Ewald und Agnes Maaß
1885 - 1945     1886 - 1945
Ewald Maaß (*29.5.1885), der jüngste Bruder meines Großvaters Bernhard Maaß, ein sehr dicker und gemütlicher Mensch, erbte den väterlichen Hof in Alt Lülfitz und bewirtschaftete ihn, nachdem der Gebäudekomplex am 12. Januar 1920 aufgrund eines Kurzschlusses abgebrannt und anschließend ausgesprochen großzügig wieder aufgebaut worden war, bis in die dreißiger Jahre hinein. Ewald heiratete am 5.11.1905 Agnes Manke (*18.3.1886), Tochter des Bauern Hermann Manke, Bürgermeister und Amtsvorsteher in Pustchow-Abbau, ihre ältere Schwester Agathe ehelichte 1903 Ewalds Bruder Erich. Tante Agnes war, wenn sie nach Belgard an der Persante in die Stadt und nach dem Einkaufen zu uns in die Marienstraße 15/16 zu Besuch kam, immer sehr elegant gekleidet.*

Ewald Maaß
Wir waren ab und zu in Lülfitz eingeladen, so auch zum Gänsebratenessen am zweiten Weihnachtsfeiertag. Wenn die große Platte mit den Gänsestücken am Tische rund ging, nahm ich (ohne Absicht) jedes Mal das Hinterteil und erkannte es mit Entsetzen erst in dem Moment, als mein Onkel Ewald bereits rief: "Dat Kind hat allwerra den Stietz!" Im Kriege war ich auch mehrmals gemeinsam mit unserer Hausangestellten Ilse Kruggel auf dem Hof, um überschüssige Beeren aus dem Obstgarten der Tante zu holen. Mitte der dreißiger Jahren wollte Ewald - als Vorsitzender des örtlichen Kriegervereins - auch einmal am jährlichen Reichskriegertreffen in Kassel teilnehmen. Aufgrund seiner Leibesfülle traute er sich jedoch nicht, allein dorthin zu fahren. Sein Neffe, mein Vater Erwin, begleitete ihn auf der langen Reise. Nach der Rückkehr erzählte er den Daheimgebliebenen von Ewalds Rührung, als ihm bei einer Großveranstaltung der ehemalige Kronprinz die Hand drückte und ihn als "dicksten Krieger Deutschlands" willkommen hieß.*

Die Hochzeit von Alice Maaß in Lülfitz
Ewald und Agnes Maaß hatten zwei Kinder, Edwin (*19.10.1906) und Alice (*27.11.1907). Alice heiratete am 8.6.1928 Studienrat Karl Petzke aus Neustrelitz. Ihre beiden Töchter, Ingrid und Erika, waren etwas jünger als ich. Ihr Bruder Edwin, der Hoferbe, ehelichte am 29.5.1936 Edith Knop (12.9.1912), Tochter des Bauern Paul Knop aus Redlin, einem Nachbarort von Lülfitz. Bei der Hochzeit in Redlin war auch ich zum Blumenstreuen eingeladen und verkaufte zum Entsetzen meiner Eltern gemeinsam mit Ingrid Petzke, der Nichte des Bräutigams, kleine Sträußchen, die wir im Garten der Brauteltern gepflückt hatten, für 5 Pfennig an die lachenden Hochzeitsgäste. Edwins Frau war sowohl bei der Arbeit in Haus und Hof sehr tüchtig als auch kunsthandwerklich begabt. So fertigte sie zum Beispiel in den ruhigeren Zeiten im Winter nach eigenen Entwürfen Gobelinbilder an. Aus ihrer Ehe ging als einziges Kind Tochter Helga (*7.3.1938) hervor, die 1961 Horst Wolfgramm (Enkel des Bauern Paul Leß aus Redlin) ehelichte und mit ihm die Kinder Christiane, Bodo und Benno hatte.*

Der Maaßsche Hof im Jahre 1989
Nachdem der Hoferbe Edwin im Kriege zur Wehrmacht eingezogen worden war, mußte sein Vater Ewald, der damals bereits zuckerkrank war, noch einmal mit Hilfe der Frauen, einigen Polen und eines französischen Kriegsgefangenen den Hof bewirtschaften. Im März 1945 wurde Lülfitz von den Russen geplündert und zum Teil verwüstet. Ewald wurde nach Belgard in das damals GPU-Keller genannte russische Gefängnis verschleppt, vielleicht weil er Ortsvorsteher von Lülfitz war. Agnes war entsetzt über den Zustand ihres Mannes und versuchte ihn freizukaufen. Neben Lebensmitteln sollte sie eine goldene Uhr bringen. So gab ihr meine Großmutter Elfriede Alverdes die Uhr meines Großvaters Johannes. Agnes löste ihren Mann bei den Russen aus und brachte ihn zurück nach Lülfitz. Ewald erkrankte danach so schwer an Diphtherie, daß er ins Belgarder Krankenhaus eingeliefert werden mußte, wo er Monate lag, häufig besucht von seiner Frau. Agnes erkrankte ebenfalls nach einem Überfall durch einen Russen, womit der wohl bereits infizierten Frau der letzte Lebensmut genommen wurde. Auch sie kam ins Belgarder Krankenhaus, wo sie Ende September 1945 starb; Ewald starb wenige Tage nach ihr am 7. Oktober 1945. Beide wurden auf dem Lülfitzer Friedhof beerdigt. Von diesem Friedhof ist heute nichts mehr zu erkennen, er ist überwuchert, es wächst dort mittlerweile ein kleines Wäldchen. So konnten wir ihre Gräber bei unseren Besuchen in Lülfitz nicht aufsuchen; der deutsche Friedhof ist nach Auskunft eines Polen, den wir dort im Jahre 1996 trafen, nach dem Kriege zerstört worden.*

Edwin (19.10.1906 - 14.8.1989), seine Frau Edith (12.9.1912 - 26.9.1975) und Tochter Helga (*7.3.1938) fanden nach dem Krieg in Holstein ein neues Zuhause. Sie wohnten 1974, als sie einen Beileidsbrief anläßlich des Todes meiner Mutter Bertha Maaß schrieben, in Stolpe, einem kleinen Ort etwa 20 Kilometer südlich von Kiel; Helga Maaß verehelichte Wolfgramm lebt noch heute dort. Über die übrigen vier zwischen dem ältesten Sohn Bernhard (*1867), meinem Großvater, und dem jüngsten Sohn Ewald (*1885) geborenen Geschwister ist uns nur wenig bekannt.*

Im Nachlaß meiner Mutter fand sich ein Artikel von Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), in dem auch mein Onkel Ewald Maaß erwähnt wird: "Not macht erfinderisch. Dieses Sprichwort bewahrheitete sich in den Kriegsjahren 1916/17. Die damaligen Zeiten wurden immer schlechter. Lebensmittel gab es nur auf Marken, Bekleidung und Ersatzgegenstände nach Bedarfsprüfung nur auf Bezugsscheine. Wer ein Fahrrad besaß, mußte dessen Benutzung als kriegswichtig nachweisen und bekam dann eine Dringlichkeitsbescheinigung für weitere Benutzung der Gummischläuche und -mäntel seines Fahrrades, anderenfalls mußten diese an einer behördlichen Sammelstelle abgeliefert werden. Wollte dennoch jemand dem Radsport huldigen, konnte er sich bei Julius Küken oder Franz Westphal eine Ersatzbereifung kaufen. Das war ein in den Radfelgen einzuspannender Spiralfederschlauch. Auf glatter Chaussee oder festen Radwegen ging es so leidlich, jedoch eine Fahrt auf dem üblichen Betonpflaster der Belgarder Straßen führte allemal zum Schüttelfrost für den Radler. Immerhin gewöhnte man sich allmählich an die Benutzung solcher Vehikel, die meist als Lastenträger für Sammelholz aus dem Walde oder Beutegut von einer Hamstertour benutzt wurden. Als Besitzer eines 'Brennabor' mit solchen Spiralschläuchen begab ich mich damals nach der hinter dem Stadtholz gelegenen Landgemeinde Lülfitz, um den uns bekannten Bauernhofsbesitzer und Amtsvorsteher Ewald Maaß heimzusuchen. Zu der dreifachen Kraftaufwendung für ein solches Fahrzeug kam die sommerliche Hitze des Tages, so daß ich für die etwa zehn Kilometerstrecke über eine Stunde benötigte. Der Rückweg dauerte länger, weil das beladene Fahrrad geleitet wurde. Doch die Fahrt belohnte sich den damaligen Zeitumständen entsprechend immer. Mit einem halben Bauernbrot, einigen Kilo Kartoffeln, Steckrüben, Roggen zum Kaffeebrennen, einer Flasche Milch, Backobst, etwas Butter, nur in Verbindung mit einem Vergrößerungsglas zu verwenden, und 'Anteilen' von einer im Dorf 'zufällig' gehabten 'Notschlachtung' kehrte ich befriedigt heim."

Hof Maaß in Alt Lülfitz bei Belgard

Zum Geburtsort meines Großvaters Bernhard Maaß und seiner Geschwister schreibt Fritz Schulze nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 84, September 1976 auf Seite 8: "Fünf Kilometer von Belgard entfernt, an der Straße vom Stadtholz nach Buchhorst, da liegt das alte Wenden-Runddorf Altlülfitz. In der Mitte des Dorfes stand die einklassige Schule. Die Straßenseite war mit einer Dornenhecke und kleinen Bäumen bepflanzt; rund um die Gehöfte breitete sich ein Wiesenteppich aus. Zum Ort gehörten 30 landwirtschaftliche Betriebe, vier Abbauten, zwei Gasthöfe und eine Schmiede. Da Altlülfitz viele ertragsfähige Wiesen hatte, lieferten die Bauern seit dem Jahre 1898 die Milch an die Molkereigenossenschaft nach Belgard. Im Jahre 1912 wurde der Ort an das Stromnetz der Überlandzentrale Belgard angeschlossen. Am 12. Januar 1920 wurde die gesamte Hoflage des Amtsvorstehers Ewald Maaß durch Kurzschluß eingeäschert. Noch im gleichen Jahre entstand der Bauernhof neu. Durch die Nähe an Belgard wurde Altlülfitz häufig von Spaziergängern (auch Hamstern) aufgesucht und wie gut schmeckte dann bei Rast in ländlicher Luft eine belegte Landbrotstulle mit einem Glas Milch oder auch ein aus drei Eiern mit Schinkenspeck bereitetes Gabelfrühstück zu solidem Preis, der heute garnicht denkbar ist. In kirchlicher Betreuung gehörte Altlülfitz zur St. Mariengemeinde in Belgard. Am 7.3.1945 besetzten die Russen das bis dahin wohlhabende Bauerndorf Altlülfitz und das große Leid begann."
Eleonore Gürge geb. Maaß