Eleonore Gürge geb. Maaß  *1925        
Erinnerungen Teil 2 - ab 1945
10. Letzter Kriegswinter 1944/45
11. Kriegsende 1945
12. Belgard 1945/46
13. Vertreibung 1946
14. DDR 1946 bis 1955
15. 17. Juni 1953
16. Neuanfang im Westen
17. Studium in Weilburg
18. Lehrerin im Rheingau
19. Schule in Auringen
20. Wiesbaden
21. Johannes-Maaß-Schule
22. Biographie
 => Erinnerungen Teil 1 - bis 1944
Letzter Kriegswinter 1944/45: An die Tage im Dezember 1944 habe ich nur sehr wenige Erinnerungen. Da man zu dieser Zeit immer wieder vom Elend der Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Memelland hörte, die seit Herbst 1944 in heillos überfüllten Zügen auch bei uns auf dem Bahnhof durchkamen (Belgard lag an einer der Bahnstrecken von Königsberg nach Westen), schloß ich mich einige Male einer Gruppe von Frauen aus unserer Stadt an, welche die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und das Rote Kreuz bei ihrer Arbeit unterstützte, d.h. auf dem Belgarder Bahnhof bei der Betreuung der dort haltenden Züge half und die Flüchtlinge beispielsweise mit warmer Suppe und heißen Getränken versorgte. Dabei hielt ich mich von den leitenden Personen der NSV und des DRK fern und versuchte, möglichst wenig aufzufallen, denn ich wollte nach meinen Erfahrungen beim Schanzen am Ostwall nicht schon wieder dienstverpflichtet werden. Mit großer Erschütterung sahen wir das Leid der Menschen in den Flüchtlingszügen, vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, die völlig erschöpft und übernächtigt, zum Teil krank, vielfach traumatisiert auf ihrer Flucht vor den Russen, kaum noch im Besitz des Allernötigsten und oft in anderen Wagen nach Familienangehörigen suchend, nur möglichst schnell weiter nach Westen wollten. In Anbetracht dieses Elends schämten wir uns unserer damals noch viel besseren eigenen Lage und halfen überall, soweit wir konnten. Wie in diesem letzten Kriegsjahr dann das Weihnachtsfest bei uns verlief, erinnere ich heute nicht mehr. Obwohl die Versorgungslage vor allem seit Mitte 1944 immer schlechter wurde, wird meine Mutter wie jedes Jahr versucht haben, mit Tannenzweigen, Kerzen und nach Kriegsrezepten mit wenig Fett und Zucker gebackenen Plätzchen Erinnerungen an bereits lange zurückliegende, glücklichere Weihnachtsfeste zu wecken. Sicher hatten wir an dieser sechsten Kriegsweihnacht auch Post von meinem Vater bekommen, der damals noch in Köslin stationiert war und erst einige Wochen später nach Hammerstein bei Neustettin versetzt wurde, und wir hatten ihm wieder seinen Lieblingskuchen, eine mittels zusammengesparter Lebensmittelmarken gebackene Sandtorte, geschickt. Ende des Jahres bekam ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich zu einem weiteren Kriegseinsatz, diesmal in einer Werkstatt der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard, verpflichtet worden sei. Als ich mich einige Tage später dort vorstellte, erfuhr ich, daß es sich um eine wegen Bombenangriffen aus Stettin ausgelagerte Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen handelte. Die Stammbelegschaft war ebenfalls in unserer Stadt untergebracht, sie wurde durch Frauen und Mädchen aus Belgard und durch Ukrainerinnen aus dem Lager für ukrainische Fremdarbeiterinnen am Stadtrand ergänzt. In dieser Werkstatt traf ich auch Uschi Hank, die ich flüchtig aus meiner Schule kannte. Wir führten Lötarbeiten an den Ankern von Elektromotoren aus, wobei wir in einer Halle mit jeweils 12 bis 14 Frauen an langen Holztischen saßen. Nach dem Löten brachten wir die Bauteile in einen benachbarten Raum, in dem der Meister gemeinsam mit einigen anderen Männern die Anker kontrollierte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich meine Aufgabe zufriedenstellend erfüllen, so daß ich nicht zu viele Teile zur Nacharbeit zurückbekam. Während der Arbeit wurde nicht viel geredet, die Stettiner standen allerdings in den Pausen dicht zusammen und unterhielten sich gedämpft. Ich empfand die Stimmung als recht bedrückend, denn die Russen brachen mittlerweile in Pommern ein und man befürchtete, daß sie bald vor Belgard stehen könnten. Auch aus diesem Grunde war ich immer froh, wenn sich der Abend und damit das Ende der täglichen Arbeit näherte. In der zweiten Februarhälfte veränderte sich meine Situation grundlegend, als ich vom Werkstattleiter dazu ausersehen wurde, die Materialausgabe zu übernehmen. In Anbetracht der immer näher rückenden Front hatte sich der Leiter des Materiallagers ebenso wie etliche andere Angehörige der Stettiner Stammbelegschaft nach Stettin abgesetzt, und manche Plätze an den Arbeitstischen waren jetzt leer, auch Uschi Hank erschien nicht mehr. Für meine neue Aufgabe bekam ich das Lager nur einmal flüchtig gezeigt und wurde angewiesen, über die ausgegebenen Teile genau Buch zu führen. Da ich mich mit der mir anvertrauten Materie überhaupt nicht auskannte, konnte ich den Arbeitern nur selten die richtigen Teile heraussuchen und überließ es schließlich ihnen, sich selbst zu bedienen. "Ich hol' mir das selbst, Kindchen!" war der häufigste Satz, den ich in diesen Tagen hörte. Heute kann ich nur noch schwer verstehen, warum das bei mir so große Ängste auslöste und mich nicht mehr ruhig schlafen ließ, denn ich dachte damals fortwährend an meine nachlässige Buchführung und an meine Verantwortung für den stetig schwindenden Lagerbestand, so daß ich mich bereits wegen Sabotage vor dem Kriegsgericht sah und meine Verzweiflung schließlich in dem Gedanken gipfelte: "Hoffentlich kommen die Russen, bevor man hier meine Fehler entdeckt!"


Kriegsende 1945

Mein Vater
Nun kam das Jahr 1945 und damit der Abschied von meinem Vater. In seinen letzten Lebensmonaten, als er aufgrund des deutschen Rückzuges bereits in Pommern stationiert war (bis Anfang 1945 in Köslin, danach in Hammerstein bei Neustettin), schrieb er zahlreiche Briefe an uns, berichtete von seinem Befinden und schilderte die Lage seiner Einheit. Wir hielten uns zu jener unsicheren Zeit an seine Bitte, uns nicht in den Strom der Flüchtlinge einzureihen. Ich selbst war seit Ende 1944 kriegsverpflichtet bei einer aus Stettin ausgelagerten Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard. Dort suchte mich mein Vater noch am Vormittag des 3. März 1945 auf und verabschiedete sich von mir. Er war bereits am Tag zuvor, kurz vor dem Einmarsch der Russen in Belgard also, für uns alle überraschend gemeinsam mit einem Fahrer auf dem Motorrad nachmittags nach Belgard gekommen, um sich beim Stadtkommandanten einen Marschbefehl zu holen. Hier traf er einen ehemaligen Kunden, den Gutsbesitzer Major Lobeck, der ihm den Rat gab: "Schlagen Sie sich mit ihrer Einheit in Richtung Kolberg durch!" Denn mein Vater lag mit einer von ihm geführten Gruppe versprengter Wehrmachtsangehöriger und Zivilisten, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, bei Battin im Kreis Belgard in der Nähe der Front. Er blieb in dieser Nacht bei uns in Belgard und wollte am nächsten Morgen zu seiner Einheit zurückkehren. Er schilderte uns das Elend der Flüchtlinge auf den Straßen des Kreises und bat uns, in Belgard zu bleiben, für eine Flucht sei es zu spät. Wir sahen ihn damals zum letzten Mal, er wurde, wie wir jedoch erst Anfang der fünfziger Jahre erfuhren, mit seinen Kameraden zwei Tage später auf dem Weg nach Kolberg von den Russen bei Degow überrollt und am 6. März 1945 auf dem Marsch in die Kriegsgefangenschaft von einem russischen Bewacher aus der Marschkolonne herausgegriffen und erschossen. Als sich mein Vater am 3. März auf meiner Arbeitsstelle in der Zimmerstraße von mir verabschiedete, sagte er dem Sinn nach: "Jetzt mußt Du für die anderen sorgen. Hilf Mutti, sie ist ganz verzweifelt. Geht nicht auf die Flucht, es ist alles viel zu spät. - Wenn wir am Leben bleiben, treffen wir uns in Halle bei Else Gerboth!" (einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß verwandt waren). Er berichtete noch, daß er auf dem Wege zur Zimmerstraße einen Soldaten beobachtet hatte, der vor einem Bäckerladen einem Kind ein Brot wegriß. Sein Kommentar dazu: "Soweit ist es nun schon gekommen!" Dies sind die letzten Erinnerungen an meinen Vater, und noch Jahre später konnte ich mir trotz all der gegenteiligen Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde....

Meine Mutter
Als ich an diesem Sonnabend aus der Werkstatt in der Zimmerstraße nach Hause kam, lag ein riesiger Schweineschinken auf dem Küchentisch, den uns ein entfernter Verwandter (Willi Richter, Sattlermeister und Feuerwehrhauptmann aus Groß Tychow, der mit meinem Großvater Johannes Alverdes in den zwanziger und dreißiger Jahren gemeinsam zum Angeln fuhr) überlassen hatte, weil er sich mit seiner Familie im Auto nach Kolberg an die Ostsee durchschlagen wollte - sie kamen tatsächlich noch bis nach Kolberg durch und mit einem Schiff nach Westen fort. Meine kranke Großmutter Elfriede Alverdes gab mir Anweisungen zum Zerlegen des Schinkens und als ich gerade beide Hände so richtig im Fett hatte, hörten wir gegen 18 Uhr die Sirene, was "Räumungsbefehl" bedeutete. Noch am Morgen hatte meine Mutter mit dem Belgarder Ortsgruppenleiter Pascheke gesprochen, der seit der kriegsbedingten Schließung unseres Kolonialwarengeschäftes in den Bierstuben unseres Hauses sein Büro hatte; dieser hatte noch einmal streng darauf hingewiesen, daß eine Flucht Verrat sei, und daß es für uns in anderen Teilen des Reiches sehr schwierig werden würde, wenn wir ohne Räumungsbefehl die Stadt verließen. Er selbst war natürlich bald darauf verschwunden. Meine Mutter wurde durch das Heulen der Sirenen von ihrem Vorhaben, die weiteren Ereignisse in unserem Haus in Belgard abzuwarten, abgebracht; schnell wurde ein Handwagen mit den bereits vorbereiteten Rucksäcken und einem Bettsack beladen, meine halbgelähmte Großmutter daraufgesetzt, und unsere Familie (Mutter, Großmutter, meine Schwester Anneliese und ich) setzte sich in Richtung Bahnhof in Bewegung. Allerdings kamen wir nur bis zum Markt. Durch die Berichte der uns entgegenkommenden Menschen, die bereits am Bahnhof gewesen waren, wurde uns klar, daß es für eine Flucht zu spät war; der letzte Zug war bereits hoffnungslos überfüllt und ein weiterer sollte nicht mehr fahren. So kehrten wir schon nach 100 Metern wieder um und in unsere Wohnung zurück. Wie wir den Sonntag verbrachten, an dem wir steten Geschützlärm hörten, erinnere ich mich nicht mehr. Wir suchten tagsüber jedoch mehrfach unseren Luftschutzkeller auf und blieben seit dem Abend des Sonntags gemeinsam mit etwa 100 Personen aus der Nachbarschaft in unserem großen, als Luftschutzraum ausgebauten ehemaligen Bierkeller unseres früheren Mieters Ernst Hardt, einem Vertreter der Brauerei Kohlstock. Im Laufe des späten Abends und der frühen Nacht war ich noch mehrmals an der Haustür, wobei ich in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag einen Soldaten traf, der dort Deckung suchte. Aus seiner Bemerkung "Wir ziehen uns zurück" zu schließen konnten die Russen nicht mehr weit sein. Tatsächlich erreichten die russischen Truppen wohl bereits am Sonntagnachmittag den Stadtrand von Belgard. Die Luftschutzwartin berichtete von Gewehrfeuer in den Straßen und am Montag morgen (5. März 1945) wagte ich mich mit "Goldelse" (Else Müller, Tochter eines Goldschmiedes), einer älteren alleinstehenden Nachbarin aus der Marienstraße 6, auf unseren Boden und sah aus der Dachluke zu meinem Entsetzen direkt vor unserem Haus einen russischen Panzer stehen.

Nach und nach verließen die Menschen unseren Keller und suchten vorsichtig ihre Wohnungen auf. Allerdings sahen wir auch Leute aus der benachbarten Mauerstraße, die den vorbeifahrenden Russen zuwinkten. In unserer Wohnung nahmen wir zwei Damen, Klavierlehrerinnen aus Körlin, und Else Müller, die Nachbarin aus der Marienstraße, auf; wir rückten so eng zusammen wie es nur ging und fühlten uns dadurch etwas sicherer. Im Laufe des Tages kam dann der erste Russe in unsere Wohnung, begleitet von einem etwa zwölfjährigen Ukrainerjungen, der als Dolmetscher fungierte. Er wollte ein "Stilett". Meine Mutter war verzweifelt, weil sie zunächst nicht wußte, was er damit meinte und ihr der Ehrendolch von meines Vaters Ausgehuniform erst sehr spät einfiel. So erleichterte er uns zunächst um unsere "Uhri" und zog dann schließlich mit Uhren und Dolch ab. Ich muß zugeben, daß wir zu dieser Zeit noch nicht an Vergewaltigungen o.ä. dachten, vielleicht auch deshalb, weil sich dieser erste Russe recht zivil benahm. Allerdings hatten wir in der Nacht zuvor, als wir im Keller saßen, schon einmal Todesängste auszustehen, als eine Panik ausbrach nachdem die Luftschutzwartin hysterisch berichtete, daß die Russen vom Hintereingang in der Mauerstraße mit Flammenwerfern in unseren Keller eindringen wollten. Daß wir von den hinausdrängenden Menschen nicht an der nach innen zu öffnenden Stahltür, die auf unseren Hof hinaus führte und vor der wir selbst saßen, erdrückt wurden, ist nur meiner Patentante Ilse Schwedersky zu verdanken, die sehr resolut die panischen Kellerinsassen beruhigte.

Die weiteren Stunden des 5. März 1945 verbrachten wir in großer Angst mit Warten auf die Dinge, die da kommen würden, besonders beunruhigt durch die unheimlichen Geräusche aus dem Ortsgruppenbüro der NSDAP, welches seit der kriegsbedingten Schließung unseres Geschäftes Ende 1940 in den Bierstuben im Erdgeschoß unseres Hauses Marienstraße 15/16 eingerichtet war. Nachdem der zu uns in den ersten Stock herauftönende Lärm etwas nachgelassen hatte, wagte sich meine Mutter dann doch ein paar Schritte aus unserer Wohnung in den Hausflur und warf einen raschen Blick vom oberen Treppenabsatz ins Erdgeschoß, wo sie zu ihrem grenzenlosen Entsetzen ein schnurähnliches Gebilde sah, das aus der halbgeöffneten Tür des Parteibüros herausschaute. In ihrer Angst hielt sie es für eine Zündschnur und eilte mit dem Ausruf "Wir müssen hier alle sofort raus, die Russen wollen unser Haus in die Luft sprengen!" zu uns in die Wohnung zurück. Als dann auch noch das Wort "Höllenmaschine" fiel, rannten wir alle panisch die hintere Holztreppe zum Hof hinunter - meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, die sich gerade erst wieder etwas von ihrer Krankheit erholt hatte und trotz ihrer Pantoffeln auf der steilen Treppe zum Glück nicht zu Fall kam, meine Schwester Anneliese, unsere Nachbarin Else Müller sowie unsere Mieter, das alte Ehepaar Schulze, das durch den Lärm und unser Rufen aufgeschreckt worden war, und dessen als Bombenflüchtling aus Rastatt evakuierte Tochter mit ihrem Säugling. So liefen wir zunächst in die nahegelegene Torstraße zum Haus Nr. 13, wo wir Tante Ilse Schwedersky von unseren Befürchtungen berichteten. Im Gegensatz zu uns wollte meine Patentante jedoch nicht in der Torstraße bleiben, da es ihr hier nun auch zu unsicher erschien, sie drängte weiter, nachdem sie ihre alte Mutter geholt und sich noch mit einigem Silberzeug bepackt hatte. So landeten wir schließlich in einer Bäckerei, die in der Wilhelmstraße neben der Brücke über die Leitznitz lag. Dort saßen wir dichtgedrängt und völlig ratlos in der Backstube und fragten uns voller Angst, was wohl weiter geschehen werde. Nach einigen Stunden - der Bäcker versorgte uns währenddessen mit Neuigkeiten, die er durch vorsichtiges Hinausschauen aus einem Fenster auf die Wilhelmstraße erspäht hatte, wo immer wieder einzelne Russen vorbeiliefen, die wohl die benachbarten Häuser durchsuchten und plünderten - entschloß sich die Tochter unserer Mieter Schulze, in die Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen, weil sie in der Eile nichts für die Versorgung ihres Säuglings mitgenommen hatte. Else Müller und der alte Schmiedemeister Otto Lichtfuß aus der Torstraße 4, der sich mittlerweile auch in der Backstube eingefunden hatte, begleiteten sie, ihre Eltern folgten ihr kurz darauf. Wir übrigen kehrten nach einiger Zeit in das Haus meiner Patentante in der Torstraße 13 zurück, wo sich in der Wohnung von Schwederskys etwa ein Dutzend Menschen in zweieinhalb Zimmern zusammendrängten: meine Mutter, meine Großmutter Elfriede, meine Schwester Anneliese und ich, Tante Ilse Schwedersky, die alte Frau Schwedersky, Else Müller, Trude Priebe, Elli Neitzke und noch einige weitere Personen aus der Nachbarschaft. In dieser etwas größeren Gruppe fühlten wir uns alle ein wenig sicherer. Doch die Verpflegung für so viele Menschen zu besorgen gestaltete sich sehr schwierig. Selbst die alte Frau Schwedersky beteiligte sich an der Suche nach Nahrung, denn die jüngeren Frauen konnten sich, nachdem was wir mittlerweile von anderen gehört hatten, kaum mehr auf die Straße wagen. So ging sie gemeinsam mit Else Müller und weiteren Frauen, die sich mit alten Kleidungsstücken, Kopftüchern und geschwärzten Gesichtern entsprechend zurechtgemacht hatten, etwa zum Schlachthof an der Polziner Straße, wo sie ab und zu Knochen und Schlachtabfälle bekamen. In unsere Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen wagten wir damals noch nicht, die Gefahr den plündernden Russen im Ortsgruppenbüro im Erdgeschoß zu begegnen war doch zu groß. So faßte meine Mutter den Entschluß, sich bei Zahnarzt Dr. Lothar Rudolph in der Bahnhofstraße 4, der von den Russen als vorläufiger Bürgermeister eingesetzt war, einen Rat zu holen. Mit welchen Ängsten sie sich damals durch die ganze Stadt bis in die Bahnhofstraße geschlichen hat und ob sie dabei von jemand begleitet wurde, erinnere ich heute nicht mehr. Nach ihrer Rückkehr berichtete sie uns, daß Dr. Rudolph ihr geraten hatte, unser Haus für einige Wochen zu meiden, da das Schild der Ortsgruppe neben der Haustür auch weiterhin eine Gefahr für alle Bewohner bedeuten konnte. Sie erzählte uns auch Erstaunliches, das sie dort ganz nebenbei gesehen hatte: Während sie auf Dr. Rudolph wartete, konnte sie durch eine halbgeöffnete Tür in ein elegantes Schlafzimmer blicken, in dem eine alte Dame im spitzenbesetzten Nachthemd von einer Bediensteten umsorgt wurde. In Anbetracht unserer eigenen Lage erschien meiner Mutter dieses Szenario äußerst unwirklich, wenn nicht sogar absurd, wie ein Ausschnitt aus einem Film im tiefsten Frieden. Später erfuhren wir, daß die alte Dame zur Familie des bekannten Düsseldorfer Bankhauses Trinkaus gehörte und aufgrund der Bombenangriffe im Rheinland bei Rudolphs einquartiert war (sie soll jedoch bald darauf mit einem Transport des Roten Kreuzes Belgard in Richtung Westen verlassen haben).

Nach ungefähr zwei Wochen kehrten wir in unser Haus zurück, wo die mittlerweile geplünderte Wohnung unbeschreiblich aussah. Besonders betrüblich war für uns, daß auch unsere aufgesparten Vorräte von den Russen gefunden und sinnlos vernichtet worden waren; so klebte etwa der Honig vermengt mit Haferflocken an den Teppichen. Meine Mutter hatte nun alle Hände voll mit dem Aufräumen zu tun, unterstützt lediglich von Else Müller aus unserer Straße. Meine noch nicht völlig genesene Großmutter konnte dabei nicht helfen; und unsere frühere Hausgehilfin und gute Seele Ilse Kruggel war bereits Mitte 1944 in ihren Heimatort Naffin zurückgekehrt. Es muß nach Ablauf von zwei weiteren Wochen gewesen sein, als Dr. Beilfuß, ein Schulfreund meines Vaters, mit meiner Freundin Marli bei uns erschien, mich abholte und uns - Marli und ich in Rotkreuz-Uniform - zum Krankenhaus begleitete (wo ich im Juni 1941 am Blinddarm operiert worden war und in meinem Krankenzimmer im Radio vom Angriff auf die Sowjetunion hörte). Dort sollte man als Frau sicherer sein. Als DRK-Schwester wurde Marli sogleich zum Pflegedienst herangezogen, während ich als "ungelernte Kraft" ab und zu in der Küche helfen durfte. Es waren viele Mädchen dort, mehr als gebraucht wurden. Nach einiger Zeit wurde uns nahegelegt, das Krankenhaus wieder zu verlassen, weil es keine Lebensmittelzuteilung für so viele unnütze Esser gab. Anschließend mußte ich gemeinsam mit anderen zur Arbeit verpflichteten deutschen Frauen im ehemaligen Proviantamt an der Polziner Straße für die Russen Eisenbahnwaggons mit Vorräten aus den Verpflegungslagern der Wehrmacht beladen. Uns blutete das Herz, wenn wir an die Not der Familien und Freunde dachten und wir klauten, wo wir nur konnten (wobei ich selbst das Glück hatte, nie kontrolliert zu werden). In diesen ersten Wochen nach der Einnahme Belgards mußten sich die Deutschen täglich frühmorgens zum Arbeitseinsatz auf dem Marktplatz melden, und nicht nur meine Mutter mußte in dieser Zeit oft unter grausamen Bedingungen arbeiten, so z.B. die Uniformen und die Unterwäsche der gefallenen deutschen Soldaten im kalten Wasser der Leitznitz waschen. All das war zuviel für sie, sie war entsetzlich verängstigt und hatte nun nicht mehr nur ergrautes, sondern vollkommen weißes Haar. Dazu kam die große Angst und Sorge um meinen Vater, von dem wir immer noch keine Nachricht hatten.*


Belgard 1945/46

Als dann die auswärtigen Arbeitsverpflichtungen für meine Mutter zu Ende gingen, weil in unser Haus Marienstraße 15/16 Polen einzogen, die unser Geschäft und unsere Wohnung bis auf ein großes Zimmer übernahmen und meine Mutter quasi als Haushälterin anstellten, war ihre Angst nicht mehr so furchtbar. Zudem war die aus dem Raum Posen bzw. dem Wartheland gekommene Familie Behrend / Sabrotzki zum Teil deutschstämmig. Zur Familie gehörten Frau Sabrotzki und ihr polnischer Ehemann, ihr Bruder Herr Behrend und ihre Tochter Jadwiga Katz mit einem kleinen Kind. Bis auf Herrn Sabrotzki sprachen alle deutsch. Die Eltern von Frau Sabrotzki (sie mag vielleicht zehn Jahre jünger als meine Mutter gewesen sein) hatten beim Volksentscheid 1918 wohl für Polen optiert, sie selbst hatte den Polen Sabrotzki geheiratet und nun die Chance gesehen, als polnische Staatsangehörige in Belgard ein Geschäft zu übernehmen. Tochter Jadwiga war mit einem Deutschen verheiratet, der gegen Ende des Jahres 1945 aus der Kriegsgefangenschaft in Norwegen zurückkehrte und zunächst von der Außenwelt abgeschirmt wurde, um nicht gleich als Deutscher aufzufallen und erst einmal in der Familie polnisch zu lernen. Meine Mutter arrangierte sich mit den Polen und akzeptierte ihre neue Situation, die aber insgesamt doch sehr demütigend und unsicher blieb. Ende April 1945 bekamen wir Post von der polnischen Verwaltung, die mittlerweile die Stadt übernommen hatte. Es war die Aufforderung an mich, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Rathaus zu erscheinen. Meine Familie war entsetzt und befürchtete, daß ich zu einem Arbeitseinsatz nach Polen abkommandiert werde. Meine Schwester wurde mit Decken und Wegzehrung zum Markt geschickt, um zu beobachten, ob ich einen Lastwagen zum Abtransport besteigen müsse. Stattdessen bekam ich eine Stelle als Hilfskraft bei Janek Klimkiewicz, der die Sattler- und Polsterwerkstatt der Firma Asmus in der Kämpenstraße übernommen hatte. Auf diese Weise verfügte ich über eine Arbeitsbescheinigung und durfte nun hoffen, in Zukunft unbehelligt von Arbeitseinsätzen wie am Proviantamt oder beim Kiesharken am russischen Ehrenmal in der Körliner Straße zu bleiben.

Die Arbeit in der polnischen Sattlerei war erträglich, der Chef ebenfalls. Ab und zu ließ er seine Wut über die Familie Söhnert heraus, wo er während des Krieges hatte arbeiten müssen, besonders die Töchter haßte er zutiefst. Von ihm hörte ich zum ersten Mal von den Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Er erzählte auch von den Beschlüssen von Potsdam und der Abtrennung der deutschen Ostgebiete, was wir jedoch damals noch nicht glauben mochten, und überprüfen konnten wir seine Angaben nicht, denn es gab keine deutschen Zeitungen und unser Radio hatten wir wie alle Deutschen bereits zuvor bei den Russen abgeben müssen. Bei Klimkiewicz arbeitete ich mit mehreren jüngeren und zwei älteren deutschen Frauen sowie zwei älteren deutschen Männern zusammen, die vorher als Zivilangestellte in der Alten Kaserne an der Körliner Straße beschäftigt waren. Herr Schäfer, ein netter älterer Sattlermeister, fungierte in der Kämpenstraße als Zuschneider, geschätzter Fachmann und väterlicher Freund der hier arbeitenden Frauen; sein Kollege, an dessen Namen ich mich heute nicht mehr erinnere, saß wie wir Frauen an einem "Sattlerpferd" und bekam aufgrund seiner Erfahrung die schwierigeren Näharbeiten zugeteilt. Zur Gruppe der Frauen gehörte auch eine Büroangestellte aus der zuvor genannten Kaserne, die uns schon seit langem bekannt war, weil sie Mieterin im Hause von Tante Ilse Schwedersky in der Torstraße 13 war. Sie holte mich morgens für den Weg durch die Stadt ab; und meine Mutter war stets beruhigt, wenn ich zusammen mit Fräulein Rudnick zur Arbeit ging, obwohl mir diese auch nicht hätte helfen können, falls ein russisches Kommando wieder Deutsche für einen Arbeitseinsatz aufgreifen sollte. So schlichen wir uns dann auf immer wechselnden Umwegen durch die Stadt in Richtung Kämpenstraße.

Zu meinen Kolleginnen in der Sattlerei gehörten damals noch Ursula Müller und Ursula Wrase, und hier traf ich auch Anneliese Scholz aus der Lindenstraße wieder. Sie hatte mit mir einige Jahre das Lyzeum besucht und die Oberschule schon früher verlassen; Ursula Müller kannte ich aus der Volksschule, wo wir vier Jahre gemeinsam in einer Klasse waren, und Ursula Wrase, ein etwas jüngeres Mädchen, kam ebenfalls aus unserer Stadt. Ursula Müller wurde bald zur Gefährtin unseres Chefs und führte ihm dann auch den Haushalt in der neben der Werkstatt gelegenen Wohnung. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft von Iwan, einem russischen Soldaten, der zur russischen Militärpolizei gehörte und ständiger Besucher bei unserem Chef war; er vermittelte ihm Aufträge beispielsweise von russischen Offizieren, die dann Pistolen- oder Kartentaschen in der Sattlerei anfertigen ließen. Wir Frauen nähten dabei die Zuschnitte von Herrn Schäfer zusammen, Fräulein Rudnick versah sie mit den verschiedenen Ziernähten. Iwan bekam von Klimkiewicz für die Vermittlung der Kunden großzügig Kartoffelschnaps und war so nicht selten völlig betrunken. Als er wieder einmal im Vollrausch eingeschlafen war, nutzte Ursel Müller die günstige Situation und versteckte zum Spaß sein Gewehr, das der Russe zuvor neben dem Bett von Klimkiewicz, in dem er wie so oft seinen Rausch ausschlief, abgestellt hatte. Nach dem Erwachen glich sein Verhalten einem Vulkanausbruch, der uns alle um unser Leben fürchten ließ. Er tobte durch die Werkstatt und wollte zuerst unseren Chef und dann uns alle umbringen, so daß Ursel die Waffe ganz schnell wieder auftauchen ließ. Nur mit einer großen Flasche Kartoffelschnaps gelang es schließlich, ihn etwas zu besänftigen. Iwan konnte sich aber auch von einer ganz anderen Seite zeigen, wenn er einmal nicht betrunken war. So hatte er sich in Anneliese Scholz verliebt und machte ihr mit einem Geschenk einen Antrag. Als sie jedoch sowohl sein Geschenk als auch seinen Ansinnen ablehnte, wurde er ausgesprochen aggressiv, und auch die Besänftigungsversuche von Klimkiewicz halfen nun nicht mehr viel. Anneliese hatte von diesem Zeitpunkt an nur noch bei der Arbeit in der Werkstatt vor ihm Ruhe und mußte auf dem Heimweg oft die verschiedensten Tricks anwenden, um sich seinen Nachstellungen zu entziehen (ihre genaue Adresse war ihm damals glücklicherweise nicht bekannt).

Ursula Wrase und Eduard Kußmaul
nach einem Ritt auf Eduards Pony
in Gärtner Priebes Garten [v. li.]
Ursula Wrase, ein weiteres Mädchen aus Belgard, hatte ebenfalls Beschäftigung in der Sattlerei gefunden. Sie wohnte mit ihren Eltern in einer Seitenstraße der Wilhelmstraße, in dieser Gegend der Stadt war auch Familie Kußmaul untergekommen, die bereits 1944 mit Pferd und Wagen aus Wolhynien kam und ein Pony sowie ein Pferd mitgebracht hatte. Der schwere Kaltblüter war in der Sattlerei untergestellt, wo er von Klimkiewicz beim Gerben des Rindleders gut gebraucht werden konnte und dort beim Walken der Häute an einem Göpel im Kreise ging. Ursel Wrase kam morgens gemeinsam mit Herrn Kußmaul und seinem etwa 15 bis 16 Jahre alten Sohn Eduard zur Arbeit, wobei diese tagsüber mit den verschiedensten Aufgaben auf dem Hof betraut waren. In unseren Arbeitspausen bestiegen Ursel, Eduard und ich manchmal abwechselnd den breiten Rücken des Pferdes und ritten, während das Tier den schweren Göpel bewegte, einige Runden mit, wurden jedoch vom Chef meistens wieder schnell heruntergeholt. Dieser hatte anfangs einen Landsmann aus Ostpolen als Helfer angeheuert, der kein Wort deutsch sprach, immer eine Pelzmütze trug und über einen ungewöhnlich großen Appetit verfügte. Bevor Ursel Müller die Herrschaft über die Küche des Chefs übernommen hatte, wurde ich einige Male dazu ausersehen, für diesen Helfer zu kochen. Die Vorräte in der Küche beschränkten sich auf ein großes Stück Rindfleisch, Schmalz und Kartoffeln, wobei es mir mit dem hieraus zubereiteten "Gulasch" jedoch nicht gelang, den Hungrigen zufriedenzustellen und er sich darauf bei Klimkiewicz beschwerte, daß er nicht satt würde. "Mehr Kartoffeln, Lora!" rief mir darauf der Chef zu und so steigerte ich die Portion schließlich auf etwa zwei Kilogramm - was er dann auch tatsächlich alles verdrückte! Diese erste polnische Hilfskraft wurde aber schnell wieder nach Hause geschickt und Klimkiewicz ließ darauf Leo, einen Freund, kommen. Er sollte während seiner Abwesenheit auf uns und das Material aufpassen und gleichzeitig etwas herausgefüttert werden. Leo war ein etwa 25 Jahre alter kränklicher junger Mann (vielleicht hatte er TBC) und sehr umgänglich. Dabei wurde er für uns von einem Aufpasser allmählich fast zu einem Freund. Seine Deutschkenntnisse waren ziemlich gut, so daß wir ihn sowohl über das Geschehen während des Krieges in Polen als auch über die politische Lage der Gegenwart befragen konnten. Er erschien uns auch erheblich glaubwürdiger als Klimkiewicz, und so geriet unser Glaube an eine deutsche Zukunft für unsere Heimat Pommern erstmals etwas ins Wanken.

Unser Wochenlohn, der jeweils am Sonnabend bei Arbeitsschluß ausgezahlt wurde, betrug lediglich 45 Zloty, dazu kamen gelegentlich Naturalien, etwa Butter (die unser Chef von Bauern aus dem Umland für von ihm gelieferte Pferdegeschirre bekommen hatte), oder Kartoffelschnaps, der aus den verschiedensten Quellen stammen konnte, und ab und zu etwas Zucker, welcher damals ausgesprochen knapp war. Nach der Auszahlung des Lohnes gab es dann vom Chef Schnaps und Brot, so daß wir vor dem Heimweg immer einige Gläser im Stehen leerten. Einmal erhielten wir auch jeweils ein halbes Ferkel zugeteilt. Die Tiere waren wohl schon vor längerer Zeit geschlachtet worden und hatten bereits eine bedenklich grüne Farbe angenommen, so daß die meisten von uns das Fleisch überhaupt nicht mit nach Hause nahmen und Fräulein Rudnick und ich auf dem Heimweg an einem Weg an der Leitznitz etliche dieser halben Ferkel im Gebüsch liegen sahen. Ich aber nahm auf Anweisung meiner Großmutter grundsätzlich alles Eßbare - also auch das Ferkel - mit nach Hause, wo wir zu dieser Zeit auch noch zwei Klavierlehrerinnen aus Körlin bei uns in der Wohnung aufgenommen hatten. Sie waren auf ihrer Flucht im März 1945 in Belgard gestrandet, hatten keine Arbeit und verfügten somit auch nicht über Geld, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Meine Mutter und Großmutter konnten deren Bedarf nicht decken, denn auch wir bekamen von den bei uns wohnenden Polen nur einen geringen Teil des Essens ab, das meine Mutter für die polnische Familie zubereiten mußte. So wurden das von mir mitgebrachte Ferkel dann von den beiden alten Frauen, die erst nach einigen Wochen wieder nach Körlin zurückkehren konnten, ohne weitere Folgen für ihre Gesundheit verzehrt.

Da meine ehemaligen Klassenkameradinnen fast alle aus den nun aufgelösten Reichsarbeitsdienstlagern, in denen sie in Hinterpommern während ihrer Dienstverpflichtung nach dem Abitur untergebracht waren, vor den heranrückenden Russen nach Westen geflüchtet waren, hatte ich während der Zeit von Anfang März 1945 bis zu unserer Vertreibung aus Belgard im Januar 1946 außer zu Marie-Luise Beilfuß, die mich in den ersten Märzwochen mit ins Krankenhaus nahm, nur noch einmal im Sommer 1945 Kontakt zu Magdalene Nest, die damals bei einem Polen in einer Gärtnerei arbeitete. Meine Mitschülerin Barbara Dumjahn war mit Mutter und Geschwistern nach ihrer Flucht, welche die Familie nach Mecklenburg führte und der anschließenden Rückkehr nach Hinterpommern, in Naffin bei Belgard gelandet, denn der Versuch, wieder in ihrem eigenen Haus in der Kleiststraße in Belgard unterzukommen, war aufgrund der dort mittlerweile lebenden Polen gescheitert. So arbeitete Bärbel bei den Russen auf dem Gut der Familie Wilde in Naffin, ohne daß ich von ihr wußte. Ihre Mutter Frau Dumjahn kam im Sommer 1945 mit der kleinen Tochter Gunhild an der einen und einer Kanne Milch für uns in der anderen Hand zu Fuß zu uns in die Marienstraße gelaufen. Meine Mutter weinte vor Rührung, als sie mir abends nach der Arbeit davon berichtete. Bärbel hat mir viel später bei einem Klassentreffen in den achtziger Jahren erzählt, daß meine Mutter damals Frau Dumjahn ein Sommerkleid von mir für Bärbel mitgab, als sie hörte, daß Bärbel nach der Flucht nur noch ein einziges Kleid besaß.

Da mein Verdienst bei Janek Klimkiewicz nur 45 Zloty pro Woche betrug und damit gerade ausreichte, um in der Bäckerei drei "Schweinsohren" zu kaufen, wurde unser Lebensunterhalt währenddessen von meiner Mutter verdient, indem sie für die Polen in unserem Haus die Wirtschaft führte. Besonders die Feiern der Familie Sabrotzki waren uns ein Greuel, nach denen am Morgen die abgenagten Knochen unter dem Tisch lagen und der Hund über die Tasten des Klaviers laufen durfte. Aus dieser Zeit habe ich nur wenige Erinnerungen an das häusliche Leben mit meiner Familie, da ich den ganzen Tag über in der polnischen Sattlerei in der Kämpenstraße beschäftigt war. Ich weiß aber sicher, daß meine Mutter das gesamte Jahr 1945 das Haus nicht verließ. So erledigte meine Großmutter Elfriede, deren Gelenkrheumatismus sich wieder etwas gebessert hatte, oft von meiner Schwester Anneliese begleitet alle äußeren Angelegenheiten, mochte es sich um Einkäufe, Behördengänge oder um den Verkauf von Wertgegenständen handeln, denn wir mußten nach und nach unser Silberzeug und andere versteckte Wertsachen verkaufen. Dabei wandte sich meine Großmutter an eines der zahlreichen polnischen An- und Verkaufgeschäfte, die sich mittlerweile in unserer Stadt ausgebreitet hatten, so auch an der Südost-Seite des Marktplatzes in einem ehemaligen Korsettgeschäft bzw. im Laden eines deutschen Uhrmachers. Anneliese besorgte das Holen der Suppe von dem in der Familie Sabrotzki verkehrenden Russen Mischa, der in unserer nun vom russischen Militär belegten Oberschule als Koch und Zahlmeister sein Refugium hatte.


Vertreibung 1946

So verging das Jahr 1945 für uns in Ungewißheit. Der Glaube meiner Mutter an eine Änderung der Verhältnisse, ihre Hoffnung, daß Pommern wieder deutsch werden würde, war damals unerschütterlich. Sie wollte aus diesem Grunde Belgard nicht verlassen, sondern weiter beobachten, was mit unserem Haus geschehen würde, obgleich man damals vielleicht noch wie manch anderer durch die Kirche oder das Rote Kreuz in einem Transport nach Westen hätte fortkommen können. "Ich muß das Haus für Pappi erhalten!" sagte sie in dieser Zeit oft. Als dann im Januar 1946 die Vertreibung aus Belgard weder durch meine Arbeitsbescheinigung der Sattlerei in der Kämpenstraße noch durch das Reden von Frau Sabrotzki verhindert werden konnte, war unsere Trauer und Bestürzung grenzenlos. Am 21. Januar 1946 gegen 19 Uhr kam die polnische Miliz in unsere Wohnung und verlangte, daß wir in einer Viertelstunde "zur Ausreise" fertig sein müßten. Dem alten Ehepaar Schulze, den letzten Mietern in unserem Haus, dessen Tochter schon 1945 - vermutlich mit einem Transport des Roten Kreuzes - mit ihrem Kleinkind nach Rastatt zurückgekehrt war, erging es ebenso. Rucksäcke und Bettzeug hatten auch wir für diesen Fall bereits lange vorher gepackt, denn schon im Jahr zuvor waren in unserer Stadt immer wieder zahlreiche Deutsche von den Polen abgeholt und mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Die Miliz überwachte uns, während wir uns warm anzogen und noch schnell einige weitere Dinge zusammensuchten. Dabei verfolgte mich ein Pole bis in mein Zimmer unter dem Dach und beobachtete mich in meinem Mansardenstübchen selbst noch beim Umziehen. Dann wurde unser Handwagen mit den wenigen Habseligkeiten beladen, und wir vier Frauen - meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, meine jüngere Schwester Anneliese und ich - mußten mit weiteren Deutschen aus unserem Viertel unter Bewachung den Weg in die Pankniner Straße antreten, wo wir in einen Keller des großen Mietshauses neben der katholischen Kirche geführt wurden, in dem bereits viele Menschen dichtgedrängt saßen - ausschließlich Frauen, Kinder und alte Männer. Nach langem, quälenden Warten ging plötzlich das Licht aus, wir erschraken alle heftig und mußten nun im Dunkeln ausharren, bis wir schließlich nach und nach in kleinen Gruppen in einen danebenliegenden Kellerraum kommandiert wurden, wo ein Pole an einem Schreibtisch saß und zwei weitere Männer die Leibesvisitationen durchführten (denn wir hätten ja polnisches Staatseigentum mitnehmen können!). Bei der Durchsuchung nahmen sie uns nahezu den gesamten, in unserer Kleidung eingenähten Schmuck und fast all unser verstecktes Geld ab, das wir für den Verkauf unseres Silberzeuges in den bereits kurz nach Kriegsende in Belgard wie Pilze aus dem Boden geschossenen polnischen Ankaufsläden bekommen hatten. Nur einige Scheine, die meine Mutter im Leibchen meiner Schwester eingenäht hatte, konnten wir als Notgroschen über diese erste Ausplünderung retten. In der Zwischenzeit waren unsere Rucksäcke, die wir im Nebenraum hatten zurücklassen müssen, von den Polen ebenfalls durchsucht und geplündert worden, und sogar unsere Bettsäcke hatte man uns weggenommen. Anneliese trauerte um ihre Lieblingspuppe "Bärbelchen" von Schildkröt, die ihr aus ihrem kleinen Rucksack gestohlen worden war, und selbst meiner rheumakranken Großmutter hatte man trotz flehentlicher Bitten ihren pelzgefütterten Mantel ausgezogen. Sie überlebte die tagelange Fahrt in der Januarkälte im ungeheizten Viehwaggon nur, weil ich ihr mit meinem zweiten Mantel helfen konnte, den ich über meinen Rucksack gebunden hatte. Dann mußten wir die Nacht auf den Bänken des Kellerraumes verbringen, in dem wir bereits zuvor gewartet hatten, und wo wir nun mit zahlreichen Leidensgenossen unseres weiteren Schicksals harrten. Am nächsten Morgen trieb uns die polnische Miliz in einem langen Zug durch die Luisenstraße und Bahnhofstraße in Richtung Bahnhof, wo wir in die Viehwaggons eines bereitstehenden Zuges einsteigen mußten. Die zugigen, ausgekühlten Wagen verfügten über keinerlei Sitzgelegenheiten und waren nur mit einem Eimer zur Verrichtung der Notdurft versehen, und nicht einmal Stroh zum Schutz gegen die größte Kälte war uns hier von den Polen zugestanden worden. Was allein schon das für die vielen alten Leute wie etwa meine Großmutter bedeutete, sich auf dem eiskalten Wagenboden niederzulassen und dort unabsehbare Zeit sitzen zu müssen, das kann ich erst heute als alte Frau ermessen. Wohl dem, der einen Sitzplatz an einer Wand oder in einer Ecke fand, denn er konnte sich wenigsten anlehnen, die übrigen mußten die mehrtägige Fahrt dichtgedrängt auf dem Boden kauernd zubringen. An Schlaf war dabei nicht zu denken - nicht nur aufgrund der Enge und der bitteren Kälte, sondern vor allem weil uns die Angst vor weiteren Übergriffen der Polen nicht schlafen ließ und wir uns deshalb auch während der gesamten Fahrt nur flüsternd unterhielten. Als der Zug nach langem Warten endlich abfuhr, begann eine drei Tage dauernde, quälende Odyssee in eisiger Kälte, die durch endloses Halten auf zahlreichen Bahnhöfen und gefährliche Zwischenstops auf freier Strecke zusätzlich erschwert wurde (die Fahrzeit von Belgard bis nach Stettin an die Oder betrug vor dem Kriege weniger als drei Stunden). Während dieses nicht enden wollenden Albtraums erlebten wir nicht nur einmal, daß bei den Zwischenhalts auf freier Strecke Polen in die Waggons eindrangen, um uns die letzten Wertsachen zu rauben. So verloren wir auch noch den Rest des uns nach der Ausplünderung durch die polnische Miliz in Belgard verbliebenen, in unsere Kleidung eingenähten Familienschmuckes. In der Nähe eines größeren Bahnhofes - es könnte Stargard gewesen sein - wurden alle arbeitsfähigen Erwachsenen (ausschließlich Frauen und alte Männer) gezwungen, auszusteigen und sich für einen Arbeitseinsatz bereitzumachen. Als daraufhin Anneliese laut zu schreien anfing - sie befürchtete wohl, daß sie allein zurückbleiben müsse und der Zug ohne ihre Angehörigen weiterfahren würde - gelang es meiner Mutter, im Waggon zurückzubleiben und das Kind zu beruhigen. Dennoch machte meine kleine Schwester auch noch Tage danach einen äußerst verstörten Eindruck. Somit mußte dann nur ich mehrere Stunden gemeinsam mit zahlreichen anderen Belgardern bei der Ausbesserung der Gleisanlagen in der Nähe des Bahnhofes helfen, wo wir Schwellen verlegten und weitere schwere Arbeiten zugeteilt bekamen - dabei immer mit einem angstvollen Blick auf unseren Zug, ob er nicht vielleicht doch ohne uns losfahren und wir auf diese Weise von unseren Familien getrennt würden. So zog sich diese Schreckensfahrt über drei Tage hin, in denen wir in dauernder Anspannung und größter Angst immer wieder um unser Leben fürchten mußten - und dies obwohl seit Kriegsende fast ein Jahr vergangen war und gemäß den Potsdamer Beschlüssen eine Vertreibung der deutschen Bevölkerung nur aus Polen zulässig gewesen wäre, nicht jedoch aus Pommern und den übrigen deutschen Ostgebieten, da diese von den vier Siegermächten lediglich unter polnische Verwaltung gestellt und von den Polen erst mit Hilfe der Sowjetunion annektiert werden konnten:

"Artikel XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung aus Polen 'in ordnungsgemäßer und humaner Weise' erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen war jedoch eine völlig andere. Mit sowjetischer Zustimmung dehnte die polnische Regierung den Begriff 'Polen' dabei auch auf die ihrer Verwaltung unterstellten Oder-Neiße-Gebiete aus. Als die Westmächte Kenntnis von der Vertreibung erhielten, konnten sie eine kurzzeitige Unterbrechung erreichen, hatten aber aufgrund der Haltung der Sowjetunion auch danach keine Möglichkeit, Polen zur Einhaltung der in Potsdam vereinbarten Bestimmungen zu zwingen." [Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung Nr. 267, Bonn 2000, Seite 5-6]

Aber das erfuhren wir erst viel später, und genützt hätte es uns damals auch nichts. Schließlich erreichten wir kurz hinter Stettin den Bahnhof von Scheune, dem Grenzort zur damaligen sowjetischen Besatzungszone, wo wir dann endlich aufatmen und die eiskalten Viehwaggons der Polen verlassen konnten, um in einem deutschen Personenzug bis Anklam weiterzufahren. Dort saßen wir zunächst im Wartesaal, wo man uns sagte, daß wir entlaust werden und vom Bahnhof aus direkt in ein Notaufnahmelager kommen sollten. Um mir und meiner Familie das Lagerleben zu ersparen und möglichst schnell bei unserer Verwandtschaft unterzukommen, versuchte ich mit Hilfe eines abgelaufenen Studentenausweises von meinem Zahnmedizinstudium in Greifswald während des letzten Kriegsjahres und unter dem Vorwand, daß ich aus dieser Zeit dort noch ein Zimmer habe, für uns eine Fahrkarte in die Universitätsstadt zu lösen - und es gelang mir zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich, das Herz des gutmütigen Schalterbeamten zu erweichen, der uns als gerade erst aus dem Osten eingetroffenen Vertriebenen die Weiterreise eigentlich überhaupt nicht hätte ermöglichen dürfen. So landeten wir nach einer erneuten Bahnfahrt bei der Familie meines Großonkels Ernst Lawin in Greifswald - schwer traumatisiert und dabei einerseits froh, nun endlich den Übergriffen der Polen entkommen und hinter der Oder in Sicherheit zu sein, andererseits jedoch entsetzt über die Verständnislosigkeit unserer jetzt ausgesprochen unfreundlichen Verwandten und ihre Weigerung, uns länger als eine Woche in ihrer doch recht großen Wohnung zu beherbergen (sie hatten hier allerdings bereits Flüchtlinge aus Ostpreußen aufnehmen müssen). Es handelte sich um die Familie des jüngsten Bruders meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich geb. Lawin aus Viverow, pensionierter Konrektor einer Greifswalder Schule, in dessen Haus ich während meines Studiums 1944 gern gesehener Gast war, und für dessen Familie ich von jeder Fahrt nach Hause Butter und andere, im letzten Kriegsjahr rare Lebensmittel aus Hinterpommern mitbrachte. Er konnte sich jedoch gegen seine zweite, erheblich jüngere Frau nicht durchsetzen, die uns samt ihrem etwa zehnjährigen Sohn den Aufenthalt in Greifswald unerträglich machte. So kam zu all den Schikanen der Polen, denen wir in Belgard und während der Vertreibung aus der Heimat ausgesetzt waren und welche meine Mutter und Großmutter naturgemäß viel tiefer verletzten als mich Zwanzigjährige, die Unduldsamkeit der Greifswalder Verwandten, bei denen wir erst einmal Unterschlupf zu finden gehofft hatten. Deshalb siedelten wir bereits Anfang Februar zu Else Gerboth - einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß verwandt waren - nach Halle an der Saale in die Lutherstraße 74 über, wo wir trotz ihrer bereits übervollen Wohnung herzlich aufgenommen wurden. In Hinblick auf die Ereignisse im Jahre 1945 möchte ich noch betonen, daß der Zusammenhalt unter den nach dem Einmarsch der Russen in Belgard gebliebenen Deutschen ungeheuer stark war und daß man sich in einem vorher nicht geahnten Maße half und gegenseitig unterstützte, wobei der Bekanntheitsgrad überhaupt keine Rolle mehr spielte.*

Maikäfer flieg
Dein Vater ist im Krieg
Die Mutter ist in Pommerland
Pommerland ist abgebrannt
Maikäfer flieg


Halle an der Saale 1946-1955

Auf Rat unserer hallenser Verwandten Else Gerboth, die uns in einem Zimmer ihrer äußerst beengten Dreizimmerwohnung aufgenommen hatte - in einem weiteren Raum lebte sie selbst mit ihren beiden Kindern, im dritten Zimmer waren bereits andere Flüchtlinge einquartiert - meldete ich mich bald zu einem der sogenannten Neulehrerkurse an, welche damals zur Behebung des eklatanten Lehrermangels in den meisten Regionen der sowjetischen Besatzungszone angeboten wurden, und erhielt dadurch die Zuweisung von eigenem Wohnraum für unsere Familie. So wohnten wir bereits nach einigen Wochen zur Untermiete in einer Altbauwohnung bei Fräulein Dr. Körner im Haus "Am Kirchtor 28" in Halle - zwei Zimmer mit Küchen- und Toilettenbenutzung sowie ein unbenutzbares Badezimmer. Hier waren insbesondere meine Mutter und meine Großmutter froh, wieder einmal für sich allein sein zu können, meine bei Kriegsende erst zwölfjährige Schwester Anneliese konnte nun endlich wieder zur Schule gehen und ich selbst besuchte den Neulehrerkurs in der Klosterschule in Halle.

Am 1. März 1946 fand ich mich dann zu Beginn des Lehrerausbildungskurses III mit weiteren 20 Teilnehmern in der Klosterschule (einer Handels- und Gewerbeschule in der Klosterstraße) ein, die für unseren Lehrgang einen Raum zur Verfügung gestellt hatte. In diesem Neulehrerkurs kamen vorwiegend jüngere - aber auch zwei ältere Teilnehmer von vielleicht Anfang 30 - von verschiedenster Herkunft und Vorbildung zusammen (zum Beispiel ehemalige Wehrmachtsangehörige, entlassene Kriegsgefangene, Gymnasiasten mit und ohne Abitur, und auch ein früherer Student). Einen Plan für unsere Ausbildung oder einen Überblick für die kommenden Wochen und Monate erhielten wir nicht, nicht einmal die genau Dauer des Lehrgangs wurde uns mitgeteilt, und so waren wir alle sehr neugierig auf das, was nun kommen würde. Für mich bedeutete der Unterricht zum größten Teil lediglich eine Wiederholung des Lehrstoffes aus meiner Belgarder Oberschule. Denn mein Abitur lag nur zwei Jahre zurück und so hatte ich in Deutsch, Geschichte, Geographie, Mathematik und Biologie vor den meisten meiner Mitschüler einen Vorsprung, das heißt ich konnte mich auf das Wenige, das zu diesem Stoff neu hinzukam, konzentrieren und mich den Rest der Zeit meinen Interessen zuwenden. Dies waren vor allem einige Hinweise zur Methodik dieser Fächer und Weniges - ja sehr Weniges - in Psychologie und Allgemeiner Pädagogik. Ob man uns hier schon die Grundbegriffe der russischen Sprache vermittelte, die in allen Schulen der damaligen sowjetischen Besatzungszone als erste Fremdsprache gelehrt wurde, kann ich heute nicht mehr sagen. Einer der Dozenten, ein älterer Herr mit Gitarre, der als Musiklehrer mit uns vor allem deutsche Volkslieder sang, begegnete mir später noch einmal, als er - vielleicht im Jahre 1952 - auf meiner späteren Dienststelle in Nietleben als neuer Schulleiter auftauchte (und sich als überzeugter Parteigenosse am 17. Juni 1953 im Sekretariat der Schule einschloß).

Da mir die Ausbildung keine Schwierigkeiten bereitete, mir alles leicht fiel, meine schriftlichen Arbeiten gute bis sehr gute Ergebnisse aufwiesen und ich den vor mir liegenden Lehrerberuf damals noch recht ahnungslos und lediglich als eine vorübergehende Tätigkeit betrachtete, bei der ich etwas Geld für mich und meine Familie verdienen und nach einem anderen Beruf Ausschau halten könnte, nahm ich diese Zeit an der Klosterschule wie ein Geschenk an. Dabei gewann ich etwas Abstand zu den schmerzlichen Erlebnissen der letzten zwölf Monate, der Besetzung Belgards durch Russen und Polen und der Vertreibung aus der Heimat. So genoß ich trotz der täglichen Sorge um die Ernährung der Familie, die vor allem meine Mutter trug, das Zusammensein mit jungen Menschen, das ich ja mehr als ein Jahr entbehren mußte. Häufig traf man sich nach sechs Stunden Unterricht mit einigen Mitschülern zum Essen im Hotel "Stadt Hamburg" in der Nähe vom Hauptbahnhof, wo auch ein Gericht ohne Lebensmittelmarken angeboten wurde (jeden Tag dasselbe, nämlich zwei Kartoffeln mit Spinat), schlenderte anschließend über den Universitätsring, vorbei am Theater, studierte dort den Spielplan, ging dann weiter durch die Große Ulrichstraße zum Kino an der Einmündung von Spiegel- und Schulstraße (zunächst noch "CT-Lichtspiele", später dann "Kino der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft"), wo es im Nachmittagsprogramm statt der ewigen russischen Filme öfter westliche Spielfilme gab (vor allem aus Frankreich und Italien). Ich suchte auch alleine das Rive-Ufer an der Saale auf, saß lesend in Reichardts Garten oder besuchte den halleschen Zoo, wo ich unter den Tieren Modelle für mein neuentdecktes Interesse am Zeichnen fand, und ging später auch in den Botanischen Garten, der direkt gegenüber unserer Wohnung "Am Kirchtor 28" lag.

Im Klassenraum saßen wir zu viert an großen Tischen, mein unmittelbarer Nachbar war Klaus Poche aus Nietleben. Er trug in langweiligen Stunden viel zu meiner stillen Erheiterung bei, wenn er mir seine humoristischen Kritzeleien oder Karikaturen 'rüberschob. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren hat er dann auch zahlreiche Bücher illustriert, jedoch habe ich damals nicht geahnt, daß er anschließend ins literarische Fach überwechseln und ich einmal Bücher von ihm lesen sollte. Viel später, nach seiner Ausweisung aus der DDR, lebte er in Pulheim bei Köln, und wir hatten in den achtziger und neunziger Jahren sowohl telefonischen als auch persönlichen Kontakt. In Verbindung mit seinen Fahrten nach Mainz, wo er wegen der Drehbücher zu Fernsehspielen das ZDF aufsuchte, kam er auch zu uns nach Wiesbaden. Wir erinnerten uns dann beide gerne an die Zeiten in der Klosterschule und an die spätere Begegnung an der Volksschule in Nietleben, wo wir uns Anfang der fünfziger Jahre noch einmal als Kollegen wiedertrafen. In der Klosterschule lud Klaus zwei Mitschüler und mich in sein Elternhaus nach Nietleben ein, wohin ich - weil ich noch nicht wieder ein eigenes Fahrrad besaß - von einem Mitschüler auf der Lenkstange durch die "Heide" (ein Waldgebiet zwischen Halle und Nietleben) zur sogenannten Gartenstadt mitgenommen wurde. Solche Fahrten waren damals für Einzelpersonen ohne Begleitung nicht ungefährlich, da der Weg dicht an den russischen Kasernen entlang führte und Überfälle - vor allem auf Frauen - an der Tagesordnung waren (ebenso wie eine Kollegin von der Schule in Nietleben bin ich hier Anfang der fünfziger Jahre zu Fuß tatsächlich einmal von einem Russen überfallen, zu Boden gerissen und wieder nur von zufällig vorbeikommenden Passanten vor dem Schlimmsten bewahrt worden). In der Villa der Familie Poche sah ich seit der Vertreibung aus Belgard erstmals wieder eine schöne, gepflegte Wohnung und bewunderte im Wintergarten die Modellierarbeiten von Klaus, unter anderem eine Büste seines Vaters aus Ton. Wegen seiner Zeichnungen und Tonarbeiten konnte ich ihn mir seinerzeit gut als Zeichen- oder Werklehrer vorstellen.

Von einem anderen Teilnehmer des Neulehrerkurses wurde ich einmal zu einer der im Café Fiege (in der Ludwig-Wucherer-Straße am Rande des Paulusviertels) recht häufig veranstalteten privaten Feiern eingeladen, die für mich als jemand, der nicht tanzte, an sich ausgesprochen langweilig, andererseits jedoch auch wieder recht erträglich waren, da es hier - trotz der schlimmen Hungerzeit nur etwa ein Jahr nach Kriegsende - immer auch etwas zu essen gab. Auf dem nächtlichen Heimweg durch die Merseburger Straße hatten wir leider das Pech, einem russischen Soldaten zu begegnen, der es auf mich abgesehen hatte und mich mit Gewalt an sich ziehen wollte. Der Versuch meines Begleiters, mich zu beschützen, nahm für ihn ein schlimmes Ende, denn er wurde von dem Russen verprügelt und wir entkamen ihm nur, weil plötzlich mehrere Passanten auftauchten und der Russe von uns abließ. So gab es dann am nächsten Morgen in der Klosterschule ein großes Fragen, woher denn sein verschwollenes Gesicht stammte. Der Neulehrerkurs endete bereits nach weniger als sechs Monaten am 19. August 1946 mit einer kleinen Prüfung und einer inoffiziellen, von uns selbst organisierten Abschiedsfeier in Form einer Dampferfahrt auf der Saale nach Wettin. Viele Jahre später traf ich dann noch einmal jemand, der mit mir damals die Ausbildung an der Klosterschule gemacht hatte, denn als ich 1956 in Westdeutschland am Pädagogischen Institut in Weilburg meine Lehrerausbildung wiederholen mußte, begegnete mir hier eine Kollegin, die denselben Neulehrerkurs in Halle besucht und nach ihrer Flucht aus der DDR ebenso wie ich - jedoch in einem späteren Lehrgang - in Weilburg ein Nachstudium zu absolvieren hatte.

Neulehrerausbildung 1946
Auf einem Ausflug von Halle nach Wettin im August 1946
nach der Abschlußprüfung des Lehrerausbildungskurses III
für Neulehrer in der Klosterschule in Halle an der Saale
(ganz links im Trenchcoat Klaus Poche aus Nietleben)

Zwei Tage nach der Abschlußprüfung des Neulehrerkurses in der Klosterschule in Halle erhielt ich vom Schulamt des Saalkreises die Mitteilung, daß ich zum 1.9.1946 als Schulamtsbewerberin in die damals neu eingerichtete zweite Stelle der bisher einklassigen Volksschule in Nehlitz am Petersberg eingewiesen sei, wo die bisher von einem Lehrer gemeinsam unterrichteten Jahrgänge 1 bis 8 jetzt in zwei getrennte Klassen aufgeteilt werden konnten. Schon am nächsten Tage fuhr ich von unserer Wohnung im hallenser Nordend mit einem Bus der Linie Halle - Könnern zu meinem zukünftigen Arbeitsort Nehlitz, um mich beim dortigen Schulleiter vorzustellen, der einen sehr verbitterten Eindruck machte und, wie ich erst viel später erfuhr, auch ein Vertriebener aus Pommern war. Der Empfang war sehr kühl und sachlich und für mich als Neuankömmling in diesem kleinen Dorf wenig hilfreich. Auch sah Herr Matzat wohl schon die Katastrophe heraufziehen, befürchtete in Anbetracht meines sehr jungen Aussehens und meines schüchternen Auftretens bereits zu diesem Zeitpunkt erhebliche Schwierigkeiten. Er schickte mich zum Bürgermeister, bei dem ich mich ebenfalls vorzustellen hatte.

Was ich von der Schule sah und hörte machte mir Angst, und richtig entsetzt war ich dann über meinen Stundenplan. Alles, was man uns Neulehrern beim Abschied in Halle gesagt hatte, galt hier nun nicht mehr. Denn während unserer sehr kurzen Ausbildung in der Klosterschule (1. März bis 19. August 1946) hatten wir zum Beispiel weder vom Anfangsunterricht im ersten Schuljahr, insbesondere dem Schreib- und Leseunterricht, noch über Inhalte und Methodik einiger Fächer je etwas gehört und waren damit getröstet worden, daß wir im ersten Jahr weder ABC-Schützen das Lesen und Schreiben beibringen noch den Geschichtsunterricht bei den älteren Schülern übernehmen müßten. Auch die Ankündigung von regelmäßigen Weiterbildungen, die neben der Unterrichtsarbeit in der Schule an einem Tag der Woche stattfinden sollte, hatte uns in dieser Hinsicht beruhigt (wöchentlich fünf Tage unterrichten, am sechsten Tag dann die Fortbildungsveranstaltungen besuchen!). Laut meines Stundenplanes aber hatte ich den gesamten Unterricht in den Jahrgängen 1 bis 4, sowie das Fach Geschichte in den Jahrgängen 5 bis 8 zu halten, das Herr Matzat nicht unterrichten durfte, da er im Dritten Reich Mitglied der NSDAP gewesen war. Weil das Schulgebäude als Dorfschule nur über einen einzigen Klassenraum verfügte, mußte ich meine Klasse mit den jüngeren Kindern vormittags unterrichten, nachmittags folgte dann mein Kollege Matzat mit den älteren Schülern. Dazu kam die schwierige Unterrichtsplanung in einer zweiklassigen Schule, wo dem Lehrer niemals weniger als zwei, in einigen Stunden aber auch vier Schülerjahrgänge gegenübersitzen (später jedoch sollte ich während meiner Tätigkeit in Westdeutschland an der ebenfalls zweiklassigen Dorfschule in Auringen bei Wiesbaden unter völlig anderen Bedingungen erheblich erfolgreicher unterrichten können). Aber hier in Nehlitz - mit meiner mangelnden Erfahrung im Umgang mit Kindern, ohne ausreichende Kenntnis von Methodik und Entwicklungspsychologie und ohne Anleitung oder Hilfe des Schulleiters - da blieben trotz guter Vorbereitungen alle Mühen umsonst. Es war zum Verzweifeln, wenn ich die täglichen Niederlagen in meiner Schularbeit, meine ganze Situation als Lehrerin überblickte: fehlende Autorität, kaum Lernerfolge (etwa beim Lesenlernen aufgrund fehlender Ausbildung in der Ganzwortmethode, die mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt war und mit der ich in den Fibeln der Kinder erstmals konfrontiert wurde), mangelnde Kooperation der Eltern sowie keinerlei Unterstützung durch den ersten Lehrer Matzat.

Vormittags unterrichtete ich so gut ich konnte (oder auch nicht konnte) im einzigen Klassenraum im Erdgeschoß, und am Nachmittag lebte ich in einer Stube im Dachgeschoß des Schulhauses, wo neben mir noch eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen mit zwei kleineren Kindern einquartiert war. Mein Zimmer war nur mit Bett, Tisch und Hocker möbliert, in einer emaillierten Schüssel auf einem gußeisernen Ständer konnte ich mich mehr schlecht als recht waschen, mit einem eisernen Ofen, den die Gemeinde gespendet hatte, wurde der Raum beheizt. Die Toilette der Familie Matzat, die sich im Erdgeschoß befand, durfte ich mitbenutzen. Als Heimatvertriebene konnte ich aus eigenem Besitz nur wenige Bücher zusteuern und über den Tischler des Ortes lediglich ein kleines Wandregal und einen zweiten Hocker erwerben. Da ich bis Dezember 1946 immer noch über kein Heizmaterial außer etwas selbst gesammeltem Holz verfügte, war auch die Zubereitung einer Mahlzeit auf dem Ofen nicht möglich. Schließlich verfügte der Bürgermeister auf meine Klagen hin, daß mir die drei größten Bauern des Dorfes im wöchentlichen Wechsel einen Platz an ihrem Mittagstisch gewähren mußten. Das waren oft sehr demütigende Situationen für mich als Zugereiste, als Vertriebene und als Habenichts, das heißt als unbequeme Bittstellerin, verstärkt noch durch die Hoffnung meiner hallenser Familie, die in Unkenntnis meiner schwierigen Situation in Nehlitz natürlich erwartete, daß ich in diesem besonders schlimmen Hungerwinter 1946/47 am Wochenende etwas Eßbares aus "meinem Dorf" mitbringen würde, denn meine Mutter, meine Großmutter und meine heranwachsende Schwester Anneliese mußten sich in der Großstadt nur mit Hilfe der kargen Lebensmittelzuteilungen durchschlagen, meine Mutter und Großmutter sogar nur mit der sogenannten Friedhofskarte (die Anfang Februar 1947 abgeschaffte Lebensmittelkarte VI). So verging die Zeit nach dem Unterricht und den Vorbereitungen auf den nächsten Tag im Herbst vor allem mit dem Stoppeln von Rüben und Kartoffeln und dem Holzsammeln. Einmal kam meine Mutter für einen Tag aus Halle zu mir nach Nehlitz und wir durften mit Erlaubnis der Familie Matzat die gestoppelten Rüben in dem großen Waschkessel der Schulwaschküche zu Kreude (Rübensirup) verarbeiten. Im übrigen war Frau Matzat erheblich großzügiger und mitfühlender als ihr Mann und hätte mich sicher auch ab und zu in ihre warme Küche eingeladen, wie sie es dann auch einmal tat, als ihr Mann abwesend, daß heißt zu einer seiner regelmäßigen Weiterbildungen in Russisch - in der damaligen SBZ als erste Fremdsprache für die älteren Schüler Pflichtfach - war. Der Winter brachte mir trostlose, einsame Stunden in meiner kalten Dachstube, die von der endlich durch die Gemeinde gelieferten Braunkohle und dem wenigen gesammelten Holz kaum erwärmt werden konnte. Hier mußte ich mich mit den schwierigen Unterrichtsvorbereitungen und der Nachbereitung der Fortbildungstage herumschlagen, hier war ich dann bereits froh, wenn ich ein am Wochenende in Halle ausgeliehenes Buch lesen und mich so zumindest für kurze Zeit von meiner Misere ablenken konnte. Und direkt glücklich fühlte ich mich, wenn ich meiner Familie das verdiente Gehalt von 220 Reichsmark, das ich in Halle bei der Bank an der Danziger Freiheit abgeholt hatte, mitbringen konnte. Vorher leistete ich mir im gegenüberliegenden Café eine Portion Fleischsalat, die ich wahrscheinlich zum Schwarzmarktpreis bezahlen mußte.

DDR Propaganda 1952
SED-Propaganda in der 1952 veröffentlichten Broschüre
"Halle und seine neue Verwaltungsform"

Die Fortbildungsveranstaltungen, die einmal in der Woche an einer größeren Schule im Nachbarort Wallwitz stattfanden, wo auch zwei oder drei Neulehrerinnen unterrichteten, ließen mich staunen. Die Lehrproben (eine davon sogar in Alter Geschichte), die diese jungen Lehrerinnen hielten, die seit einem Jahr in Wallwitz als Schulamtsbewerberinnen unterrichteten, waren für mich sehr beeindruckend, insbesondere was sie von erfahrenen älteren, hilfsbereiten Kollegen ihrer Schule in dieser kurzen Zeit gelernt hatten. Voller Angst dachte ich daran, daß sie alle auch einmal nach Nehlitz zu einer Lehrprobe von mir kommen würden, aber dazu kam es Gott sei Dank nicht. Bei einigen Weiterbildungsveranstaltungen, die in Halle stattfanden, traf ich jedoch auch auf andere Neulehrer, denen es ähnlich erging wie mir. Diese Begegnungen führten bei mir zu der Erkenntnis, daß ich selbst mehr für die Änderung meiner Lage tun müsse, und so entschloß ich mich kurz nach Weihnachten 1946, beim Schulamt des Saalkreises in Halle (nach meiner Erinnerung in der Rannischen Straße) meine Lage zu schildern und um Versetzung zu bitten. Wohl zweimal mußte ich meine großen Ängste vor Autoritäten überwinden und - als billiger Bote mit allerlei Berichten und anderen Schriftstücken meines Nehlitzer Kollegen und Schulleiters Matzat beladen - den Weg ins Schulamt antreten. Dort bekam ich jedoch weder Auskünfte zu meinem Versetzungsgesuch noch Hilfen für den Unterricht und wurde in jeder Hinsicht nur vertröstet. So kehrte ich jedes Mal noch verzweifelter nach Nehlitz zurück und mußte so auch weiterhin selbst sehen, daß ich hier nicht völlig unterging. Zu meiner Überraschung bekam ich dann aber die Nachricht, daß ich mit Wirkung vom 1. Mai 1947 als Schulamtsbewerberin auf eine freie Planstelle an der Volksschule in Nietleben bei Halle versetzt worden sei (und damit auch näher bei meiner Familie war). Hier unterrichtete ich vorwiegend in der Unterstufe, bis ich im Jahre 1955 von einem Besuch bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrte.

Nach dem Kriege fanden sich sehr schnell auch einige aus unserer alten Klasse von der Oberschule in Belgard an der Persante zusammen, die in Westdeutschland eine neue Heimat gefunden hatten und sich dort regelmäßig trafen. Die Treffen fanden zunächst noch unorganisiert statt, und bereits in den ersten Nachkriegsjahren wurde ein Klassenrundbrief ins Leben gerufen, der uns über viele Jahrzehnte bis heute begleitet hat und auch die ehemaligen Mitschülerinnen in der DDR erreichte (das waren Hannelore Piper in Naunhof, Cordula Uckeley in Ost-Berlin und ich selbst in Halle an der Saale). Im ersten Klassenrundbrief 1946 schrieb ich folgendes:

Halle, am 17.11.1946

Ihr lieben Gefährtinnen einer glücklichen Zeit!

Obgleich ich von den Umlauf eines Rundbriefes bereits erfahren hatte, war ich doch nicht weniger erstaunt als die meisten von Euch, als dieser Brief in meine Hände gelangte, denn ich hatte - offen gesagt - nicht daran geglaubt, daß er mich jemals erreichen würde. Die freudige Überraschung war nun um so größer, und ich will gerne ein Endchen mit Euch reisen und Euch bei dieser Gelegenheit von meinem Leben, meinen Wünschen und Zielen berichten.

Nachdem ich im Januar 1946 aus Belgard ausgewiesen wurde - ich hatte fast ein Jahr unter polnisch-russischer Herrschaft gelebt, den größten Teil der Zeit als Sattlerlehrling in einem polnischen Sattlereibetrieb (früher Asmus) - gingen wir (das heißt meine Mutter, Großmutter und Schwester) nach Halle zu Verwandten. Lange war unseres Bleibens dort nicht, in einer kleinen Wohnung zusammengepfercht kam es zu täglich sich steigernden Reibereien, sodaß wir froh waren, daß wir im Mai zwei möblierte Zimmer als eigene Wohnung bekamen. Seit dem 1. März war ich Teilnehmerin an einem Lehrerbildungskursus hier in Halle. Nachdem ich in August die Abschlußprüfung ablegte, bin ich Neulehrerin in einem Dörfchen (500 Einwohner) acht Kilometer von Halle entfernt. Bärbel, das wäre so etwas für Dich! Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, daß Du Dich in meiner Stellung bedeutend wohler fühlen würdest als ich selbst. So Respektsperson in einen kleinen Ort zu sein, von allen begafft und kritisiert zu werden, das liegt mir gar nicht. Dazu kommt das Allerschlimmste, daß ich nämlich über gar keine pädagogischen Talente verfüge und mich bei diesen Dorfrangen bis jetzt noch nicht durchsetzen konnte. Nach meiner anfänglichen Verzweiflung habe ich mich jetzt etwas beruhigt, ich lasse das Schifflein eines würdevollen Amtes so lange treiben bis ihm von anderer Seite ein Ziel gesetzt wird, daß heißt bis mich das Schulamt als völlig ungeeignet entläßt. Wenn ihr mich nun fragt, warum gerade ich, die doch wohl gar keine Fähigkeiten für den Erzieherberuf mitbekommen hat, nun gerade auf die Ausübung dieses Berufes verfiel, so muß ich Euch ehrlich antworten, daß ich es nur aus materiellen Gründen tat und diese Tätigkeit nur als einen Übergang ansehe. Meine Mutter, Großmutter und Schwester sind finanziell völlig auf mich angewiesen, da mein Vater in russischer Gefangenschaft ist und wir noch keine Nachricht von ihm haben. Ich kann die Hoffnung auf die Rückkehr meines Vaters nicht aufgeben, ich habe mich so sehr gut mit ihm verstanden und kann nicht glauben, daß ich ihn nie wieder sehen soll. Wie glücklich könnt Ihr doch sein, die Ihr Eure Familien vollständig wißt oder sie gar vollständig um Euch habt. Wenn mein Vater erst zurückgekommen ist und mir die Sorge für unsere Familie wird abgenommen haben, dann hoffe ich an eine andere Berufsausbildung denken zu können. Die Zahnmedizin würde ich natürlich nicht wieder hervorkramen, kann ich mich doch jetzt kaum noch besinnen aus welchen überspannten Gründen ich damals dieses Studium wählte. Germanistik oder speziell Kunst- und Literaturgeschichte zu studieren mit dem Hinblick auf eine journalistische oder bibliothekswissenschaftliche Tätigkeit, das ist mein Wunsch. Ob er sich je erfüllen wird? Was ich selbst zu seiner Verwirklichung beitragen kann, das wird bestimmt geschehen. Auch meine Wünsche und Hoffnungen, die in eine andere, wohl von jeder echten Frau ersehnten Richtung gehen, stehen auf schwankenden Füßen. Wie steht es denn in dieser Beziehung mit Euren Wünschen, Aussichten und Sehnsüchten? Pipus ist nun die erste aus unserem Kreise, die verlobt ist und wahrscheinlich auch die erste, die in das Ehebett steigen wird, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie überrascht ich war, als ich vor einigen Wochen erfuhr, daß Hannelore, von der doch niemand etwas wußte, in meiner näheren Umgebung, nämlich in der Nähe von Leipzig zusammen mit ihrem Helmut als Neulehrer tätig ist. Ende Oktober haben wir uns in Leipzig getroffen und recht nach Herzenslust ausgesprochen. Auch mit meinem Ellinörchen war ich bereits zweimal zusammen und ich hoffte stark mit ihr gemeinsam das Weihnachtsfest begehen zu können, nun sind ja ihre Pläne durch ihren Übergang in die britische Zone undurchführbar.

Wenn ihr mich sehen könntet, würdet ihr wahrscheinlich sagen, daß ich mich äußerlich wenig verändert habe, wahrscheinlich bis auf die geänderte Frisur gar nicht. Älter und würdiger, wie es doch meinem neuen Beruf angemessen wäre, sehe ich auch nicht aus, nein, zu meinem Leidwesen schätzt man mich gewöhnlich auf 17 bis 18 Jahre, obgleich ich mich doch bedenklich dem 21. nähere. Innerlich glaube ich mich auch nicht allzu sehr verändert zu haben, habe noch immer ziemliche Minderwertigkeitskomplexe, die teilweise noch verstärkt werden, durch die Unbefriedigtheit im Beruf und die Art und Weise, in der diese Sau-Sachsen uns aus dem Osten hier glauben behandeln zu müssen. Nie werde ich mich an diesen Menschenschlag und noch viel weniger an ihre entsetzliche Sprache gewöhnen können. Wenn die Kinder mir in der Schule dann solche Ausspracherätsel aufgeben wie "Heide bidde geene Uffjahm jäbn" glaube ich stets ersticken müssen vor Lachen. Auch meinen Humor habe ich behalten, ja vielleicht noch etwas hinzugewonnen.

In manchen Beziehungen geht es mir nicht so wie Euch, als ich zum Beispiel Bärbchens Brief durchlas, konnte ich mich in ihre Erinnerungsstunde an Belgard und an unsere Schule nicht so recht versetzen. Gewiß, auch ich denke sehr gern an all das Schöne zurück, was wir mit Belgard hinter uns ließen, ich habe meine Heimat sehr lieb und habe damals in Belgard meine Mutter immer wieder veranlaßt, noch ein paar Wochen länger dort zu bleiben, weil ich hoffte, daß die Ostgebiete noch einmal deutsch werden würden (diese Hoffnung habe ich auch heute auch noch nicht ganz aufgegeben) - aber ich bin zu sehr Zukunftsmensch, mich beschäftig meine Zukunft, die Wünsche und Pläne, die mit ihr in Verbindung stehen, viel mehr als die Erinnerungen an eine Vergangenheit. Auch füllen mich die gegenwärtigen Forderungen meines Berufes, wenn sie mir häufig auch nichts anderes als Ärger bringen, so aus, daß ich nur wenig dazu komme über unsere damaligen Verhältnisse nachzusinnen. Um so erfreulicher ist mir jedoch die Nachricht, daß noch viele von Euch den Gedanken an ein Klassentreffen nicht ganz aufgegeben haben. Wollen wir es doch für das Jahr 1947 im Auge behalten, wenn es auch vielleicht nicht Ostern sein kann. Möchten nur endlich die Zonengrenzen fallen!

Die Sonntage verlebe ich stets in Halle bei meiner Mutter und suche so oft es geht und vor allem so weit mein Geld reicht, die Bildungsmöglichkeiten der Großstadt auszunutzen. In der Volkshochschule besuche ich im Augenblick zwei Kurse, die auf meine pädagogische Weiterbildung ausgerichtet sind. "Johann Heinrich Pestalozzi" und "Allgemeine Pädagogik". Im vorigen Trimester habe ich meine englischen Kenntnisse etwas aufgefrischt, Russisch müssen wir als Neulehrer ja sowieso lernen, es fällt mir aber bedeutend schwerer als Englisch, Französisch und Latein. Das hiesige Stadttheater hat gute Kräfte, und wenn in meinem Beutel nicht gähnende Leere herrscht, leiste ich mir auch mal einen Theaterbesuch, als letztes Stück sah ich vor 14 Tagen Shakespeares "Sommernachtstraum".

Oh Kinder, ich freue mich so auf ein Wiedersehen mit Euch! Nun da die Sache mit dem Rundbrief in Gang gekommen ist, glaube ich auch fest an ein Gelingen unseres Stelldicheins. Wie werden sich die einzelnen verwundert ob ihrer Veränderung betrachten, in welchen Berufen werden wir dann stecken, ob Cordelchen dann immer noch die einzige ist, die am Busen der Alma Mater die Weisheit saugt?

Seid mir herzlich gegrüßt all ihr Lieben von Eurer alten Lore, die fest auf ein Wiedersehen hofft.

P.S.: Habt Ihr noch Hoffnung auf eine Änderung der Lage in den Ostgebieten?

[Klassenrundbrief aus dem Jahre 1946 von Herrn Helmut Schumann aus Naunhof freundlicherweise zur Verfügung gestellt]

Nachdem ich im Jahre 1955 von einem Besuch bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrt war, in der Bundesrepublik geheiratet und eine Familie gegründet hatte, stieß auch ich zu meinen Klassenschwestern und sah sie so alle wieder - einschließlich unserer Lehrer Fräulein Büttner, Fräulein Ellmann, Fräulein Kraul, Herr Rogausch, Fräulein Trepel und Fräulein Barz, die an den Klassentreffen teilweise noch bis in die achtziger Jahre hinein teilnahmen. Dabei wurden die Treffen von uns reihum an den jeweiligen Wohnorten der Teilnehmerinnen organisiert (so etwa 1998 von mir in Wiesbaden), nach der Jahrtausendwende übernahm schließlich meine Klassenkameradin Barbara Haverland geb. Dumjahn diese Aufgabe, sodaß wir uns jedes Jahr im Hotel Peter in Veckerhagen trafen, das sie schon zuvor mit verschiedenen anderen Gruppen besucht hatte. Aufgrund seiner herrlichen Lage an der Weser, den sympathischen Besitzern und der guten Unterbringung fühlten wir uns diesem Ort schon bald sehr verbunden, was auch immer wieder zur angenehmen Atmosphäre während unseres dreitägigen Zusammenseins beitrug - leider konnte ich jedoch seit 2009 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr daran teilnehmen. Bärbel Haverland, zu der ich in unserer Schulzeit nur wenig Kontakt hatte, fühlte ich mich seit Ende der neunziger Jahre freundschaftlich verbunden, wobei in unseren Erinnerungen an Belgard und die alte Heimat sowie bei den Gesprächen über Flucht und Vertreibung der Gedanke der Versöhnung immer eine zentrale Rolle spielte. Meine Bewunderung galt ihrer Lebensleistung, wie sie sich bis ins hohe Alter in Vereinen und Institutionen für unsere pommersche Heimat einsetzte, über Jahrzehnte Busreisen nach Hinterpommern organisierte und als kompetente Reiseführerin begleitete.

Als junge Lehrerin in Nietleben bei Halle
(mit meiner Klasse 3c, Sommer 1950)
Die Schule in Nietleben, einem Industriedorf westlich von Halle, war eine vollausgebaute Volksschule. Die unteren Jahrgänge 1 bis 4 wurden in den beiden Gebäuden der sogenannten Alten Schule (in der Straße "Am Schulhof") mit insgesamt neun Klassenräumen und die Jahrgänge 5 bis 8 (später 5 bis 9) in der "Neuen Schule" an der Krollwitzer Straße (Hauptgebäude mit Schulleitung, Sekretariat und acht Klassenräumen) unterrichtet. In der "Alten Schule" übernahm ich am 1. Mai 1947 eine 3. oder 4. Klasse von Fräulein Alice Rößler, die für mich nach Nehlitz wechselte. Sie wurde mir später, als sie wieder nach Nietleben zurückgekehrt war und ihren mittlerweile aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Jugendfreund Werner Kaufmann geheiratet hatte, eine liebe Freundin. So übernahm ich auch die Patenschaft für ihren 1948 geborenen Sohn Jochen, und hielt meine freundschaftlichen Kontakte zur Familie Kaufmann, die ebenso wie ich in den fünfziger Jahren aus der DDR geflohen war, bis zu ihrem Tode in Westdeutschland 1972 aufrecht. Zu meiner Mentorin an der Schule in Nietleben wurde Frau Maria Müller bestimmt, eine ältere Kollegin, die vor ihrer Vertreibung aus der Tschechoslowakei dort an einer deutschen Lehrerbildungseinrichtung tätig gewesen war. Das sah ich sofort als ein großes Glück für mich an und war ihr für die jahrelange freundliche Betreuung bis zu meiner ersten Lehrerprüfung sehr dankbar. So durfte ich unter ihrer gewissenhaften Anleitung auch bald ein erstes Schuljahr übernehmen, und erst jetzt wurde mir der Begriff "Ganzwortmethode" verständlich. Die Kollegen in Nietleben waren nett und nahmen mich freundlich auf, das Kollegium bestand zum größten Teil aus Neulehrern. Man traf sich auch oft privat - etwa im Sommer zum Baden im Bruchfeld - und versuchte, die schlimmen Kriegsjahre zu vergessen. Denn wir alle befanden uns in einer ähnlichen Lage, und ich fühlte mich bald überhaupt nicht mehr einsam. In meinen Klassen hatte ich auch einige Kinder aus sogenannten Umsiedlerfamilien (für das SED-Regime galten wir lediglich als "Umsiedler", denn in der SBZ und ebenso in der späteren DDR wurde das Thema Vertreibung in den staatlich gelenkten Medien und in der Öffentlichkeit totgeschwiegen, das heißt die Bezeichnungen "Flüchtlinge" und "Vertriebene" durften mit Rücksicht auf die "sozialistischen Bruderländer" nicht gebraucht, Polen und die Tschechoslowakei keinesfalls für die Vertreibung der Menschen aus den deutschen Ostgebieten verantwortlich gemacht werden), so etwa in einer 1. Klasse einen Jungen aus Pommern, mit dessen Mutter, die in Nietleben in der Quellgasse wohnte, ich mehrmals länger ins Gespräch kam, wobei wir uns natürlich auch über die verlorene Heimat unterhielten. Ein anderer pommerscher Junge fiel unserem ersten Rektor (einem Flüchtling aus Ostpreußen) bei einem Besuch in meiner Klasse auf, als er - in der Nietleber Mundart - für das Pfeifen des einfahrenden Zuges das Wort "fäpt" verwendete. "Sag' noch einmal, was der Zug macht!" forderte ihn der Rektor immer wieder auf und wunderte sich dabei von Mal zu Mal mehr, bis er sich schließlich entsetzt an mich wandte: "Kann er denn nicht deutsch?" Aber Willi blieb bei dem Ausdruck "fäpt", der für die Kinder in Nietleben eben zum Bahnhof dazugehörte. Nach meinem Umzug in ein möbliertes Zimmer bei Frau Mathilde Krüger in der Langestraße Nr. 10 lernte ich zwei heimatvertriebene Frauen aus Pommern kennen, die dort in einer Dachwohnung lebten und deren Männer nicht mehr aus dem Krieg heimgekehrt waren. Frau Mewes, eine geschickte Näherin, verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre beiden Töchter mit Schneiderarbeiten, wovon gelegentlich auch ich profitierte. Hier hörte ich von ihrer Schwester, einer resoluten pommerschen Bauersfrau, erstmals von den Übergriffen in den Dörfern nach dem Einmarsch der Russen und der Annektion unserer Heimat durch die Polen, wenn sie aus diesen schweren Monaten des Jahres 1945 immer wieder detailliert berichtete. Ich hatte in der Zeit vor unserer Vertreibung aus Pommern, als ich mit meiner Familie 1945/46 noch in Belgard lebte, nur wenig vom Leben auf dem Lande unter den Besatzern gehört, wußte lediglich um das schreckliche Schicksal der Familie meines Großonkels Ewald Maaß aus dem Dorf Lülfitz unweit von Belgard. Nun erfuhr ich auch aus anderen Landgemeinden von ähnlichen Verbrechen an der deutschen Bevölkerung, so daß mir damals bewußt wurde, daß es den Dorfbewohnern vielfach noch schlimmer ergangen war als den Menschen in der Stadt. Weitere Begegnungen mit Vertriebenen hatte ich in Nietleben jedoch nicht. Auch meine Wohnsituation besserte sich hier bald, denn nach drei schwierigen Untermietverhältnissen hatte ich das Glück, im Jahre 1950 in meiner bereits zuvor erwähnten Wirtin Frau Mathilde Krüger (sie verwaltete das Haus Langestraße 10 für ein in den Westen geflohenes Ehepaar) eine mütterlich-kumpelhafte Freundin zu finden. Sie half mir auch mit vielem aus, was ich mir nach der Vertreibung aus Pommern noch nicht wieder hatte anschaffen können, stellte mir zum Beispiel ihre Nähmaschine zur Verfügung, schenkte mir ihr Fahrrad, erlaubte mir, in ihrem Wohnzimmer mit Kollegen meinen Geburtstag zu feiern, und an den seltenen freien Sommernachmittagen genoß ich gemeinsam mit ihr die Sonne in ihrem Garten - und da Frau Krüger bald als Sekretärin an unsere Schule kam, waren wir nie um Gesprächsthemen verlegen.

Das Kollegium in Nietleben (1949)
Die Nähe zur Großstadt Halle erlaubte es mir, nun dort an Volkshochschulkursen teilzunehmen und Theaterbesuche zu planen. Man nahm in dieser Zeit nicht unbeträchtliche abendliche Strapazen auf sich, um am kulturellen Leben teilzuhaben. So denke ich an die wunderschönen Vorstellungen im Dessauer Theater, wo ich zum Beispiel meine erste Aufführung von Mozarts "Zauberflöte" erlebte - und mein Weg dabei zunächst zum Bahnhof in Nietleben führte, von dort mit der Halle-Hettstedter Kleinbahn nach Halle in die Mansfelder Straße, dann mit einer Straßenbahn der Linie 4 zum Hauptbahnhof Halle, von dort aus mit der Reichsbahn weiter nach Dessau, vom Bahnhof zu Fuß zum Dessauer Theater und nach der Aufführung spät in der Nacht auf die gleiche Weise zurück nach Nietleben (jeweils zwei bis drei Stunden für den Hin- und Rückweg). So hätte ich nach der Vertreibung aus der Heimat und den ersten schweren Jahren in der sowjetischen Besatzungszone nun in Nietleben eigentlich zufrieden sein können, wären da nicht die anhaltende Sorge um meine Familie, insbesondere die permanente Geldknappheit (mein Gehalt als Lehrerin betrug damals etwa 220 Reichsmark, dazu kam nur noch die Witwenrente meiner Großmutter Elfriede Alverdes in Höhe von 90 Reichsmark, und das für insgesamt vier Personen) und - über das Persönliche hinaus - der politische Druck auf uns Lehrer gewesen. Denn als Neulehrer sollten wir die kommende Generation im "sozialistischen Sinne" erziehen, daß heißt gemäß den ideologischen Vorgaben der SED indoktrinieren und auf diese Weise zur Schaffung des "neuen Menschens" beitragen. So mußten wir neben der pädagogischen und methodischen Weiterbildung, die parallel zu unserer Unterrichtsarbeit - nachmittags oder am Wochenende - im ehemaligen Werklehrerseminar in Halle (Merseburger Straße) stattfand, dort auch an Schulungen in Marxismus-Leninismus und der Geschichte der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) teilnehmen und bekamen die Grundlagen der russischen Sprache vermittelt. Weiterhin wurden wir zur Ferienbetreuung der Schulkinder herangezogen (für die "Ferienspiele" in Nietleben oder für mehrtägige Ferienwanderungen mit den Schülern, wodurch uns Lehrern im ganzen Jahr nur drei bis vier Wochen Urlaub blieben - dazu kamen in der letzten Woche der Sommerferien noch die Vorbereitungen für das neue Schuljahr mit Konferenzen, Besprechungen, Verteilung der Schulbücher in die Klassenräume usw.), weiterhin sollten wir im Unterricht Werbung für die JP und die FDJ ("Junge Pioniere" bzw. "Freie Deutsche Jugend", Jugendorganisation der SED) machen - in enger Zusammenarbeit mit dem Pionierleiter unserer Schule, der an allen Schulveranstaltungen teilnahm und in der DDR den Lehrern gleichgestellt war (die Pionierorganisation war - als Vorstufe zur Mitgliedschaft in der FDJ - fest in die Schulen integriert). Der Pionierleiter betreute die Schüler, welche schon zu den "Jungen Pionieren" gehörten, nachmittags in der Schule und sollte sie zu "klassenbewußten Sozialisten" erziehen, hatte dabei immer auch ein Auge auf den Unterricht sowie auf uns Lehrer und unser Verhalten in Schule und Öffentlichkeit, etwa ob man an den zahlreichen, vom SED-Regime befohlenen Demonstrationen, Aufmärschen und anderen sozialistischen Jubelfeiern (etwa zum 1. Mai oder zu Stalins Tod) pflichtgemäß teilnahm - oder auch ob man am Wahltag bereits morgens vor Unterrichtsbeginn seine Stimme abgegeben hatte (gemäß der für uns Lehrer von oben angeordneten "Selbstverpflichtung"). Das alles schränkte sowohl unsere Arbeit für den Unterricht sowie die für uns Neulehrer unverzichtbaren Weiterbildungen als auch unser Privatleben von Jahr zu Jahr mehr ein. Allerdings hatten wir, ohne selbst Mitglieder der FDJ zu sein, auch einmal für uns erfreuliche Erlebnisse in Hinblick auf diese Organisation. So bekamen wir anläßlich der im Sommer 1951 von der SED-Führung inszenierten "Weltfestspiele der Jugend und Studenten" die Möglichkeit, als Betreuer für die teilnehmenden Schüler nach Ost-Berlin mitzufahren, wo man bei freier Unterkunft und Verpflegung an den verschiedensten Veranstaltungen teilnehmen konnte (etwa Theater, Tanz, Musik sowie Sportveranstaltungen, Aufmärsche und Propagandaveranstaltungen, die wir jedoch nicht besuchten). Denn für uns war es viel wichtiger, den hier lebenden Vater meines damaligen Freundes und späteren Ehemannes Friedrich Gürge zu besuchen, denn eine Bahnfahrt in die "Hauptstadt der DDR" war für mich sonst nicht so einfach möglich, da ich - ohne die erforderlichen verwandtschaftlichen Bindungen nach Berlin - immer erst einen Vorwand finden mußte, um eine entsprechende Reiseerlaubnis zu beantragen (zugleich Voraussetzung für den Kauf einer Fahrkarte nach Ost-Berlin) und damit dann auch die regelmäßigen Kontrollen der Volkspolizei in den Zügen kurz vor der Hauptstadt besser durchstehen zu können. So nahmen wir bei den Weltjugendfestspielen nur an den vielfältigen Kulturveranstaltungen teil, wobei wir - wie so viele andere Besucher auch - unsere Betreuerpflichten vernachlässigten (was bei den zum Teil chaotischen Unterbringungsverhältnissen in den Schulen, wo wir auch verpflegt wurden, leicht möglich war), uns von den jeweiligen Reisegruppen lösten und damit der Kontrolle der mitreisenden FDJ-Führern entzogen, um jenseits aller ideologischen Vorgaben möglichst viele der für uns interessanten, internationalen Veranstaltungen besuchen zu können. Alle Teilnehmer, mit denen wir später über die Festspiele sprachen, waren besonders von der Begegnung mit ausländischen Gästen und den außergewöhnlichen Darbietungen der zahlreichen Gruppen begeistert. Während sich in den fünfziger Jahren die Unterhaltung unter Kollegen überwiegend um schulische oder private Dinge drehte, so kamen in den ersten Jahren meiner Tätigkeit in Nietleben auch Themen zur Sprache, die später nur noch unter Gleichgesinnten im engsten Kreise erörtert werden konnten. Dabei erinnere ich mich vor allem an Gespräche über die Reparationsleistungen an die Sowjetunion, die bevorstehende Kollektivierung der Landwirtschaft in Form von "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften" (LPGs), über Radiomeldungen aus dem Westberliner RIAS und die Situation in der Bundesrepublik. Zudem erfuhr man über die einheimischen Kollegen von den Problemen der Nietleber Betriebe (Zementfabrik, Farbenfabrik Hallack, Holzfabrikation Graeb), und auch die Einsätze unserer Schulkinder in der Landwirtschaft (etwa am Nachmittag zum Absammeln von Kartoffelkäfern auf den Feldern unter Begleitung der Lehrer) oder die "freiwillige" Erntehilfe waren häufig Anlaß zu Gesprächen in den Schulpausen. Von den Eltern meiner Schüler war es nur unser Hausarzt Dr. Perschmann - seine Tochter Heidi ging in meine Klasse - dessen ablehnende Haltung dem SED-Regime gegenüber mir aus entsprechenden Bemerkungen bekannt war und der mir und meinem Freund Friedrich Gürge in brenzlichen Situationen mit Attesten ("nervöse Erschöpfung") aushalf sowie ihn 1954 kurz vor seiner Flucht nach Westdeutschland vor der drohenden Verhaftung warnte. Meinen Kollegen Friedrich Gürge hatte ich im Jahre 1949 kennengelernt, als er aus Klostermansfeld an unsere Schule kam und sich sehr bald herausstellte, daß er dem SED-Regime ebenfalls kritisch gegenüberstand. Als dann Anfang der fünfziger Jahre immer mehr Kollegen in die SED eintraten und auch mich als Parteimitglied anwerben wollten, entschloß ich mich nach längeren Überlegungen, in die LDPD (Liberal Demokratische Partei Deutschlands, eine der damals fünf Blockparteien) einzutreten. Weiterhin versuchte ich im Sommer 1954 während eines Besuches bei meiner Tante in Gütersloh zu klären, ob für uns beide die Möglichkeit für eine Anstellung an einer westdeutschen Schule bestehen würde. Man machte mir jedoch wenig Hoffnung, denn für uns Lehrer aus der DDR hätte es einer erneuten Ausbildung in der Bundesrepublik bedurft. Wir befanden uns noch im Überlegen bzw. bei der Planung, wie es mit uns nach einer Flucht nach Westdeutschland beruflich weitergehen könnte, als im Herbst 1954 der politische Druck auf meinen Freund so groß wurde, daß er sich einer Verhaftung nur durch die Flucht in den freien Westen entziehen konnte. Anfang Oktober 1954 erreichte er über Westberlin das Bundesgebiet, ich selbst folgte ihm ein halbes Jahr später, indem ich in den Sommerferien 1955 die Grenze zur Bundesrepublik übertrat - mit einer Reiseerlaubnis der DDR-Schulbehörde (damals bestand noch die Möglichkeit nach Westdeutschland zu reisen) für einen erneuten Besuch bei meiner Tante in Gütersloh und der Absicht, nicht mehr in den Osten zurückzukehren.

Unterricht im 2. Schuljahr
Während meiner Arbeit als junge Lehrerin in Nietleben lernte ich bei den Weiterbildungen im Werklehrerseminar in Halle meine spätere langjährige Freundin Margot Zeep geb. Wasgint kennen. Sie stammte aus einer ostpreußischen Lehrerfamilie aus Angerburg und war nur wenige Jahre älter als ich. Da ihr erster Mann 1944 gefallen war, lebte sie nach der Vertreibung aus der Heimat nun in Peißen bei Halle an der Saale, wo ihr Vater Schulleiter an der örtlichen Volksschule war. Margot und ich verstanden uns gut, oft war ich im Schulhaus in Peißen zu Besuch, und auch zu ihrer Mutter, deren Geschichten aus der masurischen Heimat ich immer wieder gerne hörte, hatte ich ein enges Verhältnis. In den fünfziger Jahren heiratete Margot dann in Berlin den wesentlich älteren Walter Dittrich, einen Vertriebenen aus Schlesien, der mir bei meinen Besuchen in Ostberlin bald auch ein guter Freund wurde. Walters sachliche und zugleich humorvolle Art, mit der er sich auf Gesprächspartner einlassen konnte, beeindruckte mich tief und ich hörte ihm mit großem Interesse zu, wenn er - als ein versierter Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts - etwa aus den Jahren des Ersten Weltkrieges berichtete, in denen sein Vater gefallen war und er sich mit seiner Mutter und den jüngeren Geschwistern durchschlagen mußte, oder nach dem Kriege als stellungsloser Junglehrer auf holsteinischen Gütern die Kinder der Gutsbesitzer unterrichtete oder dann im heimatlichen Schlesien eine Stelle als Dorflehrer übernahm. All diese Stationen eines wechselvollen Lebens wurden in seinen plastischen Erzählungen zu wahren Kabinettstückchen. Nach ihrer Pensionierung konnten Margot und Walter dann endlich auch zu Besuch zu uns in den Westen kommen. Ich freute mich, ihnen Wiesbaden zeigen und sie fast jedes Jahr zu einem gemeinsamen Urlaub in der Bundesrepublik einladen zu können. Besonderes Interesse fanden bei mir damals Walters Erinnerungen an seine Zeit in der DDR, und zu meinem großen Erstaunen mußte ich feststellen, daß er, während ich in Nehlitz und Nietleben als Neulehrerin arbeitete, am Schulamt des Saalekreises in Halle tätig gewesen war und dadurch bestens über die chaotischen Verhältnisse in der Schulverwaltung und unter dem hier beschäftigten Personal informiert war. Später entdeckte ich im Zeugnis meiner 1. Lehrerprüfung von 1949 seinen Namen unter den Beisitzern der Prüfungskommission, und so waren wir uns bereits mehr als 30 Jahre vorher schon einmal begegnet. Nach seiner Versetzung von Halle nach Ostberlin Mitte der fünfziger Jahre hat er dort das Sonderschulwesen aufgebaut und ist lange Zeit Leiter der größten Sonderschule im Osten der geteilten Stadt gewesen. Noch als Rentner unterrichtete er mit über 70 Jahren und unermüdlichem Arbeitseifer kranke Kinder in Berliner Kliniken. Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands machte sich bei ihm - nach der Euphorie der ersten Monate - doch auch Enttäuschung breit über den Verlust dessen, was er aus der DDR an sozialen Errungenschaften für erhaltenswert gehalten und wofür er einen nicht unerheblichen Teil seines Lebens gekämpft hatte. Als Walter dann leider 1991 starb, blieb ich Margot weiter verbunden. Wir unternahmen auch weiterhin gemeinsame Reisen, bis uns Krankheiten daran hinderten. Von ihrer Tochter betreut starb sie im Jahre 2010.

1953
Meine Mutter gewann in Halle im Laufe der Zeit einige Bekannte, es waren hauptsächlich Vertriebene aus Pommern, also Leidensgenossen. Nur mit diesen konnte sie über die verlorene Heimat sprechen, denn in der DDR wurde das Thema in den staatlich gelenkten Medien sowie in der Öffentlichkeit totgeschwiegen, und für das SED-Regime galten wir lediglich als "Umsiedler", daß heißt die Polen als "sozialistisches Brudervolk" durften keinesfalls für die Vertreibung und Deportation der Menschen aus den deutschen Ostgebieten verantwortlich gemacht werden. So erfuhr ich auch erst nach meiner Übersiedelung nach Westdeutschland vom ganzen Ausmaß dieser ethnischen Säuberung und den an den Deutschen begangenen Verbrechen. Zu den Bekannten aus der alten Heimat zählte auch das Ehepaar Ruhnke, mit dem meine Mutter oft zusammen war, später jedoch blieb ihr nur die Freundschaft zu Frau Ruhnke, da deren Mann am 17. Juni 1953 während des Volksaufstandes in der DDR durch Schüsse aus einem Parteigebäude der SED in Halle als Unbeteiligter getötet wurde: Auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle bei der Post in der Nähe des Hauptbahnhofes bzw. des Riebeckplatzes kam er an einer aufgebrachten Menschenmenge vorbei, die sich vor einem Parteihaus versammelt hatte, als aus den Fenstern des Gebäudes geschossen und Wilhelm Ruhnke von einem Schuß tödlich getroffen wurde. Wie bei vielen anderen unschuldigen Opfern wurde auch seine Leiche erst lange Zeit später zur Beerdigung freigegeben, da man seine Unschuld von offizieller Seite zunächst nicht anerkennen wollte (Frau Ruhnke zog dann einige Jahre später zu ihrer Tochter in die Bundesrepublik). Da ich damals als junge Lehrerin an der Volksschule im benachbarten Nietleben unterrichtete, kam ich nur am Wochenende zu meiner Familie nach Halle. Als ich an diesem 17. Juni 1953 morgens den Weg zur Schule einschlug, konnte ich noch nicht ahnen, was dieser Tag für uns einmal bedeuten würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder im DDR-Rundfunk noch durch Mitbewohner im Haus oder auch von den Menschen auf der Straße vom Geschehen in Berlin oder Halle gehört, das heißt es deutete zunächst noch nichts auf die dramatischen Ereignisse der kommenden Stunden und Tage hin. So traf ich völlig ahnungslos im Schulgebäude an der Kröllwitzer Straße ein, wo sich ein Teil meiner Kollegen versammelt hatte. Sie standen auf dem Treppenabsatz im Erdgeschoß und versuchten, sich ein Bild von der Lage zu machen, insbesondere von der Situation in der nahegelegenen Bezirkshauptstadt Halle - woher sie ihr Wissen über die Proteste bezogen, erwähnten sie mir gegenüber nicht (vielleicht über den Westberliner Sender RIAS, der jedoch gezielt gestört wurde und somit nur schlecht zu empfangen war). Von den SED-Genossen im Kollegium ließ sich niemand blicken. Es herrschte eine eigenartige Stimmung, euphorische Reden wechselten mit nachdenklichen Äußerungen ab, wobei alle Gespräche in gedämpften Ton stattfanden. Da kam Herr Hohnstädter, ein älterer Kollege, der dem Regime wie wir kritisch gegenüberstand, die Treppe herunter und rief uns laut zu: "Die Freiheit marschiert!" Tief bewegt durch dieses Statement wurde mir plötzlich die Bedeutung der neuen Situation bewußt, zumal ich dann hörte, daß unser Schulleiter, ein überzeugter Parteigenosse, sich im Sekretariat im Dachgeschoß eingeschlossen hatte. Von einigen Kollegen wurde der Gedanke geäußert, die Kinder nach Hause zu entlassen und uns nach Halle zu begeben; jedoch auf Vorschlag von Herrn Hohnstädter beschlossen wir, bis Mittag zu unterrichten, um unsere neugierigen Schüler von der Straße fernzuhalten und so zu verhindern, daß auch sie in die Bezirkshauptstadt kommen und in Anbetracht der unübersichtlichen Lage in Gefahr geraten könnten (es war der Tag, an dem auch die Belegschaft der Bunawerke nach Halle marschierte, um - aus Solidarität mit den Berliner Arbeitern - an den Demonstrationen gegen die Normerhöhungen und das ungeliebte SED-Regime teilzunehmen). Nach dem Unterricht entschloß ich mich, gemeinsam mit meinem Kollegen und späteren Ehemann Friedrich Gürge mit dem Fahrrad zu meiner Familie nach Halle zu fahren. Wir trafen gegen 14 Uhr dort ein und fanden in unserer Wohnung "Am Kirchtor 28" nur meine verängstigte Großmutter vor. Sie war völlig verzweifelt, da weder meine Mutter von ihrer Arbeitsstelle in der Leipziger Straße noch meine Schwester, die damals eine Lehre bei der Firma Diamalt in Halle-Diemitz machte, nach Hause zurückgekehrt waren. Meine Großmutter berichtete von Gruppen aufgebrachter Menschen, die in Richtung Roter Ochse gezogen waren, eines berüchtigten Zuchthauses nur wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt. Es war dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstellt, hinter diesen Mauern hielt die Stasi - ebenso wie hier bereits die Nationalsozialisten nur wenige Jahre zuvor - politisch Verfolgte ohne Gerichtsurteile willkürlich unter Verschluß, hier wurden in Schauprozessen abgeurteilte Andersdenkende unter unmenschlichen Haftbedingungen gefangen gehalten (das Gebäude hatte auf uns schon immer sehr furchteinflößend gewirkt, man sprach - wenn überhaupt - nur hinter vorgehaltener Hand darüber, und bei Spaziergängen gingen wir ganz schnell und unauffällig an der langen, roten Backsteinmauer vorüber). Russische Panzer waren
Mit meiner letzten Klasse als
Lehrerin in der DDR (1954)
an unseren Fenstern vorbeigerollt und Schüsse gefallen, auch vor dem Haus zeugte ein großer Blutfleck noch lange davon. Als die wütende Menge vor dem Roten Ochsen die Freilassung der Gefangenen forderte und versuchte, das Tor des Zuchthauses aufzubrechen, eröffneten die Wachmannschaften das Feuer, erschossen vier Demonstranten und verletzten zahlreiche weitere Menschen. Wie ich später erfuhr, war die Belegschaft der Spritzmalerei Böttcher, zu der auch meine Mutter gehörte, geschlossen zum Untersuchungsgefängnis in der Kleinen Steinstraße marschiert, wo sich bereits eine große Menschenmenge versammelt hatte, die schließlich in das Gebäude eindringen und die Häftlinge befreien konnte. Einige Tage nach der blutigen Niederschlagung der von uns so lange ersehnten Proteste ergab sich für mich nochmals eine bedrückende Situation, als wir von unserem Rektor, der mittlerweile wieder aus der Versenkung aufgetaucht und sich bis dahin noch nicht zu den Ereignissen geäußert hatte, zu einer Personalversammlung in den Nietlebener Kindergarten bestellt wurden. Dort mußten wir auf kleinen Kinderstühlchen rund um die zusammengeschobenen niedrigen Tische neben dem Schulleiter, den übrigen SED-Genossen aus dem Kollegium und dem Pionierleiter Platz nehmen. Nach deren langatmigen Ausführungen über die - gemäß offizieller Lesart - von westdeutschen Provokateuren gesteuerten Unruhen und die beschämende Verführbarkeit vieler DDR-Bürger sollten wir nun zu den Geschehnissen und unserem eigenen Verhalten einzeln Stellung beziehen. So blieb uns nichts anderes übrig, als die erwarteten Antworten herunterzubeten, um nicht die Anstellung als Lehrer zu verlieren oder auch noch Schlimmeres heraufzubeschwören. Dabei quälte sich jeder die durch den Rundfunk und die Zeitungen verbreiteten standardisierten Erklärungen ab, und äußerst besorgt mußten wir verfolgen, wie einer nach dem anderen, nicht selten stockend und nach den entsprechenden Phrasen suchend, seine Solidarität zum verhaßten Ulbricht-Regime bekundete. Und auch meine Angst nahm stetig zu, als ich sah, daß die Reihe nun bald an mir sein würde und alle gängigen Floskeln schon verbraucht waren; doch letztendlich schaffte auch ich es, mir die vorgegebenen Antworten abzuringen. Nachdem sich alle Kollegen auf
17. Juni 1953
diese Weise erklärt und der Rektor abschließend noch einige eindringliche Warnungen an uns gerichtet hatte, verließen wir bedrückt den Kindergarten und auch ich erwartete in den folgenden Tagen und Wochen weitere Konsequenzen, die mir dann aber zum Glück erspart blieben. An Gespräche über das Erlebte kann ich mich heute nicht mehr erinnern, meines Wissens vermied man es danach nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch unter den Kollegen über die Ereignisse vom 17. Juni 1953 zu sprechen.

Mit meiner Mutter in Halle an
der Saale (Anf. d. 50er Jahre)
In Halle fand meine Mutter ganz allmählich wieder in ein geregeltes Leben zurück, das man aber noch lange nicht als normal bezeichnen konnte. Da war einmal das finanzielle Problem: Außer den 3000 Reichsmark, die in Annelieses Leibchen eingenäht der Plünderungen durch die Polen während der Vertreibung entgangen waren, verfügten wir über keinerlei Geldreserven. Später bekam meine Großmutter eine winzige Rente in Höhe von 90 Reichsmark, die bis 1955 nie erhöht wurde, meine Mutter jedoch nicht einmal eine Hinterbliebenenrente für ihren vermißten Ehemann, welcher als Offizier der Deutschen Wehrmacht und Teilnehmer am Krieg gegen die Sowjetunion aus Sicht des SED-Regimes jegliche Versorgungsansprüche verloren hatte. Nachdem ich ab September 1946 ein Lehrergehalt (vielleicht 220 Reichsmark pro Monat) bezog, gab ich meiner Mutter die Hälfte davon ab. Die damals unverzichtbaren Bezugsscheine für das Notwendigste, was man zum Überleben brauchte, waren nur schwer zu bekommen; einige Möbelstücke stellte uns unsere Vermieterin Fräulein Körner zur Verfügung. Das Schlimmste jedoch war, daß die Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten nicht die nötigen Kalorien liefern konnten. Denn meine Mutter und meine Großmutter hatten als "Nichtarbeitende" lediglich die sogenannte "Friedhofskarte" (Karte 5), während Anneliese als Heranwachsende und ich als Lehrerin in der Ausbildung ein bißchen besser gestellt waren. Ohne Verwandtschaft auf dem Lande wie in Belgard und ohne jegliche Wertgegenstände, mit deren Hilfe man Lebensmittel bei den Bauern der Umgebung hätte eintauschen können, war für Heimatvertriebene wie uns das Leben in den ersten Nachkriegsjahren kaum zu bewältigen. Dazu kam der Kohlenmangel und die kalten Winter der ersten Nachkriegsjahre. Auf meiner Mutter lag zu dieser Zeit natürlich die größte Last; sie mußte vor den Geschäften nach den bewirtschafteten Lebensmitteln und eventuellen Sonderzuteilungen anstehen und hielt fortwährend nach Dingen Ausschau, die den Hunger besänftigen konnten, oder sie versuchte im Winter mit der wenigen Braunkohle das Wohnzimmer auf zumindest 15 Grad zu erwärmen. Ich selbst war in diesen halleschen Jahren zunächst für ein Jahr als Lehrerin in Nehlitz im Saalkreis, danach bis 1955 an einer Schule in Nietleben und kam so nur am Wochenende zu meiner Familie nach Halle. Eine große Hilfe in materieller Hinsicht waren die Pakete der amerikanischen Verwandtschaft, die nach einem entsprechenden Brief meiner Mutter bald bei uns eintrafen. Die Absender waren Mitglieder der Familien von Großvater Johannes Alverdes' Stiefgeschwistern aus St. Paul / Minnesota und Portland / Oregon in den USA. Einer dieser Stiefbrüder, Frank (ursprünglich Franz) Alverdes, wurde als Sohn von Franz Alverdes und seiner zweiten Ehefrau Ottilie Witzke am 15.1.1873 in Lauenburg / Pommern geboren, wanderte nach dem Tode des Vaters (†2.10.1880) gemeinsam mit seiner Mutter und weiteren fünf Geschwistern nach Nordamerika aus und hatte sich als Buchbinder in St. Paul am Mississippi niedergelassen, später zog er dann wohl nach Portland. Bereits in den zwanziger Jahren war er einmal in Belgard zu Besuch gewesen und hatte seine pommerschen Verwandten äußerst großzügig beschenkt. So waren es auch nun wieder wahre Festtage für uns alle, wenn die Pakete mit Lebensmitteln ausgepackt wurden; und nicht minder war die Freude, wenn Sendungen mit wunderschöner und sehr gut erhaltener, abgelegter Kleidung eintrafen. Das alles half in der damaligen Situation doch sehr, das Überleben zu sichern. Meine Mutter setzte den Briefwechsel mit den amerikanischen Verwandten noch bis zu ihrem Tode im Jahre 1974 fort.

Meine Großmutter in unserer
Wohnung "Am Kirchtor 28"
Zu meiner Großmutter Elfriede Alverdes kam zu dieser Zeit eine alte Belgarder Bekannte, Frau Lässig, die schon lange vor dem Kriege nach Halle gezogen und deren Mann ein Kollege meines Großvaters Johannes Alverdes am Belgarder Kreishaus gewesen war. Sie war natürlich in einer viel besseren materiellen Lage als meine Mutter, aus ihrem Haushalt erhielten wir in diesen schweren Jahren manches nützliche Stück. Einmal - vielleicht auch mehrmals - trug Frau Lässig durch die Weitergabe ihrer Kartoffelschalen zu unserer Ernährung bei. So brachte meine Mutter mir von einer Grüne-Bohnen-Suppe, die mit eben diesen Kartoffelschalen angereichert war, ein Töpfchen voll nach Halle-Nietleben in die sogenannte Gartenstadt, wo ich damals zur Untermiete bei zwei alten Damen in einem möblierten Zimmer ohne Kochgelegenheit wohnte. Sie mußte dazu eine lange Straßenbahnfahrt und einen halbstündigen Fußmarsch auf sich nehmen. Im Jahre 1952 konnte meine Mutter dann eine Arbeitsstelle in der Spritzmalerei Wilhelm Böttcher in Halle annehmen, wo sie laut ihrem in der damaligen DDR für jeden "Werktätigen" obligatorischen Arbeitsbuch vom 3.3.1952 bis 31.12.1953 und vom 5.7.1954 bis 19.9.1958 beschäftigt war. Hier wurden Igelit-Plastiktischdecken mit farbigen Mustern dekoriert. Sie kam dort mit den verschiedensten Frauen zusammen, wodurch sie einerseits etwas von ihrem freudlosen Leben fernab der geliebten Heimat abgelenkt wurde, und auch froh war, endlich selber Geld zu verdienen; andererseits war diese Arbeit für sie jedoch völlig ungeeignet, denn das stundenlange Halten der schweren Spritzpistole verschlimmerte die athrotischen Schäden an ihrer rechten Hand enorm; zudem war die lösungsmittelgeschwängerte Atemluft in der Werkstatt äußerst gesundheitsschädlich. Nach meiner Übersiedlung aus Nietleben bei Halle nach Westdeutschland im Sommer 1955 wurde das Geld noch knapper, wobei allerdings der Verdienst meiner Schwester Anneliese, die mittlerweile ihre Lehre als Industriekaufmann bei der Firma Diamalt beendet hatte, nun etwas zum Familienunterhalt beitrug. So dachte auch meine Mutter oft an einen Aufbruch gen Westen, konnte diesen Wunsch jedoch erst nach dem Tode meiner Großmutter Elfriede Alverdes am 8.3.1958, die in ihrem hohen Alter von über 85 Jahren nicht mehr umsiedeln wollte bzw. konnte, wahrmachen und mit meiner Schwester Anneliese in die Bundesrepublik kommen.


Neuanfang in Westdeutschland 1955

Mit einer Reiseerlaubnis der DDR-Schulbehörde übertrat ich in den Sommerferien 1955 die Grenze zur Bundesrepublik mit der Absicht, nicht mehr in den Osten zurückzukehren. Ein Besuch bei meiner Tante Ilse Griep in Gütersloh diente als Vorwand. Nachdem ich in Gießen ein mehrtägiges Notaufnahmeverfahren für Flüchtlinge aus der DDR durchlaufen hatte, besuchte ich meinen Verlobten Friedrich Gürge in Weilburg an der Lahn, der schon 1954 aus der DDR geflohen war und zu dieser Zeit am dortigen Pädagogischen Institut studierte und erfuhr, daß auch für mich die Möglichkeit eines sogenannten "Nachstudiums" bestand - jedoch leider erst im nächsten Jahr. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, bewarb ich mich um eine Stelle an der Melanchthon-Schule, von deren Suche nach einer Heimerzieherin hatte ich in Weilburg gehört. Im Steinatal, in der Nähe von Ziegenhain in der Schwalm, lag das Forstgut der Familie von Ditfurth, in dessen Gebäuden nach seinem Verkauf an die Kreisverwaltung im Jahre 1925 zunächst ein Gaststättenbetrieb (genannt "Kurhaus") eingerichtet worden war, ab Mitte der dreißiger Jahre dann von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) ein Reichsseminar für Kindergärtnerinnen, ein Kindergarten und ein Kindererholungsheim. In dieser Anlage fand die Melanchthon-Schule, die aus dem ausgebombten Kasseler Wilhelmsgymnasium hervorgegangen war, wenige Jahre nach dem Kriege mit ihrem neugegründeten Internat eine Heimstatt. Nach einem Besuch bei Oberstudiendirektor Dr. Dahlhoff erhielt ich sehr schnell die Zusage für den sofortigen Antritt als Betreuerin für die jüngeren Schülerinnen (Klasse Sexta bis Quarta). Ich glaube, den Ausschlag für meine Anstellung gab der Umstand, daß ich aus der DDR kam und auf diese Weise besonders jenem Teil der Mädchen, die ebenfalls aus dem Osten Deutschlands stammten und hier erst seit kurzem unterrichtet wurden, eine verständnisvolle Ansprechpartnerin und damit Stütze in der neuen Umgebung sein konnte. Diese Kinder waren zum Teil ohne ihre Eltern, die sich für die Mädchen nicht die übliche DDR-Schullaufbahn, sondern den Besuch eines Gymnasiums wünschten, in den Westen gekommen (als in den fünfziger Jahren die Mauer noch nicht gebaut und die Grenze noch durchlässig war). Hier hatten sie einen Freiplatz erhalten oder durch die Vermittlung der Schulleitung einen Paten gefunden, der die Kosten für Schulbesuch und Internatsunterbringung übernahm. Man sprach darüber nicht, aber ich erfuhr später doch, daß zum Beispiel ein Hamburger Arzt, dessen Kind die Melanchthon-Schule besuchte, die Patenschaft für ein Mädchen aus Thüringen übernommen hatte.

Melanchthon-Schule Steinatal

Melanchthon-Schule Steinatal (Anfang der fünfziger Jahre)

So wurde ich noch am gleichen Tag der Leiterin des Mädchenwohnheimes vorgestellt, die mit mir eine Führung über das weitläufige Schulgelände machte. Zu der Anlage gehörten das große Haupthaus mit den Schlafräumen der Jungen, dem Speisesaal und der riesigen Küche, nicht weit davon das Schulgebäude mit den Unterrichtsräumen, das Haus mit den Schlafräumen der Mädchen und etliche Nebengebäude. Meine Arbeitsstätte war dieses Mädchenheim, das in einer von Bäumen umstandenen großen Villa lag. Sie beherbergte außer den Schlafräumen der "Kleinen" (Sexta bis Quarta) im Erdgeschoß auch mein eigenes Zimmer, während die Räume der älteren Schülerinnen und das kleine Appartement der Leiterin, Fräulein von Ditfurth, im ersten Stock bzw. im Dachgeschoß lagen. Die Arbeit begann schon in den nächsten Tagen am 16. August 1955 mit der Rundumbetreuung der jüngeren Schülerinnen wie morgendlichem Wecken, Beaufsichtigung des Bettenmachens und Aufräumens der Zimmer, gemeinsamer Gang zum Frühstück in das Haupthaus, Nachhilfeunterricht bzw. Förderung der Schwächeren, Gang zum Mittagessen, Betreuung der Schularbeiten und Freizeitbeschäftigungen. Von großer Bedeutung war die Unterstützung der Sextanerinnen bei der Eingewöhnung in der zunächst noch recht ungewohnten Umgebung und der dabei so wichtige Kontakt zu ihren Eltern. Das Heimweh stellte hier das größte Problem dar, und es gab häufig Nächte, wo man die Kinder lange trösten mußte. Zu der Leiterin Fräulein von Ditfurth hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, und bereits bei meiner eigenen Eingewöhnung unterstützte sie mich mit hilfreichen Informationen zum Tagesablauf und weiteren Vorhaben. Auch sie hatte ihre Arbeit erst vor kurzer Zeit angetreten und diese Stelle wohl vor allem deshalb angenommen, weil sie dadurch in das Haus ihrer Familie zurückkehren konnte. Denn das Schulgelände und ein Teil der Gebäude hatte früher zum Forstgut der Familie von Ditfurth gehört, welche sich Mitte der zwanziger Jahre auf ihr Gut Lübrassen zurückgezogen hatte. Auch ihr Bruder hatte sich in dem nahegelegenen Städtchen Ziegenhain als Arzt niedergelassen, seine Kinder besuchten als externe Schüler die Melanchthon-Schule, und so konnte Fräulein von Ditfurth die Familie häufig mit ihrem Moped besuchen. Sie kannte sich in der Region sehr gut aus, erzählte mir viel über die Schwalm und war eine unerschöpfliche Quelle für Vorschläge zu Spaziergängen und Wanderungen in der näheren und weiteren Umgebung. Gerne erinnere ich mich dabei auch an eine Nachtwanderung mit unseren Schützlingen und an einen Ausflug zum Knüllköpfchen mit Übernachtung in der dortigen Jugendherberge. Meine enge Zusammenarbeit mit Fräulein von Ditfurth bei der Betreuung der Kindern, die zahlreichen Gespräche und der tägliche Austausch über unsere Arbeit waren damals eine große Hilfe für mich. Sie war mein Vorbild besonders in der Art wie sie den jungen Mädchen Hilfe anzubieten verstand für all die Probleme, die sowohl deren Alter als auch das Leben in einem Internat mit sich brachten. Dabei unterstützte ich sie in ihrer Absicht, den Umgang mit den Kindern etwas lockerer zu gestalten, was nicht selten Anlaß für Konflikte mit der Schulleitung oder einzelnen Lehrern gab.

Meine freien Tage verbrachte ich, soweit es die Jahreszeit und das Wetter zuließen, auf Waldspaziergängen und bei der Suche nach Pilzen, die uns hier bereits um das Haus herum fast in den Mund wuchsen (zum Beispiel die schmackhaften Parasolpilze). Wir brieten sie abends in Fräulein von Ditfurths kleiner Küche, manchmal lud sie auch Schülerinnen der Abiturklasse dazu ein. Aber auch die kleine Stadt Ziegenhain, deren Geschichte als ehemalige Wasserburg und spätere Festung lange in die Vergangenheit zurückreicht, lockte zu Spaziergängen und kleinen Ausflügen, und hier ließen sich auch die notwendigen Einkäufe erledigen. In meinem gemütlich eingerichteten Zimmer verbrachte ich manche Stunde mit der Lektüre von Büchern aus der Schulbibliothek, wobei ich hier die amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts bevorzugte, welche mir sowohl aus meiner eigenen Schulzeit im Nationalsozialismus als auch aus der DDR doch noch weitgehend unbekannt waren. Es gab auch vielfältige kulturelle Angebote für die Schulgemeinde, so erinnere ich mich an verschiedene Vorträge - etwa über Hellas oder die Etrusker von hierzu eingeladenen Professoren - und an ein wunderschönes Cellokonzert. Zu den übrigen Erziehern bzw. den Lehrern hatte ich wenig Beziehungen. So kannte ich nur Miss McGregor etwas näher, die an der Schule Englisch unterrichtete und vor mir auch im Wohnheim die jüngeren Mädchen betreut hatte, Herrn von Steuber, mit dem ich wegen der Probleme einiger Mädchen in Mathematik Gespräche führte, Herrn Albrecht, der das Jungenwohnheim leitete, und Herrn Eckstein, welcher als Sportlehrer fungierte und ebenso wie ich 1956 in Weilburg ein Nachstudium beginnen wollte. Gemeinsam mit ihm habe ich das am Pädagogischen Institut verlangte Landschulpraktikum an der Dorfschule in Niedergrenzebach nahe Steinatal abgeleistet, sodaß ich während dieser Zeit noch die Beziehung zur Melanchthon-Schule und zu Fräulein von Ditfurth aufrecht erhalten konnte. Die Weihnachtsferien verbrachte ich gemeinsam mit meinem Verlobten im Steinatal, den ich ins Mädchenheim einladen konnte und der mich in dieser Zeit schon auf mein im April 1956 beginnendes Nachstudium und den Betrieb am Pädagogischen Institut in Weilburg vorbereitete. In dem dreiviertel Jahr meiner Tätigkeit im Steinatal ist in mir doch eine gewisse Verbundenheit zur Melanchthon-Schule und ihren Menschen gewachsen, die mir den Abschied schwer machen sollte, wobei mir die Arbeit und die dort gewonnenen Erfahrungen zugleich ein persönlicher Gewinn und eine Hilfe im Umgang mit Kindern auch in außerschulischen Situationen waren.


Pädagogisches Institut Weilburg

Zum Sommersemester 1956 begab ich mich vom Steinatal nach Weilburg an der Lahn, wo mir mein Verlobter Friedrich Gürge, der dort bereits seit einem Semester am Pädagogischen Institut studierte und mir im Windhof, einem ehemaligen Jagdschloß oberhalb von Weilburg, das damals Internat für die Studierenden aus der DDR war, einen Schlafplatz besorgt hatte. Im Winter 1955/56 hatte schon eine Aufnahmeprüfung stattgefunden, zu der ich vom Steinatal anreiste, wo ich damals als Erzieherin an der Melanchton-Schule beschäftigt war. Als Prüfungsergebnis wurde mir bescheinigt, daß ich meine bereits 1949 in der DDR abgelegte erste Lehrerprüfung nach drei Semestern Nachstudium für den Schuldienst in der Bundesrepublik wiederholen könne. Bei der Einschreibung im Hauptgebäude des Institutes, das etwa 15 Minuten Fußweg vom Windhof entfernt an der Frankfurter Straße lag, erhielt ich ein Studienbuch sowie Vorlesungs- und Veranstaltungsverzeichnis und erfuhr, daß ich nun zum SL VII (Sonderlehrgang für Lehrer aus der DDR) gehörte. In Hinblick auf die Dozenten erinnere ich mich an Frau Prof. Dr. Hetzer (Jugendpsychologie), Prof. Dr. Morgenstern (Geschichte der Pädagogik / Reformpädagogik), Frau Prof. Dr. Krüger (Deutsch), Frau Dr. Bodensohn (Deutsche Literatur), Dr. Ruppert (Schulpädagogik), Prof. Dr. Dettmar (Kunsterziehung), Prof. Dr. Resag (Mathematik), Prof. Dr. Surkau (evangelische Religion), Frau Dr. Bretzler (Biologie), Dr. Seiler (Geschichte) und Frau Zechlin (Handarbeit, Werken). Der Tag war nun zum großen Teil mit Vorlesungen und Übungen am Institut ausgefüllt, dazu kamen verschiedene Lehrproben und Exkursionen, denn in den drei Semestern sollte man einen Überblick über das Schulwesen und den Unterricht in der Bundesrepublik bekommen. Vieles fußte auf der Reformpädagogik der zwanziger Jahre, und so hörte ich hier zum ersten Mal Genaueres von Arbeitsschule, Jenaplan usw. Hier lag der Schwerpunkt sowohl auf dem selbständigen Arbeiten der Kinder und der gegenseitigen Hilfe der Schüler untereinander als auch auf der freieren Auswahl des Lernstoffes durch die Lehrer, was uns von unserer Tätigkeit in der DDR bisher völlig unbekannt war. Besonders wichtig waren für mich die Exkursionen zu Schulen, die fachübergreifend, mit zum Teil mehreren Altersstufen gemeinsam in einem Klassenraum arbeiteten. So erinnere ich mich an den Besuch einer Landschule in Dornholzhausen im Taunus und einer Schule in Frankfurt (bei Schulleiter Wilhelm Krick, Entwickler der Krick'schen Lesekiste), wo ich wertvolle Einblicke in die Praxis gewann und zahlreiche Anregungen mitnahm, von denen ich bei meiner späteren Arbeit als Lehrerin profitieren sollte. Dazu kam noch ein vierwöchiges Landschulpraktikum an der zweiklassigen Dorfschule in Niedergrenzebach nahe Steinatal gemeinsam mit meinem Kollegen Herrn Eckstein.

Vor dem Windhof in Weilburg, Wohnheim
des Pädagogischen Institutes (1956)
Der Windhof in Weilburg bestand aus drei Gebäuden, von denen sich die langen Nord- und Südflügel gegenüberlagen und als Wohnheim für die Studierenden dienten, und dem sogenannten Mittelbau, der im Erdgeschoß eine Bibliothek beherbergte. Im Obergeschoß lag die Wohnung des von vielen verehrten alten Professors Morgenstern, der damals noch einige Vorlesungen in Geschichte der Pädagogik und in Reformpädagogik hielt. Ich lernte ihn dann auch in dem hinter dem Mittelbau gelegenen Rosengarten persönlich kennen, wo ich im Sommer oft mit Büchern eine Bank zum Lesen suchte - und er mich während eines Gespräches durch seine Art, wie er sich mit mir unterhielt und mich befragte, tief beeindruckte. An den warmen Sommerabenden trafen sich die Studierenden aus dem Wohnheim oft auf der großen Mauer des Windhofes, welche die Anlage nach Südwesten hin abschloß. Von hier hatte man einen herrlichen Blick auf das im Lahntal liegende Städtchen Weilburg. Ich sehe noch heute die zahlreichen jungen Leute im Abendlicht auf der Mauer, Zigaretten glühten auf, Lachen erklang, und oft wurde auch gemeinsam ein Lied angestimmt. Neben dem Jagdschloß war ein neuerer Bau als Mensa eingerichtet, wo wir uns im Speisesaal zum Mittagessen einfanden sowie die Kaltverpflegung holten. Im zweiten Semester zog ich dann aus dem Zimmer im Wohnheim aus, das ich mit einer Kollegin aus der DDR teilte, und nahm mir ein möbliertes Zimmer in der Stadt, weil ich beim Zusammenwohnen mit einer weiteren Person nicht die nötige Ruhe für das Studieren fand. So wohnte ich dann in nächster Nähe des Pädagogischen Institutes bei Schneidermeister Offenbach im Schmittbachweg, einem Hobbyangler, dessen Frau mich oft zum Fischessen in ihre Küche einlud, und deren kleine dreijährige Verwandte ich ab und zu betreute.

Ich war damals sehr froh, daß ich für die eineinhalb Jahre am Pädagogischen Institut etwas Geld von meinem Gehalt als Erzieherin im Steinatal hatte zurücklegen können, denn meine finanzielle Situation war in Weilburg recht angespannt - doch zumindest etwas abgesichert durch ein Stipendium aus Bonn in Höhe von 150 DM pro Monat (außer in den Semesterferien) und durch meine Arbeit in der vorlesungsfreien Zeit, bei der ich in einer Fabrik für Radiogehäuse in Heckholzhausen, einem kleinen Ort in der Nähe von Weilburg, in der Qualitätskontrolle der Firma Leitz in Wetzlar und bei der Kinderferienbetreuung der Stadt Frankfurt beschäftigt war. Davon gingen während des ersten Semesters im Windhof allein 75 DM monatlich für Unterkunft und Verpflegung ab, später zahlte ich 25 DM für das möblierte Zimmer bei Offenbachs und verpflegte mich selbst. So blieb nur sehr wenig für einen Kinobesuch oder ein Buch übrig. Da nun im Mai 1957 auch noch meine Hochzeit anstand, war es kein Wunder, daß es weder Hochzeitskleid noch Hochzeitsfeier geben konnte. Denn das in den Semesterferien verdiente Geld reichte gerade für ein neues Kostüm und ein Paar neue Pumps für die Trauung, die weiße Bluse mußte ich von einer Kollegin ausborgen. Mein Mann konnte das Hochzeitsessen für vier Personen (die beiden Trauzeugen und wir, unsere Eltern waren zu dieser Zeit noch in der DDR) auch nur bezahlen, weil er sein Nachstudium bereits beendet und kurz zuvor eine Anstellung als Lehrer an der einklassigen Dorfschule in Hausen vor der Höhe bekommen hatte.

Der Schloßhof in Weilburg
Die alte Stadt Weilburg, malerisch in einer Lahnschleife gelegen, übte mit ihrem historischen Stadtkern, dem Schloß und den ausgedehnten Waldgebieten von Anfang an einen besonderen Reiz auf mich aus, so daß ich mich auch oft allein zu Streifzügen durch die Gassen und die nächste Umgebung aufmachte. Mit Weilburg verbinde ich aber auch die Radiosendung "Frankfurter Wecker", welche ich damals gerne hörte und die vom Hessischen Rundfunk aus den verschiedensten Orten des Sendegebietes übertragen wurde, einmal auch aus der Orangerie des Weilburger Schlosses, wo ich frühmorgens um sechs Uhr hinging und noch heute schöne Erinnerungen an dieses ungewöhnliche Ereignis habe. Im Juli 1957 verließ ich Weilburg mit dem Zeugnis für eine nun auch in Westdeutschland anerkannte erste Lehrerprüfung in Richtung des kleinen Ortes Kiedrich unweit von Wiesbaden, wo ich eine Stelle als Lehrerin zugewiesen bekommen hatte - nicht ahnend, daß ich Jahre später, als meine Schwester mit ihrer Familie nach Weilburg gezogen war, das reizende Städtchen bei meinen Besuchen und den Weilburger Schloßkonzerten noch oft wiedersehen sollte.


Lehrerin im Rheingau

Meine erste Lehrerstelle nach der Übersiedelung aus der DDR im Jahre 1955 und einem Nachstudium am Pädagogischen Institut in Weilburg an der Lahn trat ich im August 1957 im Rheingau in dem kleinen Ort Kiedrich unweit von Wiesbaden an. Der bekannte Weinort lag nur sieben Kilometer von Hausen vor der Höhe entfernt, wo mein Ehemann Friedrich Gürge, der bereits 1954 aus der DDR geflohen war, seit einem Jahr an der einklassigen Volksschule unterrichtete und wir gemeinsam in der Lehrerwohnung im Schulhaus wohnten. So war ich froh, daß ich nach längerem Suchen und zahlreichen Bewerbungen schließlich diese Stelle in der Nähe unseres Wohnortes gefunden hatte. Der ausgesprochen freundliche Schulrat des Rheingaukreises erklärte mir bei der Einstellung jedoch, daß ich nur vorübergehend an der Schule in Kiedrich arbeiten könne, weil in dem überwiegend katholischen Ort auf Dauer nur eine der Lehrerstellen mit einer evangelischen Lehrkraft
Fahrt mit dem Motorroller
in den Taunus (1957)
besetzt werden dürfe, und daß diese schon durch einen Herrn Seydel belegt sei. So konnte er mir die Kiedricher Stelle zumindest für die Zeit anbieten, solange keine Bewerbung eines katholischen Kollegen vorlag. Mit der Postbusverbindung von Hausen v.d.H. nach Kiedrich traf ich bereits um sieben Uhr morgens auf meiner Dienststelle ein, konnte mich jedoch auch von meinem Mann etwas später auf unserem Motorroller zur Schule nach Kiedrich bringen lassen, was allerdings nur im Sommer und bei gutem Wetter möglich war - Fritz fuhr dann sofort wieder zurück, sodaß er um 7.45 Uhr mit dem Unterricht in Hausen beginnen konnte.

Nun lernte ich endlich die praktische Schularbeit im Westen kennen, nachdem mich das "Nachstudium für Sowjetzonenlehrer" am Institut für Lehrerbildung des Landes Hessen mehr oder weniger theoretisch darauf vorbereitet hatte. "Kinder sind überall Kinder!" dachte ich, doch auch im zwischenmenschlichen Bereich war hier manches ziemlich anders. "Sie werden die große Unruhe noch spüren," sagte der Rektor der Schule bei der Vorstellung zu mir, "der Wein rauscht hier in den Köpfen!" Ich kam allerdings recht gut mit diesen fröhlichen, aufgeschlossenen Menschen - Kinder wie Eltern - zurecht und gewann hier bald Freude an meiner Arbeit und sah meinen Beruf jetzt in einem neuen, positiven Licht. In den zwei Jahren meiner Tätigkeit in Kiedrich gewann ich Einblick in das religiöse sowie in das profane Leben meiner westdeutschen Mitmenschen. Denn in meiner Heimat Pommern, einer rein evangelischen Provinz des Deutschen Reiches, und in der 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Belgard, in der ich aufgewachsen war und bis zu meinem 20. Lebensjahr gelebt hatte, stellte der Bau einer Kirche für die kleine katholische Gemeinde unserer Stadt in den zwanziger Jahren fast eine Sensation dar - und in der Großstadt Halle in der DDR, wo wir nach der Vertreibung aus der Heimat durch die Polen 1946 zunächst zehn Jahre gelebt hatten, spielten konfessionelle Unterschiede damals keine Rolle. Hier in dem kleinen westdeutschen Weindorf unweit des berühmten Kloster Eberbachs aber war der Katholizismus auch weiterhin das bestimmende Element. Weil mir anfangs das Ambiente meines Dienstortes doch sehr fremdartig erschien, suchte ich Kontakt zu meinem evangelischen, aus Berlin stammenden Kollegen Dietrich Seydel, durch den ich auch bald seine Frau Nora (genannt Nori oder Nuscha) kennenlernte. So war die Familie Seydel mit den zwei reizenden Kindern Bernd und Tina in den Jahren 1957 bis 1959 eine häufige Anlaufstelle für
Meine Freundin Nori Seydel
mit ihrem Mann Dietrich
mich, wenn ich mittags nach der Schule auf den Bus nach Hausen bzw. auf meinen Mann mit dem Motorroller wartete. Hier durfte ich das Aufwachsen der Kinder, die Sorgen der Eltern und die schwierige Finanzplanung (etwa Anschaffung einer Waschmaschine oder Reparatur ihres Autos) miterleben. Nori wurde mir zu einer guten Freundin, und nach ihrem Fortzug aus dem Rheingau - bedingt durch den frühen Tod ihres Mannes, denn Herr Seydel mußte nach dem Krieg in der DDR jahrelang Zwangsarbeit im Uranbergbau in Aue (SDAG Wismut) leisten und starb bereits Anfang der sechziger Jahre an den Spätfolgen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen - setzte sich unsere Freundschaft später noch lange fort, als sie nach vielen schweren Jahren in Wolfsburg nach Hessen in die Nähe ihrer Tochter Tina zog, wo ich sie in Reinheim am Rande des Odenwaldes unweit von Darmstadt regelmäßig besuchte. Jetzt, nach mehr als zwei Jahrzehnten, konnten wir uns zu meiner Freude wieder öfter sehen, ja es wurde uns Alten sogar möglich, zusammen zu verreisen (etwa nach Tunesien und Marokko, nach Oberitalien, Kroatien oder Bulgarien, aber auch zu den verschiedensten Zielen innerhalb Deutschlands). Noris Lebenserfahrung, ihre Hilfsbereitschaft, ihre unermüdliche Tätigkeit für die Familie und ihr Beistand in Lebenskrisen werden mir immer in Erinnerung bleiben. Insbesondere in den letzten Jahren ihres Lebens fühlten wir eine tiefe Verbundenheit und sie versicherte mir oft, daß auch sie unsere Freundschaft sehr zu schätzen wisse. Als sie, die vorher niemals über das Alter geklagt hatte und von altersbedingten Schwierigkeiten nie etwas verlauten ließ, in den letzten Tagen vor ihrem Tode nun doch über ihre Schmerzen und Beschwerden sprach, telefonierten wir noch am Vormittag des 19. Juli 2009, einem Sonntag, ausführlich miteinander und ich konnte es dann überhaupt nicht fassen, daß sie am selben Tag, nur wenige Stunden nach unserem letzten Gespräch, im Alter von 90 Jahren im Garten ihrer Tochter gestorben war - und so sind ihr, wie es immer ihr Wunsch gewesen ist, lange und leidvolle Krankheiten erspart geblieben. Wie oft ich heute an sie denken muß, ich weiß es nicht - so etwa jeden Abend, wenn mein Blick zu ihrem Bild auf der Kommode gegenüber von meinem Bett schweift. Dabei fallen mir regelmäßig die Geschichten ein, die sie - eine Baltin, geborene von Pander - aus ihrer Kindheit in Lettland erzählte, aber auch die traurigen Erinnerungen an mehrmalige Vertreibung und die schwierigen, kräftezehrenden Neuanfänge in fremder Umgebung. So freute ich mich mit ihr, als sie im hohen Alter gemeinsam mit ihrer Schwester eine Reise ins Baltikum machen und dort in der alten Heimat noch einmal die Orte ihrer Kindheit und Jugend wiedersehen konnte.


Schule in Auringen

Zum 1. April 1959 wurde ich von Kiedrich an die zweiklassige Volksschule nach Auringen versetzt, mein Mann erhielt zur gleichen Zeit seine Versetzung aus Hausen vor der Höhe an die Diesterwegschule in Wiesbaden. Obwohl Auringen auch Ende der fünfziger Jahre noch ein von Landwirtschaft und Kleingewerbe geprägtes Dorf im Einzugsbereich von Wiesbaden war, hatte sich bereits damals - nachdem der Ort schon kurz nach dem Kriege eine große Zahl von Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland aufgenommen hatte, begleitet von einer regen Bautätigkeit (etwa im Neubaugebiet "Am Roten Berg") - die Bevölkerungsstruktur grundlegend verändert. Immer mehr Bewohner pendelten als Arbeitnehmer in die nahe Landeshauptstadt und betrachteten das Dorf nur noch als Wohngemeinde. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung war aber weiterhin - nicht wenige davon im Nebenerwerb - in der Landwirtschaft beschäftigt, und so hatten auch die meisten Schulkinder noch eine enge Beziehung zur Landwirtschaft. Als Arbeitgeber innerhalb des Ortes kam nur der Molkerei Rudolf Rieser ("Riesers Sonnenmilch") mit ihrem großen Einzugsgebiet eine gewisse Bedeutung zu. Die Dienstwohnung für mich und meine Familie, das heißt für meinen Mann und meinen kleinen Sohn Peter, der ein halbes Jahr zuvor in Hausen vor der Höhe geboren war, befand sich im hinteren Teil des zweigeschossigen Schulgebäudes; eine Veranda und ein großer Garten gehörten dazu. Der Umzug nach Auringen gestaltete sich schwierig,
Unterrichtsvorbereitungen
in Auringen (Frühjahr 1961)
denn entgegen der drei Wochen zuvor mit dem Ortsbürgermeister während der Besichtigung getroffenen Absprache war die Wohnung nicht rechtzeitig renoviert worden, so daß bei unserem Einzug selbst die Ölfarbe auf den frisch gestrichenen Dielenfußböden noch feucht war und wir mit Schuhen und Möbeln daran kleben blieben. Viel belastender war für uns jedoch, daß von der Gemeinde noch zwei weitere Mietparteien im ursprünglich nur für die Familie des Lehrers vorgesehenen Schulhaus einquartiert worden waren, die auf dem Weg zur Haustür nun täglich durch unsere Wohnung und an unseren Zimmertüren vorbeigehen mußten. Erst Monate später konnten wir erreichen, daß wenigstens eines dieser Ehepaare anderen Wohnraum zugewiesen bekam. Das alles war recht ärgerlich, aber ich war trotz allem froh über diese Wohnung, die mir mit der großen Veranda und dem alten, eingewachsenen Garten insgesamt sehr zusagte. Zudem war meine Mutter, die nach dem Tode meiner Großmutter Elfriede Alverdes in Halle an der Saale gemeinsam mit meiner Schwester Anneliese im Jahr zuvor aus der DDR nach Westdeutschland gekommen war, zu uns nach Auringen gezogen und betreute den kleinen Peter.

Einen freundlichen Empfang bereitete mir mein Auringer Kollege Georg Rieser, der mir die Unterstufe mit dem 1. bis 4. Schuljahr übergab, so daß nun ich die jüngeren Kinder im Klassenraum im Erdgeschoß unterrichtete und er die älteren Schülern (5. bis 8. Schuljahr) im ersten Stock. Vor allem ließ er mir bei meiner Arbeit völlig freie Hand als er erfuhr, daß ich vor meinem Nachstudium in Weilburg und meiner Lehrerstelle in Kiedrich bereits acht Jahre in der DDR unterrichtet hatte. Hier in Auringen konnte ich nun so manches erproben, was ich in der Zwischenzeit in Weilburg kennengelernt hatte, etwa fachübergreifendes Arbeiten, freiere Stoffauswahl (vor allem für die muttersprachliche Bildung und die Heimatkunde, so daß der Unterrichtsstoff auch etwas auf den ländlichen Hintergrund der Kinder abgestimmt werden konnte), neue Arbeitsmittel (etwa die Krick'sche Lesekiste) und Förderung der Selbständigkeit; vor allem aber konnte ich mich jetzt mit der Organisation und Methodik in einer wenig gegliederten Dorfschule vertraut machen, wo ein Lehrer bis zu vier Altersstufen in einem Klassenraum gemeinsam unterrichtet und damit auf das selbständige Arbeiten der Kinder und die gegenseitige Hilfe der Schüler untereinander angewiesen ist. Jedoch waren auch nicht immer alle Jahrgänge gleichzeitig im Raum, sondern kamen früher oder später in die Schule und gingen zu verschiedenen Zeiten wieder nach Hause, wobei die anwesenden Schüler in eine gesonderte Abteilung für den direkten Unterricht und in weitere Gruppen für die sogenannte Stillarbeit (mit zuvor gestellten Aufgaben) gegliedert wurden, oder Herr Rieser nahm meine älteren Schüler für ein bis zwei Stunden zu den Jahrgängen 5 bis 8 seiner eigenen Klasse hinzu (etwa das 4. Schuljahr in Turnen). Bei den Schülerinnen aus dem 4. Schuljahr, die mich als Helfer besonders unterstützten, erinnere ich mich noch an Inge Booke und Annelie Schmidt, die zeitweise in einem kleinen Nebenraum mit Kindern des 1. oder 2. Schuljahres an der Krick'schen Lesekiste arbeiteten (es handelte sich dabei vorwiegend um individuelle Fördermaßnahmen mit ein bis zwei Schülern). Als gute Schülerinnen übernahmen Inge und Annelie diese Aufgabe gerne und betreuten die Kleinen sehr gewissenhaft, ohne daß ihre eigene Arbeit darunter gelitten hätte. Doch schon bei der Vorbereitung des Unterrichtsstoffes für die einzelnen Abteilungen und der Erarbeitung der Stundenpläne für die verschiedenen Jahrgänge merkte ich, wie schwierig dies für jemand war, der in den vergangenen Jahren ausschließlich an voll ausgebauten Schulen mit nur einem Jahrgang in jeder Klasse gearbeitet hatte. Dieses Wissen um die Organisation des Unterrichtes in wenig gegliederten Schulen hatte mir bereits bei meiner ersten Lehrerstelle in Nehlitz gefehlt, die ich im Jahre 1946 völlig unerfahren - und in einem weniger als sechs Monate dauernden Neulehrerkurs zudem äußerst schlecht ausgebildet - antreten mußte. So war ich an der Schule in Auringen mit meiner Klasse zum ersten Mal wirklich zufrieden, denn meine Unterrichtsarbeit war erfolgreich, die Schüler akzeptierten und liebten mich, hier begann ich meinen Beruf als Lehrer erstmals zu mögen. Noch nach mehr als 50 Jahren erinnere ich mich gerne an die Schule und ihre Kinder oder auch an die großen Pausen auf dem Hof, von wo aus ich meinem kleinen Sohn zuwinkte, der vom Arm seiner liebevollen Großmutter, die mit ihm am Küchenfenster der Lehrerwohnung stand, das Treiben auf dem Schulhof beobachtete. Nachdem meine Mutter dann zu einem Verwandten nach Lübeck gezogen war, fanden wir in Auringen eine nette ältere Frau, die unseren Sohn vormittags rührend betreute und die er "Oma Brünnler" nannte.
Mit Schülern der 1. bis 4. Klasse
1961 in Auringen bei Wiesbaden
Er spielte im Garten in einem Sandkasten, den mein Mann gemeinsam mit seinem Vater gebaut hatte, als Großvater Gürge in Ost-Berlin im Frühjahr 1960 das Rentenalter erreicht hatte, nun endlich eine Reiseerlaubnis beantragen und gemeinsam mit seiner zweiten Frau ("Tante Leni") zum ersten Mal aus der DDR in den Westen kommen konnte. Bei diesem langerwarteten Besuch bei uns in Auringen sah mein Schwiegervater seinen Enkel das einzige Mal, denn er verstarb kurz nach der Heimreise an einem Herzinfarkt. Für den kleinen Peter wurden im Garten auch Spinat und Karotten geerntet sowie Äpfel und Erdbeeren gepflückt, oder er saß mit mir im Winter auf dem breiten Fensterbrett und sah den Vögeln im verschneiten Garten zu, die das zuvor ausgestreute Futter aufpickten. Je größer unser Sohn wurde, desto mehr zog es ihn zu anderen Kindern. Sein bester Freund wurde damals der ein oder zwei Jahre ältere Peter, Sohn des Bauern Kunze in unserer Nachbarschaft, der nachmittags häufig zum Spielen in den Garten oder auf den Schulhof kam. Wenn sich die beiden dann um das Dreirädchen stritten und Peter Kunze seinen Willen mal nicht durchsetzen konnte, rief er "Jetzt geh' ich ham!" und lief nach Hause (daher wurde er bei uns auch "Hampeter" genannt). Dort auf dem Bauernhof war das Spielen aber noch viel schöner, und auch eine Mitfahrt auf dem Traktor oder hoch oben auf dem Heuwagen und ein Besuch im Schweinestall viel spannender. Als Vertriebene aus dem Sudetenland kochte uns Frau Brünnler öfter Gerichte aus ihrer böhmischen Heimat, und nur ihr gelang es, unserem eßunwilligen Sohn mit viel Geduld ein Frühstück einzuhelfen, oder sie ging mit ihm zu kleineren Einkäufen zum Lebensmittelgeschäft an der Hauptstraße. Ich selbst traf dort auch auf die Mütter meiner Schüler und kam mit ihnen über ihre Kinder ins Gespräch, so daß es wie heute einer Elternsprechstunde in der Schule überhaupt nicht bedurfte. Nebenan lag der Friseursalon Keil, ein beliebter Anlaufpunkt für die ganze Familie. Herrn Keil ist es dann auch gelungen, unserem Sohn mit Hilfe eines großen Plüsch-Esels die Angst vor dem Haareschneiden zu nehmen bzw. ihn über diese Prozedur hinwegzutrösten. Das Gasthaus "Zur Rose" auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehörte der Familie Rieser und wurde von der Frau meines Kollegen geführt, auch er selbst half hier manchmal aus. Ich glaube jedoch nicht, daß wir oft in der Rose eingekehrt sind, aber vielleicht habe ich dort zum ersten Mal frisch gepreßten Apfel-Süßmost getrunken oder in der Flasche für zu Hause geholt (denn Apfelwein war nie so mein Fall). Georg Rieser war ein begnadeter Heimatdichter und Geschichtenerzähler, der mir viele Tips für das Fach Heimatkunde gab und auch ein Lied auf seinen Heimatort Auringen geschrieben hatte. Leider wurde er nach einem Jahr schwer krank, ein Kollege aus dem benachbarten Medenbach mußte ihn vertreten. Im Juni 1961 legte ich dann in meiner Auringer Klasse die 2. Lehrerprüfung ab und schrieb danach sogleich mein Gesuch um Entlassung aus dem Schuldienst. Denn mein Mann wollte nach Wiesbaden ziehen und ich wünschte mir ein zweites Kind, wobei ich aber zunächst nicht mehr arbeiten wollte, mir durch die hiermit abgeschlossene Lehrerausbildung jedoch einen späteren Wiedereinstieg in den Beruf offenhielt. So nahm ich dann auch erst im Jahre 1969, als meine Tochter Christiane in die Schule kam, meine Berufstätigkeit mit einem Lehrauftrag an der Johannes-Maaß-Schule in Wiesbaden wieder auf, wo ich schließlich bis zu meiner Pensionierung 1988 als Lehrerin unterrichtete.

Eleonore Gürge geb. Maaß
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