Eleonore Gürge geb. Maaß  *1925        
Erinnerungen Teil 2 - ab 1945
10. Letzter Kriegswinter 1944/45
11. Kriegsende 1945
12. Belgard 1945/46
13. Vertreibung 1946
14. DDR 1946 bis 1955
15. 17. Juni 1953
16. Lehrerin in Westdeutschland
17. Biographie
 => Erinnerungen Teil 1 - bis 1944
Letzter Kriegswinter 1944/45: An die Tage im Dezember 1944 habe ich nur sehr wenige Erinnerungen. Da man zu dieser Zeit immer wieder vom Elend der Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Memelland hörte, die seit Herbst 1944 in heillos überfüllten Zügen auch bei uns auf dem Bahnhof durchkamen (Belgard lag an einer der Bahnstrecken von Königsberg nach Westen), schloß ich mich einige Male einer Gruppe von Frauen aus unserer Stadt an, welche die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und das Rote Kreuz bei ihrer Arbeit unterstützte, d.h. auf dem Belgarder Bahnhof bei der Betreuung der dort haltenden Züge half und die Flüchtlinge beispielsweise mit warmer Suppe und heißen Getränken versorgte. Dabei hielt ich mich von den leitenden Personen der NSV und des DRK fern und versuchte, möglichst wenig aufzufallen, denn ich wollte nach meinen Erfahrungen beim Schanzen am Ostwall nicht schon wieder dienstverpflichtet werden. Mit großer Erschütterung sahen wir das Leid der Menschen in den Flüchtlingszügen, vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, die völlig erschöpft und übernächtigt, zum Teil krank, vielfach traumatisiert auf ihrer Flucht vor den Russen, kaum noch im Besitz des Allernötigsten und oft in anderen Wagen nach Familienangehörigen suchend, nur möglichst schnell weiter nach Westen wollten. In Anbetracht dieses Elends schämten wir uns unserer damals noch viel besseren eigenen Lage und halfen überall, soweit wir konnten. Wie in diesem letzten Kriegsjahr dann das Weihnachtsfest bei uns verlief, erinnere ich heute nicht mehr. Obwohl die Versorgungslage vor allem seit Mitte 1944 immer schlechter wurde, wird meine Mutter wie jedes Jahr versucht haben, mit Tannenzweigen, Kerzen und nach Kriegsrezepten mit wenig Fett und Zucker gebackenen Plätzchen Erinnerungen an bereits lange zurückliegende, glücklichere Weihnachtsfeste zu wecken. Sicher hatten wir an dieser sechsten Kriegsweihnacht auch Post von meinem Vater bekommen, der damals noch in Köslin stationiert war und erst einige Wochen später nach Hammerstein bei Neustettin versetzt wurde, und wir hatten ihm wieder seinen Lieblingskuchen, eine mittels zusammengesparter Lebensmittelmarken gebackene Sandtorte, geschickt. Ende des Jahres bekam ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich zu einem weiteren Kriegseinsatz, diesmal in einer Werkstatt der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard, verpflichtet worden sei. Als ich mich einige Tage später dort vorstellte, erfuhr ich, daß es sich um eine wegen Bombenangriffen aus Stettin ausgelagerte Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen handelte. Die Stammbelegschaft war ebenfalls in unserer Stadt untergebracht, sie wurde durch Frauen und Mädchen aus Belgard und durch Ukrainerinnen aus dem Lager für ukrainische Fremdarbeiterinnen am Stadtrand ergänzt. In dieser Werkstatt traf ich auch Uschi Hank, die ich flüchtig aus meiner Schule kannte. Wir führten Lötarbeiten an den Ankern von Elektromotoren aus, wobei wir in einer Halle mit jeweils 12 bis 14 Frauen an langen Holztischen saßen. Nach dem Löten brachten wir die Bauteile in einen benachbarten Raum, in dem der Meister gemeinsam mit einigen anderen Männern die Anker kontrollierte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich meine Aufgabe zufriedenstellend erfüllen, so daß ich nicht zu viele Teile zur Nacharbeit zurückbekam. Während der Arbeit wurde nicht viel geredet, die Stettiner standen allerdings in den Pausen dicht zusammen und unterhielten sich gedämpft. Ich empfand die Stimmung als recht bedrückend, denn die Russen brachen mittlerweile in Pommern ein und man befürchtete, daß sie bald vor Belgard stehen könnten. Auch aus diesem Grunde war ich immer froh, wenn sich der Abend und damit das Ende der täglichen Arbeit näherte. In der zweiten Februarhälfte veränderte sich meine Situation grundlegend, als ich vom Werkstattleiter dazu ausersehen wurde, die Materialausgabe zu übernehmen. In Anbetracht der immer näher rückenden Front hatte sich der Leiter des Materiallagers ebenso wie etliche andere Angehörige der Stettiner Stammbelegschaft nach Stettin abgesetzt, und manche Plätze an den Arbeitstischen waren jetzt leer, auch Uschi Hank erschien nicht mehr. Für meine neue Aufgabe bekam ich das Lager nur einmal flüchtig gezeigt und wurde angewiesen, über die ausgegebenen Teile genau Buch zu führen. Da ich mich mit der mir anvertrauten Materie überhaupt nicht auskannte, konnte ich den Arbeitern nur selten die richtigen Teile heraussuchen und überließ es schließlich ihnen, sich selbst zu bedienen. "Ich hol' mir das selbst, Kindchen!" war der häufigste Satz, den ich in diesen Tagen hörte. Heute kann ich nur noch schwer verstehen, warum das bei mir so große Ängste auslöste und mich nicht mehr ruhig schlafen ließ, denn ich dachte damals fortwährend an meine nachlässige Buchführung und an meine Verantwortung für den stetig schwindenden Lagerbestand, so daß ich mich bereits wegen Sabotage vor dem Kriegsgericht sah und meine Verzweiflung schließlich in dem Gedanken gipfelte: "Hoffentlich kommen die Russen, bevor man hier meine Fehler entdeckt!"


Kriegsende 1945

Mein Vater
Nun kam das Jahr 1945 und damit der Abschied von meinem Vater. In seinen letzten Lebensmonaten, als er aufgrund des deutschen Rückzuges bereits in Pommern stationiert war (bis Anfang 1945 in Köslin, danach in Hammerstein bei Neustettin), schrieb er zahlreiche Briefe an uns, berichtete von seinem Befinden und schilderte die Lage seiner Einheit. Wir hielten uns zu jener unsicheren Zeit an seine Bitte, uns nicht in den Strom der Flüchtlinge einzureihen. Ich selbst war seit Ende 1944 kriegsverpflichtet bei einer aus Stettin ausgelagerten Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen der Firma Siemens in der Zimmerstraße in Belgard. Dort suchte mich mein Vater noch am Vormittag des 3. März 1945 auf und verabschiedete sich von mir. Er war bereits am Tag zuvor, kurz vor dem Einmarsch der Russen in Belgard also, für uns alle überraschend gemeinsam mit einem Fahrer auf dem Motorrad nachmittags nach Belgard gekommen, um sich beim Stadtkommandanten einen Marschbefehl zu holen. Hier traf er einen ehemaligen Kunden, den Gutsbesitzer Major Lobeck, der ihm den Rat gab: "Schlagen Sie sich mit ihrer Einheit in Richtung Kolberg durch!" Denn mein Vater lag mit einer von ihm geführten Gruppe versprengter Wehrmachtsangehöriger und Zivilisten, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, bei Battin im Kreis Belgard in der Nähe der Front. Er blieb in dieser Nacht bei uns in Belgard und wollte am nächsten Morgen zu seiner Einheit zurückkehren. Er schilderte uns das Elend der Flüchtlinge auf den Straßen des Kreises und bat uns, in Belgard zu bleiben, für eine Flucht sei es zu spät. Wir sahen ihn damals zum letzten Mal, er wurde, wie wir jedoch erst Anfang der fünfziger Jahre erfuhren, mit seinen Kameraden zwei Tage später auf dem Weg nach Kolberg von den Russen bei Degow überrollt und am 6. März 1945 auf dem Marsch in die Kriegsgefangenschaft von einem russischen Bewacher erschossen. Als sich mein Vater am 3. März auf meiner Arbeitsstelle in der Zimmerstraße von mir verabschiedete, sagte er dem Sinn nach: "Jetzt mußt Du für die anderen sorgen. Hilf Mutti, sie ist ganz verzweifelt. Geht nicht auf die Flucht, es ist alles viel zu spät. - Wenn wir am Leben bleiben, treffen wir uns in Halle bei Else Gerboth!" (einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß verwandt waren). Er berichtete noch, daß er auf dem Wege zur Zimmerstraße einen Soldaten beobachtet hatte, der vor einem Bäckerladen einem Kind ein Brot wegriß. Sein Kommentar dazu: "Soweit ist es nun schon gekommen!" Dies sind die letzten Erinnerungen an meinen Vater, und noch Jahre später konnte ich mir trotz all der gegenteiligen Indizien nicht vorstellen, daß er nie mehr wiederkommen würde....

Meine Mutter
Als ich an diesem Sonnabend aus der Werkstatt in der Zimmerstraße nach Hause kam, lag ein riesiger Schweineschinken auf dem Küchentisch, den uns ein entfernter Verwandter (Willi Richter, Sattlermeister und Feuerwehrhauptmann aus Groß Tychow, der mit meinem Großvater Johannes Alverdes in den zwanziger und dreißiger Jahren gemeinsam zum Angeln fuhr) überlassen hatte, weil er sich mit seiner Familie im Auto nach Kolberg an die Ostsee durchschlagen wollte - sie kamen tatsächlich noch bis nach Kolberg durch und mit einem Schiff nach Westen fort. Meine kranke Großmutter Elfriede Alverdes gab mir Anweisungen zum Zerlegen des Schinkens und als ich gerade beide Hände so richtig im Fett hatte, hörten wir gegen 18 Uhr die Sirene, was "Räumungsbefehl" bedeutete. Noch am Morgen hatte meine Mutter mit dem Belgarder Ortsgruppenleiter Pascheke gesprochen, der seit der kriegsbedingten Schließung unseres Kolonialwarengeschäftes in den Bierstuben unseres Hauses sein Büro hatte; dieser hatte noch einmal streng darauf hingewiesen, daß eine Flucht Verrat sei, und daß es für uns in anderen Teilen des Reiches sehr schwierig werden würde, wenn wir ohne Räumungsbefehl die Stadt verließen. Er selbst war natürlich bald darauf verschwunden. Meine Mutter wurde durch das Heulen der Sirenen von ihrem Vorhaben, die weiteren Ereignisse in unserem Haus in Belgard abzuwarten, abgebracht; schnell wurde ein Handwagen mit den bereits vorbereiteten Rucksäcken und einem Bettsack beladen, meine halbgelähmte Großmutter daraufgesetzt, und unsere Familie (Mutter, Großmutter, meine Schwester Anneliese und ich) setzte sich in Richtung Bahnhof in Bewegung. Allerdings kamen wir nur bis zum Markt. Durch die Berichte der uns entgegenkommenden Menschen, die bereits am Bahnhof gewesen waren, wurde uns klar, daß es für eine Flucht zu spät war; der letzte Zug war bereits hoffnungslos überfüllt und ein weiterer sollte nicht mehr fahren. So kehrten wir schon nach 100 Metern wieder um und in unsere Wohnung zurück. Wie wir den Sonntag verbrachten, an dem wir steten Geschützlärm hörten, erinnere ich mich nicht mehr. Wir suchten tagsüber jedoch mehrfach unseren Luftschutzkeller auf und blieben seit dem Abend des Sonntags gemeinsam mit etwa 100 Personen aus der Nachbarschaft in unserem großen, als Luftschutzraum ausgebauten ehemaligen Bierkeller unseres früheren Mieters Ernst Hardt, einem Vertreter der Brauerei Kohlstock. Im Laufe des späten Abends und der frühen Nacht war ich noch mehrmals an der Haustür, wobei ich in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag einen Soldaten traf, der dort Deckung suchte. Aus seiner Bemerkung "Wir ziehen uns zurück" zu schließen konnten die Russen nicht mehr weit sein. Tatsächlich erreichten die russischen Truppen wohl bereits am Sonntagnachmittag den Stadtrand von Belgard. Die Luftschutzwartin berichtete von Gewehrfeuer in den Straßen und am Montag morgen (5. März 1945) wagte ich mich mit "Goldelse" (Else Müller, Tochter eines Goldschmiedes), einer älteren alleinstehenden Nachbarin aus der Marienstraße 6, auf unseren Boden und sah aus der Dachluke zu meinem Entsetzen direkt vor unserem Haus einen russischen Panzer stehen.

Nach und nach verließen die Menschen unseren Keller und suchten vorsichtig ihre Wohnungen auf. Allerdings sahen wir auch Leute aus der benachbarten Mauerstraße, die den vorbeifahrenden Russen zuwinkten. In unserer Wohnung nahmen wir zwei Damen, Klavierlehrerinnen aus Körlin, und Else Müller, die Nachbarin aus der Marienstraße, auf; wir rückten so eng zusammen wie es nur ging und fühlten uns dadurch etwas sicherer. Im Laufe des Tages kam dann der erste Russe in unsere Wohnung, begleitet von einem etwa zwölfjährigen Ukrainerjungen, der als Dolmetscher fungierte. Er wollte ein "Stilett". Meine Mutter war verzweifelt, weil sie zunächst nicht wußte, was er damit meinte und ihr der Ehrendolch von meines Vaters Ausgehuniform erst sehr spät einfiel. So erleichterte er uns zunächst um unsere "Uhri" und zog dann schließlich mit Uhren und Dolch ab. Ich muß zugeben, daß wir zu dieser Zeit noch nicht an Vergewaltigungen o.ä. dachten, vielleicht auch deshalb, weil sich dieser erste Russe recht zivil benahm. Allerdings hatten wir in der Nacht zuvor, als wir im Keller saßen, schon einmal Todesängste auszustehen, als eine Panik ausbrach nachdem die Luftschutzwartin hysterisch berichtete, daß die Russen vom Hintereingang in der Mauerstraße mit Flammenwerfern in unseren Keller eindringen wollten. Daß wir von den hinausdrängenden Menschen nicht an der nach innen zu öffnenden Stahltür, die auf unseren Hof hinaus führte und vor der wir selbst saßen, erdrückt wurden, ist nur meiner Patentante Ilse Schwedersky zu verdanken, die sehr resolut die panischen Kellerinsassen beruhigte.

Die weiteren Stunden des 5. März 1945 verbrachten wir in großer Angst mit Warten auf die Dinge, die da kommen würden, besonders beunruhigt durch die unheimlichen Geräusche aus dem Ortsgruppenbüro der NSDAP, welches seit der kriegsbedingten Schließung unseres Geschäftes Ende 1940 in den Bierstuben im Erdgeschoß unseres Hauses Marienstraße 15/16 eingerichtet war. Nachdem der zu uns in den ersten Stock herauftönende Lärm etwas nachgelassen hatte, wagte sich meine Mutter dann doch ein paar Schritte aus unserer Wohnung in den Hausflur und warf einen raschen Blick vom oberen Treppenabsatz ins Erdgeschoß, wo sie zu ihrem grenzenlosen Entsetzen ein schnurähnliches Gebilde sah, das aus der halbgeöffneten Tür des Parteibüros herausschaute. In ihrer Angst hielt sie es für eine Zündschnur und eilte mit dem Ausruf "Wir müssen hier alle sofort raus, die Russen wollen unser Haus in die Luft sprengen!" zu uns in die Wohnung zurück. Als dann auch noch das Wort "Höllenmaschine" fiel, rannten wir alle panisch die hintere Holztreppe zum Hof hinunter - meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, die sich gerade erst wieder etwas von ihrer Krankheit erholt hatte und trotz ihrer Pantoffeln auf der steilen Treppe zum Glück nicht zu Fall kam, meine Schwester Anneliese, unsere Nachbarin Else Müller sowie unsere Mieter, das alte Ehepaar Schulze, das durch den Lärm und unser Rufen aufgeschreckt worden war, und dessen als Bombenflüchtling aus Rastatt evakuierte Tochter mit ihrem Säugling. So liefen wir zunächst in die nahegelegene Torstraße zum Haus Nr. 13, wo wir Tante Ilse Schwedersky von unseren Befürchtungen berichteten. Im Gegensatz zu uns wollte meine Patentante jedoch nicht in der Torstraße bleiben, da es ihr hier nun auch zu unsicher erschien, sie drängte weiter, nachdem sie ihre alte Mutter geholt und sich noch mit einigem Silberzeug bepackt hatte. So landeten wir schließlich in einer Bäckerei, die in der Wilhelmstraße neben der Brücke über die Leitznitz lag. Dort saßen wir dichtgedrängt und völlig ratlos in der Backstube und fragten uns voller Angst, was wohl weiter geschehen werde. Nach einigen Stunden - der Bäcker versorgte uns währenddessen mit Neuigkeiten, die er durch vorsichtiges Hinausschauen aus einem Fenster auf die Wilhelmstraße erspäht hatte, wo immer wieder einzelne Russen vorbeiliefen, die wohl die benachbarten Häuser durchsuchten und plünderten - entschloß sich die Tochter unserer Mieter Schulze, in die Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen, weil sie in der Eile nichts für die Versorgung ihres Säuglings mitgenommen hatte. Else Müller und der alte Schmiedemeister Otto Lichtfuß aus der Torstraße 4, der sich mittlerweile auch in der Backstube eingefunden hatte, begleiteten sie, ihre Eltern folgten ihr kurz darauf. Wir übrigen kehrten nach einiger Zeit in das Haus meiner Patentante in der Torstraße 13 zurück, wo sich in der Wohnung von Schwederskys etwa ein Dutzend Menschen in zweieinhalb Zimmern zusammendrängten: meine Mutter, meine Großmutter Elfriede, meine Schwester Anneliese und ich, Tante Ilse Schwedersky, die alte Frau Schwedersky, Else Müller, Trude Priebe, Elli Neitzke und noch einige weitere Personen aus der Nachbarschaft. In dieser etwas größeren Gruppe fühlten wir uns alle ein wenig sicherer. Doch die Verpflegung für so viele Menschen zu besorgen gestaltete sich sehr schwierig. Selbst die alte Frau Schwedersky beteiligte sich an der Suche nach Nahrung, denn die jüngeren Frauen konnten sich, nachdem was wir mittlerweile von anderen gehört hatten, kaum mehr auf die Straße wagen. So ging sie gemeinsam mit Else Müller und weiteren Frauen, die sich mit alten Kleidungsstücken, Kopftüchern und geschwärzten Gesichtern entsprechend zurechtgemacht hatten, etwa zum Schlachthof an der Polziner Straße, wo sie ab und zu Knochen und Schlachtabfälle bekamen. In unsere Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen wagten wir damals noch nicht, die Gefahr den plündernden Russen im Ortsgruppenbüro im Erdgeschoß zu begegnen war doch zu groß. So faßte meine Mutter den Entschluß, sich bei Zahnarzt Dr. Lothar Rudolph in der Bahnhofstraße 4, der von den Russen als vorläufiger Bürgermeister eingesetzt war, einen Rat zu holen. Mit welchen Ängsten sie sich damals durch die ganze Stadt bis in die Bahnhofstraße geschlichen hat und ob sie dabei von jemand begleitet wurde, erinnere ich heute nicht mehr. Nach ihrer Rückkehr berichtete sie uns, daß Dr. Rudolph ihr geraten hatte, unser Haus für einige Wochen zu meiden, da das Schild der Ortsgruppe neben der Haustür auch weiterhin eine Gefahr für alle Bewohner bedeuten konnte. Sie erzählte uns auch Erstaunliches, das sie dort ganz nebenbei gesehen hatte: Während sie auf Dr. Rudolph wartete, konnte sie durch eine halbgeöffnete Tür in ein elegantes Schlafzimmer blicken, in dem eine alte Dame im spitzenbesetzten Nachthemd von einer Bediensteten umsorgt wurde. In Anbetracht unserer eigenen Lage erschien meiner Mutter dieses Szenario äußerst unwirklich, wenn nicht sogar absurd, wie ein Ausschnitt aus einem Film im tiefsten Frieden. Später erfuhren wir, daß die alte Dame zur Familie des bekannten Düsseldorfer Bankhauses Trinkaus gehörte und aufgrund der Bombenangriffe im Rheinland bei Rudolphs einquartiert war (sie soll jedoch bald darauf mit einem Transport des Roten Kreuzes Belgard in Richtung Westen verlassen haben).

Nach ungefähr zwei Wochen kehrten wir in unser Haus zurück, wo die mittlerweile geplünderte Wohnung unbeschreiblich aussah. Besonders betrüblich war für uns, daß auch unsere aufgesparten Vorräte von den Russen gefunden und sinnlos vernichtet worden waren; so klebte etwa der Honig vermengt mit Haferflocken an den Teppichen. Meine Mutter hatte nun alle Hände voll mit dem Aufräumen zu tun, unterstützt lediglich von Else Müller aus unserer Straße. Meine noch nicht völlig genesene Großmutter konnte dabei nicht helfen; und unsere frühere Hausgehilfin und gute Seele Ilse Kruggel war bereits Mitte 1944 in ihren Heimatort Naffin zurückgekehrt. Es muß nach Ablauf von zwei weiteren Wochen gewesen sein, als Dr. Beilfuß, ein Schulfreund meines Vaters, mit meiner Freundin Marli bei uns erschien, mich abholte und uns - Marli und ich in Rotkreuz-Uniform - zum Krankenhaus begleitete (wo ich im Juni 1941 am Blinddarm operiert worden war und in meinem Krankenzimmer im Radio vom Angriff auf die Sowjetunion hörte). Dort sollte man als Frau sicherer sein. Als DRK-Schwester wurde Marli sogleich zum Pflegedienst herangezogen, während ich als "ungelernte Kraft" ab und zu in der Küche helfen durfte. Es waren viele Mädchen dort, mehr als gebraucht wurden. Nach einiger Zeit wurde uns nahegelegt, das Krankenhaus wieder zu verlassen, weil es keine Lebensmittelzuteilung für so viele unnütze Esser gab. Anschließend mußte ich gemeinsam mit anderen zur Arbeit verpflichteten deutschen Frauen im ehemaligen Proviantamt an der Polziner Straße für die Russen Eisenbahnwaggons mit Vorräten aus den Verpflegungslagern der Wehrmacht beladen. Uns blutete das Herz, wenn wir an die Not der Familien und Freunde dachten und wir klauten, wo wir nur konnten (wobei ich selbst das Glück hatte, nie kontrolliert zu werden). In diesen ersten Wochen nach der Einnahme Belgards mußten sich die Deutschen täglich frühmorgens zum Arbeitseinsatz auf dem Marktplatz melden, und nicht nur meine Mutter mußte in dieser Zeit oft unter grausamen Bedingungen arbeiten, so z.B. die Uniformen und die Unterwäsche der gefallenen deutschen Soldaten im kalten Wasser der Leitznitz waschen. All das war zuviel für sie, sie war entsetzlich verängstigt und hatte nun nicht mehr nur ergrautes, sondern vollkommen weißes Haar. Dazu kam die große Angst und Sorge um meinen Vater, von dem wir immer noch keine Nachricht hatten.*


Belgard 1945/46

Als dann die auswärtigen Arbeitsverpflichtungen für meine Mutter zu Ende gingen, weil in unser Haus Marienstraße 15/16 Polen einzogen, die unser Geschäft und unsere Wohnung bis auf ein großes Zimmer übernahmen und meine Mutter quasi als Haushälterin anstellten, war ihre Angst nicht mehr so furchtbar. Zudem war die aus dem Raum Posen bzw. dem Wartheland gekommene Familie Behrend / Sabrotzki zum Teil deutschstämmig. Zur Familie gehörten Frau Sabrotzki und ihr polnischer Ehemann, ihr Bruder Herr Behrend und ihre Tochter Jadwiga Katz mit einem kleinen Kind. Bis auf Herrn Sabrotzki sprachen alle deutsch. Die Eltern von Frau Sabrotzki (sie mag vielleicht zehn Jahre jünger als meine Mutter gewesen sein) hatten beim Volksentscheid 1918 wohl für Polen optiert, sie selbst hatte den Polen Sabrotzki geheiratet und nun die Chance gesehen, als polnische Staatsangehörige in Belgard ein Geschäft zu übernehmen. Tochter Jadwiga war mit einem Deutschen verheiratet, der gegen Ende des Jahres 1945 aus der Kriegsgefangenschaft in Norwegen zurückkehrte und zunächst von der Außenwelt abgeschirmt wurde, um nicht gleich als Deutscher aufzufallen und erst einmal in der Familie polnisch zu lernen. Meine Mutter arrangierte sich mit den Polen und akzeptierte ihre neue Situation, die aber insgesamt doch sehr demütigend und unsicher blieb. Ende April 1945 bekamen wir Post von der polnischen Verwaltung, die mittlerweile die Stadt übernommen hatte. Es war die Aufforderung an mich, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Rathaus zu erscheinen. Meine Familie war entsetzt und befürchtete, daß ich zu einem Arbeitseinsatz nach Polen abkommandiert werde. Meine Schwester wurde mit Decken und Wegzehrung zum Markt geschickt, um zu beobachten, ob ich einen Lastwagen zum Abtransport besteigen müsse. Stattdessen bekam ich eine Stelle als Hilfskraft bei Janek Klimkiewicz, der die Sattler- und Polsterwerkstatt der Firma Asmus in der Kämpenstraße übernommen hatte. Auf diese Weise verfügte ich über eine Arbeitsbescheinigung und durfte nun hoffen, in Zukunft unbehelligt von Arbeitseinsätzen wie am Proviantamt oder beim Kiesharken am russischen Ehrenmal in der Körliner Straße zu bleiben.

Die Arbeit in der polnischen Sattlerei war erträglich, der Chef ebenfalls. Ab und zu ließ er seine Wut über die Familie Söhnert heraus, wo er während des Krieges hatte arbeiten müssen, besonders die Töchter haßte er zutiefst. Von ihm hörte ich zum ersten Mal von den Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Er erzählte auch von den Beschlüssen von Potsdam und der Abtrennung der deutschen Ostgebiete, was wir jedoch damals noch nicht glauben mochten, und überprüfen konnten wir seine Angaben nicht, denn es gab keine deutschen Zeitungen und unser Radio hatten wir wie alle Deutschen bereits zuvor bei den Russen abgeben müssen. Bei Klimkiewicz arbeitete ich mit mehreren jüngeren und zwei älteren deutschen Frauen sowie zwei älteren deutschen Männern zusammen, die vorher als Zivilangestellte in der Alten Kaserne an der Körliner Straße beschäftigt waren. Herr Schäfer, ein netter älterer Sattlermeister, fungierte in der Kämpenstraße als Zuschneider, geschätzter Fachmann und väterlicher Freund der hier arbeitenden Frauen; sein Kollege, an dessen Namen ich mich heute nicht mehr erinnere, saß wie wir Frauen an einem "Sattlerpferd" und bekam aufgrund seiner Erfahrung die schwierigeren Näharbeiten zugeteilt. Zur Gruppe der Frauen gehörte auch eine Büroangestellte aus der zuvor genannten Kaserne, die uns schon seit langem bekannt war, weil sie Mieterin im Hause von Tante Ilse Schwedersky in der Torstraße 13 war. Sie holte mich morgens für den Weg durch die Stadt ab; und meine Mutter war stets beruhigt, wenn ich zusammen mit Fräulein Rudnick zur Arbeit ging, obwohl mir diese auch nicht hätte helfen können, falls ein russisches Kommando wieder Deutsche für einen Arbeitseinsatz aufgreifen sollte. So schlichen wir uns dann auf immer wechselnden Umwegen durch die Stadt in Richtung Kämpenstraße.

Zu meinen Kolleginnen in der Sattlerei gehörten damals noch Ursula Müller und Ursula Wrase, und hier traf ich auch Anneliese Scholz aus der Lindenstraße wieder. Sie hatte mit mir einige Jahre das Lyzeum besucht und die Oberschule schon früher verlassen; Ursula Müller kannte ich aus der Volksschule, wo wir vier Jahre gemeinsam in einer Klasse waren, und Ursula Wrase, ein etwas jüngeres Mädchen, kam ebenfalls aus unserer Stadt. Ursula Müller wurde bald zur Gefährtin unseres Chefs und führte ihm dann auch den Haushalt in der neben der Werkstatt gelegenen Wohnung. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft von Iwan, einem russischen Soldaten, der zur russischen Militärpolizei gehörte und ständiger Besucher bei unserem Chef war; er vermittelte ihm Aufträge beispielsweise von russischen Offizieren, die dann Pistolen- oder Kartentaschen in der Sattlerei anfertigen ließen. Wir Frauen nähten dabei die Zuschnitte von Herrn Schäfer zusammen, Fräulein Rudnick versah sie mit den verschiedenen Ziernähten. Iwan bekam von Klimkiewicz für die Vermittlung der Kunden großzügig Kartoffelschnaps und war so nicht selten völlig betrunken. Als er wieder einmal im Vollrausch eingeschlafen war, nutzte Ursel Müller die günstige Situation und versteckte zum Spaß sein Gewehr, das der Russe zuvor neben dem Bett von Klimkiewicz, in dem er wie so oft seinen Rausch ausschlief, abgestellt hatte. Nach dem Erwachen glich sein Verhalten einem Vulkanausbruch, der uns alle um unser Leben fürchten ließ. Er tobte durch die Werkstatt und wollte zuerst unseren Chef und dann uns alle umbringen, so daß Ursel die Waffe ganz schnell wieder auftauchen ließ. Nur mit einer großen Flasche Kartoffelschnaps gelang es schließlich, ihn etwas zu besänftigen. Iwan konnte sich aber auch von einer ganz anderen Seite zeigen, wenn er einmal nicht betrunken war. So hatte er sich in Anneliese Scholz verliebt und machte ihr mit einem Geschenk einen Antrag. Als sie jedoch sowohl sein Geschenk als auch seinen Ansinnen ablehnte, wurde er ausgesprochen aggressiv, und auch die Besänftigungsversuche von Klimkiewicz halfen nun nicht mehr viel. Anneliese hatte von diesem Zeitpunkt an nur noch bei der Arbeit in der Werkstatt vor ihm Ruhe und mußte auf dem Heimweg oft die verschiedensten Tricks anwenden, um sich seinen Nachstellungen zu entziehen (ihre genaue Adresse war ihm damals glücklicherweise nicht bekannt).

Ursula Wrase und Eduard Kußmaul
nach einem Ritt auf Eduards Pony
in Gärtner Priebes Garten [v. li.]
Ursula Wrase, ein weiteres Mädchen aus Belgard, hatte ebenfalls Beschäftigung in der Sattlerei gefunden. Sie wohnte mit ihren Eltern in einer Seitenstraße der Wilhelmstraße, in dieser Gegend der Stadt war auch Familie Kußmaul untergekommen, die bereits 1944 mit Pferd und Wagen aus Wolhynien kam und ein Pony sowie ein Pferd mitgebracht hatte. Der schwere Kaltblüter war in der Sattlerei untergestellt, wo er von Klimkiewicz beim Gerben des Rindleders gut gebraucht werden konnte und dort beim Walken der Häute an einem Göpel im Kreise ging. Ursel Wrase kam morgens gemeinsam mit Herrn Kußmaul und seinem etwa 15 bis 16 Jahre alten Sohn Eduard zur Arbeit, wobei diese tagsüber mit den verschiedensten Aufgaben auf dem Hof betraut waren. In unseren Arbeitspausen bestiegen Ursel, Eduard und ich manchmal abwechselnd den breiten Rücken des Pferdes und ritten, während das Tier den schweren Göpel bewegte, einige Runden mit, wurden jedoch vom Chef meistens wieder schnell heruntergeholt. Dieser hatte anfangs einen Landsmann aus Ostpolen als Helfer angeheuert, der kein Wort deutsch sprach, immer eine Pelzmütze trug und über einen ungewöhnlich großen Appetit verfügte. Bevor Ursel Müller die Herrschaft über die Küche des Chefs übernommen hatte, wurde ich einige Male dazu ausersehen, für diesen Helfer zu kochen. Die Vorräte in der Küche beschränkten sich auf ein großes Stück Rindfleisch, Schmalz und Kartoffeln, wobei es mir mit dem hieraus zubereiteten "Gulasch" jedoch nicht gelang, den Hungrigen zufriedenzustellen und er sich darauf bei Klimkiewicz beschwerte, daß er nicht satt würde. "Mehr Kartoffeln, Lora!" rief mir darauf der Chef zu und so steigerte ich die Portion schließlich auf etwa zwei Kilogramm - was er dann auch tatsächlich alles verdrückte! Diese erste polnische Hilfskraft wurde aber schnell wieder nach Hause geschickt und Klimkiewicz ließ darauf Leo, einen Freund, kommen. Er sollte während seiner Abwesenheit auf uns und das Material aufpassen und gleichzeitig etwas herausgefüttert werden. Leo war ein etwa 25 Jahre alter kränklicher junger Mann (vielleicht hatte er TBC) und sehr umgänglich. Dabei wurde er für uns von einem Aufpasser allmählich fast zu einem Freund. Seine Deutschkenntnisse waren ziemlich gut, so daß wir ihn sowohl über das Geschehen während des Krieges in Polen als auch über die politische Lage der Gegenwart befragen konnten. Er erschien uns auch erheblich glaubwürdiger als Klimkiewicz, und so geriet unser Glaube an eine deutsche Zukunft für unsere Heimat Pommern erstmals etwas ins Wanken.

Unser Wochenlohn, der jeweils am Sonnabend bei Arbeitsschluß ausgezahlt wurde, betrug lediglich 45 Zloty, dazu kamen gelegentlich Naturalien, etwa Butter (die unser Chef von Bauern aus dem Umland für von ihm gelieferte Pferdegeschirre bekommen hatte), oder Kartoffelschnaps, der aus den verschiedensten Quellen stammen konnte, und ab und zu etwas Zucker, welcher damals ausgesprochen knapp war. Nach der Auszahlung des Lohnes gab es dann vom Chef Schnaps und Brot, so daß wir vor dem Heimweg immer einige Gläser im Stehen leerten. Einmal erhielten wir auch jeweils ein halbes Ferkel zugeteilt. Die Tiere waren wohl schon vor längerer Zeit geschlachtet worden und hatten bereits eine bedenklich grüne Farbe angenommen, so daß die meisten von uns das Fleisch überhaupt nicht mit nach Hause nahmen und Fräulein Rudnick und ich auf dem Heimweg an einem Weg an der Leitznitz etliche dieser halben Ferkel im Gebüsch liegen sahen. Ich aber nahm auf Anweisung meiner Großmutter grundsätzlich alles Eßbare - also auch das Ferkel - mit nach Hause, wo wir zu dieser Zeit auch noch zwei Klavierlehrerinnen aus Körlin bei uns in der Wohnung aufgenommen hatten. Sie waren auf ihrer Flucht im März 1945 in Belgard gestrandet, hatten keine Arbeit und verfügten somit auch nicht über Geld, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Meine Mutter und Großmutter konnten deren Bedarf nicht decken, denn auch wir bekamen von den bei uns wohnenden Polen nur einen geringen Teil des Essens ab, das meine Mutter für die polnische Familie zubereiten mußte. So wurden das von mir mitgebrachte Ferkel dann von den beiden alten Frauen, die erst nach einigen Wochen wieder nach Körlin zurückkehren konnten, ohne weitere Folgen für ihre Gesundheit verzehrt.

Da meine ehemaligen Klassenkameradinnen fast alle aus den nun aufgelösten Reichsarbeitsdienstlagern, in denen sie in Hinterpommern während ihrer Dienstverpflichtung nach dem Abitur untergebracht waren, vor den heranrückenden Russen nach Westen geflüchtet waren, hatte ich während der Zeit von Anfang März 1945 bis zu unserer Vertreibung aus Belgard im Januar 1946 außer zu Marie-Luise Beilfuß, die mich in den ersten Märzwochen mit ins Krankenhaus nahm, nur noch einmal im Sommer 1945 Kontakt zu Magdalene Nest, die damals bei einem Polen in einer Gärtnerei arbeitete. Meine Mitschülerin Barbara Dumjahn war mit Mutter und Geschwistern nach ihrer Flucht, welche die Familie nach Mecklenburg führte und der anschließenden Rückkehr nach Hinterpommern, in Naffin bei Belgard gelandet, denn der Versuch, wieder in ihrem eigenen Haus in der Kleiststraße in Belgard unterzukommen, war aufgrund der dort mittlerweile lebenden Polen gescheitert. So arbeitete Bärbel bei den Russen auf dem Gut der Familie Wilde in Naffin, ohne daß ich von ihr wußte. Ihre Mutter Frau Dumjahn kam im Sommer 1945 mit der kleinen Tochter Gunhild an der einen und einer Kanne Milch für uns in der anderen Hand zu Fuß zu uns in die Marienstraße gelaufen. Meine Mutter weinte vor Rührung, als sie mir abends nach der Arbeit davon berichtete. Bärbel hat mir viel später bei einem Klassentreffen in den achtziger Jahren erzählt, daß meine Mutter damals Frau Dumjahn ein Sommerkleid von mir für Bärbel mitgab, als sie hörte, daß Bärbel nach der Flucht nur noch ein einziges Kleid besaß.

Da mein Verdienst bei Janek Klimkiewicz nur 45 Zloty pro Woche betrug und damit gerade ausreichte, um in der Bäckerei drei "Schweinsohren" zu kaufen, wurde unser Lebensunterhalt währenddessen von meiner Mutter verdient, indem sie für die Polen in unserem Haus die Wirtschaft führte. Besonders die Feiern der Familie Sabrotzki waren uns ein Greuel, nach denen am Morgen die abgenagten Knochen unter dem Tisch lagen und der Hund über die Tasten des Klaviers laufen durfte. Aus dieser Zeit habe ich nur wenige Erinnerungen an das häusliche Leben mit meiner Familie, da ich den ganzen Tag über in der polnischen Sattlerei in der Kämpenstraße beschäftigt war. Ich weiß aber sicher, daß meine Mutter das gesamte Jahr 1945 das Haus nicht verließ. So erledigte meine Großmutter Elfriede, deren Gelenkrheumatismus sich wieder etwas gebessert hatte, oft von meiner Schwester Anneliese begleitet alle äußeren Angelegenheiten, mochte es sich um Einkäufe, Behördengänge oder um den Verkauf von Wertgegenständen handeln, denn wir mußten nach und nach unser Silberzeug und andere versteckte Wertsachen verkaufen. Dabei wandte sich meine Großmutter an eines der zahlreichen polnischen An- und Verkaufgeschäfte, die sich mittlerweile in unserer Stadt ausgebreitet hatten, so auch an der Südost-Seite des Marktplatzes in einem ehemaligen Korsettgeschäft bzw. im Laden eines deutschen Uhrmachers. Anneliese besorgte das Holen der Suppe von dem in der Familie Sabrotzki verkehrenden Russen Mischa, der in unserer nun vom russischen Militär belegten Oberschule als Koch und Zahlmeister sein Refugium hatte.


Vertreibung 1946

So verging das Jahr 1945 für uns in Ungewißheit. Der Glaube meiner Mutter an eine Änderung der Verhältnisse, ihre Hoffnung, daß Pommern wieder deutsch werden würde, war damals unerschütterlich. Sie wollte aus diesem Grunde Belgard nicht verlassen, sondern weiter beobachten, was mit unserem Haus geschehen würde, obgleich man damals vielleicht noch wie manch anderer durch die Kirche oder das Rote Kreuz in einem Transport nach Westen hätte fortkommen können. "Ich muß das Haus für Pappi erhalten!" sagte sie in dieser Zeit oft. Als dann im Januar 1946 die Vertreibung aus Belgard weder durch meine Arbeitsbescheinigung der Sattlerei in der Kämpenstraße noch durch das Reden von Frau Sabrotzki verhindert werden konnte, war unsere Trauer und Bestürzung grenzenlos. Am 21. Januar 1946 gegen 19 Uhr kam die polnische Miliz in unsere Wohnung und verlangte, daß wir in einer Viertelstunde "zur Ausreise" fertig sein müßten. Dem alten Ehepaar Schulze, den letzten Mietern in unserem Haus, dessen Tochter schon 1945 - vermutlich mit einem Transport des Roten Kreuzes - mit ihrem Kleinkind nach Rastatt zurückgekehrt war, erging es ebenso. Rucksäcke und Bettzeug hatten auch wir für diesen Fall bereits lange vorher gepackt, denn schon im Jahr zuvor waren in unserer Stadt immer wieder Deutsche von den Polen abgeholt und mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Die Miliz überwachte uns, während wir uns warm anzogen und noch schnell einige weitere Dinge zusammensuchten. Dabei verfolgte mich ein Pole bis in mein Zimmer unter dem Dach und beobachtete mich in meinem Mansardenstübchen selbst noch beim Umziehen. Dann wurde unser Handwagen mit den wenigen Habseligkeiten beladen, und wir vier Frauen - meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, meine jüngere Schwester Anneliese und ich - mußten mit weiteren Deutschen aus unserem Viertel unter Bewachung den Weg in die Pankniner Straße antreten, wo wir in einen Keller des großen Mietshauses neben der katholischen Kirche geführt wurden, in dem bereits dichtgedrängt zahlreiche Menschen saßen - ausschließlich Frauen, Kinder und alte Männer. Nach langem, quälenden Warten ging plötzlich das Licht aus, wir erschraken alle heftig und mußten nun im Dunkeln ausharren, bis wir schließlich nach und nach in kleinen Gruppen in einen danebenliegenden Kellerraum kommandiert wurden, wo ein Pole an einem Schreibtisch saß und zwei weitere Männer die Leibesvisitationen durchführten (denn wir hätten ja polnisches Staatseigentum mitnehmen können!). Bei der Durchsuchung nahmen sie uns nahezu den gesamten, in unserer Kleidung eingenähten Schmuck und fast all unser verstecktes Geld ab, das wir für den Verkauf unseres Silberzeuges in den bereits kurz nach Kriegsende in Belgard wie Pilze aus dem Boden geschossenen polnischen Ankaufsläden bekommen hatten. Nur einige Scheine, die meine Mutter im Leibchen meiner Schwester eingenäht hatte, konnten wir als Notgroschen über diese erste Ausplünderung retten. In der Zwischenzeit waren unsere Rucksäcke, die wir im Nebenraum hatten zurücklassen müssen, von den Polen ebenfalls durchsucht und geplündert worden, und sogar unsere Bettsäcke hatte man uns weggenommen. Anneliese trauerte um ihre Lieblingspuppe "Bärbelchen" von Schildkröt, die ihr aus ihrem kleinen Rucksack gestohlen worden war, und selbst meiner rheumakranken Großmutter hatte man trotz flehentlicher Bitten ihren pelzgefütterten Mantel ausgezogen. Sie überlebte die tagelange Fahrt in der Januarkälte im ungeheizten Viehwaggon nur, weil ich ihr mit meinem zweiten Mantel helfen konnte, den ich über meinen Rucksack gebunden hatte. Dann mußten wir die Nacht auf den Bänken des Kellerraumes verbringen, in dem wir bereits zuvor gewartet hatten, und wo wir nun mit zahlreichen Leidensgenossen unseres weiteren Schicksals harrten. Am nächsten Morgen trieb uns die polnische Miliz in einem langen Zug durch die Luisenstraße und Bahnhofstraße in Richtung Bahnhof, wo wir in die Viehwaggons eines bereitstehenden Zuges einsteigen mußten. Die zugigen, ausgekühlten Wagen verfügten über keinerlei Sitzgelegenheiten und waren nur mit einem Eimer zur Verrichtung der Notdurft versehen, und nicht einmal Stroh zum Schutz gegen die größte Kälte war uns hier von den Polen zugestanden worden. Was allein schon das für die vielen alten Leute wie etwa meine Großmutter bedeutete, sich auf dem eiskalten Wagenboden niederzulassen und dort unabsehbare Zeit sitzen zu müssen, das kann ich erst heute als alte Frau ermessen. Wohl dem, der einen Sitzplatz an einer Wand oder in einer Ecke fand, denn er konnte sich wenigsten anlehnen, die übrigen mußten die mehrtägige Fahrt dichtgedrängt auf dem Boden kauernd zubringen. An Schlaf war dabei nicht zu denken - nicht nur aufgrund der Enge und der bitteren Kälte, sondern vor allem weil uns die Angst vor weiteren Übergriffen der Polen nicht schlafen ließ und wir uns deshalb auch während der gesamten Fahrt nur flüsternd unterhielten. Als der Zug nach langem Warten endlich abfuhr, begann eine drei Tage dauernde, quälende Odyssee in eisiger Kälte, die durch endloses Halten auf zahlreichen Bahnhöfen und gefährliche Zwischenstops auf freier Strecke zusätzlich erschwert wurde (die Fahrzeit von Belgard bis nach Stettin an die Oder betrug vor dem Kriege weniger als drei Stunden). Während dieses nicht enden wollenden Albtraums erlebten wir nicht nur einmal, daß bei den Zwischenhalts auf freier Strecke Polen in die Waggons eindrangen, um uns die letzten Wertsachen zu rauben. So verloren wir auch noch den Rest des uns nach der Ausplünderung durch die polnische Miliz in Belgard verbliebenen, in unsere Kleidung eingenähten Familienschmuckes. In der Nähe eines größeren Bahnhofes - es könnte Stargard gewesen sein - wurden alle arbeitsfähigen Erwachsenen (ausschließlich Frauen und alte Männer) gezwungen, auszusteigen und sich für einen Arbeitseinsatz bereitzumachen. Als daraufhin Anneliese laut zu schreien anfing - sie befürchtete wohl, daß sie allein zurückbleiben müsse und der Zug ohne ihre Angehörigen weiterfahren würde - gelang es meiner Mutter, im Waggon zurückzubleiben und das Kind zu beruhigen. Dennoch machte meine kleine Schwester auch noch Tage danach einen äußerst verstörten Eindruck. Somit mußte dann nur ich mehrere Stunden gemeinsam mit zahlreichen anderen Belgardern bei der Ausbesserung der Gleisanlagen in der Nähe des Bahnhofes helfen, wo wir Schwellen verlegten und weitere schwere Arbeiten zugeteilt bekamen - dabei immer mit einem angstvollen Blick auf unseren Zug, ob er nicht vielleicht doch ohne uns losfahren und wir auf diese Weise von unseren Familien getrennt würden. So zog sich diese Schreckensfahrt über drei Tage hin, in denen wir in dauernder Anspannung und größter Angst immer wieder um unser Leben fürchten mußten - und dies obwohl seit Kriegsende fast ein Jahr vergangen war und gemäß den Potsdamer Beschlüssen eine Vertreibung der deutschen Bevölkerung nur aus Polen zulässig gewesen wäre, nicht jedoch aus Pommern und den übrigen deutschen Ostgebieten, da diese von den vier Siegermächten lediglich unter polnische Verwaltung gestellt und von den Polen erst mit Hilfe der Sowjetunion annektiert werden konnten:

"Artikel XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung aus Polen 'in ordnungsgemäßer und humaner Weise' erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen war jedoch eine völlig andere. Mit sowjetischer Zustimmung dehnte die polnische Regierung den Begriff 'Polen' dabei auch auf die ihrer Verwaltung unterstellten Oder-Neiße-Gebiete aus. Als die Westmächte Kenntnis von der Vertreibung erhielten, konnten sie eine kurzzeitige Unterbrechung erreichen, hatten aber aufgrund der Haltung der Sowjetunion auch danach keine Möglichkeit, Polen zur Einhaltung der in Potsdam vereinbarten Bestimmungen zu zwingen." [Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung Nr. 267, Bonn 2000, Seite 5-6]

Schließlich erreichten wir kurz hinter Stettin den Bahnhof von Scheune, dem Grenzort zur damaligen sowjetischen Besatzungszone, wo wir dann endlich aufatmen und die eiskalten Viehwaggons der Polen verlassen konnten, um in einem deutschen Personenzug bis Anklam weiterzufahren. Dort saßen wir zunächst im Wartesaal, wo man uns sagte, daß wir entlaust werden und vom Bahnhof aus direkt in ein Notaufnahmelager kommen sollten. Um mir und meiner Familie das Lagerleben zu ersparen und möglichst schnell bei unserer Verwandtschaft unterzukommen, versuchte ich mit Hilfe eines abgelaufenen Studentenausweises von meinem Zahnmedizinstudium in Greifswald während des letzten Kriegsjahres und unter dem Vorwand, daß ich aus dieser Zeit dort noch ein Zimmer habe, für uns eine Fahrkarte in die Universitätsstadt zu lösen - und es gelang mir zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich, das Herz des gutmütigen Schalterbeamten zu erweichen, der uns als gerade erst aus dem Osten eingetroffenen Vertriebenen die Weiterreise eigentlich überhaupt nicht hätte ermöglichen dürfen. So landeten wir nach einer erneuten Bahnfahrt bei der Familie meines Großonkels Ernst Lawin in Greifswald - schwer traumatisiert und dabei einerseits froh, nun endlich den Übergriffen der Polen entkommen und hinter der Oder in Sicherheit zu sein, andererseits jedoch entsetzt über die Verständnislosigkeit unserer jetzt ausgesprochen unfreundlichen Verwandten und ihre Weigerung, uns länger als eine Woche in ihrer doch recht großen Wohnung zu beherbergen (sie hatten hier allerdings bereits Flüchtlinge aus Ostpreußen aufnehmen müssen). Es handelte sich um die Familie des jüngsten Bruders meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich geb. Lawin aus Viverow, pensionierter Konrektor einer Greifswalder Schule, in dessen Haus ich während meines Studiums 1944 gern gesehener Gast war, und für dessen Familie ich von jeder Fahrt nach Hause Butter und andere, im letzten Kriegsjahr rare Lebensmittel aus Hinterpommern mitbrachte. Er konnte sich jedoch gegen seine zweite, erheblich jüngere Frau nicht durchsetzen, die uns samt ihrem etwa zehnjährigen Sohn den Aufenthalt in Greifswald unerträglich machte. So kam zu all den Schikanen der Polen, denen wir in Belgard und während der Vertreibung aus der Heimat ausgesetzt waren und welche meine Mutter und Großmutter naturgemäß viel tiefer verletzten als mich Zwanzigjährige, die Unduldsamkeit der Greifswalder Verwandten, bei denen wir erst einmal Unterschlupf zu finden gehofft hatten. Deshalb siedelten wir bereits Anfang Februar zu Else Gerboth - einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß; verwandt waren - nach Halle an der Saale in die Lutherstraße 74 über, wo wir trotz ihrer bereits übervollen Wohnung herzlich aufgenommen wurden. Nach einigen Wochen bekamen wir in Halle eigenen Wohnraum zur Untermiete bei Fräulein Dr. Körner in einer Altbauwohnung im Haus "Am Kirchtor 28" zugewiesen - zwei Zimmer mit Küchen- und Toilettenbenutzung sowie ein unbenutzbares Badezimmer. Hier waren insbesondere meine Mutter und meine Großmutter froh, wieder einmal für sich allein sein zu können, meine bei Kriegsende erst zwölfjährige Schwester Anneliese konnte nun endlich wieder zur Schule gehen und ich selbst besuchte einen sogenannten Neulehrerkurs in der Klosterschule in Halle, welche damals zur Behebung des eklatanten Lehrermangels in den meisten Regionen der damaligen sowjetischen Besatzungszone angeboten wurden. Anschließend unterrichtete ich an der Schule in Nehlitz und später im benachbarten Nietleben bis zu meiner Übersiedelung nach Westdeutschland 1955. Auch meine Mutter fand ganz allmählich wieder in ein geregeltes Leben zurück, das man aber noch lange nicht als normal bezeichnen konnte. Da war einmal das finanzielle Problem: Außer den 3000 Reichsmark, die in Annelieses Leibchen eingenäht der Plünderungen durch die Polen während der Vertreibung entgangen waren, verfügten wir über keinerlei Geldreserven. Später bekam meine Mutter eine winzige Rente in Höhe von 90 Reichsmark, die bis 1955 nie erhöht wurde, jedoch keine Hinterbliebenenrente für ihren vermißten Ehemann, welcher als Offizier der Deutschen Wehrmacht und somit Teilnehmer am Krieg gegen die Sowjetunion aus Sicht des SED-Regimes jegliche Versorgungsansprüche verloren hatte. Nachdem ich ab September 1946 ein Lehrergehalt (vielleicht 220 Reichsmark pro Monat) bezog, gab ich meiner Mutter die Hälfte davon ab. In Hinblick auf die Ereignisse im Jahre 1945 möchte ich noch betonen, daß der Zusammenhalt unter den nach dem Einmarsch der Russen in Belgard gebliebenen Deutschen ungeheuer stark war und daß man sich in einem vorher nicht geahnten Maße half und gegenseitig unterstützte, wobei der Bekanntheitsgrad überhaupt keine Rolle mehr spielte.*

Maikäfer flieg
Dein Vater ist im Krieg
Die Mutter ist in Pommerland
Pommerland ist abgebrannt
Maikäfer flieg


Halle an der Saale 1946-1955

Die damals unverzichtbaren Bezugsscheine für das Notwendigste, was man zum Überleben brauchte, waren nur schwer zu bekommen; einige Möbelstücke stellte uns unsere Vermieterin Fräulein Körner zur Verfügung. Das Schlimmste jedoch war, daß die Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten nicht die nötigen Kalorien liefern konnten. Denn meine Mutter und meine Großmutter hatten als "Nichtarbeitende" lediglich die sogenannte "Friedhofskarte" (Karte 5), während Anneliese als Heranwachsende und ich als Lehrerin in der Ausbildung ein bißchen besser gestellt waren. Ohne Verwandtschaft auf dem Lande wie in Belgard und ohne jegliche Wertgegenstände, mit deren Hilfe man Lebensmittel bei den Bauern der Umgebung hätte eintauschen können, war für Heimatvertriebene wie uns das Leben in den ersten Nachkriegsjahren kaum zu bewältigen. Dazu kam der Kohlenmangel und die kalten Winter der ersten Nachkriegsjahre. Auf meiner Mutter lag zu dieser Zeit natürlich die größte Last; sie mußte vor den Geschäften nach den bewirtschafteten Lebensmitteln und eventuellen Sonderzuteilungen anstehen und hielt fortwährend nach Dingen Ausschau, die den Hunger besänftigen konnten, oder sie versuchte im Winter mit der wenigen Braunkohle das Wohnzimmer auf zumindest 15 Grad zu erwärmen. Ich selbst war in diesen halleschen Jahren zunächst für ein Jahr als Lehrerin in Nehlitz im Saalkreis, danach bis 1955 an einer Schule in Nietleben und kam so nur am Wochenende zu meiner Familie nach Halle.
Mit meiner Mutter in Halle an
der Saale (Anf. d. 50er Jahre)
Eine große Hilfe in materieller Hinsicht waren die Pakete der amerikanischen Verwandtschaft, die nach einem entsprechenden Brief meiner Mutter bald bei uns eintrafen. Die Absender waren Mitglieder der Familien von Großvater Johannes Alverdes' Stiefgeschwistern aus St. Paul / Minnesota und Portland / Oregon in den USA. Einer dieser Stiefbrüder, Frank (ursprünglich Franz) Alverdes, wurde als Sohn von Franz Alverdes und seiner zweiten Ehefrau Ottilie Witzke am 15.1.1873 in Lauenburg / Pommern geboren, wanderte nach dem Tode des Vaters (†2.10.1880) gemeinsam mit seiner Mutter und weiteren fünf Geschwistern nach Nordamerika aus und hatte sich als Buchbinder in St. Paul am Mississippi niedergelassen, später zog er dann wohl nach Portland. Bereits in den zwanziger Jahren war er einmal in Belgard zu Besuch gewesen und hatte seine pommerschen Verwandten äußerst großzügig beschenkt. So waren es auch nun wieder wahre Festtage für uns alle, wenn die Pakete mit Lebensmitteln ausgepackt wurden; und nicht minder war die Freude, wenn Sendungen mit wunderschöner und sehr gut erhaltener, abgelegter Kleidung eintrafen. Das alles half in der damaligen Situation doch sehr, das Überleben zu sichern. Meine Mutter setzte den Briefwechsel mit den amerikanischen Verwandten noch bis zu ihrem Tode im Jahre 1974 fort.

1953
Meine Mutter gewann im Laufe der Zeit in Halle einige Bekannte, es waren hauptsächlich Vertriebene aus Pommern, also Leidensgenossen. Dazu zählte auch das Ehepaar Ruhnke, mit dem sie oft zusammen war, später jedoch blieb ihr nur die Freundschaft zu Frau Ruhnke, da deren Mann am 17. Juni 1953 während des Volksaufstandes in der DDR durch Schüsse aus einem Parteigebäude der SED in Halle als Unbeteiligter getötet wurde: Auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle bei der Post in der Nähe des Hauptbahnhofes bzw. des Riebeckplatzes kam er an einer aufgebrachten Menschenmenge vorbei, die sich vor einem Parteihaus versammelt hatte, als aus den Fenstern des Gebäudes geschossen und Wilhelm Ruhnke von einem Schuß tödlich getroffen wurde. Wie bei vielen anderen unschuldigen Opfern wurde auch seine Leiche erst lange Zeit später zur Beerdigung freigegeben, da man seine Unschuld von offizieller Seite zunächst nicht anerkennen wollte (Frau Ruhnke zog dann einige Jahre später zu ihrer Tochter in die Bundesrepublik). Da ich damals als junge Lehrerin an der Volksschule im benachbarten Nietleben unterrichtete, kam ich nur am Wochenende zu meiner Familie nach Halle. Als ich an diesem 17. Juni 1953 morgens den Weg zur Schule einschlug, konnte ich noch nicht ahnen, was dieser Tag für uns einmal bedeuten würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder im DDR-Rundfunk noch durch Mitbewohner im Haus oder auch von den Menschen auf der Straße vom Geschehen in Berlin oder Halle gehört, das heißt es deutete zunächst noch nichts auf die dramatischen Ereignisse der kommenden Stunden und Tage hin. So traf ich völlig ahnungslos im Schulgebäude an der Kröllwitzer Straße ein, wo sich ein Teil meiner Kollegen versammelt hatte. Sie standen auf dem Treppenabsatz im Erdgeschoß und versuchten, sich ein Bild von der Lage zu machen, insbesondere von der Situation in der nahegelegenen Bezirkshauptstadt Halle - woher sie ihr Wissen über die Proteste bezogen, erwähnten sie mir gegenüber nicht (vielleicht über den Westberliner Sender RIAS, der jedoch gezielt gestört wurde und somit nur schlecht zu empfangen war). Von den SED-Genossen im Kollegium ließ sich niemand blicken. Es herrschte eine eigenartige Stimmung, euphorische Reden wechselten mit nachdenklichen Äußerungen ab, wobei alle Gespräche in gedämpften Ton stattfanden. Da kam Herr Hohnstädter, ein älterer Kollege, der dem Regime wie wir kritisch gegenüberstand, die Treppe herunter und rief uns laut zu: "Die Freiheit marschiert!" Tief bewegt durch dieses Statement wurde mir plötzlich die Bedeutung der neuen Situation bewußt, zumal ich dann hörte, daß unser Schulleiter, ein überzeugter Parteigenosse, sich im Sekretariat im Dachgeschoß eingeschlossen hatte. Von einigen Kollegen wurde der Gedanke geäußert, die Kinder nach Hause zu entlassen und uns nach Halle zu begeben; jedoch auf Vorschlag von Herrn Hohnstädter beschlossen wir bis Mittag zu unterrichten, um unsere neugierigen Schüler von der Straße fernzuhalten und so zu verhindern, daß auch sie in die Bezirkshauptstadt kommen und in Anbetracht der unübersichtlichen Lage in Gefahr geraten könnten (es war der Tag, an dem auch die Belegschaft der Bunawerke nach Halle marschierte, um - aus Solidarität mit den Berliner Arbeitern - an den Demonstrationen gegen die Normerhöhungen und das ungeliebte SED-Regime teilzunehmen). Nach dem Unterricht entschloß ich mich, gemeinsam mit meinem Kollegen und späteren Ehemann Friedrich Gürge mit dem Fahrrad zu meiner Familie nach Halle zu fahren. Wir trafen gegen 14 Uhr dort ein und fanden in unserer Wohnung "Am Kirchtor 28" nur meine verängstigte Großmutter vor. Sie war völlig verzweifelt, da weder meine Mutter von ihrer Arbeitsstelle in der Leipziger Straße noch meine Schwester, die damals eine Lehre bei der Firma Diamalt in Halle-Diemitz machte, nach Hause zurückgekehrt waren. Meine Großmutter berichtete von Gruppen aufgebrachter Menschen, die in Richtung Roter Ochse gezogen waren, eines berüchtigten Zuchthauses nur wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt. Es war dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstellt, hinter diesen Mauern hielt die Stasi - ebenso wie hier bereits die Nationalsozialisten nur wenige Jahre zuvor - politisch Verfolgte ohne Gerichtsurteile willkürlich unter Verschluß, hier wurden in Schauprozessen abgeurteilte Andersdenkende unter unmenschlichen Haftbedingungen gefangen gehalten (das Gebäude hatte auf uns schon immer sehr furchteinflößend gewirkt, man sprach - wenn überhaupt - nur hinter vorgehaltener Hand darüber, und bei Spaziergängen gingen wir ganz schnell und unauffällig an der langen, roten Backsteinmauer vorüber). Russische Panzer waren
Als junge Lehrerin in Nietleben
(mit Klasse 3c, Sommer 1950)
an unseren Fenstern vorbeigerollt und Schüsse gefallen, auch vor dem Haus zeugte ein großer Blutfleck noch lange davon. Als die wütende Menge vor dem Roten Ochsen die Freilassung der Gefangenen forderte und versuchte, das Tor des Zuchthauses aufzubrechen, eröffneten die Wachmannschaften das Feuer, erschossen vier Demonstranten und verletzten zahlreiche weitere Menschen. Wie ich später erfuhr, war die Belegschaft der Spritzmalerei Böttcher, zu der auch meine Mutter gehörte, geschlossen zum Untersuchungsgefängnis in der Kleinen Steinstraße marschiert, wo sich bereits eine große Menschenmenge versammelt hatte, die schließlich in das Gebäude eindringen und die Häftlinge befreien konnte. Einige Tage nach der blutigen Niederschlagung der von uns so lange ersehnten Proteste ergab sich für mich nochmals eine bedrückende Situation, als wir von unserem Rektor, der mittlerweile wieder aus der Versenkung aufgetaucht und sich bis dahin noch nicht zu den Ereignissen geäußert hatte, zu einer Personalversammlung in den Nietlebener Kindergarten bestellt wurden. Dort mußten wir auf kleinen Kinderstühlchen rund um die zusammengeschobenen niedrigen Tische neben dem Schulleiter, den übrigen SED-Genossen aus dem Kollegium und dem Pionierleiter Platz nehmen. Nach deren langatmigen Ausführungen über die - gemäß offizieller Lesart - von westdeutschen Provokateuren gesteuerten Unruhen und die beschämende Verführbarkeit vieler DDR-Bürger sollten wir nun zu den Geschehnissen und unserem eigenen Verhalten einzeln Stellung beziehen. So blieb uns nichts anderes übrig, als die erwarteten Antworten herunterzubeten, um nicht die Anstellung als Lehrer zu verlieren oder auch noch Schlimmeres heraufzubeschwören. Dabei quälte sich jeder die durch den Rundfunk und die Zeitungen verbreiteten standardisierten Erklärungen ab, und äußerst besorgt mußten wir verfolgen, wie einer nach dem anderen, nicht selten stockend und nach den entsprechenden Phrasen suchend, seine Solidarität zum verhaßten Ulbricht-Regime bekundete. Und auch meine Angst nahm stetig zu, als ich sah, daß die Reihe nun bald an mir sein würde und alle gängigen Floskeln schon verbraucht waren; doch letztendlich schaffte auch ich es, mir die vorgegebenen Antworten abzuringen. Nachdem sich alle Kollegen auf diese Weise erklärt und der Rektor abschließend noch einige eindringliche Warnungen an uns gerichtet hatte, verließen wir bedrückt den Kindergarten und auch ich erwartete in den folgenden Tagen und Wochen weitere Konsequenzen, die mir dann aber zum Glück erspart blieben. An Gespräche über das Erlebte kann ich mich heute nicht mehr erinnern, meines Wissens vermied man es danach nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch unter den Kollegen über die Ereignisse vom 17. Juni 1953 zu sprechen.

Meine Großmutter in unserer
Wohnung am Kirchtor 28
Zu meiner Großmutter Elfriede Alverdes kam zu dieser Zeit eine alte Belgarder Bekannte, Frau Lässig, die schon lange vor dem Kriege nach Halle gezogen und deren Mann ein Kollege meines Großvaters Johannes Alverdes am Belgarder Kreishaus gewesen war. Sie war natürlich in einer viel besseren materiellen Lage als meine Mutter, aus ihrem Haushalt erhielten wir in diesen schweren Jahren manches nützliche Stück. Einmal - vielleicht auch mehrmals - trug Frau Lässig durch die Weitergabe ihrer Kartoffelschalen zu unserer Ernährung bei. So brachte meine Mutter mir von einer Grüne-Bohnen-Suppe, die mit eben diesen Kartoffelschalen angereichert war, ein Töpfchen voll nach Halle-Nietleben in die sogenannte Gartenstadt, wo ich damals zur Untermiete bei zwei alten Damen in einem möblierten Zimmer ohne Kochgelegenheit wohnte. Sie mußte dazu eine lange Straßenbahnfahrt und einen halbstündigen Fußmarsch auf sich nehmen. Im Jahre 1952 konnte meine Mutter dann eine Arbeitsstelle in der Spritzmalerei Wilhelm Böttcher in Halle annehmen, wo sie laut ihrem in der damaligen DDR für jeden "Werktätigen" obligatorischen Arbeitsbuch vom 3.3.1952 bis 31.12.1953 und vom 5.7.1954 bis 19.9.1958 beschäftigt war. Hier wurden Igelit-Plastiktischdecken mit farbigen Mustern dekoriert. Sie kam dort mit den verschiedensten Frauen zusammen, wodurch sie einerseits etwas von ihrem freudlosen Leben fernab der geliebten Heimat abgelenkt wurde, und auch froh war, endlich selber Geld zu verdienen; die Arbeit andererseits jedoch für sie völlig ungeeignet war, denn das stundenlange Halten der schweren Spritzpistole verschlimmerte die athrotischen Schäden an ihrer rechten Hand enorm; zudem war die lösungsmittelgeschwängerte Atemluft in der Werkstatt äußerst gesundheitsschädlich. Nach meiner Übersiedlung aus Nietleben bei Halle nach Westdeutschland im Sommer 1955 wurde das Geld noch knapper, wobei allerdings der Verdienst meiner Schwester Anneliese, die mittlerweile ihre Lehre als Industriekaufmann bei der Firma Diamalt beendet hatte, nun etwas zum Familienunterhalt beitrug. So dachte auch meine Mutter oft an einen Aufbruch gen Westen, konnte diesen Wunsch jedoch erst nach dem Tode meiner Großmutter Elfriede Alverdes am 8.3.1958, die in ihrem hohen Alter von über 85 Jahren nicht mehr umsiedeln wollte bzw. konnte, wahrmachen und mit meiner Schwester Anneliese in die Bundesrepublik kommen.


Lehrerin in Westdeutschland

Meine erste Lehrerstelle nach der Übersiedelung aus der DDR im Jahre 1955 und einem "Nachstudium" am Pädagogischen Institut in Weilburg an der Lahn trat ich im Rheingau in dem kleinen Ort Kiedrich unweit von Wiesbaden an. Der bekannte Weinort lag nur sieben Kilometer von Hausen vor der Höhe entfernt, wo mein Ehemann Friedrich Gürge, der bereits 1954 aus der DDR geflohen war, seit einem Jahr an der einklassigen Volksschule unterrichtete und wir gemeinsam in der Lehrerwohnung im Schulhaus wohnten. So war ich froh, daß ich nach längerem Suchen und zahlreichen Bewerbungen schließlich diese Stelle in der Nähe unseres Wohnortes gefunden hatte. Der ausgesprochen freundliche Schulrat des Rheingaukreises erklärte mir bei der Einstellung jedoch, daß ich nur vorübergehend an der Schule in Kiedrich arbeiten könne, weil in dem überwiegend katholischen Ort auf Dauer nur eine der Lehrerstellen mit einer evangelischen Lehrkraft
Fahrt mit dem Motorroller
in den Taunus (1957)
besetzt werden dürfe, und daß diese schon durch einen Herrn Seydel belegt sei. So konnte er mir die Kiedricher Stelle zumindest für die Zeit anbieten, solange keine Bewerbung eines katholischen Kollegen vorlag. Mit der Postbusverbindung von Hausen v.d.H. nach Kiedrich traf ich bereits um sieben Uhr morgens auf meiner Dienststelle ein, konnte mich jedoch auch von meinem Mann etwas später auf unserem Motorroller zur Schule nach Kiedrich bringen lassen, was allerdings nur im Sommer und bei gutem Wetter möglich war - Fritz fuhr dann sofort wieder zurück, sodaß er um 7.45 Uhr mit dem Unterricht in Hausen beginnen konnte.

Nun lernte ich endlich die praktische Schularbeit im Westen kennen, nachdem mich das "Nachstudium für Sowjetzonenlehrer" am Institut für Lehrerbildung des Landes Hessen mehr oder weniger theoretisch darauf vorbereitet hatte. "Kinder sind überall Kinder!" dachte ich, doch auch im zwischenmenschlichen Bereich war hier manches ziemlich anders. "Sie werden die große Unruhe noch spüren," sagte der Rektor der Schule bei der Vorstellung zu mir, "der Wein rauscht hier in den Köpfen!" Ich kam allerdings recht gut mit diesen fröhlichen, aufgeschlossenen Menschen - Kinder wie Eltern - zurecht. In den zwei Jahren meiner Tätigkeit in Kiedrich gewann ich Einblick in das religiöse sowie in das profane Leben meiner westdeutschen Mitmenschen. Denn in meiner Heimat Pommern, einer rein evangelischen Provinz des Deutschen Reiches, und in der 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Belgard, in der ich aufgewachsen war und bis zu meinem 20. Lebensjahr gelebt hatte, stellte der Bau einer Kirche für die kleine katholische Gemeinde unserer Stadt in den zwanziger Jahren fast eine Sensation dar - und in der Großstadt Halle in der DDR, wo wir nach der Vertreibung aus der Heimat durch die Polen 1946 zunächst zehn Jahre gelebt hatten, spielten konfessionelle Unterschiede damals keine Rolle. Hier in dem kleinen westdeutschen Weindorf unweit des berühmten Kloster Eberbachs aber war der Katholizismus auch weiterhin das bestimmende Element. Weil mir anfangs das Ambiente meines Dienstortes doch sehr fremdartig erschien, suchte ich Kontakt zu meinem evangelischen, aus Berlin stammenden Kollegen Dietrich Seydel, durch den ich auch bald seine Frau Nora (genannt Nori oder Nuscha) kennenlernte. So war die Familie Seydel mit den zwei reizenden Kindern Bernd und Tina in den Jahren 1957 bis 1959 eine häufige Anlaufstelle für
Meine Freundin Nori Seydel
mit ihrem Mann Dietrich
mich, wenn ich mittags nach der Schule auf den Bus nach Hausen bzw. auf meinen Mann mit dem Motorroller wartete. Hier durfte ich das Aufwachsen der - mir selbst noch bevorstehenden - Kinder, die Sorgen der Eltern und die schwierige Finanzplanung (etwa Anschaffung einer Waschmaschine oder Reparatur ihres fahrbaren Untersatzes, eines Goggomobils) miterleben. Nori wurde mir zu einer guten Freundin, und nach ihrem Fortzug aus dem Rheingau - bedingt durch den frühen Tod ihres Mannes, denn Herr Seydel mußte nach dem Krieg in der DDR jahrelang Zwangsarbeit im Uranbergbau in Aue (SDAG Wismut) leisten und starb bereits Anfang der sechziger Jahre an den Spätfolgen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen - setzte sich unsere Freundschaft später noch lange fort, als sie nach vielen schweren Jahren in Wolfsburg nach Hessen in die Nähe ihrer Tochter Tina zog, wo ich sie in Reinheim am Rande des Odenwaldes unweit von Darmstadt regelmäßig besuchte. Jetzt, nach mehr als zwei Jahrzehnten, konnten wir uns zu meiner Freude wieder öfter sehen, ja es wurde uns Alten sogar möglich, zusammen zu verreisen (etwa nach Tunesien und Marokko, nach Oberitalien, Kroatien oder Bulgarien, aber auch zu den verschiedensten Zielen innerhalb Deutschlands). Noris Lebenserfahrung, ihre Hilfsbereitschaft, ihre unermüdliche Tätigkeit für die Familie und ihr Beistand in Lebenskrisen werden mir immer in Erinnerung bleiben. Insbesondere in den letzten Jahren ihres Lebens fühlten wir eine tiefe Verbundenheit und sie versicherte mir oft, daß auch sie unsere Freundschaft sehr zu schätzen wisse. Als sie, die vorher niemals über das Alter geklagt hatte und von altersbedingten Schwierigkeiten nie etwas verlauten ließ, in den letzten Tagen vor ihrem Tode nun doch über ihre Schmerzen und Beschwerden sprach, telefonierten wir noch am Vormittag des 19. Juli 2009, einem Sonntag, ausführlich miteinander und ich konnte es dann überhaupt nicht fassen, daß sie am selben Tag, nur wenige Stunden nach unserem letzten Gespräch, im Alter von 90 Jahren im Garten ihrer Tochter gestorben war - und so sind ihr, wie es immer ihr Wunsch gewesen ist, lange und leidvolle Krankheiten erspart geblieben. Wie oft ich heute an sie denken muß, ich weiß es nicht - so etwa jeden Abend, wenn mein Blick zu ihrem Bild auf der Kommode gegenüber von meinem Bett schweift. Dabei fallen mir regelmäßig die Geschichten ein, die sie - eine Baltin, geborene von Pander - aus ihrer Kindheit in Lettland erzählte, aber auch die traurigen Erinnerungen an mehrmalige Vertreibung und die schwierigen, kräftezehrenden Neuanfänge in fremder Umgebung. So freute ich mich mit ihr, als sie im hohen Alter gemeinsam mit ihrer Schwester eine Reise ins Baltikum machen und dort in der alten Heimat noch einmal die Orte ihrer Kindheit und Jugend wiedersehen konnte.
Eleonore Gürge geb. Maaß

[zuletzt aktualisiert am 07.09.2010 - wird kontinuierlich erweitert und fortgesetzt]



=> zu den Erinnerungen Teil 1 - bis 1944

=> noch mehr Erinnerungen - Photoalbum ab 1946