Mein Urgroßvater Johann Karl Ferdinand Mohr
wurde am 30.12.1836 in Artern/Thüringen als Sohn des Bäckermeisters
Ernst Ferdinand Mohr und seiner
Ehefrau Friederike Karoline geb. Bertram
verwitwete Koch geboren und betrieb später ebenfalls als Bäckermeister
in Berlin-Wedding in der Badstraße 59 eine Bäckerei
(im Berliner Adreßbuch wird mein Urgroßvater erstmals im Jahre
1868 als Bäcker, wohnhaft Blumenstraße 14a, erwähnt, 1869
oder 1870 zog die Familie Mohr in die Große Hamburger Straße
34, 1870/1871 in eine Parterrewohnung in der Stettiner Straße 62 und
1872/1873 in das zweite Geschoß der Stettiner Straße 61, 1875
ist sie in der Bellermannstraße 83a zu finden und seit 1876 in der
Badstraße 59, wo sich auch die Bäckerei befand - außer
der Blumenstraße gehörten alle übrigen Straßen zum
Berliner Ortsteil Wedding, der 1861 nach Berlin eingemeindet wurde). Johann
Karl Ferdinand Mohr war mit Eleonore Albertine Mohr geb. Bahr (in Berliner
Dokumenten auch "Bähr" geschrieben), geboren am 17.11.1845
in Ratzebuhr/Krs. Neustettin
in Pommern (etwa 20 Kilometer südöstlich von Neustettin), verheiratet.
Außer ihrer Tochter Elsbeth
(*27.3.1877) müssen sie noch mehrere Kinder, mindestens jedoch eine
weitere Tochter gehabt haben, über welche mir jedoch nichts näheres
bekannt ist. Von solcher Verwandtschaft war in meiner Familie jedenfalls
öfter die Rede. Nach dem frühen Tod ihres
ersten Mannes Johann Mohr 1885/1886 heiratete meine Urgroßmutter 1887/1888
den Bäckermeister Ludwig Marotz, sodaß die Bäckerei in der
Badstraße weitergeführt werden konnte. Gemeinsam mit ihrem zweiten
Ehemann war sie häufig zu Besuch in Belgard
an der Persante bei Tochter und Schwiegersohn. Von Ludwig Marotz wurde
erzählt, daß er jedes Mal, wenn ein weiterer Besucher bei Maaßens
erwartet wurde - das könnte vielleicht jemand aus der Verwandtschaft in Artern/Thüringen
gewesen sein - für die Beflaggung des Hauses Marienstraße 15/16
in Belgard in den Farben blau-weiß für Pommern, schwarz-weiß
für Preußen und schwarz-weiß-rot für das Deutsche
Reich gesorgt haben soll; und auch ich erinnere mich an Festtage mit entsprechendem
Fahnenschmuck an unserem Haus einige Jahrzehnte später, wobei die Farben
des Kaiserreiches mittlerweile durch schwarz-rot-gold ersetzt worden waren.
Die Bäckerei Mohr bzw. Marotz in der Badstraße 59 in Berlin wurde
von 1901 bis nach 1930 von Bäcker Franz Klickermann weitergeführt,
vielleicht weil der zweite Mann meiner Urgroßmutter das Rentenalter
erreicht und den Betrieb verkauft oder verpachtet hatte.*
Eleonore war wohl eine sehr dominierende Frau, die sich in Belgard sowohl
in Haushalts- als auch in Geschäftsangelegenheiten einmischte. Ihrem
Schwiegersohn Bernhard Maaß, meinem Großvater,
war das natürlich ein Dorn im Auge und Elsbeth, seine Frau, hatte sicher
oft unter seinem Ärger zu leiden. Einmal kam es so weit, daß
er seine Schwiegermutter rauswarf und ihr verbot, je wieder sein Haus zu
betreten. Später aber glich sich alles wieder aus. Der Anlaß
zu meines Großvaters Wutanfall war folgender Vorfall, über den
von meiner Mutter erzählt wurde: Der neue Leiter einer Belgarder Bank
machte seinen Antrittsbesuch bei den Belgarder Honoratioren, zu denen auch
Bernhard Maaß gehörte. Mein Großvater bewirtete ihn mit
Rotwein und Zigarren, als seine Schwiegermutter Eleonore in die Tür
des Herrenzimmers trat. Sie rief empört: "Na, wenn hier schon
am Vormittag getrunken und geraucht wird, dann wirst Du nie auf einen grünen
Zweig kommen!" Bernhard Maaß fühlte sich vor dem Gast schwer
blamiert und reagierte wie oben berichtet. Von dem regelmäßigen
Briefwechsel Eleonores mit ihrer Tochter Elsbeth (genannt Else) waren nur
die Briefe der Tochter, leider aber nicht die Antwortbriefe der Mutter erhalten.
Mein Vater Erwin Maaß bewahrte diese Briefe in
einem Fach eines alten Schreibpultes auf, das im Anbau seines Kontors hinter
dem Laden stand (die Briefe befanden sich - ich sehe es noch vor mir - in
einem hellen Holzkasten von Mauxion-Schokolade). In
demselben Pult lagen auch königlich-preußische Direktiven von
Friedrich Wilhelm II. aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
an die Ortsvorsteher der Gemeinden (z.B. Kleiderordnungen), die mein Vater
von seinem Onkel Ewald Maaß aus Lülfitz
bekommen hatte. Ich habe diese Schriften einmal mit in die Schule genommen,
als wir in Geschichte von dieser Zeit hörten. Meine Urgroßmutter
Eleonore Mohr starb am 15.2.1924 nach dem Tode ihres zweiten Mannes Ludwig
Marotz im Hause ihrer Tochter Elsbeth Maaß in der Marienstraße
15/16 in Belgard an Altersschwäche.* |