Mein Urgroßvater Karl Fraedrich wurde am
9.4.1852 in Damerow, etwa acht Kilometer
nordöstlich von Schivelbein,
auf dem Gut der Familie von Hagen als
Sohn des Schäfers Albert
Fraederich und seiner Frau Henriette
Fraederich geb. Regener geboren (einer seiner Brüder trat ebenso
wie sein Vater in die Dienste der Hohenzollern, er wurde Schloßverwalter
in Charlottenburg, nachdem er zuvor bereits "Bratenmeister", daß
heißt für die kaiserliche Tafel in Berlin zuständig gewesen
war). Mein Urgroßvater besuchte die Präparandenanstalt und das
Lehrerseminar in Köslin. Wie damals üblich trat er
schon mit etwa 19 Jahren in den Beruf ein und hatte zwei Jahre
eine Lehrerstelle in einem uns unbekannten Ort inne. Danach wurde er nach
Viverow im Kreis Köslin versetzt, wo er am 28.10.1875 die aus
Schmenzin im Kreis Belgard
gebürtige und in Viverow aufgewachsene Mathilde
Lafin heiratete. Während seiner gesamten weiteren Lehrertätigkeit
blieb er in Viverow, wo auch seine beiden Kinder
Elfriede (*20.7.1876) und
der viel jüngere, vielleicht 1885 geborene
Walter zur Welt
kamen. Sein Lehrergehalt war sehr niedrig, er sprach einmal von 90
Talern Jahresgehalt. Allerdings konnte er zusätzlich Land bewirtschaften
(vielleicht zwei bis drei Morgen), das heißt die Viverower Tagelöhner
mußten es für ihn beackern, vielleicht sogar die Frucht für ihn
ernten. Kleine Nebeneinnahmen gab es für meinen Urgroßvater auch
durch den Honig aus seiner Bienenzucht. Er betrieb die Imkerei in Viverow
viele Jahre. Da er beim Umgang mit den Bienen, etwa beim Einfangen der geschwärmten
Völker, oftmals gestochen wurde, war er gegen Bienenstiche fast immun.
Er erzählte mir später, daß er die Stiche nur noch gespürt
hätte, wenn dabei Ohr, Nase oder Mund getroffen wurden. Meine Urgroßmutter
Mathilde trug zum Familieneinkommen durch Hühnerhaltung und die Aufzucht
von Ferkeln bei. Jedoch habe ich niemals erfahren, auf welche Weise die
Eier und die Ferkel zum Verkauf in die nahegelegene Kreisstadt kamen, ob
meine Urgroßeltern sie selbst auf dem Markt in Köslin anboten
oder ob sie ihre Erzeugnisse jemand anders mitgaben. Es ist kaum zu glauben,
daß sie bei diesem geringen Einkommen ihren Sohn Walter in Halle /
Saale Jura studieren lassen (er war dann in den zwanziger und dreißiger
Jahren ein bekannter Rechtsanwalt
in Berlin) und ihre Tochter Friedchen "in Pension" nach Köslin
schicken und ihr eine gute Aussteuer geben konnten.
Wegen eines Augenleidens wurde mein Urgroßvater vorzeitig pensioniert,
sehr wahrscheinlich schon vor dem Ersten Weltkrieg. Als Pensionär wohnte
er im größeren Nachbarort Seydel (wo die Witwe seines Schwagers
lebte, der dort Förster gewesen war), bis er wohl Mitte der zwanziger
Jahre mit seiner Frau zu Tochter Elfriede und Schwiegersohn Johannes Alverdes nach
Belgard
an der Persante in die Pankniner
Straße 10 zog. Er war (vermutlich in den zwanziger
Jahren) in Berlin in der Charité am grünen Star operiert worden.
Leider war die Operation mißlungen und sein Sehvermögen schlechter
als vorher. Er konnte nichts mehr richtig erkennen, nahm nur noch den Unterschied
zwischen hell und dunkel wahr. Dennoch trug er eine dicke silberne Taschenuhr
in der Westentasche, die er von uns stellen ließ und mir ab und zu
zeigte. Ich mußte dann die Zeit mit der Anzeige seines Regulators
vergleichen, den er selbst betreute, mit einem Schlüssel aufzog und
nach Angaben von mir oder einem anderen selbst stellte. Als mein Urgroßvater
dann ab 1936 in unserem Haushalt lebte, hatte er einen Volksempfänger
in seinem Zimmer, aus dem er sein Wissen über Politik und Wirtschaft
bezog (an Musik jeder Art hatte er jedoch kein Interesse). Für ihn
war es sehr schön, daß es den Rundfunk gab, und so verbrachte
er nach dem Tode seiner Frau Mathilde viel Zeit an seinem Radiogerät.
Bis lange in den Krieg hinein verfolgte er jeden Tag äußerst
interessiert Sendungen mit Berichten und Kommentaren zum Tagesgeschehen,
um deren Willen er häufig zu spät zum gemeinsamen Mittagessen
kam. So hörte er eigentlich nur Wortbeiträge, vorwiegend politischer
Art, und war dabei auf den Chef-Kommentator des nationalsozialistischen
Rundfunks, Hans Fritzsche, immer besonders wütend. Oft schimpfte mein
Urgroßvater heftig über dessen Polemik und die Lügen, welche
dieser in seinen Sendungen verbreitete. Und manchmal ließ er seinen
Zorn auch noch beim Mittagessen heraus, wenn man ihn gerade einmal wieder
von Fritzsches Gerede im Großdeutschen Rundfunk zum Essen geholt hatte.
Da die Woche über auch Angestellte aus dem
Geschäft
bei uns am Mittagstisch saßen, mahnte meine Mutter ihn dann stets
ängstlich: "Sei still, Großvater!" Er hatte die Angewohnheit,
das Mittagessen mit einem Stückchen trocken Brot zu beschließen,
das ich ihm regelmäßig aus der Speisekammer holte. Großvater
war sehr großzügig mit Geldgeschenken, was sich besonders zu
Weihnachten
zeigte. Ich mußte am Nachmittag des Heiligabends in seinem Zimmer
Geldscheine auf Briefcouverts verteilen und diese beschriften. Jeder Familienangehörige,
auch unsere Hausangestellte
Ilse Kruggel
und unser letzter Lehrling Bruno Giese bekamen Geldbriefchen. Er konnte
alle Münzen durch Befühlen unterscheiden, selbst bei den Scheinen
irrte er sich nur selten. In seinem großen Schreibsekretär mit
den vielen Fächern hielt er eine solche Ordnung, daß er niemals
vergebens etwas suchte.*
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Mein Urgoßvater
Mitte der 20er Jahre |
Für meine Kindheit hatte mein Urgroßvater Karl Fraedrich große
Bedeutung. Als er noch gemeinsam mit seiner Frau, Tochter Elfriede und Schwiegersohn
Johannes Alverdes in einer großen Wohnung in der Pankniner Straße
10 lebte, betreute er mich bei den Schularbeiten, wenn ich, wie so oft,
am Sonnabend (oder auch an einem anderen Wochentag) von der Schule zu den
Großeltern bzw. Urgroßeltern zum Mittagessen kam. Nach dem Essen
und bevor ich dann einige Zimmer weiter zu meiner Omi Frieda oder meinem
Opi Hans ging, machte ich mich im Wohnschlafzimmer
meiner Urgroßeltern Fraedrich an dem schönen dunklen, ovalen
Tisch zunächst an meine Hausaufgaben. Dabei saß mein Urgroßvater
hinter mir auf einem Sofa, meine Urgroßmutter an ihrem Nähtischchen.
Ich mußte das Geschriebene laut vorlesen und er fragte danach seine
Frau: "Mathilde, sieh mal nach, wie sie geschrieben hat!"
Urgroßmutters Antwort war immer: "Gut!" Er konnte sich furchtbar
darüber erregen, daß ich im vierten bzw. fünften Schuljahr
die Zeichensetzung noch nicht beherrschte, sondern die Kommata einfach nach
Gefühl setzte (das lastete er natürlich nicht mir, sondern meinen
Lehrern an). Da mein Großvater Johannes Alverdes als Folge einer Operation
am Nacken in den letzten Jahren seines Lebens zeitweise unter Lähmungserscheinungen
litt, verbrachte dieser viel Zeit lesend auf seinem Bett, wobei ich ihm oftmals,
nachdem ich bei meinem Urgroßvater Karl Fraedrich die Schularbeiten
gemacht hatte, in seinem Zimmer mit von ihm ausgesuchten Lesestoff Gesellschaft
leistete. Manchmal kehrte ich von einer solchen Lesestunde bei den Großeltern
Alverdes auch in das Zimmer der Urgroßeltern Fraedrich zurück,
um bis zum Heimgang in die Marienstraße mit Urgroßmutter Mathilde
zu spielen. Das bevorzugte Brettspiel war "Mühle", seltener
Dame oder Halma, wobei mein blinder Urgroßvater für die Züge
beim Mühle-Spiel Ratschläge zu geben pflegte. Der Spielplan für
das Mühle-Spiel war auf der Oberseite und der Plan für das Dame-Spiel
auf der Unterseite des hölzernen Kastens, in dem die Spielsteine aufbewahrt
wurden, aufgedruckt. Im Inneren war noch der Plan für ein drittes Spiel
zu sehen, nach dessen Bedeutung ich meine Urgroßmutter mehrmals fragte,
jedoch von ihr lediglich die Antwort erhielt, daß dieses Spiel "Puff"
hieße. Wie man es spielt, verriet sie mir damals aber nicht (erst
viel später stellte ich dann fest, daß es sich hierbei wohl um
Backgammon gehandelt hat). Ausgesprochen gerne hörte ich seine Geschichten
aus der Vergangenheit. Er konnte so differenziert erzählen, daß
ich mir das Geschehen und die verschiedenen Personen sehr bildhaft vorstellen
konnte. Die meisten seiner Erinnerungen kreisten um Ereignisse im Dörfchen
Viverow, wo er viele Jahre Lehrer gewesen
war. Doch die Schule war wohl eine eher unwichtige Komponente im Leben meines
Urgroßvaters. Auch mußten die Viverower Schüler die letzten
Schulstunden in seinem Garten arbeiten, der dadurch immer sehr gepflegt
aussah, ohne daß er persönlich viel dazu beitrug. Er hielt sich
damals immer Hunde, der klügste von allen war "Sekt", ein
schottischer Schäferhund. Mein Urgroßvater war sehr stolz darauf,
daß Sekt im Wald versteckte Sachen auffinden und zurückbringen
konnte und daß er die Familie stets gegen andere Hunde oder Fremde
verteidigen wollte, auch wenn es unnötig war. Er erzählte auch
vom Krebsfang in den umliegenden Gewässern, hier gab es so viele Krebse,
daß man sie in Eimern nach Hause trug, oder vom Fang eines riesengroßen
Welses aus dem Jasee in der Nähe von Viverow, der das Boot der Fischer
fast zum Kentern gebracht hatte (ich stellte mir als Kind dabei eine Art
Walfisch vor): Vielleicht 1880 waren mehrere Männer aus Viverow mit
einem Ruderboot zum Angeln auf dem Jasee bei Viverow als sie ein "Ungeheuer"
im Wasser sahen, daß sich bald als riesigen Wels herausstellte, der
ihr Boot zum Kentern zu bringen drohte. Sie konnten sich gerade noch ans
Ufer retten und erzählten später tief beeindruckt im ganzen Dorf
von dem schrecklichen Seeungeheuer. Noch 50 Jahre später war das eine
nette Anekdote, die vor allem mich als Kind faszinierte und so ließ
ich sie mir bei jedem Aufenthalt in Viverow erneut erzählen. Mein Urgroßvater
erinnerte sich auch oft an die Kaiserzeit unter Wilhelm II. und sang mir
dann ein Liedchen vor, das er wohl früher seinen Schülern in Viverow
beigebracht hatte:
Der Kaiser ist ein lieber Mann,
er wohnet in Berlin.
Und wär' es nicht so weit von hier,
dann ging ich heut' noch hin.
Auch meine Großmutter Elfriede Alverdes und meine Mutter
Bertha Maaß erinnerten sich gerne an
diese Zeit, vor allem an den Sedantag und an Kaisers Geburtstag, die man
wie damals üblich mit viel Tschingderassasa feierte. Besonders von
den Frauen wurde die Erinnerung an die im Volke außerordentlich beliebte
preußische Königin Luise wachgehalten und ihr Andenken in Frauenvereinen
wie dem Königin-Luise-Bund gepflegt. Meine Mutter erzählte mir
von der Flucht der Königin vor den napoleonischen Truppen im Winter
1806/07, wo sie auf dem Weg nach Memel bei großer Kälte der Legende
nach in Körlin unweit von Belgard bei einfachen Leuten übernachtete
und dort mit ihrem Brillantring das Datum und ihren Namen in die Scheibe
ritzte, was am Fenster dieses Hauses noch lange zu sehen gewesen sein sollte.
Mein Urgroßvater wiederum pflegte ab und zu auch die erste Strophe
des Liedes "Lippe-Detmold eine wunderschöne Stadt, darinnen EIN
Soldat...." - ebenfalls aus der Zeit der Freiheitskriege - anzustimmen.
Und dabei ließ er es sich nicht nehmen, mir in einer meinem Alter
angemessenen Form die notwendigen Erklärungen in Hinblick auf die deutschen
Kleinstaaten und ihre Verpflichtung, Soldaten für die Reichsarmee zu
stellen, zu geben (denn in diesem Lied hatte Lippe-Detmold aufgrund seiner
Größe lediglich einen einzigen Soldaten aufzubieten).
Wenn dann einmal mein Vetter Horst Fraedrich (1921-2004), Urgroßvaters
Enkel aus Berlin,
nach Belgard zu Besuch kam, konnten wir ihn nach langem Bitten manchmal
dazu bewegen, daß er uns eine "Vorstellung" mit Beispielen
aus dem Turnunterricht während seiner Zeit als Lehrer an der Dorfschule
in Viverow gab. Er stand dann aus seinem Ohrensessel auf und erteilte die
verschiedenen Kommandos für die Freiübungen der Schüler.
Den Höhepunkt bildete das Kommando "Kopf rückwärts beugt!",
wobei er beim Sprechen den Kopf soweit rückwärts neigte, so daß
aus dem Wort beugt ein langgezogenes beu-eu-eu-eugt wurde.
Horst
und ich starben dabei fast vor Lachen. Eine weitere Anekdote, die Geschichte
vom Hasen und den Hunden, gefiel mir so gut, daß ich ihn mehrmals
bat, sie auch anderen zu erzählen, etwa meinem Vetter Horst. Mein Urgroßvater
fragte dann zunächst "Weißt Du auch, warum ein Hase vor
einem weißen Hund, der ihn verfolgt, größere Angst hat
als vor einem schwarzen?", um dann selbst die folgende Antwort zu geben:
"Der Hase glaubt, daß der weiße Hund sich bereits den Rock
ausgezogen hat und in Hemdsärmeln natürlich schneller laufen kann
als der schwarze Hund, der sein Jackett noch anhat."
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Badestelle am Gildborn in
der Nähe von Viverow |
Oft ging mein Urgroßvater von Viverow durch den Wald in die Nachbardörfer
Seydel, Kösternitz, Wisbuhr oder auch nach Manow, um die dortigen Freunde
zu besuchen, dies waren die örtlichen Lehrer und Förster und der
Besitzer des Eisenhammers in Wisbuhr. Als er einmal nachts aus Wisbuhr durch
den Wald nach Hause ging, sah er an einem Kreuzweg vor sich ein starkes
Leuchten. In einer aberglaubenträchtigen Zeit kostete es ihn doch einige
Überwindung, auf das Leuchten zuzugehen, und er war sehr erleichtert,
als er erkannte, daß dort weder der Teufel noch ein Gespenst hockte,
sondern daß es sich nur um einen verfaulten Baumstamm, um eigenartig
fluoreszierendes Holz, handelte. Die schaurigste Geschichte aber war die
von der Ermordung seines Schwagers im Viverower Wald. Dieser Schwager, der
als Förster in Seydel lebte, hatte zusammen mit seinem Sohn ein Bienenvolk
von meinem Großvater aus Viverow geholt und war erst sehr spät
in der Nacht auf dem Nachhauseweg. Unterwegs sah er an einem Baum einen
Rucksack liegen, der ein frischgeschossenes Rehkitz enthielt. Als er sich
über den Rucksack beugte, wurde er durch einen Schuß in den Rücken
tödlich getroffen. Seinem Sohn erging es kurz darauf ebenso. Der Hund
des Försters, der die beiden begleitet hatte, lief nach Seydel zur
Försterei und alarmierte durch sein Bellen die Frau, die gemeinsam
mit anderen Dorfbewohnern dem Hund in den Wald folgte und dort die schreckliche
Entdeckung machte. Der Verdacht fiel auf einen Mann, den der Förster
schon mehrmals beim Wildern ertappt und verwarnt hatte. Dieser wurde kurz
darauf in Köslin verhaftet und gestand die Tat. Im Wald wurde an der
Todesstelle ein Gedenkkreuz errichtet, das mir mein Urgroßvater immer
mal zeigen wollte. Leider kam es nie dazu, denn er konnte den Weg dorthin
wohl nicht mehr genau beschreiben, und er selbst konnte das Kreuz ja nicht
suchen. Meistens aber fand er sich in Viverow trotz seiner Erblindung erstaunlich
gut zurecht, oder er gab uns entsprechende Hinweise, an denen wir uns während
unserer gemeinsamen Spaziergänge orientierten und so die von ihm erwähnten
Orte finden konnten.
Denn in den dreißiger und frühen vierziger Jahren fuhr er regelmäßig
mit seiner Frau Mathilde, ihrer Tochter Elfriede (genannt "Friedchen",
von uns Kindern Omi "Frieda"), meiner Großmutter und mir
in das vertraute Viverow und verbrachte dort in der ländlichen Idylle
bei der mit ihm befreundeten Familie
Joeres vier Sommerwochen. Mehrmals war auch meine Schwester Anneliese
dabei und einmal auch sein Enkel Horst aus
Berlin,
der Sohn von Walter Fraedrich. Das Joeressche Haus stand und steht noch
heute an der Stelle, an der vormals das Gutsverwalterhaus des Vaters von
Mathilde Fraedrich, also meines Ur-Urgroßvaters
Hermann Friedrich Bogislav Lawin,
stand. Ein schmaler verwilderter Park, der jenseits des Baches lag, der
an der Hofreite vorbeifloß, zeugte auch in den dreißiger Jahren
noch von dieser Zeit. Bei Joeres wurden wir für zehn Reichsmark pro
Tag in deren großem Schlafzimmer untergebracht, in dem mindestens
drei Betten standen, vielleicht aber auch vier. Die Familie Joeres schlief
in dieser Zeit in Bodenkammern. Karl Fraedrich kaufte vor der Reise reichlich
im Geschäft meines Vaters
Erwin Maaß, dem Ehemann seiner Enkelin
Bertha Alverdes, ein, um Familie Joeres etwas mitzubringen. Die Frauen bekamen
Kaffee, Kakao, Schokolade, Toilettenseife und Herr Joeres, dem er besonders
zugetan war, erhielt Zigarren und Cognac. Das letztere wurde Herrn Joeres
am Sonntag oder am späten Abend heimlich angeboten, denn die Frau des
Hauses war sowohl gegen das Rauchen als auch gegen das Trinken eingestellt.
Herr Joeres wurde dazu unauffällig in das Schlafzimmer gebeten, wo
mein Urgroßvater den großen Koffer mit den "Schätzen"
unter dem Bett hervorzog. Unser Gepäck war auch aus diesem Grunde oftmals
so schwer, daß wir für das Umsteigen in Köslin - von der
Reichsbahn in die Kleinbahn Richtung
Pollnow - einen Kofferträger brauchten. Einmal wurde uns dafür
ein Lehrling aus dem Geschäft mitgegeben und ein andermal fuhr Ilse
Kruggel, unsere letzte Hausangestellte, mit nach Köslin, um die schweren
Koffer vom Bahnhof zum etwas entfernt liegenden Kleinbahnhof zu schleppen;
zum Belgarder Bahnhof wurden die Koffer und Taschen mit dem Geschäftsfahrrad
oder einem Handwagen transportiert (in der zweiten Hälfte der dreißiger
Jahre fuhr uns ab und zu auch mein Onkel
Karl Alverdes
mit seinem Auto, einem DKW Meisterklasse, über Köslin nach Viverow
in die Sommerfrische, einmal holte er uns von dort auch wieder ab). Mein
Urgroßvater hielt sich für einen guten Landwirte und gab dem
bedauernswerten Herrn Joeres oft Ratschläge für den bäuerlichen
Betrieb, was meine Großmutter Frieda, seine Tochter, jedes Mal - jedoch
immer ohne Erfolg - zu verhindern versuchte. Wir gingen dort viel spazieren,
wobei der blinde Mann uns die Umgebung genau beschrieb. Und tatsächlich:
in Viverow hatte sich in den 30 Jahren, die seit seinem Wegzug vergangen
waren, kaum etwas verändert. Auch der Galgenberg war noch da - nicht
weit von Joeres´ Gehöft hinter der Gänsewiese gelegen -
der mir stets unheimlich gewesen war und in dessen Nähe ich mich nie
getraut hatte. Ob die Geschichten von früheren Hinrichtungen an diesem
Ort einen wahren Kern hatten, blieb auch in Urgroßvaters Erzählungen
stets unklar. Schließlich war ich im
Sommer
1943 ein letztes Mal in Viverow, als mich mein Urgroßvater ein
halbes Jahr vor seinem Tode bat, mit ihm noch einmal in den Ort zu fahren,
wo er so viele Jahre seines Lebens verbracht hatte und um den all seine
Erinnerungen kreisten.
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Karl & Mathilde Fraedrich mit ihrem Sohn Walter (zu Besuch aus Berlin) |
Nach dem Tode des Schwiegersohnes Johannes Alverdes im Jahre 1936 wurde
der gemeinsame Haushalt in der Pankniner Straße 10 aufgelöst
und seine Tochter Elfriede Alverdes, meine Großmutter, zog mit ihren
Eltern Fraedrich in das Haus ihrer Tochter Bertha
Maaß in der Marienstraße 15/16. Dort lebte mein Urgroßvater
im Familienverband bis zu seinem Tode Anfang 1944. Nach meiner Erinnerung
müssen meine Urgroßeltern ihre Diamantene Hochzeit schon bei
uns im Haus gefeiert haben. Ein Krönchen mit einem kleinen Brillanten
schmückte die alte Frau, und meinem Urgroßvater gab ein entsprechend
dekoriertes Sträußchen, das er am Revers seines dunklen Anzuges
trug, ein ausgesprochen würdiges Aussehen. Bereits am Vormittag ihres
60. Hochzeitstages stellten sich die ersten Gratulanten ein,
die Gäste wurden mit Sekt und Wein bewirtet, sicherlich waren auch
Vertreter der Kirche und der Stadt darunter. Nach dem Tode seiner Frau Mathilde
im Jahre 1937 habe ich meinem blinden Urgroßvater ab und zu aus der
Zeitung vorgelesen, allerdings wohl recht ungern, da mich die Artikel als
Kind überhaupt nicht interessierten, oder ich bin mit ihm in den Müke-
oder Gymnasialpark spazieren gegangen und mußte ihm dort alles, was
ich sah, beschreiben. In seinen letzten Lebensjahren, als das Maaßsche
Geschäft kriegsbedingt bereits geschlossen war (ab Ende 1940), ging
er vor allem auf dem Bürgersteig vor dem Haus spazieren, von der Haustür
die Marienstraße entlang bis zur Ecke Torstraße und dann wieder
in die andere Richtung bis zur Mauerstraße. Karl
Fraedrich war von großer, schlanker Statur, hatte auch mit 80 Jahren
noch einige weiße Haare auf dem Kopf und einen ziemlich vollen weißen
Bart. Friseur Runge, der schräg gegenüber
an
der Ecke Heerstraße seinen Laden hatte, kam wie damals noch üblich
zu uns ins Haus und schnitt ihm Kopf- und Barthaar. Manchmal zeigte Urgroßvater
uns Kindern seine Stirnglatze und erzählte, wie er in Zanow, dem "Pommerschen
Schilda", in jungen Jahren einmal geholfen hätte, die Kirche zu
verschieben, so daß dabei die Haare auf seinem Kopfe ausgegangen
seien. Bis auf sein Augenleiden war er selbst mit über
80 Jahren sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht immer noch sehr
rüstig. So lange mein Urgroßvater bei uns im Hause lebte, wurde sein
Geburtstag von meiner Mutter immer sehr betont. Schon morgens vor der Schule wurde
ich in sein Zimmer geschickt, um ihm zu gratulieren. Es gab an diesen Tagen
(auf seinen eigenen Wunsch) zwar keine große Kaffeetafel, jedoch stellte
man allerlei Speisen und Getränke zur Bewirtung der Gäste bereit.
Es muß dann wohl sein 85. Geburtstag im Jahre 1939 gewesen sein, der
mir bis heute ganz deutlich in Erinnerung geblieben ist. Nachdem sich bereits
am Vormittag Gratulanten vom Magistrat der Stadt Belgard und der evangelischen
Kirche bei uns einstellt hatten, aß die gesamte Familie gemeinsam
zu Mittag, was aufgrund des Geschäftsbetriebes zumindest an Wochentagen
sonst nicht die Regel war. Wahrscheinlich gab es auch etwas Besonderes zu
essen, es wurde dazu Wein angeboten und mein Vater, der damals noch nicht
zur Wehrmacht eingezogen war, hielt eine kleine
Rede. Das für die damalige Zeit doch recht hohe Alter meines Urgroßvaters
nahmen dann auch einige seiner Schüler zum Anlaß, ihn an einem
seiner letzten Geburtstage noch einmal zu besuchen. So reisten während
des Krieges - vielleicht zu seinem 90. Geburtstag 1942 - zwei seiner ehemaligen
Schüler, die wohl noch lange vor der Jahrhundertwende die
Dorfschule in Viverow besucht hatten,
mit der Bahn zum Gratulieren an. Dabei erinnere ich mich besonders an einen
dieser damals schon recht alten Herren, der vielleicht bereits 1880 von
meinem Urgroßvater unterrichtet worden war und nun ausführlich
von seiner Schulzeit in Viverow berichtete. Nach diesem Besuch erzählte
uns Urgroßvater sichtlich gerührt, daß die beiden beruflich
sehr gute Positionen erreicht hatten, die sie nach ihrer eigenen Einschätzung
nicht unwesentlich auch der guten Schulausbildung in Viverow verdankten.
Mein Urgroßvater Karl Fraedrich starb schließlich bei vollkommener
geistiger Klarheit am 24.1.1944 im Alter von 91 Jahren an Altersschwäche,
nachdem er sich kurz zuvor noch für meinen
Abituraufsatz interessiert hatte.*
Zu den Bewohnern des Hauses Pankniner Straße 10 erinnere ich noch
folgendes: Mathilde Scheel, die Schwiegermutter des Hauswirtes Zuther, hatte
ein einzelnes Zimmer mit Zugang vom Hausflur im ersten Stock neben der Wohnung
ihres Schwiegersohnes. Sie war recht häufig bei meiner Urgroßmutter
Mathilde Fraedrich ein Stockwerk höher zu Gast und fertigte währenddessen
Spitzentaschentücher in Schiffchenarbeit an, was ich als Kind hier
zum ersten Mal sah und dabei vor allem ihre flinken Finger bewunderte. An
einem Sonntagvormittag, als sie gemeinsam mit Zuthers die Kirche besuchte,
entstand unter ihrem Bett ein Brand, da sie einen Kasten mit einigen bereits
angeglühten Kohlen vor dem Kirchgang darunter geschoben hatte. So brannte
schließlich auch das Bett, der Rauch zog unter der Tür in den
Hausflur und wurde von Horst Fraedrich bemerkt, der gerade aus Berlin bei
seinen Großeltern zu Besuch war. Nach einem Anruf beim Küster
forderte der Pfarrer die Familie Zuther von der Kanzel herab auf, wegen
eines Notfalles sofort nach Hause zurückzukehren. Es gab einen großen
Familienkrach und die arme Frau Scheel mußte sich von meinem Vetter
Horst auch noch bei einem späteren Besuch in der Pankniner Straße
fragen lassen: "Na, Frau Scheel, haben Sie mal wieder Kohlen unter
Ihr Bett geschoben?"
Von diesem Vorfall berichtet auch Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen
Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief
Aus dem Lande Belgard, Nr. 85, Oktober 1976 auf Seite 8, wobei seine
Schilderung jedoch in verschiedenen Details von meiner eigenen Erinnerung
abweicht und vor allem das Verdienst meines Vetters Horst Fraedrich unerwähnt
läßt: "Eines der schönsten Wohnhäuser in der Pankniner
Straße in Belgard war das Haus Nr. 10. Dieses erwarb im Jahre 1908
der damalige Volksschullehrer, späterhin Rektor an der Hindenburgschule,
Franz Zuther. Er verstarb kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Sein
Sohn Georg ist als Soldat im Osten gefallen. Die Gattin von Franz Zuther,
damalige Lehrerin Elsbeth Scheel, flüchtete im März 1945 nach
Hamburg, wo sie im gleichen Monat 1958 verstorben ist. Ihre Mutter, Frau
Scheel, wohnte in der Pankniner Straße und fand mit zunehmenden Alter
Aufnahme bei Familie Zuther. Da ereignete sich an einem Herbstsonntag in
der Frühe folgender Vorfall: Oma Scheel hatte ihr Zimmer geheizt und
war im Begriff, zur Kirche zu gehen. Zuvor nahm sie zwei der nachgelegten
Briketts wieder aus dem Ofen, beträufelte diese mit Wasser und legte
sie zu den übrigen in einer Vorratskiste unter dem Bett. Dann trat
Oma ihren Kirchgang an. Nach fast einer halben Stunde hatte das glimmende
Brikett die anderen entfacht und das Bett in Brand gesetzt. Rechtzeitig
bemerkte der Hausherr den Brandgeruch, der aus dem Zimmer der Oma drang.
Mit Hilfe der herbeigeeilten Hausbewohner konnte der Zimmerbrand gelöscht
werden. In der Marienkirche brachte Küster Romotzki der alten Frau
Scheel schonend bei, sie möge besonderer Vorkommnisse wegen sofort
nach Hause gehen. Dort hat dann Franz Zuther in schulmeisterischer Art seiner
Schwiegermutter, anspielend auf die biblische Geschichte von den sieben
törichten Jungfrauen, zu verstehen gegeben, daß ihm diese leichtsinnige
Handlungsweise einer zwar betagten, aber doch klugen Dame aufs tiefste erschüttert
habe." |