| Eleonore Gürge geb. Maaß *1925 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Erinnerungen Teil 2 - ab 1945 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Letzter Kriegswinter 1944/45: An die Tage im Dezember
1944 habe ich nur sehr wenige Erinnerungen. Da man zu dieser Zeit immer
wieder vom Elend der Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Memelland
hörte, die seit Herbst 1944 in heillos überfüllten
Zügen auch bei uns auf dem Bahnhof durchkamen (Belgard lag an einer
der Bahnstrecken von Königsberg nach Westen), schloß ich mich
einige Male einer Gruppe von Frauen aus unserer Stadt an, welche die NSV
(Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und das Rote Kreuz bei ihrer Arbeit
unterstützte, d.h. auf dem Belgarder Bahnhof bei der Betreuung der
dort haltenden Züge half und die Flüchtlinge beispielsweise mit
warmer Suppe und heißen Getränken versorgte. Dabei hielt ich
mich von den leitenden Personen der NSV und des DRK fern und versuchte,
möglichst wenig aufzufallen, denn ich wollte nach meinen Erfahrungen
beim Schanzen am Ostwall nicht schon wieder dienstverpflichtet werden. Mit
großer Erschütterung sahen wir das Leid der Menschen in den Flüchtlingszügen,
vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, die völlig erschöpft
und übernächtigt, zum Teil krank, vielfach traumatisiert auf ihrer
Flucht vor den Russen, kaum noch im Besitz des Allernötigsten und oft
in anderen Wagen nach Familienangehörigen suchend, nur möglichst
schnell weiter nach Westen wollten. In Anbetracht dieses Elends schämten
wir uns unserer damals noch viel besseren eigenen Lage und halfen überall,
soweit wir konnten. Wie in diesem letzten Kriegsjahr dann das Weihnachtsfest
bei uns verlief, erinnere ich heute nicht mehr. Obwohl die Versorgungslage
vor allem seit Mitte 1944 immer schlechter wurde, wird
meine Mutter wie jedes Jahr versucht haben, mit Tannenzweigen, Kerzen und nach Kriegsrezepten
mit wenig Fett und Zucker gebackenen Plätzchen Erinnerungen an bereits
lange zurückliegende, glücklichere Weihnachtsfeste zu wecken.
Sicher hatten wir an dieser sechsten Kriegsweihnacht auch
Post
von meinem Vater bekommen, der damals noch in Köslin stationiert
war und erst einige Wochen später nach Hammerstein bei Neustettin versetzt
wurde, und wir hatten ihm wieder seinen Lieblingskuchen, eine mittels zusammengesparter
Lebensmittelmarken gebackene Sandtorte, geschickt. Ende
des Jahres bekam ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich zu einem
weiteren Kriegseinsatz, diesmal in einer Werkstatt der Firma Siemens in
der Zimmerstraße in Belgard, verpflichtet worden sei. Als ich mich
einige Tage später dort vorstellte, erfuhr ich, daß es sich um
eine wegen Bombenangriffen aus Stettin ausgelagerte Reparaturwerkstatt für
landwirtschaftliche Maschinen handelte. Die Stammbelegschaft war ebenfalls
in unserer Stadt untergebracht, sie wurde durch Frauen und Mädchen
aus Belgard und durch Ukrainerinnen aus dem Lager für ukrainische Fremdarbeiterinnen
am Stadtrand ergänzt. In dieser Werkstatt traf ich auch Uschi Hank,
die ich flüchtig aus meiner Schule kannte. Wir führten Lötarbeiten
an den Ankern von Elektromotoren aus, wobei wir in einer Halle mit jeweils
12 bis 14 Frauen an langen Holztischen saßen. Nach dem Löten
brachten wir die Bauteile in einen benachbarten Raum, in dem der Meister
gemeinsam mit einigen anderen Männern die Anker kontrollierte. Nach
anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich meine Aufgabe zufriedenstellend
erfüllen, so daß ich nicht zu viele Teile zur Nacharbeit zurückbekam.
Während der Arbeit wurde nicht viel geredet, die Stettiner standen
allerdings in den Pausen dicht zusammen und unterhielten sich gedämpft.
Ich empfand die Stimmung als recht bedrückend, denn die Russen brachen
mittlerweile in Pommern ein und man befürchtete, daß sie bald
vor Belgard stehen könnten. Auch aus diesem Grunde war ich immer froh,
wenn sich der Abend und damit das Ende der täglichen Arbeit näherte.
In der zweiten Februarhälfte veränderte sich meine Situation grundlegend,
als ich vom Werkstattleiter dazu ausersehen wurde, die Materialausgabe zu
übernehmen. In Anbetracht der immer näher rückenden Front
hatte sich der Leiter des Materiallagers ebenso wie etliche andere Angehörige
der Stettiner Stammbelegschaft nach Stettin abgesetzt, und manche Plätze
an den Arbeitstischen waren jetzt leer, auch Uschi Hank erschien nicht mehr.
Für meine neue Aufgabe bekam ich das Lager nur einmal flüchtig
gezeigt und wurde angewiesen, über die ausgegebenen Teile genau Buch
zu führen. Da ich mich mit der mir anvertrauten Materie überhaupt
nicht auskannte, konnte ich den Arbeitern nur selten die richtigen Teile
heraussuchen und überließ es schließlich ihnen, sich selbst
zu bedienen. "Ich hol' mir das selbst, Kindchen!" war der häufigste
Satz, den ich in diesen Tagen hörte. Heute kann ich nur noch schwer
verstehen, warum das bei mir so große Ängste auslöste und
mich nicht mehr ruhig schlafen ließ, denn ich dachte damals fortwährend
an meine nachlässige Buchführung und an meine Verantwortung für
den stetig schwindenden Lagerbestand, so daß ich mich bereits wegen
Sabotage vor dem Kriegsgericht sah und meine Verzweiflung schließlich
in dem Gedanken gipfelte: "Hoffentlich kommen die Russen, bevor man
hier meine Fehler entdeckt!"
Nach und nach verließen die Menschen unseren Keller und suchten vorsichtig ihre Wohnungen auf. Allerdings sahen wir auch Leute aus der benachbarten Mauerstraße, die den vorbeifahrenden Russen zuwinkten. In unserer Wohnung nahmen wir zwei Damen, Klavierlehrerinnen aus Körlin, und Else Müller, die Nachbarin aus der Marienstraße, auf; wir rückten so eng zusammen wie es nur ging und fühlten uns dadurch etwas sicherer. Im Laufe des Tages kam dann der erste Russe in unsere Wohnung, begleitet von einem etwa zwölfjährigen Ukrainerjungen, der als Dolmetscher fungierte. Er wollte ein "Stilett". Meine Mutter war verzweifelt, weil sie zunächst nicht wußte, was er damit meinte und ihr der Ehrendolch von meines Vaters Ausgehuniform erst sehr spät einfiel. So erleichterte er uns zunächst um unsere "Uhri" und zog dann schließlich mit Uhren und Dolch ab. Ich muß zugeben, daß wir zu dieser Zeit noch nicht an Vergewaltigungen o.ä. dachten, vielleicht auch deshalb, weil sich dieser erste Russe recht zivil benahm. Allerdings hatten wir in der Nacht zuvor, als wir im Keller saßen, schon einmal Todesängste auszustehen, als eine Panik ausbrach nachdem die Luftschutzwartin hysterisch berichtete, daß die Russen vom Hintereingang in der Mauerstraße mit Flammenwerfern in unseren Keller eindringen wollten. Daß wir von den hinausdrängenden Menschen nicht an der nach innen zu öffnenden Stahltür, die auf unseren Hof hinaus führte und vor der wir selbst saßen, erdrückt wurden, ist nur meiner Patentante Ilse Schwedersky zu verdanken, die sehr resolut die panischen Kellerinsassen beruhigte. Die weiteren Stunden des 5. März 1945 verbrachten wir in großer Angst mit Warten auf die Dinge, die da kommen würden, besonders beunruhigt durch die unheimlichen Geräusche aus dem Ortsgruppenbüro der NSDAP, welches seit der kriegsbedingten Schließung unseres Geschäftes Ende 1940 in den Bierstuben im Erdgeschoß unseres Hauses Marienstraße 15/16 eingerichtet war. Nachdem der zu uns in den ersten Stock herauftönende Lärm etwas nachgelassen hatte, wagte sich meine Mutter dann doch ein paar Schritte aus unserer Wohnung in den Hausflur und warf einen raschen Blick vom oberen Treppenabsatz ins Erdgeschoß, wo sie zu ihrem grenzenlosen Entsetzen ein schnurähnliches Gebilde sah, das aus der halbgeöffneten Tür des Parteibüros herausschaute. In ihrer Angst hielt sie es für eine Zündschnur und eilte mit dem Ausruf "Wir müssen hier alle sofort raus, die Russen wollen unser Haus in die Luft sprengen!" zu uns in die Wohnung zurück. Als dann auch noch das Wort "Höllenmaschine" fiel, rannten wir alle panisch die hintere Holztreppe zum Hof hinunter - meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, die sich gerade erst wieder etwas von ihrer Krankheit erholt hatte und trotz ihrer Pantoffeln auf der steilen Treppe zum Glück nicht zu Fall kam, meine Schwester Anneliese, unsere Nachbarin Else Müller sowie unsere Mieter, das alte Ehepaar Schulze, das durch den Lärm und unser Rufen aufgeschreckt worden war, und dessen als Bombenflüchtling aus Rastatt evakuierte Tochter mit ihrem Säugling. So liefen wir zunächst in die nahegelegene Torstraße zum Haus Nr. 13, wo wir Tante Ilse Schwedersky von unseren Befürchtungen berichteten. Im Gegensatz zu uns wollte meine Patentante jedoch nicht in der Torstraße bleiben, da es ihr hier nun auch zu unsicher erschien, sie drängte weiter, nachdem sie ihre alte Mutter geholt und sich noch mit einigem Silberzeug bepackt hatte. So landeten wir schließlich in einer Bäckerei, die in der Wilhelmstraße neben der Brücke über die Leitznitz lag. Dort saßen wir dichtgedrängt und völlig ratlos in der Backstube und fragten uns voller Angst, was wohl weiter geschehen werde. Nach einigen Stunden - der Bäcker versorgte uns währenddessen mit Neuigkeiten, die er durch vorsichtiges Hinausschauen aus einem Fenster auf die Wilhelmstraße erspäht hatte, wo immer wieder einzelne Russen vorbeiliefen, die wohl die benachbarten Häuser durchsuchten und plünderten - entschloß sich die Tochter unserer Mieter Schulze, in die Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen, weil sie in der Eile nichts für die Versorgung ihres Säuglings mitgenommen hatte. Else Müller und der alte Schmiedemeister Otto Lichtfuß aus der Torstraße 4, der sich mittlerweile auch in der Backstube eingefunden hatte, begleiteten sie, ihre Eltern folgten ihr kurz darauf. Wir übrigen kehrten nach einiger Zeit in das Haus meiner Patentante in der Torstraße 13 zurück, wo sich in der Wohnung von Schwederskys etwa ein Dutzend Menschen in zweieinhalb Zimmern zusammendrängten: meine Mutter, meine Großmutter Elfriede, meine Schwester Anneliese und ich, Tante Ilse Schwedersky, die alte Frau Schwedersky, Else Müller, Trude Priebe, Elli Neitzke und noch einige weitere Personen aus der Nachbarschaft. In dieser etwas größeren Gruppe fühlten wir uns alle ein wenig sicherer. Doch die Verpflegung für so viele Menschen zu besorgen gestaltete sich sehr schwierig. Selbst die alte Frau Schwedersky beteiligte sich an der Suche nach Nahrung, denn die jüngeren Frauen konnten sich, nachdem was wir mittlerweile von anderen gehört hatten, kaum mehr auf die Straße wagen. So ging sie gemeinsam mit Else Müller und weiteren Frauen, die sich mit alten Kleidungsstücken, Kopftüchern und geschwärzten Gesichtern entsprechend zurechtgemacht hatten, etwa zum Schlachthof an der Polziner Straße, wo sie ab und zu Knochen und Schlachtabfälle bekamen. In unsere Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen wagten wir damals noch nicht, die Gefahr den plündernden Russen im Ortsgruppenbüro im Erdgeschoß zu begegnen war doch zu groß. So faßte meine Mutter den Entschluß, sich bei Zahnarzt Nach ungefähr zwei Wochen kehrten wir in unser Haus zurück, wo die mittlerweile geplünderte Wohnung unbeschreiblich aussah. Besonders betrüblich war für uns, daß auch unsere aufgesparten Vorräte von den Russen gefunden und sinnlos vernichtet worden waren; so klebte etwa der Honig vermengt mit Haferflocken an den Teppichen. Meine Mutter hatte nun alle Hände voll mit dem Aufräumen zu tun, unterstützt lediglich von Else Müller aus unserer Straße. Meine noch nicht völlig genesene Großmutter konnte dabei nicht helfen; und unsere frühere Hausgehilfin und gute Seele Ilse Kruggel war bereits Mitte 1944 in ihren Heimatort Naffin zurückgekehrt. Es muß nach Ablauf von zwei weiteren Wochen gewesen sein, als Dr. Beilfuß, ein Schulfreund meines Vaters, mit meiner Freundin Marli bei uns erschien, mich abholte und uns - Marli und ich in Rotkreuz-Uniform - zum Krankenhaus begleitete (wo ich im Juni 1941 am Blinddarm operiert worden war und in meinem Krankenzimmer im Radio vom Angriff auf die Sowjetunion hörte). Dort sollte man als Frau sicherer sein. Als DRK-Schwester wurde Marli sogleich zum Pflegedienst herangezogen, während ich als "ungelernte Kraft" ab und zu in der Küche helfen durfte. Es waren viele Mädchen dort, mehr als gebraucht wurden. Nach einiger Zeit wurde uns nahegelegt, das Krankenhaus wieder zu verlassen, weil es keine Lebensmittelzuteilung für so viele unnütze Esser gab. Anschließend mußte ich gemeinsam mit anderen zur Arbeit verpflichteten deutschen Frauen im ehemaligen Proviantamt an der Polziner Straße für die Russen Eisenbahnwaggons mit Vorräten aus den Verpflegungslagern der Wehrmacht beladen. Uns blutete das Herz, wenn wir an die Not der Familien und Freunde dachten und wir klauten, wo wir nur konnten (wobei ich selbst das Glück hatte, nie kontrolliert zu werden). In diesen ersten Wochen nach der Einnahme Belgards mußten sich die Deutschen täglich frühmorgens zum Arbeitseinsatz auf dem Marktplatz melden, und nicht nur meine Mutter mußte in dieser Zeit oft unter grausamen Bedingungen arbeiten, so z.B. die Uniformen und die Unterwäsche der gefallenen deutschen Soldaten im kalten Wasser der Leitznitz waschen. All das war zuviel für sie, sie war entsetzlich verängstigt und hatte nun nicht mehr nur ergrautes, sondern vollkommen weißes Haar. Dazu kam die große Angst und Sorge um meinen Vater, von dem wir immer noch keine Nachricht hatten.*
Als dann die auswärtigen Arbeitsverpflichtungen für meine Mutter zu Ende gingen, weil in unser Haus Marienstraße 15/16 Polen einzogen, die unser Geschäft und unsere Wohnung bis auf ein großes Zimmer übernahmen und meine Mutter quasi als Haushälterin anstellten, war ihre Angst nicht mehr so furchtbar. Zudem war die aus dem Raum Posen bzw. dem Wartheland gekommene Familie Behrend / Sabrotzki zum Teil deutschstämmig. Zur Familie gehörten Frau Sabrotzki und ihr polnischer Ehemann, ihr Bruder Herr Behrend und ihre Tochter Jadwiga Katz mit einem kleinen Kind. Bis auf Herrn Sabrotzki sprachen alle deutsch. Die Eltern von Frau Sabrotzki (sie mag vielleicht zehn Jahre jünger als meine Mutter gewesen sein) hatten beim Volksentscheid 1918 wohl für Polen optiert, sie selbst hatte den Polen Sabrotzki geheiratet und nun die Chance gesehen, als polnische Staatsangehörige in Belgard ein Geschäft zu übernehmen. Tochter Jadwiga war mit einem Deutschen verheiratet, der gegen Ende des Jahres 1945 aus der Kriegsgefangenschaft in Norwegen zurückkehrte und zunächst von der Außenwelt abgeschirmt wurde, um nicht gleich als Deutscher aufzufallen und erst einmal in der Familie polnisch zu lernen. Meine Mutter arrangierte sich mit den Polen und akzeptierte ihre neue Situation, die aber insgesamt doch sehr demütigend und unsicher blieb. Ende April 1945 bekamen wir Post von der polnischen Verwaltung, die mittlerweile die Stadt übernommen hatte. Es war die Aufforderung an mich, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Rathaus zu erscheinen. Meine Familie war entsetzt und befürchtete, daß ich zu einem Arbeitseinsatz nach Polen abkommandiert werde. Meine Schwester wurde mit Decken und Wegzehrung zum Markt geschickt, um zu beobachten, ob ich einen Lastwagen zum Abtransport besteigen müsse. Stattdessen bekam ich eine Stelle als Hilfskraft bei Janek Klimkiewicz, der die Sattler- und Polsterwerkstatt der Firma Asmus in der Kämpenstraße übernommen hatte. Auf diese Weise verfügte ich über eine Arbeitsbescheinigung und durfte nun hoffen, in Zukunft unbehelligt von Arbeitseinsätzen wie am Proviantamt oder beim Kiesharken am russischen Ehrenmal in der Körliner Straße zu bleiben. Die Arbeit in der polnischen Sattlerei war erträglich, der Chef ebenfalls. Ab und zu ließ er seine Wut über die Familie Söhnert heraus, wo er während des Krieges hatte arbeiten müssen, besonders die Töchter haßte er zutiefst. Von ihm hörte ich zum ersten Mal von den Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Er erzählte auch von den Beschlüssen von Potsdam und der Abtrennung der deutschen Ostgebiete, was wir jedoch damals noch nicht glauben mochten, und überprüfen konnten wir seine Angaben nicht, denn es gab keine deutschen Zeitungen und unser Radio hatten wir wie alle Deutschen bereits zuvor bei den Russen abgeben müssen. Bei Klimkiewicz arbeitete ich mit mehreren jüngeren und zwei älteren deutschen Frauen sowie zwei älteren deutschen Männern zusammen, die vorher als Zivilangestellte in der Alten Kaserne an der Körliner Straße beschäftigt waren. Herr Schäfer, ein netter älterer Sattlermeister, fungierte in der Kämpenstraße als Zuschneider, geschätzter Fachmann und väterlicher Freund der hier arbeitenden Frauen; sein Kollege, an dessen Namen ich mich heute nicht mehr erinnere, saß wie wir Frauen an einem "Sattlerpferd" und bekam aufgrund seiner Erfahrung die schwierigeren Näharbeiten zugeteilt. Zur Gruppe der Frauen gehörte auch eine Büroangestellte aus der zuvor genannten Kaserne, die uns schon seit langem bekannt war, weil sie Mieterin im Hause von Tante Ilse Schwedersky in der Torstraße 13 war. Sie holte mich morgens für den Weg durch die Stadt ab; und meine Mutter war stets beruhigt, wenn ich zusammen mit Fräulein Rudnick zur Arbeit ging, obwohl mir diese auch nicht hätte helfen können, falls ein russisches Kommando wieder Deutsche für einen Arbeitseinsatz aufgreifen sollte. So schlichen wir uns dann auf immer wechselnden Umwegen durch die Stadt in Richtung Kämpenstraße. Zu meinen Kolleginnen in der Sattlerei gehörten damals noch Ursula Müller und Ursula Wrase, und hier traf ich auch Anneliese Scholz aus der Lindenstraße wieder. Sie hatte mit mir einige Jahre das Lyzeum besucht und die Oberschule schon früher verlassen; Ursula Müller kannte ich aus der Volksschule, wo wir vier Jahre gemeinsam in einer Klasse waren, und Ursula Wrase, ein etwas jüngeres Mädchen, kam ebenfalls aus unserer Stadt. Ursula Müller wurde bald zur Gefährtin unseres Chefs und führte ihm dann auch den Haushalt in der neben der Werkstatt gelegenen Wohnung. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft von Iwan, einem russischen Soldaten, der zur russischen Militärpolizei gehörte und ständiger Besucher bei unserem Chef war; er vermittelte ihm Aufträge beispielsweise von russischen Offizieren, die dann Pistolen- oder Kartentaschen in der Sattlerei anfertigen ließen. Wir Frauen nähten dabei die Zuschnitte von Herrn Schäfer zusammen, Fräulein Rudnick versah sie mit den verschiedenen Ziernähten. Iwan bekam von Klimkiewicz für die Vermittlung der Kunden großzügig Kartoffelschnaps und war so nicht selten völlig betrunken. Als er wieder einmal im Vollrausch eingeschlafen war, nutzte Ursel Müller die günstige Situation und versteckte zum Spaß sein Gewehr, das der Russe zuvor neben dem Bett von Klimkiewicz, in dem er wie so oft seinen Rausch ausschlief, abgestellt hatte. Nach dem Erwachen glich sein Verhalten einem Vulkanausbruch, der uns alle um unser Leben fürchten ließ. Er tobte durch die Werkstatt und wollte zuerst unseren Chef und dann uns alle umbringen, so daß Ursel die Waffe ganz schnell wieder auftauchen ließ. Nur mit einer großen Flasche Kartoffelschnaps gelang es schließlich, ihn etwas zu besänftigen. Iwan konnte sich aber auch von einer ganz anderen Seite zeigen, wenn er einmal nicht betrunken war. So hatte er sich in Anneliese Scholz verliebt und machte ihr mit einem Geschenk einen Antrag. Als sie jedoch sowohl sein Geschenk als auch seinen Ansinnen ablehnte, wurde er ausgesprochen aggressiv, und auch die Besänftigungsversuche von Klimkiewicz halfen nun nicht mehr viel. Anneliese hatte von diesem Zeitpunkt an nur noch bei der Arbeit in der Werkstatt vor ihm Ruhe und mußte auf dem Heimweg oft die verschiedensten Tricks anwenden, um sich seinen Nachstellungen zu entziehen (ihre genaue Adresse war ihm damals glücklicherweise nicht bekannt).
Unser Wochenlohn, der jeweils am Sonnabend bei Arbeitsschluß ausgezahlt wurde, betrug lediglich 45 Zloty, dazu kamen gelegentlich Naturalien, etwa Butter (die unser Chef von Bauern aus dem Umland für von ihm gelieferte Pferdegeschirre bekommen hatte), oder Kartoffelschnaps, der aus den verschiedensten Quellen stammen konnte, und ab und zu etwas Zucker, welcher damals ausgesprochen knapp war. Nach der Auszahlung des Lohnes gab es dann vom Chef Schnaps und Brot, so daß wir vor dem Heimweg immer einige Gläser im Stehen leerten. Einmal erhielten wir auch jeweils ein halbes Ferkel zugeteilt. Die Tiere waren wohl schon vor längerer Zeit geschlachtet worden und hatten bereits eine bedenklich grüne Farbe angenommen, so daß die meisten von uns das Fleisch überhaupt nicht mit nach Hause nahmen und Fräulein Rudnick und ich auf dem Heimweg an einem Weg an der Leitznitz etliche dieser halben Ferkel im Gebüsch liegen sahen. Ich aber nahm auf Anweisung meiner Großmutter grundsätzlich alles Eßbare - also auch das Ferkel - mit nach Hause, wo wir zu dieser Zeit auch noch zwei Klavierlehrerinnen aus Körlin bei uns in der Wohnung aufgenommen hatten. Sie waren auf ihrer Flucht im März 1945 in Belgard gestrandet, hatten keine Arbeit und verfügten somit auch nicht über Geld, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Meine Mutter und Großmutter konnten deren Bedarf nicht decken, denn auch wir bekamen von den bei uns wohnenden Polen nur einen geringen Teil des Essens ab, das meine Mutter für die polnische Familie zubereiten mußte. So wurden das von mir mitgebrachte Ferkel dann von den beiden alten Frauen, die erst nach einigen Wochen wieder nach Körlin zurückkehren konnten, ohne weitere Folgen für ihre Gesundheit verzehrt. Da meine ehemaligen Klassenkameradinnen fast alle aus den nun aufgelösten Reichsarbeitsdienstlagern, in denen sie in Hinterpommern während ihrer Dienstverpflichtung nach dem Abitur untergebracht waren, vor den heranrückenden Russen nach Westen geflüchtet waren, hatte ich während der Zeit von Anfang März 1945 bis zu unserer Vertreibung aus Belgard im Januar 1946 außer zu Marie-Luise Beilfuß, die mich in den ersten Märzwochen mit ins Krankenhaus nahm, nur noch einmal im Sommer 1945 Kontakt zu Magdalene Nest, die damals bei einem Polen in einer Gärtnerei arbeitete. Meine Mitschülerin Barbara Dumjahn war mit Mutter und Geschwistern nach ihrer Flucht, welche die Familie nach Mecklenburg führte und der anschließenden Rückkehr nach Hinterpommern, in Naffin bei Belgard gelandet, denn der Versuch, wieder in ihrem eigenen Haus in der Kleiststraße in Belgard unterzukommen, war aufgrund der dort mittlerweile lebenden Polen gescheitert. So arbeitete Bärbel bei den Russen auf dem Gut der Familie Wilde in Naffin, ohne daß ich von ihr wußte. Ihre Mutter Frau Dumjahn kam im Sommer 1945 mit der kleinen Tochter Gunhild an der einen und einer Kanne Milch für uns in der anderen Hand zu Fuß zu uns in die Marienstraße gelaufen. Meine Mutter weinte vor Rührung, als sie mir abends nach der Arbeit davon berichtete. Bärbel hat mir viel später bei einem Klassentreffen in den achtziger Jahren erzählt, daß meine Mutter damals Frau Dumjahn ein Sommerkleid von mir für Bärbel mitgab, als sie hörte, daß Bärbel nach der Flucht nur noch ein einziges Kleid besaß. Da mein Verdienst bei Janek Klimkiewicz nur 45 Zloty pro Woche betrug und damit gerade ausreichte, um in der Bäckerei drei "Schweinsohren" zu kaufen, wurde unser Lebensunterhalt währenddessen von meiner Mutter verdient, indem sie für die Polen in unserem Haus die Wirtschaft führte. Besonders die Feiern der Familie Sabrotzki waren uns ein Greuel, nach denen am Morgen die abgenagten Knochen unter dem Tisch lagen und der Hund über die Tasten des Klaviers laufen durfte. Aus dieser Zeit habe ich nur wenige Erinnerungen an das häusliche Leben mit meiner Familie, da ich den ganzen Tag über in der polnischen Sattlerei in der Kämpenstraße beschäftigt war. Ich weiß aber sicher, daß meine Mutter das gesamte Jahr 1945 das Haus nicht verließ. So erledigte meine Großmutter Elfriede, deren Gelenkrheumatismus sich wieder etwas gebessert hatte, oft von meiner Schwester Anneliese begleitet alle äußeren Angelegenheiten, mochte es sich um Einkäufe, Behördengänge oder um den Verkauf von Wertgegenständen handeln, denn wir mußten nach und nach unser Silberzeug und andere versteckte Wertsachen verkaufen. Dabei wandte sich meine Großmutter an eines der zahlreichen polnischen An- und Verkaufgeschäfte, die sich mittlerweile in unserer Stadt ausgebreitet hatten, so auch an der Südost-Seite des Marktplatzes in einem ehemaligen Korsettgeschäft bzw. im Laden eines deutschen Uhrmachers. Anneliese besorgte das Holen der Suppe von dem in der Familie Sabrotzki verkehrenden Russen Mischa, der in unserer nun vom russischen Militär belegten Oberschule als Koch und Zahlmeister sein Refugium hatte.
"Artikel
XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, daß die Überführung
der deutschen Bevölkerung aus Polen 'in ordnungsgemäßer
und humaner Weise' erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen
war jedoch eine völlig andere. Mit sowjetischer Zustimmung dehnte
die polnische Regierung den Begriff 'Polen' dabei auch auf die ihrer Verwaltung
unterstellten Oder-Neiße-Gebiete aus. Als die Westmächte Kenntnis
von der Vertreibung erhielten, konnten sie eine kurzzeitige Unterbrechung
erreichen, hatten aber aufgrund der Haltung der Sowjetunion auch danach
keine Möglichkeit, Polen zur Einhaltung der in Potsdam vereinbarten
Bestimmungen zu zwingen." [Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.):
Informationen
zur politischen Bildung Nr. 267,
Aber das erfuhren wir erst viel später, und genützt hätte es uns damals auch nichts. Schließlich erreichten wir kurz hinter Stettin den Bahnhof von Scheune, dem Grenzort zur damaligen sowjetischen Besatzungszone, wo wir dann endlich aufatmen und die eiskalten Viehwaggons der Polen verlassen konnten, um in einem deutschen Personenzug bis Anklam weiterzufahren. Dort saßen wir zunächst im Wartesaal, wo man uns sagte, daß wir entlaust werden und vom Bahnhof aus direkt in ein Notaufnahmelager kommen sollten. Um mir und meiner Familie das Lagerleben zu ersparen und möglichst schnell bei unserer Verwandtschaft unterzukommen, versuchte ich mit Hilfe eines abgelaufenen Studentenausweises von meinem Zahnmedizinstudium in Greifswald während des letzten Kriegsjahres und unter dem Vorwand, daß ich aus dieser Zeit dort noch ein Zimmer habe, für uns eine Fahrkarte in die Universitätsstadt zu lösen - und es gelang mir zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich, das Herz des gutmütigen Schalterbeamten zu erweichen, der uns als gerade erst aus dem Osten eingetroffenen Vertriebenen die Weiterreise eigentlich überhaupt nicht hätte ermöglichen dürfen. So landeten wir nach einer erneuten Bahnfahrt bei der Familie meines Großonkels Ernst Lawin in Greifswald - schwer traumatisiert und dabei einerseits froh, nun endlich den Übergriffen der Polen entkommen und hinter der Oder in Sicherheit zu sein, andererseits jedoch entsetzt über die Verständnislosigkeit unserer jetzt ausgesprochen unfreundlichen Verwandten und ihre Weigerung, uns länger als eine Woche in ihrer doch recht großen Wohnung zu beherbergen (sie hatten hier allerdings bereits Flüchtlinge aus Ostpreußen aufnehmen müssen). Es handelte sich um die Familie des jüngsten Bruders meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich geb. Lawin aus Viverow, pensionierter Konrektor einer Greifswalder Schule, in dessen Haus ich während meines Studiums 1944 gern gesehener Gast war, und für dessen Familie ich von jeder Fahrt nach Hause Butter und andere, im letzten Kriegsjahr rare Lebensmittel aus Hinterpommern mitbrachte. Er konnte sich jedoch gegen seine zweite, erheblich jüngere Frau nicht durchsetzen, die uns samt ihrem etwa zehnjährigen Sohn den Aufenthalt in Greifswald unerträglich machte. So kam zu all den Schikanen der Polen, denen wir in Belgard und während der Vertreibung aus der Heimat ausgesetzt waren und welche meine Mutter und Großmutter naturgemäß viel tiefer verletzten als mich Zwanzigjährige, die Unduldsamkeit der Greifswalder Verwandten, bei denen wir erst einmal Unterschlupf zu finden gehofft hatten. Deshalb siedelten wir bereits Anfang Februar zu Else Gerboth - einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß verwandt waren - nach Halle an der Saale in die Lutherstraße 74 über, wo wir trotz ihrer bereits übervollen Wohnung herzlich aufgenommen wurden. In Hinblick auf die Ereignisse im Jahre 1945 möchte ich noch betonen, daß der Zusammenhalt unter den nach dem Einmarsch der Russen in Belgard gebliebenen Deutschen ungeheuer stark war und daß man sich in einem vorher nicht geahnten Maße half und gegenseitig unterstützte, wobei der Bekanntheitsgrad überhaupt keine Rolle mehr spielte.* Maikäfer flieg
Dein Vater ist im Krieg Die Mutter ist in Pommerland Pommerland ist abgebrannt Maikäfer flieg
Auf Rat unserer hallenser Verwandten Else Gerboth, die uns in einem Zimmer ihrer äußerst beengten Dreizimmerwohnung aufgenommen hatte - in einem weiteren Raum lebte sie selbst mit ihren beiden Kindern, im dritten Zimmer waren bereits andere Flüchtlinge einquartiert - meldete ich mich bald zu einem der sogenannten Neulehrerkurse an, welche damals zur Behebung des eklatanten Lehrermangels in den meisten Regionen der sowjetischen Besatzungszone angeboten wurden, und erhielt dadurch die Zuweisung von eigenem Wohnraum für unsere Familie. So wohnten wir bereits nach einigen Wochen zur Untermiete in einer Altbauwohnung bei Fräulein Dr. Körner im Haus "Am Kirchtor 28" in Halle - zwei Zimmer mit Küchen- und Toilettenbenutzung sowie ein unbenutzbares Badezimmer. Hier waren insbesondere meine Mutter und meine Großmutter froh, wieder einmal für sich allein sein zu können, meine bei Kriegsende erst zwölfjährige Schwester Anneliese konnte nun endlich wieder zur Schule gehen und ich selbst besuchte den Neulehrerkurs in der Klosterschule in Halle. Am 1. März 1946 fand ich mich dann zu Beginn des Lehrerausbildungskurses III mit weiteren 20 Teilnehmern in der Klosterschule (einer Handels- und Gewerbeschule in der Klosterstraße) ein, die für unseren Lehrgang einen Raum zur Verfügung gestellt hatte. In diesem Neulehrerkurs kamen vorwiegend jüngere - aber auch zwei ältere Teilnehmer von vielleicht Anfang 30 - von verschiedenster Herkunft und Vorbildung zusammen (zum Beispiel ehemalige Wehrmachtsangehörige, entlassene Kriegsgefangene, Gymnasiasten mit und ohne Abitur, und auch ein früherer Student). Einen Plan für unsere Ausbildung oder einen Überblick für die kommenden Wochen und Monate erhielten wir nicht, nicht einmal die genau Dauer des Lehrgangs wurde uns mitgeteilt, und so waren wir alle sehr neugierig auf das, was nun kommen würde. Für mich bedeutete der Unterricht zum größten Teil lediglich eine Wiederholung des Lehrstoffes aus meiner Belgarder Oberschule. Denn mein Abitur lag nur zwei Jahre zurück und so hatte ich in Deutsch, Geschichte, Geographie, Mathematik und Biologie vor den meisten meiner Mitschüler einen Vorsprung, das heißt ich konnte mich auf das Wenige, das zu diesem Stoff neu hinzukam, konzentrieren und mich den Rest der Zeit meinen Interessen zuwenden. Dies waren vor allem einige Hinweise zur Methodik dieser Fächer und Weniges - ja sehr Weniges - in Psychologie und Allgemeiner Pädagogik. Ob man uns hier schon die Grundbegriffe der russischen Sprache vermittelte, die in allen Schulen der damaligen sowjetischen Besatzungszone als erste Fremdsprache gelehrt wurde, kann ich heute nicht mehr sagen. Einer der Dozenten, ein älterer Herr mit Gitarre, der als Musiklehrer mit uns vor allem deutsche Volkslieder sang, begegnete mir später noch einmal, als er - vielleicht im Jahre 1952 - auf meiner späteren Dienststelle in Nietleben als neuer Schulleiter auftauchte (und sich als überzeugter Parteigenosse am 17. Juni 1953 im Sekretariat der Schule einschloß). Da mir die Ausbildung keine Schwierigkeiten bereitete, mir alles leicht fiel, meine schriftlichen Arbeiten gute bis sehr gute Ergebnisse aufwiesen und ich den vor mir liegenden Lehrerberuf damals noch recht ahnungslos und lediglich als eine vorübergehende Tätigkeit betrachtete, bei der ich etwas Geld für mich und meine Familie verdienen und nach einem anderen Beruf Ausschau halten könnte, nahm ich diese Zeit an der Klosterschule wie ein Geschenk an. Dabei gewann ich etwas Abstand zu den schmerzlichen Erlebnissen der letzten zwölf Monate, der Besetzung Belgards durch Russen und Polen und der Vertreibung aus der Heimat. So genoß ich trotz der täglichen Sorge um die Ernährung der Familie, die vor allem meine Mutter trug, das Zusammensein mit jungen Menschen, das ich ja mehr als ein Jahr entbehren mußte. Häufig traf man sich nach sechs Stunden Unterricht mit einigen Mitschülern zum Essen im Hotel "Stadt Hamburg" in der Nähe vom Hauptbahnhof, wo auch ein Gericht ohne Lebensmittelmarken angeboten wurde (jeden Tag dasselbe, nämlich zwei Kartoffeln mit Spinat), schlenderte anschließend über den Universitätsring, vorbei am Theater, studierte dort den Spielplan, ging dann weiter durch die Große Ulrichstraße zum Kino an der Einmündung von Spiegel- und Schulstraße (zunächst noch "CT-Lichtspiele", später dann "Kino der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft"), wo es im Nachmittagsprogramm statt der ewigen russischen Filme öfter westliche Spielfilme gab (vor allem aus Frankreich und Italien). Ich suchte auch alleine das Rive-Ufer an der Saale auf, saß lesend in Reichardts Garten oder besuchte den halleschen Zoo, wo ich unter den Tieren Modelle für mein neuentdecktes Interesse am Zeichnen fand, und ging später auch in den Botanischen Garten, der direkt gegenüber unserer Wohnung "Am Kirchtor 28" lag. Im Klassenraum saßen wir zu viert an großen Tischen, mein unmittelbarer Nachbar war Klaus Poche aus Nietleben. Er trug in langweiligen Stunden viel zu meiner stillen Erheiterung bei, wenn er mir seine humoristischen Kritzeleien oder Karikaturen 'rüberschob. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren hat er dann auch zahlreiche Bücher illustriert, jedoch habe ich damals nicht geahnt, daß er anschließend ins literarische Fach überwechseln und ich einmal Bücher von ihm lesen sollte. Viel später, nach seiner Ausweisung aus der DDR, lebte er in Pulheim bei Köln, und wir hatten in den achtziger und neunziger Jahren sowohl telefonischen als auch persönlichen Kontakt. In Verbindung mit seinen Fahrten nach Mainz, wo er wegen der Drehbücher zu Fernsehspielen das ZDF aufsuchte, kam er auch zu uns nach Wiesbaden. Wir erinnerten uns dann beide gerne an die Zeiten in der Klosterschule und an die spätere Begegnung an der Volksschule in Nietleben, wo wir uns Anfang der fünfziger Jahre noch einmal als Kollegen wiedertrafen. In der Klosterschule lud Klaus zwei Mitschüler und mich in sein Elternhaus nach Nietleben ein, wohin ich - weil ich noch nicht wieder ein eigenes Fahrrad besaß - von einem Mitschüler auf der Lenkstange durch die "Heide" (ein Waldgebiet zwischen Halle und Nietleben) zur sogenannten Gartenstadt mitgenommen wurde. Solche Fahrten waren damals für Einzelpersonen ohne Begleitung nicht ungefährlich, da der Weg dicht an den russischen Kasernen entlang führte und Überfälle - vor allem auf Frauen - an der Tagesordnung waren (ebenso wie eine Kollegin von der Schule in Nietleben bin ich hier Anfang der fünfziger Jahre zu Fuß tatsächlich einmal von einem Russen überfallen, zu Boden gerissen und wieder nur von zufällig vorbeikommenden Passanten vor dem Schlimmsten bewahrt worden). In der Villa der Familie Poche sah ich seit der Vertreibung aus Belgard erstmals wieder eine schöne, gepflegte Wohnung und bewunderte im Wintergarten die Modellierarbeiten von Klaus, unter anderem eine Büste seines Vaters aus Ton. Wegen seiner Zeichnungen und Tonarbeiten konnte ich ihn mir seinerzeit gut als Zeichen- oder Werklehrer vorstellen. Von einem anderen Teilnehmer des Neulehrerkurses wurde ich einmal zu einer der im Café Fiege (in der Ludwig-Wucherer-Straße am Rande des Paulusviertels) recht häufig veranstalteten privaten Feiern eingeladen, die für mich als jemand, der nicht tanzte, an sich ausgesprochen langweilig, andererseits jedoch auch wieder recht erträglich waren, da es hier - trotz der schlimmen Hungerzeit nur etwa ein Jahr nach Kriegsende - immer auch etwas zu essen gab. Auf dem nächtlichen Heimweg durch die Merseburger Straße hatten wir leider das Pech, einem russischen Soldaten zu begegnen, der es auf mich abgesehen hatte und mich mit Gewalt an sich ziehen wollte. Der Versuch meines Begleiters, mich zu beschützen, nahm für ihn ein schlimmes Ende, denn er wurde von dem Russen verprügelt und wir entkamen ihm nur, weil plötzlich mehrere Passanten auftauchten und der Russe von uns abließ. So gab es dann am nächsten Morgen in der Klosterschule ein großes Fragen, woher denn sein verschwollenes Gesicht stammte. Der Neulehrerkurs endete bereits nach weniger als sechs Monaten am 19. August 1946 mit einer kleinen Prüfung und einer inoffiziellen, von uns selbst organisierten Abschiedsfeier in Form einer Dampferfahrt auf der Saale nach Wettin. Viele Jahre später traf ich dann noch einmal jemand, der mit mir damals die Ausbildung an der Klosterschule gemacht hatte, denn als ich 1956 in Westdeutschland am Pädagogischen Institut in Weilburg meine Lehrerausbildung wiederholen mußte, begegnete mir hier eine Kollegin, die denselben Neulehrerkurs in Halle besucht und nach ihrer Flucht aus der DDR ebenso wie ich - jedoch in einem späteren Lehrgang - in Weilburg ein Nachstudium zu absolvieren hatte.
Zwei Tage nach der Abschlußprüfung des Neulehrerkurses in der Klosterschule in Halle erhielt ich vom Schulamt des Saalkreises die Mitteilung, daß ich zum 1.9.1946 als Schulamtsbewerberin in die damals neu eingerichtete zweite Stelle der bisher einklassigen Volksschule in Nehlitz am Petersberg eingewiesen sei, wo die bisher von einem Lehrer gemeinsam unterrichteten Jahrgänge 1 bis 8 jetzt in zwei getrennte Klassen aufgeteilt werden konnten. Schon am nächsten Tage fuhr ich von unserer Wohnung im hallenser Nordend mit einem Bus der Linie Halle - Könnern zu meinem zukünftigen Arbeitsort Nehlitz, um mich beim dortigen Schulleiter vorzustellen, der einen sehr verbitterten Eindruck machte und, wie ich erst viel später erfuhr, auch ein Vertriebener aus Pommern war. Der Empfang war sehr kühl und sachlich und für mich als Neuankömmling in diesem kleinen Dorf wenig hilfreich. Auch sah Herr Matzat wohl schon die Katastrophe heraufziehen, befürchtete in Anbetracht meines sehr jungen Aussehens und meines schüchternen Auftretens bereits zu diesem Zeitpunkt erhebliche Schwierigkeiten. Er schickte mich zum Bürgermeister, bei dem ich mich ebenfalls vorzustellen hatte. Was ich von der Schule sah und hörte machte mir Angst, und richtig entsetzt war ich dann über meinen Stundenplan. Alles, was man uns Neulehrern beim Abschied in Halle gesagt hatte, galt hier nun nicht mehr. Denn während unserer sehr kurzen Ausbildung in der Klosterschule (1. März bis 19. August 1946) hatten wir zum Beispiel weder vom Anfangsunterricht im ersten Schuljahr, insbesondere dem Schreib- und Leseunterricht, noch über Inhalte und Methodik einiger Fächer je etwas gehört und waren damit getröstet worden, daß wir im ersten Jahr weder ABC-Schützen das Lesen und Schreiben beibringen noch den Geschichtsunterricht bei den älteren Schülern übernehmen müßten. Auch die Ankündigung von regelmäßigen Weiterbildungen, die neben der Unterrichtsarbeit in der Schule an einem Tag der Woche stattfinden sollte, hatte uns in dieser Hinsicht beruhigt (wöchentlich fünf Tage unterrichten, am sechsten Tag dann die Fortbildungsveranstaltungen besuchen!). Laut meines Stundenplanes aber hatte ich den gesamten Unterricht in den Jahrgängen 1 bis 4, sowie das Fach Geschichte in den Jahrgängen 5 bis 8 zu halten, das Herr Matzat nicht unterrichten durfte, da er im Dritten Reich Mitglied der NSDAP gewesen war. Weil das Schulgebäude als Dorfschule nur über einen einzigen Klassenraum verfügte, mußte ich meine Klasse mit den jüngeren Kindern vormittags unterrichten, nachmittags folgte dann mein Kollege Matzat mit den älteren Schülern. Dazu kam die schwierige Unterrichtsplanung in einer zweiklassigen Schule, wo dem Lehrer niemals weniger als zwei, in einigen Stunden aber auch vier Schülerjahrgänge gegenübersitzen (später jedoch sollte ich während meiner Tätigkeit in Westdeutschland an der ebenfalls zweiklassigen Dorfschule in Auringen bei Wiesbaden unter völlig anderen Bedingungen erheblich erfolgreicher unterrichten können). Aber hier in Nehlitz - mit meiner mangelnden Erfahrung im Umgang mit Kindern, ohne ausreichende Kenntnis von Methodik und Entwicklungspsychologie und ohne Anleitung oder Hilfe des Schulleiters - da blieben trotz guter Vorbereitungen alle Mühen umsonst. Es war zum Verzweifeln, wenn ich die täglichen Niederlagen in meiner Schularbeit, meine ganze Situation als Lehrerin überblickte: fehlende Autorität, kaum Lernerfolge (etwa beim Lesenlernen aufgrund fehlender Ausbildung in der Ganzwortmethode, die mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt war und mit der ich in den Fibeln der Kinder erstmals konfrontiert wurde), mangelnde Kooperation der Eltern sowie keinerlei Unterstützung durch den ersten Lehrer Matzat. Vormittags unterrichtete ich so gut ich konnte (oder auch nicht konnte) im einzigen Klassenraum im Erdgeschoß, und am Nachmittag lebte ich in einer Stube im Dachgeschoß des Schulhauses, wo neben mir noch eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen mit zwei kleineren Kindern einquartiert war. Mein Zimmer war nur mit Bett, Tisch und Hocker möbliert, in einer emaillierten Schüssel auf einem gußeisernen Ständer konnte ich mich mehr schlecht als recht waschen, mit einem eisernen Ofen, den die Gemeinde gespendet hatte, wurde der Raum beheizt. Die Toilette der Familie Matzat, die sich im Erdgeschoß befand, durfte ich mitbenutzen. Als Heimatvertriebene konnte ich aus eigenem Besitz nur wenige Bücher zusteuern und über den Tischler des Ortes lediglich ein kleines Wandregal und einen zweiten Hocker erwerben. Da ich bis Dezember 1946 immer noch über kein Heizmaterial außer etwas selbst gesammeltem Holz verfügte, war auch die Zubereitung einer Mahlzeit auf dem Ofen nicht möglich. Schließlich verfügte der Bürgermeister auf meine Klagen hin, daß mir die drei größten Bauern des Dorfes im wöchentlichen Wechsel einen Platz an ihrem Mittagstisch gewähren mußten. Das waren oft sehr demütigende Situationen für mich als Zugereiste, als Vertriebene und als Habenichts, das heißt als unbequeme Bittstellerin, verstärkt noch durch die Hoffnung meiner hallenser Familie, die in Unkenntnis meiner schwierigen Situation in Nehlitz natürlich erwartete, daß ich in diesem besonders schlimmen Hungerwinter 1946/47 am Wochenende etwas Eßbares aus "meinem Dorf" mitbringen würde, denn meine Mutter, meine Großmutter und meine heranwachsende Schwester Anneliese mußten sich in der Großstadt nur mit Hilfe der kargen Lebensmittelzuteilungen durchschlagen, meine Mutter und Großmutter sogar nur mit der sogenannten Friedhofskarte (die Anfang Februar 1947 abgeschaffte Lebensmittelkarte VI). So verging die Zeit nach dem Unterricht und den Vorbereitungen auf den nächsten Tag im Herbst vor allem mit dem Stoppeln von Rüben und Kartoffeln und dem Holzsammeln. Einmal kam meine Mutter für einen Tag aus Halle zu mir nach Nehlitz und wir durften mit Erlaubnis der Familie Matzat die gestoppelten Rüben in dem großen Waschkessel der Schulwaschküche zu Kreude (Rübensirup) verarbeiten. Im übrigen war Frau Matzat erheblich großzügiger und mitfühlender als ihr Mann und hätte mich sicher auch ab und zu in ihre warme Küche eingeladen, wie sie es dann auch einmal tat, als ihr Mann abwesend, daß heißt zu einer seiner regelmäßigen Weiterbildungen in Russisch - in der damaligen SBZ als erste Fremdsprache für die älteren Schüler Pflichtfach - war. Der Winter brachte mir trostlose, einsame Stunden in meiner kalten Dachstube, die von der endlich durch die Gemeinde gelieferten Braunkohle und dem wenigen gesammelten Holz kaum erwärmt werden konnte. Hier mußte ich mich mit den schwierigen Unterrichtsvorbereitungen und der Nachbereitung der Fortbildungstage herumschlagen, hier war ich dann bereits froh, wenn ich ein am Wochenende in Halle ausgeliehenes Buch lesen und mich so zumindest für kurze Zeit von meiner Misere ablenken konnte. Und direkt glücklich fühlte ich mich, wenn ich meiner Familie das verdiente Gehalt von 220 Reichsmark, das ich in Halle bei der Bank an der Danziger Freiheit abgeholt hatte, mitbringen konnte. Vorher leistete ich mir im gegenüberliegenden Café eine Portion Fleischsalat, die ich wahrscheinlich zum Schwarzmarktpreis bezahlen mußte.
Die Fortbildungsveranstaltungen, die einmal in der Woche an einer größeren Schule im Nachbarort Wallwitz stattfanden, wo auch zwei oder drei Neulehrerinnen unterrichteten, ließen mich staunen. Die Lehrproben (eine davon sogar in Alter Geschichte), die diese jungen Lehrerinnen hielten, die seit einem Jahr in Wallwitz als Schulamtsbewerberinnen unterrichteten, waren für mich sehr beeindruckend, insbesondere was sie von erfahrenen älteren, hilfsbereiten Kollegen ihrer Schule in dieser kurzen Zeit gelernt hatten. Voller Angst dachte ich daran, daß sie alle auch einmal nach Nehlitz zu einer Lehrprobe von mir kommen würden, aber dazu kam es Gott sei Dank nicht. Bei einigen Weiterbildungsveranstaltungen, die in Halle stattfanden, traf ich jedoch auch auf andere Neulehrer, denen es ähnlich erging wie mir. Diese Begegnungen führten bei mir zu der Erkenntnis, daß ich selbst mehr für die Änderung meiner Lage tun müsse, und so entschloß ich mich kurz nach Weihnachten 1946, beim Schulamt des Saalkreises in Halle (nach meiner Erinnerung in der Rannischen Straße) meine Lage zu schildern und um Versetzung zu bitten. Wohl zweimal mußte ich meine großen Ängste vor Autoritäten überwinden und - als billiger Bote mit allerlei Berichten und anderen Schriftstücken meines Nehlitzer Kollegen und Schulleiters Matzat beladen - den Weg ins Schulamt antreten. Dort bekam ich jedoch weder Auskünfte zu meinem Versetzungsgesuch noch Hilfen für den Unterricht und wurde in jeder Hinsicht nur vertröstet. So kehrte ich jedes Mal noch verzweifelter nach Nehlitz zurück und mußte so auch weiterhin selbst sehen, daß ich hier nicht völlig unterging. Zu meiner Überraschung bekam ich dann aber die Nachricht, daß ich mit Wirkung vom 1. Mai 1947 als Schulamtsbewerberin auf eine freie Planstelle an der Volksschule in Nietleben bei Halle versetzt worden sei (und damit auch näher bei meiner Familie war). Hier unterrichtete ich vorwiegend in der Unterstufe, bis ich im Jahre 1955 von einem Besuch bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrte. Nach dem Kriege fanden sich sehr schnell auch einige aus unserer alten Klasse von der Oberschule in Belgard an der Persante zusammen, die in Westdeutschland eine neue Heimat gefunden hatten und sich dort regelmäßig trafen. Die Treffen fanden zunächst noch unorganisiert statt, und bereits in den ersten Nachkriegsjahren wurde ein Klassenrundbrief ins Leben gerufen, der uns über viele Jahrzehnte bis heute begleitet hat und auch die ehemaligen Mitschülerinnen in der DDR erreichte (das waren Hannelore Piper in Naunhof, Cordula Uckeley in Ost-Berlin und ich selbst in Halle an der Saale). Im ersten Klassenrundbrief 1946 schrieb ich folgendes: Halle, am 17.11.1946
Ihr lieben Gefährtinnen einer glücklichen Zeit! Obgleich ich von den Umlauf eines Rundbriefes bereits erfahren hatte, war ich doch nicht weniger erstaunt als die meisten von Euch, als dieser Brief in meine Hände gelangte, denn ich hatte - offen gesagt - nicht daran geglaubt, daß er mich jemals erreichen würde. Die freudige Überraschung war nun um so größer, und ich will gerne ein Endchen mit Euch reisen und Euch bei dieser Gelegenheit von meinem Leben, meinen Wünschen und Zielen berichten. Nachdem ich im Januar 1946 aus Belgard ausgewiesen wurde - ich hatte fast ein Jahr unter polnisch-russischer Herrschaft gelebt, den größten Teil der Zeit als Sattlerlehrling in einem polnischen Sattlereibetrieb (früher Asmus) - gingen wir (das heißt meine Mutter, Großmutter und Schwester) nach Halle zu Verwandten. Lange war unseres Bleibens dort nicht, in einer kleinen Wohnung zusammengepfercht kam es zu täglich sich steigernden Reibereien, sodaß wir froh waren, daß wir im Mai zwei möblierte Zimmer als eigene Wohnung bekamen. Seit dem 1. März war ich Teilnehmerin an einem Lehrerbildungskursus hier in Halle. Nachdem ich in August die Abschlußprüfung ablegte, bin ich Neulehrerin in einem Dörfchen (500 Einwohner) acht Kilometer von Halle entfernt. Bärbel, das wäre so etwas für Dich! Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, daß Du Dich in meiner Stellung bedeutend wohler fühlen würdest als ich selbst. So Respektsperson in einen kleinen Ort zu sein, von allen begafft und kritisiert zu werden, das liegt mir gar nicht. Dazu kommt das Allerschlimmste, daß ich nämlich über gar keine pädagogischen Talente verfüge und mich bei diesen Dorfrangen bis jetzt noch nicht durchsetzen konnte. Nach meiner anfänglichen Verzweiflung habe ich mich jetzt etwas beruhigt, ich lasse das Schifflein eines würdevollen Amtes so lange treiben bis ihm von anderer Seite ein Ziel gesetzt wird, daß heißt bis mich das Schulamt als völlig ungeeignet entläßt. Wenn ihr mich nun fragt, warum gerade ich, die doch wohl gar keine Fähigkeiten für den Erzieherberuf mitbekommen hat, nun gerade auf die Ausübung dieses Berufes verfiel, so muß ich Euch ehrlich antworten, daß ich es nur aus materiellen Gründen tat und diese Tätigkeit nur als einen Übergang ansehe. Meine Mutter, Großmutter und Schwester sind finanziell völlig auf mich angewiesen, da mein Vater in russischer Gefangenschaft ist und wir noch keine Nachricht von ihm haben. Ich kann die Hoffnung auf die Rückkehr meines Vaters nicht aufgeben, ich habe mich so sehr gut mit ihm verstanden und kann nicht glauben, daß ich ihn nie wieder sehen soll. Wie glücklich könnt Ihr doch sein, die Ihr Eure Familien vollständig wißt oder sie gar vollständig um Euch habt. Wenn mein Vater erst zurückgekommen ist und mir die Sorge für unsere Familie wird abgenommen haben, dann hoffe ich an eine andere Berufsausbildung denken zu können. Die Zahnmedizin würde ich natürlich nicht wieder hervorkramen, kann ich mich doch jetzt kaum noch besinnen aus welchen überspannten Gründen ich damals dieses Studium wählte. Germanistik oder speziell Kunst- und Literaturgeschichte zu studieren mit dem Hinblick auf eine journalistische oder bibliothekswissenschaftliche Tätigkeit, das ist mein Wunsch. Ob er sich je erfüllen wird? Was ich selbst zu seiner Verwirklichung beitragen kann, das wird bestimmt geschehen. Auch meine Wünsche und Hoffnungen, die in eine andere, wohl von jeder echten Frau ersehnten Richtung gehen, stehen auf schwankenden Füßen. Wie steht es denn in dieser Beziehung mit Euren Wünschen, Aussichten und Sehnsüchten? Pipus ist nun die erste aus unserem Kreise, die verlobt ist und wahrscheinlich auch die erste, die in das Ehebett steigen wird, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie überrascht ich war, als ich vor einigen Wochen erfuhr, daß Hannelore, von der doch niemand etwas wußte, in meiner näheren Umgebung, nämlich in der Nähe von Leipzig zusammen mit ihrem Helmut als Neulehrer tätig ist. Ende Oktober haben wir uns in Leipzig getroffen und recht nach Herzenslust ausgesprochen. Auch mit meinem Ellinörchen war ich bereits zweimal zusammen und ich hoffte stark mit ihr gemeinsam das Weihnachtsfest begehen zu können, nun sind ja ihre Pläne durch ihren Übergang in die britische Zone undurchführbar. Wenn ihr mich sehen könntet, würdet ihr wahrscheinlich sagen, daß ich mich äußerlich wenig verändert habe, wahrscheinlich bis auf die geänderte Frisur gar nicht. Älter und würdiger, wie es doch meinem neuen Beruf angemessen wäre, sehe ich auch nicht aus, nein, zu meinem Leidwesen schätzt man mich gewöhnlich auf 17 bis 18 Jahre, obgleich ich mich doch bedenklich dem 21. nähere. Innerlich glaube ich mich auch nicht allzu sehr verändert zu haben, habe noch immer ziemliche Minderwertigkeitskomplexe, die teilweise noch verstärkt werden, durch die Unbefriedigtheit im Beruf und die Art und Weise, in der diese Sau-Sachsen uns aus dem Osten hier glauben behandeln zu müssen. Nie werde ich mich an diesen Menschenschlag und noch viel weniger an ihre entsetzliche Sprache gewöhnen können. Wenn die Kinder mir in der Schule dann solche Ausspracherätsel aufgeben wie "Heide bidde geene Uffjahm jäbn" glaube ich stets ersticken müssen vor Lachen. Auch meinen Humor habe ich behalten, ja vielleicht noch etwas hinzugewonnen. In manchen Beziehungen geht es mir nicht so wie Euch, als ich zum Beispiel Bärbchens Brief durchlas, konnte ich mich in ihre Erinnerungsstunde an Belgard und an unsere Schule nicht so recht versetzen. Gewiß, auch ich denke sehr gern an all das Schöne zurück, was wir mit Belgard hinter uns ließen, ich habe meine Heimat sehr lieb und habe damals in Belgard meine Mutter immer wieder veranlaßt, noch ein paar Wochen länger dort zu bleiben, weil ich hoffte, daß die Ostgebiete noch einmal deutsch werden würden (diese Hoffnung habe ich auch heute auch noch nicht ganz aufgegeben) - aber ich bin zu sehr Zukunftsmensch, mich beschäftig meine Zukunft, die Wünsche und Pläne, die mit ihr in Verbindung stehen, viel mehr als die Erinnerungen an eine Vergangenheit. Auch füllen mich die gegenwärtigen Forderungen meines Berufes, wenn sie mir häufig auch nichts anderes als Ärger bringen, so aus, daß ich nur wenig dazu komme über unsere damaligen Verhältnisse nachzusinnen. Um so erfreulicher ist mir jedoch die Nachricht, daß noch viele von Euch den Gedanken an ein Klassentreffen nicht ganz aufgegeben haben. Wollen wir es doch für das Jahr 1947 im Auge behalten, wenn es auch vielleicht nicht Ostern sein kann. Möchten nur endlich die Zonengrenzen fallen! Die Sonntage verlebe ich stets in Halle bei meiner Mutter und suche so oft es geht und vor allem so weit mein Geld reicht, die Bildungsmöglichkeiten der Großstadt auszunutzen. In der Volkshochschule besuche ich im Augenblick zwei Kurse, die auf meine pädagogische Weiterbildung ausgerichtet sind. "Johann Heinrich Pestalozzi" und "Allgemeine Pädagogik". Im vorigen Trimester habe ich meine englischen Kenntnisse etwas aufgefrischt, Russisch müssen wir als Neulehrer ja sowieso lernen, es fällt mir aber bedeutend schwerer als Englisch, Französisch und Latein. Das hiesige Stadttheater hat gute Kräfte, und wenn in meinem Beutel nicht gähnende Leere herrscht, leiste ich mir auch mal einen Theaterbesuch, als letztes Stück sah ich vor Oh Kinder, ich freue mich so auf ein Wiedersehen mit Euch! Nun da die Sache mit dem Rundbrief in Gang gekommen ist, glaube ich auch fest an ein Gelingen unseres Stelldicheins. Wie werden sich die einzelnen verwundert ob ihrer Veränderung betrachten, in welchen Berufen werden wir dann stecken, ob Cordelchen dann immer noch die einzige ist, die am Busen der Alma Mater die Weisheit saugt? Seid mir herzlich gegrüßt all ihr Lieben von Eurer alten Lore, die fest auf ein Wiedersehen hofft. P.S.: Habt Ihr noch Hoffnung auf eine Änderung der Lage in den Ostgebieten? [Klassenrundbrief aus dem Jahre 1946 von Herrn Helmut Schumann aus Naunhof freundlicherweise zur Verfügung gestellt] Nachdem ich im Jahre 1955 von einem Besuch bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrt war, in der Bundesrepublik geheiratet und eine Familie gegründet hatte, stieß auch ich zu meinen Klassenschwestern und sah sie so alle wieder - einschließlich unserer Lehrer Fräulein Büttner, Fräulein Ellmann, Fräulein Kraul, Herr Rogausch, Fräulein Trepel und Fräulein Barz, die an den Klassentreffen teilweise noch bis in die achtziger Jahre hinein teilnahmen. Dabei wurden die Treffen von uns reihum an den jeweiligen Wohnorten der Teilnehmerinnen organisiert (so etwa 1998 von mir in Wiesbaden), nach der Jahrtausendwende übernahm schließlich meine Klassenkameradin Barbara Haverland geb. Dumjahn diese Aufgabe, sodaß wir uns jedes Jahr im Hotel Peter in Veckerhagen trafen, das sie schon zuvor mit verschiedenen anderen Gruppen besucht hatte. Aufgrund seiner herrlichen Lage an der Weser, den sympathischen Besitzern und der guten Unterbringung fühlten wir uns diesem Ort schon bald sehr verbunden, was auch immer wieder zur angenehmen Atmosphäre während unseres dreitägigen Zusammenseins beitrug - leider konnte ich jedoch seit 2009 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr daran teilnehmen. Bärbel Haverland, zu der ich in unserer Schulzeit nur wenig Kontakt hatte, fühlte ich mich seit Ende der neunziger Jahre freundschaftlich verbunden, wobei in unseren Erinnerungen an Belgard und die alte Heimat sowie bei den Gesprächen über Flucht und Vertreibung der Gedanke der Versöhnung immer eine zentrale Rolle spielte. Meine Bewunderung galt ihrer Lebensleistung, wie sie sich bis ins hohe Alter in Vereinen und Institutionen für unsere pommersche Heimat einsetzte, über Jahrzehnte Busreisen nach Hinterpommern organisierte und als kompetente Reiseführerin begleitete.
Mit einer Reiseerlaubnis der DDR-Schulbehörde übertrat ich in den Sommerferien 1955 die Grenze zur Bundesrepublik mit der Absicht, nicht mehr in den Osten zurückzukehren. Ein Besuch bei meiner Tante Ilse Griep in Gütersloh diente als Vorwand. Nachdem ich in Gießen ein mehrtägiges Notaufnahmeverfahren für Flüchtlinge aus der DDR durchlaufen hatte, besuchte ich meinen Verlobten Friedrich Gürge in Weilburg an der Lahn, der schon 1954 aus der DDR geflohen war und zu dieser Zeit am dortigen Pädagogischen Institut studierte und erfuhr, daß auch für mich die Möglichkeit eines sogenannten "Nachstudiums" bestand - jedoch leider erst im nächsten Jahr. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, bewarb ich mich um eine Stelle an der Melanchthon-Schule, von deren Suche nach einer Heimerzieherin hatte ich in Weilburg gehört. Im Steinatal, in der Nähe von Ziegenhain in der Schwalm, lag das Forstgut der Familie von Ditfurth, in dessen Gebäuden nach seinem Verkauf an die Kreisverwaltung im Jahre 1925 zunächst ein Gaststättenbetrieb (genannt "Kurhaus") eingerichtet worden war, ab Mitte der dreißiger Jahre dann von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) ein Reichsseminar für Kindergärtnerinnen, ein Kindergarten und ein Kindererholungsheim. In dieser Anlage fand die Melanchthon-Schule, die aus dem ausgebombten Kasseler Wilhelmsgymnasium hervorgegangen war, wenige Jahre nach dem Kriege mit ihrem neugegründeten Internat eine Heimstatt. Nach einem Besuch bei Oberstudiendirektor Dr. Dahlhoff erhielt ich sehr schnell die Zusage für den sofortigen Antritt als Betreuerin für die jüngeren Schülerinnen (Klasse Sexta bis Quarta). Ich glaube, den Ausschlag für meine Anstellung gab der Umstand, daß ich aus der DDR kam und auf diese Weise besonders jenem Teil der Mädchen, die ebenfalls aus dem Osten Deutschlands stammten und hier erst seit kurzem unterrichtet wurden, eine verständnisvolle Ansprechpartnerin und damit Stütze in der neuen Umgebung sein konnte. Diese Kinder waren zum Teil ohne ihre Eltern, die sich für die Mädchen nicht die übliche DDR-Schullaufbahn, sondern den Besuch eines Gymnasiums wünschten, in den Westen gekommen (als in den fünfziger Jahren die Mauer noch nicht gebaut und die Grenze noch durchlässig war). Hier hatten sie einen Freiplatz erhalten oder durch die Vermittlung der Schulleitung einen Paten gefunden, der die Kosten für Schulbesuch und Internatsunterbringung übernahm. Man sprach darüber nicht, aber ich erfuhr später doch, daß zum Beispiel ein Hamburger Arzt, dessen Kind die Melanchthon-Schule besuchte, die Patenschaft für ein Mädchen aus Thüringen übernommen hatte.
So wurde ich noch am gleichen Tag der Leiterin des Mädchenwohnheimes vorgestellt, die mit mir eine Führung über das weitläufige Schulgelände machte. Zu der Anlage gehörten das große Haupthaus mit den Schlafräumen der Jungen, dem Speisesaal und der riesigen Küche, nicht weit davon das Schulgebäude mit den Unterrichtsräumen, das Haus mit den Schlafräumen der Mädchen und etliche Nebengebäude. Meine Arbeitsstätte war dieses Mädchenheim, das in einer von Bäumen umstandenen großen Villa lag. Sie beherbergte außer den Schlafräumen der "Kleinen" (Sexta bis Quarta) im Erdgeschoß auch mein eigenes Zimmer, während die Räume der älteren Schülerinnen und das kleine Appartement der Leiterin, Fräulein von Ditfurth, im ersten Stock bzw. im Dachgeschoß lagen. Die Arbeit begann schon in den nächsten Tagen am 16. August 1955 mit der Rundumbetreuung der jüngeren Schülerinnen wie morgendlichem Wecken, Beaufsichtigung des Bettenmachens und Aufräumens der Zimmer, gemeinsamer Gang zum Frühstück in das Haupthaus, Nachhilfeunterricht bzw. Förderung der Schwächeren, Gang zum Mittagessen, Betreuung der Schularbeiten und Freizeitbeschäftigungen. Von großer Bedeutung war die Unterstützung der Sextanerinnen bei der Eingewöhnung in der zunächst noch recht ungewohnten Umgebung und der dabei so wichtige Kontakt zu ihren Eltern. Das Heimweh stellte hier das größte Problem dar, und es gab häufig Nächte, wo man die Kinder lange trösten mußte. Zu der Leiterin Fräulein von Ditfurth hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, und bereits bei meiner eigenen Eingewöhnung unterstützte sie mich mit hilfreichen Informationen zum Tagesablauf und weiteren Vorhaben. Auch sie hatte ihre Arbeit erst vor kurzer Zeit angetreten und diese Stelle wohl vor allem deshalb angenommen, weil sie dadurch in das Haus ihrer Familie zurückkehren konnte. Denn das Schulgelände und ein Teil der Gebäude hatte früher zum Forstgut der Familie von Ditfurth gehört, welche sich Mitte der zwanziger Jahre auf ihr Gut Lübrassen zurückgezogen hatte. Auch ihr Bruder hatte sich in dem nahegelegenen Städtchen Ziegenhain als Arzt niedergelassen, seine Kinder besuchten als externe Schüler die Melanchthon-Schule, und so konnte Fräulein von Ditfurth die Familie häufig mit ihrem Moped besuchen. Sie kannte sich in der Region sehr gut aus, erzählte mir viel über die Schwalm und war eine unerschöpfliche Quelle für Vorschläge zu Spaziergängen und Wanderungen in der näheren und weiteren Umgebung. Gerne erinnere ich mich dabei auch an eine Nachtwanderung mit unseren Schützlingen und an einen Ausflug zum Knüllköpfchen mit Übernachtung in der dortigen Jugendherberge. Meine enge Zusammenarbeit mit Fräulein von Ditfurth bei der Betreuung der Kindern, die zahlreichen Gespräche und der tägliche Austausch über unsere Arbeit waren damals eine große Hilfe für mich. Sie war mein Vorbild besonders in der Art wie sie den jungen Mädchen Hilfe anzubieten verstand für all die Probleme, die sowohl deren Alter als auch das Leben in einem Internat mit sich brachten. Dabei unterstützte ich sie in ihrer Absicht, den Umgang mit den Kindern etwas lockerer zu gestalten, was nicht selten Anlaß für Konflikte mit der Schulleitung oder einzelnen Lehrern gab. Meine freien Tage verbrachte ich, soweit es die Jahreszeit und das Wetter zuließen, auf Waldspaziergängen und bei der Suche nach Pilzen, die uns hier bereits um das Haus herum fast in den Mund wuchsen (zum Beispiel die schmackhaften Parasolpilze). Wir brieten sie abends in Fräulein von Ditfurths kleiner Küche, manchmal lud sie auch Schülerinnen der Abiturklasse dazu ein. Aber auch die kleine Stadt Ziegenhain, deren Geschichte als ehemalige Wasserburg und spätere Festung lange in die Vergangenheit zurückreicht, lockte zu Spaziergängen und kleinen Ausflügen, und hier ließen sich auch die notwendigen Einkäufe erledigen. In meinem gemütlich eingerichteten Zimmer verbrachte ich manche Stunde mit der Lektüre von Büchern aus der Schulbibliothek, wobei ich hier die amerikanischen Autoren des
Zum Sommersemester 1956 begab ich mich vom Steinatal nach Weilburg an der Lahn, wo mir mein Verlobter Friedrich Gürge, der dort bereits seit einem Semester am Pädagogischen Institut studierte und mir im Windhof, einem ehemaligen Jagdschloß oberhalb von Weilburg, das damals Internat für die Studierenden aus der DDR war, einen Schlafplatz besorgt hatte. Im Winter 1955/56 hatte schon eine Aufnahmeprüfung stattgefunden, zu der ich vom Steinatal anreiste, wo ich damals als Erzieherin an der Melanchton-Schule beschäftigt war. Als Prüfungsergebnis wurde mir bescheinigt, daß ich meine bereits 1949 in der DDR abgelegte erste Lehrerprüfung nach drei Semestern Nachstudium für den Schuldienst in der Bundesrepublik wiederholen könne. Bei der Einschreibung im Hauptgebäude des Institutes, das etwa 15 Minuten Fußweg vom Windhof entfernt an der Frankfurter Straße lag, erhielt ich ein Studienbuch sowie Vorlesungs- und Veranstaltungsverzeichnis und erfuhr, daß ich nun zum SL VII (Sonderlehrgang für Lehrer aus der DDR) gehörte. In Hinblick auf die Dozenten erinnere ich mich an Frau Prof. Dr. Hetzer (Jugendpsychologie), Prof. Dr. Morgenstern (Geschichte der Pädagogik / Reformpädagogik), Frau Prof. Dr. Krüger (Deutsch), Frau Dr. Bodensohn (Deutsche Literatur), Dr. Ruppert (Schulpädagogik), Prof. Dr. Dettmar (Kunsterziehung), Prof. Dr. Resag (Mathematik), Prof. Dr. Surkau (evangelische Religion), Frau Dr. Bretzler (Biologie), Dr. Seiler (Geschichte) und Frau Zechlin (Handarbeit, Werken). Der Tag war nun zum großen Teil mit Vorlesungen und Übungen am Institut ausgefüllt, dazu kamen verschiedene Lehrproben und Exkursionen, denn in den drei Semestern sollte man einen Überblick über das Schulwesen und den Unterricht in der Bundesrepublik bekommen. Vieles fußte auf der Reformpädagogik der zwanziger Jahre, und so hörte ich hier zum ersten Mal Genaueres von Arbeitsschule, Jenaplan usw. Hier lag der Schwerpunkt sowohl auf dem selbständigen Arbeiten der Kinder und der gegenseitigen Hilfe der Schüler untereinander als auch auf der freieren Auswahl des Lernstoffes durch die Lehrer, was uns von unserer Tätigkeit in der DDR bisher völlig unbekannt war. Besonders wichtig waren für mich die Exkursionen zu Schulen, die fachübergreifend, mit zum Teil mehreren Altersstufen gemeinsam in einem Klassenraum arbeiteten. So erinnere ich mich an den Besuch einer Landschule in Dornholzhausen im Taunus und einer Schule in Frankfurt (bei Schulleiter Wilhelm Krick, Entwickler der Krick'schen Lesekiste), wo ich wertvolle Einblicke in die Praxis gewann und zahlreiche Anregungen mitnahm, von denen ich bei meiner späteren Arbeit als Lehrerin profitieren sollte. Dazu kam noch ein vierwöchiges Landschulpraktikum an der zweiklassigen Dorfschule in Niedergrenzebach nahe Steinatal gemeinsam mit meinem Kollegen Herrn Eckstein.
Ich war damals sehr froh, daß ich für die eineinhalb Jahre am Pädagogischen Institut etwas Geld von meinem Gehalt als Erzieherin im Steinatal hatte zurücklegen können, denn meine finanzielle Situation war in Weilburg recht angespannt - doch zumindest etwas abgesichert durch ein Stipendium aus Bonn in Höhe von 150 DM pro Monat (außer in den Semesterferien) und durch meine Arbeit in der vorlesungsfreien Zeit, bei der ich in einer Fabrik für Radiogehäuse in Heckholzhausen, einem kleinen Ort in der Nähe von Weilburg, in der Qualitätskontrolle der Firma Leitz in Wetzlar und bei der Kinderferienbetreuung der Stadt Frankfurt beschäftigt war. Davon gingen während des ersten Semesters im Windhof allein 75 DM monatlich für Unterkunft und Verpflegung ab, später zahlte ich 25 DM für das möblierte Zimmer bei Offenbachs und verpflegte mich selbst. So blieb nur sehr wenig für einen Kinobesuch oder ein Buch übrig. Da nun im Mai 1957 auch noch meine Hochzeit anstand, war es kein Wunder, daß es weder Hochzeitskleid noch Hochzeitsfeier geben konnte. Denn das in den Semesterferien verdiente Geld reichte gerade für ein neues Kostüm und ein Paar neue Pumps für die Trauung, die weiße Bluse mußte ich von einer Kollegin ausborgen. Mein Mann konnte das Hochzeitsessen für vier Personen (die beiden Trauzeugen und wir, unsere Eltern waren zu dieser Zeit noch in der DDR) auch nur bezahlen, weil er sein Nachstudium bereits beendet und kurz zuvor eine Anstellung als Lehrer an der einklassigen Dorfschule in Hausen vor der Höhe bekommen hatte.
Meine erste Lehrerstelle nach der Übersiedelung aus der DDR im Jahre 1955 und einem Nachstudium am Pädagogischen Institut in Weilburg an der Lahn trat ich im August 1957 im Rheingau in dem kleinen Ort Kiedrich unweit von Wiesbaden an. Der bekannte Weinort lag nur sieben Kilometer von Hausen vor der Höhe entfernt, wo mein Ehemann Friedrich Gürge, der bereits 1954 aus der DDR geflohen war, seit einem Jahr an der einklassigen Volksschule unterrichtete und wir gemeinsam in der Lehrerwohnung im Schulhaus wohnten. So war ich froh, daß ich nach längerem Suchen und zahlreichen Bewerbungen schließlich diese Stelle in der Nähe unseres Wohnortes gefunden hatte. Der ausgesprochen freundliche Schulrat des Rheingaukreises erklärte mir bei der Einstellung jedoch, daß ich nur vorübergehend an der Schule in Kiedrich arbeiten könne, weil in dem überwiegend katholischen Ort auf Dauer nur eine der Lehrerstellen mit einer evangelischen Lehrkraft
Nun lernte ich endlich die praktische Schularbeit im Westen kennen, nachdem mich das "Nachstudium für Sowjetzonenlehrer" am Institut für Lehrerbildung des Landes Hessen mehr oder weniger theoretisch darauf vorbereitet hatte. "Kinder sind überall Kinder!" dachte ich, doch auch im zwischenmenschlichen Bereich war hier manches ziemlich anders. "Sie werden die große Unruhe noch spüren," sagte der Rektor der Schule bei der Vorstellung zu mir, "der Wein rauscht hier in den Köpfen!" Ich kam allerdings recht gut mit diesen fröhlichen, aufgeschlossenen Menschen - Kinder wie Eltern - zurecht und gewann hier bald Freude an meiner Arbeit und sah meinen Beruf jetzt in einem neuen, positiven Licht. In den zwei Jahren meiner Tätigkeit in Kiedrich gewann ich Einblick in das religiöse sowie in das profane Leben meiner westdeutschen Mitmenschen. Denn in meiner Heimat Pommern, einer rein evangelischen Provinz des Deutschen Reiches, und in der 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Belgard, in der ich aufgewachsen war und bis zu meinem
Zum 1. April 1959 wurde ich von Kiedrich an die zweiklassige Volksschule nach Auringen versetzt, mein Mann erhielt zur gleichen Zeit seine Versetzung aus Hausen vor der Höhe an die Diesterwegschule in Wiesbaden. Obwohl Auringen auch Ende der fünfziger Jahre noch ein von Landwirtschaft und Kleingewerbe geprägtes Dorf im Einzugsbereich von Wiesbaden war, hatte sich bereits damals - nachdem der Ort schon kurz nach dem Kriege eine große Zahl von Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland aufgenommen hatte, begleitet von einer regen Bautätigkeit (etwa im Neubaugebiet "Am Roten Berg") - die Bevölkerungsstruktur grundlegend verändert. Immer mehr Bewohner pendelten als Arbeitnehmer in die nahe Landeshauptstadt und betrachteten das Dorf nur noch als Wohngemeinde. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung war aber weiterhin - nicht wenige davon im Nebenerwerb - in der Landwirtschaft beschäftigt, und so hatten auch die meisten Schulkinder noch eine enge Beziehung zur Landwirtschaft. Als Arbeitgeber innerhalb des Ortes kam nur der Molkerei Rudolf Rieser ("Riesers Sonnenmilch") mit ihrem großen Einzugsgebiet eine gewisse Bedeutung zu. Die Dienstwohnung für mich und meine Familie, das heißt für meinen Mann und meinen kleinen Sohn Peter, der ein halbes Jahr zuvor in Hausen vor der Höhe geboren war, befand sich im hinteren Teil des zweigeschossigen Schulgebäudes; eine Veranda und ein großer Garten gehörten dazu. Der Umzug nach Auringen gestaltete sich schwierig,
Einen freundlichen Empfang bereitete mir mein Auringer Kollege Georg Rieser, der mir die Unterstufe mit dem 1. bis 4. Schuljahr übergab, so daß nun ich die jüngeren Kinder im Klassenraum im Erdgeschoß unterrichtete und er die älteren Schülern (5. bis 8. Schuljahr) im ersten Stock. Vor allem ließ er mir bei meiner Arbeit völlig freie Hand als er erfuhr, daß ich vor meinem Nachstudium in Weilburg und meiner Lehrerstelle in Kiedrich bereits acht Jahre in der DDR unterrichtet hatte. Hier in Auringen konnte ich nun so manches erproben, was ich in der Zwischenzeit in Weilburg kennengelernt hatte, etwa fachübergreifendes Arbeiten, freiere Stoffauswahl (vor allem für die muttersprachliche Bildung und die Heimatkunde, so daß der Unterrichtsstoff auch etwas auf den ländlichen Hintergrund der Kinder abgestimmt werden konnte), neue Arbeitsmittel (etwa die Krick'sche Lesekiste) und Förderung der Selbständigkeit; vor allem aber konnte ich mich jetzt mit der Organisation und Methodik in einer wenig gegliederten Dorfschule vertraut machen, wo ein Lehrer bis zu vier Altersstufen in einem Klassenraum gemeinsam unterrichtet und damit auf das selbständige Arbeiten der Kinder und die gegenseitige Hilfe der Schüler untereinander angewiesen ist. Jedoch waren auch nicht immer alle Jahrgänge gleichzeitig im Raum, sondern kamen früher oder später in die Schule und gingen zu verschiedenen Zeiten wieder nach Hause, wobei die anwesenden Schüler in eine gesonderte Abteilung für den direkten Unterricht und in weitere Gruppen für die sogenannte Stillarbeit (mit zuvor gestellten Aufgaben) gegliedert wurden, oder Herr Rieser nahm meine älteren Schüler für ein bis zwei Stunden zu den Jahrgängen 5 bis 8 seiner eigenen Klasse hinzu (etwa das
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Eleonore Gürge geb. Maaß |
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=> zu den Erinnerungen
Teil 1 - bis 1944 => noch mehr Erinnerungen - Photoalbum ab 1961 |
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