Johannes Ferdinand Wilhelm Alverdes
1864 - 1936
Mein Großvater Johannes Ferdinand Wilhelm Alverdes wurde am 8.3.1864 als Sohn des Justiz-Aktuars Franz Alverdes und seiner Ehefrau Bertha de Boer (oder auch "van der Beer"), der Tochter eines holländischen Schiffskapitäns aus Anklam, in Schlawe in Pommern geboren. Aus seiner Kindheit ist uns nichts bekannt. Er hatte wohl keine leiblichen Geschwister. Seine Mutter starb, als er noch ein Kind war; sein Vater heiratete darauf erneut. Aus dieser zweiten Ehe des Vaters mit der Lehrerstochter Ottilie Wietzke aus Pobanz/Krs. Bublitz hatte Johannes sieben Stiefgeschwister. Auch Johannes Vater starb früh. Die zweite Frau des Vaters wanderte danach - wahrscheinlich nach 1893 - mit sechs ihrer Kinder in die USA nach St. Paul am Mississippi im Staate Minnesota aus. Die Gründe für diese Entscheidung und ob sie dort Unterstützung von Verwandten oder Freunden bekam, d.h. wie sie den bestimmt nicht leichten Neuanfang meisterte, wurde von meinem Großvater nie erwähnt. Er selbst blieb mit seinem ältesten Stiefbruder Hermann in Deutschland, weil beide zu dieser Zeit ihren Militärdienst in Straßburg im Elsaß ableisteten (sein Stiefbruder Hermann Alverdes, Feldwebel und Proviants-Applikant beim kaiserlichen Proviantamt in Straßburg und Vater des Schriftstellers Paul Alverdes, ging später mit der Deutschen Schutztruppe nach Deutsch-Südwest-Afrika und nahm am Krieg gegen die Hottentotten teil). Mein Großvater Johannes hatte sich für zwölf Jahre beim Militär verpflichtet, um als "Zwölfender" anschließend die preußische Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Als er während seiner Tätigkeit als Zahlmeister-Aspirant beim "Fußartillerieregiment Nr. 10" in Straßburg einmal auf Urlaub zu seiner Tante Anna Alverdes nach Köslin kam, lernte er in ihrem Hause die Lehrerstochter Elfriede Fraedrich aus Viverow kennen, die bei seiner Tante zusammen mit weiteren "höheren Töchtern" in Pension war. Die beiden verlobten sich noch während seines Urlaubes, sehr gegen den Willen der Eltern Fraedrich in Viverow, die ihre Tochter nicht so weit entfernt nach Straßburg heiraten lassen wollten und auch deshalb auf einer einjährigen Verlobungszeit bestanden. Schließlich kehrte Johannes 1897 nach Pommern zurück, um am 9.4.1897 mit Friedchen in Köslin Hochzeit zu halten. Sie wohnten dann zunächst in Schiltigheim bei Straßburg, wo am 27.6.1898 ihr erstes Kind, die Tochter Bertha, meine Mutter, geboren wurde. Nach Beendigung seiner Straßburger Militärzeit erhielt Johannes eine Anstellung in Pommern beim Regierungspräsidium in Köslin. Nach einer Prüfung wurde er dort ins Beamtenverhältnis übernommen. Meine Großmutter erzählte öfter, daß ihr Mann für diese Prüfung noch einmal viel lernen mußte und daß sie ihm während dieser Vorbereitungszeit immer abends den Stoff abhörte. Einige Jahre später, am 20.4.1904, wurde dann ihr zweites Kind, der Sohn Karl Georg Hermann, geboren. Sie erwähnte auch noch ein drittes Kind, das wohl im Kleinkindalter gestorben ist.

Johannes, Elfriede und Karl Alverdes,
Walter Fraedrich und Bertha Alverdes
Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde mein Großvater 1914 als Rentmeister an die Kreiskasse in Belgard an der Persante versetzt. Später wurde er Oberrentmeister und bekam anläßlich seines 40jährigen Dienstjubiäums den Titel "Rechnungsrat" verliehen. Meine Mutter zeigte mir später mehrmals die Fenster seines ehemaligen Dienstzimmers im Belgarder Kreishaus (Ecke Hindenburg-straße/Luisenstraße). Nach seiner Pensionierung - das könnte Ende der zwanziger Jahre gewesen sein - lebte er gemeinsam mit seiner Frau Elfriede (genannt Friedchen] und seinen Schwiegereltern Fraedrich als vielseitig interessierter Pensionär in seiner großen Wohnung in der Pankniner Straße 10 im Hause von Rektor Zuther, zu der auch ein Garten gehörte, in dem er Edelrosen züchtete und Erdbeeren erntete. Im hinteren Teil dieses Gartens befand sich ein Teich, aus dem das Gießwasser geschöpft wurde und dessen hinteres, steiler abfallendes Ufer durch einen kleinen Jägerzaun gesichert war. Das Ende des Gartens wurde durch den hohen Bretterzaun der Familie von Lehrer Trapp begrenzt, deren Haus an der Pankniner Straße einige Grundstücke weiter in Richtung Stadtzentrum lag und dessen großer Garten sich hinter der übrigen Bebauung bis zum Garten des Hauses Zuther ausdehnte. In der Nähe dieses Bretterzaunes lag unter einer Trauerweide der Sandhaufen, auf dem ich mit anderen Kindern des Hauses spielte. Mein Großvater soll ein sangesfreudiger Mann gewesen sein, er war Mitglied der Belgarder Liedertafel von 1852 und trat bei gesellschaftlichen Veranstaltungen auch als Solist auf. Seine musikalische Vorliebe galt Richard Wagner; es war sein großer Wunsch, einmal eine Opernaufführung in Bayreuth zu erleben. Warum er sich diesen Wunsch nicht erfüllte bleibt rätselhaft, denn finanzielle Erwägungen können hierbei keine Rolle gespielt haben.*

Einladung in Falks Gesellschaftshaus zum
Festkonzert unter Leitung von Kantor
Albrecht Reichelt am 27. August 1927
anläßlich des 75jährigen Jubiläums
der Belgarder Liedertafel von 1852,
an dem als langjähriges Mitglied auch
mein sangesfreudiger Großvater
Johannes Alverdes teilgenommen
haben dürfte

Johannes war ein leidenschaftlicher Angler und auch handwerklich sehr geschickt, und so hatte er sich im Keller eine kleine Tischlerwerkstatt eingerichtet, in der er praktische Dinge für den Haushalt schreinerte oder Spielzeug für mich anfertigte, etwa einen kleinen Bauernhof aus Zigarrenkistenholz mit Hühnerhof, Hühnerhaus mit Satteldach und Hühnertreppe, Schweinekoben mit Futtertrog, Taubenschlag und einem langen Staketenzaun. In der Wohnung hatte er im Erker eines zur Straße hin gelegenen Zimmers den Käfig seines Kanarienvogels "Hänschen" hängen (ein Harzer Roller). Das Vögelchen wurde mit einer Mischung aus Hanfsamen und Rübsen gefüttert, ab und zu auch mit einem Sträußchen Vogelmiere (Sternmiere), das ich aus dem Garten meines Großvaters geholt oder auf den Spaziergängen mit meinen Urgroßeltern Fraedrich in Richtung Panknin am Wegesrand gepflückt hatte. Unter dem Käfig stand sein Schreibtisch, auf dessen Arbeitsplatte und in dessen Schubladen allerlei für mich noch unbekannte und geheimnisvolle Dinge lagen (z.B. handgeschöpftes Briefpapier, eine Büchse mit Streusand, zahlreiche wunderbare Federhalter und verschiedenste Schreibfedern). In mein Poesiealbum schrieb er, der betont Deutsch-Nationale, ein von "echtem Preußengeist beseelter Beamter alter Schule" (Zitat von Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung), in allerschönster deutscher Schrift:

Im Kleide schlicht,
in Worten zart,
das ist der deutschen Frauen Art.

Mein Großvater verstand sich auch auf Buchbindearbeiten und band etwa für mich die Kinderbeilagen aus der Modezeitung seiner Frau in meinem Beisein zu einem Büchlein zusammen. Er freute sich sehr, daß ich bereits mit acht Jahren eine richtige "Leseratte" war und hatte immer Lesestoff für mich. Bei ihm habe ich erstmals Vorläufer unserer heutigen Taschenbücher gesehen (vom Ullstein-Verlag, rot broschiert).

Mein Großvater An-
fang der 30er Jahre
Da mein Großvater Johannes Alverdes ein passionierter Angler war, blieb eine Ecke des großen Schlafzimmers in der Wohnung Pankniner Straße 10 seiner Angelausrüstung vorbehalten. Dort zeigte er mir auch die verschiedenen Ruten und erklärte ihre Besonderheiten. Ich durfte ihn als Kind einmal auf einer seiner kleineren Angeltouren begleiten. Mit dem Postbus fuhren wir an den Ristower See unweit von Belgard, wo sich Opi Hans ein Plätzchen am Ufer suchte, ich mich gespannt daneben stellte und auf das Anschlagen der Rute wartete - und als schließlich nichts geschah, gelangweilt in der Nähe im Wald umherstreifte. An diesem Tag gelang es meinem Großvater jedoch nicht, auch nur einen einzigen Fisch zu fangen und mir damit Beute zu präsentieren. Er beauftragte mich stattdessen, Kienäpfel (Tannenzapfen) zum Verfeuern im Küchenherd der Großmutter zu sammeln, womit wir dann zumindest etwas hatten, um seinen leeren Rucksack zu füllen. Als wir nach Belgard zurückkehrten, war Omi Frieda über den erfolglosen Fischzug zu meiner Verwunderung recht erfreut, denn sie war es mittlerweile leid, immer wieder den von ihrem Mann früher oft mehrmals pro Woche mitgebrachten Fisch zubereiten zu müssen. Langjähriger Angelpartner meines Großvaters war ein weitläufiger Verwandter, der Sattlermeister und Feuerwehrhauptmann von Groß Tychow Willi Richter, der ihn mit seinem Auto zu Angeltouren in die weitere Umgebung abholte. Oft ging die Fahrt nach Roßnow an die Radue von woher die beiden dann die verschiedensten Fische mitbrachten. Von einem Fischzug an der Radue existierte eine Photographie der beiden Petri-Jünger mit einem riesengroßen Hecht. Zeitweise verlegte sich mein Großvater auch auf das Forellenangeln, und so hatte er einen Angelschein bzw. eine Genehmigung für einen Forellenbach auf einem nahegelegenen Gut erworben. Auch nach seiner Pensionierung blieben sowohl das Angeln als auch die Rosenzucht in seinem Garten und das Tischlern in seiner Kellerwerkstatt seine liebsten Hobbys. Doch die letzten Jahre seines Lebens war Johannes Alverdes krank, vorwiegend bettlägerig. Bei einer Karbunkeloperation am Nacken waren wohl einige Nerven verletzt worden, so daß er zeitweise unter Lähmungserscheinungen litt. So verbrachte er viel Zeit lesend auf seinem Bett, wobei ich ihm oftmals, nachdem ich bei meinem Urgroßvater Karl Fraedrich die Schularbeiten gemacht hatte, in seinem Zimmer mit dem von ihm ausgesuchten Lesestoff Gesellschaft leistete. Er schob dann seine Brille hoch und schaute mich darunter hindurch liebevoll an, oder wir unterhielten uns über das von mir gerade Gelesene. Ich liebte meinen "Opi Hans" sehr und konnte es gar nicht fassen, als er am 22.2.1936 mit knapp 72 Jahren in seiner Wohnung in Belgard starb.

Zu meinem Großvater Johannes Alverdes schreibt Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 5, Februar 1970 auf Seite 1 bis 2: "Namen mit Belgarder Klang. Meist nur noch die älteren Landsleute werden sich des liebwerten Johannes Alverdes als Staatsbeamten der alten Schule erinnern. Am 8. März 1864 im benachbarten Schlawe geboren, begann Alverdes nach Beendigung seiner Schul- und Militärzeit bei der Regierung in Köslin seine Beamtenlaufbahn. 1914 wurde Alverdes die staatliche Rentmeisterstelle bei der Kreiskasse Belgard übertragen. Durch meine damalige Berufstätigkeit beim königl. Landratsamt machte ich 1917 die Bekanntschaft dieses vom Preußengeist beseelten Menschen. Auch er hatte wie ich die wechselvolle Zeit der sechs amtierenden Landräte im Belgarder Kreishaus seit dem Ausscheiden des Landrats Gustav von Hagen mit dem Sturz der Monarchie im November 1918 miterlebt. Rendant Alverdes avacierte später zum Oberrentmeister und anläßlich seines 40jährigen Dienstjubiläums wurde ihm der Titel Rechnungsrat verliehen. Nach seiner Pensionierung widmete er sich zwei vornehmen Hobbys: dem Anglersport nur für Forellen und der Edelrosenzucht im Hausgarten seiner in der Pankniner Straße 10 innegehabten Wohnung. Nur wenige Jahre des Ruhestandes waren ihm vergönnt. Am 22.2.1936 schloß der auch als Sänger begabte Landsmann Johannes Alverdes für immer die Augen und wurde in seinem liebgewonnenen Belgard beerdigt. Die Ehefrau Elfriede geb. Fraedrich überlebte ihren Gatten um 22 Jahre. An seinem Geburtstag im Jahre 1958 verstarb sie im 81. Lebensjahre und fand nach der Vertreibung aus der Heimat in Halle/Saale ihre letzte Ruhestätte."
Eleonore Gürge geb. Maaß