Karl Friedrich Wilhelm Fraedrich
1852 - 1944
Mein Urgroßvater Karl Fraedrich wurde am 9.4.1852 in Damerow, etwa acht Kilometer nordöstlich von Schivelbein, auf dem Gut der Familie von Hagen als Sohn des Schäfers Albert Fraederich und seiner Frau Henriette Fraederich geb. Regener geboren (einer seiner Brüder trat ebenso wie sein Vater in die Dienste der Hohenzollern, er wurde Schloßverwalter in Charlottenburg, nachdem er zuvor bereits "Bratenmeister", daß heißt für die kaiserliche Tafel in Berlin zuständig gewesen war). Mein Urgroßvater besuchte die Präparandenanstalt und das Lehrerseminar in Köslin. Wie damals üblich trat er schon mit etwa 19 Jahren in den Beruf ein und hatte zwei Jahre eine Lehrerstelle in einem uns unbekannten Ort inne. Danach wurde er nach Viverow im Kreis Köslin versetzt, wo er am 28.10.1875 die aus Schmenzin im Kreis Belgard gebürtige und in Viverow aufgewachsene Mathilde Lafin heiratete. Während seiner gesamten weiteren Lehrertätigkeit blieb er in Viverow, wo auch seine beiden Kinder Elfriede (*20.7.1876) und der viel jüngere, vielleicht 1885 geborene Walter zur Welt kamen. Sein Lehrergehalt war sehr niedrig, er sprach einmal von 90 Talern Jahresgehalt. Allerdings konnte er zusätzlich Land bewirtschaften (vielleicht zwei bis drei Morgen), das heißt die Viverower Tagelöhner mußten es für ihn beackern, vielleicht sogar die Frucht für ihn ernten. Kleine Nebeneinnahmen gab es für meinen Urgroßvater auch durch den Honig aus seiner Bienenzucht. Er betrieb die Imkerei in Viverow viele Jahre. Da er beim Umgang mit den Bienen, etwa beim Einfangen der geschwärmten Völker, oftmals gestochen wurde, war er gegen Bienenstiche fast immun. Er erzählte mir später, daß er die Stiche nur noch gespürt hätte, wenn dabei Ohr, Nase oder Mund getroffen wurden. Meine Urgroßmutter Mathilde trug zum Familieneinkommen durch Hühnerhaltung und die Aufzucht von Ferkeln bei. Jedoch habe ich niemals erfahren, auf welche Weise die Eier und die Ferkel zum Verkauf in die nahegelegene Kreisstadt kamen, ob meine Urgroßeltern sie selbst auf dem Markt in Köslin anboten oder ob sie ihre Erzeugnisse jemand anders mitgaben. Es ist kaum zu glauben, daß sie bei diesem geringen Einkommen ihren Sohn Walter in Halle / Saale Jura studieren lassen (er war dann in den zwanziger und dreißiger Jahren ein bekannter Rechtsanwalt in Berlin) und ihre Tochter Friedchen "in Pension" nach Köslin schicken und ihr eine gute Aussteuer geben konnten.

Wegen eines Augenleidens wurde mein Urgroßvater vorzeitig pensioniert, sehr wahrscheinlich schon vor dem Ersten Weltkrieg. Als Pensionär wohnte er im größeren Nachbarort Seydel (wo die Witwe seines Schwagers lebte, der dort Förster gewesen war), bis er wohl Mitte der zwanziger Jahre mit seiner Frau zu Tochter Elfriede und Schwiegersohn Johannes Alverdes nach Belgard an der Persante in die Pankniner Straße 10 zog. Er war (vermutlich in den zwanziger Jahren) in Berlin in der Charité am grünen Star operiert worden. Leider war die Operation mißlungen und sein Sehvermögen schlechter als vorher. Er konnte nichts mehr richtig erkennen, nahm nur noch den Unterschied zwischen hell und dunkel wahr. Dennoch trug er eine dicke silberne Taschenuhr in der Westentasche, die er von uns stellen ließ und mir ab und zu zeigte. Ich mußte dann die Zeit mit der Anzeige seines Regulators vergleichen, den er selbst betreute, mit einem Schlüssel aufzog und nach Angaben von mir oder einem anderen selbst stellte. Als mein Urgroßvater dann ab 1936 in unserem Haushalt lebte, hatte er einen Volksempfänger in seinem Zimmer, aus dem er sein Wissen über Politik und Wirtschaft bezog (an Musik jeder Art hatte er jedoch kein Interesse). Für ihn war es sehr schön, daß es den Rundfunk gab, und so verbrachte er nach dem Tode seiner Frau Mathilde viel Zeit an seinem Radiogerät. Bis lange in den Krieg hinein verfolgte er jeden Tag äußerst interessiert Sendungen mit Berichten und Kommentaren zum Tagesgeschehen, um deren Willen er häufig zu spät zum gemeinsamen Mittagessen kam. So hörte er eigentlich nur Wortbeiträge, vorwiegend politischer Art, und war dabei auf den Chef-Kommentator des nationalsozialistischen Rundfunks, Hans Fritzsche, immer besonders wütend. Oft schimpfte mein Urgroßvater heftig über dessen Polemik und die Lügen, welche dieser in seinen Sendungen verbreitete. Und manchmal ließ er seinen Zorn auch noch beim Mittagessen heraus, wenn man ihn gerade einmal wieder von Fritzsches Gerede im Großdeutschen Rundfunk zum Essen geholt hatte. Da die Woche über auch Angestellte aus dem Geschäft bei uns am Mittagstisch saßen, mahnte meine Mutter ihn dann stets ängstlich: "Sei still, Großvater!" Er hatte die Angewohnheit, das Mittagessen mit einem Stückchen trocken Brot zu beschließen, das ich ihm regelmäßig aus der Speisekammer holte. Großvater war sehr großzügig mit Geldgeschenken, was sich besonders zu Weihnachten zeigte. Ich mußte am Nachmittag des Heiligabends in seinem Zimmer Geldscheine auf Briefcouverts verteilen und diese beschriften. Jeder Familienangehörige, auch unsere Hausangestellte Ilse Kruggel und unser letzter Lehrling Bruno Giese bekamen Geldbriefchen. Er konnte alle Münzen durch Befühlen unterscheiden, selbst bei den Scheinen irrte er sich nur selten. In seinem großen Schreibsekretär mit den vielen Fächern hielt er eine solche Ordnung, daß er niemals vergebens etwas suchte.*

Mein Urgoßvater
Mitte der 20er Jahre
Für meine Kindheit hatte mein Urgroßvater Karl Fraedrich große Bedeutung. Als er noch gemeinsam mit seiner Frau, Tochter Elfriede und Schwiegersohn Johannes Alverdes in einer großen Wohnung in der Pankniner Straße 10 lebte, betreute er mich bei den Schularbeiten, wenn ich, wie so oft, am Sonnabend (oder auch an einem anderen Wochentag) von der Schule zu den Großeltern bzw. Urgroßeltern zum Mittagessen kam. Nach dem Essen und bevor ich dann einige Zimmer weiter zu meiner Omi Frieda oder meinem Opi Hans ging, machte ich mich im Wohnschlafzimmer meiner Urgroßeltern Fraedrich an dem schönen dunklen, ovalen Tisch zunächst an meine Hausaufgaben. Dabei saß mein Urgroßvater hinter mir auf einem Sofa, meine Urgroßmutter an ihrem Nähtischchen. Ich mußte das Geschriebene laut vorlesen und er fragte danach seine Frau: "Mathilde, sieh mal nach, wie sie geschrieben hat!" Urgroßmutters Antwort war immer: "Gut!" Er konnte sich furchtbar darüber erregen, daß ich im vierten bzw. fünften Schuljahr die Zeichensetzung noch nicht beherrschte, sondern die Kommata einfach nach Gefühl setzte (das lastete er natürlich nicht mir, sondern meinen Lehrern an). Da mein Großvater Johannes Alverdes als Folge einer Operation am Nacken in den letzten Jahren seines Lebens zeitweise unter Lähmungserscheinungen litt, verbrachte dieser viel Zeit lesend auf seinem Bett, wobei ich ihm oftmals, nachdem ich bei meinem Urgroßvater Karl Fraedrich die Schularbeiten gemacht hatte, in seinem Zimmer mit von ihm ausgesuchten Lesestoff Gesellschaft leistete. Manchmal kehrte ich von einer solchen Lesestunde bei den Großeltern Alverdes auch in das Zimmer der Urgroßeltern Fraedrich zurück, um bis zum Heimgang in die Marienstraße mit Urgroßmutter Mathilde zu spielen. Das bevorzugte Brettspiel war "Mühle", seltener Dame oder Halma, wobei mein blinder Urgroßvater für die Züge beim Mühle-Spiel Ratschläge zu geben pflegte. Der Spielplan für das Mühle-Spiel war auf der Oberseite und der Plan für das Dame-Spiel auf der Unterseite des hölzernen Kastens, in dem die Spielsteine aufbewahrt wurden, aufgedruckt. Im Inneren war noch der Plan für ein drittes Spiel zu sehen, nach dessen Bedeutung ich meine Urgroßmutter mehrmals fragte, jedoch von ihr lediglich die Antwort erhielt, daß dieses Spiel "Puff" hieße. Wie man es spielt, verriet sie mir damals aber nicht (erst viel später stellte ich dann fest, daß es sich hierbei wohl um Backgammon gehandelt hat). Ausgesprochen gerne hörte ich seine Geschichten aus der Vergangenheit. Er konnte so differenziert erzählen, daß ich mir das Geschehen und die verschiedenen Personen sehr bildhaft vorstellen konnte. Die meisten seiner Erinnerungen kreisten um Ereignisse im Dörfchen Viverow, wo er viele Jahre Lehrer gewesen war. Doch die Schule war wohl eine eher unwichtige Komponente im Leben meines Urgroßvaters. Auch mußten die Viverower Schüler die letzten Schulstunden in seinem Garten arbeiten, der dadurch immer sehr gepflegt aussah, ohne daß er persönlich viel dazu beitrug. Er hielt sich damals immer Hunde, der klügste von allen war "Sekt", ein schottischer Schäferhund. Mein Urgroßvater war sehr stolz darauf, daß Sekt im Wald versteckte Sachen auffinden und zurückbringen konnte und daß er die Familie stets gegen andere Hunde oder Fremde verteidigen wollte, auch wenn es unnötig war. Er erzählte auch vom Krebsfang in den umliegenden Gewässern, hier gab es so viele Krebse, daß man sie in Eimern nach Hause trug, oder vom Fang eines riesengroßen Welses aus dem Jasee in der Nähe von Viverow, der das Boot der Fischer fast zum Kentern gebracht hatte (ich stellte mir als Kind dabei eine Art Walfisch vor): Vielleicht 1880 waren mehrere Männer aus Viverow mit einem Ruderboot zum Angeln auf dem Jasee bei Viverow als sie ein "Ungeheuer" im Wasser sahen, daß sich bald als riesigen Wels herausstellte, der ihr Boot zum Kentern zu bringen drohte. Sie konnten sich gerade noch ans Ufer retten und erzählten später tief beeindruckt im ganzen Dorf von dem schrecklichen Seeungeheuer. Noch 50 Jahre später war das eine nette Anekdote, die vor allem mich als Kind faszinierte und so ließ ich sie mir bei jedem Aufenthalt in Viverow erneut erzählen. Mein Urgroßvater erinnerte sich auch oft an die Kaiserzeit unter Wilhelm II. und sang mir dann ein Liedchen vor, das er wohl früher seinen Schülern in Viverow beigebracht hatte:

Der Kaiser ist ein lieber Mann,
er wohnet in Berlin.
Und wär' es nicht so weit von hier,
dann ging ich heut' noch hin.

Auch meine Großmutter Elfriede Alverdes und meine Mutter Bertha Maaß erinnerten sich gerne an diese Zeit, vor allem an den Sedantag und an Kaisers Geburtstag, die man wie damals üblich mit viel Tschingderassasa feierte. Besonders von den Frauen wurde die Erinnerung an die im Volke außerordentlich beliebte preußische Königin Luise wachgehalten und ihr Andenken in Frauenvereinen wie dem Königin-Luise-Bund gepflegt. Meine Mutter erzählte mir von der Flucht der Königin vor den napoleonischen Truppen im Winter 1806/07, wo sie auf dem Weg nach Memel bei großer Kälte der Legende nach in Körlin unweit von Belgard bei einfachen Leuten übernachtete und dort mit ihrem Brillantring das Datum und ihren Namen in die Scheibe ritzte, was am Fenster dieses Hauses noch lange zu sehen gewesen sein sollte. Mein Urgroßvater wiederum pflegte ab und zu auch die erste Strophe des Liedes "Lippe-Detmold eine wunderschöne Stadt, darinnen EIN Soldat...." - ebenfalls aus der Zeit der Freiheitskriege - anzustimmen. Und dabei ließ er es sich nicht nehmen, mir in einer meinem Alter angemessenen Form die notwendigen Erklärungen in Hinblick auf die deutschen Kleinstaaten und ihre Verpflichtung, Soldaten für die Reichsarmee zu stellen, zu geben (denn in diesem Lied hatte Lippe-Detmold aufgrund seiner Größe lediglich einen einzigen Soldaten aufzubieten). Wenn dann einmal mein Vetter Horst Fraedrich (1921-2004), Urgroßvaters Enkel aus Berlin, nach Belgard zu Besuch kam, konnten wir ihn nach langem Bitten manchmal dazu bewegen, daß er uns eine "Vorstellung" mit Beispielen aus dem Turnunterricht während seiner Zeit als Lehrer an der Dorfschule in Viverow gab. Er stand dann aus seinem Ohrensessel auf und erteilte die verschiedenen Kommandos für die Freiübungen der Schüler. Den Höhepunkt bildete das Kommando "Kopf rückwärts beugt!", wobei er beim Sprechen den Kopf soweit rückwärts neigte, so daß aus dem Wort beugt ein langgezogenes beu-eu-eu-eugt wurde. Horst und ich starben dabei fast vor Lachen. Eine weitere Anekdote, die Geschichte vom Hasen und den Hunden, gefiel mir so gut, daß ich ihn mehrmals bat, sie auch anderen zu erzählen, etwa meinem Vetter Horst. Mein Urgroßvater fragte dann zunächst "Weißt Du auch, warum ein Hase vor einem weißen Hund, der ihn verfolgt, größere Angst hat als vor einem schwarzen?", um dann selbst die folgende Antwort zu geben: "Der Hase glaubt, daß der weiße Hund sich bereits den Rock ausgezogen hat und in Hemdsärmeln natürlich schneller laufen kann als der schwarze Hund, der sein Jackett noch anhat."

Badestelle am Gildborn in
der Nähe von Viverow
Oft ging mein Urgroßvater von Viverow durch den Wald in die Nachbardörfer Seydel, Kösternitz, Wisbuhr oder auch nach Manow, um die dortigen Freunde zu besuchen, dies waren die örtlichen Lehrer und Förster und der Besitzer des Eisenhammers in Wisbuhr. Als er einmal nachts aus Wisbuhr durch den Wald nach Hause ging, sah er an einem Kreuzweg vor sich ein starkes Leuchten. In einer aberglaubenträchtigen Zeit kostete es ihn doch einige Überwindung, auf das Leuchten zuzugehen, und er war sehr erleichtert, als er erkannte, daß dort weder der Teufel noch ein Gespenst hockte, sondern daß es sich nur um einen verfaulten Baumstamm, um eigenartig fluoreszierendes Holz, handelte. Die schaurigste Geschichte aber war die von der Ermordung seines Schwagers im Viverower Wald. Dieser Schwager, der als Förster in Seydel lebte, hatte zusammen mit seinem Sohn ein Bienenvolk von meinem Großvater aus Viverow geholt und war erst sehr spät in der Nacht auf dem Nachhauseweg. Unterwegs sah er an einem Baum einen Rucksack liegen, der ein frischgeschossenes Rehkitz enthielt. Als er sich über den Rucksack beugte, wurde er durch einen Schuß in den Rücken tödlich getroffen. Seinem Sohn erging es kurz darauf ebenso. Der Hund des Försters, der die beiden begleitet hatte, lief nach Seydel zur Försterei und alarmierte durch sein Bellen die Frau, die gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern dem Hund in den Wald folgte und dort die schreckliche Entdeckung machte. Der Verdacht fiel auf einen Mann, den der Förster schon mehrmals beim Wildern ertappt und verwarnt hatte. Dieser wurde kurz darauf in Köslin verhaftet und gestand die Tat. Im Wald wurde an der Todesstelle ein Gedenkkreuz errichtet, das mir mein Urgroßvater immer mal zeigen wollte. Leider kam es nie dazu, denn er konnte den Weg dorthin wohl nicht mehr genau beschreiben, und er selbst konnte das Kreuz ja nicht suchen. Meistens aber fand er sich in Viverow trotz seiner Erblindung erstaunlich gut zurecht, oder er gab uns entsprechende Hinweise, an denen wir uns während unserer gemeinsamen Spaziergänge orientierten und so die von ihm erwähnten Orte finden konnten.

Denn in den dreißiger und frühen vierziger Jahren fuhr er regelmäßig mit seiner Frau Mathilde, ihrer Tochter Elfriede (genannt "Friedchen", von uns Kindern Omi "Frieda"), meiner Großmutter und mir in das vertraute Viverow und verbrachte dort in der ländlichen Idylle bei der mit ihm befreundeten Familie Joeres vier Sommerwochen. Mehrmals war auch meine Schwester Anneliese dabei und einmal auch sein Enkel Horst aus Berlin, der Sohn von Walter Fraedrich. Das Joeressche Haus stand und steht noch heute an der Stelle, an der vormals das Gutsverwalterhaus des Vaters von Mathilde Fraedrich, also meines Ur-Urgroßvaters Hermann Friedrich Bogislav Lawin, stand. Ein schmaler verwilderter Park, der jenseits des Baches lag, der an der Hofreite vorbeifloß, zeugte auch in den dreißiger Jahren noch von dieser Zeit. Bei Joeres wurden wir für zehn Reichsmark pro Tag in deren großem Schlafzimmer untergebracht, in dem mindestens drei Betten standen, vielleicht aber auch vier. Die Familie Joeres schlief in dieser Zeit in Bodenkammern. Karl Fraedrich kaufte vor der Reise reichlich im Geschäft meines Vaters Erwin Maaß, dem Ehemann seiner Enkelin Bertha Alverdes, ein, um Familie Joeres etwas mitzubringen. Die Frauen bekamen Kaffee, Kakao, Schokolade, Toilettenseife und Herr Joeres, dem er besonders zugetan war, erhielt Zigarren und Cognac. Das letztere wurde Herrn Joeres am Sonntag oder am späten Abend heimlich angeboten, denn die Frau des Hauses war sowohl gegen das Rauchen als auch gegen das Trinken eingestellt. Herr Joeres wurde dazu unauffällig in das Schlafzimmer gebeten, wo mein Urgroßvater den großen Koffer mit den "Schätzen" unter dem Bett hervorzog. Unser Gepäck war auch aus diesem Grunde oftmals so schwer, daß wir für das Umsteigen in Köslin - von der Reichsbahn in die Kleinbahn Richtung Pollnow - einen Kofferträger brauchten. Einmal wurde uns dafür ein Lehrling aus dem Geschäft mitgegeben und ein andermal fuhr Ilse Kruggel, unsere letzte Hausangestellte, mit nach Köslin, um die schweren Koffer vom Bahnhof zum etwas entfernt liegenden Kleinbahnhof zu schleppen; zum Belgarder Bahnhof wurden die Koffer und Taschen mit dem Geschäftsfahrrad oder einem Handwagen transportiert (in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre fuhr uns ab und zu auch mein Onkel Karl Alverdes mit seinem Auto, einem DKW Meisterklasse, über Köslin nach Viverow in die Sommerfrische, einmal holte er uns von dort auch wieder ab). Mein Urgroßvater hielt sich für einen guten Landwirte und gab dem bedauernswerten Herrn Joeres oft Ratschläge für den bäuerlichen Betrieb, was meine Großmutter Frieda, seine Tochter, jedes Mal - jedoch immer ohne Erfolg - zu verhindern versuchte. Wir gingen dort viel spazieren, wobei der blinde Mann uns die Umgebung genau beschrieb. Und tatsächlich: in Viverow hatte sich in den 30 Jahren, die seit seinem Wegzug vergangen waren, kaum etwas verändert. Auch der Galgenberg war noch da - nicht weit von Joeres´ Gehöft hinter der Gänsewiese gelegen - der mir stets unheimlich gewesen war und in dessen Nähe ich mich nie getraut hatte. Ob die Geschichten von früheren Hinrichtungen an diesem Ort einen wahren Kern hatten, blieb auch in Urgroßvaters Erzählungen stets unklar. Schließlich war ich im Sommer 1943 ein letztes Mal in Viverow, als mich mein Urgroßvater ein halbes Jahr vor seinem Tode bat, mit ihm noch einmal in den Ort zu fahren, wo er so viele Jahre seines Lebens verbracht hatte und um den all seine Erinnerungen kreisten.

Karl & Mathilde Fraedrich mit ihrem
Sohn Walter (zu Besuch aus Berlin)
Nach dem Tode des Schwiegersohnes Johannes Alverdes im Jahre 1936 wurde der gemeinsame Haushalt in der Pankniner Straße 10 aufgelöst und seine Tochter Elfriede Alverdes, meine Großmutter, zog mit ihren Eltern Fraedrich in das Haus ihrer Tochter Bertha Maaß in der Marienstraße 15/16. Dort lebte mein Urgroßvater im Familienverband bis zu seinem Tode Anfang 1944. Nach meiner Erinnerung müssen meine Urgroßeltern ihre Diamantene Hochzeit schon bei uns im Haus gefeiert haben. Ein Krönchen mit einem kleinen Brillanten schmückte die alte Frau, und meinem Urgroßvater gab ein entsprechend dekoriertes Sträußchen, das er am Revers seines dunklen Anzuges trug, ein ausgesprochen würdiges Aussehen. Bereits am Vormittag ihres 60. Hochzeitstages stellten sich die ersten Gratulanten ein, die Gäste wurden mit Sekt und Wein bewirtet, sicherlich waren auch Vertreter der Kirche und der Stadt darunter. Nach dem Tode seiner Frau Mathilde im Jahre 1937 habe ich meinem blinden Urgroßvater ab und zu aus der Zeitung vorgelesen, allerdings wohl recht ungern, da mich die Artikel als Kind überhaupt nicht interessierten, oder ich bin mit ihm in den Müke- oder Gymnasialpark spazieren gegangen und mußte ihm dort alles, was ich sah, beschreiben. In seinen letzten Lebensjahren, als das Maaßsche Geschäft kriegsbedingt bereits geschlossen war (ab Ende 1940), ging er vor allem auf dem Bürgersteig vor dem Haus spazieren, von der Haustür die Marienstraße entlang bis zur Ecke Torstraße und dann wieder in die andere Richtung bis zur Mauerstraße. Karl Fraedrich war von großer, schlanker Statur, hatte auch mit 80 Jahren noch einige weiße Haare auf dem Kopf und einen ziemlich vollen weißen Bart. Friseur Runge, der schräg gegenüber an der Ecke Heerstraße seinen Laden hatte, kam wie damals noch üblich zu uns ins Haus und schnitt ihm Kopf- und Barthaar. Manchmal zeigte Urgroßvater uns Kindern seine Stirnglatze und erzählte, wie er in Zanow, dem "Pommerschen Schilda", in jungen Jahren einmal geholfen hätte, die Kirche zu verschieben, so daß dabei die Haare auf seinem Kopfe ausgegangen seien. Bis auf sein Augenleiden war er selbst mit über 80 Jahren sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht immer noch sehr rüstig. So lange mein Urgroßvater bei uns im Hause lebte, wurde sein Geburtstag von meiner Mutter immer sehr betont. Schon morgens vor der Schule wurde ich in sein Zimmer geschickt, um ihm zu gratulieren. Es gab an diesen Tagen (auf seinen eigenen Wunsch) zwar keine große Kaffeetafel, jedoch stellte man allerlei Speisen und Getränke zur Bewirtung der Gäste bereit. Es muß dann wohl sein 85. Geburtstag im Jahre 1939 gewesen sein, der mir bis heute ganz deutlich in Erinnerung geblieben ist. Nachdem sich bereits am Vormittag Gratulanten vom Magistrat der Stadt Belgard und der evangelischen Kirche bei uns einstellt hatten, aß die gesamte Familie gemeinsam zu Mittag, was aufgrund des Geschäftsbetriebes zumindest an Wochentagen sonst nicht die Regel war. Wahrscheinlich gab es auch etwas Besonderes zu essen, es wurde dazu Wein angeboten und mein Vater, der damals noch nicht zur Wehrmacht eingezogen war, hielt eine kleine Rede. Das für die damalige Zeit doch recht hohe Alter meines Urgroßvaters nahmen dann auch einige seiner Schüler zum Anlaß, ihn an einem seiner letzten Geburtstage noch einmal zu besuchen. So reisten während des Krieges - vielleicht zu seinem 90. Geburtstag 1942 - zwei seiner ehemaligen Schüler, die wohl noch lange vor der Jahrhundertwende die Dorfschule in Viverow besucht hatten, mit der Bahn zum Gratulieren an. Dabei erinnere ich mich besonders an einen dieser damals schon recht alten Herren, der vielleicht bereits 1880 von meinem Urgroßvater unterrichtet worden war und nun ausführlich von seiner Schulzeit in Viverow berichtete. Nach diesem Besuch erzählte uns Urgroßvater sichtlich gerührt, daß die beiden beruflich sehr gute Positionen erreicht hatten, die sie nach ihrer eigenen Einschätzung nicht unwesentlich auch der guten Schulausbildung in Viverow verdankten. Mein Urgroßvater Karl Fraedrich starb schließlich bei vollkommener geistiger Klarheit am 24.1.1944 im Alter von 91 Jahren an Altersschwäche, nachdem er sich kurz zuvor noch für meinen Abituraufsatz interessiert hatte.*

Zu den Bewohnern des Hauses Pankniner Straße 10 erinnere ich noch folgendes: Mathilde Scheel, die Schwiegermutter des Hauswirtes Zuther, hatte ein einzelnes Zimmer mit Zugang vom Hausflur im ersten Stock neben der Wohnung ihres Schwiegersohnes. Sie war recht häufig bei meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich ein Stockwerk höher zu Gast und fertigte währenddessen Spitzentaschentücher in Schiffchenarbeit an, was ich als Kind hier zum ersten Mal sah und dabei vor allem ihre flinken Finger bewunderte. An einem Sonntagvormittag, als sie gemeinsam mit Zuthers die Kirche besuchte, entstand unter ihrem Bett ein Brand, da sie einen Kasten mit einigen bereits angeglühten Kohlen vor dem Kirchgang darunter geschoben hatte. So brannte schließlich auch das Bett, der Rauch zog unter der Tür in den Hausflur und wurde von Horst Fraedrich bemerkt, der gerade aus Berlin bei seinen Großeltern zu Besuch war. Nach einem Anruf beim Küster forderte der Pfarrer die Familie Zuther von der Kanzel herab auf, wegen eines Notfalles sofort nach Hause zurückzukehren. Es gab einen großen Familienkrach und die arme Frau Scheel mußte sich von meinem Vetter Horst auch noch bei einem späteren Besuch in der Pankniner Straße fragen lassen: "Na, Frau Scheel, haben Sie mal wieder Kohlen unter Ihr Bett geschoben?"

Von diesem Vorfall berichtet auch Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"), nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard, Nr. 85, Oktober 1976 auf Seite 8, wobei seine Schilderung jedoch in verschiedenen Details von meiner eigenen Erinnerung abweicht und vor allem das Verdienst meines Vetters Horst Fraedrich unerwähnt läßt: "Eines der schönsten Wohnhäuser in der Pankniner Straße in Belgard war das Haus Nr. 10. Dieses erwarb im Jahre 1908 der damalige Volksschullehrer, späterhin Rektor an der Hindenburgschule, Franz Zuther. Er verstarb kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Sein Sohn Georg ist als Soldat im Osten gefallen. Die Gattin von Franz Zuther, damalige Lehrerin Elsbeth Scheel, flüchtete im März 1945 nach Hamburg, wo sie im gleichen Monat 1958 verstorben ist. Ihre Mutter, Frau Scheel, wohnte in der Pankniner Straße und fand mit zunehmenden Alter Aufnahme bei Familie Zuther. Da ereignete sich an einem Herbstsonntag in der Frühe folgender Vorfall: Oma Scheel hatte ihr Zimmer geheizt und war im Begriff, zur Kirche zu gehen. Zuvor nahm sie zwei der nachgelegten Briketts wieder aus dem Ofen, beträufelte diese mit Wasser und legte sie zu den übrigen in einer Vorratskiste unter dem Bett. Dann trat Oma ihren Kirchgang an. Nach fast einer halben Stunde hatte das glimmende Brikett die anderen entfacht und das Bett in Brand gesetzt. Rechtzeitig bemerkte der Hausherr den Brandgeruch, der aus dem Zimmer der Oma drang. Mit Hilfe der herbeigeeilten Hausbewohner konnte der Zimmerbrand gelöscht werden. In der Marienkirche brachte Küster Romotzki der alten Frau Scheel schonend bei, sie möge besonderer Vorkommnisse wegen sofort nach Hause gehen. Dort hat dann Franz Zuther in schulmeisterischer Art seiner Schwiegermutter, anspielend auf die biblische Geschichte von den sieben törichten Jungfrauen, zu verstehen gegeben, daß ihm diese leichtsinnige Handlungsweise einer zwar betagten, aber doch klugen Dame aufs tiefste erschüttert habe."
Eleonore Gürge geb. Maaß