mädchenkammer im linken Seitenflügel.
Die Beheizung der Räume erfolgte durchweg mit Kachelöfen, und
im Laden war meiner Erinnerung nach wohl gar kein Ofen. 1936 ließ
mein Vater in die Geschäftsräume und Bierstuben des Erdgeschosses
und in unsere Wohnung im ersten Stock eine mit Koks beheizte Warmwasser-Etagenheizungen
einbauen. Die übrigen Räume im ersten Stock und im Dachgeschoß
behielten ihre Kachelöfen. An einen Kachelofen in unserer Wohnung kann
ich mich noch sehr gut erinnern. Er hatte auf der Vorderseite ein großes
Stuckmedallion, auf dem ein abwärts schreitender Schütze mit Armbrust
dargestellt war, und oben einen reichverzierten Aufsatz. Ich mußte
beim Ansehen immer an das folgende Lied denken:
"Mit dem Pfeil, dem Bogen
durch Gebirg und Tal
kommt der Schütz gezogen
früh beim Morgenstrahl."
Später entdeckte ich den Kachelofen durch die Schaufensterscheibe im
Verkaufsraum eines kleinen Gemüseladens in der
Wilhelmstraße,
er war nach dem Abriß dorthin verkauft worden.*
Vielleicht im Sommer 1937, das heißt vor dem Anschluß des Sudetenlandes
an das Deutsche Reich, bekamen wir - wohl durch Vermittlung der NSV (Nationalsozialistische
Volkswohlfahrt), die damals im Rahmen eines Aufrufes Quartiere für
Volksdeutsche aus der Tschechoslowakei suchte - für einige Wochen einen
Arbeiter aus Leitmeritz an der Eger im Alter von etwa Mitte Dreißig
zugewiesen, der einen ausgesprochen elenden Eindruck machte und sich bei
uns erholen sollte. Obwohl keiner von uns die Zeit hatte, sich viel um ihn
zu kümmern und wir ihn in der Regel nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten
sahen, gefiel es ihm bei uns sehr gut. Dafür war er uns in einer fast
schon peinlichen Art und Weise dankbar, denn einen derartigen Urlaub bei
netten Menschen und mit gutem Essen schien er zuvor noch nicht verlebt zu
haben. Er wohnte bei uns im Haus in einem Zimmer unter dem Dach und unternahm
viele Spaziergänge in die Stadt
und in die nähere Umgebung. Ab und zu unterhielten sich meine Eltern
abends mit ihm und erfuhren so aus erster Hand vom Leben und Leiden der
Deutschen unter tschechischer Herrschaft. Bald erhielt er bei uns den Spitznamen
"Herr Tschich", denn er kam jeden Morgen zum Frühstück
mit dem Gruß "Tschich!" zur Tür herein. Als meine Mutter
ihn nach einiger Zeit fragte, was diese Begrüßung denn bedeuten
solle, antwortete er "Guten Morgen wünsch' ich!" (das heißt
er verschluckte den größten Teil des Satzes).
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| Nach dem Einsturz am 6.8.2001 |
Während unser ehemaliges Wohn- und Geschäftshaus Marienstraße
15/16 bei den Besuchen in den Jahren 1985, 1989 und 1992 noch relativ gut
erhalten und vollständig bewohnt war, zeigte es
sich bereits 1996 seit mehreren Jahren unbewohnt und einschließlich
der Nebengebäude nahezu
völlig zerstört, das heißt die Zwischendecken und Fachwerkfüllungen
herausgebrochen, die Fenster zugemauert, das Mauerwerk zum Hof teilweise
eingerissen und lediglich die Fassade zur Marienstraße noch erhalten.
Schließlich stürzte das Haus in der Nacht vom 6. auf den 7.8.2001
in sich zusammen. Über die näheren Umstände schrieb die Tageszeitung
Glos Koszalinski aus Koszalin (ehemals Köslin) in ihrer Ausgabe
vom 9.8.2001 unter der Überschrift "Und
die Mauer stürzte ein...." sinngemäß:*
"Ein Großalarm
hielt gestern Abend die Rettungskräfte Bialogards in Atem. Ein Gebäude,
in dem sich sieben Kinder aufhielten, stürzte ein. Sofort wurde Hilfe
geleistet. Aus Gdansk [ehemals Danzig] wurden Spezialkräfte der Feuerwehr
angefordert.
Kurz nach 21 Uhr stürzte ein Teil eines abbruchreifen Hauses in der
Najswietszey Marii Panny [ehemalige Marienstraße] ein. Nach Angaben
der Nachbarn wurden dort noch kurz vor dem Einsturz sieben Kinder gesehen.
Die Rettungskräfte befürchteten schon das schlimmste. Zum Glück
wurden die vermißten Kinder von der Polizei bereits zu Hause angetroffen.
'100-prozentige Sicherheit gibt es aber nicht, wir müssen weitersuchen'
sagte Jacek Wielinski, Kommandant der PSP Bialogard. Die benachbarten
Straßen wurden gesperrt und die Unglücksstelle beleuchtet.
Die Bewohner der benachbarten Häuser mußten ihre Wohnungen
verlassen; erst nach vier Stunden durften sie nach Hause zurück.
Der Einsatzleiter der Feuerwehr, Tadeusz Reszko, setzte sich mit dem Bauamt
in Verbindung. Dieses empfahl, mit dem Abriß bis zum Morgen zu warten.
'Da wir jetzt wissen, daß sich keine Personen mehr im Gebäude
befinden, würde dies ein zu großes Risiko für unsere Leute
bedeuten. Die Lampen blenden und es kann leicht zu einem Unfall kommen'
warnte Bauinspektor Andrzej Kazirod. Um Mitternacht kam der Leiter der
PSP Bialogard, Stanislaw Lenard, zur Unglücksstelle: 'Die Lage ist
sehr ernst. Im Inneren des Gebäudes hängen noch die Reste der
Decken, die Arbeiten fortzusetzen ist von daher unmöglich.' Das Gebäude
steht im Privateigentum. Seit Monaten versuchen die Behörden, mit
dem Besitzer Kontakt aufzunehmen, dieser ist jedoch verschwunden. Jetzt
droht ihm eine satte Strafe oder sogar Gefängnis. Auch die Kosten
des Einsatzes muß er tragen.
Es bestehen keine Zweifel, wie es zu dem Unglück kommen konnte -
das Holz des Gebäudes wurde demontiert und als Brennmaterial verwandt;
Kinder sollen Backsteine entfernt und dafür 5 Zloty bekommen haben,
von wem ist noch unklar. Am nächsten Morgen begann man schließlich
mit dem Abriß."
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| Erwin Maaß 1942 |
Als mein Vater 1939 bereits einige Tage vor Beginn des Krieges eingezogen
wurde, übertrug er meiner Mutter die Geschäftsleitung. Da auch
unsere Angestellten zur Wehrmacht einberufen wurden, unterstützten
sie nur noch der Lehrling Bruno Giese
und Fräulein Emma Kunst,
ein älteres Fräulein, das schon früher bei uns zeitweise
als Kassiererin ausgeholfen hatte. Zu den Schwierigkeiten
durch die Abwesenheit des Geschäftsinhabers und die fehlenden Mitarbeiter
kamen die zahlreichen Vorschriften der Kriegswirtschaft wie etwa Lebensmittelkarten
und Lieferbeschränkungen. Das alles führte zu einer erheblichen
Steigerung des Arbeitsaufwandes und bedeutete damit eine große Belastung
für uns alle. So sehe ich uns heute noch - meine Mutter, meine Großmutter,
unsere Hausangestellte Grete und mich - in unserem Wohnzimmer auf dem großen
Eßtisch unter einer dunkelroten Hängelampe mit Fransen die unzähligen
Lebensmittelmarken aus unserem Geschäft auf große Packpapierbögen
in Reihen abgezählt und nach Kategorien geordnet mit Leim und Pinsel
aufkleben. Dazu kam die immer weiter verschärfte Preisauszeichnungspflicht.
Anläßlich einer Kontrolle in unserem Geschäft hatte meine
Mutter eine äußerst unangenehme Begegnung mit einem anmaßenden
Beamten von der Preisüberwachung, der sie des Betruges verdächtigte,
weil sie in Unkenntnis der Gepflogenheiten im Wildhandel das Fleisch eines
Spießbockes nicht richtig ausgezeichnet hatte. Nach Gesprächen
mit Hertha Beyer vom gleichnamigen Kolonialwarengeschäft am Markt /
Ecke Poststraße über die unter allen Einzelhändlern unbeliebten
Praktiken der Preisüberwachungsbehörde und eingehender Beratung
mit meinem Vater schloß meine Mutter im November 1940 das Geschäft. Die bewirtschafteten
Waren übernahm die Firma
Beyer und der Lehrling beendete seine Ausbildung bei Kolonialwaren
Banatz am Markt / Ecke Jägerstraße. Die finanzielle Lage
unserer Familie war gesichert, weil mein Vater nach der Schließung
des Geschäftes neben seinem Zahlmeistergehalt eine Familienunterhaltszahlung
erhielt.*
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| In Krakau |
Dennoch waren wir im Kriege sehr froh, daß mein Vater wegen seines
Alters nicht zur kämpfenden Truppe eingezogen wurde. Er mußte
sich jedoch schon ein paar Tage vor Kriegsausbruch im August 1939 als Zahlmeister
in der alten Belgarder Kaserne an der Körliner Straße stellen,
gegen Kriegsende diente er als Oberzahlmeister (Leutnant der Reserve) bei
der Fahr-Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 2 in Köslin und schließlich
beim 1. Bataillon des Auffrischungs-Regiments 59 in Hammerstein bei Neustettin
(ca. 70 km südöstl. v. Belgard). Nach einigen Wochen in der Belgarder
Kaserne wurde er bereits 1939 ins "Generalgouvernement" nach Polen
beordert, kam nach Lublin, Krakau und auch nach Reval. Im Osten war er dann
zuletzt in Biala Podlaska stationiert, von Sommer 1943 bis Herbst 1944 in Padua
in Italien. Dazwischen kam er immer mal wieder nach Belgard auf Urlaub und
zeigte die vielen Photos, die er mit seiner von uns vielbestaunten Kleinbildkamera
gemacht hatte. Besonders schwärmte er von Krakau und Padua. Ich glaube
nicht, daß er in den besetzten Gebieten ein "Absahner" war;
und nur selten brachte er uns etwas mit. Ich kann mich lediglich an ein
Paar Stiefel aus Polen für meine Schwester Anneliese und mich und später
an zwei Seidenstoffe aus Padua für meine Mutter erinnern. Zahlreiche
Päckchen wurden von uns an seine Feldpostnummer geschickt, die unter
anderem die von ihm so gern gegessene Sandtorte enthielten. Im Jahre 1942
wurde mein Vater für eine zeitlang nach
Stargard
in Pommern versetzt, von wo aus er uns in Belgard öfter sonntags besuchen
konnte. Zwischen den Auslandseinsätzen war er bei Neuaufstellungen
von Einheiten innerhalb Deutschlands beschäftigt; meine Mutter hat
ihn dann mehrfach dort besucht, so zum Beispiel in Neustrelitz und
Danzig
bzw. Zoppot. Meine jüngere Schwester Anneliese
erinnert sich, daß sie meine Mutter dabei einmal nach Schwerin und
einmal nach Neustrelitz begleiten durfte. Die Aufführung von "Die
schöne Galathée" (Operette von Franz v. Suppé) im
Residenztheater von Neustrelitz gefiel ihr ausnehmend und von den davor
gebotenen Ballettszenen war sie, die schon von klein auf vom Ballett träumte,
so begeistert, daß sie zu Hause vor dem großen Schlafzimmerspiegel
immer wieder versuchte, die Posen der Tänzerinnen einzunehmen und deren
Schritte nachzuahmen. Einmal wurde auch ich für drei Tage von der Schule
beurlaubt und durfte mit der Bahn zu meinem Vater nach Neustrelitz in Mecklenburg
fahren, wo ich mit ihm in einem kleinen Hotel wohnte. Für einen Abend
war ein Besuch in dem entzückenden Residenztheater der Stadt bei einer
Aufführung von "Der Vogelhändler" von Carl Zeller geplant.
Mein Vater ging mit mir vorher das Textbuch durch und sang mir einige Lieder
vor (vielleicht pfiff er mir die Melodien auch vor). In diesen ersten Kriegsjahren
wurde mein Vater, der als Zahlmeister für die Versorgung seiner Einheit
zuständig war, von seiner Dienststelle auch einmal nach Stettin zu
einem Kochlehrgang geschickt, wobei er die hier erworbenen Kenntnisse wohl
an die Truppe weitergeben sollte. Aus seinen Berichten zog auch meine Mutter
einen gewissen Nutzen, etwa als er uns erzählte, daß für
eine gute Suppe die Suppenknochen vor dem Kochen zunächst angebraten
werden müßten. In diesem Zusammenhang erinnerte er sich lachend
an den Ersten Weltkrieg, als die Rekruten während der Grundausbildung
selbst noch das richtige Kauen lernen sollten. So stand auf dem Kasernenhof
vor der Abteilung junger Soldaten, zu der auch mein Vater gehörte und
von denen jeder eine Scheibe Kommißbrot in der Hand hielt, der Unteroffizier
und kommandierte "Abbeißen!", zählte dann langsam von
1 bis 32, wobei die gesamte Kompanie im Takt kauen mußte, bis ihnen
schließlich mit einem letzten Kommando das Runterschlucken erlaubt
wurde. Mein Vater nannte dieses Verfahren "32mal Rumkauen" und
erklärte uns, daß man dabei hoffte, die starke Speichelentwicklung
durch das lange Kauen würde die Verdauung fördern und das Sättigungsgefühl
verstärken, sodaß bei der Verpflegung der Truppe etwas eingespart
werden könnte. Von da an bekamen wir, wenn mein Vater in Belgard auf
Heimaturlaub war und bei den gemeinsamen Mahlzeiten das Essen wieder einmal
zu schnell heruntergeschlungen wurde, von ihm manchmal in Anspielung auf
seine Rekrutenzeit die Worte "32mal Rumkauen" zu hören.*
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| Auf Urlaub (1940/41) |
In seinen letzten Lebensmonaten, als er aufgrund des deutschen Rückzuges
bereits in Pommern stationiert war (bis Anfang 1945 in Köslin, danach
in Hammerstein bei Neustettin), schrieb er
zahlreiche
Briefe an uns, berichtete von seinem Befinden und schilderte die Lage
seiner Einheit. Wir hielten uns zu jener unsicheren Zeit an seine Bitte,
uns nicht in den Strom der Flüchtlinge einzureihen. Ich selbst war
seit Ende 1944 kriegsverpflichtet
bei einer aus Stettin ausgelagerten Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche
Maschinen der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard. Dort suchte
mich mein Vater noch am Vormittag des 3. März 1945 auf und verabschiedete
sich von mir. Er war bereits am Tag zuvor, kurz vor dem Einmarsch der Russen
in Belgard also, gemeinsam mit einem Fahrer auf dem Motorrad nachmittags
nach Belgard gekommen, um sich beim Stadtkommandanten einen Marschbefehl
zu holen. Hier traf er einen ehemaligen Kunden, den Gutsbesitzer Major Lobeck,
der ihm den Rat gab: "Schlagen Sie sich mit ihrer Einheit in Richtung Kolberg
durch!" Denn mein Vater lag mit einer von ihm geführten Gruppe versprengter
Wehrmachtsangehöriger und Zivilisten, unter denen sich auch Frauen
und Kinder befanden, bei
Battin
im Kreis Belgard in der Nähe der Front. Er blieb in dieser Nacht bei
uns in Belgard und wollte am nächsten Morgen zu seiner Einheit zurückkehren.
Er schilderte uns das Elend der Flüchtlinge auf den Straßen des
Kreises und bat uns, in Belgard zu bleiben, für eine Flucht sei es
zu spät. Wir sahen ihn damals zum letzten Mal, er wurde, wie wir jedoch
erst Anfang der fünfziger Jahre erfuhren, mit seinen Kameraden zwei
Tage später auf dem Weg nach Kolberg
von den Russen bei Degow
überrollt und am 6. März 1945 auf dem Marsch
in die Kriegsgefangenschaft von einem russischen Bewacher aus der Marschkolonne
herausgegriffen und erschossen. Als sich mein Vater am 3. März auf
meiner Arbeitsstelle in der Zimmerstraße von mir verabschiedete, sagte
er dem Sinn nach: "Jetzt mußt Du für die anderen sorgen.
Hilf Mutti, sie ist ganz verzweifelt. Geht nicht auf die Flucht, es ist
alles viel zu spät. - Wenn wir am Leben bleiben, treffen wir uns in
Halle bei Else Gerboth!" (einer Cousine zweiten oder dritten Grades
meines Vaters, mit der wir über die
Vorfahren Mohr meiner Großmutter
Elsbeth
Maaß verwandt waren). Er berichtete noch, daß er auf dem
Wege zur Zimmerstraße einen Soldaten beobachtet hatte, der vor einem
Bäckerladen einem Kind ein Brot wegriß. Sein Kommentar dazu:
"Soweit ist es nun schon gekommen!" Dies sind die letzten Erinnerungen an
meinen Vater, und noch Jahre später konnte ich mir trotz all der gegenteiligen
Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde....
Am Spätnachmittag desselben Tages heulten die Sirenen und gaben das
Zeichen zur Räumung der Stadt. In der Nacht zum 5. März
1945 zogen dann die russischen Truppen in Belgard ein.
An diese vermutlich letzten Tage meines Vaters erinnert sich auch der Belgarder
Kaufmann Johannes Runge, damals Kompanieschreiber in der Einheit meines
Vaters, auf Seite 131 bis 133 seiner 1965 niedergeschriebenen und 1985 veröffentlichten
Erinnerungen und Gedanken. Ein Leben im 20. Jahrhundert
(sein Vater Emil Runge stammte aus Trieglaff, machte eine Kaufmannslehre
in der Kreisstadt Greifenberg, eröffnete dann ebenso wie mein Großvater
Bernhard
Maaß noch vor der Jahrhundertwende in Belgard einen Kolonialwarenladen
mit Ausspannung - zunächst in der oberen Friedrichstraße - und
führte sein Geschäft später mit Haushaltswaren etc. in der
Friedrichstraße Nr. 2 gegenüber der Post weiter - überraschenderweise
ergeben sich hier zahlreiche weitere Parallelen zum Leben meines Großvaters,
sowohl in Hinblick auf seine Herkunft aus einem wohlhabenden Bauerngeschlecht,
seine Lehrzeit als Kaufmann in der Stadt als auch die erfolgreiche Entwicklung
seines Geschäftsbetriebes in Belgard):
"[....] ich
[....] saß [....] mit dem sogenannten Gefechtstroß in einer
Siedlung mitten im Walde, die aus weit verstreuten Einzelgehöften
bestand. Von hier aus versorgten wir die weiter vorn eingesetzte Truppe
mit Lebensmitteln und warmen Essen. Ich bin da mehrere Nächte mit
einen Gaul vor einem Ackerwagen mutterseelenallein nach vorne gefahren.
Rund herum brannten die Dörfer, ab und zu pfiff ein Schuß,
man zog unwillkürlich den Kopf ein. Als ich eines Tages frühmorgens
zurückkam, erfuhr ich, daß das Gehöft, von dem ich abends
aufgebrochen war, inzwischen von den Russen 'erobert' worden war. [....]
Da entschloß sich der Führer unseres komischen Haufens zum
Aufbruch. Es war der Zahlmeister Erwin Maaß, in Zivil Kolonialwarenhändler
in Belgard, mein einziger Landsmann in der Truppe. Wir waren im ganzen
etwa 80 Mann, Köche, Schreiber, Pferdeführer und ein Oberfeldarzt,
20 Pferde und zehn Wagen. Zusammen hatten wir höchstens zehn Gewehre
und Pistolen. Wir machten uns also schlicht auf den Weg, und es war wirklich
hohe Zeit. Jede Nacht hörten wir in unserer Nähe die russischen
Panzer rasseln. Wir kamen morgens durch Neustettin, die Russen am Mittag,
gleichzeitig waren sie aber auch an unserer rechten Seite. Wir marschierten
auf der linken Seite der Bahnstrecke Neustettin-Belgard-Kolberg, die Russen
auf der rechten Seite, aber auch hinter uns. Über Gramenz ging es
nach Drenow, von dort aus konnte ich nach Hause anrufen, es waren nur
noch 15 km bis Belgard. Da schwenkten wir nach Westen ab und machten in
Battin, zwischen Schivelbein und Belgard Rast. Erwin Maaß,
der uns mit Glück und Geschick geführt hatte, war ein kluger
Kopf. Er wußte, daß in Belgard eine Versprengtensammelstelle
war, und die wollte er vermeiden. Denn er befand sich mit seiner merkwürdigen
Truppe bereits weit außerhalb der Legalität. Erwin Maaß
fuhr mit unserm einzigen Motorrad nach Belgard; als er wiederkam, ließ
er mich rufen und sagte: 'Runge, in Belgard ist alles hysterisch, schnappen
Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie hin!' Urlaub für 24 Stunden!
Mit diesem Urlaub rückt Erwin Maaß in die Liste meiner
Lebensretter ein. Ich kehrte nicht zurück, 24 Stunden waren zuviel
für die Russen. Maaß und seine Leute sollen an der Straße
zwischen Körlin und Plathe, als sie sich weiter nach Westen abzusetzen
versuchten, von den Russen überrascht worden sein. Man hat nichts
mehr von ihnen gehört.
[....] Am Montag oder Dienstag wagten wir uns in die Stadt und nahmen
unsere verlassene Wohnung wieder in Besitz. Es war ein merkwürdiges Gefühl,
sie durchsucht und verwüstet vorzufinden. Da wir fast überall die Schlüssel
hatten stecken lassen, waren nur wenige Schränke aufgebrochen, aber alles
lag auf dem Fußboden. Wir stellten fest, daß eigentlich noch nichts weg
war, nur die Telefonmembranen waren sorgfältig herausgeschraubt, sogar
der Rotwein war noch da. Wir brachten alles wieder in Ordnung und hatten
nun ständig Besuch von Russen und Polen. Der erste polnische Offizier
nahm meine Rolleiflexkamera mit. Außer uns war noch eine Flüchtlingsfamilie,
die von weiter östlich gekommen war und etwas polnisch sprach, in der
Wohnung. [....]"
Zur Situation der Einheit meines Vaters etwa einen Monat zuvor (Donnerstag,
8.2.1945) noch einmal der Belgarder Johannes Runge (1906-1993):
"Während wir
noch dabei waren, uns auszurüsten, brachen die Russen bei Schneidemühl
durch, das nicht sehr weit von Hammerstein entfernt liegt. Das Regiment
war nicht fertig, die drei Bataillone, zu denen ich als Kompanieschreiber
gehörte, wurden nachts nach Süden in Marsch gesetzt, natürlich
zu Fuß. Ich sehe uns noch im tiefen Schnee neben unseren Gefechtswagen,
die mit Pferden bespannt waren, einherstapfen. Es war bitter kalt und
nach dem Marsch waren fast alle Hauptfeldwebel mit Erfrierungen ausgefallen.
Wir kamen bis Flatow, an der früheren polnischen Grenze. Dort 'im
Raume Flatow-Jastrow' wurden unsere drei Bataillone zusammen mit der 15.
lettischen SS-Division von den Russen eingekesselt und ziemlich zu Schanden
gemacht. [....]
Unser Rückzugsweg ging an einem kleinen Waldstück vorbei, der
Weg und das Wäldchen lagen unter schwerem Maschinengewehr- und Granatwerferfeuer.
Nachdem wir die Pferde vor unserm Wagen verloren hatten, sprangen wir
in wilder Flucht in das Wäldchen, in dem blau der Pulverdampf stand.
Überall lagen Tote, die Geschosse sirrten durch die Bäume. Ich
hatte eine schreckliche Angst, nie in meinem Leben habe ich mich so schnell
zu Boden geworfen wie hinter jeden Baumstamm. Irgendwie kam ich ohne Schaden
heraus und traf zwei Mann von unserem Haufen, die auch davongekommen waren.
Ich hatte nur noch eine Pistole; Gewehr und sämtliches Gepäck
war weg. Wir trotteten durch den Wald, kamen auf einen Weg, wo russische
Werfer 'Stalinorgeln' in eine Kolonne hineingehalten hatten: es war grauenvoll.
Gegen Abend überschritten wir auf einer Notbrücke einen Fluß
und erreichten die kleine Stadt Landeck. Sie lag unter feindlichem Artilleriefeuer
und brannte überall. Wir fanden eine Unterkunft in einem Keller [....].
Am sehr frühen Morgen brachen wir nach hinten aus, verließen
Landeck und schlugen uns durch den Wald. [....] Wir hatten Glück
und begegneten niemandem. Dafür trafen wir am dritten Tag auf eine
Chaussee und bald darauf unseren Zahlmeister [Erwin Maaß].
Wir wurden gern in Empfang genommen, ich wurde wieder Kompanieschreiber;
aus den drei Bataillonen hatte man mit Mühe ein neues zusammengebaut.
Der Bataillonsführer war gefallen."
In: Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch.
Winter 1945. Band IV, 6. bis 14. Februar 1945. München 1999, S. 196-197.
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Der letzte Brief meines Vaters vom 5.3.1945 |
Über das weitere Leben meines Vaters und die Umstände seines Todes
ist nichts Genaues bekannt. Der uns zuvor unbekannte Gärtnereibesitzer
Arthur Priebe aus der Jakobistraße in Belgard (in seinem zweiten Brief
an meine Mutter vom 1.4.1951 erwähnt ihn Herbert Fiss als "Kutscher
Priebe von Hacke aus Belgard"), der als Zivilist im März 1945
von den Russen verschleppt und im Sommer 1945 schwer tuberkulös nach
Belgard zurückgekehrt war, erzählte meiner Mutter folgendes: Er
[Priebe] sei im März bei Degow in der Nähe von Kolberg in einem
Zug von Zivilisten unter russischer Bewachung hinter einem Trupp gefangener
deutscher Soldaten marschiert und habe in diesem Trupp Erwin Maaß
erkannt. Nach seiner Beobachtung habe mein Vater mit einem russischen Bewacher
einen Disput geführt und sei von diesem an den Zivilisten vorbei nach
hinten geführt worden. Dort sei dann ein Schuß gefallen und der
Wachsoldat sei allein ohne meinen Vater wieder zurückgekommen. Viel
später, im Jahre 1950, erhielt meine Mutter von Gertrud Meyer, der
Frau des Schulleiters Willi Meyer aus Drosedow / Krs. Kolberg einen Brief,
in dem diese berichtete, daß die Einheit meines Vaters im Schulhaus genächtigt
und daß ihn am nächsten Morgen russische Soldaten gefangen genommen
hätten. Es lag ein handgeschriebener Zettel
dabei, den Erwin Maaß damals im Schulhaus geschrieben und ihr übergeben
hatte, und auf dem er meiner Mutter mitteilte, daß er am nächsten
Morgen in Gefangenschaft gehen müsse. Ähnliches schrieb ebenfalls
1950 Herbert
Fiss aus Bielefeld, der zu der Gruppe der Versprengten gehört hatte
und mit meinem Vater zusammen in Gefangenschaft geraten war, nach dem Krieg
an meine Mutter in Halle/Saale. Auch er sprach von einem Russen, der meinen
Vater von der Gruppe nach hinten geführt habe und ohne ihn zurückgekommen
sei. So mußten wir also annehmen, daß mein Vater schon zwei
Tage nach seinem letzten Besuch bei uns in Belgard ums Leben gekommen ist.
Meine Mutter klammerte sich jedoch ebenso wie unzählige weitere Frauen
in den Nachkriegsjahren noch lange an die Hoffnung, daß
ihr Mann noch am Leben sei und die Gefangenschaft irgendwie überstehen
würde. Erst im Jahre 1963 ließ sie ihn für tot
erklären, weil dies eine formale Voraussetzung für die Beantragung
eines Lastenausgleiches für die mit der Vertreibung verbundenen
materiellen Verluste war. Auch ich konnte mir trotz all der gegenteiligen
Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde....*
Im Heimatkreisarchiv
der Belgarder in ihrer Patenstadt Celle fand sich eine Photographie meines
Vaters und der folgende Eintrag:
"Als Führer
einer kleinen versprengten Gruppe gilt der Oberzahlmeister Erwin Maaß
seit März 1945 als vermißt. Er wurde nach langjährigen
Bemühungen, die sein weiteres Schicksal klären sollten, für
tot erklärt. Nur als wahrscheinlich gilt sein Erschießungstod
am 6. März 1945 in der Nähe von Degow / Kolberg. Der am 12.
März 1897 in Belgard Geborene betrieb in der Marienstraße 15/16
ein Lebensmittelgeschäft."
Die Feldpostbriefe meines Vaters aus seinen letzten
Lebensmonaten von Januar bis März 1945, als die Russen bereits in Pommern
standen und er als Oberzahlmeister (Leutnant der Reserve) beim 1. Bataillon
des Auffrischungs-Regiments 59 nicht weit von Belgard
entfernt diente (in Hammerstein bei Neustettin bzw. Tempelburg am Dratzig-See),
begleiteten meine Mutter Bertha Maaß über die Vertreibung
1946 hinaus bis in ihren letzten Lebensabschnitt nach Mittel- und Westdeutschland.
Nach ihrem Tod fanden sie sich in ihrem Nachlaß. Wie oft mag sie diese
betrachtet und in ihnen gelesen haben.... |