Erwin Eduard Ludwig Ferdinand Maaß
1897 - 1945
Mein Vater Erwin Maaß wurde am 12.3.1897 in Belgard an der Persante als Sohn des Kaufmannes Bernhard Maaß und seiner Ehefrau Elsbeth Maaß geb. Mohr in der Marienstraße 15/16 geboren. Er wuchs zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern Heinz (7.9.1900 - 12.9.1973) und Ilse (6.5.1903 - 26.12.1971) auf. Die Kinder wurden von einem Kindermädchen betreut, das im Sommer mit den Kindern viel Zeit in einem Garten verbrachte, der hinter der alten Stadtmauer nahe der Marienstraße lag. Der Aufsicht des Kindermädchens entwachsen war Erwin ein lebhafter Junge, der mit den Freunden in und um Belgard auf Entdeckungsreisen ging. Die Eltern waren streng, der Junge bekam oft Prügel: Mein Vater erzählte mir nicht nur einmal, wie die Familie damals, als er vielleicht zehn Jahre alt war, den Sonntagnachmittag verbrachte: So rüstete man auch bei Maaßens feiertags regelmäßig zum Spaziergang durch die Stadt oder auch zum Friedhof, wo ein Geschwisterchen begraben lag. Die Kinder - in weißen Matrosenanzügen bzw. -kleidern - wurden schon vor die Tür geschickt, während die Eltern noch ihre Ausgehtoilette beendeten. Die Jungen gingen natürlich nicht manierlich die Treppe hinunter, sondern rutschten auf dem Bauch liegend auf dem Geländer nach unten. Als die Eltern schließlich die vor der Haustür wartenden Kinder betrachteten, geriet der Vater in großen Zorn und verprügelte beide Jungen. Denn schräg über die Matrosenanzüge der Sprößlinge zogen sich breite "Ordensbänder", d.h. dunkle Schmutzstreifen vom offenbar nicht sehr gewissenhaft geputzten Treppengeländer. Die kleine Ilse war daran offenbar nicht beteiligt.*

Heinz, Ilse & Erwin
(etwa 1906)
Von 1903 bis 1913 besuchte mein Vater Volksschule und Gymnasium in Belgard, später auch einige Jahre das Gymnasium in Halle an der Saale bis zur "Obersekundarreife"; wahrscheinlich wohnte er dort gemeinsam mit Bruder Heinz bei der Mohrschen Verwandtschaft (von Seiten seiner Mutter Elsbeth). Vater Bernhard gab seine beiden Söhne vermutlich nach Halle, da er in dieser Zeit im Streit mit dem Direktor des Belgarder Gymnasiums lebte, wobei es um eine unbezahlte Rechnung aus unserem Geschäft gegangen sein soll. Danach wurde mein Vater für eine zweijährige Kaufmannslehre (1913-1915) zur Firma Gebr. Schönfeld nach Stettin geschickt. Nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg und einigen Jahren kaufmännischer Tätigkeit als Angestellter bei der Firma Karl Saß in Stolp sollte er später einmal die väterliche Kolonialwarenhandlung in Belgard übernehmen. Nach dem Tode seines Vaters Bernhard Maaß 1927 war er zunächst für seine Mutter Elsbeth als Geschäftsführer tätig, bis er zu Beginn der dreißiger Jahre das Geschäft als selbstständiger Kaufmann übernahm. Nach dem Tode seiner Mutter im Jahre 1936 erbte mein Vater Geschäftshaus und -grundstück. Ich erinnere mich einmal gehört zu haben, daß er eigentlich überhaupt nicht Kaufmann werden wollte....*

Mein Vater 1916
Mein Vater war als einziger der Familien Maaß, Alverdes und Fraedrich als Soldat im Felde. 1915 wurde er zur Infanterie, zum Infanterieregiment 54, eingezogen. Er kam mehr als drei Jahre Soldat nach Frankreich und hatte als Gemeiner und später als Gefreiter an den übelsten Stellen kämpfen müssen. Er bekam das EK II und war in Frankreich häufig als Melder eingesetzt. Im Januar 1919 kehrte er schließlich mit einer Verwundung an einem Fußknöchel vom Militär zurück. Er erzählte oft von Verdun, Arras und Flandern, vor allem den ersten Namen erwähnte er öfter. Diese Erlebnisse müssen sehr prägend für ihn gewesen sein; viele Bücher über den Ersten Weltkrieg (Romane und Dokumentationen, auch eine dicke Geschichte seines Infanterieregiments) zeugten von seinem Interesse daran. Er äußerte oft seine Wut und Verachtung über die "Etappenhengste", deren Treiben er bei Lazarettaufenthalten in Belgien kennengelernt hatte. Auch seine Abneigung, mit seinem Vater Bernhard auf die Jagd zu gehen, mag aus der Kriegszeit herrühren. Er meinte, daß die Wildbeobachtung durch das Fernglas eine interessante Sache sei, das Töten der Tiere für ihn aber nicht akzeptabel. Sein Interesse für Wild, insbesondere für Hirsche, zeigte sich zum Beispiel auch daran, daß er zur Brunftzeit im Herbst nach Nassow, einer Station an der Bahnstrecke nach Köslin in ein großes Waldgebiet fuhr und dort die röhrenden Hirsche beobachtete. Hunde mochte er auch sehr gern. Ich kann mich zwar nicht mehr an Strolch, einen stichelhaarigen Vorstehhund erinnern, der 1926 auf der Galerie zum Hof an der Rückseite unseres Hauses neben meinem Kinderwagen Wache gehalten haben soll, jedoch erinnere ich mich gut an den glatthaarigen Terrier Fips, an unseren Bernhardiner Peter und an Drill, einen beigen Deutschen Boxer. Bis zum Jahre 1936 hatten wir für unser Geschäft auch noch ein Pferd, das den Rollwagen ziehen mußte, wenn Waren von der Güterabfertigung der Bahn abgeholt oder zu Kunden ausgeliefert wurden. Als Kind war mir das große, starke Pferd sehr unheimlich, es erschien mir riesenhaft und bedrohlich, aber mein Vater hob mich hinauf und führte mich auf dem Pferd im Hof herum.*

Die Geschwister Erwin, Ilse
und Heinz Maaß (ca. 1922)
Mein Vater hatte zwei Geschwister: den Bruder Heinz (*7.9.1900) und die Schwester Ilse (*6.5.1903). Heinz hatte studiert und zunächst ein Volontariat auf einem Gut in Ostpreußen absolviert. Nach einer Ausbildung zum Drogisten finanzierte seine Mutter Elsbeth die Einrichtung einer Drogerie in Nörenberg am Enzigsee, einer kleinen Stadt auf der Pommerschen Seenplatte südwestlich von Belgard. Von Nörenberg aus besuchte uns Onkel Heinz öfter, manchmal brachte er von dort Krebse mit und erzählte bei dieser Gelegenheit auch vom "Großen Krebs im Enzigsee". Hier erinnere ich mich an eine Ansichtskarte, auf der ein riesiger Krebs am Seeufer angekettet war und an ein Gedicht, welches mich als Kind sehr beeindruckte ("Der große Krebs im Enzigsee, das war ein Untier, jemine. Ein Kalb war gegen ihn ein Zwerg, daob erschrak ganz Nörenberg. Mit seinen Scheren schnitt das Tier Holz, Stein und Stahl im Stadtrevier...."). Denn vom Großen Krebs hatte ich bereits in der Volksschule gehört, als uns in der dritten oder vierten Klasse unser Lehrer auch mit pommerschen Sagen wie etwa "Die Maränen im Madüsee", "Die Sage vom Hertha-See" oder der Geschichte von der versunkenen Stadt Vineta bekannt machte. Als das Geschäft in Nörenberg schlecht lief, ging Onkel Heinz weiter "gen Westen" und kam Ende der dreißiger Jahre nach Neunkirchen bei Saarbrücken, wo er als Angestellter einer Hütte beschäftigt war. Er heiratete eine Nürnbergerin, mit der er vier Kinder hatte. 1945 mußten sie kriegsbedingt das Saarland verlassen und wurden in ein Flüchtlingslager in Usingen im Taunus eingewiesen. Später lebte er mit seiner Frau Hilde und den Kindern Helga, Else, Heinz und Alice in Frankfurt-Bornheim, wo er am 12.9.1973 starb. Onkel Heinz war künstlerisch sehr begabt und auch handwerklich äußerst geschickt, so baute er zum Beispiel in den zwanziger Jahren selbst einen Rundfunkempfänger. Mein Vater hatte diesen alten Detektorempfänger seines Bruders aus der Anfangszeit des Radios im Kontor unseres Geschäftes aufgehoben. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, daß diese nur aus wenigen Bauteilen und einem einfachen Kopfhörer bestehende Konstruktion ein Vorgänger unseres großen Radios im Herrenzimmer war und habe dieses einfache Gerät auch leider niemals in Betrieb gesehen. Oder er zimmerte mir einen Stall für mein schönstes Ostergeschenk: Ich mochte vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als mein Onkel über Ostern bei uns zu Besuch war und am Ostersonnabend nach Geschäftsschluß gemeinsam mit meinem Vater einen Abendspaziergang an der Leitznitz machte. Als sie unweit der Schloßmühle in der Dämmerung eine Katze beobachteten, die einem jungen Hasen nachjagte und ihn bereits gepackt hatte, gelang es ihnen, das Häschen zu befreien und mit nach Hause zu bringen. Als ich am Ostersonntag erwachte, war mein Onkel schon dabei, für das verängstigte Tier, das man zunächst in einen Karton gesetzt hatte, einen kleinen Stall aus Holz zu bauen. Auf diese Weise kam ich damals zu einem echten Osterhasen. Heinz photographierte und entwickelte, zeichnete und malte aber auch sehr schön. So war er während eines Bockbierfestes, das in den dreißiger Jahren zu Fastnacht in den Bierstuben unseres Geschäftes stattfand, bei uns zu Besuch und kümmerte sich sehr phantasievoll um die Dekoration der Räumlichkeiten. Das Fest stand unter dem Motto "eine Weltreise". Mit dem Pinsel schuf er entzückende Aquarelle von den Häfen der Welt durch die Bullaugen eines Schiffes betrachtet und zahlreiche aus Buntpapier gefaltete und geklebte Papageien, wobei ich ihm gerne beim Ausschneiden half.*

Großmutter Elsbeth am Flügel bei ihrer
Tochter Ilse auf Gut Wachholzhausen
Ilse war als jüngstes Kind Liebling der Eltern. Diese freuten sich über ihre Heirat mit dem Gutsbesitzersohn Ferdinand (Ferry) Griep (*5.10.1890) aus Granzin / Kreis Belgard, dem Bruder das dortigen Gutsbesitzers. Die Hochzeit fand am 22.6.1927 statt, drei Tage vor dem Tode ihres Vaters. Wohl unter Beteiligung der Schwiegereltern Griep hatte Bernhard Maaß den Ankauf eines Gutes für Tochter und Schwiegersohn finanziert (Gut Wachhholzhausen in der Nähe von Belgard), das zunächst noch mit Hypotheken belastet war. Leider kamen die jungen Leute auf keinen grünen Zweig, denn diese Belastung in Verbindung mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sowie schlechte Ernten brachten Tochter und Schwiegersohn in Bedrängnis. Nach dem Tode ihres Mannes Bernhard übernahm meine Großmutter Elsbeth die Leitung des Maaßschen Geschäftes, überließ indes die praktische Tätigkeit ihrem ältesten Sohn Erwin, meinem Vater. Dabei verfügte sie allein über die Finanzen, so daß sie erhebliche Mittel aus dem Geschäft abziehen konnte, um ihr Lieblingskind Ilse zu unterstützen. Meine Mutter erzählte aus dieser Zeit, daß der gesamte Gutshaushalt seine Lebensmittel, aber auch Spezialitäten und Delikatessen unentgeltlich aus dem Maaßschen Geschäft bezog, und in einem Jahr wurde selbst noch das Heu von zwei Morgen Wiese bei Darkow, die zu dem Grundstück Marienstraße 15/16 gehörten, nach Wachholzhausen gefahren; zudem unterstütze die Mutter ihre Tochter auch finanziell recht großzügig. Dennoch ging das Gut in Konkurs, Ferry Griep übernahm danach als Verwalter u.a. Gut Klötzin / Kreis Belgard, arbeitete später beim Reichsnährstand in der Bahnhofstraße in Belgard und darauf bei derselben Behörde in Pyritz. Von dort konnte die Familie 1945 über Stettin mit dem Schiff nach Dänemark fliehen, nachdem Ilse noch ihren fünfzehnjährigen Sohn aus dem Volkssturm, welcher Pyritz im April 1945 gegen die Russen verteidigen sollte, herausgeholt hatte. Die Familie war eineinhalb oder zwei Jahre in Dänemark in einem Internierungslager und konnte dann endlich nach Gütersloh in Westdeutschland übersiedeln, wo eine Schwester von Ferry Griep lebte. Ilse hatte zwei Kinder, meinen Cousin Horst (*16.9.1929) und meine Cousine Hansi (*20.6.1936). Ferry und Ilse lebten bis zu ihrem Tode in Gütersloh. Tante Ilse starb am 26.12.1971, Onkel Ferry am 1.4.1971.*

Die Hochzeit meiner Eltern 1924
Im Winter 1922/23 lernte mein Vater Erwin bei den Proben zu einer Amateurtheater-Aufführung meine Mutter Bertha kennen. Beide wollten sich verloben und brauchten dazu - wie damals üblich - die Genehmigung der Eltern. Meine Großmutter Elfriede Alverdes war bereits eingeweiht und mit Einschränkungen einverstanden. So kam mein Vater in die Pankniner Straße 10, um von Rechnungsrat Johannes Alverdes die Hand seiner Tochter zu erbitten. Mein Großvater wollte jedoch nicht, daß seine Tochter in eine Kaufmannsfamilie einheiratet und dort vielleicht noch im Geschäft mithelfen muß. Sie sollte lieber einen Beamten heiraten, denn die Alverdes' waren seit vielen Generationen preußische Beamte. So trafen sich Bertha und Erwin weiter heimlich trotz des väterlichen Verbotes. Ein Jahr später versuchte mein Vater noch einmal, Johannes Alverdes' Herz zu erweichen, dieses Mal mußte sich dieser den Wünschen der jungen Leute beugen und gab seine Zustimmung zu ihrer Eheschließung. Die Hochzeit fand am 10. November 1924 statt. Nach Aussagen meiner Mutter hatte mein Vater sich immer nur Töchter gewünscht, so daß er sehr zufrieden gewesen sei, als ich (Eleonore) als erste Tochter am 18.12.1925 auf die Welt kam und als drittes Kind am 8.9.1933 meine Schwester Anneliese. Dazwischen wurde am 25.12.1928 ein Junge, Heinz Bernhard, geboren, der jedoch bei der Geburt starb. Dieser hätte wohl nach den Gepflogenheiten der damaligen Zeit das Geschäft übernehmen sollen; dennoch sagte mein Vater immer, daß er zwar traurig über den Tod seines kleinen Sohnes gewesen sei, aber durchaus zufrieden mit "seinen drei Frauen". Er war ein aufmerksamer, wohl auch recht nachgiebiger Ehemann, wie ich den Bemerkungen meiner Großmutter Elfriede Alverdes (seiner Schwiegermutter) entnahm, und er war ein liebevoller Vater. Sehr viel Zeit hatte er als Geschäftsmann für uns Kinder nicht, nutzte aber die verbleibende Zeit an Sonn- und Feiertagen, um sich mit uns zu beschäftigen. Da er gern Rad fuhr, unternahm er mit mir oftmals kleinere Fahrradtouren, zum Beispiel zu den Wiesen bei Denzin und Roggow zum Blumenpflücken, nach Kiefheide, in Richtung Poetensteig oder in das Stadtholz, wo wir im Restaurant rasteten.*

Meine Eltern in Binz
auf Rügen (26.7.1928)
Auch zu Fuß war die Familie im Sommer manchmal am Sonntagnachmittag zur Gaststätte im Stadtholz unterwegs, wo drei oder vier Musiker der Stadtkapelle Klemz Kaffeehausmusik darboten. Sie spielten damals direkt auf der Veranda des Lokals und noch nicht in der Konzertmuschel, die erst später gegenüber dem Restaurant erbaut wurde. Ein Automat in Form einer großen, bunten Blechhenne, die nach dem Einwerfen eines Groschens ein mit Süßigkeiten gefülltes Blechei legte, erregte hier die besondere Aufmerksamkeit von uns Kindern. Bisweilen waren wir in den dreißiger Jahren sonntags auch im Café Langjahr an der Ecke Hindenburgstraße / Wiesenstraße, wo es mir damals sehr gut gefiel. Besonders hatte es mir ein freilaufender Pfau angetan, der im Garten des Cafés zwischen den Tischen herumstolzierte. Leider machte er uns nie die Freude, in unserer Gegenwart ein Rad zu schlagen und so seine prunkvollen Schwanzfedern zu entfalten. Aber ich kann mich auch an vertraute Stunden mit meinem Vater bei uns zu Hause erinnern, etwa an die gemeinsame Lektüre von Büchern und an Gespräche über die Inhalte. Dabei griff er wohl manchmal etwas zu hoch. So las er mir aus Goethes "Hermann und Dorothea" vor, was mich als Zwölf- oder Dreizehnjährige damals zu Tode langweilte. Andererseits erinnere ich mich auch an seine Rezitationen aus Gustav Freytags "Soll und Haben" (die Geschichte einer schlesischen Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert) oder aus dem Lustspiel "Die Journalisten", die meiner Mutter und mir vor Lachen die Tränen in die Augen trieben. Apropos "Soll und Haben": Wegen des Themas schenkte mein Vater jedem Lehrling im dritten Lehrjahr zu Weihnachten ein Exemplar dieses Buches - trotz meiner Mutter Protest, die wohl zu Recht meinte, daß die jungen Leute diesen "Wälzer" bestimmt nie lesen würden. Zudem weckte mein Vater bei mir das Interesse für Geschichte; ich habe schon früh mit Freude historische Romane aus dem elterlichen Bücherschrank gelesen. Auch für den Ersten Weltkrieg begann ich mich durch sein Schicksal schon früh zu interessieren. Daß ich jedoch ein richtiger Bücherwurm wurde, fand nicht seinen ungeteilten Beifall. Meiner Introvertiertheit und der Neigung, mich mit meinen geliebten Büchern zurückzuziehen, wollte er wohl entgegenwirken, indem er mich - es mag vielleicht 1937, 1938 oder 1939 gewesen sein - mit Botendiensten für das Geschäft beauftragte. So mußte ich zum Beispiel zur Post, zur Deutschen Bank oder zu Kaufmann Kaske in der Friedrichstraße gehen, was ich entsetzlich haßte. Besonders in den Ferien ging ich ihm deshalb möglichst aus dem Weg. Oft saß ich dann auf einem Sofa der Urgroßeltern, das mit anderen Möbeln auf unserem Boden in einer Kammer abgestellt war. Von Büchern umgeben fühlte ich mich dort geborgen und hörte nicht auf die "Lore, Lore!"-Rufe, die durch das Haus schallten.*

Die Hochzeitsgesellschaft anläßlich der Heirat von Edwin Maaß aus Lülfitz mit Edith Knop
aus Redlin am 29.05.1936 vor der Scheune auf dem Hof der Familie Knop in Redlin
(links hinter dem Brautpaar Bertha & Erwin Maaß, rechts vorne Eleonore Maaß)

Erheblich exklusiver als in der Gaststätte am Stadtholz gestalteten sich dagegen die Besuche im Belgarder Bahnhofsrestaurant. Bereits auf dem Weg dorthin fiel mir als Kind eine grasbewachsene Erdaufschüttung rechts vom Bahnhofsvorplatz auf, nach der ich meinen Vater befragte. Darauf erklärte er mir, daß dieser Hügel hinter den Bäumen gegenüber der Güterabfertigung ein künstlich angelegter Eiskeller sei, aus dem das hier im Winter eingelagerte Stangeneis dann im Sommer zum Kühlen an Gastwirte und Geschäftsleute geliefert würde, so auch an unser Kolonialwarengeschäft und die angeschlossenen Bierstuben. Dabei hatte ich bereits zuvor öfter beobachtet, wie ein mit Eis beladener Pferdewagen zu uns in die Marienstraße kam und die großen Eisstangen von Männern mit einem Lederschutz auf der Schulter bei uns ins Haus getragen wurden, wo man mit dem zerkleinerten Eis etwa in den Bierstuben in einem Becken der Theke Flaschen mit Spirituosen kühlte. Der Besitzer des Belgarder Bahnhofsrestaurants, Herr Meybem, war ein Freund meines Vaters. Sein Lokal war für hinterpommersche Verhältnisse sowohl in Hinblick auf die Möblierung, das Tischzeug, das Geschirr als auch die gesamte übrige Ausstattung recht elegant eingerichtet; so wurde hier etwa der Kuchen von einem herbeigerollten Servierwagen auf einer silbernen Platte zur Auswahl angeboten. Im Bahnhofsrestaurant kehrten auch wir manchmal ein, wenn wir von einem Besuch des nahegelegenen Friedhofs kamen. Denn auf dem vorderen Teil des "Eisenbahn-Friedhofs" hatte die Familie zwei größere Grabstellen, eine für die Familie Maaß, die andere für die Familien Alverdes und Fraedrich. Beide waren mit einer niedrigen Hecke umfriedet. Auf der ersten lagen mein Großvater Bernhard und meine Großmutter Elsbeth Maaß in einem efeubewachsenem Doppelgrab vor einem großen Granitfindling, auf dem ihre Namen eingelassen waren. In einer vorderen Ecke dieser Grabanlage war mein 1928 bei der Geburt gestorbener Bruder beigesetzt. An einem hierzu parallel liegenden Hauptweg waren mein Großvater Johannes Alverdes und seine Schwiegermutter Mathilde Fraedrich begraben (1944 kam mein Urgroßvater Karl Fraedrich hinzu). Ein aufrecht stehender schwarzer Stein mit hellem Unterteil teilte die große Grabstelle, er trug vorn den Namen von Johannes Alverdes, hinten die meiner Urgroßeltern Fraedrich. Meine Großmutter Elfriede Alverdes (†1958) sollte einmal dort neben ihrem Mann beerdigt werden; nun ruht sie nach der Vertreibung aus der Heimat auf einem Friedhof in Halle/Saale. Eine Gartenbank innerhalb dieser Grabstelle gab uns die Möglichkeit, nach dem langen Weg von der Marienstraße zum Friedhof etwas auszuruhen. Weiterhin erinnere ich mich an einen Ausflug mit Pferd und Wagen, den mein Vater an Himmelfahrt oder an einem Pfingstsonntag mit uns (meiner Mutter, meiner Großmutter Frieda Alverdes und mir) in ein Waldgebiet bei Kiefheide machte. Nach einer Weile übergab er meiner Mutter die Zügel und bat sie, mit der Kutsche auf dem Weg weiterzufahren, während er mit mir einen Fußweg einschlug, der später wieder auf den Fahrweg mündete. Ich trug trotz der Wärme ein langärmliges Strickkleid und fühlte mich deshalb unterwegs sehr unwohl. Wahrscheinlich hatten wir den Fahrweg schon lange vor dem Pferdegespann wieder erreicht - ich durchschaute das als kleines Kind damals jedoch nicht - als mein Vater mir das Kleid auszog und es mit der Bemerkung "Wenn sie hier vorbeifahren, werden sie es schon sehen!" an einen Ast am Wegesrand hängte. Ich wehrte mich verzweifelt gegen diese Idee, denn ich befürchtete, daß das Kleid von meiner Mutter nicht wahrgenommen würde und ich in der Unterwäsche in die Stadt zurückkehren müßte. Aber mein Vater beruhigte mich - und natürlich wurde das Kleid von meiner Mutter gefunden und zu uns mitgebracht. Aus dieser Zeit ist mir auch noch eine Fahrt mit unserem Pferdeschlitten lebhaft in Erinnerung. Vermutlich im Jahre 1930 oder 1931 in einem auch für Pommern ungewöhnlich langen Winter, der selbst im März noch große Schneemengen brachte, waren meine Eltern und ich zu einer Konfirmation bei einem guten Kunden auf dem Lande eingeladen (vielleicht in Pumlow oder Silesen). Wir genossen die Fahrt durch die herrliche Winterlandschaft in unserem mit wärmenden Decken ausgestatteten Korbschlitten, begleitet vom Glöckchengeläut am Geschirr unseres Braunen. Die Hinfahrt am Vormittag verlief problemlos (wir waren vielleicht eine dreiviertel Stunde unterwegs), und nach der Einsegnung in der Dorfkirche und einem ausgiebigen Festessen brachen wir schließlich am Nachmittag auf. Mein Vater wählte für die Rückfahrt eine Abkürzung, um noch bei Tageslicht nach Hause zu kommen. Das Unglück wollte es jedoch, daß wir in einen vom Schnee zugewehten Hohlweg gerieten, in dem unser Pferd bis zur Brust einsank. Meine Mutter und ich waren sehr erschrocken, mein Vater hatte jedoch wie immer die Ruhe weg, beruhigte uns erst einmal und gab uns Anweisungen für unser weiteres Verhalten. So half er uns zunächst aus dem Schlitten und wir kämpften uns mühsam durch den brusthohen Schnee bis auf den Rand des Hohlweges, von wo aus wir mit ängstlichem Staunen die Bemühungen meines Vaters verfolgten, dem tief eingesunkenen Pferd herauszuhelfen. Er hatte sich durch den Schnee bis vor unseren Braunen vorgearbeitet und es gelang ihm nach mehreren Versuchen, das Tier mit anspornenden Rufen und gleichzeitigem Hochreißen am Kopfgeschirr mit den Vorderbeinen aus der tiefen Schneeverwehung heraus und schließlich einige Meter weiter auf festen Grund zu bringen. Unsere Bewunderung für meinen Vater war riesig und wir konnten nun den Rest des Weges ohne weitere Zwischenfälle zurücklegen - und hatten zu Hause dann noch lange von unserem kleinen Abenteuer zu erzählen.*

In Kolberg auf dem
Seesteg (ca. 1938)
Mein Vater ging gern in den Zirkus und nahm mich des öfteren dorthin mit. Auf dem Gelände "An der Binning", dem Belgarder Rummelplatz, hatte manchmal auch ein kleiner Zirkus sein Zelt aufgebaut - wir besuchten jedoch nur größere Zirkusse wie etwa Zirkus Krone, die ihre Zelte am Ortsrand auf einem großen Platz an der Polziner Straße aufschlugen. Dann zogen oft einige Clowns und Artisten mit einem Elefanten und einer kleinen Musikkapelle durch unsere Stadt, um das Ereignis gebührend anzukündigen, wobei sie ihren Weg meist von der Friedrichstraße über den Markt und die Heerstraße nahmen und so schließlich durch die Marienstraße und an unserem Haus vorbeikamen, wo auch wir in den Fenstern lagen und ihnen nachschauten, bis sie in Richtung Hohes Tor verschwanden, um dann durch die Wilhelmstraße stadtauswärts zur Polziner Straße zurückzukehren. Einmal gingen wir schon am Vormittag gemeinsam zum Zirkus Krone, weil mein Vater dort wegen einer Lebensmittellieferung etwas besprechen mußte. Dabei nahm er mich auch zum Wohnwagen von Therese Renz, der "weißen Dame", einer berühmten, damals aber nicht mehr aktiven Kunstreiterin aus einer alten Berliner Artistenfamilie mit. Wenn es in Belgard ein Theater gegeben hätte, wäre er dort sicher ein regelmäßiger Besucher gewesen. So fuhr er mit meiner Mutter nur ab und zu nach Stettin, wo sie im Stadttheater musikalische Aufführungen bevorzugten, Opern und vor allem Operetten. Er merkte sich die eingängigen Melodien und konnte sie gut nachpfeifen. Oft soll er seiner Mutter Elsbeth zu Hause die Melodien vorgepfiffen haben, und diese spielte sie dann auf dem Klavier nach. Ins Kino gingen meine Eltern öfter; d.h. fast regelmäßig am Samstagabend. Dort saßen sie stets in der zehnten Reihe rechts an der Seite, damit mein Vater seine Beine ausstrecken konnte. Meine Eltern sahen am liebsten Gesellschaftsdramen; Kriminalfilme liebten sie weniger oder garnicht. An Schauspielern wurden unter anderem Heinrich George, Willi Forst und Hans Söhnker geschätzt. Bei den Schauspielerinnen bevorzugte mein Vater Zarah Leander, während meine Mutter Olga Tschechowa besonders mochte, in Hinblick auf die Berliner Theaterwelt - anläßlich von Besuchen in Berlin bei Walter Fraedrich, dem Onkel meiner Mutter - waren das vor allem Fritzi Massary und Claire Waldorf. Mit dem uns Kindern oft vorgesungenen "Sonnenkäferlied" aus der damals recht populären Operette "Wela-Mädchen“ von Carl Bette höre ich noch heute die Stimme meines Vaters:

Erst kommt der Sonnenkäferpapa
Dann kommt die Sonnenkäfermama
Und hinterdrein, ganz klitzeklein, die Sonnenkäferkinderlein
Und hinterdrein, ganz klitzeklein, die Sonnenkäferkinderlein

Sie haben rote Röckchen an
Mit kleinen schwarzen Pünktchen dran
So machen sie den Sonntagsgang
Auf unsrer Gartenbank entlang

Aus seiner Belgarder Schulzeit hatte mein Vater zwei gute Freunde: Walter Fritzke und Till, dessen Familienname in meiner Gegenwart nie erwähnt wurde. Walter Fritzke ging Ende der zwanziger Jahre für die Firma Siemens nach Tokio und kam nur alle drei Jahre mit seiner Familie zu einem Urlaub nach Deutschland. Er verlebte davon die meiste Zeit in Belgard bei seinen Eltern und besuchte natürlich auch die Familie Maaß. Ich war sein Patenkind und sehr stolz auf diesen Patenonkel, seine exotischen Mitbringsel aus Japan und die Erzählungen von und über ihn. Von Till, dem zweiten Freund meines Vaters, erzählte mir meine Mutter, die ihn wohl sehr mochte. Er war Ingenieur bei der Überlandzentrale Belgard und starb durch einen Stromschlag von einer Hochspannungsleitung. Das muß in den ersten Ehejahren meiner Eltern gewesen sein.*

Letzte Sommerfrische vor dem Krieg:
auf dem Rückweg vom Strand im
Rosengarten in Kolberg (1939)
Längere gemeinsame Reisen waren meinen Eltern kaum möglich, da der Geschäftsbetrieb Priorität hatte und somit die Anwesenheit zumindest eines Elternteils in Belgard unverzichtbar war. Wenn meine Mutter mit uns für einige Wochen nach Kolberg in die Sommerfrische fuhr, kam mein Vater dann am Wochenende - das heißt sonntags oder manchmal auch bereits am Sonnabend nach Geschäftsschluß - zu uns ans Meer. Im Gegensatz zu meiner Mutter liebte er Badeurlaube und das Faulenzen im Strandkorb nicht besonders, so daß mein Vater vor allem Spaziergänge an der Wasserlinie in Richtung Osten zur Waldenfelsschanze, nach Westen zum Kolberger Hafen oder im lichten Kiefernwald hinter den Dünen unternahm (dabei sagte er immer: "Ich muß laufen!", und so richtete er es auch zu Hause ein, daß er abends nach Geschäftsschluß zumindest noch einmal "um den Block" gehen konnte). Außerdem liebte er Fahrten mit dem Schiff auf der Ostsee, sei es nun auf dem Boot eines ihm bekannten Fischers oder mit einem Ausflugsdampfer zu einer längeren Promenadenfahrt auf See, bei der ich ihn dann zweimal begleitete. Bei trübem Wetter lenkte er unsere Schritte zur nahegelegenen Waldenfelsschanze am östlichen Ende des Strandes, benannt nach Hauptmann von Waldenfels, welcher sich ebenso wie Rittmeister von Schill und Rittmeister von Lützow während der Belagerung Kolbergs durch Napoleons Truppen im Jahre 1807 um die Verteidigung der Stadt verdient gemacht hatte. Wenn wir bei unseren Spaziergängen dann die Waldenfelsschanze erreichten, legte mein Vater eine Pause ein und erzählte, während wir auf die Ostsee hinausschauten, aus der Vergangenheit der Stadt Kolberg, die damals eine der wenigen Festungen war, die den Franzosen standhielt. Unter Führung des Stadtkommandanten Gneisenau und des Kolberger Bürgers Nettelbeck verteidigten sich die Bewohner während der monatelangen Einschließung erfolgreich gegen den Ansturm der napoleonischen Übermacht, wodurch ihr heldenhafter Widerstand zu einer nationalen Legende wurde - und uns in der Schule als herausragendes Beispiel preußischen Patriotismus' vorgeführt sowie von den Nationalsozialisten bereits lange vor Kriegsbeginn für ihre Propaganda mißbraucht. Oder er führte uns zum im Westen der Stadt gelegenen Hafen, wo wir auf der langen Mole bis zur Hafenausfahrt gingen, die Schiffe am Horizont beobachteten und die salzige Luft der Ostsee genossen. Dort begleitete ich meinen Vater, der sich der Ostsee immer sehr verbunden gefühlt hat und sich auch für den Hafen und den Alltag der Fischer interessierte, zu den Liegeplätzen der Boote, wo er sich mit den Fischern über die Arbeit und den Ertrag ihrer Fänge unterhielt oder mir das Leben am Hafen erklärte. Hier bewunderte ich vor allem die Fischer bei der Reparatur ihrer Netze, wenn sie mit flinken Fingern das Schiffchen mit dem Netzgarn durch die Maschen führten, oder wir verfolgten die farbenfrohen Fischerboote beim Ein- oder Auslaufen und beobachteten das Anlanden der Fänge. Bei einem dieser Spaziergänge zeigte mir mein Vater auch, wo am frühen Morgen die Belgarder Fischfrauen einzukaufen pflegten und ihre Karren mit Fisch beluden, um dann mit der Bahn nach Belgard zurückzukehren und ihre Ware fangfrisch auf dem Fischmarkt in der Dienerstraße zum Verkauf anzubieten. Einmal durfte ich meinen Vater begleiten, als er von einem befreundeten Fischer auf dessen Boot mit auf die Ostsee hinaus genommen wurde; meine Mutter blieb währenddessen am Ufer zurück, da sie immer gleich seekrank wurde. Diese Bootsfahrt war für mich als vielleicht Zwölf- oder Dreizehnjährige ein beeindruckendes Erlebnis und ich wünscht mir damals, auch einmal eine richtige Seereise zu machen (was für mich dann im Sommer 1939 in Erfüllung gehen sollte). Der Höhepunkt seiner Ostseefahrten war eine mehrtägige Schiffsreise mit einem großen Dampfer nach Dänemark (vielleicht im Jahre 1937), von der er uns noch lange Zeit erzählte. Mich haben dabei besonders seine Erinnerungen an den Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen beeindruckt. Er bedauerte stets, daß ihn meine Mutter bei derartigen Ausflügen nicht begleiten konnte, da ihr bereits bei leichtem Wellengang schlecht wurde. Es muß dann wohl im Winter 1938/39 gewesen sein, als sich mein Vater schließlich einen mehrwöchigen Urlaub in den bayerischen Alpen gönnte. Nachdem er mit der Bahn in Brannenburg am Fuße des Wendelsteins angekommen war, besorgte er sich einen Schlitten und rodelte damit die Pisten hinab (als Flachlandbewohner hatte er das Skilaufen nicht gelernt), oder er ging im Schnee spazieren und genoß die winterliche Berglandschaft. Aus diesem Winterurlaub brachte er mir eine Skimütze und eine Anstecknadel in Form eines kleinen Skis mit. Für seine Hinweise zu Land und Leuten war ich ihm später auf meiner Reise nach Bad Reichenhall im Jahre 1943 dankbar, denn so konnte ich bereits vom Zug aus ab Freilassing das allmähliche Auftauchen der Alpen am Horizont verfolgen und auf diese Weise das herrliche Panorama schon aus der Ferne genießen, und auch seine Tips für Ausflüge an den Königssee und nach Salzburg konnte ich damals gut gebrauchen. Von diesen Reisen brachte mein Vater auch zahlreiche Photos mit, die seine Erzählungen besonders anschaulich werden ließen.

Kolonialwarengeschäft Maaß 1926
Nachdem mein Vater nach dem Tode seines Vaters Bernhard 1927 einige Jahre als Geschäftsführer für seine Mutter Elsbeth tätig gewesen war, übernahm er Mitte der dreißiger Jahre die familieneigene Kolonialwa-ren-, Delikatessen- und Weinhandlung als selbstständiger Kaufmann. Die Geschäfts-räume befanden sich im Erdgeschoß des Hauses Marienstraße 15/16, zwei Bierstuben waren dem Laden angeschlossenen; an der Hauswand neben den Schaufenstern hingen große emaillierte Blechschilder, darunter Werbung für "Hildebrand Schokolade & Kakao", "Kathreiner Malzkaffee", "Liebigs Fleischextrakt", "Bensdorp Cacao", "Knorr Hafermehl beste Kindernahrung", "Zuntz geröstete Kaffees", "Kohlstock-Bier" und auch für "Spratts Hundekuchen", ein übergroßes Emailleschild mit dem Kopf eines Bernhardiners (nach einem Entwurf von Hans Lindenstaedt, einem der bedeutendsten deutschen Gebrauchsgraphiker des frühen 20. Jahrhunderts), das mir als Kind besonders gut gefiel. Wir entdeckten dieses Schild 1989 in einem Hühnerstall hinter dem Haus und kauften es auf einer weiteren Reise nach Pommern im Jahre 1992 einer polnischen Familie ab, die damals in einer Wohnung des Gebäudes Marienstraße 15/16 lebte. Im Hof befand sich eine Ausspannung, die vor allem für die Kunden aus den umliegenden Dörfern Bedeutung hatte, denn hier konnten sie - wie auch in verschiedenen anderen Läden der Stadt - ihre Pferde ausspannen und während des Einkaufs unterstellen. Mitte der zwanziger Jahre war u.a. Hilmar Kramp als Lehrling im Maaßschen Geschäft, der Sohn des Stationsvorstehers von Nassow und Bruder von Grete Kramp, meinem Kindermädchen bis Anfang der dreißiger Jahre und erste Frau meines Onkels Karl Alverdes (der sie bei uns im Hause kennenlernte); letzter kaufmännischer Lehrling war Bruno Giese Anfang der vierziger Jahre.*

"Belgards Hausfrauen kochen
elektrisch" (Poststempel 1935)
Das Geschäft war bereits seit langem auf Kaffee, Weine und Spirituosen spezialisiert. Natürlich führte man auch alle anderen Lebensmittel. Schon mein Großvater Bernhard Maaß hatte neue Kaffeemischungen hergestellt. Der Rohkaffee wurde damals in einem Gasröster gemischt und geröstet. Später schaffte mein Vater einen großen elektrischen Kaffeeröster an. Ich habe oft davor gestanden und durch eine Glasscheibe die Bewegungen der Kaffeebohnen in der großen Rösttrommel verfolgen und danach beobachten, wie der Kaffee in einem großen, offenen Behälter zum Abkühlen durch ein Rührwerk bewegt wurde. Alle Räume waren dann von herrlichem Kaffeeduft durchzogen. Wahrscheinlich kam dieser elektrische Kaffeeröster im Zuge einer Kampagne der Überlandzentrale zur Umstellung von Gas auf elektrischen Strom in den Laden. Dafür warben auch Transparente über den Straßen mit der Aufschrift "Belgard kocht elektrisch" und eine elektrische Illumination des Mükeparks, die mir als Kind besonders gut gefiel. Im Jahre 1935 wies sogar der Belgarder Poststempel darauf hin. Im Zuge dieser Umstellung wurden bisher gasbetriebene Geräte wie beispielsweise Kocher, Waffel- und Bügeleisen während einer gewissen Übergangsphase kostenlos gegen elektrische Modelle eingetauscht, auch wir bekamen damals einige Haushaltsgeräte unentgeltlich umgetauscht.

Das Gebäude Ecke Lindenstraße/
Bahnhofstraße im Jahre 1997
Einige andere Kolonialwarengeschäfte in Belgard waren: Paske (früher Reichow) in der vorderen Friedrichstraße, Beyer, Banatz und Manke am Markt, Krüger an der Ecke Luisenstraße / Pankniner Straße, eine Filiale von Kaisers Kaffeegeschäft in der Heerstraße und ein Konsum. Zeitweise hatte die Firma Maaß auch eine Filiale an der Ecke Lindenstraße/Bahnhofstraße - mein Vater nahm mich jedoch nur ein einziges Mal dorthin mit. Bis zum Jahre 1936 verfügte das Geschäft noch über ein Pferd, das den Rollwagen (einen Tafelwagen mit niedrigen Seitenwänden) zog, wenn Waren von der Güterabfertigung der Bahn abgeholt oder zu Kunden gebracht werden mußten. Später wurden die Auslieferungen an die Kundschaft dann mit einem Geschäftsrad mit Anhänger erledigt. An ruhigen Tagen leistete sich mein Vater manchmal das Vergnügen, vor dem Laden mitten auf der Marienstraße die städtischen Tauben zu füttern. Mit Erbsen oder Linsen in den geöffneten Händen lockte er die Tierchen an - und die Vögel ließen sich tatsächlich direkt auf seinen ausgestreckten Händen nieder und pickten hier in aller Ruhe die angebotenen Hülsenfrüchte. Von diesem, für mich als Kind äußerst beeindruckenden Schauspiel hatten wir in unserem Familienalbum ein Photo, welches mein Onkel Heinz Maaß aufgenommen hatte und das ich leider nicht über die Vertreibung aus Pommern retten konnte. Trotz der Mahnungen meines Vaters, die Hände auch wirklich ruhig zu halten, schaffte ich es jedoch nie, ihm dieses Kunststück nachzumachen - denn in meiner kindlichen Ungeduld und mit meinen hastigen Bewegungen verscheuchte ich die Tauben immer sofort.*

Mein Vater Mitte
der 30er Jahre
Mein Vater handelte auch mit Briketts (en detail) und Brennspiritus. Diese Geschäfte lagen in den Händen von Herrn Rettig, dem Hofarbeiter. Im Herbst und Winter wurde auch Wild - Hirsche, Rehe, Hasen und Wildschweine - verkauft, das an großen Haken unter der Holzgalerie im Hof aufgehängt war und von Herrn Rettig fachgerecht zerlegt wurde. Das Häuten der Hasen übernahm unsere langjährige Hausgehilfin Olga, die darin ebenso wie im Spicken eine große Fertigkeit erlangt hatte. In Hinblick auf die in unserem Geschäft verkauften Lebensmittel erinnere ich mich an Artikel von Knorr und Maggi, an Blauband-Margarine (mit einer Zeitung für Kinder, die bei uns an der Kasse auslag), an Sarotti-, Hildebrand-, Mauxion-, Hachez- und Cailler-Schokolade, Camembert "Stolper Jungchen", geräucherte Gänsebrust (Spickbrust), an Teewurst von der Firma Wilhelm Brandenburg aus Rügenwalde und Kathreiner Malzkaffee. Senf - bei uns Mostrich genannt - kam von der Firma Kühne und wurde aus großen grau-blauen Keramikgefäßen in die von den Kunden mitgebrachten Gefäße gezapft. Ebenso verfuhr man mit "Kreude", dem schwarz-glänzenden Zuckerrübensirup. Marmelade gab es lose aus Blecheimern oder als Konfitüre in gedrungenen, rundlichen Gläsern der Firma Bourzutschky. Nährmittel, Zucker und Salz wurde in Säcken angeliefert, vom Personal abgewogen und eingetütet. Die Salzsäcke waren weiß und hatten einen hellblauen seitlichen Streifen, sie wurden nach dem Auftrennen als Handtücher in Laden und Bierstube benutzt. Zigaretten befanden sich in einem etwas höher aufgehängten Wandschrank, unter dem ein kleiner Holztritt stand. Ich erinnere mich an
Die Rama-Kinderzeitung (Jugendschrift zur Unterhaltung und Belehrung) gab
es auch bei uns im Geschäft
die Marken "Eckstein", "R6" und "Muratti Gold". Meine Mutter rauchte nur Zigaretten mit Goldmundstück und sammelte für mich die den Packungen beiliegenden Bilderschecks, die ich dann nach Hamburg-Bahrenfeld zum Zigaretten-Bilderdienst sandte, um dafür Bilder einzutauschen und die entsprechenden Sammelalben - etwa "Märchen", "Tiere des Waldes", "Blütenpflanzen" oder "Malerei der Renaissance" - zu bestellen. Wasch- und Putzmittel gab es damals noch nicht in dieser Vielfalt wie heute, jedoch sind mir "Persil", "Sil", "Henko", Kernseife, Seifenflocken und Ata-Scheuerpulver in Erinnerung geblieben. Ein Großhändler, welcher unser Geschäft mit Lebensmitteln belieferte und u.a. auch ein Auslieferungslager in Belgard unterhielt, war die Firma Tetzlaff & Wenzel, Nahrungsmittel-Großhandel, -Einfuhr und -Industrie, mit Hauptsitz in Stettin und mit bereits damals mehr als 200 Vertretungen, Auslieferungslagern und Fabrikationsstandorten in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Spanien und selbst in Ostafrika.

Das Erdgeschoß 1936
Die beiden Bierstuben lagen rechts neben dem Laden und hatten zwei bzw. drei Fenster zur Marienstraße. Man konnte sie vom Laden, vom Hausflur und vom Hofgang aus betreten. In der ersten Bierstube stand eine kurze Theke mit den Bierzapfhähnen, die vom Keller aus gespeist wurden. In späterer Zeit waren die Zapfstellen in einer hinter der Theke vom Packraum abgeschlagenen Nische, wo sich auch das Spülbecken befand. Auf der alten Theke standen von da an Gläser mit Salzstangen und ähnliches. An einer Seitenwand neben dem Hinterausgang befand sich ein Schränkchen für verschiedene weitere Utensilien; in einem Hängeschränkchen lagerten Zigarren. Vom Packraum war ein schmaler Gang durch Holzplatten abgeteilt, der die benachbarte erste Bierstube mit dem Ausgang zum Hof verband. In diesem Durchgang stand der Geschirrschrank. Die Einrichtung bestand aus zwei großen, langen Tischen mit gepolsterten Bänken und Stühlen aus Holz. Die zweite Bierstube hatte drei große und einen kleinen Tisch, sowie Sofas und gepolsterte Stühle mit Armlehnen. Ein Mantelständer und eine Reihe von Haken für Zeitungen und Zeitschriften, etwa die "Belgarder Zeitung" oder die "Berliner Illustrierte", vervollständigten die Ausstattung. Meine Mutter versuchte in den letzten Jahren, die triste Einrichtung durch Blumen etwas aufzuhellen. Ich habe für die kleinen Keramikvasen im Sommer oft Wiesenblumen gepflückt.*

Marienstraße 15/16 im Jahre 1996
An Getränken gab es Bier vom Faß - u.a. Dortmunder Unionsbräu, wahrscheinlich auch Kohlstock-Bier - Spirituosen und Kaffee. Man konnte dazu warme Würstchen mit Brot und Tilsiter oder Schweizer Käse, der in Streifen geschnitten und mit Senf serviert wurde, verzehren. Einmal im Jahr im Winter gab es einen großen Topf "Königsberger Fleck", eine Suppe, die aus Rinder- und Schweinemagen gekocht war und deren Brühe viele kleine Magenwürfel enthielt. In der Fastnachtszeit wurde zu einem Bockbierfest eingeladen, bei dem auch entsprechende Dekorationen, Kappen und Pappnasen eine Rolle spielten. Die Betreuung der Bierstube erfolgte tagsüber wohl durch Angestellte vom Laden aus. Abends kamen nur wenige Gäste, es waren fast alles Stammgäste. Mein Vater bediente sie selbst, und wenn er im Kontor Schreib- oder Buchführungsarbeiten zu erledigen hatte, saß meine Mutter in der Bierstube und versorgte die Gäste. Später wurde ein Buffetier eingestellt, der jedoch im Herbst 1939 kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen nach Westpreußen ging, um dort selbst ein Lokal zu eröffnen. Ich vermute, daß im letzten Jahr die Bierstuben am Abend geschlossen waren, denn mein Vater war ja schon zu Kriegsbeginn eingezogen worden, so daß meine Mutter sich allein um das Geschäft kümmern mußte und bereits damit überlastet war.*

Verblichener Hinweis im Jahre 2000
Werner Pagel, Sohn von Reinhard Pagel, dem letzten Bürgermeister von Roggow (einem Dorf etwa 4 km südlich von Belgard), erinnert sich an einen Besuch in den Bierstuben unseres Geschäftes: "Bis Mitte der dreißiger Jahre lief alles in ruhigen Bahnen. Mein Vater konnte damals noch alles mit dem Fahrrad, auch zu den Ämtern in Belgard, erledigen. Gelegentlich nahm er auch Pferd und Wagen und verband damit einiges, so beim Einkaufsverein, beim Sattler, in Geschäften usw. Ich fuhr oft mit; wir spannten bei Kaufmann Bernhard Maaß am Ende der Heerstraße, in der Nähe des Hohen Tors aus. Wenn die Besorgungen erledigt waren, saß man noch etwas in der Gaststube, wo in der Regel Bekannte aus anderen Dörfern anzutreffen waren. Das erste Getränk meines Vater war ein "Koks", ein hochprozentiger Rum (?) mit einem Stück Würfelzucker und einer Kaffeebohne darin. Dann - je nach Wetter - eine Tasse Kaffee oder ein Bier. Für mich nach Wunsch eine gelbe, rote oder grüne Limonade. Auch den kleinen Imbiß vergesse ich nicht. Unterhalb von Kaufmann Maaß - Richtung Marktplatz - in der Heerstraße war eine Bäckerei. Ich meine, es war die Bäckerei Sellnow. Von dort mußte ich dann für 20 Pfennig vier Brötchen holen. Aus dem Laden wurde auf einem Teller ein Keil Tilsiter Käse in Streifen geschnitten mit Mostrich gebracht. Für mich war dieses zweite Frühstück ein Erlebnis. Die Fahrt zurück nach Roggow führte meistens über Sternkrug. Mein Vater konnte hier dann noch amtliche Erledigungen machen."
[Quelle: http://www.Belgard.org/Ortsgesch/Fotos/Roggow/Pagel.htm]

Marienstraße 15/16 im Jahre 1972
Unter dem Laden und den Bierstuben befanden sich die Kellerräume, zum Teil mit Gewölben. Hier wurden Käselaibe, Essig und Weine - aus dem Rheingau, von der Mosel und aus Frankreich - gelagert. Es gab auch einen Abfüllapparat und eine Verkorkungsmaschine für Weine, die im Faß geliefert wurden. Heringe lagerten in einer großen Tonne im Packraum hinter dem Laden, wo auch die Materialien für die Schaufenstergestaltung in einem Wandregal lagen. Ein großer Tisch vor dem Hoffenster war der Ort, wo die Lebensmittel für die Hauslieferungen zusammengestellt und verpackt wurden. Auf diesem Tisch wurde auch das Wild zerlegt, das vorher an Haken unter der Holzgalerie "abhing". Ich erinnere mich auch an lebende Karpfen, die man zu Weihnachten und Sylvester anbot. Sie wurden in der Waschküche in mehreren Tonnen unter ständigem Zufluß von Leitungswasser gehalten. Einmal geschah es, daß einige Karpfen übrig blieben. Diese wurden dann in unsere Badewanne umquartiert und nach und nach an Freunde und Bekannte verschenkt. Natürlich kamen sie auch bei uns als "Karpfen blau" oder "Karpfen in Biersoße" auf den Tisch.

Marienstraße 15/16 am 13.8.2001
In einem zum Hof gelegenen, vom Hausflur aus zugänglichen Zimmer hielten sich am Sonnabend, dem Einkaufstag der Landkundschaft, oft Bauersfrauen auf, die nach Erledigung ihrer Einkäufe sich nur ungern zu ihren Männern in die Bierstuben setzten und deshalb hier auf die Heimfahrt warteten (die Wagen der Bauern standen während des Einkaufs in der Mauerstraße hinter unserem Haus und die Pferde im großen Pferdestall am hinteren Hoftor). Dieses hintere Zimmer war in den dreißiger Jahren zeitweise an Ernst Hardt, einen Vertreter der Kohlstock-Brauerei vermietet, der hier sein Büro hatte. Die Kohlstockfässer lagerten in einem separaten Keller, der Anfang des Krieges zum Luftschutzkeller ausgebaut wurde. Das dicke Kaltblutpferd, das den Brauereiwagen zog, hatte einen kleinen Stall im hinteren Teil des Hofes. Im Geschäft arbeiteten in den dreißiger Jahren meistens einige "junge Männer" (Angestellte) und zwei Lehrlinge, dazu Fräulein Emma Kunst als Kassiererin. Dabei erinnere ich mich an Herrn Kuchenbecker, der mich im Radfahren unterwies und an Herrn Hribernig aus Leoben in der Steiermark, der mit seinem Saxophon-Spiel mein pubertäres Herz rührte. Nach der Schließung unseres Geschäftes im Jahre 1940 wohnte in diesem hinteren Zimmer Emmi Klawin, Tochter eines Bauern aus dem benachbarten Dorf Pumlow, die während des Krieges als DRK-Schwester im Lazarett in Belgard tätig war. Die Wohnungen in unserem Haus waren zur Zeit meiner Kindheit wie folgt verteilt: Über den Geschäftsräumen und den Bierstuben des Erdgeschosses lagen im ersten Stock zwei Wohnungen. Das waren die große Wohnung auf der linken Hausseite mit Fensterblick zum Marktplatz (4 ½ Zimmer, Küche, Bad mit WC), die von den Großeltern Maaß und später von meiner verwitweten Großmutter Elsbeth Maaß allein bewohnt wurde und die kleinere Dreizimmerwohnung, in der meine Eltern mit mir wohnten. Meine Eltern hatten zusätzlich ein Zimmer im Dachgeschoß, das sie als Schlafstube nutzten. Dieses Zimmer war zur Zeit der großen Wohnungsnot für vielleicht ein bis zwei Jahre an Herrn Ruthenberg vermietet, den neu zugezogenen Direktor einer Krankenkasse, der dort mit Frau und Tochter Renate (einer netten Spielgefährtin) wohnte. Eine Kochgelegenheit wurde mit einem Gaskocher auf dem Trockenboden geschaffen. Außerdem waren im Dachgeschoß drei kleinere Zimmer und eine Toilette für die kaufmännischen Angestellten und im linken Seitenflügel zwei kleine Kammern für das Hausmädchen, die nur über eine kleine Holztreppe von unserer Küche aus erreichbar waren. Außerdem war dort oben der große Trockenboden mit kleinen Fenstern zur Marienstraße und zwei abgeschlagene Bodenkammern, von denen die hintere eine separate Räucherkammer enthielt.*

Marienstraße 15/16 im Jahre 1989
Nachdem meine Großmutter Elsbeth aus der großen Wohnung in eine für sie ausgebaute Wohnung im Dachgeschoß (zwei Zimmer und Küche) gezogen war, übernahmen meine Eltern die große Wohnung im ersten Stock, die mit fünf Fenstern zur Marienstraße lag. Die von ihnen vorher bewohnte rechte Wohnung dieses Geschosses wurde nun als Zweizimmerwohnung mit Küche vermietet. Das dritte Zimmer dieser Wohnung, das noch einen Ausgang zum Treppenhaus besaß, wurde abgetrennt und von Maaßens als Gästezimmer benutzt. Die ersten Mieter der Zweizimmerwohnung waren das pensionierte Ehepaar Schönwaldt, später das alte Ehepaar Schulze. Herr Schulze hatte ein Gemüsegeschäft in der Friedrichstraße Nr. 12 gehabt, Ernst Schönwaldt war früher Malermeister gewesen. Er machte noch ab und zu Gelegenheitsarbeiten und hatte für seine Farben ein vom Hof zugängliches Kämmerchen unter der Treppe zum Speichergebäude an der Mauerstraße. Mit seiner Frau und deren Schwester, einer Bethaniendiakonisse aus Stettin, spielte ich im Sommer oft auf der Galerie Rommé. Ich verehrte Schwester Elise und freute mich schon immer auf ihren Sommerurlaub. Frau Schönwaldt hatte eine Nichte oder Großnichte mit Namen Evchen (Eva Malsch geb. Huth), die oft zu Besuch kam und dann mit meiner Schwester Anneliese spielte. Nach dem Tod meiner Großmutter Maaß im Jahre 1936 wurde ihre Wohnung im Dachgeschoß an den Bruder meiner Mutter, Onkel Karl Alverdes und seine zweite Frau Helene vergeben, wobei zu den zwei Zimmern und der Küche noch ein Bad kam, das in eine der Mädchenkammern des linken Seitenflügels eingebaut wurde. Danach verblieben für die Angestellten zwei kleine Zimmer im Dachgeschoß des rechten Seitenflügels und eine Mädchenkammer im linken Seitenflügel. Die Beheizung der Räume erfolgte durchweg mit Kachelöfen, und im Laden war meiner Erinnerung nach wohl gar kein Ofen. 1936 ließ mein Vater in die Geschäftsräume und Bierstuben des Erdgeschosses und in unsere Wohnung im ersten Stock eine mit Koks beheizte Warmwasser-Etagenheizungen einbauen. Die übrigen Räume im ersten Stock und im Dachgeschoß behielten ihre Kachelöfen. An einen Kachelofen in unserer Wohnung kann ich mich noch sehr gut erinnern. Er hatte auf der Vorderseite ein großes Stuckmedallion, auf dem ein abwärts schreitender Schütze mit Armbrust dargestellt war, und oben einen reichverzierten Aufsatz. Ich mußte beim Ansehen immer an das folgende Lied denken:

"Mit dem Pfeil, dem Bogen
durch Gebirg und Tal
kommt der Schütz gezogen
früh beim Morgenstrahl."

Später entdeckte ich den Kachelofen durch die Schaufensterscheibe im Verkaufsraum eines kleinen Gemüseladens in der Wilhelmstraße, er war nach dem Abriß dorthin verkauft worden.*

Vielleicht im Sommer 1937, das heißt vor dem Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich, bekamen wir - wohl durch Vermittlung der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), die damals im Rahmen eines Aufrufes Quartiere für Volksdeutsche aus der Tschechoslowakei suchte - für einige Wochen einen Arbeiter aus Leitmeritz an der Eger im Alter von etwa Mitte Dreißig zugewiesen, der einen ausgesprochen elenden Eindruck machte und sich bei uns erholen sollte. Obwohl keiner von uns die Zeit hatte, sich viel um ihn zu kümmern und wir ihn in der Regel nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten sahen, gefiel es ihm bei uns sehr gut. Dafür war er uns in einer fast schon peinlichen Art und Weise dankbar, denn einen derartigen Urlaub bei netten Menschen und mit gutem Essen schien er zuvor noch nicht verlebt zu haben. Er wohnte bei uns im Haus in einem Zimmer unter dem Dach und unternahm viele Spaziergänge in die Stadt und in die nähere Umgebung. Ab und zu unterhielten sich meine Eltern abends mit ihm und erfuhren so aus erster Hand vom Leben und Leiden der Deutschen unter tschechischer Herrschaft. Bald erhielt er bei uns den Spitznamen "Herr Tschich", denn er kam jeden Morgen zum Frühstück mit dem Gruß "Tschich!" zur Tür herein. Als meine Mutter ihn nach einiger Zeit fragte, was diese Begrüßung denn bedeuten solle, antwortete er "Guten Morgen wünsch' ich!" (das heißt er verschluckte den größten Teil des Satzes).

Nach dem Einsturz am 6.8.2001
Während unser ehemaliges Wohn- und Geschäftshaus Marienstraße 15/16 bei den Besuchen in den Jahren 1985, 1989 und 1992 noch relativ gut erhalten und vollständig bewohnt war, zeigte es sich bereits 1996 seit mehreren Jahren unbewohnt und einschließlich der Nebengebäude nahezu völlig zerstört, d.h. die Zwischendecken und Fachwerkfüllungen herausgebrochen, die Fenster zugemauert, das Mauerwerk zum Hof teilweise eingerissen und lediglich die Fassade zur Marienstraße noch erhalten. Schließlich stürzte das Haus in der Nacht vom 6. auf den 7.8.2001 in sich zusammen. Über die näheren Umstände schrieb die Tageszeitung Glos Koszalinski aus Koszalin (ehemals Köslin) in ihrer Ausgabe vom 9.8.2001 unter der Überschrift "Und die Mauer stürzte ein...." sinngemäß:*

"Ein Großalarm hielt gestern Abend die Rettungskräfte Bialogards in Atem. Ein Gebäude, in dem sich sieben Kinder aufhielten, stürzte ein. Sofort wurde Hilfe geleistet. Aus Gdansk [ehemals Danzig] wurden Spezialkräfte der Feuerwehr angefordert.

Kurz nach 21 Uhr stürzte ein Teil eines abbruchreifen Hauses in der Najswietszey Marii Panny [ehemalige Marienstraße] ein. Nach Angaben der Nachbarn wurden dort noch kurz vor dem Einsturz sieben Kinder gesehen. Die Rettungskräfte befürchteten schon das schlimmste. Zum Glück wurden die vermißten Kinder von der Polizei bereits zu Hause angetroffen. '100-prozentige Sicherheit gibt es aber nicht, wir müssen weitersuchen' sagte Jacek Wielinski, Kommandant der PSP Bialogard. Die benachbarten Straßen wurden gesperrt und die Unglücksstelle beleuchtet. Die Bewohner der benachbarten Häuser mußten ihre Wohnungen verlassen; erst nach vier Stunden durften sie nach Hause zurück.

Der Einsatzleiter der Feuerwehr, Tadeusz Reszko, setzte sich mit dem Bauamt in Verbindung. Dieses empfahl, mit dem Abriß bis zum Morgen zu warten. 'Da wir jetzt wissen, daß sich keine Personen mehr im Gebäude befinden, würde dies ein zu großes Risiko für unsere Leute bedeuten. Die Lampen blenden und es kann leicht zu einem Unfall kommen' warnte Bauinspektor Andrzej Kazirod. Um Mitternacht kam der Leiter der PSP Bialogard, Stanislaw Lenard, zur Unglücksstelle: 'Die Lage ist sehr ernst. Im Inneren des Gebäudes hängen noch die Reste der Decken, die Arbeiten fortzusetzen ist von daher unmöglich.' Das Gebäude steht im Privateigentum. Seit Monaten versuchen die Behörden, mit dem Besitzer Kontakt aufzunehmen, dieser ist jedoch verschwunden. Jetzt droht ihm eine satte Strafe oder sogar Gefängnis. Auch die Kosten des Einsatzes muß er tragen.

Es bestehen keine Zweifel, wie es zu dem Unglück kommen konnte - das Holz des Gebäudes wurde demontiert und als Brennmaterial verwandt; Kinder sollen Backsteine entfernt und dafür 5 Zloty bekommen haben, von wem ist noch unklar. Am nächsten Morgen begann man schließlich mit dem Abriß."


Erwin Maaß 1942
Als mein Vater 1939 bereits einige Tage vor Beginn des Krieges eingezogen wurde, übertrug er meiner Mutter die Geschäftsleitung. Da auch unsere Angestellten zur Wehrmacht einberufen wurden, unterstützten sie nur noch der Lehrling Bruno Giese und Fräulein Emma Kunst, ein älteres Fräulein, das schon früher bei uns zeitweise als Kassiererin ausgeholfen hatte. Zu den Schwierigkeiten durch die Abwesenheit des Geschäftsinhabers und die fehlenden Mitarbeiter kamen die zahlreichen Vorschriften der Kriegswirtschaft wie etwa Lebensmittelkarten und Lieferbeschränkungen. Das alles führte zu einer erheblichen Steigerung des Arbeitsaufwandes und bedeutete damit eine große Belastung für uns alle. So sehe ich uns heute noch - meine Mutter, meine Großmutter, unsere Hausangestellte Grete und mich - in unserem Wohnzimmer auf dem großen Eßtisch unter einer dunkelroten Hängelampe mit Fransen die unzähligen Lebensmittelmarken aus unserem Geschäft auf große Packpapierbögen in Reihen abgezählt und nach Kategorien geordnet mit Leim und Pinsel aufkleben. Dazu kam die immer weiter verschärfte Preisauszeichnungspflicht. Anläßlich einer Kontrolle in unserem Geschäft hatte meine Mutter eine äußerst unangenehme Begegnung mit einem anmaßenden Beamten von der Preisüberwachung, der sie des Betruges verdächtigte, weil sie in Unkenntnis der Gepflogenheiten im Wildhandel das Fleisch eines Spießbockes nicht richtig ausgezeichnet hatte. Nach Gesprächen mit Hertha Beyer vom gleichnamigen Kolonialwarengeschäft am Markt / Ecke Poststraße über die unter allen Einzelhändlern unbeliebten Praktiken der Preisüberwachungsbehörde und eingehender Beratung mit meinem Vater schloß meine Mutter im November 1940 das Geschäft. Die bewirtschafteten Waren übernahm die Firma Beyer und der Lehrling beendete seine Ausbildung bei Kolonialwaren Banatz am Markt / Ecke Jägerstraße. Die finanzielle Lage unserer Familie war gesichert, weil mein Vater nach der Schließung des Geschäftes neben seinem Zahlmeistergehalt eine Familienunterhaltszahlung erhielt.*

In Krakau (1943)
Dennoch waren wir im Kriege sehr froh, daß mein Vater wegen seines Alters nicht zur kämpfenden Truppe eingezogen wurde. Er mußte sich jedoch schon ein paar Tage vor Kriegsausbruch im August 1939 als Zahlmeister in der alten Belgarder Kaserne an der Körliner Straße stellen, gegen Kriegsende diente er als Oberzahlmeister (Leutnant der Reserve) beim 1. Bataillon des Auffrischungs-Regiments 59 in Hammerstein bei Neustettin (ca. 70 km südöstl. v. Belgard). Nach einigen Wochen in der Belgarder Kaserne wurde er bereits 1939 ins "Generalgouvernement" nach Polen beordert, zuerst nach Biala Podlaska, danach nach Lublin. 1941/42 war er in Padua in Italien stationiert, kam aber danach wieder in den Osten nach Krakau und Reval. Dazwischen war er immer mal wieder in Belgard auf Urlaub und zeigte seine vielen Photos, die er mit seiner von uns vielbestaunten Kleinbildkamera gemacht hatte. Besonders schwärmte er von Krakau und Padua. Ich glaube nicht, daß er in den besetzten Gebieten ein "Absahner" war; und nur selten brachte er uns etwas mit. Ich kann mich lediglich an ein Paar Stiefel aus Polen für meine Schwester Anneliese und mich und später an zwei Seidenstoffe aus Padua für meine Mutter erinnern. Im Jahre 1942 wurde mein Vater für eine zeitlang nach Stargard in Pommern versetzt, von wo aus er uns in Belgard öfter sonntags besuchen konnte. Zwischen den Auslandseinsätzen war er einige Male für mehrere Wochen bei Neuaufstellungen von Einheiten innerhalb Deutschlands beschäftigt; meine Mutter hat ihn dann mehrfach dort besucht. Einmal wurde auch ich für drei Tage von der Schule beurlaubt und durfte mit der Bahn zu meinem Vater nach Neustrelitz in Mecklenburg fahren, wo ich mit ihm in einem kleinen Hotel wohnte. Für einen Abend war ein Besuch in dem entzückenden Residenztheater der Stadt bei einer Aufführung von "Der Vogelhändler" von Carl Zeller geplant. Mein Vater ging mit mir vorher das Textbuch durch und sang mir einige Lieder vor (vielleicht pfiff er mir die Melodien auch vor). In diesen ersten Kriegsjahren wurde mein Vater, der als Zahlmeister für die Versorgung seiner Einheit zuständig war, von seiner Dienststelle auch einmal nach Stettin zu einem Kochlehrgang geschickt, wobei er die hier erworbenen Kenntnisse wohl an die Truppe weitergeben sollte. Aus seinen Berichten zog auch meine Mutter einen gewissen Nutzen, etwa als er uns erzählte, daß für eine gute Suppe die Suppenknochen vor dem Kochen zunächst angebraten werden müßten. In diesem Zusammenhang erinnerte er sich lachend an den Ersten Weltkrieg, als die Rekruten während der Grundausbildung selbst noch das richtige Kauen lernen sollten. So stand auf dem Kasernenhof vor der Abteilung junger Soldaten, zu der auch mein Vater gehörte und von denen jeder eine Scheibe Kommißbrot in der Hand hielt, der Unteroffizier und kommandierte "Abbeißen!", zählte dann langsam von 1 bis 32, wobei die gesamte Kompanie im Takt kauen mußte, bis ihnen schließlich mit einem letzten Kommando das Runterschlucken erlaubt wurde. Mein Vater nannte dieses Verfahren "32mal Rumkauen" und erklärte uns, daß man dabei hoffte, die starke Speichelentwicklung durch das lange Kauen würde die Verdauung fördern und das Sättigungsgefühl verstärken, sodaß bei der Verpflegung der Truppe etwas eingespart werden könnte. Von da an bekamen wir, wenn mein Vater in Belgard auf Heimaturlaub war und bei den gemeinsamen Mahlzeiten das Essen wieder einmal zu schnell heruntergeschlungen wurde, von ihm manchmal in Anspielung auf seine Rekrutenzeit die Worte "32mal Rumkauen" zu hören.*

Auf Urlaub (1940/41)
In seinen letzten Lebensmonaten, als er aufgrund des deutschen Rückzuges bereits in Pommern stationiert war (bis Anfang 1945 in Köslin, danach in Hammerstein bei Neustettin), schrieb er zahlreiche Briefe an uns, berichtete von seinem Befinden und schilderte die Lage seiner Einheit. Wir hielten uns zu jener unsicheren Zeit an seine Bitte, uns nicht in den Strom der Flüchtlinge einzureihen. Ich selbst war seit Ende 1944 kriegsverpflichtet bei einer aus Stettin ausgelagerten Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard. Dort suchte mich mein Vater noch am Vormittag des 3. März 1945 auf und verabschiedete sich von mir. Er war bereits am Tag zuvor, kurz vor dem Einmarsch der Russen in Belgard also, gemeinsam mit einem Fahrer auf dem Motorrad nachmittags nach Belgard gekommen, um sich beim Stadtkommandanten einen Marschbefehl zu holen. Hier traf er einen ehemaligen Kunden, den Gutsbesitzer Major Lobeck, der ihm den Rat gab: "Schlagen Sie sich mit ihrer Einheit in Richtung Kolberg durch!" Denn mein Vater lag mit einer von ihm geführten Gruppe versprengter Wehrmachtsangehöriger und Zivilisten, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, bei Battin im Kreis Belgard in der Nähe der Front. Er blieb in dieser Nacht bei uns in Belgard und wollte am nächsten Morgen zu seiner Einheit zurückkehren. Er schilderte uns das Elend der Flüchtlinge auf den Straßen des Kreises und bat uns, in Belgard zu bleiben, für eine Flucht sei es zu spät. Wir sahen ihn damals zum letzten Mal, er wurde, wie wir jedoch erst Anfang der fünfziger Jahre erfuhren, mit seinen Kameraden zwei Tage später auf dem Weg nach Kolberg von den Russen bei Degow überrollt und am 6. März 1945 auf dem Marsch in die Kriegsgefangenschaft von einem russischen Bewacher erschossen. Als sich mein Vater am 3. März auf meiner Arbeitsstelle in der Zimmerstraße von mir verabschiedete, sagte er dem Sinn nach: "Jetzt mußt Du für die anderen sorgen. Hilf Mutti, sie ist ganz verzweifelt. Geht nicht auf die Flucht, es ist alles viel zu spät. - Wenn wir am Leben bleiben, treffen wir uns in Halle bei Else Gerboth!" (einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß verwandt waren). Er berichtete noch, daß er auf dem Wege zur Zimmerstraße einen Soldaten beobachtet hatte, der vor einem Bäckerladen einem Kind ein Brot wegriß. Sein Kommentar dazu: "Soweit ist es nun schon gekommen!" Dies sind die letzten Erinnerungen an meinen Vater, und noch Jahre später konnte ich mir trotz all der gegenteiligen Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde.... Am Spätnachmittag desselben Tages heulten die Sirenen und gaben das Zeichen zur Räumung der Stadt. In der Nacht zum 5. März 1945 zogen dann die russischen Truppen in Belgard ein.

An diese vermutlich letzten Tage meines Vaters erinnert sich auch der Belgarder Kaufmann Johannes Runge, damals Kompanieschreiber in der Einheit meines Vaters, auf Seite 131 bis 133 seiner 1965 niedergeschriebenen und 1985 veröffentlichten Erinnerungen und Gedanken. Ein Leben im 20. Jahrhundert (sein Vater Emil Runge stammte aus Trieglaff, machte eine Kaufmannslehre in der Kreisstadt Greifenberg, eröffnete dann ebenso wie mein Großvater Bernhard Maaß noch vor der Jahrhundertwende in Belgard einen Kolonialwarenladen mit Ausspannung - zunächst in der oberen Friedrichstraße - und führte sein Geschäft später mit Haushaltswaren etc. in der Friedrichstraße Nr. 2 gegenüber der Post weiter - überraschenderweise ergeben sich hier zahlreiche weitere Parallelen zum Leben meines Großvaters, sowohl in Hinblick auf seine Herkunft aus einem wohlhabenden Bauerngeschlecht, seine Lehrzeit als Kaufmann in der Stadt als auch die erfolgreiche Entwicklung seines Geschäftsbetriebes in Belgard):

"[....] ich [....] saß [....] mit dem sogenannten Gefechtstroß in einer Siedlung mitten im Walde, die aus weit verstreuten Einzelgehöften bestand. Von hier aus versorgten wir die weiter vorn eingesetzte Truppe mit Lebensmitteln und warmen Essen. Ich bin da mehrere Nächte mit einen Gaul vor einem Ackerwagen mutterseelenallein nach vorne gefahren. Rund herum brannten die Dörfer, ab und zu pfiff ein Schuß, man zog unwillkürlich den Kopf ein. Als ich eines Tages frühmorgens zurückkam, erfuhr ich, daß das Gehöft, von dem ich abends aufgebrochen war, inzwischen von den Russen 'erobert' worden war. [....] Da entschloß sich der Führer unseres komischen Haufens zum Aufbruch. Es war der Zahlmeister Erwin Maaß, in Zivil Kolonialwarenhändler in Belgard, mein einziger Landsmann in der Truppe. Wir waren im ganzen etwa 80 Mann, Köche, Schreiber, Pferdeführer und ein Oberfeldarzt, 20 Pferde und zehn Wagen. Zusammen hatten wir höchstens zehn Gewehre und Pistolen. Wir machten uns also schlicht auf den Weg, und es war wirklich hohe Zeit. Jede Nacht hörten wir in unserer Nähe die russischen Panzer rasseln. Wir kamen morgens durch Neustettin, die Russen am Mittag, gleichzeitig waren sie aber auch an unserer rechten Seite. Wir marschierten auf der linken Seite der Bahnstrecke Neustettin-Belgard-Kolberg, die Russen auf der rechten Seite, aber auch hinter uns. Über Gramenz ging es nach Drenow, von dort aus konnte ich nach Hause anrufen, es waren nur noch 15 km bis Belgard. Da schwenkten wir nach Westen ab und machten in Battin, zwischen Schivelbein und Belgard Rast. Erwin Maaß, der uns mit Glück und Geschick geführt hatte, war ein kluger Kopf. Er wußte, daß in Belgard eine Versprengtensammelstelle war, und die wollte er vermeiden. Denn er befand sich mit seiner merkwürdigen Truppe bereits weit außerhalb der Legalität. Erwin Maaß fuhr mit unserm einzigen Motorrad nach Belgard; als er wiederkam, ließ er mich rufen und sagte: 'Runge, in Belgard ist alles hysterisch, schnappen Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie hin!' Urlaub für 24 Stunden! Mit diesem Urlaub rückt Erwin Maaß in die Liste meiner Lebensretter ein. Ich kehrte nicht zurück, 24 Stunden waren zuviel für die Russen. Maaß und seine Leute sollen an der Straße zwischen Körlin und Plathe, als sie sich weiter nach Westen abzusetzen versuchten, von den Russen überrascht worden sein. Man hat nichts mehr von ihnen gehört.

[....] Am Montag oder Dienstag wagten wir uns in die Stadt und nahmen unsere verlassene Wohnung wieder in Besitz. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie durchsucht und verwüstet vorzufinden. Da wir fast überall die Schlüssel hatten stecken lassen, waren nur wenige Schränke aufgebrochen, aber alles lag auf dem Fußboden. Wir stellten fest, daß eigentlich noch nichts weg war, nur die Telefonmembranen waren sorgfältig herausgeschraubt, sogar der Rotwein war noch da. Wir brachten alles wieder in Ordnung und hatten nun ständig Besuch von Russen und Polen. Der erste polnische Offizier nahm meine Rolleiflexkamera mit. Außer uns war noch eine Flüchtlingsfamilie, die von weiter östlich gekommen war und etwas polnisch sprach, in der Wohnung. [....]"

Zur Situation der Einheit meines Vaters etwa einen Monat zuvor (Donnerstag, 8.2.1945) noch einmal der Belgarder Johannes Runge (1906-1993):

"Während wir noch dabei waren, uns auszurüsten, brachen die Russen bei Schneidemühl durch, das nicht sehr weit von Hammerstein entfernt liegt. Das Regiment war nicht fertig, die drei Bataillone, zu denen ich als Kompanieschreiber gehörte, wurden nachts nach Süden in Marsch gesetzt, natürlich zu Fuß. Ich sehe uns noch im tiefen Schnee neben unseren Gefechtswagen, die mit Pferden bespannt waren, einherstapfen. Es war bitter kalt und nach dem Marsch waren fast alle Hauptfeldwebel mit Erfrierungen ausgefallen. Wir kamen bis Flatow, an der früheren polnischen Grenze. Dort 'im Raume Flatow-Jastrow' wurden unsere drei Bataillone zusammen mit der 15. lettischen SS-Division von den Russen eingekesselt und ziemlich zu Schanden gemacht. [....]

Unser Rückzugsweg ging an einem kleinen Waldstück vorbei, der Weg und das Wäldchen lagen unter schwerem Maschinengewehr- und Granatwerferfeuer. Nachdem wir die Pferde vor unserm Wagen verloren hatten, sprangen wir in wilder Flucht in das Wäldchen, in dem blau der Pulverdampf stand. Überall lagen Tote, die Geschosse sirrten durch die Bäume. Ich hatte eine schreckliche Angst, nie in meinem Leben habe ich mich so schnell zu Boden geworfen wie hinter jeden Baumstamm. Irgendwie kam ich ohne Schaden heraus und traf zwei Mann von unserem Haufen, die auch davongekommen waren. Ich hatte nur noch eine Pistole; Gewehr und sämtliches Gepäck war weg. Wir trotteten durch den Wald, kamen auf einen Weg, wo russische Werfer 'Stalinorgeln' in eine Kolonne hineingehalten hatten: es war grauenvoll. Gegen Abend überschritten wir auf einer Notbrücke einen Fluß und erreichten die kleine Stadt Landeck. Sie lag unter feindlichem Artilleriefeuer und brannte überall. Wir fanden eine Unterkunft in einem Keller [....].

Am sehr frühen Morgen brachen wir nach hinten aus, verließen Landeck und schlugen uns durch den Wald. [....] Wir hatten Glück und begegneten niemandem. Dafür trafen wir am dritten Tag auf eine Chaussee und bald darauf unseren Zahlmeister [Erwin Maaß]. Wir wurden gern in Empfang genommen, ich wurde wieder Kompanieschreiber; aus den drei Bataillonen hatte man mit Mühe ein neues zusammengebaut. Der Bataillonsführer war gefallen."

In: Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter 1945. Band IV, 6. bis 14. Februar 1945. München 1999, S. 196-197.

Der letzte Brief meines
Vaters vom 5.3.1945
Über das weitere Leben meines Vaters und die Umstände seines Todes ist nichts Genaues bekannt. Der uns zuvor unbekannte Gärtnereibesitzer Arthur Priebe aus der Jakobistraße in Belgard (in seinem zweiten Brief an meine Mutter vom 1.4.1951 erwähnt ihn Herbert Fiss als "Kutscher Priebe von Hacke aus Belgard"), der als Zivilist im März 1945 von den Russen verschleppt und im Sommer 1945 schwer tuberkulös nach Belgard zurückgekehrt war, erzählte meiner Mutter folgendes: Er [Priebe] sei im März bei Degow in der Nähe von Kolberg in einem Zug von Zivilisten unter russischer Bewachung hinter einem Trupp gefangener deutscher Soldaten marschiert und habe in diesem Trupp Erwin Maaß erkannt. Nach seiner Beobachtung habe mein Vater mit einem russischen Bewacher einen Disput geführt und sei von diesem an den Zivilisten vorbei nach hinten geführt worden. Dort sei dann ein Schuß gefallen und der Wachsoldat sei allein ohne meinen Vater wieder zurückgekommen. Viel später, im Jahre 1950, erhielt meine Mutter von Gertrud Meyer, der Frau des Schulleiters Willi Meyer aus Drosedow / Krs. Kolberg einen Brief, in dem diese berichtete, daß die Einheit meines Vaters im Schulhaus genächtigt und daß ihn am nächsten Morgen russische Soldaten gefangen genommen hätten. Es lag ein handgeschriebener Zettel dabei, den Erwin Maaß damals im Schulhaus geschrieben und ihr übergeben hatte, und auf dem er meiner Mutter mitteilte, daß er am nächsten Morgen in Gefangenschaft gehen müsse. Ähnliches schrieb ebenfalls 1950 Herbert Fiss aus Bielefeld, der zu der Gruppe der Versprengten gehört hatte und mit meinem Vater zusammen in Gefangenschaft geraten war, nach dem Krieg an meine Mutter in Halle/Saale. Auch er sprach von einem Russen, der meinen Vater von der Gruppe nach hinten geführt habe und ohne ihn zurückgekommen sei. So mußten wir also annehmen, daß mein Vater schon zwei Tage nach seinem letzten Besuch bei uns in Belgard ums Leben gekommen ist. Meine Mutter klammerte sich jedoch ebenso wie unzählige weitere Frauen in den Nachkriegsjahren noch lange an die Hoffnung, daß ihr Mann noch am Leben sei und die Gefangenschaft irgendwie überstehen würde. Erst im Jahre 1963 ließ sie ihn für tot erklären, weil dies eine formale Voraussetzung für die Beantragung eines Lastenausgleiches für die mit der Vertreibung verbundenen materiellen Verluste war. Auch ich konnte mir trotz all der gegenteiligen Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde....*

Im Heimatkreisarchiv der Belgarder in ihrer Patenstadt Celle fand sich eine Photographie meines Vaters und der folgende Eintrag:

"Als Führer einer kleinen versprengten Gruppe gilt der Oberzahlmeister Erwin Maaß seit März 1945 als vermißt. Er wurde nach langjährigen Bemühungen, die sein weiteres Schicksal klären sollten, für tot erklärt. Nur als wahrscheinlich gilt sein Erschießungstod am 6. März 1945 in der Nähe von Degow / Kolberg. Der am 12. März 1897 in Belgard Geborene betrieb in der Marienstraße 15/16 ein Lebensmittelgeschäft."

Die Feldpostbriefe meines Vaters aus seinen letzten Lebensmonaten von Januar bis März 1945, als die Russen bereits in Pommern standen und er als Oberzahlmeister (Leutnant der Reserve) beim 1. Bataillon des Auffrischungs-Regiments 59 nicht weit von Belgard entfernt diente (in Hammerstein bei Neustettin bzw. Tempelburg am Dratzig-See), begleiteten meine Mutter Bertha Maaß über die Vertreibung 1946 hinaus bis in ihren letzten Lebensabschnitt nach Mittel- und Westdeutschland. Nach ihrem Tod fanden sie sich in ihrem Nachlaß. Wie oft mag sie diese betrachtet und in ihnen gelesen haben....

Eleonore Gürge geb. Maaß