Der letzte Brief [Feldpostbrief] meines Vaters Erwin Maaß an meine Mutter Bertha in Belgard
vom 5. März 1945, im Schulhaus von Drosedow/Krs. Kolberg geschrieben und von der Frau des
Lehrers an uns weitergeleitet
5. März 1945
Mein liebes Bertchen!
Nun scheint es aus zu sein. Anscheinend geht es noch heute in Kriegsgefangenschaft. So wie
es kommt, muß es genommen werden. Sei tapfer, liebe Frau! Hoffentlich geht bei Euch
alles einigermaßen. Lebt alle wohl. Grüße Omi, unsere beiden lieben
Mädel und sei Du in Liebe umarmt und geküßt von
Deinem Erwin
Briefe der pommerschen Lehrersfrau aus Drosedow/Krs. Kolberg an mine Mutter Bertha Maaß
aus den Jahren 1947 und 1950:
Innien Krs. Rendsburg, den 21.9.47
Sehr geehrte Frau Maaß!
Von Frau Rutenberg (Belgard), die auch in diesem Ort wohnt, erfuhr ich zufällig Ihre Adresse
und da muß ich an Sie schreiben weil ich noch Briefe von Ihrem Mann bei mir habe. Ob Sie wohl
etwas von Ihrem Mann erfahren haben? Jedenfalls kam Ihr Mann am 5. März 1945 (Montag) nachmittags
in unserem Wohnort (Drosedow über Kolberg-Pommern) in russische Gefangenschaft. Ihr Mann kam am
Montag d. 5. März vormittag in unser Dorf mit ungefähr 100 Mann, der Gulaschkanone u. viel
Verpflegung, die Leute wollten sich bis Stettin durchschlagen. Auf dem Schulhof wurde Halt gemacht und
Ihr Mann bezog mit 4 Mann bei mir im Schulhaus Quartier, ich habe den Männern auch das letzte
Mittagessen gemacht. Die Russen waren schon in allen Dörfern ringsum und an ein Fortkommen der
Militärs war nicht mehr zu denken, so warteten die armen Kerle ihr Schicksal ab und wurden
nachmittags ungefähr um 3 Uhr von den Russen abgeführt. Ihr Mann gab mir die beiliegenden
Briefe die ich Ihnen jetzt erst zustellen kann, außerdem gab mir Ihr Mann noch seine goldene Uhr
u. seinen Ring, ich hatte die Sachen mit einigen Sachen von mir eingegraben, leider sind die Sachen alle
gefunden und von den Russen mitgenommen worden, es tut mir unendlich leid Ihnen die anvertrauten Sachen
nicht zustellen zu können.
Es würde mich interessieren ob Sie irgendwie Nachricht über Ihren Mann bekommen haben oder in
völliger Ungewißheit sind, schreiben Sie mir doch bitte mal.
Mit den besten Grüßen
Gertrud Meyer
Innien, d. 29.1.50
Sehr geehrte Frau Maaß!
Gestern erhielt ich Ihren Brief und will Ihnen auch gleich Nachricht geben. Ich schicke Ihnen die Briefe
Ihres Mannes u. meine Zeilen, wie ich dieselben schon vor über 2 Jahren an Sie abgeschickt hatte,
der Brief aber als unzustellbar zurückkam. Sie werden aus meinem ersten Brief ersehen, wie ich mit
Ihrem Mann bekannt wurde u. zu den Briefen kam, ebenso muß ich Ihnen heute nochmals bestätigen,
daß ich die goldene Uhr Ihres Mannes u. auch den Siegelring leider nicht mehr habe, es ist von den Russen
alles entdeckt u. fortgenommen worden. Wenn Sie den Einmarsch der feindlichen Truppen erlebt haben, werden Sie
verstehen können auf welche Art man seine Sachen verloren hat, und was wir für ein gehetztes,
geängstigtes Leben führten.
Durch Ihren Brief sind mir die Tage wieder so recht in Erinnerung gekommen, ich bin immer aufs Neue erschüttert,
wenn ich an die Gefangennahme der armen Männer (ungefähr 100 Mann) denke, sie wollten so gerne nach Hause,
dachten sie kämen auf der Chaussee nach Stettin durch, da kamen die Russen schon in unser Dorf u. alle Hoffnung
war verloren. Ich dachte bestimmt, Ihr Mann hätte sich mal gemeldet oder wäre vielleicht schon bei Ihnen,
nun höre ich aber daß Sie überhaupt nichts von ihm wissen, das tut mir doch sehr leid. Was ist nur
für ein furchtbares Unglück, durch diesen unglückseligen Krieg, über uns gekommen. Ich habe meinen
Mann 1943 in Rußland verloren und habe von meinem damals 17jährigen Jungen seit Januar 1945 keine Nachricht,
er war in Tütow bei Demmin Luftwaffenhelfer und ist nicht aufzufinden wo die Einheit geblieben ist. Sie können
sich meinen Gram denken über soviel zerstörtes Leben. Ich bin froh, daß ich Ihnen endlich die Briefe
zustellen kann, wenn sie auch schon 5 Jahre alt sind bedeuten sie Ihnen doch sehr viel und nur gut, daß ich die
Briefe so lange aufbewahrte.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Ihr Mann doch eines Tages zu Ihnen zurückkehrt, es würde mich
dann interessieren es zu hören.
Mit den besten Grüßen
Gertrud Meyer
Brief von Herbert Fiss aus Bielefeld an mine Mutter Bertha Maaß aus dem Jahre 1950:
Bielefeld, d.1.7.50
Sehr geehrte Frau Maaß!
Gestern am 30.6. erhielt ich Ihren Brief. Möchte Ihnen nun folgendes mitteilen was ich
genau weiss und jederzeit beschwören kann. Einen andern Kameraden, der ihren Mann so
genau während der Zeit gekannt hat, werden Sie nicht finden. Am 4. März 45 rückte
unser Tross in Drosedow Krs. Kolberg ein. Ihr Mann ging ins Dorf um Erkundigungen über die
Lage zu holen. Nach einer Weile kam er wieder und meinte, es kann jeder machen was er will denn
wir können nicht weiter weil alles besetzt ist. Da er müde und abgespannt war wie alle
andern, ging er schlafen. Er hatte sich im Dorf Quartier besorgt. Ich gehe schlafen, morgen sehen
wir uns wieder waren seine Worte.
Am 5.3.45 gegen 15 Uhr ging ihr Mann mit ca. 85 Mann in russ. Gefangenschaft. In den Abendstunden
hatten wir durch den Marsch schon ein paar Dörfer hinter uns. Ihr Mann marschierte vorne in
der Kolonne und ich ziemlich in der Mitte bis hinten. Da hatte ihr Mann mit einem russ. Soldaten eine
Streiterei und war sehr aufgeregt. Den Grund zum Streit weis ich nicht. Da blieb der Soldat mit ihrem
Mann auf der Chaussee stehen und schrie ganz laut, so das ich es im weiter marschieren genau hören
konnte ungefähr folgende Worte. Wenn ihr mich erschiessen wollt, erschiesst mich doch hier auf der
Stelle, dazu braucht ihr mich nicht mit nach hinten zu nehmen. Wir gingen weiter und er musste zurück.
Allerdings weiss ich nicht wieweit.
Aber jetzt kann ichs mir denken. Ich glaube jetzt fest, das ihr Mann Russland nicht mehr gesehen hat. Sonst
hätte er mit seiner Familie im Schriftlichen verkehr gestanden. Als Stabs.Offzr. hätte er auch
noch einen kleinen Sold Monatlich bekommen. Wir durften schreiben und bekamen auch Post.
Nun liebe Fr. Maaß mit dieser Sache tragen sich meine Gedanken seit dem 5.3.45. Ich habe es mir damals
fest vorgenommen, wenn ich mal nach hause komme, mit ihrem Mann oder seinen Angehörigen in verbindung
zu kommen. Mehr kann ich leider nicht sagen und schreiben. Ich will schliessen.
Mit frdl. Grüssen
Herbert Fiss