Ich wurde am 18. Dezember 1925 als Tochter des
Kaufmanns Erwin
Maaß und seiner Ehefrau Bertha
Maaß geb. Alverdes
in der Marienstraße 15/16 in Belgard an der Persante geboren.
Mein Vater hatte das Geschäftshaus
Marienstraße 15/16 von seinem Vater Bernhard
Maaß geerbt, der es wahrscheinlich Anfang der neunziger Jahre
des 19. Jahrhunderts gekauft und dort eine Kolonialwaren-,
Delikatessen- und Weinhandlung eingerichtet hatte. Dieses Haus war bis
1945 das Paradies meiner Kindheit und Jugend.
Mit Hof, Pferdeställen, Remise, dem mehrstöckigen
Speichergebäude, den Kellern und
dem verwinkelten Dachgeschoß bot der Gebäudekomplex für
mich und meine Schwester Anneliese zahlreiche
Spiel- und Rückzugsmöglichkeiten. Besonders die "Galerie",
die im ersten Stock der Hoffront
des Wohnhauses entlang führte, und die meine Mutter mit mehreren
Kästen Hängegeranien geschmückt hatte, bot mir in der Vorschulzeit
im Sommer Platz, aber auch Anregungen zum Spielen. Außer unseren Mietern
in einer separaten Zweizimmerwohnung bewohnte meine Großmutter
Elsbeth Maaß zunächst noch
die große Wohnung im ersten Stock. Sie wurde durch ihren Umzug in
eine für sie ausgebaute Zweizimmerwohnung im Dachgeschoß in ihren
letzten Lebensjahren bis zu ihrem Tode 1936 für mich zur "Omi
oben". Obgleich sie bei uns im Haus wohnte, war meine Beziehung zu
ihr nicht so eng wie zu meinen Großeltern
Alverdes und Urgroßeltern
Fraedrich in der Pankniner Straße, die 1936 nach dem Tod meines
Großvaters Alverdes zu uns in die Marienstraße zogen. Oft ging
ich als kleines Kind mit meiner Mutter in die Pankniner
Straße 10 (Haus von Rektor Zuther) und wurde nach schönen
Stunden bei den geliebten Alten von der Großmutter abends nach Hause
begleitet. Wie froh war ich, daß ich als größeres Schulkind
dann diesen Weg auch spontan allein machen durfte.
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Mit meinem Teddybär
Ende der 20er Jahre |
In das Haushaltswarengeschäft von Walter Maaß (genannt "Pott-Maaß")
in der Heerstraße 15 habe ich sowohl meine
Mutter als auch meine
Großeltern Alverdes begleitet. Der
Weg dorthin ermöglichte mir natürlich auch einen Blick in das
große Schaufenster im Nebenhaus, wo Sattlermeister Karl Neitzel ein
lebensgroßes, ausgestopftes Pferd stehen hatte, das ich als Kind jedes
Mal erneut bewunderte. Das Geschäft von "Pott-Maaß"
hatte einen geräumigen vorderen Teil, in dem Haushaltsartikel, Porzellan
und Glaswaren angeboten wurden und verengte sich nach hinten, wo die Spielwaren
ausgestellt waren. Ich bin mir recht sicher, daß nahezu alle Spielsachen,
die für mich und später für meine Schwester Anneliese gekauft worden sind,
aus diesem Geschäft stammten, mit dessen Besitzer vor allem meine
Großeltern Maaß gut bekannt
waren. So ist auch mein großer Teddybär, den ich mehr liebte
als meine Puppen, dort gekauft worden. Bei einem der Einkäufe mit meiner
Mutter vielleicht Anfang der dreißiger Jahre bewunderte ich in diesem
hinteren Teil des Ladens lange eine große Celluloid-Puppe, was meine
Mutter wohl bemerkte und mir diese Puppe dann zum bevorstehenden Weihnachtsfest
bescherte. Allerdings hatte ich nicht viel Freude an ihr, da sie sich aufgrund
ihrer Größe von vielleicht 80 cm nicht so recht zum Spielen eignete.
Nachdem sie auf den Namen Rosemarie getauft, mit Säuglingswäsche
eingekleidet und in mein größtes Puppenbett gezwängt worden
war, habe ich mich kaum mehr mit ihr beschäftigt. Da war mir doch meine
alte Puppe Erika mit ihren Schlafaugen, dem langen Echthaar und ihrer Mama-Stimme
viel lieber. Auch meine allererste Puppe, den kleinen Puppenjungen Hänschen,
dem meine Großmutter Maaß grüne
Hosen und ein grünes Jäckchen gestrickt hatte, habe ich noch lange
in Ehren gehalten. Aber das Spielen mit den Puppen war für mich bald
vorüber, denn ich lernte schnell lesen und damit begann ein Leben mit
Büchern, sodaß für mich Puppen schon sehr bald kaum mehr
eine Rolle spielten. Als mich einmal meine
Großeltern Alverdes in das Geschäft
von Walter Maaß mitnahmen, gingen wir später auch in den hinteren
Teil zu den Spielwaren, wo mein Großvater Hans u.a. die Puppenwagen
sehr genau auf ihre Fahrtüchtigkeit untersuchte. Ob die Großeltern
damals ein Geschenk für mich suchten, erinnere ich heute nicht mehr.
Das Fahrrad, daß ich dann zu meinem achten Geburtstag von ihnen bekam,
kann jedoch nicht dort gekauft worden sein, da Walter Maaß nur Haushaltswaren
und Spielzeug führte. Es stammte vielleicht aus dem
Fahrradgeschäft in der Mauerstraße
neben dem Hohen Tor unweit unseres Hauses, wo ich später noch öfter
Ersatzteile wie etwa Ventilgummis, Reifen oder ein neues Netz für das
Hinterrad kaufte; bei der Montage halfen mir manchmal Angestellte aus unserem
Geschäft. Dieses Jugendrad mit Ballonbereifung bekam Ende der dreißiger
Jahre noch einen Dynamo und elektrisches Licht und wurde von mir bis Ende
des Krieges gefahren. Als mein Vater und unsere Angestellten bereits bei
Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen wurden, habe ich mein Fahrrad dort
auch zur Reparatur gegeben.
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Mit meiner Schwester
Anneliese (etwa 1934) |
Als ich im zweiten Schuljahr war, wurde 1933 meine Schwester Anneliese geboren. Doch wußte
ich vorher nicht, daß ein Geschwisterchen erwartet wurde. So ging
ich nach einem Besuch bei meinen Großeltern in der Pankniner Straße
abends an der Hand meiner Großmutter nach Hause. Omi erzählte
mir unterwegs, daß ich jetzt eine kleine Schwester habe und daß
ich recht artig sein müsse, weil meine Mutter krank sei. Das kleine
Wesen, das in einem Körbchen neben dem Bett meiner Mutter lag, machte
mir auf den ersten Blick noch keinen Eindruck. Mein eigenes Leben blieb
davon zunächst weitgehend unberührt, mein Alltag mit Schule und
Spielen ging weiter wie bisher. Erst nach ein paar Monate wurde mir bewußt,
wieviel Aufmerksamkeit meiner kleinen Schwester geschenkt wurde, und ich
fühlte mich dadurch sehr zurückgesetzt. Die Eifersucht erwachte,
und ich wäre gern wieder ein Kleinkind wie sie gewesen. So versuchte
ich zum Beispiel, mir einen Teil des abendlichen Grießbreis der Kleinen
durch Bitten, aber auch durch Trotzen zu erkämpfen. Unsere damalige
Hausgehilfin Olga, die schon jahrelang bei meiner Großmutter Maaß
gearbeitet hatte, war ganz vernarrt in die kleine Anneliese. Sie bügelte
oft bis in die Nacht, nur um am Tage Zeit zu haben, mit dem Kind spazierenzufahren.
Dies geschah sehr zum Ärger meiner Mutter, der das Kind dadurch sehr
entzogen wurde. Vielleicht 1935 gab Olga ihre Stelle bei uns auf und heiratete
einen Witwer mit mehreren Kindern. Er wohnte "Am Gänsehals",
einer Nebenstraße der Pankniner Straße, in einer neuen Stadtrandsiedlung.
Vor ihrer Hochzeit nahm sie mich einige Male in das Häuschen ihres
zukünftigen Mannes mit, hier sah ich zum ersten Mal derartige Siedlungshäuser
mit großem Garten und Kleintierstall, die es, wenn auch in völlig
anderer Bauweise, als Reihenhaussiedlung (1928-1929) von Architekt und Stadtplaner
Prof. Dr. Ing. Hans Bernhard Reichow
an der Polziner Straße gab. Der Altersunterschied zwischen uns Schwestern
war mit acht Jahren zu groß, als daß wir wirkliche Spielgefährten
werden konnten. Ich beachtete sie zunächst wenig, und für sie
zählte ich zu den "Großen", wie sie mir später
erzählte. Aber abends, wenn wir in unserem gemeinsamen Zimmer in den
Betten lagen, und ich die für den Deutschunterricht
zu lernenden Texte laut memorierte, hörte sie aufmerksam zu und sprach
manchmal mit, denn als Kind lernte sie schnell. Es handelte sich meist um
Balladen wie "Schwäbische Kunde" von Ludwig Uhland, "Der
getreue Eckardt", "Der Zauberlehrling" und "Das Hufeisen"
von Johann Wolfgang von Goethe, oder "Herr von Ribbeck" von Theodor
Fontane. So konnte sie den Besuchern meiner Mutter zu deren Amüsement
lange Gedichte vortragen und wurde dafür mit Beifall überschüttet.
Die Verblüffung war noch größer, als sie den gesamten Inhalt
des Liebesfilms "Ein hoffnungsloser Fall" mit Jenny Jugo, Hannes
Stelzer und Karl Ludwig Diehl in den Hauptrollen erzählte, in den ich
sie eines Sonntags (vielleicht im Jahre 1939 oder 1940) mitgenommen hatte,
als im "Capitol", dem Kino in der Hindenburgstraße, die
Kindervorstellung ausfiel und wir deshalb um die Ecke in die Friedrichstraße
in das zweite Belgarder Kino, die "Schauburg", gingen, wo in der
Nachmittagsvorstellung der zuvor genannte Film lief - und man mich mit der
Kleinen zu meiner heutigen Verwunderung problemlos einließ.
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| An unserer Haustür |
Das Kino war für mich damals von immenser Bedeutung. Die Inhaberin
der beiden Belgarder
Lichtspielhäuser - des großen Capitols in der Hindenburgstraße
und der erheblich kleineren Schauburg in der Friedrichstraße - war
Frau Minna Pätzold, deren Fleiß, Geschäftstüchtigkeit
und Erfolg auch mein Vater oft erwähnte. Im Laufe der Jahre erwarb
sie neben dem zuerst gebauten Capitol weitere Grundstücke, so daß
ihr schließlich der gesamte Block an der Ecke Friedrichstraße
/ Hindenburgstraße bis zur Burgstraße gehörte und sie nun
das zweite Kino, die Schauburg, einrichten konnte. Das Capitol war für
unsere kleine Stadt ein sehr großzügig angelegtes, repräsentatives
Haus. Neben dem Eingang hingen mehrere große Glaskästen mit Vorankündigungen
und Photographien aus den jeweils laufenden Filmen; in dem geräumigen
Foyer befand sich ein Kassenhäuschen, an dem man Eintrittskarten und
den "Filmkurier", ein illustriertes Beiheft zu dem gerade gezeigten
Film, erwerben konnte, sowie eine Verkaufstheke für Süßwaren.
Im großen Kinosaal waren hinter den Parkettsitzen mehrere Logen, oben
auf dem Rang befanden sich weitere Logen und nach hinten ansteigende Sitzreihen.
Nach meiner Erinnerung war der Raum und die Bestuhlung im Stil der Zeit
in dunkelrotem Plüsch gehalten. Da ich das Kino fast niemals zu einer
Abendvorstellung, sondern immer nur am Nachmittag besuchte, war ich mir
seiner Bedeutung für unsere Stadt zunächst nicht bewußt.
Ich weiß aber aus Erzählungen etwa von meiner
Tante Tudi, daß die Abendvorstellungen im
Capitol von einem gewissen Flair umgeben waren und sich für die Erwachsenen
zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt hatten (an das Innere der Schauburg
kann ich mich dagegen kaum noch erinnern, sie hatte wohl einen erheblich
einfacher ausgestatteten Zuschauerraum ohne Rang und Logen). Da mit Beginn
des Krieges das öffentliche Unterhaltungsangebot nicht nur in Belgard
stark eingeschränkt wurde, bildeten auch bei uns die Lichtspielhäuser
neben den Cafés die wenigen Möglichkeiten zur Zerstreuung und
Ablenkung vom grauen Kriegsalltag und erfreuten sich damit eines noch größeren
Zuspruches als zuvor. Und auch aufgrund des Umstandes, daß sich die
Zahl der Soldaten in unserer Garnison seit Mitte der dreißiger Jahre
stark erhöht hatte, waren die beiden Kinos insbesondere am Wochenende
ständig ausverkauft. Bis mein Vater 1939 zur Wehrmacht
eingezogen wurde, gingen meine Eltern regelmäßig am Samstagabend
ins Kino, meistens ins Capitol. Sie saßen dort stets im Parkett am
Ende der zehnten Reihe, so daß mein Vater seine Beine bequem ausstrecken
konnte. Zu meinem Leidwesen bekam ich nicht so oft, wie ich es mir wünschte,
die Erlaubnis zu einem Kinobesuch, und oft wollte meine Mutter den Film
zunächst selbst sehen um zu überprüfen, ob er für mich
auch geeignet sei. Als meine Schwester 1933 auf den Namen Anneliese getauft
war, schickte mich meine Mutter mit unserer Hausangestellten Olga in den
Film "Des jungen Dessauers große Liebe" (denn diese große
Liebe hieß Anneliese). An diesen ersten Kinobesuch mit sieben Jahren
habe ich jedoch keine Erinnerung mehr. Erst darauf folgten für mich
Märchen- und Pat und Patachon-Filme. Ab Ende der dreißiger Jahre
bevorzugte ich Liebesfilme und schwärmte für die Hauptdarsteller,
deren Photos ich aus der Zeitschrift "Filmwelt", die ich regelmäßig
für 30 Pfennige von meinem Taschengeld kaufte, ausgeschnitten und an
der Wand gegenüber von meinem Bett befestigt hatte. Meine Lieblingsschauspieler
waren damals Brigitte Horney und Zarah Leander, René Deltgen, Victor
de Kowa und Willi Birgel, besonders beeindruckt haben mich zu dieser Zeit
"Das Herz der Königin", "Es war eine rauschende Ballnacht",
"Wen die Götter lieben", "Die schwedische Nachtigall",
"Anna Farvetti", "Das Mädchen von Farnö",
"Befreite Hände", "Verklungene Melodie" oder "Seine
Tochter ist der Peter". Der letzte Film, den ich noch im Februar 1945
in der Schauburg sah, war der UFA-Farbfilm "Frau meiner Träume"
mit Marika Rökk und Wolfgang Lukschy. Nach dem
Einmarsch der Russen in Belgard Anfang März
fand ich Reste der Vorführkopie in der Friedrichstraße vor dem
geplünderten Kino, auf einem der Filmstreifen konnte ich Marika Rökk
erkennen.
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Verklungene Melodie (1938)
Brigitte Horney, Willi Birgel |
Meine frühesten Erinnerungen an Radio und Rundfunk könnten
vielleicht aus dem Jahre 1930 stammen (ich ging damals noch nicht zur
Schule).
Wie unser erstes Radiogerät aussah, weiß ich heute jedoch nicht
mehr, es stand bei uns im Wohnzimmer und ich durfte es auch noch nicht selbst
bedienen. Meine Mutter stellte mir aber öfter eine Kindersendung ein,
in der Tante Elfie mit Kindern Liedern sang und Anregungen zum Basteln oder
Spielen gab. Ich mochte diese Sendung sehr gerne und äußerte
einmal während eines Besuches bei Onkel Karl Alverdes in der
Bahnhofstraße
meine Befürchtung, daß wir zu spät nach Hause kommen und ich dann die
Kinderstunde mit Tante Elfie verpassen würde. Wie erstaunt war ich aber, als mir
meine Mutter erklärte, daß ich die geliebte Sendung auch bei
Onkel Karl hören könnte - obwohl sein Radio doch ganz anders aussah.
Einige Jahre später (vielleicht 1937) kaufte mein Vater einen neuen
Radioapparat - mit einem großen Lautsprecher auf der linken, einer
beleuchteten Skala auf der rechten Seite und einem "magischen Auge"
in der Mitte, mit dem man die Sender viel genauer abstimmen konnte und das
mich als Kind besonders faszinierte. Er ließ sich von unserem Schreiner
(der unweit unseres Hauses auf der linken Seite der Heerstraße - kurz
hinter Bäcker Sellnow in Nr. 22 - seine Werkstatt hatte) ein Wandbrett
für das nun doch erheblich größere Gerät anfertigen
und über seinem Schreibtisch im Herrenzimmer anbringen. Dort habe ich
dann mit diesem schon recht modernen Apparat häufig nachmittags Musiksendungen
gehört (vor allem Schlager und Operetten). Mein Vater hob im Kontor
unseres Geschäftes
auch noch einen alten
Detektorempfänger seines handwerklich
äußerst geschickten Bruders Heinz Maaß aus den zwanziger Jahren
auf, der dieses Gerät in der Anfangszeit des Rundfunks selbst gebaut
hatte. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, daß diese nur aus
wenigen Bauteilen und einem einfachen Kopfhörer bestehende Konstruktion
ein Vorgänger unseres großen Radios im Herrenzimmer war und habe
diesen einfachen Empfänger auch leider niemals in Betrieb gesehen.
Im Kriege wurden wir durch die Schule dazu angehalten, regelmäßig
Nachrichtensendungen im Funk zu hören - mehrmals pro Woche sprach dann
unsere Klassenlehrerin Fräulein Büttner zu Beginn des Unterrichts
mit uns über aktuelle Ereignisse und die Lage an der Front. Und auch
mein Urgroßvater Karl Fraedrich, der seit 1936 in unserem
Haushalt lebte, hatte einen Volksempfänger in seinem Zimmer, aus dem
er sein Wissen über Politik und Wirtschaft bezog (an Musik jeder Art
hatte er jedoch kein Interesse). Da er bereits seit langem das Augenlicht
verloren hatte, war es für ihn sehr schön, daß es den Rundfunk
gab, und so verbrachte er nach dem Tode seiner
Frau Mathilde viel Zeit an seinem Radiogerät.
Bis lange in den Krieg hinein verfolgte er jeden Tag äußerst
interessiert Sendungen mit Berichten und Kommentaren zum Tagesgeschehen,
um deren Willen er häufig zu spät zum gemeinsamen Mittagessen
kam. So hörte er eigentlich nur Wortbeiträge, vorwiegend politischer
Art, und war dabei auf den Chef-Kommentator des nationalsozialistischen
Rundfunks, Hans Fritzsche, immer besonders wütend. Oft schimpfte mein
Urgroßvater heftig über dessen Polemik und die Lügen, welche
dieser in seinen Sendungen verbreitete. Und manchmal ließ er seinen
Zorn auch noch beim Mittagessen heraus, wenn man ihn gerade einmal wieder
von Fritzsches Gerede im Großdeutschen Rundfunk zum Essen geholt hatte.
Da die Woche über auch Angestellte aus dem Geschäft bei uns am
Mittagstisch saßen, mahnte meine Mutter ihn dann stets ängstlich:
"Sei still, Großvater!" Meine Mutter hörte ebenfalls
kaum Radiomusik, aber während des Krieges, als mein Vater eingezogen
war, natürlich die Wehrmachtsberichte oder auch das allseits beliebte
"Wunschkonzert". Sehr vergnüglich waren für sie die
humoristischen Sendungen von Gisela Schlüter; wobei sie die "Schnattertante"
besonders wegen ihrer "Schnellsprecharien" bewunderte. Danach
bekam ich oft mit, wie sie sich mit ihrer Freundin
Ilse Schwedersky amüsiert darüber
unterhielt. Ich selbst hörte im Radio vorwiegend Musik, aber auch ganz
gerne von den alten Schellack-Platten meiner Eltern, die ich auf einem Koffergrammophon
aus ihren ersten Ehejahren abspielte, dessen Federwerk noch mit einer Kurbel
aufgezogen werden mußte. Dabei spielte ich vor allem die Wiener Walzer
"Rosen aus dem Süden" und "Geschichten aus dem Wienerwald"
sowie Platten mit Märschen. Zudem hatte mein Onkel
Karl Alverdes mir Schallplatten aus dem Radiogeschäft
Krause in der Friedrichstraße 74 mitgebracht, wo er in der zweiten
Hälfte der dreißiger Jahren als Buchhalter beschäftigt war.
Ich erinnere mich hier vor allem an "When The Saints Go Marching In"
mit "La Mer" auf der Rückseite, was mir beides jedoch überhaupt
nicht zusagte; weiterhin an eine Platte der aus Südamerika stammenden
Sängerin Rosita Serrano (genannt "Chilenische Nachtigall")
mit Liedern wie etwa
"Roter Mohn", die damals in Deutschland
recht bekannt waren und auch mir gut gefielen. Viele aktuelle Schlager und
Arien aus Operetten, die wir im Radio hörten - während des Krieges
vor allem in der damals äußerst populären Sendung "Wunschkonzert"
- konnte ich bald selber nachsingen und brachte sie so auch unserer Hausangestellten
Ilse Kruggel beim gemeinsamen
mittäglichen Abwasch zu Gehör. Zu ihrer Erheiterung sang ich dann
in der Rolle von Wilhelm Strienz, Karl Schmitt-Walter oder Peter Anders
beliebte Schlager wie zum Beispiel
"Heimat deine Sterne",
"Dunkelrote Rosen" und
"Gern hab' ich die Frauen geküßt".
Und natürlich trug auch das Kino zur Erweiterung meines Schlagerschatzes
bei, etwa wenn ich versuchte, Marika Rökk, Ilse Werner oder Zarah Leander
zu imitieren - aber ich sang auch mit Begeisterung Lieder, die wir in der
Schule während der Chorstunden bei Herrn Rogausch gelernt hatten (etwa "Kein
schöner Land", "Die Gedanken sind frei" oder "Dat
du min Leevsten büst"). Hier konnte ich mich vor der nur wenige
Jahre älteren Ilse gesanglich richtig ausleben, während meine
musikalisch anspruchsvolle Mutter zwei Zimmer weiter ihren Mittagsschlaf
hielt und davon nichts mitbekam. Meine Liebe zur Oper erwachte erst nach
dem Kriege, als wir nach der Vertreibung aus Pommern in Halle an der Saale
eine Wohnung zugewiesen bekommen hatten.
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Badestelle am Gildborn
bei Viverow/Krs. Köslin |
Seit Mitte der dreißiger Jahre verbrachte ich mit den Urgroßeltern
Fraedrich und Großmutter Elfriede
Alverdes regelmäßig vier Sommerwochen in der ländlichen
Idylle von Viverow im Kreis Köslin, wo meine
Großmutter aufgewachsen und mein Urgroßvater
Karl Fraedrich
Lehrer gewesen war. Ab und zu war auch meine kleine Schwester Anneliese dabei und
einmal auch mein Vetter Horst Fraedrich aus
Berlin, der Sohn meines Onkels
Walter
Fraedrich. Die Ferienaufenthalte in der auch mir mittlerweile vertrauten
Umgebung sind für mich die Höhepunkte dieser Jahre gewesen. Das
Haus der mit meinen Urgroßeltern befreundeten
Familie Joeres stand und steht noch heute
an der Stelle, an der vormals das Gutsverwalterhaus des Vaters von Mathilde
Fraedrich, also meines Ur-Urgroßvaters
Hermann Friedrich Bogislav Lawin,
stand. Ein schmaler verwilderter Park, der jenseits des Baches lag, der
an der Hofreite vorbeifloß, zeugte auch in den dreißiger Jahren
noch von dieser Zeit. Bei Joeres wurden wir für zehn Reichsmark pro
Tag in deren großem Schlafzimmer untergebracht, in dem mindestens
drei Betten standen, vielleicht aber auch vier. Die Familie Joeres schlief
in dieser Zeit in Bodenkammern. Karl Fraedrich kaufte vor der Reise reichlich
in unserem Geschäft
ein, um Familie Joeres etwas mitzubringen. Die Frauen bekamen Kaffee, Kakao,
Schokolade, Toilettenseife und Herr Joeres, dem er besonders zugetan war,
erhielt Zigarren und Cognac. Das letztere wurde Herrn Joeres am Sonntag
oder am späten Abend heimlich angeboten, denn die Frau des Hauses war
sowohl gegen das Rauchen als auch gegen das Trinken eingestellt. Herr Joeres
wurde dazu unauffällig in das Schlafzimmer gebeten, wo mein Urgroßvater
den großen Koffer mit den "Schätzen" unter dem Bett
hervorzog. Unser Gepäck war auch aus diesem Grunde oftmals so schwer,
daß wir für das Umsteigen in Köslin - von der
Reichsbahn in die Kleinbahn Richtung
Pollnow - einen Kofferträger brauchten. Einmal wurde uns dafür
ein Lehrling aus dem Geschäft mitgegeben und ein andermal fuhr
Ilse Kruggel, unsere letzte Hausangestellte,
mit nach Köslin, um die schweren Koffer vom Bahnhof zum etwas entfernt
liegenden Kleinbahnhof zu schleppen; zum Belgarder Bahnhof wurden die Koffer
und Taschen mit dem Geschäftsfahrrad oder einem Handwagen transportiert
(in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre fuhr uns ab und zu
auch mein Onkel Karl Alverdes
mit seinem Auto, einem DKW Meisterklasse, über Köslin nach Viverow
in die Sommerfrische, einmal holte er uns von dort auch wieder ab). Mein
Urgroßvater hielt sich für einen guten Landwirte und gab dem
bedauernswerten Herrn Joeres oft Ratschläge für den bäuerlichen
Betrieb, was meine Großmutter Elfriede, seine Tochter, jedes Mal -
jedoch immer ohne Erfolg - zu verhindern versuchte. Wir gingen dort viel
spazieren, wobei der blinde Mann uns die Umgebung genau beschrieb. Und tatsächlich:
in Viverow hatte sich in den 30 Jahren, die seit seinem Wegzug vergangen
waren, kaum etwas verändert. Auch der Galgenberg war noch da - nicht
weit von Joeres´ Gehöft hinter der Gänsewiese gelegen -
der mir stets unheimlich gewesen war und in dessen Nähe ich mich nie
getraut hatte. Ob die Geschichten von früheren Hinrichtungen an diesem
Ort einen wahren Kern hatten, blieb auch in Urgroßvaters Erzählungen
stets unklar. Schließlich war ich im
Sommer 1943 ein letztes Mal in Viverow, als
mich mein Urgroßvater ein halbes Jahr vor seinem Tode bat, mit ihm
noch einmal in den Ort zu fahren, wo er so viele Jahre seines Lebens verbracht
hatte und um den all seine Erinnerungen kreisten.
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Mit meinem Vetter
Horst Fraedrich |
Mein Onkel Walter Fraedrich, Bruder meiner Großmutter
Elfriede Alverdes - er war viel jünger als Friedchen, etwa 1885 geboren
- war ebenso wie mein Vater im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen. Da er (in
Halle / Saale) studiert hatte, wurde er als Fähnrich eingezogen und
brachte es wohl zum Leutnant oder Oberleutnant. Später lebte er mit
seiner Frau Edith geb. Buntrock und Sohn Horst (1921-2004) als
Rechtsanwalt in Berlin, hatte Wohnung
und Kanzlei in der Stresemannstraße 14 (der späteren Saarlandstraße,
Nähe Anhalterbahnhof). Als Scheidungsanwalt war er auch an Scheidungen
Prominenter, so zum Beispiel des Pianisten Michael Raucheisen von der Sängerin
Maria Ivogun, beteiligt. Die Erzählungen meiner Mutter von Besuchen
bei ihm in Berlin brachten eine Ahnung von der großen, weiten Welt,
von mondänem Leben zu uns in die Kleinstadt Belgard. Sein Sohn Horst
kam in den dreißiger Jahren mehrmals zu seinen
Großeltern
Fraedrich (er war der Enkel meines Urgroßvaters) und seiner Tante
Elfriede
Alverdes nach Belgard zu Besuch; er spielte in den dreißiger Jahren
für mich eine große Rolle. Manchmal konnten wir meinen Urgroßvater
nach langem Bitten dazu bewegen, daß er uns eine "Vorstellung"
mit Beispielen aus dem Turnunterricht während seiner Zeit als Lehrer
an der Dorfschule in Viverow gab. Er stand dazu aus seinem Ohrensessel auf
und erteilte die verschiedenen Kommandos für die Freiübungen der
Schüler, die er uns dann auch vormachte. Den Höhepunkt bildete
das Kommando "Kopf rückwärts beugt!", wobei er beim
Sprechen den Kopf soweit rückwärts neigte, daß aus dem Wort
beugt ein langgezogenes beu-eu-eu-eugt wurde. Horst und ich starben dabei
fast vor Lachen. Als ich vielleicht acht oder neun Jahre alt war und mein
Vetter wieder einmal seine Großeltern in Belgard besuchte, nahm uns
mein Vater zu einer Fahrt auf dem Pferdewagen nach Rostin mit. Wir fuhren
jedoch nicht über die Brücke bei Kamissow, sondern auf der Körliner
Chaussee bis zum Abzweig eines kleinen Sandweges, der zu einer Furt durch
die Persante führte. Als Horst sah, daß wir hier ohne anzuhalten
auf den Fluß zufuhren, sprang er voller Angst vom Wagen. Da hielt
mein Vater am Ufer an, versetzte ihm eine Ohrfeige, zerrte ihn wieder auf
das Fahrzeug und tadelte ihn für sein unvernünftiges Verhalten.
Danach durchquerten wir sicher den Fluß und erreichten bald darauf
Rostin. Bei der Rückkehr nach Belgard erzählte Horst meiner Mutter
sehr bedrückt von dem "gefährlichen" Erlebnis. Dieser
Vorfall tat meinem Selbstbewußtsein sehr gut, denn ich selbst fuhr
ja bereits seit Jahren bei meinem Vater auf dem Wagen mit und hatte deshalb
in dieser Situation überhaupt keine Angst gehabt, so daß ich
mich wenigstens einmal meinem großen, "allwissenden" Vetter
aus Berlin überlegen fühlen konnte. Mitte der dreißiger
Jahre lud mein Urgroßvater Horst zu einem Urlaub in Viverow im Kreis
Köslin ein, wo sein Vater Walter die Kindheit verbracht hatte, mein
Urgroßvater viele Jahre Lehrer
gewesen war und auch Großmutter Elfriede und ich ihn in den Ferien
oftmals in die ländliche Idylle zu der mit meinen Urgroßeltern
befreundeten Familie Joeres begleitet hatten. Während der Vorgespräche
am Telefon stellte sich heraus, daß Horst sich als Städter das
Leben in dem kleinen Dorf und die einfache bäuerliche Unterkunft überhaupt
nicht vorstellen konnte, denn er erkundigte sich nach angemessener Kleidung
und erwähnte dabei lange weiße Hosen, die er sonst immer für
den Urlaub mit seinen Eltern im mondänen Ostseebad Swinemünde
mitnahm. In Viverow entsprach dann zunächst auch nichts seinen Erwartungen,
dennoch wurde der Aufenthalt in dem kleinen Dörfchen für ihn nicht
etwa zu einer Enttäuschung, sondern zu einem außergewöhnlichen
Erlebnis, denn er durfte an allem teilnehmen: der Fahrt auf dem pferdebespannten
Milchwagen zur Molkerei im Nachbardorf Seydel, dem Garbenaufstellen während
der Roggenernte, dem abendlichen Zurückholen der Kühe von der
Weide und den vielen Waldspaziergängen mit seinen Großeltern
und Tante Friedchen. Viverow hatte ihm solchen Eindruck gemacht, daß
er noch seinen Kindern davon erzählte. Das letzte Mal sah ich ihn 1944
auf dem Bahnhof
in Belgard, als er dort (vielleicht als angehender Militärarzt)
einen kurzen Aufenthalt auf dem Weg zur baltischen Front hatte. Mit dem
Zusammenbruch 1945 riß auch der Kontakt zu ihm ab, und meine Mutter
konnte nach dem Kriege lediglich in Erfahrung bringen, daß er mit
seiner Familie im Rheinland gelandet sein sollte. So habe ich meinen Vetter
Horst Fraedrich leider niemals wiedergesehen, denn erst nach seinem Tode
im Herbst 2004 erfuhr ich, wo es ihn nach Kriegsende aus Berlin hin verschlagen
hatte.*
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Mit Cousine Hella, Schwester
Anneliese & Vetter Horst Fraedrich |
Ich mochte wohl neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als ich in der Kölnischen
Illustrierten, die mein Großvater Johannes Alverdes hielt, vom
Kölner Karneval las und dadurch die Anregung zu verschiedenen Streichen
bekam. So kaufte ich in der Drogerie Troike in der Marienstraße schräg
gegenüber kleine Stinkbomben, von denen ich eine in die unserem Geschäft
angeschlossenen Bierstuben
warf. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt nur wenige Gäste anwesend,
jedoch mußten die stinkenden Reste umgehend beseitigt und die Räume
anschließend wohl auch stundenlang gelüftet werden. Mein Vater
war entsetzt, und ich bekam äußerst strenge Ermahnungen zu hören.
Zum Jahreswechsels 1936/37 beging ich einen ähnlich dummen Streich
zu Sylvester: Meine Eltern waren nach Stettin ins Theater oder zu
einer Sylvesterfeier gefahren, so daß wir - meine kleine Schwester
Anneliese, Großmutter Elfriede
Alverdes und die Urgroßeltern
Fraedrich - den Sylvesterabend ohne sie verbrachten. Meine Omi Frieda
schickte mich zu Café Pagel, um das bestellte Dutzend Berliner Pfannkuchen
abzuholen. Beflügelt durch die Ideen aus der Kölnischen Illustrierten,
füllte ich statt einen einzelnen Pfannkuchen mit Senf gleich alle zwölf
Berliner mit Erde aus den Blumenkästen auf der Galerie hinter unserem
Haus. Als wir sie dann gegen Abend verzehren wollten, dabei plötzlich
auf Blumenerde kauten und die Erwachsenen dann auch noch feststellen mußten,
daß ausnahmslos alle Pfannkuchen verdorben waren, war die Empörung
groß. Was meine Eltern dann bei ihrer Rückkehr am Neujahrstag
über das ungeratene Kind zu hören bekamen, mochte wohl auch ihnen
die Laune verdorben haben. Ab und zu besuchten meine Eltern auch den mitternächtlichen
Sylvestergottesdienst in der Marienkirche, meistens blieben sie jedoch am
letzten Tag des Jahres zu Hause. Dann gab es bei uns in der Regel Karpfen,
danach Punsch (für mich Apfelsaft), Berliner Pfannkuchen und Reste
vom Weihnachtsgebäck. Das Wohnzimmer war mit Papierschlangen geschmückt,
wobei ich beim Dekorieren des Raumes gerne half. Sofern neben meiner Großmutter
Elfriede und meinem Urgroßvater Karl kein Besuch eingeladen war, beschäftigten
sich die Eltern mit mir, d.h. wir spielten Karten- oder Brettspiele und
in der letzten Stunde des Jahres gossen wir Blei. Das Bleigießen war
immer sehr amüsant, besonders wenn aus einem der gerade aus dem Wasser
gefischten Stücke die verschiedensten Bedeutungen herausgelesen wurden.
Kurz vor Mitternacht öffneten meine Eltern die Fenster zur
Marienstraße, mein Vater schenkte
den Erwachsenen Sekt ein, wir standen mit den Gläsern an den geöffneten
Fenstern und erwarteten das Sylvestergeläut der
Marienkirche. Wenn dann um Mitternacht
die Glocken zu läuten begannen, umarmten und küßten wir
uns und wünschten uns Glück und Gesundheit für das neue Jahr.
Dann beobachteten wir das Geschehen auf der Heerstraße
und an der Marktecke, wo sich bereits zahlreiche Menschen versammelt hatten.
Einmal ging ich auch auf den
Marktplatz, um das Abbrennen der Knallfrösche,
Kanonenschläge und anderer Feuerwerkskörper aus der Nähe
zu erleben, jedoch hatte ich von der Knallerei bald genug. An einem Sylvesterabend
brachte mein Vater große weiße Papierbögen aus der Packstube
unseres Geschäftes in die Wohnung herauf. Mit Hilfe einer starken Lampe
warf er die Schatten der Anwesenden auf das Papier und zeichnete ihr Profil
mit einem Kohlestift nach. Auch meine kleine Schwester Anneliese durfte
an diesem Abend länger aufbleiben, ihren Schattenriß mit der
großen Haarschleife sehe ich noch heute vor mir. Von den Spiegelkarpfen,
die bei uns zu Sylvester als "Karpfen blau" oder "Karpfen
in Biersoße" auf den Tisch kamen, wurden einige Schuppen aufgehoben
und ins Portemonnaie gelegt; sie sollten im kommenden Jahr für einen
vollen Geldbeutel sorgen. Ob meine Eltern dies nur uns Kindern erzählten
oder die Schuppen tatsächlich ein ganzes Jahr lang bei sich trugen,
kann ich heute nicht mehr sagen. Ob meine Eltern dies nur uns Kindern erzählten
oder die Schuppen tatsächlich ein ganzes Jahr lang bei sich trugen,
kann ich heute nicht mehr sagen. In der Zeit zwischen Heiligabend und Neujahr
("zwischen den Jahren") wurden auch bei uns nach alter Sitte
umfangreichere Arbeiten wie ein größerer Hausputz oder
insbesondere die große Wäsche tunlichst unterlassen, da vor allem
letztere - obwohl meine Mutter eigentlich nicht abergläubisch war -
für das neue Jahr Unglück bringen sollte.
In Pommern gab es zu Fastnacht keine Karnevalskampagne, außer
einigen Maskenbällen und Kostümfesten in
Falks
Gesellschaftshaus (Hindenburg-straße) und bei
Karow
(Veranstaltungssaal in der Wilhelmstraße) fanden nur geschlossene
Gesellschaften in den Räumen von Hotel
Wolter und Hotel
Remus am Markt statt. Wir Kinder zogen am Fastnachtsdienstag mit einem
angespitzten Stöckchen zu den Nachbarn bzw. Nachbargeschäften
und sagten einen Vers auf, worauf wir etwas auf unseren Stock gesteckt bekamen,
zum Beispiel ein Brötchen, eine Schnecke, eine Scheibe Wurst, einen
eingewickelten Bonbon:
Ich bin ein kleiner König,
gebt mir nicht zu wenig,
laßt mich nicht zu lange stehen,
ich muß noch ein Häuschen weitergehen
oder
Hippel die Pippel, die Wurst hat
zwei Zippel,
zwei Zippel hat die Wurst, der Bauer hat Durst,
Durst hat der Bauer, das Leben wird ihm sauer,
sauer wird ihm das Leben, der Weinstock hat zwei Reben,
zwei Reben hat der Weinstock, der Bauer ist ein Dusselkopp
Dabei ging ich nur ein einziges Mal mit, da mir dies Art von "Bettelei"
unangenehm war und Schüler der Oberschule an derartigen Heischegängen
in der Regel auch nicht teilnahmen.
 |
| Im Mükepark 1942 |
In einer Bodenkammer hatte meine Mutter in zwei großen, aus Weide
geflochtenen Reisekörben, die noch von meinen Großeltern stammten,
Kleidung aus den zwanziger Jahren aufbewahrt, darunter auch Kostüme
für Maskenbälle. Ich erinnere mich an ein reizendes weißes
Pierrot-Kostüm mit schwarzen Pompons, an eine schwarze Kappe mit angenähten
Fühlern, die von einem Schmetterlingskostüm stammte und an ein
mit Münzen besetztes Kleid einer Zigeunerin aus rot-gelber Seide, das
auch ich einmal auf einer als Kostümfest angelegten Geburtstagsfeier
meiner Klassenkameradin Cordula Uckeley trug; von meinem Vater fand
sich dort noch ein Holländerkostüm. Als Kind wühlte ich manchmal
in den alten Reisekörben und erkundigte mich bei meiner Mutter nach
den Gelegenheiten, bei denen die Eltern diese Kostüme getragen hatten,
und wir beide lachten über die komischen Episoden und Erlebnisse, von
denen sie dann erzählte (zum Beispiel auf Veranstaltungen in Falks
Gesellschaftshaus in der Hindenburgstraße, die sie in den ersten Jahren
ihrer Ehe häufig besuchten). So war etwa meinem Vater das Holländerkostüm
nur eine störende Last, da ihn die Holzschuhe in seiner Bewegungsfreiheit
stark einschränkten und er damit nicht nur beim Tanzen zum Zuschauen
verurteilte war. Diese Erzählungen vermittelten mir einen weiteren
Eindruck vom Leben meiner Eltern als junge Eheleute in unserer kleinen Stadt.
Andere Kleidungsstücke aus den Reisekörben fanden jedoch überhaupt
nicht mein Gefallen und ich war entsetzt, als meine Mutter im Kriege, als
die Zuteilungen auf die Kleiderkarten immer spärlicher wurden, zwei
ihrer ehemaligen Sommerkleider für mich zurechtmachte. Ärmellos
und mit der typischen langen Taille der zwanziger Jahre waren sie für
uns Mädchen, für die der damaligen Mode entsprechend nur enge
Taillen und sogenannte Keulenärmel in Frage kamen, völlig inakzeptabel.
Meine sonst so großzügige Mutter zeigte in dieser Hinsicht kein
Verständnis für meine Vorstellungen und lehnte selbst vorsichtige
Änderungsvorschläge ab. Als alle meine Einwände nichts fruchteten
und ich eines dieser Kleider morgens zur Schule anziehen sollte, nahm ich
kurz vor dem Verlassen des Hauses im Bad heimlich einen Kleiderwechsel vor,
wobei ich das verhaßte Kleidungsstück im Bademantel meines Vaters
versteckte. Danach konnte ich in der Regel unbeobachtet den Schulweg antreten,
aber bei der Heimkehr ergaben sich manchmal Schwierigkeiten, da ich meiner
Mutter nicht bereits vor dem erneuten Umziehen begegnen durfte. Meistens
gelang mir dies jedoch problemlos. Vor dem
Krieg dagegen suchte ich aus den Reisekörben in der Bodenkammer manchmal
etwas zum Verkleiden oder zum Theaterspielen für mich und meine
Schwester Anneliese heraus. So spielten wir einmal an einem Sonntag bei
uns im Hof das Märchen "Rotkäppchen". Der Eingang zur
ehemaligen Remise bildete die Bühne, wobei uns die Tür den Vorhang
ersetzte. Davor saßen auf Stühlen die übrigen Familienmitglieder
(meine
Eltern, Großmutter Elfriede
Alverdes und Urgroßvater Karl Fraedrich),
und da damals auch noch mein
Vater unter den Zuschauern war, muß es wohl vor August 1939 gewesen
sein, daß heißt bevor mein Vater zur Wehrmacht
eingezogen wurde. Anneliese spielte das Rotkäppchen und die Großmutter,
ich selbst die Mutter und den Jäger. Ich führte auch den großen
Teddybären, der die Rolle des Wolfes übernehmen mußte, ebenso
lag die Gestaltung des "Bühnenbildes" und die gesamte übrige
"Inszenierung" in meinen Händen (bis zur Aufstellung eines
elektrischen Kaffeerösters direkt bei uns im Geschäft
hatte in der ehemaligen Remise der alte gasbetriebene
Röster seinen Platz, so daß wir für unsere Aufführung
auf dessen steinernen Sockel nun das Bett der Großmutter einrichten
konnten). Die ganze Familie lachte und klatschte, und wir beide waren mächtig
stolz auf unseren Erfolg, so daß etwas später am gleichen Ort
die Aufführung eines weiteren Märchens stattfand. Ein anderes
Mal versuchten wir nach einem Zirkusbesuch, bei dem ich eine orientalisch
angehauchte Vorführung mit Elefanten, Löwen und Artisten gesehen
hatte, ein derartiges Szenario bei uns in der Wohnung im halb ausgeräumten
Herrenzimmer nachzustellen. Die Hauptrolle hatte dabei meine kleine Schwester,
die als verschleierte Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht in einem großen
Puppenwagen saß. Unser äußerst gutmütiger Hund "Drill",
ein stämmiger deutscher Boxer, der abwechselnd den gefährlichen
Löwen und den wagenschiebenden Elefanten verkörpern sollte, ließ
sich zwar von uns Kindern viel gefallen, verweigerte diesmal jedoch trotz
meines Rufens und Drängens ab einem gewissen Punkt die Mitarbeit und
ließ sich schließlich in einer Ecke stoisch auf den Teppich
fallen, so daß unsere Bemühungen hier leider zu keinem befriedigenden
Ergebnis wie bei der Märchenvorstellung im Hof führten. Für
unsere Verkleidung hatte ich wieder aus dem Fundus der alten Kostüme
geschöpft, die meine Mutter neben weiteren Kleidern aus den zwanziger
Jahren in einer Bodenkammer aufbewahrte.
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Am Sandhaufen im Garten
der Großeltern Alverdes |
Die alten Osterbräuche hielten sich auf den Dörfern erheblich
länger als bei uns in der Stadt, und auch das sogenannte Osterwasser
wurde in Belgard zu meiner Zeit bereits nicht mehr geholt. So erzählte
etwa mein Urgroßvater Karl Fraedrich,
der viele Jahre als Dorfschullehrer auf dem Lande gelebt hatte, vom traditionellen
Osterwasserholen: Am frühen Morgen des Ostersonntags gingen die Mädchen
des Dorfes noch vor Sonnenaufgang zum Dorfbrunnen oder zu den naheliegenden
Quellen und holten in einem Krug das Osterwasser, dem man besondere Heilkraft
für allerlei Leiden und Gebrechen zusprach. Dabei mußten Hin-
und Rückweg schweigend zurückgelegt werden, d.h. ohne jegliches
Sprechen oder Lachen. Währenddessen versuchten die Burschen des Ortes,
die Mädchen abzulenken und zum Reden zu verleiten. Wenn ihnen dies
gelang, hatte das Wasser seine Kraft verloren und wurde zu "Schlabberwasser".
Dagegen war das Osterstiepen ein Brauch, den ich in meiner Kindheit noch
selbst erlebt habe: Mit einer Rute aus Birkenzweigen gingen wir Kinder am
Ostermorgen ans Bett der Eltern und schlugen zu dem Spruch "Stiep,
stiep, Osterei / gibst Du mir kein Osterei / stiep ich Dir das Bett (oder
das Hemd) entzwei!" energisch auf die Bettdecke, sodaß sich die
Erwachsenen nur durch die Herausgabe von österlichen Süßigkeiten
vor weiteren Hieben bewahren konnten. Manchmal ging ich auch um die Ecke
zu meiner Tante Ilse Schwedersky in die
Torstraße
13 oder zu Familie Schönwaldt, die Mieter bei uns
im Haus waren. Nach dem Stiepen hatte meine Mutter bereits einen Teller
mit einem Apfel auf ihrem Nachttisch vorbereitet, den sie dann zerteilte
und die Stücke mit Wünschen für Gesundheit im neuen Jahr
an die Familie verteilte; manchmal wurde die Verteilung des Apfels auch
erst am Frühstückstisch vorgenommen. Den Tisch schmückte
meine Mutter am Ostersonntag immer besonders aufwendig und phantasievoll,
wozu auch ich manchmal etwas Selbstgebasteltes beisteuerte. Am Vormittag
folgte dann das Ostereiersuchen, das bei uns in der Wohnung und auf dem
Hof stattfand, in manchen Familien aber auch im Garten oder während
des Osterspaziergangs. Mein schönstes Ostergeschenk jedoch - ich mochte
damals vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein - war ein
kleiner lebender Hase: Während eines Besuches von
Onkel
Heinz, dem Bruder meines Vaters, machten meine Eltern gemeinsam mit
ihm am Ostersonnabend nach Geschäftsschluß einen Spaziergang
an der Leitznitz
(nach Aussage meines Vaters war der Ostersonnabend - und nicht etwa der
24. Dezember - der anstrengendste Tag im Laden und brachte auch den höchsten
Umsatz im ganzen Jahr). Unweit der Schloßmühle beobachteten sie
in der Dämmerung eine Katze, die einem jungen Hasen nachjagte und ihn
bereits gepackt hatte. Den beiden Männern gelang es, das Häschen
zu befreien und mit nach Hause zu bringen. Als ich am Ostersonntag erwachte,
war Onkel Heinz schon dabei, für das verängstigte Tier, das man
zunächst in einen Karton gesetzt hatte, einen kleinen Stall aus Holz
zu bauen. Auf diese Weise kam ich zu einem echten Osterhasen. Die erste
Zeit lebte er in seinem Stall auf unserer Galerie an der Hofseite, bis meine
Mutter ihn schließlich in den Pferdestall umquartierte. Dort konnte
die Tür zu seinem Hasenstall offenbleiben und das Tier im Stroh des
Pferdestalls umherhüpfen. Es sah sehr possierlich aus, wenn er ganz
still dasaß und sich von dem großen Pferd beschnuppern ließ.
Da das Häschen nun ebenso wie das Pferd von Herr Rettig, unserem Hofarbeiter,
versorgt wurde, d.h. ich selbst keine Verantwortung tragen und mir keine
Sorgen um das Tier machen mußte, verlor ich nach einiger Zeit das
Interesse an ihm. Wenig später kam es dann zu dem traurigen aber wohl
unvermeidbaren Ende, als das Häschen von einem Huf des Pferdes tödlich
getroffen wurde. Mir erzählte man erst später von dem Unfall,
denn ich hatte den kleinen Hasen, über den ich mich zunächst so
gefreut hatte, noch gar nicht vermißt. Im Kriege sah ich dann manchmal
einen zahmen Storch, der bei einem Ackerbürger in der Torstraße
Unterschlupf gefunden hatte, über unser Viertel fliegen. Einmal besuchte
er auch unser Haus, wobei er aus Richtung Mauerstraße über den
Hof flog und dann auf dem Dach der Galerie landete. Neugierig wie ich war
holte ich flugs einen Leckerbissen aus der Küche und lief über
die Galerie und die Treppe hoch in den Oberstock, wo ich ein Fenster direkt
zum Dach der Galerie öffnete. Dort stand der Storch wenige Meter von
mir entfernt auf dem Vordach, jedoch gelang es mir leider nicht, ihn noch
etwas näher anzulocken. Dabei hatte ich schon einen Fuß auf das
Dach der Galerie gesetzt, als mir plötzlich die Warnung meiner Mutter
einfiel, daß man dort leicht einbrechen könne. Nachdem ich den
Storch so eine Weile beobachtet hatte, flog er über die Dächer
davon, und ich sah ihm noch lange und doch etwas enttäuscht nach. Später
erfuhr ich dann, daß er in Belgard Otti genannt wurde.
Zu Pfingsten wurden in Belgard die Türen der Häuser mit
jungen Birkenzweigen geschmückt, und auch das eiserne Gitter am Eingang
zu unserem Geschäft war
jedes Jahr wieder mit frischem Grün dekoriert. Bei schönem Wetter
machten viele Familien einen Pfingstspaziergang, eine Wanderung oder einen
Ausflug in die Umgebung. Den Höhepunkt des Pfingsfestes bildete das
Schützenfest, das am Pfingstmontag und Pfingstdienstag im
Stadtholz
stattfand und bereits durch den feierlichen Ausmarsch der Schützengesellschaft
zum Schützenhaus
die ganze Stadt mit einbezog. Es hatte den Charakter eines Volksfestes,
da für vielseitige Unterhaltung für Groß und Klein gesorgt
war und zahlreiche Belgarder es sich nicht nehmen ließen, ausgiebig mitzufeiern.
Auf dem Belgarder Rummelplatz, der etwas außerhalb an der
Kreuzung
von Kleiststraße, Wilhelmstraße und Polziner Straße lag,
bauten zur Freude von uns Kindern mehrmals im Jahr Schausteller ihre Fahrgeschäfte
und Buden auf. Dann gab es dort ein Karussell mit Schwänen, Pferden
und Kutschen, aber auch ein klassisches Kettenkarussell, Wurf- und Schießbuden,
Glücksräder, Losbuden, Stände mit gebrannten Mandeln oder
anderen Süßwaren und vieles mehr zu sehen (an derartige Veranstaltungen
im Kriege kann ich mich aber nicht mehr erinnern). Ich besuchte den Rummel
vor allem während meiner Grundschulzeit, jedoch niemals allein, sondern
immer in Begleitung unserer Hausangestellten, wobei ich überwiegend
Karussell fuhr und Lose zog. Nachdem das von meiner Mutter spendierte Geld
ausgegeben war, kehrte ich voller neuer Eindrücke nach Haus zurück.
Besonders glücklich war ich dann, wenn ich ab und zu eine Kleinigkeit
- etwa eine Papierblume - gewonnen hatte. Natürlich hoffte ich wie
alle Kinder jedes Jahr erneut auf einen größeren Gewinn wie einen
Ball oder eine Puppe. Doch ich brachte nur einmal eine Flasche Obstwein
mit nach Hause, die meine Mutter recht abschätzig betrachtete, und
in einem anderen Jahr zwei kleine Kakteen, die ihr Dasein ungeliebt und
dennoch ziemlich lange auf dem Fensterbrett unseres Eßzimmers fristeten.
Auf diesem Gelände "An der Binning" hatte eines Tages auch
ein kleiner Zirkus sein Zelt aufgebaut - wir besuchten jedoch nur
größere Zirkusse wie etwa Zirkus Krone, die ihre Zelte am Ortsrand
auf einem großen Platz an der Polziner Straße aufschlugen. Dann
zogen oft einige Clowns und Artisten mit einem Elefanten und einer kleinen
Musikkapelle durch unsere Stadt, um das Ereignis gebührend anzukündigen,
wobei sie ihren Weg meist von der Friedrichstraße über den Markt
und die Heerstraße nahmen und so schließlich durch die Marienstraße
und an unserem Haus vorbeikamen, wo auch wir in den Fenstern lagen und ihnen
nachschauten, bis sie in Richtung Hohes Tor verschwanden, um dann durch
die Wilhelmstraße stadtauswärts zur Polziner Straße zurückzukehren.
Vor allem mein Vater besuchte gern den Zirkus und nahm mich des öfteren
dorthin mit. Einmal gingen wir schon am Vormittag gemeinsam zum Zirkus Krone,
weil mein Vater dort wegen einer Lebensmittellieferung etwas besprechen
mußte. Dabei nahm er mich auch zum Wohnwagen von Therese Renz mit,
der "weißen Dame", einer berühmten, damals aber nicht
mehr aktiven Kunstreiterin aus einer alten Berliner Artistenfamilie. Auch
meine Urgroßmutter Mathilde
Fraedrich ließ es sich nicht nehmen, für uns Kinder auf das
Großzügigste ihr Portemonnaie zu öffnen. Bei einem Zirkusbesuch,
zu dem auch meine Freundin Annemarie Krüger mitgekommen war, kaufte
sie uns neben den Eintrittskarten zur Tierschau noch Würstchen, Eis
und Süßigkeiten bis sie keinen Heller mehr übrig hatte.
Obwohl er uns Kinder sehr gern hatte, tobte mein Urgroßvater
Karl Fraedrich
dann mit ihr, sowie er es auch tat, wenn sie, wie oftmals geschehen, etwas
verlegt hatte und es nicht mehr wiederfand.
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Mein Vater auf Urlaub
(Winter 1940/41) |
Weihnachten ist für mich immer mit ganz besonderen Erinnerungen
verbunden gewesen. Für meinen Vater
und die Angestellten in unserem
Geschäft war
der 24. Dezember eines jeden Jahres jedoch zunächst ein
äußerst anstrengender Arbeitstag. Nach dem Ladenschluß
wohl gegen sieben Uhr abends fanden wir uns alle (Familie und Angestellte)
im Eßzimmer unserer Wohnung zusammen. Es gab meistens ein einfaches
Essen, häufig Kartoffelsalat mit Würstchen, denn unsere Hausgehilfin
und meine Mutter
hatten an diesem Tag keine Zeit für aufwendige Vorbereitungen in der
Küche. Eine halbe Stunde nach dem Essen, wenn die Angestellten, die
bei uns im Hause unter dem Dach ihre Zimmer hatten, nach dem Frischmachen
und Ablegen der Arbeitskleidung wieder im Eßzimmer erschienen, fand
die von meiner Mutter nebenan im Herrenzimmer vorbereitete Bescherung statt.
Meine Schwester Anneliese und ich sagten Gedichte auf und wir alle sangen
gemeinsam Weihnachtslieder oder auch ältere Weisen wie etwa "Du
lieber, heilger frommer Christ" von Ernst Moritz Arndt, wobei wir von
meiner Mutter am Klavier begleitet wurden. Dann führte mein Vater zunächst
die Angestellten und anschließend uns Kinder zu den Geschenken, und
nur noch die Kerzen des Weihnachtsbaumes beleuchteten die mehr oder weniger
erfreuten Gesichter der Beschenkten. Der Lehrling und die übrigen Angestellten
(bei uns "junge Leute" genannt) erhielten zum Beispiel ein Oberhemd
mit Krawatte, einen bunten Teller mit Gebäck und Marzipan und einen
Geldschein. Mehrmals glaubte mein Vater, den angehenden Kaufleuten gegen
den Rat meiner Mutter Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (die
Geschichte einer schlesischen Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert) schenken
zu müssen. Danach übergaben auch die Erwachsenen (meine Eltern,
Großmutter Elfriede
Alverdes und Urgroßeltern
Fraedrich, die seit 1936 bei uns im Hause wohnten) mit guten Wünschen
einander die Geschenke. Mein Urgroßvater Karl Fraedrich
verschenkte stets Bargeld, wobei ich die Geldscheine vorher in seinem Zimmer
auf seine Anweisung in kleine Umschläge gelegt und diese entsprechend
beschriftet hatte. Auf ein Zeichen von ihm mußte ich außer den
Familienangehörigen auch unsere Hausangestellte mit einem solchen Briefchen
bedenken, sie (zunächst Grete, später Ilse) hatte dem blinden
alten Herren doch oft geholfen. Wir Kinder wurden stets reich beschenkt
und ich denke, daß wir immer sehr zufrieden waren. Nach einer Weile
verabschiedeten sich die Angestellten, etwa um noch zu ihren Angehörigen
auf die Dörfer zu fahren oder sich mit Freunden und Bekannten in der
Stadt zu treffen, und ich verbrachte den Abend mit der Familie. Meine Mutter
spielte dann vielleicht noch einmal die alten Weisen auf unserem Klavier,
ich beschäftigte mich mit meinen Geschenken und naschte vom bunten
Teller (wobei ich die Marzipankartoffeln bevorzugte). Meine kleine Schwester
war trotz energischen Protestes schon früher zu Bett gebracht worden.
Den Weihnachtsbaum hatte meine Mutter stets mit weißen Kerzen, Lametta
und manchmal auch zusätzlich mit silbernen Kugeln geschmückt,
denn sie mochte bunte Dekorationen nicht. Weil ich als Kind jedoch für
buntgeschmückte Tannenbäume schwärmte, so wie ich es bei
anderen Familien gesehen hatte, dekorierte sie den Baum zu meiner Freude
auch einmal mit Christbaumschmuck der Urgroßeltern Fraedrich, den
diese beim Umzug aus der Pankniner Straße mitgebracht hatten. Darunter
befanden sich winzige, schwebende Engelchen in duftigen Gewändern,
aus Golddraht geflochtene Krippen mit dem Jesuskind, goldene Sterne verschiedenster
Art, schneebedeckte Tannenbäumchen und weitere ähnlich filigrane
Stücke. Diese mochten damals wohl schon mehr als 50 Jahre alt gewesen
sein und noch aus den ersten Ehejahren meiner Urgroßeltern in
Viverow
stammen. Meine Großmutter Elsbeth
Maaß bevorzugte dagegen eine ganz andere Art von Baumschmuck.
Hier erinnere ich mich vor allem an weiße, gläserne Eiszapfen,
die bereits bei kleinsten Luftbewegungen leise zu klingeln begannen. In
der ersten Hälfte der dreißiger Jahre, das heißt vor dem
Umzug meiner Großmutter Alverdes und meiner Urgroßeltern Fraedrich
zu uns ins Haus, fanden die Weihnachtsfeiern in den größeren
Zimmern zur Marienstraße hin statt. Dort saßen wir beim Weihnachtsessen
noch nicht so dicht gedrängt, denn hier war alles viel geräumiger,
so daß bei der Bescherung im Herrenzimmer auch die Angestellten einen
Sitzplatz fanden und der Weihnachtsbaum erheblich größer ausfallen
konnte. Im Kriege übernahmen wir dann die schöne Sitte, am Heiligabend
für die Soldaten im Felde Kerzen in die Fenster zur Marienstraße
zu stellen, denn auch mein Vater mußte Weihnachten in der Regel bei
seiner Einheit verbringen.
Auch an meine Geburtstage kann ich mich noch recht gut erinnern:
Morgens vor der Schule führte mich meine Mutter in unser Eßzimmer,
wo auf ihrem Nähtisch die Geschenke aufgebaut waren. Bereits während
meiner Grundschulzeit nahmen dort neben Spielzeug vor allem Kinderbücher
den meisten Platz ein, Süßigkeiten schenkten mir meine Eltern
schon aus Prinzip nicht. In Hinblick auf das Mittagessen durfte ich an diesem
Tage ebenfalls meine Wünsche äußern, die aber nicht immer
in Erfüllung gingen - etwa als ich mir einmal einen Liter Rouladensoße
gewünscht hatte. Am frühen Nachmittag kamen dann meine Geburtstagsgäste,
in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre vor allem
Anna-Maria Krüger und
Magdalena Nest aus meiner Klasse in der
Mädchenvolksschule und die beiden Schwestern
Grete und Hertha aus den Häusern in der
Mauerstraße gegenüber unserer Toreinfahrt. Einmal war wohl auch
Renate Ruthenberg dabei, die mit ihren Eltern
einige Zeit bei uns im Haus wohnte. Da ich in der Woche vor Weihnachten
Geburtstag hatte, konnten wir aufgrund des in Pommern doch recht strengen
Winters nicht nach draußen auf den Hof oder an die Schaukel gehen.
So saßen wir meistens in unserem Wohnzimmer am Tisch und beschäftigten
uns mit Würfelspielen wie etwa "Mensch ärgere Dich nicht"
oder "Fang den Hut", oft waren es auch Ratespiele unter Mitwirkung
meiner Mutter, welche zuvor kleine Preise für die Gewinner vorbereitet
hatte, oder wir spielten, wenn man lange genug auf den Stühlen gesessen
hatte, in unserer Wohnung und den Nebenräumen Verstecken. Zwischendurch
brachte unsere Hausangestellte Kuchen und Kakao, und am späteren Nachmittag
gab es Pudding. Meine Großeltern Alverdes und meine Patentanten Trude
Priebe und Ilse Schwedersky ließen sich an diesem Tage natürlich
auch bei uns sehen und überraschten zunächst mich mit Geschenken,
um sich dann mit meiner Mutter zu einem Plausch in unser Herrenzimmer zurückzuziehen.
Ab Mitte der dreißiger Jahre gehörten neben Annemarie Krüger
und Magdalene Nest noch weitere Klassenkameradinnen aus der
Oberschule wie etwa
Christel Ristow,
Ellinor Gneist und
Marie-Luise Beilfuß zu meinen Geburtstagsgästen.
Dabei hielten sich die Feiern in einem eher bescheidenen Rahmen, so wie
es meine Mutter damals für richtig hielt und es durch die zahlreichen
Beschränkungen zumindest in den letzten Kriegsjahren auch nicht anders
möglich gewesen wäre. Dennoch sollte die Feier zu meinem
18. Geburtstag im Dezember 1943 dann einen
etwas festlicheren Charakter annehmen (an der mein
Vater
leider nicht teilnehmen konnte, da er erst im neuen Jahr Heimaturlaub
bekam).
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Zur Einsegnung
am 10. März 1940 |
Meine Einsegnung erfolgte im Jahre 1940 durch Superintendent Zitzke,
der mit uns durch meine Tante Ilse Griep geb. Maaß weitläufig
verwandt war (in der evangelischen Kirche Pommerns wurde statt "Konfirmation"
der Begriff "Einsegnung" verwendet). Zuvor hatten wir bei Herrn
Zitzke ein Jahr Konfirmandenunterricht, der meistens im evangelischen
Gemeindehaus
in der Luisenstraße, manchmal jedoch auch in unserer schönen
Marienkirche
am Markt stattfand. Bedingt durch seine zahlreichen Aufgaben war der Superintendent
oft verhindert, so daß er durch Diakon Romotzky vertreten werden mußte.
Dabei erschöpfte sich der Unterricht im Vorlesen aus dem Neuen Testament,
wobei die Texte oftmals von meiner Mitschülerin und damaligen Freundin
Christel Ristow oder von mir vorgelesen wurden - und natürlich
hieß es auch Kirchenlieder und Psalme lernen und sich auf die Prüfung
vor der Einsegnung vorzubereiten. Ich selbst fand durch diesen Unterricht
keinen wirklichen Zugang zum Glauben und hoffte in meiner kindlichen Einfalt
stattdessen auf eine Erleuchtung während des ersten Abendmahls am Tage
der Konfirmation. Am Prüfungssonntag war mein Vater gerade auf Heimaturlaub,
und ich erinnere mich noch an meine Ängste, als durch einen Kunden
aus der Nachbarschaft, den wir an der Tür zu unserem Geschäft
trafen und der meinen Vater bat, ihm noch eine dringend benötigte Kleinigkeit
zu verkaufen, unser Gang in die Kirche erheblich verzögert wurde -
ich wäre vor Scham in der Erde versunken, wenn wir nicht doch noch
pünktlich zum Einzug der Prüflinge gekommen wären und ich
ihnen alleine durch die ganze Kirche zum Chor hätte hinterherlaufen
müssen. Wir erreichten die Marienkirche jedoch gerade noch rechtzeitig,
und auch die Prüfung verlief für mich zufriedenstellend. Für
die Einsegnung am 10. März 1940 hatte meine Mutter schwarzen
Seidensamt besorgt, aus dem sie bei ihrer Schneiderin ein gleichwohl schlichtes
Kleid mit weißem Kragen und vielen kleinen samtbezogenen Knöpfen für
mich nähen ließ (siehe Abbildung), das mir zu ihrer Enttäuschung
dann aber doch nicht so gut gefiel. Meinem Vater war es leider nicht möglich,
erneut Urlaub zu bekommen, und so gingen dann lediglich wir fünf -
meine
Mutter, meine Schwester Anneliese,
Urgroßvater Karl Fraedrich,
Großmutter Elfriede
Alverdes und ich - nach der feierlichen Einsegnung in der Marienkirche
gemeinsam mit unseren Gästen zu uns nach Hause. Da nur unser Geschäft
genügend große Räumlichkeiten für derartige Anlässe
bzw. ein entsprechendes Essen bot, war in der zweiten Bierstube eine festliche
Tafel gedeckt. Aufgrund der zu Kriegsbeginn noch weitgehend normalen Versorgungslage
konnte meine Mutter - mit Unterstützung von Großmutter Frieda
und unserer Hausgehilfin Grete - ein köstliches Essen zubereiten, von
dessen Speisefolge ich allerdings nur noch das Dessert erinnere (Zitronen-
und Weincreme). Meine sechsjährige Schwester, die bis zu diesem Zeitpunkt
nur recht mäßig gegessen und nicht selten auch das Essen verweigert
hatte, schlug hier so unmäßig zu, daß sie sich schließlich
auf einem Sofa auf dem Rücken liegend von der ungewohnten Anstrengungen
ausruhte - und alle Gäste herzlich lachen mußten. Den Höhepunkt
der Feier bildete die Tischrede meines 87jährigen, blinden Urgroßvaters,
die durch Inhalt, Dauer und Diktion alle Anwesenden in Erstaunen versetzte,
womit er dann auch meinen leider nicht anwesenden Vater würdig vertreten
hatte. In Hinblick auf die Geschenke kann ich mich an einen Ring mit einem
Goldtopas und weiteres Tafelsilber für meine Aussteuer von Seiten meiner
Eltern, an ein Schmuckstück aus dem Erbe meiner Großmutter
Elsbeth
Maaß von Tante Ilse Griep, an ein erstes Kölnisch Wasser
("Alt Sandel Wasser" von Lindner), an zahlreiche Bücher und
viele, viele Blumen erinnern: vor allem Alpenveilchen und Azaleen in allen
Farbschattierungen mit Glückwunschkarten von Bekannten oder Nachbarn,
aber auch von Kunden unseres Geschäftes oder Kollegen meines Vaters,
die von Gärtnereien aus Belgard angeliefert wurden und noch viele Tage
nach der Feier die Räume unsere Wohnung schmückten.
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Besuch bei Emmi Klawin
(Sommer 1950) |
Familie Klawin aus dem in der Nähe von Belgard gelegenen Dorf Pumlow
war uns nicht nur als Kunde unseres Geschäftes
und durch ihre Tochter Emmi, die im Kriege als DRK Schwester im
Lazarett
in Belgard arbeitete und währenddessen bei uns im Haus
ein Zimmer
hatte, in Freundschaft verbunden, sondern auch über ihre Schwestern
Lotte und Marie. Die beiden waren sehr geschickt am heimischen Webstuhl,
wo sie, wenn in den Wintermonaten auf dem Hof nicht mehr ganz so viel Arbeit
anfiel, neben feineren Webarbeiten auch aus Woll- und Stoffresten viel Nützliches
für die eigene Familie und für Bekannte anfertigten. So webten
sie während des Krieges für uns mehrere Teppichvorleger aus alten
Strümpfen, die meine Mutter aufgehoben oder von unseren Mietern, von
Bekannten und Freunden erbeten hatte. Nach dem Kriege sollten diese Vorleger
dann zu einem größeren Stück zusammengefügt werden,
um einen strapazierten Teppich in unserem Eßzimmer zu ersetzen (meine
Mutter hatte bereits einen großen Orientteppich aus unserem Wohnzimmer
zusammengerollt und auf dem Boden unseres Hauses eingelagert - denn nach
ihren Worten sollte "nach dem Kriege alles wieder schön eingerichtet
werden"). Zudem bedauerte sie oft, daß ein weiterer wertvoller
Teppich aus dem Herrenzimmer, das bei uns seit einigen Jahren als Durchgangszimmer
diente und wo der Bodenbelag dementsprechend strapaziert wurde, mittlerweile
ebenfalls recht abgetreten war (mein Großvater
Johannes
Alverdes hatte ihn ursprünglich einem Kollegen aus dem Kreishaus
abgekauft, den sich dieser aus der Türkei hatte schicken lassen, dann
jedoch mit der Farbstellung nicht zufrieden gewesen war). So saßen
meine Mutter, meine Großmutter Friedchen
(soweit sie nicht mit Gelenkrheumatismus das Bett hüten mußte),
unsere Hausgehilfin Ilse Kruggel und ich öfter abends mit
Schere und Nähzeug am Wohnzimmertisch und bereiteten das Material für
die Webarbeiten vor. Die verschiedenfarbigen Strumpflängen wurden spiralförmig
zerschnitten, die so entstandenen Streifen aneinandergenäht und zu
großen Knäulen aufgewickelt, sodaß die Vorleger dann unter
den geschickten Händen der Schwestern Klawin in den üblichen Strumpffarben
beige-, braun- und schwarzmeliert entstehen konnten. Zu einem endgültigen
Abschluß der Arbeiten ist es dann durch das Kriegsende nicht mehr
gekommen, jedoch entsinnt sich meine Schwester
Anneliese noch daran, einige der Vorleger bereits
gesehen zu haben. Doch nicht nur durch das Weben dieser Teppiche, sondern
auch noch in ganz anderer Hinsicht unterstützten uns Klawins in dieser
schweren Zeit: So versorgten sie meine Familie mit der damals recht knappen
Butter, denn da sie ihre Milch an die Belgarder Molkerei abliefern mußten,
waren sie dort auch als Bezieher von Butter eingetragen, die sie jedoch
nicht in Anspruch nahmen, weil ihnen selbstgemachte Butter viel besser schmeckte.
So hatten sie im Keller ein alte Zentrifuge versteckt und butterten damit
schwarz für den Eigenbedarf, konnten daher meiner Mutter die Abholkarte
für die Molkereibutter überlassen und wir auf diese Weise ihre
Butterzuteilung beziehen.
Meine Mutter hielt auch noch nach dem Kriege von
Halle an der Saale aus brieflich Kontakt zu
Emmi Klawin, die nun in Kühlungsborn an der Ostsee ein Erholungsheim
für Tbc-kranke Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft
 |
Bei Familie Klawin in der
Nähe von Bad Doberan |
leitete. Denn Emmis Eltern und ihre Schwestern Lotte und Marie waren nach
der Vertreibung aus Pommern auf einem Bauernhof
in einem kleinen Dorf bei Bad Doberan unweit von Kühlungsborn gelandet
und arbeiteten dort in der Landwirtschaft. Emmi lud meine Schwester Anneliese
und mich im Sommer 1950 zu sich nach Kühlungsborn ein, wo wir uns bei
herrlichem Strandwetter und gutem Essen mehrere Wochen in ihrem Zimmer einnisten
durften, während sie selbst bei einer Kollegin im gleichen Haus schlief.
In Kühlungsborn trafen wir auch eine alte Freundin meiner Eltern aus
Belgard, Trude Czepluch von der gleichnamigen Drogerie in der
Friedrichstraße
neben der Post, die damals mit ihrem Enkel in einem Kühlungsborner
Hotel wohnte. Emmi sorgte während dieser Zeit rührend für
uns. Hier verbrachten wir viele schöne Stunden und ich erlebte dabei
auch einige aufregende Momente, etwa wenn ich am Abend gemeinsam mit Emmi
in den ausgedehnten Blumenfelder einer Gärtnerei heimlich Sträuße
für unser Zimmer pflückte und wir dabei nicht nur einmal von einem
Feldwächter verfolgt wurden. Als ich dann im Jahre 1953 während
eines FDGB-Urlaubes erneut einige Wochen in Kühlungsborn verbrachte,
besuchte ich natürlich auch wieder Emmi. Nach dem Tode meiner Mutter
konnte ich die Verbindung zu Emmi leider nicht aufrechterhalten, und so
hörte ich erst viel später, als ich von einer Klassenkameradin
die Adresse ihrer Schwester Lotte erhalten hatte, daß sie - von ihrer
Schwester bis zum Schluß gepflegt - an einer schweren Krankheit gestorben
war.
 |
| Ilse Kruggel 1944 |
Wie eine Freundin war für mich Ilse Kruggel aus Naffin (etwa acht Kilometer
südlich von Belgard), Tochter des Schweizers vom Gut der Familie Wilde,
die von Anfang 1941 bis 1944 bei uns als Hausangestellte tätig war.
Sie half meiner Mutter bei der Hausarbeit und in der Küche und wurde
uns schnell zu einer lieben Hausgenossin und mir fast eine Schwester, und
das nicht nur, weil sie lediglich ein oder zwei Jahre älter war. So
erledigte ich häufig gemeinsam mit ihr den mittäglichen Abwasch,
wobei wir uns mit dem Singen von damals aktuellen
Schlagern und jugendlichen Albernheiten die Arbeit verkürzten.
Sie zeigte mir in ihrem Zimmer auch ihre Zither, ein mir damals noch unbekanntes
Instrument. Die Lage unseres Hauses mit Blick durch die Heerstraße
in Richtung Markt war zur Beobachtung von Marschgruppen der Wehrmacht oder
des Arbeitsdienstes geradezu prädestiniert. Ilse und ich liefen oft,
wenn wir Marschgesang oder Militärkapellen hörten, zu einem Fenster
unseres Wohnzimmers, von welchem man sowohl die Marienstraße als auch
die Heerstraße überblicken konnte, und winkten den Arbeitsdienstmännern
zu, wenn sie zum Beispiel "Lore, Lore, Lore, Lore, schön sind
die Mädchen von siebzehn, achtzehn Jahr...." sangen (und ich mich
dabei besonders angesprochen fühlte). Noch anziehender waren für
uns jedoch die häufigen Vorbeimärsche von Wehrmachtssoldaten,
die vom alten Übungsgelände der Belgarder Garnison bei Uhlenburg
an der Körliner Straße zur Hindersinn- oder Von-Scholz-Kaserne
auf der anderen Seite der Stadt zurückkehrten, das heißt ihren
Weg über Friedrichstraße, Marktplatz, Heerstraße, Marienstraße,
Hohes Tor und Wilhelmstraße nahmen und dann auch direkt an unserem
Haus vorüberkamen. Sie sangen dabei oft Lieder, die auch wir Mädchen
in Text und Melodie beherrschten. Als wir Anfang des Krieges wieder einmal
lange Zeit am Fenster standen, den Soldaten zuwinkten und mitsangen, vergaßen
wir völlig unsere Arbeit in der Küche, wo wir die Rouladen, welche
wir zuvor unter Anleitung meiner kranken Großmutter
Elfriede Alverdes bei ihr
am Bett gewickelt hatten, nach dem Anbraten beaufsichtigen sollten. Das
Resultat unserer Unaufmerksamkeit waren schwarz verbrannte Rouladen, fast
gänzlich verkohlt und nicht mehr genießbar - und das bei den
extra dafür zusammengesparten Fleischmarken, so daß meine Mutter
und meine Großmutter zurecht entsetzt waren. Das Allerschönste
aber waren die Tage, an denen eine Militärkapelle mit klingendem Spiel
bei uns am Haus vorbeizog, was selbst vor dem Kriege nur ab und zu vorkam;
dabei erregten vor allem der Tambourmajor, der Schellenbaumträger,
der Berittene mit den großen Kesselpauken meine Bewunderung. Wir waren
auch gemeinsam in der Tanzstunde, an der Ilse bis zum Ende teilnahm, während
ich sie bereits nach einigen Wochen abbrach. Auf Wunsch meiner Mutter trug
sie deshalb ein seidenes Tanzstundenkleid aus einem Stoff, den mein Vater
aus Padua mitgebracht hatte, als er im Kriege zeitweise dort stationiert
war, und aus dem meine Mutter ursprünglich für mich ein Kleid
für den Abschlußball nähen lassen wollte. Ilse war bei der
Pflege meiner an Gelenkrheumatismus erkrankten Großmutter Alverdes
und in den letzten Tagen meines 91jährigen Urgroßvaters
Karl Fraedrich meiner Mutter eine tatkräftige
Hilfe. Mutti fühlte sich ihr sehr verbunden und korrespondierte nach
dem Kriege noch längere Zeit mit ihr.
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Herr Rettig (rechts) mit un-
serem Jagdhund "Strolch" |
Der erste Hund, der für mein Leben eine gewisse Bedeutung hatte, war
Strolch, ein stichelhaariger Vorstehhund, den mein Großvater
Bernhard
Maaß neben zwei Dackeln als Jagdhund hielt. Ich kann mich allerdings
nicht mehr selbst an ihn erinnern, aber meine Mutter bewahrte ihm ein treues
Andenken. Sie erzählte, wie der Hund ihr 1926 als Babysitter gedient
hatte, wenn sie in der Küche arbeitete und mich in einem Korbwagen
auf der zum Hof liegenden Galerie seiner Obhut überließ. Sobald
er Bewegung im Kinderwagen bemerkte, schlug er an und alarmierte auf diese
Weise meine Mutter. So ging es ihr dann auch sehr nahe, als Strolch einige
Jahre später bei Mäharbeiten schwer verletzt wurde. Der Hund hatte
unseren Hofarbeiter Herrn Rettig auf ein Feld im Darkower Moor begleitet,
welches zu unserem Hausgrundstück Marienstraße 15/16 gehörte,
und war dort im hohen Gras von der Sense getroffen worden. Meine Mutter
fuhr sofort mit unserem Tierarzt dorthin und mußte mitansehen, wie
Strolch nicht mehr zu helfen war und Dr. Schröder ihm
nur noch mit einer Spritze das Sterben erleichtern konnte. Später erinnerte
sich meine Mutter noch oft mit Tränen in den Augen daran.
Während meiner frühen Kindheit war dann der Bernhardiner Peter
unser Hausgenosse. Meine Mutter hatte ihn bereits als Welpen bekommen und
fast noch mit der Flasche aufziehen müssen. In unserem Photoalbum,
daß wir bei der Vertreibung
aus Belgard in unserer Wohnung zurücklassen mußten, befanden
sich zwei Aufnahmen, auf denen ich gemeinsam mit dem Hund auf unserer Galerie
zu sehen war. Das erste Bild zeigte ihn noch sehr jung mit wolligem Fell,
auf der zweiten Photographie war er schon ausgewachsen. Diese zweite Aufnahme
war gegen mein heftiges Sträuben entstanden, da ich mich nur unter
großen Ängsten in die Nähe des mächtigen Bernhardiners
wagte. Meinen Eltern bereitete er viel Ärger, wenn er seine Aufgabe
als Wachhund falsch verstand und Leute ins Bein biß, die unseren Hof
betraten oder dem Rollwagen zu nahe kamen, auf dem er Herrn Rettig bei der
Auslieferungen von Waren zu den Kunden begleitete, sodaß mein Vater
oft Schmerzensgeld zahlen mußte. Ein Vorfall aber schlug dem Faß
den Boden aus, denn eines Tages wollte er sogar auf meine Mutter losgehen,
die gerade den Hof überquerte und sich nur retten konnte, indem sie
ihm mit einem Teppichklopfer drohte, der dort neben der Teppichstange lag.
Da entschloß sich mein Vater endgültig, den riesigen Hund abzugeben.
Es fand sich für ihn auch ein Interessent, ein Kunde unseres
Geschäftes vom Lande. Als mein Vater das Tier schließlich
wegbrachte, nahm er mich mit und so fuhren wir mit dem vom Großvater
geerbten Jagdwagen in Richtung des Gutes, wo der neue Besitzer bereits auf
den Hund wartete. Ich saß neben meinem Vater vorn auf der Bank, hinter
uns im Kasten lag der Bernhardiner. Unterwegs wurde das Tier unruhig und
sprang an einem Tümpel hinunter, um Wasser zu saufen. Erst nach längerem
Rufen kam er zum Wagen zurück, sprang jedoch nicht wieder in den Kasten,
sondern vorne in den Fußraum vor der Bank und ließ sich dort
auf unseren Füßen nieder. Ich fing an zu schreien und kletterte
trotz meines Vaters beruhigender Worten über die Rückenlehne der
Vordersitze in den Kasten, wo noch kurz zuvor der Hund gelegen hatte. Dann
setzen wir unsere Fahrt fort und lieferten ihn auf dem Gutshof ab; mein
Vater sah ihn dort einige Zeit später als Kettenhund. Als wir nach
Belgard zurückgekehrt waren, brachte mich mein Vater schmunzelnd und
mit den folgenden Worten zu meiner Mutter: "Mit einem Hund vorn und
einem Kind hinten im Kasten kam ich dort an." Wenn später einmal
das Gespräch auf unseren Bernhardiner Peter kam stand immer wieder
die Frage im Raum, warum er schließlich so bissig wurde.
Auf Peter folgte Fips, ein Hund ohne Stammbaum. Diese lustige Promenadenmischung
hatte ganz sicher Terrier unter ihren Vorfahren und war während meiner
Grundschulzeit bei uns zu Hause. Seinen treuen Blick, sein schwarz-weiß
geflecktes Fell, seine Schlappohren und sein Stummelschwänzchen sehe
ich noch heute vor mir. Ihm bei Spaziergängen an der Leitznitz Stöckchen
ins Wasser zu werfen, mit ihm um die Wette zu laufen, ihn mit einem Leckerbissen
zu füttern oder mit ihm zu schmusen bereitete mir als Kind großes
Vergnügen. Jedoch waren meine Eltern über sein Verhalten nicht
immer glücklich, mein Vater nannte ihn einen "Stromer" und
obwohl er die Haustür oftmals erst nach langem Warten am späten
Abend verschloß, kam der Ausreißer nach seinen Streifzügen
manchmal nicht mehr ins Haus, hockte dann morgens schuldbewußt in
einer Mauernische und schien auf eine Strafe zu warten. Er war nicht nur
ein Stromer, sondern auch ein Kämpfer und legte sich nicht selten mit
größeren Hunden an, die ihn natürlich in die Schranken verwiesen.
So kam er einmal mit zerfetztem Ohr nach Hause, saß winselnd vor meinem
Vater und ließ sich von ihm tröstend streicheln. Das ganze Haus
lief zusammen und besah das blutende Ohr. Ich mochte damals nicht zusehen,
wie mein Vater das zerfetzte Ohr mit einer Schere beschnitt und ihm wohl
auch ein Pflaster auflegte. Mir überließ man es danach, ihn mit
einem Leckerbissen zu trösten. Eines Tages jedoch kehrte er nach einem
seiner nächtlichen Ausflüge nicht mehr zurück. Die Hoffnung
auf seine Rückkehr hielt sich bei uns noch einige Tage, dann aber mußten
wir einsehen, daß er für uns verloren war. Sollten ihn, den gelehrigen
Hund, dem wir manches kleine Kunststück beibringen konnten, die Zigeuner
mitgenommen haben, die zu dieser Zeit mit ihren Wohnwagen am Stadtrand campierten,
oder war er etwa unter die Räder gekommen? Vielleicht sogar unter die
Räder der Eisenbahn, denn er hatte sich beim Spaziergang doch immer
an der heruntergelassenen Bahnschranke über den vorbeifahrenden Zug
an der Leine zerrend ganz furchtbar aufgeregt - niemals haben wir Näheres
darüber erfahren.
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Mit meiner Schwester
und unserem Boxer |
Als meine Eltern dann in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre
Drill von der Bismarckswarte, einen hellen Boxer kauften, war ich zunächst
sehr entsetzt, denn er schien mir als Kind den Bulldoggen zu ähneln,
einer Rasse, die ich als etwa Zwölfjährige überhaupt nicht
leiden mochte. Aber schon bald wurde er mir ein treuer Freund, der bis 1940
in unserem Hause lebte. Als er noch neu in unserem Viertel war, verstand
er es sofort, sich anderen Hunden gegenüber durchzusetzen. So zogen
sich auch die beiden Jagdhunde von Hotel
Wolter am Markt, die für gewöhnlich vor dem Eingang lagen
und kaum einen anderen Hund ohne anzuschlagen vorbeiließen, bereits
nach der ersten Begegnung mit ihm regelmäßig ins Haus zurück,
wenn sie mich mit Drill an der Marktecke kommen sahen. Von Auseinandersetzungen
mit anderen Hunden hörten wir dagegen nie etwas und konnten bei ihm
auch keine derartigen Blessuren feststellen, obgleich er nicht nur mit uns
an der Leine spazierenging, sondern als Wachhund im Hof und in der näheren
Umgebung frei umherlief. Man zollte ihm also gleich Respekt, und so waren
die Spaziergänge mit ihm weniger aufregend als mit Fips. Leider konnte
er seine Abneigung gegen das Wasser der Leitznitz nicht überwinden,
und auch die Bemühungen meines Vaters, ihn durch Stöckchenwerfen
oder mit kleinen Leckerbissen in das nasse Element zu locken, blieben leider
erfolglos. Er war ein gutmütiger, gegen Fremde jedoch sehr abweisender
Hausgenosse, was auch unser Tierarzt Dr. Schröder bald feststellen
mußte. Anläßlich eines Besuches in unserer Bierstube zeigte
ihm mein Vater den neuen Hund mit dem Hinweis, daß er ihn besser nicht
anfassen solle. Dr. Schröder, der als Tierarzt auf seine Erfahrung
im Umgang mit Hunden vertraute, wollte ihn dennoch tätscheln und sein
Maul bzw. seine Zähne untersuchen, wobei Drill ihn dann umgehend in
den Daumen biß. Mit uns Kindern war der Hund sehr geduldig und ließ
sich selbst in unsere Spiele mit einbeziehen - nur einmal versagten alle
unsere Bemühungen, als er partout nicht als "Elefant" dienen
und den zu einem Zirkuswagen umfunktionierten Puppenwagen meiner Schwester
schieben wollte. Nachdem mich meine Mutter einmal mit ihm von der
Schule
abgeholt hatte, konnte sie ihn mittags alleine losschicken, um mich ab und
zu von dort abzuholen. Er saß dann wartend am Eingang zu unserem Schulhof
und ich freute mich nicht nur jedes Mal über seine freudige Begrüßung,
sondern genoß zugleich auch die Bewunderung meiner Mitschülerinnen.
Als dann Anfang des Krieges die Versorgung eines großen Hundes selbst
mit Bruchreis und Fleisch von der Freibank immer schwieriger wurde, mußte
meine Mutter ihn schließlich Ende 1940 weggeben. Ein Metzger von auswärts,
der nun besser für ihn sorgen konnte, holte ihn mit dem Auto ab. Ich
war zu dieser Zeit in der Schule, meine Mutter erzählte mir danach
traurig von seinem Abschied: Da er gerne Auto fuhr, ließ er sich leicht
auf den Rücksitz des Fahrzeuges locken und bellte laut, als meine Mutter
ihm nicht folgte. Sie sah sein Gesicht durch die Rückscheibe und meinte
darin Trauer und Verzweiflung erkannt zu haben.
Unser letzter Hund war ein Terrier wie Fips, aber mit wolligem Fell. Er
hieß Schwipp und hatte vorher bei Leuten in Belgard an der Körliner
Straße gelebt. Er gab bei uns nur ein kurzes Gastspiel, weil er sein
neues Zuhause nicht akzeptieren wollte und ständig wieder zu seinen
früheren Besitzern zurücklief. Nach mehreren Versuchen, ihn doch
noch an uns zu gewöhnen, mußten wir ihn schließlich wieder
in die Körliner Straße zurückgeben.
Es war ein heißer Sommersonntag im Jahre 1932, an dem sich meine Eltern
zu einem Ausflug mit Pferd und Wagen entschlossen. Meine Oma Frieda, meine
Eltern und ich (damals vielleicht sieben Jahre alt) waren auf dem Weg nach
Kiefheide, einem Waldgebiet in der Nähe unserer kleinen Stadt. Als
der Wagen die Asphaltchaussee verlassen hatte und in einen Waldweg einbog,
spürte man die Hitze noch mehr; es mochte auch schon Mittag sein. Die
Pferde trabten jetzt leise, die hohen Räder mahlten durch den Sand.
Es war sehr still um uns herum. Nur mein Vater, der die Zügel führte,
pfiff fröhlich vor sich hin. Ich saß stolz neben ihm und versuchte,
sein melodisches Pfeifen, wie so oft, nachzuahmen. Nach einer Weile übergab
er meiner Mutter die Zügel mit der Bitte, langsam weiterzufahren. Währenddessen
wollte er mit mir zu Fuß eine Abkürzung einschlagen. Nun wanderte
ich mit meinem Vater Hand in Hand durch den Kiefernwald, vorbei an kleinen
Lichtungen, die mit Heidekraut bewachsen waren. Pappi versprach mir, zur
Heideblüte wieder hierher zu fahren und beantwortete auch meine vielen
Fragen über Käfer, Wanzen und einen herrlichen Schmetterling,
dessen Namen er leider nicht kannte. Ich war glücklich! Ich hatte meinen
Vater, der als Geschäftsmann sonst nicht immer so viel Zeit für
mich hatte, hier ganz für mich allein. Noch ahnte ich nicht, daß
bald schon eine kleine Schwester in Konkurrenz zu mir treten würde.
Wir stapften langsam durch den Sandweg, meine Beine wurden sehr müde,
die Hitze wurde immer drückender, und plötzlich empfand ich mein
Kleid, ein Strickkleid Marke "Bleyle" mit langen Ärmeln,
von meiner Mutter morgens gegen meinen Widerstand ausgewählt, als unerträglich.
Mein Vater hatte Verständnis dafür, er zog mir das Kleid einfach
aus. Befreit atmete ich auf, erschrak aber gleich darauf, als ich sah, daß
er es an einen hohen Ast am Wege hängte. "Sie werden es schon
sehen und mitbringen!" sagte er auf meine klagenden Ausrufe. Ich war
entsetzt, denn ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich in Unterwäsche
in die Stadt zurückfahren müßte. Es könnten mich doch
vielleicht Freundinnen sehen! Zu meinem Erstaunen und meiner riesengroßen
Erleichterung hörten wir bald darauf den Wagen hinter uns herankommen
und sahen Mutti mit dem Kleide winken. Das liebevolle Zusammensein mit meinem
Vater, die Gespräche und die Betrachtungen der Natur hatten mich nicht
merken lassen, daß wir uns längst wieder auf dem Fahrweg befanden.
Ich drückte mich eng an Pappi und ließ mich auf den Wagen heben.
Zum Abendbrot waren wir wieder zu Hause.
Dieser Tag taucht häufig in meiner Erinnerung an meine Kindheit auf.
Heute weiß ich, daß die Liebe und Geborgenheit, die mein Vater
mir an diesem Tag besonders offen zeigte, mich damals so glücklich
sein ließen. Ein anderer tiefer Eindruck in der Erinnerung an diesen
Tag geht von der Stimmung in der Natur an diesem heißen Sommertag
aus. In Theodor Storms Gedicht
"Abseits"
fand ich später in einigen Zeilen diese Stimmung wieder.*
Das für uns am nächsten gelegene Ostseebad war
Kolberg,
welches mit der Bahn von Belgard aus in weniger als einer Stunde zu erreichen
war und das auch wir jeden Sommer wieder besuchten, entweder für längere
Ferienaufenthalte oder in Form von Tagesausflügen. Das alte Ostseebad
mit seinem breiten, feinkörnigen Sandstrand war weit über die
Grenzen von Hinterpommern hinaus bekannt und wurde auch von Erholungsuchenden
aus anderen deutschen Provinzen, ja selbst von Gästen aus dem Ausland
frequentiert, so daß auf der langen, eleganten Kurpromenade insbesondere
im Sommer ein vornehmes, weltläufiges Publikum flanierte. Als Kind
beeindruckten mich hier vor allem die elegant gekleideten und - für
die damalige Zeit recht ungewöhnlich - stark geschminkten Polinnen
mit auffallend rotem Nagellack (als ich meinen Vater danach fragte, nannte
er es nur "mit den Fingern in Blut gerührt"). Neben dem Strandleben
und dem kulturellen Angebot standen für viele Besucher die Heilkuren
mit Sole in den zahlreichen Kurheimen und Sanatorien im Mittelpunkt des
Interesses, und selbst während des Krieges wurde Kolberg in den Sommermonaten
von unzähligen Badegästen aufgesucht, zudem waren viele der Heilanstalten
und Erholungsheime mit verwundeten oder genesenden Soldaten belegt. In den
dreißiger Jahren sind auch meine Mutter und ich mehrmals für
einige Wochen nach Kolberg in die Sommerfrische gefahren, dabei wohnten
wir beide - später gemeinsam mit meiner kleinen Schwester Anneliese
- im Hotel Hindenburg, das direkt an der Strandschloßplatte in der
Nähe des Kurhauses ("Strandschloß") und des wunderbaren
Rosengartens lag, oder wir logierten in einer Privatunterkunft bei einer
älteren Dame direkt in der Stadt.
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Letzte Sommerfrische vor dem Krieg:
auf dem Rückweg vom Strand im
Rosengarten in Kolberg (1939) |
Da mein Vater unser
Geschäft nicht für längere Zeit allein lassen konnte,
kam er dann sonntags, vielleicht auch manchmal bereits am Sonnabend nach
Geschäftsschluß zu uns ans Meer. An einem dieser Wochenenden
war ich mit ihm im Kurhaus, als dort gerade das Orchester probte bzw. sich
auf ein Kurkonzert vorbereitete. Dies nahm mein Vater zum Anlaß, mir
den Aufbau eines Orchesters, die Sitzordnung der Musiker und die Funktion
der einzelnen Instrumente zu erklären. Wenn wir in Kolberg die Sommerferien
verbrachten, spielten für uns Kinder natürlich der Strand und
das Wasser die größte Rolle, so daß der Tag am Meer dann
oft von einem Abendspaziergang auf dem langen Seesteg oder durch den Rosengarten
beendet wurde. Mein Vater liebte das Lagern in den Sandburgen oder das entspannte
Faulenzen in den Strandkörben nicht wirklich, sondern bevorzugte Spaziergänge
an der Wasserlinie entlang zum Hafen oder auch nach Osten in Richtung des
nächsten Ortes. Dabei begleitete ich ihn oft und drängte ihn dann
manchmal dazu, doch lieber nach Osten in Richtung Bodenhagen zu laufen,
denn dort, wo der "freie" Strand begann, der nicht mehr zum Kurgebiet
gehörte und ohne Kurkarte benutzt werden konnte, fand ich es am allerschönsten.
Hier war der Strand nicht mehr so voll, es gab keine Strandkörbe und
auch keine Laufbretter mehr, über die man im tiefen Sand und zwischen
den zahlreichen Sandburgen des offiziellen Badestrandes überhaupt nur
zum Wasser gelangen konnte. Meine Mutter blieb jedoch meistens im Strandkorb
zurück oder ging nur bis ans Ufer, um uns Kindern beim Baden zuzuschauen.
So nahm mich dann mein Vater mit ins Wasser, zeigte mir das richtige Verhalten
in der Brandung und wo ich mich beim Schwimmen auf einer Sandbank ausruhen
konnte. Bei trübem Wetter lenkte er unsere Schritte zur nahegelegenen
Waldenfelsschanze am östlichen Ende des Strandes, benannt nach Hauptmann
von Waldenfels, welcher sich ebenso wie Rittmeister von Schill und Rittmeister
von Lützow während der Belagerung Kolbergs durch Napoleons Truppen
im Jahre 1807 um die Verteidigung der Stadt verdient gemacht hatte. Wenn
wir bei unseren Spaziergängen dann die Waldenfelsschanze erreichten,
legte mein Vater eine Pause ein und erzählte, während wir auf
die Ostsee hinausschauten, aus der Vergangenheit der Stadt Kolberg, die
damals eine der wenigen Festungen war, die den Franzosen standhielt. Unter
Führung des Stadtkommandanten Gneisenau und des Kolberger Bürgers
Nettelbeck verteidigten sich die Bewohner während der monatelangen
Einschließung erfolgreich gegen den Ansturm der napoleonischen Übermacht,
wodurch ihr heldenhafter Widerstand zu einer nationalen Legende wurde - und
uns in der Schule als herausragendes Beispiel preußischen Patriotismus'
vorgeführt sowie von den Nationalsozialisten bereits lange vor Kriegsbeginn
für ihre Propaganda mißbraucht. Oder mein Vater führte uns
zum im Westen der Stadt gelegenen Hafen, wo wir auf der langen Mole bis
zur Hafenausfahrt gingen, die Schiffe am Horizont beobachteten und die salzige
Luft der Ostsee genossen. Dort begleitete ich ihn zu den Liegeplätzen
der Boote, wo er sich mit ihm bekannten Fischern über die Arbeit und
den Ertrag ihrer Fänge unterhielt oder mir das Leben am Hafen erklärte.
Hier bewunderte ich vor allem die Fischer bei der Reparatur ihrer Netze,
wenn sie mit flinken Fingern das Schiffchen mit dem Netzgarn durch die Maschen
führten, oder wir verfolgten die farbenfrohen Fischerboote beim Ein-
oder Auslaufen und beobachteten das Anlanden der Fänge. Mein Vater,
der sich immer sehr für den Hafen und die Arbeit der Fischer interessiert
hat, zeigte mir bei einem dieser Spaziergänge auch, wo am frühen
Morgen die Belgarder Fischfrauen einzukaufen pflegten und ihre Karren mit
Fisch beluden, um dann mit der Bahn nach Belgard zurückzukehren und
ihre Ware fangfrisch auf dem Fischmarkt
in der Dienerstraße zum Verkauf anzubieten. Einmal durfte ich
auch meinen Vater begleiten, als er von einem befreundeten Fischer auf dessen
Boot mit auf die Ostsee hinaus genommen wurde; meine Mutter blieb währenddessen
 |
Paßbild für Fahrt
nach Bornholm |
am Ufer zurück, da sie immer gleich seekrank wurde.
Diese Bootsfahrt war für mich als vielleicht Zwölf- oder Dreizehnjährige
ein beeindruckendes Erlebnis und ich wünscht mir damals, auch einmal
eine richtige Seereise zu machen. Der Wunsch sollte für mich dann bereits
im Sommer 1939 in Erfüllung gehen, als
Onkel Heinz mich kurz vor Kriegsbeginn
einlud, ihn auf einer Dampferfahrt nach Bornholm zu begleiten. Nach der
mehrstündigen nächtlichen Überfahrt auf dem großen
Passagierschiff wurde ich von meinem Onkel früh am Morgen aus dem Schlaf
gerissen, da er mich einen Sonnenaufgang über dem Meer erleben lassen
wollte. Das war für mich als Heranwachsende jedoch vollkommen unbedeutend,
denn mein Interesse galt auf dieser Reise neben der Beobachtung von Wellengang
und springenden Fischen vor allem der Arbeit der Matrosen, insbesondere
während der Anlegemanöver in Rønne (Rönne) und Sandvig
sowie beim Einlaufen in den Kolberger Hafen auf der Rückfahrt. Dieser
Ausflug, auf dem wir auch meine Lehrerin Fräulein
Ellmann von der
Mädchenoberschule
in Belgard trafen, erstreckte sich über insgesamt zwei Tage, wobei
wir in Dänemark jeweils mehrere Stunden Landgang hatten, uns die pittoresken
Kleinstädte Rønne und Sandvig mit ihren bunten Holzhäusern
ansahen oder in kleinen Gruppen durch die Dünen wanderten, gemeinsam
mit Fräulein Ellmann seltene Strandpflanzen betrachteten und die Sommersonne
genossen. Meine jüngere Schwester Anneliese erinnert sich auch noch
an einen Aufenthalt im Kriege mit meiner Mutter im Hotel Hindenburg in Kolberg,
wo sie bei einem Kinderfest an einem abendlichen Laternenumzug teilnahm,
der bis zur Waldenfelsschanze führte.
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In Kolberg auf dem
Seesteg (ca. 1938) |
Derartige Ausflüge an die Ostsee unternahm man in der Regel nur im
Sommer, einmal jedoch fuhren wir auch zu einer völlig anderen Jahreszeiten
nach Kolberg, um dort Zeugen eines besonders beeindruckenden Naturschauspiels
zu werden. Es muß im ersten Kriegswinter 1939/40 gewesen sein, als
Onkel Heinz seine zukünftige Frau Hilde (eine Nürnbergerin) nach
Belgard schickte, wo sie seine Heimat Pommern kennen lernen sollte. Mein
Vater, der nach seiner Einberufung zur Wehrmacht im Sommer 1939 noch einige
Monate in der Belgarder
Artilleriekaserne an der Körliner Straße stationiert war,
unternahm dann an einem freien Tag mit Tante Hilde und mir einen Ausflug
an die aufgrund der damals ungewöhnlich strengen Kälte weithin
zugefrorenen Ostsee. Die scheinbar in der Bewegung erstarrte Brandung mit
ihren hoch aufgetürmten Wellen wirkte ausgesprochen grandios, und einige
der Schaulustigen wagten sich weit auf das zugefrorene Meer hinaus. Tief
beeindruckt von diesem "Jahrhundertereignis" kehrten wir zwar
recht durchgefroren, aber doch ausgesprochen begeistert und mit einem unvergeßlichen
Erlebnis im Gepäck nach Belgard zurück. Außer im nahegelegenen
Kolberg waren meine Eltern mit mir Anfang der dreißiger Jahre auch
einmal in Stolpmünde
im Urlaub. Im Alter von vielleicht fünf Jahren, das heißt noch
bevor meine Schwester Anneliese geboren wurde, fuhren wir in der Nachsaison
mit der Bahn in dieses damals recht beliebte Ostseebad. An den Ort und das
Meer erinnere ich mich heute nicht mehr, nur das zu dieser Jahreszeit bereits
weitgehend leere Hotel, in dem wir wohl die einzigen Gäste waren, ist
mir ganz deutlich in Erinnerung geblieben. So hatten die Angestellten viel
Zeit für uns und konnten sich auch mit mir ausgiebig beschäftigen,
etwa indem sie in einem der langen Hotelkorridore mit mir Ball spielten.
Auch wenn meine Eltern abends ausgingen, kümmerte sich das Hotelpersonal
liebevoll um mich und brachte mich dann später wohl auch ins Bett.
Sicher habe ich es genossen, am weitgehend leeren Strand herumzutoben und
vor allem meine Eltern - fernab vom Geschäftsalltag in Belgard - den
ganzen Tag für mich allein zu haben. In der zweiten Hälfte der
dreißiger Jahre führte uns ein Sonntagsausflug mit dem Auto von
Onkel Karl Alverdes
in den kleinen Ort Funkenhagen an der Ostsee, wo der Strand selbst am Wochenende
noch nicht derart überlaufen war wie im etwa 20 Kilometer entfernten
Kolberg. Bei herrlichem Sommerwetter stellten wir den DKW Meisterklasse
in den Dünen ab, gingen ausgiebig am Strand spazieren und ließen
uns dann im warmen Sand nieder. "Dort fährt Ulrich Sander!"
rief mein Vater plötzlich, denn er erkannte als erster den Mann, der
mit einigen Kindern in einem Ponywagen an der Wasserlinie entlang fuhr und
schließlich mit Hallo und Peitschenknall an uns vorüberrauschte.
So konnte auch meine Mutter einen Blick auf den damals recht populären
Schriftsteller (1892-1972) werfen, von dem sie bereits einige Bücher
gelesen hatte. Dabei erzählte sie mir, daß seine Romane an der
Küste Hinterpommerns spielten und er hier in einem Dorf an der Ostsee
lebte. Über diese unerwartete Begegnung wurde dann in ihrem Belgarder
Bekanntenkreis wohl noch lange gesprochen.
Reisen nach Berlin waren für mich als Kind nichts Ungewöhnliches,
da wir mit meinem Onkel Walter Fraedrich,
dem jüngeren Bruder meiner Großmutter
Elfriede
Alverdes, dort Verwandtschaft hatten. So fuhren meine
Urgroßeltern
Fraedrich bereits in den zwanziger Jahren mit der Bahn nach Berlin,
wo ihr Sohn Walter als Rechtsanwalt in der Stresemannstraße in der
Nähe des Anhalterbahnhofes Wohnung und Kanzlei hatte (wie meine Großmutter
Elfriede mir später erzählte nahmen sie immer einen großen
Korb Verpflegung mit, wobei die ersten belegten Brote bereits kurz nach
Erreichen des Bahnhofs Schivelbein verzehrt waren). Jedoch auch ich bekam
dann ab Mitte der dreißiger Jahren mehrmals die Gelegenheit, die nicht
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Onkel Walter Fraedrich
und mein Vetter Horst |
nur für hinterpommersche Verhältnisse faszinierende Metropole
Berlin kennenzulernen. Meine Eltern waren bereits als junge Eheleute ab
und zu in die Hauptstadt gefahren, wo sie im Berlin der zwanziger Jahre
gemeinsam mit Onkel Walter und seiner Frau Edith ins Theater gingen oder
ein Varieté bzw. ein Revue-Theater besuchten. In den dreißiger
Jahren konnte uns mein Vater jedoch nicht mehr begleiten, da er nun das
Geschäft übernommen hatte und somit Belgard nicht für mehr
als ein oder zwei Tage verlassen konnte. Neben Untersuchungen bzw. Behandlungen
in der Charité, wo ich in Begleitung meiner Mutter mit einer während
des Sportunterrichts erlittenen Verletzung
in der Augenklink und mit einem orthopädischen Problem bei Professor
Gocht vorstellig wurde, galten unsere Besuche dann vor allem meinem Onkel
Walter Fraedrich und seiner Familie (wobei mein Vetter Horst
zu dieser Zeit wohl schon in einem Internat in der Lausitz war). Aufgrund
der guten Verbindung von Belgard aus erreichten wir die Hauptstadt über
Schivelbein, Labes, Wangerin, Stargard, Stettin und Angermünde ohne
Umsteigen bereits nach weniger als fünf Stunden Fahrzeit, was mir als
Kind jedoch immer noch äußerst lange vorkam. Der Zug war in der
Regel recht leer, so daß wir in den D-Zug-Wagen meistens ein Abteil
für uns alleine hatten, wo wir uns dann in Ruhe unterhalten, in einem
Buch lesen oder einfach nur die Landschaft an uns vorüberziehen lassen
konnten. Auf den Bahnhöfen kaufte meine Mutter manchmal durch das offenen
Fenster eine Zeitung und für mich eine heiße Wurst oder auch
nur ein Getränk, zu dem wir dann unsere mitgebrachten Brote verzehrten;
an Besuche im Speisewagen kann ich mich dagegen heute nicht mehr erinnern.
Bevor wir in Berlin auf dem Stettiner Bahnhof ankamen, durchquerte der Zug
lange Zeit die dichtbebaute Großstadt mit ihren Mietskasernen, Brandmauern
und Hinterhöfen, wobei man zu meinem Erstaunen zum Teil so dicht und
so langsam an den verschiedenen Gebäuden vorbeifuhr, daß man
die Handwerker in den Werkstätten bei der Arbeit beobachten und den
Bewohnern durch die Fenster quasi auf den Teller schauen konnte. Bei Fraedrichs
wohnten wir dann in der großen, typisch Berliner Wohnung, die im vorderen,
zur Saarlandstraße gelegenen Teil auch Onkel Walters Kanzlei beherbergte.
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Onkel Walter Fraedrich
Rechtsanwalt in Berlin |
Während unserer Aufenthalte in Berlin standen neben dem Besuch bei
Fraedrichs vor allem der Stadtbummel mit meiner Mutter und das Flanieren
im Zentrum der Hauptstadt auf dem Programm, weiterhin erinnere ich mich
an Spaziergänge am Stadtschloß oder Unter den Linden und an Caféhausbesuche
auf dem Kurfürstendamm, aber auch an einen Ausflug in den Berliner
Zoo. Ebenfalls recht ungewöhnlich waren für mich als vielleicht
zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen aus einer hinterpommerschen
Kleinstadt die Fahrten mit der U-Bahn und auch der S-Bahn, wobei ich hier
besonders die Stahlkonstruktionen der Hochbahnstrecken bestaunte. Wenn wir
dann von der Wohnung unserer Gastgeber durch die Saarlandstraße zum
nahegelegenen Potsdamer Platz gingen, kehrten wir dort manchmal auch bei
"Aschinger" ein und verzehrten die legendären Löffelerbsen
mit Einlage für nur 40 Pfennig pro Portion (Aschingers Stehbierhallen
mit dem Leitspruch "Auf den alten Grundsatz eingestellt, gut essen
und Trinken für wenig Geld"). Jedoch in welchem Geschäft
mir meine Mutter in Berlin dann Kleider kaufte, kann ich heute nicht mehr
genau sagen. Ich erinnere mich nur noch an das sehr große, imposante
Kaufhaus, welches durchaus das KaDeWe gewesen sein kann. Wir haben hier
bei jedem unserer Besuche eingekauft, einmal erhielt ich ein weißes
Matrosenkleid mit Faltenrock, ein anderes Mal ein blaues Samtkleid mit Wollstickereien,
das ich noch sehr lange trug und sehr liebte. Selbstverständlich wählte
meine Mutter hier auch einige Kleidungsstücke für sich selbst
aus, denn das Angebot war in der Weltstadt Berlin naturgemäß
erheblich besser als in Belgard und selbst als im Modehaus Zeeck in Kolberg
(und auch mein Onkel Walter Fraedrich verwöhnte seine einzige Nichte
hier gerne mit einem Geschenk). Um mir einmal Schloß Sanssouci zu
zeigen, chauffierte uns Onkel Walter bei einem dieser Besuche mit dem Auto
nach Potsdam. Der Ausflug stand für mich jedoch unter einem schlechten
Stern, denn ich hatte damals eine Abneigung gegen das Autofahren, da mir
durch das Schaukeln während der Fahrt immer gleich übel wurde.
So mußte ich während des Aufenthaltes in Potsdam ununterbrochen
an die bevorstehende Rückfahrt denken und konnte mich an der Besichtigung
des königlichen Schlosses nur wenig erfreuen. Ein andermal fuhren wir
mit Fraedrichs im Auto nach Klein Machnow bei Rangsdorf im Süden von
Berlin, wo sie ein Wochenendhaus im Wald hatten und wir einen schönen
Sommertag im Grünen verbrachten - noch heute sehe ich eine Aufnahme
aus unserem Photoalbum vor mir, auf der Onkel Walter im Liegestuhl vor dem
Holzhaus liegt.
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| Haus Vaterland Potsdamer Platz Berlin |
Für meine Mutter waren jedoch die Abendveranstaltungen die eigentlichen
Höhepunkte der Tage in Berlin, etwa im Admiralspalast am Bahnhof Friedrich-
straße. Hier sahen wir 1936 im Revue-Theater dieses Vergnügungspalastes
die Operette "Frau Luna" von Paul Lincke in einer sehr revuehaften
Inszenierung; eine traditionelle Aufführung mit einer durchgehenden
Handlung hätte mir damals mehr zugesagt. Oder ein Besuch im Haus Vaterland
am Potsdamer Platz unweit der Wohnung von Fraedrichs, ebenso wie der Admiralspalast
ein sehr großes Haus mit den verschiedensten Restaurants, Cafés,
Theater- und Ballsälen und einem umfangreichen Angebot an Variete-Veranstaltungen,
das heißt Gastronomie und alle Arten von musikalischen und artistischen
Darbietungen unter einem Dach. Als Kind faszinierten mich hier die zahlreichen
Lokale mit jeweils landestypisch gestalteten Räumen und zum Teil recht
exotischen, aufwendigen Ausstattungen, etwa als spanische Bodega, ungarische
Csarda, amerikanische Wild-West-Bar, als Wiener Heurigenlokal oder türkische
Mokkastube, wo man bereits im Vorübergehen einen Blick auf das fremdartige
Ambiente erhaschen konnte. Hier streifte ich mit meiner Mutter jedesmal
durch die verschiedenen Etagen, bevor wir dann in einem der verschiedenen
Restaurants oder Cafés Platz nahmen. Dabei erinnere ich mich vor
allem an die außergewöhnliche Dekoration in den "Rheinterrassen"
mit Burgen und Weinbergen und an das "Löwenbräu" mit
Blasmusik, bayerischer Trachtentanzgruppe und einem Alpenpanorama, das elektrisch
beleuchtet und neben dem Alpenglühen von Zeit zu Zeit von einem dramatischen
Gewitter mit Blitz und Donner geschüttelt wurde (daher auch das Motto
"Im Haus Vaterland ist man gründlich, hier gewitterts stündlich").
Oder Onkel Walter hatte Karten für den "Wintergarten" besorgt,
damals das wohl größte und bekannteste Varieté-Theater
Berlins, ebenfalls an der Friedrichstraße gelegen. Hier beeindruckte
mich - neben einem musikalischen Wunderkind, das auf der Geige klassische
Musikstücke virtuos vortrug oder asiatischen Schlangenmenschen, die
ihre Körper in die unvorstellbarsten Formen zwangen - insbesondere
ein Zauberer bzw. Illusionist, der eine Dame nicht nur auf der Bühne,
sondern auch direkt über dem Publikum schweben ließ. Damit hatte
ich nach der Rückkehr in die Kleinstadt Belgard wahrlich genug Stoff,
um in der Familie und vor meinen Freundinnen davon zu erzählen.
| Volksschule 1932 bis 1936 |
Von 1932 bis 1936 besuchte ich die Volksschule für Mädchen in
der Kirchstraße in Belgard, wo ich in das alte Schulgebäude direkt
neben den Pfarrhäusern eingeschult wurde. So konnte ich mich jeden
Morgen über einen kurzen Schulweg freuen, da ich von meinem Elternhaus
lediglich die Marienstraße bis zu ihrem Ende entlang laufen mußte.
An meine Grundschulzeit habe ich nur noch wenige Erinnerungen. Meine erste
Lehrerin hieß Fräulein Dally, sie war eine weitläufige Bekannte
meiner Mutter. Am ersten Schultag begrüßte sie jede ihrer Schülerinnen
mit Handschlag, bewunderte die Zuckertüten und sprach freundliche Worte
mit uns. Meine Zuckertüte war im Vergleich zu den Schultüten meiner
Mitschülerinnen recht klein, da meine Eltern sich als stadtbekannte
Geschäftsinhaber eher im Hintergrund halten und ein allzu protziges
Auftreten ihrer Tochter vermeiden wollten. Für mich war dies jedoch
keine Enttäuschung, denn meine Eltern hatten mich bereits darauf vorbereitet,
daß meine Zuckertüte etwas kleiner ausfallen und ich zu Hause
einen entsprechenden Ausgleich bekommen würde.
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Das erste Schuljahr der Mädchen-
volksschule Belgard (1932) |
Wenn ein Schulkind zu spät zum Unterricht kam, war Fräulein Dally
so sehr empört, daß sie sich stets zu einer Ohrfeige hinreißen
ließ. Als ich selbst einmal morgens die Klassentür erst erreichte,
als von drinnen bereits der Unterricht zu vernehmen war, bekam ich große
Angst, denn mit Ohrfeigen hatte ich bei uns zu Hause noch keine Bekanntschaft
gemacht. Ich kehrte also weinend wieder um, lief den kurzen Weg zurück
zu unserem Haus und berichtete meinem Vater davon, der gerade im Kontor
hinter unserem Laden mit Buchführungsarbeiten beschäftigt war.
Mein Vater nahm mich an der Hand und ging mit mir zur Schule zurück,
wo er mich in der Klasse bei Fräulein Dally ablieferte und ich selbstverständlich
ohne die sonst obligatorische Ohrfeige in meiner Bank Platz nehmen durfte.
Auf den Unterricht in den ersten zwei Jahren kann ich mich heute jedoch
nicht mehr besinnen. Im dritten Schuljahr hatten wir dann oft Vertretung
durch Fräulein Buhrow und Fräulein Beermann, die ich beide nicht
leiden konnte. Fräulein Buhrow versuchte einmal, mich bei einer Aufführung
zur alljährlichen Weihnachtsfeier einzusetzen. Ich sollte passend zu
einem Gedicht ("Ich pflück' den Apfel ab von diesem Baum")
begleitende Bewegungen ausführen, was mir jedoch überhaupt nicht
zu ihrer Zufriedenheit gelang, worauf sie meine Rolle dann einem anderen
Kind übertrug. Ich denke heute, daß ich mir dabei auch überhaupt
keine Mühe gegeben habe, denn ich war sehr schüchtern und mochte
mich nicht vor anderen produzieren. Ein Erlebnis mit Fräulein Buhrow
gab bei mir überdies den Anstoß, erstmals über Ungerechtigkeiten
im Leben nachzudenken. Dabei hörte ich ihr Gespräch mit einer
anderen Lehrerin über ein weniger begabtes Mädchen aus sozial
schwachem Milieu. Auf die Frage der Kollegin "Wie kommen Sie denn mit
der Schülerin aus?" antwortete sie "Wenn sie frech wird,
dann gebe ich ihr immer etwas auf ihre dicken Backen!" Die Bedeutung
dieses Satzes und seine herabsetzende Formulierung beschäftigten mich
damals sehr und ich wußte oder vielmehr fühlte, daß sie
mit mir so nicht umgegangen wäre.
Im vierten Schuljahr bekamen wir Herrn Nimtz als Klassenlehrer, an den ich
mich sehr gerne erinnere. Mir gefielen auch seine Hobbys, an denen er uns
u.a. durch sein Aquarium, das in unserer Klasse auf dem breiten Fensterbrett
stand, teilhaben ließ. Wir trafen ihn einmal, als ich mit Omi Frieda
(Elfriede
Alverdes geb. Fraedrich), die ihn schon lange kannte,
von einem Besuch bei meinen Großeltern Alverdes in der Pankniner Straße
durch den Mükepark nach Hause ging. Sie hielt ihn an und fragte, warum
ich im Zeichnen kein "gut" auf dem Zeugnis habe, wo ich doch so
schöne Störche "gemalt" hätte. Ich war sehr verlegen
und böse auf meine Großmutter, doch er lachte und unterhielt
sich ausgesprochen nett mit uns. Leider wurde Herr Nimtz bald sehr krank
und starb. Sein Nachfolger war Herr Meybem, Bruder des Wirtes des
Belgarder
Bahnhofsrestaurants, eines Freundes meines Vaters. Er war jung und sehr
einfallsreich; sein Unterricht war ganz anders, interessanter, ja faszinierender
als der seiner Kollegen. Er war mein Lieblingslehrer und schrieb mir in
mein Poesiealbum:
Saß ein Spatz auf einem Dach,
dachte nach und sprach:
"Wie schön daß ich ein Spätzlein bin,
ich piep' und schwätz nach meinem Sinn,
Wenn man auch schilt und korrigiert,
so was hat mich noch nie geniert!"
Laß die Spatzen immer schwatzen,
ein Mägdelein hat kein Spätzelein zu sein!
Ich denke, daß wir bei Herrn Meybem bereits die Lateinische Schrift
lernten, die wir für den Fremdsprachenunterricht auf der weiterführenden
Schule brauchten, und die uns dann bis zum Ende unserer Schulzeit begleiten
sollte. Bis dahin hatten wir in Sütterlin geschrieben, daß heißt
im ersten Schuljahr mit dem Griffel auf eine Schiefertafel, an deren Holzrahmen
ein kleiner feuchter Schwamm und ein trockenes Läppchen zum Löschen
unserer Schreibübungen hingen. Erst im zweiten oder dritten Schuljahr
schrieben wir in Hefte, zunächst mit Bleistift, später mit Federhalter
und Tinte, wobei für jede Schülerin ein kleines Tintenglas in
die Holztische eingelassen war, das vom Hausmeister regelmäßig
aufgefüllt wurde. Für uns Grundschüler barg das Schreiben
mit Tinte die Gefahr, sich nicht nur häufig die Finger blau zu färben,
sondern auch Schwierigkeiten mit unseren Müttern wegen der Tintenkleckse
auf Schulschürze und später auf Rock oder Pullover zu bekommen.
Denn als wir in der Oberschule dann mit dem Füllfederhalter schrieben,
brachten die damals verwendeten Kolbenfüller - zumindest in dieser
Hinsicht - nur wenig Besserung. So war meine Freundin Christel
Ristow bekannt für ihre Tintenfinger, die, wie ich zu erinnern
glaube, selbst noch in unserer Abiturzeitung Erwähnung fanden.
In diesen Jahren hatte ich wenig Kontakt zu Altersgenossen. Annemarie Krüger
aus meiner Klasse - sie wohnte in der Wilhelmstraße - und Renate Ruthenberg,
deren Vater, Direktor einer Krankenkasse, nach der Versetzung in unsere
Stadt zur Zeit der großen Wohnungsnot mit seiner Familie für
etwa ein bis zwei Jahre ein Dachzimmer in unserem Haus bewohnte, waren meine
Freundinnen. Später zog Renate mit ihren Eltern in die Dienstwohnung
im Obergeschoß des Gebäudes der Krankenkasse in der Luisenstraße
Ecke Parkstraße. Häufig fanden sich
zwei Schwestern aus der Mauerstraße, aus einem kleinen Haus gegenüber
unserer Toreinfahrt in der Nähe des
Strillenganges zum Spielen bei uns auf
dem Hof ein. Die Schaukel war dabei die Attraktion, und ich lernte von ihnen
die verschiedensten Ballspiele. So war ich in der warmen Jahreszeit oft
mit Hertha und Grete an der Schaukel auf unserem Hof, wo die beiden mir
durch ihr Vorbild die Angst vor dem Hochfliegen, bei dem wir mit den Füßen
die Decke des Torbogens berührten, oder vor dem bei uns Kindern beliebten
"Todeshang" nahmen, wenn wir mit dem Kopf nach unten mit den Knien
am Brett der Schaukel hingen. Da die Toreinfahrt durch das Speichergebäude
hindurch führte und die Schaukel an der Decke dieses Überbaus
befestigt war, durften wir sie nur die Woche über benutzen, denn am
Sonnabend ging dort häufig die Landkundschaft auf dem Weg zu ihren
in der Mauerstraße abgestellten Wagen oder zu den Pferden im großen
Pferdestall an der rechten Hofseite vorbei, zudem hatten die Außentoiletten
für die Bierstuben ihren Eingang vom Torbogen aus. Sonntags aber
spielte ich nie mit Hertha und Grete, denn Sonntag war der Tag der Familie.
Das bereits damals weit verbreitete Jojo bereitete auch uns viel Freude,
nicht selten übten wir lange das Auf-und-Ab und verglichen dabei unsere
Künste. Viele dieser Jojos aus Holz oder Metall wurden in den Geschäften
als Werbung an die Kinder der Kunden verschenkt, und so entsinne ich mich eines
Metall-Jojos von der Firma Erdal in Form und Farbe einer Schuhcreme-Dose,
das ich von einem Angestellten aus unserem Laden zugesteckt bekam. Gerne
beschäftigte ich mich auch mit meinem Holzkreisel, mit dem ich auf der
Marienstraße vor unserem Haus spielte, wo sich der Kreisel in den
Ritzen zwischen den großen Platten des Bürgersteiges festklemmen
ließ, bevor ich ihn mit der Peitschenschnur aufzog und dann durch
gezielte Schläge zum Tanzen brachte. Von Grete und Hertha bekam ich
auch mein erstes "Kreudebrot" (mit Rübensirup) und wurde
in die Welt der Mauerstraßenkinder eingeführt. Meinen Eltern
war es nicht recht, wenn wir in der Mauerstraße spielten, und so sollten
die beiden möglichst auf unseren Hof kommen, wovon sie jedoch nicht
immer begeistert waren. Die bei den arbeitenden Großeltern lebenden
Mädchen liebten ihre Freiheit auf der Straße, worum ich sie zeitweise
sehr beneidete. Der Kontakt zu ihnen riß im Jahre 1936 nach meinem
Wechsel von der Volksschule auf das Lyzeum ab.
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Der Strillengang auf einem
Notgeldschein aus Belgard |
Strill oder Strille war die Bezeichnung für den Stadtgraben, der zur
ehemaligen Stadtbefe-stigung von Belgard gehörte (in Tante
Ilse Schwederskys Garten in der Wallstraße
am Fuße der Stadtmauer war noch ein Stück dieses Grabens erhalten,
und hier stand auch noch Wasser). Nach dem Abriß der Befestigung wurde
ein Teil des Stadtgrabens zum sogenannten Strillengang, zur Zeit meiner
Jugend ein Weg außen entlang der alten Stadtmauer zwischen Gartenstraße
und dem Hohen Tor, d.h. an Stelle der trockengelegten Strill parallel zur
Mauerstraße hinter unserem Haus. Hier spielten schon mein
Vater Erwin und sein
Bruder Heinz im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts. Der im vorletzten
Haus kurz vor dem Hohen Tor gelegene tunnelartige Zugang führte über
einen Gang durch das Wohnhaus hindurch und eine sich daran anschließende
kleine Treppe zum Strillengang, der von den Kindern aus der Nachbarschaft
oft in ihre Spiele einbezogen wurde. Als ich dort einmal gemeinsam mit ihnen
spielte und noch nichts von der mit diesem Spielplatz verbundenen "Gefahr"
ahnte, blieb ich, während meine Spielkameraden plötzlich wegliefen,
ahnungslos stehen, als eine Bewohnerin des Hauses (die, nebenbei bemerkt,
für Familien in Belgard bügelte) auftauchte. Sie schimpfte über
den Lärm, den unser Spiel in dem hallenden Gang neben ihrer Wohnung
verursachte, drohte den flüchtenden Kindern und verpaßte mir
eine Ohrfeige. Ich lief weinend nach Hause und holte meinen Vater, der dann
gemeinsam mit mir zu der Frau zurückging und sich mit ihr auseinandersetzte.
Für die Kinder aus der Mauerstraße war das Spielen mit mir auch
deshalb attraktiv, weil sie hofften, durch mich an Süßigkeiten
aus unserem Geschäft zu kommen.
Da es mir jedoch verboten war, aus dem Laden etwas mitzunehmen und meine
Eltern mich aus Prinzip nicht an Schokolade oder Bonbons gewöhnt hatten,
kam ich zunächst gar nicht auf die Idee, meinen Spielkameraden etwas
Süßes mitzubringen, und so bedurfte es erst der Aufforderung
"Hol' doch mal Bonbons!" durch die anderen Kinder. Nachdem ich
dann bei uns im Geschäft einige Bonbons gegriffen hatte und dies nicht
unbemerkt geblieben war, wurde ich von einem unserer Lehrlinge verfolgt,
der mir über den Hof bis zur Mauerstraße nachlief. Auf meiner
Flucht blieb ich mit einem Fuß in der eisernen Laufschiene, in der
das große Hoftor auf- und zugerollt wurde, hängen und stürzte
auf das Kopfsteinpflaster der Mauerstraße. Das Ergebnis war eine blutende
Lippe und die abgeschlagene Ecke eines Schneidezahnes. Meine Mutter, die
ihr übel zugerichtete Kind dann versorgte - selbst die von meiner Großmutter
Elsbeth
Maaß genähte Schürze war blutbefleckt - beließ
es damals jedoch bei der Bemerkung "Das ist die Strafe dafür!"
Wahrscheinlich war dieser Vorfall auch der Grund für meine Zurückhaltung,
die ich mir selbst viel später noch in Hinblick auf Süßigkeiten
aus unserem Geschäft auferlegte. Weiterhin war in den dreißiger
Jahren am Ende des Strillenganges kurz vor der Gartenstraße eine sogenannte
Rolle (Wäschemangel), wohin wir mit einem Handwagen die gewaschene
Wäsche fuhren, oder ich trug gemeinsam mit unserer Hausgehilfin einen
Korb mit Wäsche zum Mangeln dorthin. Das Drehen der großen steinernen
Rolle dieser Kaltmangel hat mir immer großen Spaß gemacht.
Die beste Freundin meiner Grundschuljahre war jedoch Annemarie Krüger
(genannt Annemie), die in einem großen Mietshaus für Angestellte
der Überlandzentrale in der Wilhelmstraße gegenüber der
Einmündung zur Luisenstraße wohnte. An das Haus schloß
sich ein ausgedehnter Garten für die Mieter an, der hinter der übrigen
Bebauung an der Wilhelmstraße bis zum Radweg
am Leitznitzbach reichte. Diesen alten, eingewachsenen Garten bewunderte
ich sehr, denn schon als Kind wünschte ich mir einen Garten für
unser Haus, das ja nur über einen Hof und die entsprechenden Nebengebäude
verfügte. Mein Vater erzählte von einem Garten hinter der Stadtmauer
am Ende der Marienstraße, in dem er zu Beginn des Jahrhunderts mit
seinen Geschwistern gespielt hatte - jedoch
zu meiner Zeit waren von diesem Garten keine Spuren mehr zu finden. So verbrachte
ich im Sommer viele Stunden mit Annemie im Garten an der Wilhelmstraße
spielend, Radfahrer beobachtend, Rhabarberstengel lutschend und fröhlich
schwatzend. Hier fanden auch erste Rauchversuche mit Zigaretten statt, die
ich meiner Mutter entwendet hatte. Obwohl ich es mehrmals hustend versuchte
und meiner Freundin dabei den Rauch ins Gesicht blies, ließ sich Annemie
nicht von mir zum Rauchen verführen. Danach stand für uns beide
fest, daß Rauchen nichts für uns wäre, und ich habe es auch
später nie wieder probiert. Meine ersten Laufversuche auf Schlittschuhen
unternahm ich Mitte der dreißiger Jahre unter Anleitung von Annemie
auf dem Teich in der August-Petri-Allee, wo sie sich mit anderen Kindern
ihrer Wohngegend schon vorher erfolgreich versucht hatte. Wir waren noch
bis in die ersten Jahre an der Oberschule befreundet, und so erinnere ich,
wie wir uns gemeinsam die Köpfe über das für uns damals nichtssagende
Aufsatzthema "Ein Erlebnis" zerbrachen, das meine Klasse von unserem
Deutschlehrer "Männe" (Studienrat Dr. von Rhoden) als Hausaufgabe
bekommen hatte. Als auch alles Grübeln nicht weiterhalf, schafften
wir uns selbst ein Erlebnis, indem wir in rascher Folge mehrmals von der
Brüstung der Außentreppe am Eingang ihres Hauses in die dort
gepflanzten Büsche sprangen, wobei mein Lodenmantel einen großen
Riß bekam. Im Aufsatzheft fertigten wir zu jedem Aufsatz eine Zeichnung
an, und so sehe ich noch heute die Seite mit meiner Zeichnung eines Kindes
in einem Kapuzenmantel, das sich von einer Treppe in die danebenliegenden
Büsche fallen läßt, vor mir. In der Zeit der Tanzstunden
ging unsere Freundschaft auseinander, denn ich wollte nicht tanzen lernen,
hielt mich für rhythmisch völlig unbegabt, was ich jedoch vor
Annemie nicht zugeben wollte. Sie hatte sich schon zum Unterricht, der in
der Wilhelmstraße in Karows
Saal unter der Leitung eines Tanzlehrers aus Kolberg stattfand, angemeldet.
So sagte ich ihr, daß ich in jenem Jahr noch nicht an der Tanzstunde
teilnehmen wolle, und da sie sehr enttäuscht war, versuchte sie mich
doch noch zu überreden, denn sie hatte wohl durch meine vagen, ausweichenden
Antworten den Eindruck gewonnen, daß meine Mutter es mir verboten
habe. Schließlich ging sie mit anderen Mädchen aus unserer Klasse
zur Tanzstunde dorthin. Unsere Freundschaft lief danach allmählich
aus, wir trafen uns zunächst weniger oft und schließlich gar
nicht mehr. Das letzte Mal besuchte ich sie am Tage ihrer Konfirmation,
wo ich auch den von ihr sehr geliebten Bruder, den strahlenden Hannes, kennenlernte,
der nach der Schule zur Kriegsmarine eingezogen wurde und bereits in den
ersten Kriegsjahren fiel. Für Annemie war der Verlust ihres einzigen
Bruders besonders schmerzlich, weil sich die beiden Geschwister schon immer
besonders verbunden gefühlt hatten. Annemie war ein ruhiges, ernstes
Mädchen und mir eine liebe Klassenkameradin, die im Sport- und Handarbeitsunterricht
viel besser als ich war. So war dann auch ihr selbstgenähtes Ballkleid
für den Abschlußball der Tanzstunde überwältigend schön,
und das obwohl das Angebot an Stoffen während des Krieges äußerst
beschränkt war.
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Vor dem Eingang zum
Lyzeum 20.6.1938 |
Eine weniger enge Freundschaft verband mich während der Grundschulzeit
mit Magdalene Nest, die in der Pankniner Straße gegenüber der
katholischen
Kirche wohnte. Einige Male war ich bei ihr zum Kartenspiel, an dem sich
auch ihr Vater beteiligte, der im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte
und eine Prothese trug. Auf einer ihrer Geburtstagsfeiern bewunderte ich
die farbige Götterspeise, die es von diesem Zeitpunkt an nun auch bei
meinen Geburtstagen gab. Auf dem Lyzeum saß Leni im Kunstunterricht
bei Herrn Utech neben mir, so daß wir uns auch einmal gegenseitig
zeichnen mußten. Nach meinem Praktikum im Säuglingsheim der evangelischen
Diakonissenanstalt "Salem" in Köslin in den Sommerferien
1942 war ich dann gemeinsam mit Magdalene Nest für einen längeren
Kriegseinsatz von Ende August bis Anfang November auf dem
Gut der Familie von Altenbockum in Muttrin
in der Nähe von Groß Tychow, wo wir vor allem in der Küche
und im Garten halfen und die Hühner und Enten versorgten.
So erfolgte dann Ostern 1936 mein Übergang auf das
Belgarder
Lyzeum am Mükepark Ecke Luisenstraße / Jägerstraße,
das 1939 im Rahmen der Oberschulreform in eine Oberschule für Mädchen
(hauswirtschaftliche Form) umgewandelt wurde, womit zugleich eine Verkürzung
der Schulzeit von neun auf acht Schuljahre verbunden war (die Oberstufe
dauerte jetzt nur noch drei anstatt zuvor vier Jahre). Ich kann mich an
die Aufnahmeprüfung nicht mehr besinnen, über die sich einige
Klassenkameradinnen auch später noch unterhielten. Mit mir begannen
dort meine Freundin Annemarie Krüger sowie Magdalene Nest, Lieselotte
Onasch und Hannelore Piper aus meiner Volksschulklasse. Wir hatten jetzt
das Privileg, Schülermützen zu tragen. Es handelte sich hierbei
um schwarze Kappen aus Samt, denen an einer Seite ein zweifarbiger Winkel
aufgenäht war, der durch seine Farbkombination die Klasse bzw. den
Jahrgang angab. In der Sexta etwa bestand dieser Winkel aus einem lila-weißen
Ripsband; die Mützen kaufte man bei Kürschnermeister Matz in der
Karlstraße. Das Schulgeld betrug 20 oder 25 Reichsmark monatlich,
für einige Kinder gab es Befreiungen von der Zahlung. Die Schulbücher
konnten nicht ausgeliehen, sondern mußten selbst gekauft werden. Ich
durfte sie immer bei der Buchhandlung Heine am Markt oder bei Johannsen
in der Heerstraße bestellen. Einige Schülerinnen erwarben sie
von älteren Mädchen für den halben Preis. Auch die Ganzschriften
in Deutsch, Englisch und Französisch mußten wir uns selber anschaffen.
Studienrat Dr. Rugard von Rhoden (genannt
"Männe") unterrichtete uns in Geschichte, ein für uns neues Fach,
das mir besonders zusagte. Ich entdeckte damals meine Liebe zur Geschichte, die sich
später unter unserer langjährigen Klassenlehrerin Studienrätin Fräulein
Büttner noch vertiefen sollte. Deutsch und Geschichte sind für
mich während meiner gesamten Zeit an der Oberschule die geliebten Schwerpunkte
geblieben.
 |
Mit Fräulein Büttner 1939
4. Klasse der Oberschule |
Fräulein Käthe Büttner trat Ostern 1938 als Klassenlehrerin
in unser schulisches Leben. Sie unterrichtete uns in Deutsch und Geschichte.
Mit ihrem Unterricht verbinde ich die stärksten und prägendsten
Erinnerungen an meine Schulzeit. Schon in den ersten beiden Jahren am Lyzeum
bei Dr. von Rhoden wurde mein bereits durch meinen Vater und unseren häuslichen
Bücherschrank gewecktes geschichtliches Interesse gestärkt, aber
erst durch Fräulein Büttners Unterricht kam es zu einer entsprechenden
Vertiefung, welche auch die Interessen und Vorlieben in meinem späteren
Leben bestimmen sollte. Neben dem Faible für Geschichte entwickelte
sich durch ihren Unterricht meine Liebe zur Literatur, wobei uns Fräulein
Büttner sowohl in Hinblick auf die Inhalte als auch die Form schulte
- und ich hier die Bestätigung für meine Ahnung fand, daß
Bücher zu den wichtigsten Dingen meines Lebens gehören sollten.
Noch heute fallen mir oft Teile aus Gedichten, ja ganze Balladen ein, die
ich angeregt von Fräulein Büttner damals gern auswendig gelernt
habe. Die Beschäftigung mit den großen epischen Werken des Mittelalters
und natürlich die Dramen der deutschen Klassik bildeten Schwerpunkte
der letzten Schuljahre. Dabei standen Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich
Schiller im Vordergrund. Als wir in der Abschlußklasse Goethes "Faust"
gelesen hatten, ergab sich im Sommer 1943, daß im Kolberger Kurtheater
(einem kleinen Saisontheater) "Faust I" aufgeführt wurde
und Fräulein Büttner die Gelegenheit nutzte, um mit uns eine der
Aufführungen zu besuchen. Schon die gemeinsame Bahnfahrt in die Ostseestadt
und das Flair des romantischen Gebäudes stimmten uns auf das Erlebnis
der großen Dichtung ein, das für uns alle unvergeßlich
wurde. Weiterhin fallen mir neben Gotthold Ephraim Lessing auch aus anderen
literarischen Epochen Namen wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von
Eschenbach ein, die Romantiker Joseph von Eichendorff, Novalis, Clemens
von Brentano, Achim von Arnim und Ernst Moritz Arndt, weiterhin Annette
von Droste-Hülshoff oder auch Vertreter des deutschen Realismus' wie
etwa Theodor Storm, Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer und Friedrich
Hebbel. Sein mehrteiliges Drama "Die Nibelungen"
in Verbindung mit dem mittelalterlichen Nibelungenlied und der Edda zu betrachten
und die Unterschiede herauszuarbeiten war für uns über längere
Zeit eine interessante Aufgabe. Daß die Begriffe des "Nordischen"
und des "Germanischen" hierbei einen Schwerpunkt bildeten, war
für uns damals selbstverständlich. Auch wurden uns die berühmtesten
Dramatiker der Antike wie Sophokles, Euripides oder Aischylos vorgestellt,
und wir lasen gemeinsam Sophokles' "Antigone". Im letzten Schuljahr
konnte sich jede Schülerin einen Dichter auswählen, mit dem wir
uns über längere Zeit intensiver beschäftigten und zu dem
wir auch ein entsprechendes Referat vor der Klasse hielten. Ich selbst entschied
mich für Friedrich Hebbel, der mir dadurch besonders in der Erinnerung
geblieben ist. In "Agnes Bernauer", einem von Hebbels späteren
Dramen, war die Gestalt der schönen Baderstochter für mich von
großem Reiz, und erst allmählich verdrängte ich unter den
Interpretationen von Fräulein Büttner mein Mitleid mit der Geopferten
zugunsten der Einsicht, daß sich die Wünsche des Individuums
den Interessen der Herrschenden unterzuordnen haben und so das Leben eines
Einzelnen für das Wohl der Gemeinschaft geopfert werden dürfe.
Mit dem von mir bei der schriftlichen Abiturprüfung in Deutsch aus
drei Möglichkeiten gewählten Aufsatzthema "Die Stellung des
Einzel-Ichs zum Staat in Hebbels 'Agnes Bernauer'" habe ich diesen
Punkt im Sinne der damals herrschenden Ideologie bearbeitet und dafür
auch eine gute Note bekommen. Damit lieferten die dramatischen Werke der
deutschen Literatur zugleich viele Anknüpfungspunkte, um unser Nationalbewußtsein
und unsere Vaterlandsliebe zu festigen, bargen jedoch auch viele Aspekte,
die der nationalsozialistischen Weltsicht völlig zuwiderliefen. Wie
Fräulein Büttner diese für die damalige Zeit ideologisch
problematischen Abschnitte dann letztlich ausdeutete - etwa die Forderung
"Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!" des Marquis de Posa in Friedrich
Schillers "Don Carlos", welche von ihr ebenso wie einige andere
"unzeitgemäße" Passagen einfach übergangen wurden
- und auf welche Weise sie sonst in ihren Interpretationen derartige "Klippen"
umschiffte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Ebenso bin ich mir nicht
darüber im klaren, ob sie jenseits der vor uns Schülerinnen vorgetragenen
Akzeptanz des Nationalsozialismus' auch eigene kritische Gedanken hegte.
So übernahm ich damals die Weltsicht dieser von mir geliebten, ja verehrten
Lehrerin und ihre Kritiklosigkeit gegenüber dem Dritten Reich auch
deshalb, weil weder in meiner Familie noch in meiner weiteren Umgebung offen
Zweifel an den bestehenden Verhältnissen geäußert wurden.
Während meiner Schulzeit wurde diese Weltsicht nur ein einziges Mal
wirklich erschüttert: Im Handarbeitsunterricht erzählte eine Klassenkameradin
hinter vorgehaltener Hand, daß sie etwas vom "Lebensborn"
der SS gehört habe, wo in Heimen Kinder aufgezogen würden, die
aus der Verbindung von "rassisch einwandfreien" SS-Männern
mit ebensolchen Frauen als "Geschenk für den Führer"
gedacht seien. Es sollten auch in unserer Gegend Mädchen dafür
gewonnen worden sein. Wir waren alle äußerst empört und
konnten uns so etwas überhaupt nicht vorstellen. Während des Krieges
erhielten wir im Deutschunterricht auch die Aufforderung, Briefe an Soldaten
im Felde zu schreiben und bemühten uns dabei nach Kräften, den
unbekannten Empfängern etwas Aufmunterndes mitzuteilen. Die Päckchen
für Frontsoldaten packten wir jedoch vorwiegend auf den Heimabenden
der Jungmädel bzw. des BDM. Auch wurde der Briefwechsel mit Mädchen
aus befreundeten Ländern angeregt, und so bekam ich die Adresse von
Aila aus Finnland, einer Schülerin in Helsinki. Mit ihr tauschte ich
jedoch nur wenige Briefe aus, da wir zu verschieden waren und sie mir sowohl
in Alter und Reife als auch in Hinblick auf ihre Interessen weit voraus
erschien. Der Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) trat bei uns
an der Schule durch eine kleine Zeitschrift und kleine blaue Stumpenkerzen,
die jeweils vor Weihnachten in den Klassen verkauft wurden, in Erscheinung.
Auch ich erwarb jedes Mal eine Kerze, die dann in der Adventszeit bei uns
im Wohnzimmer angezündet wurde. Die Zeitschrift enthielt Berichte über
Deutsche in aller Welt, ich erinnere mich hier vor allem an Artikel über
Wolhyniendeutsche oder Banatschwaben in Osteuropa. Wir konnten in der Schule
noch zwei weitere Zeitschriften beziehen, von denen auch ich eine abonniert
hatte. Hier waren die verschiedensten Themen für Kinder und Jugendliche
verständlich aufbereitet, und nicht nur ich las gerne darin.
Eine besondere Freude bereitete mir eine Einladung Fräulein
Büttners in ihre Wohnung in die August-Petri-Allee. Wir waren vielleicht
fünf oder sechs Schülerinnen, die an einem Nachmittag zur Besprechung
unserer schriftlichen Praktikumsberichte (vermutlich über den Dienst
im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt in Köslin
1942) zu ihr nach Hause kommen durften. Ob wir die Einzigen aus unserer
Klasse waren, die dieses Vorrecht genießen sollten, kann ich heute
nicht mehr sagen, zumindest war solch ein halbprivates Treffen mit einer
Lehrkraft in deren Wohnung zu unserer Schulzeit doch noch recht ungewöhnlich.
In etwas geringerem Umfang als mit den Werken der Literatur machte uns Fräulein
Büttner mit philosophischen Schriften bekannt. Wir lasen Auszüge
aus Gotthold Ephraim Lessings literaturkritischen Schriften, von Johann
Gottlieb Fichte einige Abschnitte seiner Rechtslehre und natürlich
auch seine "Reden an die deutsche Nation" von 1807, aus denen
wir entnehmen konnten, wie unverzichtbar der Patriotismus für den Fortbestand
von Volk und Staat ist. Im Fach Geschichte hatte ich durch mein häusliches
Umfeld, in dem es zahlreiche Bücher mit geschichtlichem Inhalt sowie
entsprechende Bildbände (etwa "Bildersaal deutscher Geschichte"
von Adolf Bär und Paul Quensel) gab, die aus meines Vaters Kindheit
stammten und für Heranwachsende verständlich "Geschichte
in Geschichten" erzählten, einen gewissen Vorsprung vor meinen
Mitschülerinnen. Die Entstehung des Ersten Deutschen Reiches und das
Schicksal der Geschlechter, die es regierten, beeindruckten mich tief, besonders
dann, wenn sich Geschichte in den Werken der deutschen Lyrik abbildete,
etwa in Gedichten und Balladen wie "Barbarossa" (Friedrich Rückert),
"Ihr Staufer waret das Königshaus...." (Agnes Miegel), "Heinrich
der Vogler" (Johann Nepomuk Vogl) oder "Das Grab im Busento"
(August von Platen). So erfuhren wir immer wieder von der Größe
und der Macht des Deutschen Reiches, aber auch vom häufigen Wechsel
von Aufstieg, Stagnation und Niedergang, letzterer oft verursacht durch
Intrigen und Verrat. In Hinblick auf die späteren Jahre des Ersten
Reiches lag der Schwerpunkt bei uns in Pommern, der preußischen Provinz,
auf der Entstehung des Königreichs Preußen, auf Preußens
Gloria und auf seinem Beitrag zur Gründung des Zweiten Kaiserreiches.
Die preußischen Tugenden wurden gepriesen und als unverzichtbar für
die deutsche Nation dargestellt, dabei jedoch auch die Weltoffenheit und
Toleranz der Preußen (etwa unter Friedrich Wilhelm I und Friedrich
II) nicht ausgespart. Weiterhin kann ich mich an Bismarck und seine Stellung
innerhalb des deutschen Reiches von 1870/71 erinnern, ebenso an die Behandlung
des Ersten Weltkrieges und seiner Vorgeschichte. Die Weimarer Republik fand
jedoch nur in Hinblick auf die "Dolchstoßlegende" oder in
Verbindung mit der Geschichte der NSDAP, mit "Blutzeugen" wie
etwa Horst Wessel und mit Hitlers Biographie Erwähnung.
Als Schülerin
entschädigten mich der Deutsch- und der Geschichtsunterricht
jedoch für andere Fächer, denen ich mit Abneigung oder sogar mit
gewissen Ängsten entgegensah. So verspürte ich keine Neigung zu
den Naturwissenschaften Mathematik und Physik, und nachdem
unser Mathematiklehrer Dr. Düring, der uns einige Jahre auch in Physik
und Chemie unterrichtete, nicht mehr an unserer Schule war (er wurde 1941
an eine größere Schule in einer anderen Stadt versetzt), trat
ab der sechsten Klasse der Oberschule Fräulein Bergholz an seine Stelle.
Oft hatte ich Schwierigkeiten, dem von ihr dargebotenen Stoff zu folgen,
was ich im Rückblick nicht nur auf meine mangelnde Begabung für
diese Fächer, sondern auch auf ihre ungeeignete Methodik zurückführe,
denn anderen Mitschülerinnen erging es bei ihr ebenso. So war dieser
Lehrerwechsel in fachlicher Hinsicht für viele von uns kein Gewinn,
allerdings wurde diese junge Lehrerin für meine Freundin Ellinor und
mich zum Gegenstand heftiger Schwärmerei. Deshalb freuten wir uns auf
ihre Stunden (obwohl besonders ich hier wenig verstand und mich oft langweilte),
beobachteten sie ununterbrochen und himmelten sie an. Und wenn Fräulein
Bergholz einmal außerhalb des Unterrichtes ein persönliches Wort
an mich richtete, war ich oft so entsetzlich verlegen, daß ich kaum
antworten konnte. In den Mathematikstunden, in denen Ellinor und ich an
einem Tisch nebeneinander saßen, lasen wir manchmal gemeinsam heimlich
unter der Bank Liebesgedichte, die für uns dann allein auf unsere Lehrerin
gemünzt schienen, und verspürten sogleich Herzklopfen, wenn sie
ein Lächeln für uns übrig hatte. Auf diese Weise war sie
für uns ein ständiges Gesprächsthema.
Dagegen litt ich unter der Art unserer späteren Biologielehrerin Studienassessorin
Fräulein Gerda Albany und schätzte deshalb auch ihr Fach nicht
besonders. In den ersten Jahren auf dem Lyzeum unterrichtete uns aber noch
Fräulein Dr. Plagens, allerdings kann ich mich an ihren Biologieunterricht
heute nicht mehr erinnern. Als Lehrerin blieb sie mir nur in Erinnerung,
weil sie aus dem Schuldienst ausschied und heiratete, nämlich unseren
Zahnarzt Dr. Haß, der vor seiner Ehe in der Marienstraße schräg
gegenüber von unserem
Geschäft wohnte
(vielleicht im Hause des Drogisten Troike Marienstraße 5). An ihn
wandte sich mein Vater öfter, wenn ihm bei unserem allwöchentlichen
Fischessen eine Gräte im Hals steckengeblieben war. Meiner Mutter gelang
es nur selten, ihn davon zu befreien, so daß er sich dann stets vertrauensvoll
an den benachbarten Zahnarzt wandte, der den schmerzenden Essensrest auch
prompt entfernte. Mit seiner Frau wohnte Dr. Haß später in einer
Villa in der Wiesenstraße, wo ich mich im Vorübergehen bei Spaziergängen
dann immer an meine ehemalige Lehrerin erinnerte. Ihre langjährige
Nachfolgerin in Biologie war Fräulein Albany, die aus mir unerfindlichen
Gründen einen Pik auf mich hatte. Da ich weder faul noch frech war,
war ich mir keiner Schuld bewußt und fand ihr Verhalten deshalb sehr
ungerecht. Ich ging stets mit unguten Gefühlen in ihren Unterricht
und übertrug meine Abneigung auch auf ihr Fach. Erst viel später
während meiner Lehrerausbildung nach dem Kriege erkannte
ich, wieviele Kenntnisse ich aus ihrem Unterricht mitgebracht hatte, ganz
besonders in Botanik. Fräulein Albany brachte damals zu jeder Stunde
ein bis zwei Wildpflanzen aus Park, Garten oder vom Wegrande mit und besprach
sie mit uns. Diese wurden in Reagenzgläser eingestellt und so bis zur
nächsten Unterrichtsstunde aufbewahrt, damit wir das Gelernte dann
wiederholen konnten.
Das Fach Leibeserziehung, zunächst
bei Fräulein Annemarie Kraul (die bei meinen sportlicheren Mitschülerinnen
sehr beliebt war) und später bei Fräulein Ilse Trepel, war mir
als unsportlichem Menschen eine einzige Last. Vor allem beim Geräteturnen
versagte ich völlig, hatte auch für die Mannschaftsspiele wie
Schlagball, Brennball, Völkerball und Handball nichts übrig. So
ließ ich mir von meiner gutmütigen Mutter öfter einen Entschuldigungszettel
schreiben. Zudem hatte ich während des Sportunterrichtes im Alter von
vielleicht elf oder zwölf Jahren beim Training zum Schlagballweitwurf
einen Unfall, wobei mir eine Mitschülerin beim Ausholen nach hinten
mit dem Arm ins Auge schlug. Mein Auge blutete
stark und Fräulein Kraul schickte mich in Begleitung einer Klassenkameradin
zu Dr. Mielke, der seine Praxis an der Leitznitzpromenade ganz
in der Nähe des Sportplatzes hatte. Nachdem er mich untersucht und
mir einen Verband angelegt hatte, riet er mir, umgehend einen Augenarzt
aufzusuchen, da er befürchtete, daß Tränendrüse oder
Tränenkanal in Mitleidenschaft gezogen sein könnten. Meine Mutter
war sehr besorgt und so fuhren wir schließlich gemeinsam mit der Bahn
nach Berlin, das man damals von Belgard aus
in weniger als fünf Stunden Fahrzeit erreichte und wo wir wie schon
oft zuvor bei Onkel Walter Fraedrich wohnten,
der in der Stresemannstraße in der Nähe des Anhalterbahnhofes
Wohnung und Kanzlei hatte. In der Charité wurden nach eingehender
Untersuchung und einer Spülung meines Auges keine bleibenden Schäden
festgestellt, und so war ich mit einem Bluterguß, das heißt
im wahrsten Sinne des Wortes "mit einem blauen Auge" davongekommen.
In Hinblick auf den Sportunterricht erschien mir einzig das Schwimmen im
Sommer in der Badeanstalt
am Poetensteig erträglich, ja machte mir manchmal sogar Freude.
Weder zu Fräulein Kraul noch zu Fräulein Trepel entwickelte sich
für mich ein persönliches Verhältnis. Fräulein Trepel
traf ich auf einem unserer Klassentreffen (vielleicht in den achtziger Jahren)
wieder und hatte mit ihr ein nettes, ausführliches Gespräch, in
dem ich auch meine früheren Ängste erwähnte.
Fräulein Elfriede Barz, die wohl mit Fräulein Trepel befreundet
war - man sah sie jedenfalls oft zusammen - unterrichtete uns in den Fächern
Kochen, Ernährungslehre, Handarbeit und Gartenbau, welche einschließlich
Gesundheitslehre und Säuglingspflege die Schwerpunkte für den
hauswirtschaftlichen Teil unserer Schulform bildeten. Bis schließlich
im Keller unserer Schule eine schöne Lehrküche ausgebaut wurde,
fand der Kochunterricht u.a. in der Schulküche der Hindenburgschule
statt und wurde später in die
hauswirtschaftliche
Beratungsstelle am Anfang der Hindenburgstraße verlegt. Innerhalb
der vierstündigen Unterrichtseinheit "Hauswirtschaft" erfolgte
die Unterweisung in Ernährungslehre und weiteren hauswirtschaftlichen
Themen wie etwa Haus- und Wäschepflege meist vor dem praktischen Kochunterricht.
Die hier verwendeten Lebensmittel erhielt die Schule während des Krieges
über Bezugscheine oder Lebensmittelkarten. Dabei waren bestimmte Geschäfte
für den Einkauf vorgesehen, die Einkäufe wurden jeweils wechselnd
durch zwei von uns Schülerinnen besorgt. In der Schulküche wurden
wir von Fräulein Barz in Gruppen eingeteilt und die Zubereitung der
Speisen ausführlich besprochen. So standen dann an jedem Herd vier
Schülerinnen, die gemeinsam kochten, brieten und backten - und selbst
den Kuchen und das Weihnachtsgebäck nach Kriegsrezepten zubereiten
mußten. Die Gerichte waren von unserer Lehrerin vorgegeben, so daß
alle Gruppen die gleichen Speisen für ein gemeinsames Essen kochten
(wobei wir die verschiedenen Aufgaben innerhalb unserer Gruppe selbst verteilen
konnten). Danach deckten wir unter Anleitung von Fräulein Barz einen
großen Tisch im hinteren Teil der Schulküche, nahmen - mit ihr
am Kopfende - an der langen Tafel Platz und genossen die selbst gekochte
Mahlzeit. Von den nach Kriegsrezepten zubereiteten Gerichten habe ich auch
einige zu Hause hergestellt, so zum Beispiel die nicht nur bei uns beliebte,
wohlschmeckende Kartoffeltorte (mit etwas Mehl und viel gekochten Kartoffeln,
darauf Marmelade und gekrümelter Teig als Streuselersatz). Anläßlich
der Vorbesprechung zum Backen eines Hefekuchens konnte ich auch einmal Fräulein
Barz in Erstaunen versetzen, als ich das Verfahren meiner Großmutter
Elfriede Alverdes erwähnte, den Hefeteig
in kaltem Wasser statt in der Wärme "gehen" zu lassen. Dabei
wurde der Teig in eine große Serviette eingeknotet, um dann zum "Gehen"
in einen Eimer mit kaltem Wasser versenkt zu werden, bis sich das Ganze
nach vielleicht einer Stunde gedreht hatte und der Knoten nun oben war.
Obgleich ich betonte, dies schon mehrfach selbst beobachtet zu haben, erschienen
Fräulein Barz meine Erzählungen völlig unglaubwürdig,
denn für sie konnte ein Hefeteig ohne Wärme nicht gelingen. Für
den Handarbeitsunterricht stand im ersten Stock unserer Schule ein
entsprechender Raum zur Verfügung. Da wir uns während der praktischen
Arbeit unterhalten durften, war es hier außer bei den theoretischen
Unterweisungen oft recht laut. Ich erinnere mich besonders an Strickarbeiten
mit selbstentworfenen Mustern für einen Pullover, eine Mütze und
Fausthandschuhen, sowie Stickereien (Durchbruch, Hohlsaum) an
einer Bluse und an die Anfertigung eines mit der Nähmaschine genähten
Kleides. Dieses Kleid bereitete mir besondere Schwierigkeiten und so hatte
ich lange vermieden, es im Verlauf der Arbeit Fräulein Barz zu zeigen,
besonders weil ich es im Schnitt geändert hatte. Schließlich
bestand sie darauf, daß ich ihr das Kleid anläßlich eines
Besuches unseres Direktors Dr. Claus in unserem Handarbeitsraum endlich
vorführen sollte. Jedoch hatte ich das Kleid an diesem Tag natürlich
"vergessen", wurde aber postwendend nach Hause geschickt, um es
zu holen. Durch einige Verzögerungen unterwegs erreichte ich wenigstens,
daß der Besuch des Direktors schon vor meiner Rückkehr beendet
war und so das "Unglückskleid" nur noch Fräulein Barz
unter die Augen kam - und wider meine Erwartung dann doch noch ihre Gnade
fand. Die theoretische und praktische Unterweisung in Säuglingspflege
erfolgte durch unsere Biologielehrerin Fräulein Albany und fand im
Biologieraum unserer Schule statt. Bei den praktischen Übungen bedienten
wir uns einer Puppe. Diese Unterrichtseinheit diente als Vorbereitung auch
für unser erstes Praktikum, das ich im Sommer
1942 im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt "Salem"
am Fuße des Gollen in Köslin ableistete. Im Fach Gartenbau,
das bei uns im Jahre 1941 oder 1942 auf dem Stundenplan gestanden haben
muß, unterrichtete uns wiederum Fräulein Barz. So gingen wir
im Frühjahr und Sommer vielleicht einmal pro Woche zum Schulgarten,
der fünf Minuten von unserem Schulgebäude entfernt an der Luisenstraße
Ecke Wilhelmstraße gegenüber dem Haus meiner früheren Freundin
Annemarie Krüger lag. Er war erst einige
Jahre zuvor in der Nachbarschaft des Sägewerkes Dallmann angelegt worden
und umfaßte einige Beete, die von uns Schülerinnen mit Gemüse
bestellt wurden. Jedoch war die Fläche für eine Klasse insgesamt
viel zu klein, nur wenige von uns konnten auf den Beeten auch tatsächlich
mit Hacke und Spaten arbeiten, die übrigen mußten zusehen. So
habe auch ich oft gelangweilt danebengestanden und mich mit Klassenkameradinnen
unterhalten. Vielleicht haben wir dort Mohrrüben und Spinat gesät,
die dann von uns im Kochunterricht in der Schulküche verarbeitet wurden.
An entsprechende theoretische Unterweisungen kann ich mich heute nicht mehr
erinnern, Fräulein Barz begleitete uns damals lediglich auf dem Weg
dorthin und gab uns im Schulgarten die erforderlichen Arbeitsanweisungen.
Fräulein Wallis, eine ältere Lehrerin, die schon viele Jahre
am Lyzeum unterrichtet hatte, erteilte bei uns in den ersten zwei Jahren
evangelischen Religionsunterricht. Ich hatte ihre Gunst verloren,
als ich veranlaßt durch eine Bemerkung meiner Banknachbarin den Unterricht
mit einem Lachanfall störte. Als das Lyzeum dann 1939 in eine Oberschule
für Mädchen (hauswirtschaftliche Form) umgewandelt und schließlich
Anfang des Krieges das Fach Religion aus dem Lehrplan gestrichen wurde,
unterrichtete sie uns ab der Oberstufe (Sommer 1941) in dem neuen Fach Beschäftigungslehre.
Neben dem Umgang mit Kindern und der Beschäftigung größerer
Gruppen (z.B. in Kindergärten, bei Kinderfesten usw.) wollte sie uns
wohl auch Grundzüge der Psychologie nahebringen. Wir konnten mit dem
von ihr verwendeten Fachjargon jedoch nur wenig anfangen, und auch von den
Schülerinnen der nächsthöheren Klasse, mit denen wir gemeinsam
unterrichtet wurden, dabei keine Hilfe erwarten. Allerdings glaube ich nicht,
daß wir dieses Fach die gesamte Oberstufe hindurch hatten, sondern
vielleicht nur für ein oder zwei Jahre, wobei der Stoff bei mir zudem
nur wenige, konfuse Eindrücke hinterließ.
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Herr Utech bei einer
Zeichenstunde im Freien |
Der Zeichen- und Kunstunterricht war geprägt von der Person
unseres damaligen Lehrers, des von uns allen verehrten Belgarder Bildhauers
und Studienrates Joachim Utech (1889-1960). Er stammte aus einer alten Belgarder
Familie, die seit mehreren Generationen als Baumeister in Belgard gewirkt
hatte. Nach Erinnerung meines Vaters war auch unser
Haus in der Marienstraße
Ende des 19. Jahrhunderts von
Utechs
Großvater Wilhelm erbaut worden, der dem Enkel, wie ich später
in seinen Erinnerungen las, wohl die Neigung zur Bildhauerei vererbt hatte.
Die meisten Belgarder, die in Bezug auf Kunst doch recht konservativ eingestellt
waren, betrachteten Utech wohl als Außenseiter. So fand seine nach
eigenen Entwürfen in den zwanziger Jahren gebaute Villa am Mükepark
oder die Flora, eine Skulptur in der
Steingartenanlage
hinter dem Schwimmbad, aber auch die von einem weiteren berühmten Sohn
Belgards, dem Architekten und Stadtplaner Prof. Dr. Ing. Hans Bernhard Reichow
in den Jahren 1928/29 errichtete
Reihenhaussiedlung
an der Polziner Straße, wenig Gnade vor ihnen. Er aber zeigte uns
bei einem Lehrgang zu diesen Siedlungshäusern, daß hier etwas
Modernes, der Zeit Angemessenes entstanden war, das man erheblich positiver
betrachten konnte als es unsere Eltern taten. Im Kunstunterricht der Oberstufe
öffnete er uns die Augen für die Malerei und die bildende Kunst
des 20. Jahrhunderts, wobei er bei der Auswahl der Werke und Künstler
manchmal wohl auch die Grenzen überschritt, die im Nationalsozialismus
allein schon durch die Lehrpläne vorgegeben waren (wobei der Schwerpunkt
unserer gemeinsamen Betrachtungen jedoch auf der klassischen Antike und
dem 19. Jahrhundert lag). Obgleich ich beim Zeichnen und Malen nur den Minimalanforderungen
genügen konnte, beeindruckten mich die kunstgeschichtlichen Betrachtungen
und Erläuterungen tief, die er uns zuteil werden ließ. Auch zeigten
nicht alle Lehrer so viel und Großzügigkeit wie er. Manchmal,
wenn wir zum Zeichnen nach draußen gingen und mir das Thema bzw. das
zu zeichnende Motiv nicht zusagte, drückte ich Annemarie mein Klappstühlchen,
das ich wie alle anderen im Freien dabei hatte, in die Hand und ging nach
Hause. Herrn Utechs Großzügigkeit ging so weit, daß er
eine Entfernung von uns Schülerinnen während einer solchen Unterrichtsstunde
im Freien stillschweigend tolerierte. Es kamen danach von seiner Seite weder
Mahnungen noch Fragen nach den Gründen. Bei einem dieser Spaziergänge
zum Zeichnen im Freien ließ er sich mit meiner Klasse einmal in der
Marienstraße vor unserem Haus nieder, um den Blick auf das Alte Rathaus
festzuhalten. Mein Vater, der aus dem Laden gekommen war, beobachtete Herrn
Utech, wie er mit rascher Hand eine Skizze auf das Papier warf und erbat
sich diese Zeichnung von ihm. In der nächsten Zeichenstunde gab mir
Herr Utech dann eine ganze Mappe voller Skizzen (Bleistift mit Buntstift)
für meinen Vater mit. Ich entsinne mich an Ansichten vom Alten und
vom Neuen Rathaus, vom Hohen Tor, von Partien an der Stadtmauer, vom Strillengang.
Auch diese Skizzen des Künstlers mußten wir bei unserer
Vertreibung
aus Belgard im Januar 1946 zurücklassen. Was wohl aus ihnen geworden
sein mag....
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Unser Musiklehrer
Hans Rogausch |
Der Musikunterricht fand bei uns in der Aula statt, in der auch ein
Flügel stand. An unseren frühen Musiklehrer Herrn Freude habe
ich nur wenige Erinnerungen, desto mehr aber an Hans ("Hänschen")
Rogausch, der uns ab Ende der dreißiger Jahre musikalisch betreute.
Er war ein junger, musikbegeisterter, uns Schülerinnen gegenüber
sehr großzügiger Lehrer, der vielen von uns, obwohl vom Äußeren
her nicht besonders attraktiv, durch sein sympathisches Wesen Anlaß
zu mädchenhaftem Schwärmen gab. Nicht nur für mich waren
es schöne Stunden, wenn wir gemeinsam sangen oder von ihm in große
Werke der Musikgeschichte eingeführt wurden, so zum Beispiel in "Der
Freischütz" und "Die Zauberflöte", oder auch "Das
Rheingold" und "Die Walküre" aus "Der Ring des
Nibelungen", wobei er uns die Themen auf dem Klavier vorspielte, wir
die Texte lasen und die Musik von Schallplatte hörten (dennoch gelang
es ihm nicht, mir meine Abneigung gegen Wagners Musik zu nehmen). In der
Notenlehre hatte ich Defizite, denn ich spielte kein Instrument, und hatte
somit auch keine Gelegenheit, mich außerhalb des Musikunterrichtes
mit Noten zu beschäftigen. In den Chorstunden sangen wir überwiegend
Volks- und Kunstlieder, aber auch Lieder aus Opern. Zu unseren schönsten
Stücken, die wir auch noch im vorgerückten Alter bei Klassentreffen
anstimmten, gehörte das Lied der drei Knaben "Bald prangt den
Morgen zu verkünden" aus der Zauberflöte. Auch heute noch
fallen mir immer wieder Lieder ein, die wir damals gesungen haben, etwa
"Ännchen von Tharau", "Wem Gott will rechte Gunst erweisen",
"Komm lieber Mai", "Nun will der Lenz uns grüßen",
"Hab oft im Kreise der Lieben", "In dunkler Nacht, zur ersten
Wacht", "Alle Birken grünen in Moor und Heid" oder Wiegenlieder
wie "Schlafe mein Prinzchen schlafe ein", "Guten Abend, gute
Nacht", "Schlafe, schlafe holder süßer Knabe"
- jedoch auch nationalsozialistisches Liedgut gehörte damals zu unserem
Repertoire. Als ich erfuhr, daß Herr Rogausch privaten Nachhilfeunterricht
in Mathematik erteilte, überzeugte ich meine Mutter, daß ich
in diesem Fach Unterstützung benötigte. Meine lediglich "ausreichenden"
Leistungen in Mathematik (Note 4) gaben hier den gewünschten Anlaß,
und ich meldete mich bei dem angeschwärmten Lehrer als Nachhilfeschülerin
an. Leider erwiesen sich diese Stunden, die in seiner Wohnung im Haus von
Kaufmann Krüger Ecke Pankniner Straße / Luisenstraße direkt
gegenüber von unserer Schule stattfanden, als ziemlich langweilig,
denn nach kurzen Erklärungen überließ er mir die gestellten
Aufgaben und verschwand regelmäßig im Nebenzimmer, um nach einiger
Zeit wiederzukehren und die Lösungen zu überprüfen.
Auch hatte diese mehrere Monate andauernde Förderung keine positive
Auswirkung auf meine Noten bei Fräulein Berkholz, unserer Mathematiklehrerin.
Auf dem Schulhof sahen wir Herrn Rogausch in den Pausen häufig mit
unserer Biologielehrerin Fräulein Albany zusammenstehen und waren schließlich
etwas enttäuscht, als wir hörten, daß er eine Freundin (vielleicht
war sie auch seine Verlobte) in Schivelbein hatte. Bald darauf heiratete
er. Der bei uns Schülerinnen sehr beliebte Lehrer wurde nach den ersten
Kriegsjahren doch noch zur deutschen Wehrmacht eingezogen (vielleicht 1943);
auch er besuchte uns wieder bei Klassentreffen nach dem Kriege. Ob wir von
seiner Einberufung bis zu unserer Abiturprüfung im Januar / Februar
1944 weiterhin Musikunterricht hatten, kann ich heute nicht mehr sagen.
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Mit Fräulein Büttner In der vierten
Klasse der Oberschule 1940 |
Studienrätin Fräulein Gertrud Ellmann war, wenn ich mich recht
erinnere, während der ersten Jahre auf dem Lyzeum unsere Klassenlehrerin
und unterrichtete uns in Französisch, unserer ersten Fremdsprache,
und später auch in unserer zweiten Fremdsprache Englisch. Sie
bedauerte sehr, daß das Fach Französisch vielleicht nach dem
dritten Jahr vom Lehrplan verschwand, weil für uns in Hinblick auf
die hauswirtschaftliche Ausrichtung unserer Schule eine Fremdsprache, und
das war dann Englisch, genügen sollte. Sie bot aber den interessierten
Schülerinnen wöchentlich ein bis zwei Stunden freiwilligen Französischunterricht,
an dem auch ich gerne teilnahm. Allerdings bestand dieses Angebot nicht
sehr lange. An die Französischstunden habe ich viel mehr Erinnerungen
als an den Englischunterricht - hier fällt mir nur noch die gemeinsame
Lektüre des Dramas "Julius Caesar" von William Shakespeare
ein - und ich denke noch heute gerne an die französischen Märchen
und Lieder sowie an eine Lektüre etwa von Prosper Mérimée
(Mateo Falcone) zurück, deren Handlung in der Macchia auf Korsika spielte.
Fräulein Ellmann war mit meiner Mutter bekannt, sie sprachen wohl auch
manchmal über mich. Sie hielt mich für den Lehrerberuf geeignet,
was ich selbst unmöglich fand und damals keinesfalls wollte, zum Teil
auch deshalb, weil ich ihre Schwierigkeiten in Bezug auf Disziplin kannte.
Nach der schriftlichen Abiturprüfung verriet sie meiner Mutter, daß
mein Deutschaufsatz sehr gut bewertet worden war. Ich habe mich in ihren
Stunden immer wohl gefühlt und auch bei Versagen keine Ängste
gehabt. Als wir einmal in Englisch als Klassenarbeit
eine Nacherzählung zu schreiben hatten, saß neben mir Christel
Ristow, eine Leuchte in Englisch, und hinter mir Cordula Uckeley. Wir drei
hatten eine Passage in völlig gleichem Wortlaut geschrieben, auch mit
derselben falschen Wendung ("go off", wo es aber "went on"
heißen mußte). Für Fräulein Ellmann war es ganz klar,
daß Cordula und ich von Christel abgeschrieben hatten, wir bekamen
deshalb eine 5 (oder war es eine 6?). Christel aber wußte natürlich,
daß sie von mir abgeschrieben hatte, und wurde von ihren Gefühlen
hin- und herrissen, die sie einerseits antrieben, Fräulein Ellmann
die Situation zu erklären und dadurch eine schlechte Note zu erhalten,
und andererseits von der Angst vor einer häuslichen Katastrophe durch
ihren strengen Vater, der in dem kleinen Dorf Ristow bei Belgard Lehrer
war. Nachdem unsere Klassenkameradinnen davon erfahren hatten, bedrängten
sie Christel, die Angelegenheit bei Fräulein Ellmann richtigzustellen.
Christel heulte ganz furchtbar und wir anderen heulten mit, die Tränen
flossen auch dann noch, als wir mit unseren Fahrrädern den Poetensteig
entlang zum Schwimmbad
fuhren, in das unsere Turnstunde verlegt worden war. Nach der Schwimmstunde
gingen wir gemeinsam zu Fräulein Ellmann und Christel erzählte
den wahren Hergang. "Trudchen" Ellmann aber wollte das so nicht
glauben, sondern lobte Christel wegen ihres kameradschaftlichen Verhalten,
mit dem sie die Schuld auf sich nehmen wolle und schickte uns unverrichteter
Dinge fort. Ich tröstete die heulende Christel und erklärte ihr,
daß ich mit meinen Eltern wegen einer schlechten Note keine Probleme
bekäme, und daß wir die Sache ruhen lassen sollten. Danach blieb
bei mir jedoch ein kleiner Stachel gegen Fräulein Ellmann zurück.
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| Mit Schulfreundinnen im Mükepark |
Nach Annemarie Krüger aus der Wilhelmstraße war mir meine Mitschülerin
Christel Ristow über einige
Jahre eine enge Freundin. "Christel Ristow aus Ristow am Ristower See"
war die Tochter des Lehrers Paul Ristow im Dörfchen Ristow in der Nähe
des Ristower Sees etwa 7 km südlich von Belgard. Sie war
Fahrschülerin, kam morgens und fuhr meistens auch mittags mit dem Postbus
nach Hause; manchmal holte ihr Vater sie mittags mit dem Auto, einem Opel,
ab. Etwas seltener kam sie zu uns, ich aber fuhr mehrmals mit nach Ristow,
wo wir uns im Schulhaus, im Garten und an der vorbeifließenden Persante
beschäftigten. Als wir etwas älter waren, versuchten wir uns in
ihrem Mansardenzimmer zu schminken, wobei das "Erdbeerrot", das
Frau Ristow beim Einmachen von Erdbeeren verwendete, den Lippenstift ersetzen
mußte. Christel spielte schön Klavier und führte mir auch
einmal einen Klavier spielenden Bauernsohn aus Ristow vor, der sichtlich
für sie schwärmte. Unsere Gespräche und Unternehmungen spielten
sich hauptsächlich in Schulpausen und nach dem Unterricht ab, zum Beispiel
wenn sie auf den Bus wartete. Christel war ein hübsches und intelligentes
Mädchen, leistungsstark und ehrgeizig. Sie war damals schon weiter
entwickelt und ich konnte ihr Interesse an Jungen und Männern mit ihr
nicht teilen. Nach der Einberufung ihres Vaters zur Wehrmacht Anfang der
vierziger Jahre zog ihre Mutter mit ihr nach Belgard, wo sie ein Zimmer
in der Lindenstraße bewohnten. In dieser Zeit kam ich nur noch selten
mit ihr zusammen, weil ich damals schon mit Ellinor Gneist und Marie-Luise
Beilfuß befreundet war. Näheren Kontakt bekam ich mit ihr erst
 |
| Christel Ristow |
wieder, als wir 1943 gemeinsam mit weiteren Mitschülerinnen eine
Gruppe von jungen Soldaten, die von
der Front abkommandiert waren und in der Belgarder
von-Scholtz-Kaserne
einen ROB-Lehrgang machten, kennenlernten und uns mit ihnen regelmäßig
trafen. Als ich 1946 nach der Vertreibung
aus der Heimat in die DDR kam, erfuhr ich brieflich von anderen ehemaligen
Klassenkameradinnen, daß Christel bereits 1945 in Greifswald an Typhus
verstorben war. Das war für mich der erste Verlust eines jüngeren
Menschen, der mir einmal nahegestanden hatte.
 |
Unser 10-jähriges
Schuljubiläum 1942 |
Auf welche Weise sich in meinen Jahren auf dem Lyzeum ein enger Kontakt,
ja eine Freundschaft zu Ellinor Gneist ergab, weiß ich heute nicht
mehr. Sie stammte aus Groß Tychow, wo ihr Vater die Molkerei leitete,
hatte zunächst ein Gymnasium in Köslin mit Latein als erster Fremdsprache
besucht und kam in der Quinta zu uns auf die Schule nach Belgard, weil die
Eltern ihr das abendliche Heimkommen ermöglichen wollten, denn das
Leben sechs Tage die Woche in einem Pensionat konnte dem sensiblen Kind
auf Dauer nicht zugemutet werden. So kam sie täglich mit einigen anderen
Schülerinnen aus Groß Tychow mit der Bahn nach Belgard, wo in
unserer Schule ein Klassenraum als Aufenthaltsraum für die Fahrschülerinnen
eingerichtet war. Wahrscheinlich war unsere Liebe zur Literatur und hier
besonders zur Lyrik der Anlaß, daß wir aufeinander zugingen.
Die musikalische Ellinor hatte bereits eine Freundschaft zu Marie-Luise
Beilfuß (genannt Marli) aufgebaut; beide fühlten sich durch ihr
Klavierspielen sehr verbunden. Zu diesem Duo stieß nun ich, wobei
die Beziehung zu Ellinor immer die intensivere war und blieb. Ich hörte
sie sehr gern Mozart spielen, mein Lieblingsstück und spezieller Wunsch
war meistens ein Satz mit dem Thema "Alla Turca" aus der A-Dur-Sonate.
Bei einem Besuch mit Übernachtung in Groß Tychow wurden dann
all meine Musikwünsche erfüllt. Auf dem Klavier in unserem Haus
in der Marienstraße war das nicht möglich, denn meine Mutter
spielte nur noch in der Adventszeit einige Weihnachtslieder für uns
und zudem war das Instrument, wie Mutti sagte, recht verstimmt. Und ich
selbst war trotz des Drängens meiner Mutter nicht bereit, Klavierspielen
zu lernen, weil ich mich für vollkommen unmusikalisch hielt. Ellinor
war insgesamt eher ernst und zurückhaltend, konnte aber auch sehr fröhlich
und albern sein. Ihre Äußerungen zu Literatur und Philosophie
im Deutschunterricht bei Fräulein Büttner kamen mir oft vor, als
ob ich sie selbst getan hätte. Ellinor übernachtete öfter
bei uns, sei es wegen unserer gemeinsamen Teilnahme an einem Konzert in
der von-Scholtz-Kaserne
mit Uwe Hoelscher, einem damals schon sehr bekannten Cellisten, einem Kirchenkonzert
unter der Leitung von Kantor Reichelt mit Frau Beilfuß, der Mutter
von Marli, als Solistin (Sopran), unserer gemeinsamen Arbeit beim "Kartoffelracken"
bei einem Belgarder Ackerbürger in der Friedrichstraße im Rahmen
eines Kriegseinsatzes im Herbst 1943 und zuletzt anläßlich der
Treffen mit den jungen Soldaten aus dem Reserveoffiziersbewerber-Lehrgang,
die fast immer in unserer Wohnung in der Marienstraße stattfanden.
Ellinor schlief dann im Zimmer von Omi Frieda Alverdes, die bereits in den
ersten Kriegsjahren wegen ihres Rheumaleidens in ein anderes Zimmer unserer
Wohnung umquartiert worden war. Nach dem Abitur standen wir während
Ellinors Arbeitsdienstzeit in Briefwechsel, so daß ich aus ihren Schilderungen
entnehmen konnte, daß sie an ihrem Einsatzort, einem entfernten pommerschen
Dörfchen, durch die schwere körperliche Landarbeit gesundheitliche
Probleme bekommen hatte und deshalb als "Schulhelferin" in einer
Landschule eingesetzt war. Durch das Kriegsende wurden wir getrennt, wobei
sie nach Ende des Krieges und ihrer Entlassung aus dem Arbeitsdienst in
die sowjetische Besatzungszone nach Jena zu einer Tante oder Freundin ihrer
Mutter kam. Von dort aus besuchte sie uns in Halle an der Saale. Nachdem
sie später die Adresse ihrer Mutter in Westdeutschland gefunden hatte,
übersiedelte sie Ende der vierziger Jahre zu ihr nach Hannover. Zu
meiner Freude sah ich sie noch öfter bei Klassentreffen, an
denen auch ich seit den siebziger Jahren teilnahm. Denn nach dem Kriege
fanden sich sehr schnell einige aus unserer Klasse zusammen, die in Westdeutschland
eine neue Heimat gefunden hatten und sich dort regelmäßig trafen.
Die Treffen fanden zunächst noch unorganisiert statt, und bereits in
den ersten Nachkriegsjahren wurde ein Klassenrundbrief ins Leben gerufen,
der uns über viele Jahrzehnte bis heute begleitet hat und auch die
ehemaligen Mitschülerinnen in der DDR erreichte (das waren Hannelore
Piper in Naunhof, Cordula Uckeley in Ost-Berlin und ich selbst in Halle
an der Saale). Nachdem ich im Jahre 1955 von einem Besuch bei meiner Tante
in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrt war, in der Bundesrepublik
geheiratet und eine Familie gegründet hatte, stieß auch ich zu
meinen Klassenschwestern dazu und sah sie so alle wieder - einschließlich
unserer Lehrer Fräulein Büttner, Fräulein Ellmann, Fräulein
Kraul, Herr Rogausch, Fräulein Trepel und Fräulein Barz, die an
den Klassentreffen teilweise noch bis in die achtziger Jahre hinein teilnahmen.
Dabei wurden die Treffen von uns reihum an den jeweiligen Wohnorten der
Teilnehmerinnen organisiert (so etwa 1998 von mir in Wiesbaden), nach der
Jahrtausendwende übernahm schließlich meine Klassenkameradin
Bärbel Haverland geb. Dumjahn diese Aufgabe, sodaß wir uns
jedes Jahr im Hotel Peter in Veckerhagen trafen, das sie schon zuvor mit
verschiedenen anderen Gruppen besucht hatte. Aufgrund seiner herrlichen
Lage an der Weser, den sympathischen Besitzern und der guten Unterbringung
fühlten wir uns diesem Ort schon bald sehr verbunden, was auch immer
wieder zur angenehmen Atmosphäre während unseres dreitägigen
Zusammenseins beitrug.
 |
| Auf einem Schulausflug bei Boissin |
Meine Begleiterin auf dem morgendlichen Schulweg zum Lyzeum war Susi Dreyer,
die Tochter des Inhabers
eines Textilgeschäftes an der Ecke Torstraße / Marienstraße
unweit unseres Hauses. Ich klingelte morgens bei ihr "lang, kurz, kurz"
und wartete vor der Haustür auf sie. Manchmal erschien sie noch nicht
ganz fertig für die Schule auf dem Balkon, in der Hand das Frühstücksbrötchen
von Bäcker Papke in der Torstraße nebenan und rief mir zu: "Lorchen,
geh' doch schon vor; ich komme gleich nach!" Und die sportliche Susi
holte mich in der Ritterstraße oder in der Jägerstraße
so schnell ein, daß wir noch manches besprechen oder austauschen konnten,
bevor wir die Oberschule am Mükepark / Ecke Luisenstraße erreichten,
so zum Beispiel über Arbeiten, Noten, Lehrer, und im Winter 1943/44
natürlich auch über die Angst vor der bevorstehenden Abiturprüfung.
In den letzten Wochen davor war die erste Frage immer: "Hast Du gestern
viel gearbeitet?" Und meistens bestand die Antwort darauf aus Erklärungen,
daß man durch so viel anderes, das man noch unbedingt vorher tun "mußte",
wieder einmal davon abgehalten worden war. Für uns beide war dann ein
kleiner Trost, daß es der jeweils anderen genauso ergangen war. Einige
Male war ich bei Susi in der Wohnung ihrer Eltern, einer wirklichen Beletage
im ersten Stock über dem Geschäft, und staunte dort über
den großzügigen Stil dieses schönen Gebäudes, das auch
im Inneren durch die hintereinander liegenden, durch Flügeltüren
verbundenen großzügigen Zimmer den Eindruck eines kleinen städtischen
Patrizierhauses erweckte. Der Clou des Hauses war das
Türmchen,
das an der Ecke der Torstraße / Marienstraße das Dach krönte
und in dem Susi ihr Reich hatte - allerdings nur im Sommer, denn dieses
"Turmzimmer" war nicht beheizbar. Leider habe ich das Türmchen
immer nur von außen bewundern können. Unsere beiden Mütter
wollten wohl, daß Susi und ich richtige Freundinnen würden, aber
wir waren zu verschieden, als daß wir auf die Dauer wirklich etwas
miteinander anfangen konnten. Wenn ich zu Hause sagte, daß ich zu
meiner Freundin Annemie gehen wollte, um zusammen Schularbeiten zu machen,
in Wirklichkeit aber ins Kino strebte, meinte meine Mutter oft, daß
ich die Arbeit ja auch bei Susi machen könne. Da Dreyers jedoch wie
wir Telefon hatten, war mir die Ausrede mit Annemarie Krüger sicherer,
weil ihre Eltern keinen Telefonanschluß hatten. Susi holte auch öfter
bei uns in den Bierstuben
in einem Siphon frischgezapftes Bier (Dortmunder Union) für ihren Vater.
Einige Male begegnete sie dabei meinem Urgroßvater
Karl Fraedrich,
der auf dem Bürgersteig der Marienstraße seinen kleinen Spaziergang
machte. Wie sie mir später erzählte, war sie damals von der Sicherheit
des blinden Mannes beeindruckt, die ihr ebenso ungewöhnlich erschien
wie das schwarze Käppchen, mit dem sie ihn manchmal bei uns im Hof
auf der Galerie sitzen sah und das er nicht nur im Hause, sondern bei gutem
Wetter auch auf der Straße trug.
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Auch wir mußten für das
Winterhilfswerk sammeln |
Während der Schulzeit war ich wie alle Mädchen meines Jahrganges
bei den Jungmädeln (JM) und dann ab dem Alter von 14 Jahren im Bund
deutscher Mädel (BDM). Ich erinnere mich hier vor allem an langatmige
politische Schulungen, den Einsatz bei Straßensammlungen
für das Winterhilfswerk (WHW) oder an den von mir gehaßten
Sport. Denn ich war im Gegensatz zu vielen meiner Mitschülerinnen ausgesprochen
unsportlich, auch die wöchentlichen Heimabende waren zum größten
Teil sehr langweilig und bei den Straßensammlungen stand mir meine
Schüchternheit im Wege. Einzig die Heimabende in der Jungmädelzeit,
bei denen viel gebastelt wurde, stießen bei mir auf Interesse. Dort
standen Laubsäge- und Klebearbeiten bei der Anfertigung von Kinderspielzeug,
etwa für bedürftige Familien, für das WHW oder die Nationalsozialistische
Volkswohlfahrt (NSV), im Mittelpunkt. Dabei hatten wir unser Heim vorübergehend
(vielleicht für ein Jahr) auch im Oberstock des
Hohen
Tors unweit meines Elternhauses. Zu meiner BDM-Zeit glich der Dienst
dann eher einer "Massenveranstaltung", die im Zeichensaal unserer
Schule stattfand, wo mehrere "Schar"-Gruppen zusammenkamen, um
gemeinsam indoktriniert zu werden. Zusammen mit meiner Klassenkameradin
Hannelore Piper, mit der ich zu einer Schar gehörte und bei derartigen
Veranstaltungen meistens gemeinsam in der letzten Reihe saß, verdrückte
ich mich häufig - etwa wenn die Vorträge und das Liedersingen
kein Ende nehmen wollte - in den nahegelegenen Mükepark und dann langsam
nach Hause, so daß unsere Eltern keinen Verdacht schöpfen konnten.
Als Schülerinnen einer höheren Schule sollten wir möglichst
alle Jungmädel-Führerinnen für die unteren Jahrgänge
werden. Ich erinnere mich, daß eines Tages eine höhere BDM-Führerin
bei uns in der Klasse erschien und sich nach dem Stand der Dinge erkundigte.
Dabei stellte sich heraus, daß - im Gegensatz zu mir selbst - viele
meiner Klassenkameradinnen bereits JM-Führerinnen waren. Die Gründe
für meine Verweigerung lagen jedoch weniger in einer grundsätzlichen
Ablehnung dieser Jugendorganisation, sondern in meinem Widerwille gegen
den allgegenwärtigen
Sport und den äußerst langweiligen Dienst, sowie in meiner
Unfähigkeit andere "anzuführen", so daß mich hier
u.a. wieder meine Introvertiertheit vor der Übernahme derartiger Funktionen
zurückschrecken ließ. Auch im Radio hörte man in den Nachrichten,
Kommentaren und den Übertragungen von Großveranstaltungen ausschließlich
Lobpreisungen unseres Führers, seiner treuen Vasallen und unserer siegreichen
Wehrmacht - selbst noch in den letzten Monaten des Krieges. In der Mittagszeit
hatte im Großdeutschen Rundfunk Chefkommentator Hans Fritsche das
Wort, dessen Polemik sich gegen eine feindliche Welt richtete, die Deutschland
umgab und auch die Feinde im Inneren nicht aussparte. Weiterhin kann ich
mich an die Radioübertragung einer Rede von Adolf Hitler in unserer
Schule erinnern, wobei sich alle Klassen in der Aula versammeln mußten.
Im Unterricht durchzog die nationalsozialistische Ideologie sämtliche
Fächer, vor allem Deutsch, Geschichte und Biologie (Vererbungslehre,
Rassenkunde) waren hiervon betroffen, aber auch Erdkunde mit geopolitischen
Themen, Hauswirtschaftslehre und Chemie mit Bezügen zur angestrebten
Autarkie Deutschlands, oder Englisch mit eigens für den Sprachunterricht
aufgelegten englischsprachigen Propagandazeitungen. Hatte zu Beginn meiner
Oberschulzeit im Jahre 1936 die Woche noch für alle Schüler mit
einer religiösen Andacht in der Aula begonnen, so wurde diese bald
durch Worte des Führers und nationalsozialistisches Liedgut bzw. durch
einen entsprechenden Fahnenappell auf dem Schulhof abgelöst. Bereits
kurz nach der Machtübernahme 1933 wurde uns der sogenannte Eintopfsonntag
beschert: Während des Winterhalbjahres sollte an jedem ersten Sonntag
des Monats statt eines aufwendigen Sonntagsessens in allen Haushalten ein
einfaches Eintopfgericht auf den Tisch kommen, das nicht mehr als 50 Pfennig
kosten durfte. Das hierdurch eingesparte Geld sollte dem WHW (Winterhilfswerk)
gespendet werden und auf diese Weise Bedürftigen zu Gute kommen. Die
Spenden wurden von Mitarbeitern der NSV eingesammelt, wobei wohl der Blockwart
mit einer Sammelbüchse von Tür zu Tür ging (daran kann ich
mich jedoch für unser Haus bzw. unsere Straße nicht erinnern).
Diese Idee fand in meiner Familie und in unserem Bekanntenkreis durchaus
Zustimmung. Auch stand vor allem zu Beginn der Sammelaktionen
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Propaganda für den
Eintopfsonntag (1935) |
im Herbst eine Gulaschkanone mit Eintopf auf dem Marktplatz, von der wir
wie viele andere Leute aus unserem Viertel einen Topf voll holten. Jedoch
kehrten nicht nur wir schon bald zu unserem traditionellen Sonntagsbraten
zurück, bei dem dann auch der obligatorische, insbesondere bei uns
Kindern sehr beliebte Schokoladenpudding nicht mehr fehlen durfte (was ich
vor allem daran ermessen kann, daß die Unterbrechung der Pudding-Kontinuität
bei uns nur sehr kurz währte). Und inwieweit beim Eintopfsonntag das
Prinzip der Freiwilligkeit galt, und ob vielleicht auch "Schnupperspione"
eingesetzt wurden, die am Sonntag auf der Suche nach Bratendüften um
die Häuser streiften, kann ich heute nicht mehr sagen.
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Vierwöchiger Dienst im
Kindergarten (1941) |
In den ersten Kriegsjahren wurde der Unterricht durch ergänzende Praktika
unterbrochen, etwa im Herbst 1941 für mich im Kindergarten der NSV
(Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) in Belgard im
Kleist-Retzow-Stift
an der Luisenstraße und in den Sommerferien 1942 im Säuglingsheim
der evangelischen Diakonissenanstalt "Salem" am Fuße des
Gollen in Köslin, anschließend für einen längeren Kriegseinsatz
von Ende August bis Anfang November gemeinsam mit meiner Klassenkameradin
Magdalene Nest in einem Gutshaushalt bei der Familie von Altenbockum in
Muttrin in der Nähe von Groß Tychow, wo wir vor allem in der
Küche und im Garten halfen und die Hühner und Enten versorgten.
Im Herrenhaus des Restgutes, wo wir in einem Zimmer im ersten Stock unsere
Schlafgelegenheiten hatten, lebten noch Herr und Frau von Altenbockum (von
den Bediensteten "Muttchen" und "Vatchen" genannt) mit
ihrer ältesten Tochter, welche die Gutsgärtnerei führte.
Die jüngere Tochter kam öfter am Wochenende aus Schivelbein zu
Besuch, die Söhne standen als Soldaten an der Front. Außer uns
Schülerinnen waren nur noch zwei Mädchen in der Küche und
im Haushalt beschäftigt, die verbliebenen Landarbeiter wurden bei der
Bewirtschaftung des Gutes von zwei französischen Kriegsgefangenen unterstützt.
Auf einige Einzelheiten aus dieser Zeit in Muttrin kann ich mich auch heute
noch genau besinnen, so etwa an die kräftezehrende Gartenarbeit, besonders
an die Mühen mit der schwerbeladenen Schubkarre oder an die Hilfe für
eine alte, gebrechliche Witwe eines Gutstagelöhners. Wir wurden damals
von Frau von Altenbockum, die sich als Gutsherrin auch für die Hinterbliebenen
ihrer Landarbeiter verantwortlich fühlte, zur Kate der alten Frau geschickt,
um in deren Garten Kartoffeln auszumachen ("Kartoffeln racken").
Die alte Frau war für unsere Hilfe sehr dankbar und hatte uns, als
wir verfroren und völlig durchnäßt unsere Arbeit beendet
hatten, in ihrer Küche mit viel Liebe einen Pudding gekocht und mit
heißer Ziegenmilch übergossen - für mich jedoch ein äußerst
furchtbarer Geschmack, so daß ich das Ganze nur mit größter
Überwindung hinunterwürgen konnte. 1942 konnte ich mir solche
Vorbehalte noch erlauben, einige Jahre später, in den ersten, schlimmen
Hungerjahren nach dem Kriege, hätte ich diese Ziegenmilch dagegen mit
Heißhunger vertilgt. In Muttrin kam ich auch zum ersten Mal mit Kriegsgefangenen
in Berührung: Mit zwei jüngeren Franzosen, die aus einem Lager
täglich zur Arbeit auf das Gut der Familie von Altenbockum kamen und
als Kriegsgefangene ihr Mittagessen, wie damals vorgeschrieben, nicht gemeinsam
mit den Deutschen einnehmen durften, sondern im Gesindezimmer neben der
Gutsküche verzehrten. Meine Klassenkameradin Leni oder ich brachten
ihnen jeweils das Essen und versuchten manchmal, in unserem Schulfranzösisch
einige Worte mit ihnen zu wechseln. Vor dem Erntedankfest schickte uns Frau
von Altenbockum zum Pfarrer, um ihn beim Ausschmücken der Dorfkirche
zu unterstützen. Wir waren schließlich recht stolz auf uns, als
wir die Arbeit beendet hatten und den mit Blumen, Feld- und Gartenfrüchten
geschmückten Altarraum vor uns sahen. Für meine Mitschülerinnen
schloß sich in den Sommerferien 1943 ein weiteres Praktikum in Form
eines mehrwöchigen Dienstes bei kinderreichen Familien in Belgard und
Umgebung an, woran ich jedoch nicht teilnehmen konnte, da ich zu dieser
Zeit krank war.
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Dienst im Säuglingsheim der
Diakonissenanstalt in Köslin (1942) |
Zu den Praktika während der Schulzeit kam der Kriegshilfsdienst,
d.h. die für Frauen und Mädchen im Kriege obligatorischen Dienstverpflichtungen
hinzu, so im Herbst 1943 ein Ernteeinsatz gemeinsam mit meiner Freundin
Ellinor Gneist zur Kartoffelernte bei einem Ackerbürger in Belgard,
der in der Friedrichstraße wohnte und seine Felder am Stadtrand hatte.
Die Kartoffelreihen wurden mit dem Pferd aufgepflügt und wir lasen
gemeinsam mit Familienangehörigen des Bauern die Kartoffeln auf. Das
war eine ungewohnte Arbeit, die uns erschöpft und abgearbeitet nach
Hause kommen ließ. Weil Ellinor, die als Fahrschülerin sonst
täglich aus Groß Tychow mit der Bahn nach Belgard kam, während
dieser Zeit bei uns übernachtete, konnten wir uns abends noch lange
über den Tag und vieles andere unterhalten. Meine Mutter wunderte sich
immer sehr, daß wir so ausgehungert bei ihr eintrafen. Auf Nachfragen
mußten wir zugeben, daß wir keine warme Mahlzeit oder belegte
Brote bekommen hatten, sondern nur Kornkaffee und ein paar kleine Hefegebäckstückchen.
So schien es also zumindest meiner Familie noch besser zu gehen als diesem
Bauern bzw. Belgarder Ackerbürger, denn meine Mutter konnte uns mit
Quark- und Butterbroten mit der von Ellinor von zu Hause mitgebrachten Butter
(ihr Vater war Leiter der Molkerei in Groß Tychow) verköstigen.
Oder war es der Geiz unseres Arbeitgebers, der uns auf solch eine Diät
gesetzt hatte? Eine nicht unerhebliche Rolle spielten
während des Krieges auch an unserer Schule die verschiedenen Arten
von Sammlungen, insbesondere Altmaterialsammlungen und das Sammeln von Herbstfrüchten.
Wir konnten Papier, Metall und Spinnstoffe aus unserem eigenen Haushalt
oder von Nachbarn und Freunden zu gewissen Zeiten in der Schule abliefern,
wofür wir eine bestimmte Anzahl von Punkten angerechnet bekamen, die
uns als Ansporn und so dem Wettbewerb der Schülerinnen untereinander
dienen sollten. Besonders hoch war die Punktzahl für Nichteisenmetalle
und Leichtmetall, und gerade damit konnte ich dienen. So nahm ich trotz
des Protestes meiner Mutter mehrmals eine größere Menge fabrikneuer
Stanniolkapseln, die bei uns im Keller lagerten und vor der
Schließung unseres Geschäftes Ende
1940 als Verschlüsse beim Abfüllen von Wein in Flaschen benötigt
wurden, mit in die Schule und freute mich über die so erreichten hohen
Punktzahlen. Doch auch alte Zeitungen und anderes Papier, sowie Stoffreste
und Wollfäden für die Reichs-Spinnstoff-Sammlung wurden hier gesammelt.
Im Handarbeitsunterricht hoben wir sogar jeden kleinen Garnrest für
diesen Zweck auf. Waldfrüchte wie Eicheln und Kastanien konnte man
im Herbst ebenfalls zur Sammelstelle in der Schule bringen, wobei ein Teil
davon den Förstereien in der Umgebung zur Fütterung des Wildes
zur Verfügung gestellt wurde und die Bucheckern, die wir zum Beispiel
auf einem Waldausflug mit unserer Klassenlehrerin Fräulein Büttner
gesammelt hatten, vor allem zur Ölgewinnung dienten. Auf diese Weise
verbanden sich auch unsere Schulausflüge mit den allgegenwärtigen
Kriegshilfsdiensten, etwa wenn wir auf den Feldern eines nahegelegenen Gutsbetriebes
bei der Flachsernte halfen. Zudem war unter dem Dach unseres Schulgebäudes
eine Seidenraupenzucht angelegt (zur Gewinnung von Fallschirmseide), die
verschiedene Schülerinnen unter Anleitung unserer Biologielehrerin
Fräulein Albany betreuten. Ich denke, daß es dafür Freiwillige
gab, die sich für diese Arbeit gemeldet hatten und die Raupen dann
mit Maulbeerbaumblättern versorgten, die wohl auch in der Nähe
angebaut wurden. Man hörte nur wenig davon, jedoch insbesondere in
der Zeit vor den Ferien wurden Mädchen gesucht, welche die Pflege der
Raupen während der unterrichtsfreien Zeit übernehmen konnten.
So sollten selbst wir Schülerinnen zur Reduzierung und damit zur Überbrückung
der kriegsbedingten Importschwierigkeiten, d.h. zur Stärkung der Autarkie
Deutschlands, beitragen. Als im Rahmen der Woll- und Pelzsammlung für
die Wehrmacht im Dezember 1941 bei uns an der Schule dafür geworben
wurde, warme Bekleidung für den Winterkrieg zu spenden, drängte
ich meine Mutter und Großmutter, auch ihre Pelzmäntel für
unsere Soldaten an der Ostfront abzugeben. Da seit der kriegsbedingten Schließung
unseres Geschäftes Ende 1940 das Büro der NSDAP-Ortsgruppe in
den Bierstuben im Erdgeschoß unseres Hauses Marienstraße 15/16
eingerichtet war, wurden die Spenden zunächst im darunterliegenden
Gewölbekeller gelagert, wo ich noch kurz nach Kriegsende zahlreiche
Reste davon, die offenbar über die Jahre hier zurückgeblieben
waren, in großen Haufen liegen sah, nachdem die Russen bei der Plünderung
auch diese Kellerräume aufgebrochen und durchsucht hatten.
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Lebensmittelkarte aus Belgard: "Reichseierkarte
gültig ab 13. November 1944.
Die Einzelabschnitte haben erst nach Aufruf Gültigkeit. Beim
Direktbezug vom
Erzeuger hat dieser den jeweils aufgerufenen Anmeldeabschnitt und
die
dazugehörigen Einzelabschnitte abzutrennen und für den Ablieferungsnachweis
aufzubewahren." Anmeldeabschnitt A eingelöst bei "Franz
Krüger,
Kolonialwaren - Feinkost, Wein- u. Bierstuben, Belgard / Pom." |
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| Gedicht von Ingo Friedrich |
So vergingen diese Schuljahre zu Beginn des Krieges für mich noch ziemlich
unbeschwert. Über die Kriegslage machte ich mir kaum Gedanken, obgleich
meine Mutter oft von ihrer Sorge um meinen Vater sprach: "Gott
sei Dank ist er in diesem Krieg nicht mehr an der Front, aber passieren
kann überall etwas." Auch in der Schule wurde natürlich über
die militärische Lage gesprochen, und ich erinnere mich an eine Karte,
auf welcher der Frontverlauf abgesteckt war. Wo diese Karte hing, ob in
unserer Klasse oder im Flur des Schulgebäudes, kann ich heute nicht
mehr sagen. Über all das machte ich mir damals keine Gedanken, denn
in meiner Umgebung gaben sich die Menschen mir gegenüber optimistisch
und schienen noch nichts Schlimmes zu befürchten. Im Unterricht steuerte
nun alles auf das Abitur zu. Meine Phasen intensiveren Lernens wurden nach
dem Einsatz bei der Kartoffelernte im Herbst 1943 durch eine Begegnung unterbrochen,
die nicht nur mir neue Einblicke in die Wirklichkeit vermittelte und durch
einen öffentlichen Vortrag am 29.10.1943 in der Aula unserer Schule
ausgelöst wurde, wo sich unter den Zuhörern auch eine Gruppe
junger Soldaten befand, die uns noch am selben Abend auf der Wandtafel
unseres Klassenraumes folgenden Text hinterließ: "Acht Studenten
aus dem Süden des Reiches grüßen ihre Kameradinnen. Si valetis,
bene est, nos valemus." Daraus ergab sich ein Zusammentreffen von meinen
Klassenkameradinnen Christel Ristow, Leni Nest, Hannelore Piper, Barbara
Dumjahn, Gretel Carl und mir, die wir ebenfalls bei diesem Vortrag eines
Greifswalder Professors zum Thema "Kriegseinsatz der Chemie und seine
Folgen" gewesen waren, mit drei Österreichern, zwei Sachsen und
einem Sudetendeutschen, die als Reserveoffiziersbewerber (ROB-Lehrgang 2./Heeres-Flakartlillerie
Ersatz- und Aufklärungsabteilung 272) zur Ausbildung
in der von-Scholtz-Kaserne
am Schleeberg in der Kösliner Straße in Belgard untergebracht
waren. Obwohl es zunächst bei den gemeinsamen
Treffen der ganzen Gruppe bleiben sollte, fanden sich jedoch bereits nach
kurzer Zeit einzelne Paare zusammen. Wir trafen uns mit den jungen Männern
zu Stadtbesuchen oder Spaziergängen, meistens aber in unserer Wohnung
in der Marienstraße 15/16 oder bei der Familie einer Klassenkameradin.
Ich bewunderte meine Mutter, die auch in Anbetracht der bereits recht angespannten
Ernährungslage selbst für zwölf Personen immer noch etwas
zu Essen zauberte. So stiftete sie zu meinem 18. Geburtstag,
der auch in diese Zeit zwischen Anfang November 1943 und den ersten Wochen
des neuen Jahres fiel, die letzten eingemachten Früchte für eine
Bowle (meiner Erinnerung nach handelte es sich dabei um Birnen aus Tante
Ilse Schwerderskys Garten, also um eine doch recht ungewöhnliche Zusammenstellung).
In diesem Freundeskreis begegnete ich meiner ersten großen Liebe,
dem Österreicher Otto Hartmann aus Graz. Neben den Freundschaften,
die nach der Verlegung der jungen Soldaten 1944 durch Briefwechsel fortgesetzt
wurden, fand eine von uns Mädchen, Hannelore Piper aus der Poststraße,
auf diese Weise ihren zukünftigen Ehemann Helmut
Schumann. Als Arbeitsmaid kam sie 1945 bei Kriegsende zu seinen Eltern
nach Grimma in Sachsen, beide heirateten bald nach seiner Rückkehr
aus der Kriegsgefangenschaft. Fünf unserer Freunde kehrten aus dem
Krieg nach Hause zurück, aber Ingo Friedrich, der junge Dichter aus
Graz, fiel im Winter 1944 in Rußland. Das folgende Gedicht an seine
Heimatstadt hat mir besonders gefallen:*
An Graz
Weit öffnet sich der Berge grüner Kranz
Um dich, o Stadt, wie bräutlich zu umfangen.
Des Heimgekehrten sehnendem Verlangen
Erschließt sich froh dein altvertrauter Glanz.
Und dein geheimer Zauber füllt mich ganz
Mit stillem Glück und ahnungsvollem Bangen.
Aus diesem Bild voll sonngetränktem Prangen
Grüßt deines Flusses Silberwellentanz!
Das Heimweh deckst du für ein Weilchen zu.
Mein Herz erfüllt nun selig milde Ruh',
da ich, geliebte Stadt, dich wiederseh!
Schon brandet da der Abschiedsschmerz empor.
Am Wanderstab steh ich vor deinem Tor
Und ziehe fort, das Herz voll bittrem Weh.
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Verkündung der Ergebnisse
des schriftlichen Abiturs (1944) |
Das Abitur, welches zu Friedenszeiten kurz vor Ostern stattfand,
war 1944 auf die Monate Januar und Februar vorverlegt (es sollte die letzte
Reifeprüfung an unserer Schule vor Kriegsende sein). Die schriftlichen
Arbeiten, die bei uns in Deutsch, Mathematik und Englisch geschrieben wurden,
waren für Januar angesetzt. Mein Urgroßvater Karl Fraedrich erlebte das noch mit und unterhielt
sich danach mit mir über das Thema des Deutschaufsatzes (er starb kurz
darauf am 24.1.1944). Die Ergebnisse wurden uns jedoch nicht gleich mitgeteilt;
und am 9. Februar erfolgte dann die mündliche Prüfung. Dabei wurden
nur Schülerinnen geprüft, die in einem oder mehreren Fächern
schwach waren, so daß sie durch ein gutes Ergebnis ihre Gesamtnote
verbessern konnten. Ich hatte in Deutsch den besten Aufsatz geschrieben
- meine Mutter erfuhr das hinter vorgehaltener Hand von unserer Lehrerin
Fräulein Ellmann, mit der sie gut bekannt war - und in Mathematik und
Englisch wohl befriedigende Arbeiten abgeliefert, so daß ich nur in
meinem Schwachpunkt, und das war Haushalts- bzw. Ernährungslehre, mündlich
geprüft wurde. In welchen Fächern wir geprüft werden sollten
erfuhren wir erst am Morgen des Prüfungstages und auch lediglich unter
der Hand von Herrn Wodtke, dem alten Sekretär unseres Direktors Dr.
Hermann Claus. Da ich als eine der letzten an der Reihe war, mußte
ich lange warten und hatte dadurch noch Zeit, mich bei meinen Mitschülerinnen
über Themen und Verlauf der Prüfung zu informieren. Dies half
mir allerdings wenig, denn ich bekleckerte mich selbst bei den einfachsten
Fragen nicht mit Ruhm. Meine Note in Hauswirtschaft blieb deshalb eine Vier,
also nur ausreichend. Da die Abschlußkonferenz der Lehrer bis in den
Abend hinein andauerte, hatten sich schon etliche Angehörige auf dem
Schulhof versammelt (unter ihnen auch mein Vater, der gerade auf Urlaub
war), die uns nach Bekanntgabe der bestandenen Prüfungen (es bestanden
alle) wie in Belgard üblich in einem Zug durch die Stadt nach Hause
begleiteten. Eine Abiturfeier im Ratskeller, von der ich nach dem Kriege
von ehemaligen Klassenkameradinnen hörte, ist mir nicht mehr in Erinnerung.
An die Feier bei uns zu Hause kann ich mich heute auch nicht mehr erinnern;
vermutlich hat mein Vater Wein oder Sekt von den mittlerweile stark zusammengeschrumpften
Vorräten aus unserem Keller geholt.
Bereits einige Wochen vor dem Abitur wurde unsere Klasse zur Untersuchung
für den Reichsarbeitsdienst (RAD) ins Gesundheitsamt bestellt.
Ich kannte die Räumlichkeiten dieser Behörde bereits, die zum
Landratsamt gehörte und im Untergeschoß des Kreishauses
ihre Räume hatte, denn meine Patentante Ilse Schwedersky, meiner Mutter engste
Freundin, arbeitete dort als Fürsorgerin. Bei den Tauschgeschäften
der letzten Kriegsjahre, durch die man hin und wieder Engpässe in der
Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs überbrücken
konnte, hatte ich mehrmals Kontakt mit einigen ihrer jüngeren Kolleginnen.
So tauschte ich dort die von einem Verwandten aus Italien mitgebrachten
Schuhe (Pumps mit hohem Absatz) gegen ein paar solide flache Schürschuhe
aus braunem Wildleder, in denen ich besser gehen konnte. Doch nun zum Geschehen
am Tag der Untersuchung: Nach der Aufnahme unserer Personalien durchliefen
meine Mitschülerinnen und ich im Gänsemarsch eine kurze Voruntersuchung
und gelangten dann ins Zimmer des Amtsarztes, der unsere Körper in
Augenschein nahm und nach einigen kurzen Fragen sein Urteil fällte.
Ich weiß heute nicht mehr, ob wir das Ergebnis gleich erfuhren oder
erst später mitgeteilt bekamen, jedenfalls erklärte er alle außer
Gretel Carl, Marie Luise Beilfuß und mich für arbeitsdiensttauglich.
Damit wurde ich als eine der ganz wenigen aus meiner Klasse nicht zum Reichsarbeitsdienst
einberufen. Ich selbst freute mich über diese Freistellung jedoch überhaupt
nicht, denn ich wäre lieber gemeinsam mit meinen Klassenschwestern
zum Arbeitsdienst gegangen. Meine Klassenkameradinnen traten den Dienst
bereits wenige Wochen nach der mündlichen Abiturprüfung an, wobei
sie an verschiedenen Orten in Hinterpommern eingesetzt wurden, dabei wie
damals üblich während der gesamten einjährigen Dienstzeit
in Reichsarbeitsdienstlagern kaserniert waren und nur selten die Möglichkeit
bekamen, am Wochenende nach Hause zu fahren.
| Studium in Greifswald 1944 |
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Mein Studentenausweis
(Sommersemester 1944) |
Nach meiner Abiturprüfung Anfang 1944 beschloß der Familienrat
(der damals nur noch aus meiner Mutter, Großmutter
Frieda
Alverdes und Urgroßvater Karl Fraedrich
bestand), daß ich in Greifswald ein Studium beginnen solle, und zwar
das der Zahnmedizin. Dieses Studium hatten mir im Jahr zuvor schon meine
Mutter
und mein Vater
vorgeschlagen. Ich war davon keineswegs begeistert, wußte wenig über
diesen Studiengang und hatte mich bisher auch um keine weiteren Informationen
zu diesem Beruf bemüht. Zudem hatte ich meine Neigungen und Wünsche
meinen Eltern nie offenbart, denn ich war mir sicher, daß meine eigenen
Berufswünsche (z.B. Bibliothekarin) bei ihnen keine Zustimmung finden
würden. So folgte ich also den Vorgaben des Familienrates und ging
im April 1944 nach Greifswald, um dort an der Universität das Studium
zum Beginn des Sommersemesters aufzunehmen. Da meine Mutter, die mich dorthin
begleitete und währenddessen einige Tage bei Familie Lawin, unseren
Greifswalder Verwandten von Seiten meiner Urgroßmutter Mathilde, wohnte,
ebenso wenig wie ich über die nötige Erfahrung in Hinblick auf
ein Hochschulstudium verfügte, war die Ankunft in Greifswald für
mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich sehe mich noch heute in Begleitung
meiner Mutter in der langen Warteschlange vor dem Uni-Sekretariat stehen,
um mich für Zahnmedizin einzuschreiben. An eine Veranstaltungen zur
Begrüßung bzw. Beratung der Erstsemester oder an eine Immatrikulationsfeier
kann ich mich jedoch nicht erinnern. So gab es dann auch keine Hilfe oder
Unterstützung von Seiten der Universität oder der Studentenschaft,
wir bekamen lediglich ein Vorlesungsverzeichnis ausgehändigt und blieben
danach uns selbst überlassen. Als meine Mutter nach einigen Tagen wieder
nach Hause abgefahren war, fühlte ich mich doch sehr alleingelassen.
Zudem stand mir meine große Schüchternheit bei den nötigen
Erkundigungen sehr im Wege, und ich verstand es auch nicht, Kontakte zu
anderen Zahnmedizin-Studenten zu knüpfen. So verbrachte ich meine Zeit
einsam in den Vorlesungen sitzend, wobei ich besonders vor Physik und Chemie
einen Horror hatte und mich vollkommen überfordert fühlte. Auch
machten sich meine mangelhaften Lateinkenntnisse insbesondere in Anatomie
recht unangenehm bemerkbar, worauf ich bei einer älteren Philologie-Studentin
Lateinunterricht nahm und auf diese Weise versuchte, meine Defizite auszugleichen
und an den in Belgard begonnenen Unterricht anzuknüpfen. Da an meiner
Schule in Belgard das Fach Latein nicht auf dem Stundenplan stand, hatte
ich lediglich im letzten Schuljahr bei einer alten Dame im
Wichernhaus
(einem Altersheim in Belgard) die Anfangsgründe dieser Sprache gelernt.
Auch aus diesem Grund besuchte ich in Greifswald lieber Vorlesungen der
Geisteswissenschaften als die Veranstaltungen zur Zahnmedizin, so versäumte
ich etwa keine Veranstaltung der Vorlesungsreihe "Körper, Seele
und Geist". In den geisteswissenschaftlichen Seminaren traf man nur
sehr wenige Studierende, und bei der zuvor genannten Vorlesung in Philosophie
kam es vor, daß außer mir nur noch drei weitere Zuhörer
anwesend waren. Die gemeinsamen Vorlesungen und Übungen für Mediziner
und Zahnmediziner dagegen waren sehr voll, überwiegend (bis zu 90 Prozent)
Studentinnen und nur einige wenige junge Männer, d.h. hauptsächlich
für das Studium beurlaubte Soldaten in Uniform oder schwer kriegsversehrte
und bereits aus der Wehrmacht ausgeschiedene Männer. Meine Unterkunft
war von einem Greifswalder Verwandten der Familie Lawin besorgt worden und
bestand aus einem winzigen Zimmer mit einem Gaskocher auf dem Flur, auf
dem ich mir die von zu Hause mitgebrachten Eier briet, denn ich ging nur
sehr ungern und deshalb auch nur selten in die Mensa. In dieser Zeit war
ich öfter bei dem jüngsten Bruder meiner Urgroßmutter
Mathilde
Fraedrich geb. Lawin, (Urgroß-) Onkel
Ernst Lawin, einem pensionierten Konrektor, der
mir viel von seiner Arbeit als Lehrer erzählte und mich manchmal auch
mit Kartentricks (etwa "Bosco Beati weiß alles") beeindruckte,
und dessen etwa neun Jahre alten Sohn Gerhard (aus zweiter Ehe) ich ab und
zu beaufsichtigen mußte. Über das Wochenende fuhr ich regelmäßig
nach Hause und kehrte am Sonntagnachmittag nur ungern nach Greifswald zurück,
beladen mit Lebensmitteln aus den Vorräten meiner Mutter, die sie durch
ihre guten Verbindung zu ehemaligen Kunden unseres Geschäftes aus
der ländlichen Umgebung Belgards hatte anlegen können, und mit
denen nun auch die
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| Auf dem Schloßberg in Graz (1944) |
Familie von (Urgroß-) Onkel Ernst Lawin großzügig bedacht
wurde. So vergingen
die Monate des Sommersemesters 1944, lediglich unterbrochen von einer kurzen,
etwa einwöchigen Reise nach Graz in der Steiermark. Dort, in seiner
Heimatstadt, besuchte ich meinen Freund Otto, den ich im Herbst 1943 in
unserem Freundeskreis in Belgard kennengelernt
hatte. Als sich Anfang 1944 herausgestellt hatte, daß er "Halbjude"
und damit für die Wehrmacht "nicht tragbar" war, war er aus
dem Reserveoffiziersbewerber-Lehrgang in Belgard entlassen worden und nach
Graz zurückgekehrt, wo er bei einer Sparkasse oder Versicherung arbeitete.
Auf meiner langen Bahnfahrt durch Sachsen und die Tschechoslowakei nach
Österreich erlebte ich die übervollen, aufgrund der allgegenwärtigen
Tieffliegergefahr verdunkelten Züge, Fliegeralarm in Berlin und verschlossene
Abteile auf der Transitstrecke durch die Tschechei. Aus heutiger Sicht erscheint
es mir erstaunlich, daß ich noch im letzten Kriegsjahr ohne Schwierigkeiten
eine Fahrkarte für eine derart weite Fernreise bekam. Meiner Mutter
erzählte ich hinterher von einem mehrtätigen Ausflug mit Bekannten
auf die Insel Rügen. Aufgrund meiner Erfahrungen mit den Fachinhalten
und dem Unibetrieb kehrte ich nach Ende des ersten Semesters mit dem Entschluß
nach Hause zurück, das Studium der Zahnmedizin auf keinen Fall fortzusetzen,
wollte aber erst einen geeigneten Moment abwarten, um meiner Familie diese
Absicht zu gestehen. Nachdem ich mit der Bahn in Belgard eingetroffen war
entdeckte ich hocherfreut, daß mir meine Mutter ein kleines Zimmer
in der Mansarde über unserer Küche eingerichtet hatte, wo bis
vor kurzem noch unsere Hausangestellte
Ilse Kruggel gewohnt hatte, die seit kurzem
kriegsverpflichtet und deshalb in ihr Heimatdorf Naffin zurückgekehrt
war, um nun für den Gutsbetrieb zu arbeiten, wo ihr Vater als Schweizer
beschäftigt war. Meine Mutter hatte mir das Zimmer mit einem kleinen
Sofa, einer gepolsterten Ofenbank und einem Schreibsekretär aus ihrer
Jungmädchenzeit sehr behaglich eingerichtet, ergänzt durch die
bereits vorhandene Möblierung wie etwa Bett, Schrank und Waschtisch.
Hier hängte ich auch zwei gerahmte Photographien auf (Blick von einer
Brücke über die Saalach zum Müllnerhorn und Blick über
den Königssee mit Kloster Bartholomä und dem Watzmann im Hintergrund),
die ich im Jahre 1943 während eines Urlaubes
in Bad Reichenhall mit einer von meinem Vater geschenkten Agfa Billy
aufgenommen hatte und bei Photo-Koehler in der Hindenburgstraße vergrößern
ließ. In dieser neuen Umgebung genoß ich die wenigen Tage, die
mir in diesem Sommer zu Hause noch bleiben sollten, vor allem lesend auf
dem Sofa, oder ich saß im Abendlicht auf dem Fensterbrett und genoß
den Blick über die Dächerlandschaft und die Wilhelmstraße
in Richtung Polziner Straße und Wasserturm. Denn ich erhielt bereits
kurze Zeit, nachdem ich im August 1944 nach Belgard zurückgekommen
war, ein Telegramm vom Greifswalder NS-Studentenführer mit der Aufforderung,
mich innerhalb von drei Tagen zum Schanzen am sogenannten Ostwall in Deutsch
Krone einzufinden. Der Tenor des Telegrammes war, daß sich alle Greifswalder
Studenten zu diesem "freiwilligen" Einsatz gemeldet hätten.*
So fuhr ich dann im August 1944 zum Schanzen am Ostwall (Pommernstellung)
mit der Bahn nach Deutsch
Krone, einer etwa 80 Kilometer südöstlich von
Belgard zwischen dem Schloßsee und dem Großen Radaunensee gelegenen
pommerschen Kleinstadt. Hier wurden wir in Schulen untergebracht, es waren
fast alles Studentinnen in meinem Alter und auch einige höhere Semester
darunter. Aus den Klassenräumen hatte man die Schulbänke hinausgeräumt
und diese als Schlafstätten für jeweils etwa zehn Personen hergerichtet,
mit Strohlagern auf dem Boden, durch einen Mittelgang getrennt, sowie einem
Tisch und drei bis vier Stühlen. Als wir vom Bahnhof aus in der Schule
ankamen, bildeten sich unter uns Mädchen sogleich Grüppchen, die
sich jeweils in einer Ecke niederließen und ihre Siebensachen am Kopfende
ihrer Nachtlager ausbreiteten. Ich kam als Jüngste zu einer Dreiergruppe,
die aus Inge, einer Medizinstudentin im zweiten Semester aus Küstrin,
einer weiteren Medizinerin im ersten Semester, Hannelore von der Insel Usedom,
und der Philologie-Studentin Charlotte aus Anklam, die bereits in einem
höheren Semester studierte, bestand. Sie gab in unserer Gruppe den
Ton an, wurde von uns anderen bewundert und wir folgten ihr. Sie erzählte
uns von ihrem Freund, einem Kriegsberichterstatter, der ihr im letzten Urlaub
erneut von der militärischen Situation an der Front und der tatsächlichen
Kriegslage berichtet hatte. Hier hörte ich zum ersten Mal von der katastrophalen
Lage und der Aussichtslosigkeit des Abwehrkampfes, obwohl ich damals den
Eindruck hatte, daß man vor mir, dem "Kücken", nicht
offen über alles sprach (vielleicht auch weil man mir nicht traute).
In unserem Klassen- bzw. Schlafraum campierten noch vier oder fünf
weitere Mädchen, alle älter als ich. Zwei von ihnen kamen aus
dem Generalgouvernement und unterhielten sich ab und zu miteinander auf
polnisch. Wir vier hielten uns etwas abseits von den anderen und hatten
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Schanzen am Ostwall im Herbst 1944
in der Nähe von Deutsch Krone |
wenig Kontakt zu ihnen, obwohl wir im gleichen Raum schliefen. Jeden Morgen
gingen alle in der Schule untergebrachten Studentinnen geschlossen zum Bahnhof,
von wo wir in Güterwagen zu unserem Einsatzort nordöstlich von
Deutsch Krone gefahren wurden (ich kann mich hier nur noch an einen kleinen
Bahnhof mit Namen Freudenfier erinnern). Es waren nicht immer die gleichen
Stellen, an denen wir in Gruppen von etwa 20 Mädchen aussteigen mußten,
oft hielt der Zug auch auf freier Strecke in unmittelbarer Nähe unseres
Abschnittes. Das Mittagessen wurde uns aus einer Gulaschkanone (Feldküche)
vor Ort geliefert, die Kaltverpflegung bekamen wir morgens und abends in
unserer Unterkunft in Deutsch Krone. Es herrschte schönstes Sommerwetter,
und ein herrlicher Herbst mit noch bis Ende Oktober ungewöhnlich warmen
Tagen schloß sich an. In dieser Region war die Landschaft leicht gewellt
und verhältnismäßig flach, d.h. eine typisch pommersche
Endmoränenlandschaft mit Sandboden und ausgedehnten Nadelwäldern.
Als Arbeitsgeräte bekamen wir hauptsächlich Spaten und Schaufeln,
aber auch einzelne Spitzhacken. In den Wald waren bereits Schneisen geschlagen
und das Holz abgefahren. An schwer zugänglichen Stellen, wo nach dem
Fällen der Bäume noch starkes Wurzelwerk zurückgeblieben
war, halfen uns einige Männer, welche für die entsprechenden Abschnitte
zuständig waren. Bei Freudenfier war das ein vielleicht 17jähriger
junger Mann, der wohl nicht dienstfähig war und ein älterer, kriegsversehrter
Unteroffizier in Uniform. Sie kümmerten sich vor allem um das Anbringen
von Faschinen, dem Zweig- und Reisiggeflecht zur Befestigung und zum Abstützen
der von uns im sandigen Boden ausgehobenen Laufgräben. Im Verlauf der
Schützengräben wurden in bestimmten Abständen Erweiterungen
angelegt, die der Aufnahme von Maschinengewehrstellungen dienen sollten.
Wir alle hatten den Eindruck, daß unsere Arbeit aufgrund des Sandbodens
weitgehend zwecklos sei, denn oft sahen wir bereits am nächsten Tag
den Sand wieder in die von uns kurz zuvor ausgehobenen Gräben zurückrieseln.
Von Frauen, die aus den verschiedensten Orten Pommerns zum Schanzeinsatz
an Panzergräben herangezogen worden waren, die zwar nicht direkt in
unserem Abschnitt, aber doch in der näheren Umgebung lagen, hörten
wir von dieser im Vergleich zu unserem Dienst sehr viel härteren Arbeit.
Innerhalb unserer Gruppe wurde wenig über das gesprochen, was nun wohl
kommen würde. Jeder tat seine Arbeit so gut er konnte und ohne sich
zu überanstrengen; an Aufsichtspersonen oder Vorgesetzte, die uns zur
Arbeit antrieben, kann ich mich nicht erinnern. In den Arbeitspausen genossen
wir das ungewöhnlich schöne Spätherbstwetter, und zu Beginn
des Schanzeinsatzes arbeiteten wir manchen Tag sogar im Badeanzug. Abends
verließen wir mit unserer Kaltverpflegung die Schule und suchten uns
ein schönes Plätzchen zum Essen am Großen Radaunensee, dem
Stadtsee von Deutsch Krone. Einmal hatte Charlotte von einem Hotel in der
Stadt gehört, in dem es noch in gepflegter Atmosphäre und ohne
die im Kriege allgegenwärtigen Lebensmittelmarken Krebse aus den umliegenden
Seen zu essen gab. Also versuchten wir, uns so gut es ging "landfein"
zu machen und besuchten dieses Restaurant. Außer uns waren hier noch
einige Offiziere - vielleicht auf Heimaturlaub - mit ihren Frauen oder Freundinnen
anwesend. Wir schauten uns bei ihnen unauffällig ab, wie man mit den
Krebsbestecken umzugehen hatte und lachten auf dem Rückweg noch lange
über unsere ungelenken Versuche, die harten Schalen der Tiere zu knacken,
um an das zarte Fleisch zu gelangen (ich kannte Krebse bereits von zu Hause
als seltene Leckerbissen, aber meine Mutter hatte zum Krebsessen immer nur
gewöhnliche Bestecke und kleine Küchenmesser aufgelegt). An
einem weiteren dieser lauen Herbstabende - es muß wohl ein Montag
gewesen sein - begaben wir uns wieder an die gewohnte idyllische Uferstelle
am Stadtsee; dieses Mal jedoch ohne die übliche Kaltverpflegung, stattdessen
beladen mit zahlreichen für das letzte Kriegsjahr ungewöhnlichen
Köstlichkeiten. Auf der mitgebrachten Decke lagerten wir uns um diese
Kulinarien, die wir von unserer letzten sonntäglichen Heimfahrt mitgebracht
hatten. Ich erinnere mich hier noch an eine salamiähnliche Kriegswurst,
ein Glas Preiselbeeren und an eine Flasche Wein; und als Krönung an
eine von Inge mitgebrachte echte Buttercremetorte, denn der Gutshaushalt
in Küstrin verfügte offenbar selbst 1944 noch über die dazu
erforderlichen Zutaten. Bei dem Wein handelte es sich um eine Flasche "Eltviller
Klümbchen" aus den Restbeständen unseres 1940
geschlossenen Geschäftes, was mir wegen des zumindest für
hinterpommersche Verhältnisse recht eigenartigen Namens bis heute im
Gedächtnis geblieben ist. Wegen seiner starken Säure genossen
wir diesen ausgesprochen trockenen Wein dann mit hineingerührten Preiselbeeren.
Wie uns diese doch recht gewagte Melange bekam, weiß ich heute nicht
mehr, also wird sie in unseren jugendlichen Mägen wohl keinen allzugroßen
Schaden angerichtet haben - als ich später meiner Mutter davon erzählte,
war sie jedoch zu Recht entsetzte (und als ich dann Ende der fünfziger
Jahre als Lehrerin an eine Schule im Rheingau versetzt wurde, erfuhr ich
von Eltern meiner Schüler, daß die Lage "Eltviller Klümbchen"
zu den Rebflächen des Landgräflich Hessischen Weingutes gehört).
So habe ich diese Zeit während des Schanzens am Ostwall weder als besonders
bedrohlich empfunden noch mit Ängsten oder unguten Ahnungen in Hinblick
auf die nahende Katastrophe erlebt, wobei mich unsere Gruppe als Jüngste
wohl auch nicht in alle Gespräche über die tatsächliche Kriegslage
und das drohende Kriegsende einbezog. Am Sonnabendnachmittag konnte ich
manchmal nach Belgard nach Hause fahren, ebenso wie meine Kameradin Inge
nach Küstrin. Sie lud uns alle drei auch einmal in ihr Elternhaus,
ein Stadtgut von Küstrin, ein. Dieser Besuch in der Stadt an der Oder
unterbrach die Eintönigkeit der Sonntage in Deutsch Krone auf sehr
angenehme Weise. Vielleicht Ende Oktober erhielt ich einige Tage Urlaub
für eine Fahrt nach Belgard, weil meine Mutter eine Bescheinigung geschickt
hatte, daß mein Vater auf Heimaturlaub kommt. Ich war sehr froh, meinen
Vater wiederzusehen, aber noch mehr zog es mich nach Graz zu meinem Freund
Otto, dem ich erst kurz zuvor einen Brief geschrieben hatte - auf dem weißen
Bast einer Birke, den ich von der Rinde eines Baumes abzog, der am Weg von
der Bahnlinie zu den von uns ausgehobenen Stellungen stand (so wie ich es
erstmals bei den österreichischen Soldaten aus unserem
Freundeskreis im Winters 1943/44 gesehen
hatte). Ich kürzte also die Tage des Wiedersehens mit meinem Vater
etwas ab und fuhr ein zweites Mal mit der Bahn in die Steiermark, wo ich
meinen Freund in Graz allerdings nicht antraf, da dieser, wie mir seine
Mutter erzählte, überraschend zu einem Schanzeinsatz an der Südfront
verpflichtet worden war. Nach dieser für mich sehr enttäuschenden
Auskunft fuhr ich ohne Schlaf bzw. Übernachtung direkt wieder nach
Pommern zurück - wobei man diese anstrengende mehrtägige Reise
unter Kriegsbedingungen, dieselbe wie im Sommer von Greifswald aus, wohl
auch nur aufgrund seines jugendlichen Alters auf sich nehmen bzw. verkraften
konnte. Nach meiner Rückkehr nach Deutsch Krone ging dieser ausgesprochen
schöne und ungewöhnlich warme Herbst des Jahres 1944 dann allmählich
zu Ende und die Schanzarbeit aufgrund des Nachlassens der milden Witterung
nun recht unangenehm weiter. Wir hatten uns zwar alle von den Sonntagsbesuchen
zu Hause warme Winterbekleidung mitgebracht, aber das schlechte Wetter ließ
uns nicht nur frieren, sondern legte sich auch wie ein Reif auf unsere Stimmung.
Wir waren in unserer Gruppe jetzt auch nur noch zu dritt, denn Hannelore
wurde mittels eines Attestes von ihrem Vater, der auf Usedom Arzt war, nach
Hause entlassen. Die Arbeit wurde immer schwieriger und mühseliger,
so daß es nun erheblich langsamer voran ging und wir schließlich
Anfang Dezember 1944 in unsere Heimatorte entlassen wurden. |