Mein Großvater Johannes Ferdinand Wilhelm
Alverdes wurde am 8.3.1864 als Sohn des Justiz-Aktuars Franz
Alverdes und seiner Ehefrau Bertha
de Boer (oder auch "van der Beer"), der Tochter eines holländischen
Schiffskapitäns aus Anklam, in Schlawe
in Pommern geboren. Aus seiner Kindheit ist uns nichts bekannt. Er
hatte wohl keine leiblichen Geschwister. Seine Mutter starb, als er noch
ein Kind war; sein Vater heiratete darauf erneut. Aus dieser zweiten Ehe
des Vaters mit der Lehrerstochter Ottilie
Wietzke aus Pobanz/Krs. Bublitz hatte Johannes sieben
Stiefgeschwister. Auch Johannes Vater starb früh. Die zweite Frau
des Vaters wanderte danach - wahrscheinlich nach 1893 - mit sechs ihrer
Kinder in die USA nach St. Paul am Mississippi im Staate Minnesota aus.
Die Gründe für diese Entscheidung und ob sie dort Unterstützung
von Verwandten oder Freunden bekam, d.h. wie sie den bestimmt nicht leichten
Neuanfang meisterte, wurde von meinem Großvater nie erwähnt.
Er selbst blieb mit seinem ältesten Stiefbruder Hermann in Deutschland,
weil beide zu dieser Zeit ihren Militärdienst in Straßburg im
Elsaß ableisteten (sein Stiefbruder Hermann
Alverdes, Feldwebel und Proviants-Applikant beim kaiserlichen Proviantamt
in Straßburg und Vater des Schriftstellers Paul Alverdes,
ging später mit der Deutschen Schutztruppe nach Deutsch-Südwest-Afrika
und nahm am Krieg gegen die Hottentotten teil). Mein Großvater Johannes
hatte sich für zwölf Jahre beim Militär verpflichtet, um
als "Zwölfender" anschließend die preußische
Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Als er während seiner Tätigkeit
als Zahlmeister-Aspirant beim "Fußartillerieregiment Nr. 10"
in Straßburg einmal auf Urlaub zu seiner Tante Anna
Alverdes nach Köslin
kam, lernte er in ihrem Hause die Lehrerstochter Elfriede
Fraedrich aus Viverow kennen, die bei seiner Tante zusammen mit weiteren
"höheren Töchtern" in Pension war. Die beiden verlobten
sich noch während seines Urlaubes, sehr gegen den Willen der Eltern
Fraedrich in Viverow, die ihre Tochter nicht so weit entfernt nach Straßburg
heiraten lassen wollten und auch deshalb auf einer einjährigen Verlobungszeit
bestanden. Schließlich kehrte Johannes 1897 nach Pommern zurück,
um am 9.4.1897 mit Friedchen in Köslin Hochzeit zu halten. Sie wohnten
dann zunächst in Schiltigheim bei Straßburg, wo am 27.6.1898
ihr erstes Kind, die Tochter Bertha,
meine Mutter, geboren wurde. Nach Beendigung seiner Straßburger Militärzeit
erhielt Johannes eine Anstellung in Pommern beim Regierungspräsidium
in Köslin. Nach einer Prüfung wurde er dort ins Beamtenverhältnis
übernommen. Meine Großmutter erzählte öfter, daß
ihr Mann für diese Prüfung noch einmal viel lernen mußte
und daß sie ihm während dieser Vorbereitungszeit immer abends
den Stoff abhörte. Einige Jahre später, am 20.4.1904, wurde dann
ihr zweites Kind, der Sohn Karl
Georg Hermann, geboren. Sie erwähnte auch noch ein drittes Kind,
das wohl im Kleinkindalter gestorben ist.
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Johannes, Elfriede und Karl Alverdes,
Walter Fraedrich und Bertha Alverdes |
Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde mein Großvater 1914 als
Rentmeister an die Kreiskasse
in Belgard an der Persante versetzt.
Später wurde er Oberrentmeister und bekam anläßlich seines
40jährigen Dienstjubiäums den Titel "Rechnungsrat" verliehen.
Meine Mutter zeigte mir später mehrmals die Fenster seines ehemaligen
Dienstzimmers im Belgarder
Kreishaus (Ecke Hindenburg-straße/Luisenstraße).
Nach seiner Pensionierung - das könnte Ende der zwanziger Jahre gewesen
sein - lebte er gemeinsam mit seiner Frau Elfriede (genannt Friedchen] und
seinen Schwiegereltern
Fraedrich als vielseitig interessierter Pensionär in seiner großen
Wohnung in der Pankniner Straße 10
im Hause von Rektor Zuther, zu der auch ein Garten gehörte, in dem
er Edelrosen züchtete und Erdbeeren erntete. Im hinteren Teil dieses
Gartens befand sich ein Teich, aus dem das Gießwasser geschöpft
wurde und dessen hinteres, steiler abfallendes Ufer durch einen kleinen
Jägerzaun gesichert war. Das Ende des Gartens wurde durch den hohen
Bretterzaun der Familie von Lehrer Trapp begrenzt, deren Haus an der Pankniner
Straße einige Grundstücke weiter in Richtung Stadtzentrum lag
und dessen großer Garten sich hinter der übrigen Bebauung bis
zum Garten des Hauses Zuther ausdehnte. In der Nähe dieses Bretterzaunes
lag unter einer Trauerweide der Sandhaufen,
auf dem ich mit anderen Kindern des Hauses spielte. Mein Großvater
soll ein sangesfreudiger Mann gewesen sein, er war Mitglied der Belgarder
Liedertafel von 1852 und trat bei gesellschaftlichen Veranstaltungen auch
als Solist auf. Seine musikalische Vorliebe galt Richard Wagner; es war
sein großer Wunsch, einmal eine Opernaufführung in Bayreuth zu
erleben. Warum er sich diesen Wunsch nicht erfüllte bleibt rätselhaft,
denn finanzielle Erwägungen können hierbei keine Rolle gespielt
haben.*
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Einladung in Falks Gesellschaftshaus zum
Festkonzert unter Leitung von Kantor
Albrecht Reichelt am 27. August 1927
anläßlich des 75jährigen Jubiläums
der Belgarder Liedertafel von 1852,
an dem als langjähriges Mitglied auch
mein sangesfreudiger Großvater
Johannes Alverdes teilgenommen
haben dürfte |
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Johannes war ein leidenschaftlicher Angler und auch handwerklich sehr geschickt,
und so hatte er sich im Keller eine kleine Tischlerwerkstatt eingerichtet,
in der er praktische Dinge für den Haushalt schreinerte oder Spielzeug
für mich anfertigte, etwa einen kleinen Bauernhof aus Zigarrenkistenholz
mit Hühnerhof, Hühnerhaus mit Satteldach und Hühnertreppe,
Schweinekoben mit Futtertrog, Taubenschlag und einem langen Staketenzaun.
In der Wohnung hatte er im Erker eines zur Straße hin gelegenen Zimmers
den Käfig seines Kanarienvogels "Hänschen" hängen
(ein Harzer Roller). Das Vögelchen wurde mit einer Mischung aus Hanfsamen
und Rübsen gefüttert, ab und zu auch mit einem Sträußchen
Vogelmiere (Sternmiere), das ich aus dem Garten meines Großvaters
geholt oder auf den Spaziergängen mit meinen Urgroßeltern Fraedrich
in Richtung Panknin am Wegesrand gepflückt hatte. Unter dem Käfig
stand sein Schreibtisch, auf dessen Arbeitsplatte und in dessen Schubladen
allerlei für mich noch unbekannte und geheimnisvolle Dinge lagen (z.B.
handgeschöpftes Briefpapier, eine Büchse mit Streusand, zahlreiche
wunderbare Federhalter und verschiedenste Schreibfedern). In mein Poesiealbum
schrieb er, der betont Deutsch-Nationale, ein von "echtem Preußengeist
beseelter Beamter alter Schule" (Zitat
von Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung), in allerschönster
deutscher Schrift:
Im Kleide schlicht,
in Worten zart,
das ist der deutschen Frauen Art.
Mein Großvater verstand sich auch auf Buchbindearbeiten und band etwa
für mich die Kinderbeilagen aus der Modezeitung seiner Frau in meinem
Beisein zu einem Büchlein zusammen. Er freute sich sehr, daß
ich bereits mit acht Jahren eine richtige "Leseratte" war und
hatte immer Lesestoff für mich. Bei ihm habe ich erstmals Vorläufer
unserer heutigen Taschenbücher gesehen (vom Ullstein-Verlag, rot broschiert).
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Mein Großvater An-
fang der 30er Jahre |
Da mein Großvater Johannes Alverdes ein passionierter Angler war,
blieb eine Ecke des großen Schlafzimmers in der Wohnung Pankniner
Straße 10 seiner Angelausrüstung vorbehalten. Dort zeigte er
mir auch die verschiedenen Ruten und erklärte ihre Besonderheiten.
Ich durfte ihn als Kind einmal auf einer seiner kleineren Angeltouren begleiten.
Mit dem Postbus fuhren wir an den Ristower
See unweit von Belgard, wo sich Opi Hans ein Plätzchen am Ufer
suchte, ich mich gespannt daneben stellte und auf das Anschlagen der Rute
wartete - und als schließlich nichts geschah, gelangweilt in der Nähe
im Wald umherstreifte. An diesem Tag gelang es meinem Großvater jedoch
nicht, auch nur einen einzigen Fisch zu fangen und mir damit Beute zu präsentieren.
Er beauftragte mich stattdessen, Kienäpfel (Tannenzapfen) zum Verfeuern
im Küchenherd der Großmutter zu sammeln, womit wir dann zumindest
etwas hatten, um seinen leeren Rucksack zu füllen. Als wir nach Belgard
zurückkehrten, war Omi Frieda über den erfolglosen Fischzug zu
meiner Verwunderung recht erfreut, denn sie war es mittlerweile leid, immer
wieder den von ihrem Mann früher oft mehrmals pro Woche mitgebrachten
Fisch zubereiten zu müssen. Langjähriger
Angelpartner meines Großvaters war ein weitläufiger Verwandter,
der Sattlermeister und Feuerwehrhauptmann von Groß Tychow Willi Richter, der ihn mit seinem Auto zu Angeltouren
in die weitere Umgebung abholte. Oft ging die Fahrt nach Roßnow an
die Radue von woher die beiden dann die verschiedensten Fische mitbrachten.
Von einem Fischzug an der Radue existierte eine Photographie der beiden
Petri-Jünger mit einem riesengroßen Hecht. Zeitweise verlegte
sich mein Großvater auch auf das Forellenangeln, und so hatte er einen
Angelschein bzw. eine Genehmigung für einen Forellenbach auf einem
nahegelegenen Gut erworben. Auch nach seiner Pensionierung blieben sowohl
das Angeln als auch die Rosenzucht in seinem Garten und das Tischlern in
seiner Kellerwerkstatt seine liebsten Hobbys. Doch die letzten Jahre seines
Lebens war Johannes Alverdes krank, vorwiegend bettlägerig. Bei einer
Karbunkeloperation am Nacken waren wohl einige Nerven verletzt worden, so
daß er zeitweise unter Lähmungserscheinungen litt. So verbrachte
er viel Zeit lesend auf seinem Bett, wobei ich ihm oftmals, nachdem ich
bei meinem Urgroßvater Karl Fraedrich die Schularbeiten gemacht hatte,
in seinem Zimmer mit dem von ihm ausgesuchten Lesestoff Gesellschaft leistete.
Er schob dann seine Brille hoch und schaute mich darunter hindurch liebevoll
an, oder wir unterhielten uns über das von mir gerade Gelesene. Ich
liebte meinen "Opi Hans" sehr und konnte es gar nicht fassen,
als er am 22.2.1936 mit knapp 72 Jahren in seiner Wohnung in
Belgard starb.
Zu meinem Großvater Johannes Alverdes schreibt Fritz Schulze, Redakteur
der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), nach dem
Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 5, Februar
1970 auf Seite 1 bis 2: "Namen mit Belgarder Klang. Meist
nur noch die älteren Landsleute werden sich des liebwerten Johannes
Alverdes als Staatsbeamten der alten Schule erinnern. Am 8. März 1864
im benachbarten Schlawe geboren, begann Alverdes nach Beendigung seiner Schul-
und Militärzeit bei der Regierung in Köslin seine Beamtenlaufbahn.
1914 wurde Alverdes die staatliche Rentmeisterstelle bei der Kreiskasse
Belgard übertragen. Durch meine damalige Berufstätigkeit beim
königl. Landratsamt machte ich 1917 die Bekanntschaft dieses vom Preußengeist
beseelten Menschen. Auch er hatte wie ich die wechselvolle Zeit der sechs
amtierenden Landräte im Belgarder Kreishaus seit dem Ausscheiden des
Landrats Gustav von Hagen mit dem Sturz der Monarchie im November 1918 miterlebt.
Rendant Alverdes avacierte später zum Oberrentmeister und anläßlich
seines 40jährigen Dienstjubiläums wurde ihm der Titel Rechnungsrat
verliehen. Nach seiner Pensionierung widmete er sich zwei vornehmen Hobbys:
dem Anglersport nur für Forellen und der Edelrosenzucht im Hausgarten
seiner in der Pankniner Straße 10 innegehabten Wohnung. Nur wenige
Jahre des Ruhestandes waren ihm vergönnt. Am 22.2.1936 schloß
der auch als Sänger begabte Landsmann Johannes Alverdes für immer
die Augen und wurde in seinem liebgewonnenen Belgard beerdigt. Die Ehefrau
Elfriede geb. Fraedrich überlebte ihren Gatten um 22 Jahre. An seinem
Geburtstag im Jahre 1958 verstarb sie im 81. Lebensjahre und
fand nach der Vertreibung aus der Heimat in Halle/Saale ihre letzte Ruhestätte." |