| Eleonore Gürge geb. Maaß *1925 | |||||||||||||||||||||||||
| Erinnerungen Teil 2 - ab 1945 | |||||||||||||||||||||||||
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Letzter Kriegswinter 1944/45: An die Tage im Dezember
1944 habe ich nur sehr wenige Erinnerungen. Da man zu dieser Zeit immer
wieder vom Elend der Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Memelland
hörte, die seit Herbst 1944 in heillos überfüllten
Zügen auch bei uns auf dem Bahnhof durchkamen (Belgard lag an einer
der Bahnstrecken von Königsberg nach Westen), schloß ich mich
einige Male einer Gruppe von Frauen aus unserer Stadt an, welche die NSV
(Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und das Rote Kreuz bei ihrer Arbeit
unterstützte, d.h. auf dem Belgarder Bahnhof bei der Betreuung der
dort haltenden Züge half und die Flüchtlinge beispielsweise mit
warmer Suppe und heißen Getränken versorgte. Dabei hielt ich
mich von den leitenden Personen der NSV und des DRK fern und versuchte,
möglichst wenig aufzufallen, denn ich wollte nach meinen Erfahrungen
beim Schanzen am Ostwall nicht schon wieder dienstverpflichtet werden. Mit
großer Erschütterung sahen wir das Leid der Menschen in den Flüchtlingszügen,
vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, die völlig erschöpft
und übernächtigt, zum Teil krank, vielfach traumatisiert auf ihrer
Flucht vor den Russen, kaum noch im Besitz des Allernötigsten und oft
in anderen Wagen nach Familienangehörigen suchend, nur möglichst
schnell weiter nach Westen wollten. In Anbetracht dieses Elends schämten
wir uns unserer damals noch viel besseren eigenen Lage und halfen überall,
soweit wir konnten. Wie in diesem letzten Kriegsjahr dann das Weihnachtsfest
bei uns verlief, erinnere ich heute nicht mehr. Obwohl die Versorgungslage
vor allem seit Mitte 1944 immer schlechter wurde, wird
meine Mutter wie jedes Jahr versucht haben, mit Tannenzweigen, Kerzen und nach Kriegsrezepten
mit wenig Fett und Zucker gebackenen Plätzchen Erinnerungen an bereits
lange zurückliegende, glücklichere Weihnachtsfeste zu wecken.
Sicher hatten wir an dieser sechsten Kriegsweihnacht auch
Post
von meinem Vater bekommen, der damals noch in Köslin stationiert
war und erst einige Wochen später nach Hammerstein bei Neustettin versetzt
wurde, und wir hatten ihm wieder seinen Lieblingskuchen, eine mittels zusammengesparter
Lebensmittelmarken gebackene Sandtorte, geschickt. Ende
des Jahres bekam ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich zu einem
weiteren Kriegseinsatz, diesmal in einer Werkstatt der Firma Siemens in
der Zimmerstraße in Belgard, verpflichtet worden sei. Als ich mich
einige Tage später dort vorstellte, erfuhr ich, daß es sich um
eine wegen Bombenangriffen aus Stettin ausgelagerte Reparaturwerkstatt für
landwirtschaftliche Maschinen handelte. Die Stammbelegschaft war ebenfalls
in unserer Stadt untergebracht, sie wurde durch Frauen und Mädchen
aus Belgard und durch Ukrainerinnen aus dem Lager für ukrainische Fremdarbeiterinnen
am Stadtrand ergänzt. In dieser Werkstatt traf ich auch Uschi Hank,
die ich flüchtig aus meiner Schule kannte. Wir führten Lötarbeiten
an den Ankern von Elektromotoren aus, wobei wir in einer Halle mit jeweils
12 bis 14 Frauen an langen Holztischen saßen. Nach dem Löten
brachten wir die Bauteile in einen benachbarten Raum, in dem der Meister
gemeinsam mit einigen anderen Männern die Anker kontrollierte. Nach
anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich meine Aufgabe zufriedenstellend
erfüllen, so daß ich nicht zu viele Teile zur Nacharbeit zurückbekam.
Während der Arbeit wurde nicht viel geredet, die Stettiner standen
allerdings in den Pausen dicht zusammen und unterhielten sich gedämpft.
Ich empfand die Stimmung als recht bedrückend, denn die Russen brachen
mittlerweile in Pommern ein und man befürchtete, daß sie bald
vor Belgard stehen könnten. Auch aus diesem Grunde war ich immer froh,
wenn sich der Abend und damit das Ende der täglichen Arbeit näherte.
In der zweiten Februarhälfte veränderte sich meine Situation grundlegend,
als ich vom Werkstattleiter dazu ausersehen wurde, die Materialausgabe zu
übernehmen. In Anbetracht der immer näher rückenden Front
hatte sich der Leiter des Materiallagers ebenso wie etliche andere Angehörige
der Stettiner Stammbelegschaft nach Stettin abgesetzt, und manche Plätze
an den Arbeitstischen waren jetzt leer, auch Uschi Hank erschien nicht mehr.
Für meine neue Aufgabe bekam ich das Lager nur einmal flüchtig
gezeigt und wurde angewiesen, über die ausgegebenen Teile genau Buch
zu führen. Da ich mich mit der mir anvertrauten Materie überhaupt
nicht auskannte, konnte ich den Arbeitern nur selten die richtigen Teile
heraussuchen und überließ es schließlich ihnen, sich selbst
zu bedienen. "Ich hol' mir das selbst, Kindchen!" war der häufigste
Satz, den ich in diesen Tagen hörte. Heute kann ich nur noch schwer
verstehen, warum das bei mir so große Ängste auslöste und
mich nicht mehr ruhig schlafen ließ, denn ich dachte damals fortwährend
an meine nachlässige Buchführung und an meine Verantwortung für
den stetig schwindenden Lagerbestand, so daß ich mich bereits wegen
Sabotage vor dem Kriegsgericht sah und meine Verzweiflung schließlich
in dem Gedanken gipfelte: "Hoffentlich kommen die Russen, bevor man
hier meine Fehler entdeckt!"
Nach und nach verließen die Menschen unseren Keller und suchten vorsichtig ihre Wohnungen auf. Allerdings sahen wir auch Leute aus der benachbarten Mauerstraße, die den vorbeifahrenden Russen zuwinkten. In unserer Wohnung nahmen wir zwei Damen, Klavierlehrerinnen aus Körlin, und Else Müller, die Nachbarin aus der Marienstraße, auf; wir rückten so eng zusammen wie es nur ging und fühlten uns dadurch etwas sicherer. Im Laufe des Tages kam dann der erste Russe in unsere Wohnung, begleitet von einem etwa zwölfjährigen Ukrainerjungen, der als Dolmetscher fungierte. Er wollte ein "Stilett". Meine Mutter war verzweifelt, weil sie zunächst nicht wußte, was er damit meinte und ihr der Ehrendolch von meines Vaters Ausgehuniform erst sehr spät einfiel. So erleichterte er uns zunächst um unsere "Uhri" und zog dann schließlich mit Uhren und Dolch ab. Ich muß zugeben, daß wir zu dieser Zeit noch nicht an Vergewaltigungen o.ä. dachten, vielleicht auch deshalb, weil sich dieser erste Russe recht zivil benahm. Allerdings hatten wir in der Nacht zuvor, als wir im Keller saßen, schon einmal Todesängste auszustehen, als eine Panik ausbrach nachdem die Luftschutzwartin hysterisch berichtete, daß die Russen vom Hintereingang in der Mauerstraße mit Flammenwerfern in unseren Keller eindringen wollten. Daß wir von den hinausdrängenden Menschen nicht an der nach innen zu öffnenden Stahltür, die auf unseren Hof hinaus führte und vor der wir selbst saßen, erdrückt wurden, ist nur meiner Patentante Ilse Schwedersky zu verdanken, die sehr resolut die panischen Kellerinsassen beruhigte. Die weiteren Stunden des 5. März 1945 verbrachten wir in großer Angst mit Warten auf die Dinge, die da kommen würden, besonders beunruhigt durch die unheimlichen Geräusche aus dem Ortsgruppenbüro der NSDAP, welches seit der kriegsbedingten Schließung unseres Geschäftes Ende 1940 in den Bierstuben im Erdgeschoß unseres Hauses Marienstraße 15/16 eingerichtet war. Nachdem der zu uns in den ersten Stock herauftönende Lärm etwas nachgelassen hatte, wagte sich meine Mutter dann doch ein paar Schritte aus unserer Wohnung in den Hausflur und warf einen raschen Blick vom oberen Treppenabsatz ins Erdgeschoß, wo sie zu ihrem grenzenlosen Entsetzen ein schnurähnliches Gebilde sah, das aus der halbgeöffneten Tür des Parteibüros herausschaute. In ihrer Angst hielt sie es für eine Zündschnur und eilte mit dem Ausruf "Wir müssen hier alle sofort raus, die Russen wollen unser Haus in die Luft sprengen!" zu uns in die Wohnung zurück. Als dann auch noch das Wort "Höllenmaschine" fiel, rannten wir alle panisch die hintere Holztreppe zum Hof hinunter - meine Mutter, meine Großmutter Elfriede Alverdes, die sich gerade erst wieder etwas von ihrer Krankheit erholt hatte und trotz ihrer Pantoffeln auf der steilen Treppe zum Glück nicht zu Fall kam, meine Schwester Anneliese, unsere Nachbarin Else Müller sowie unsere Mieter, das alte Ehepaar Schulze, das durch den Lärm und unser Rufen aufgeschreckt worden war, und dessen als Bombenflüchtling aus Rastatt evakuierte Tochter mit ihrem Säugling. So liefen wir zunächst in die nahegelegene Torstraße zum Haus Nr. 13, wo wir Tante Ilse Schwedersky von unseren Befürchtungen berichteten. Im Gegensatz zu uns wollte meine Patentante jedoch nicht in der Torstraße bleiben, da es ihr hier nun auch zu unsicher erschien, sie drängte weiter, nachdem sie ihre alte Mutter geholt und sich noch mit einigem Silberzeug bepackt hatte. So landeten wir schließlich in einer Bäckerei, die in der Wilhelmstraße neben der Brücke über die Leitznitz lag. Dort saßen wir dichtgedrängt und völlig ratlos in der Backstube und fragten uns voller Angst, was wohl weiter geschehen werde. Nach einigen Stunden - der Bäcker versorgte uns währenddessen mit Neuigkeiten, die er durch vorsichtiges Hinausschauen aus einem Fenster auf die Wilhelmstraße erspäht hatte, wo immer wieder einzelne Russen vorbeiliefen, die wohl die benachbarten Häuser durchsuchten und plünderten - entschloß sich die Tochter unserer Mieter Schulze, in die Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen, weil sie in der Eile nichts für die Versorgung ihres Säuglings mitgenommen hatte. Else Müller und der alte Schmiedemeister Otto Lichtfuß aus der Torstraße 4, der sich mittlerweile auch in der Backstube eingefunden hatte, begleiteten sie, ihre Eltern folgten ihr kurz darauf. Wir übrigen kehrten nach einiger Zeit in das Haus meiner Patentante in der Torstraße 13 zurück, wo sich in der Wohnung von Schwederskys etwa ein Dutzend Menschen in zweieinhalb Zimmern zusammendrängten: meine Mutter, meine Großmutter Elfriede, meine Schwester Anneliese und ich, Tante Ilse Schwedersky, die alte Frau Schwedersky, Else Müller, Trude Priebe, Elli Neitzke und noch einige weitere Personen aus der Nachbarschaft. In dieser etwas größeren Gruppe fühlten wir uns alle ein wenig sicherer. Doch die Verpflegung für so viele Menschen zu besorgen gestaltete sich sehr schwierig. Selbst die alte Frau Schwedersky beteiligte sich an der Suche nach Nahrung, denn die jüngeren Frauen konnten sich, nachdem was wir mittlerweile von anderen gehört hatten, kaum mehr auf die Straße wagen. So ging sie gemeinsam mit Else Müller und weiteren Frauen, die sich mit alten Kleidungsstücken, Kopftüchern und geschwärzten Gesichtern entsprechend zurechtgemacht hatten, etwa zum Schlachthof an der Polziner Straße, wo sie ab und zu Knochen und Schlachtabfälle bekamen. In unsere Wohnung in der Marienstraße zurückzugehen wagten wir damals noch nicht, die Gefahr den plündernden Russen im Ortsgruppenbüro im Erdgeschoß zu begegnen war doch zu groß. So faßte meine Mutter den Entschluß, sich bei Zahnarzt Nach ungefähr zwei Wochen kehrten wir in unser Haus zurück, wo die mittlerweile geplünderte Wohnung unbeschreiblich aussah. Besonders betrüblich war für uns, daß auch unsere aufgesparten Vorräte von den Russen gefunden und sinnlos vernichtet worden waren; so klebte etwa der Honig vermengt mit Haferflocken an den Teppichen. Meine Mutter hatte nun alle Hände voll mit dem Aufräumen zu tun, unterstützt lediglich von Else Müller aus unserer Straße. Meine noch nicht völlig genesene Großmutter konnte dabei nicht helfen; und unsere frühere Hausgehilfin und gute Seele Ilse Kruggel war bereits Mitte 1944 in ihren Heimatort Naffin zurückgekehrt. Es muß nach Ablauf von zwei weiteren Wochen gewesen sein, als Dr. Beilfuß, ein Schulfreund meines Vaters, mit meiner Freundin Marli bei uns erschien, mich abholte und uns - Marli und ich in Rotkreuz-Uniform - zum Krankenhaus begleitete (wo ich im Juni 1941 am Blinddarm operiert worden war und in meinem Krankenzimmer im Radio vom Angriff auf die Sowjetunion hörte). Dort sollte man als Frau sicherer sein. Als DRK-Schwester wurde Marli sogleich zum Pflegedienst herangezogen, während ich als "ungelernte Kraft" ab und zu in der Küche helfen durfte. Es waren viele Mädchen dort, mehr als gebraucht wurden. Nach einiger Zeit wurde uns nahegelegt, das Krankenhaus wieder zu verlassen, weil es keine Lebensmittelzuteilung für so viele unnütze Esser gab. Anschließend mußte ich gemeinsam mit anderen zur Arbeit verpflichteten deutschen Frauen im ehemaligen Proviantamt an der Polziner Straße für die Russen Eisenbahnwaggons mit Vorräten aus den Verpflegungslagern der Wehrmacht beladen. Uns blutete das Herz, wenn wir an die Not der Familien und Freunde dachten und wir klauten, wo wir nur konnten (wobei ich selbst das Glück hatte, nie kontrolliert zu werden). In diesen ersten Wochen nach der Einnahme Belgards mußten sich die Deutschen täglich frühmorgens zum Arbeitseinsatz auf dem Marktplatz melden, und nicht nur meine Mutter mußte in dieser Zeit oft unter grausamen Bedingungen arbeiten, so z.B. die Uniformen und die Unterwäsche der gefallenen deutschen Soldaten im kalten Wasser der Leitznitz waschen. All das war zuviel für sie, sie war entsetzlich verängstigt und hatte nun nicht mehr nur ergrautes, sondern vollkommen weißes Haar. Dazu kam die große Angst und Sorge um meinen Vater, von dem wir immer noch keine Nachricht hatten.*
Als dann die auswärtigen Arbeitsverpflichtungen für meine Mutter zu Ende gingen, weil in unser Haus Marienstraße 15/16 Polen einzogen, die unser Geschäft und unsere Wohnung bis auf ein großes Zimmer übernahmen und meine Mutter quasi als Haushälterin anstellten, war ihre Angst nicht mehr so furchtbar. Zudem war die aus dem Raum Posen bzw. dem Wartheland gekommene Familie Behrend / Sabrotzki zum Teil deutschstämmig. Zur Familie gehörten Frau Sabrotzki und ihr polnischer Ehemann, ihr Bruder Herr Behrend und ihre Tochter Jadwiga Katz mit einem kleinen Kind. Bis auf Herrn Sabrotzki sprachen alle deutsch. Die Eltern von Frau Sabrotzki (sie mag vielleicht zehn Jahre jünger als meine Mutter gewesen sein) hatten beim Volksentscheid 1918 wohl für Polen optiert, sie selbst hatte den Polen Sabrotzki geheiratet und nun die Chance gesehen, als polnische Staatsangehörige in Belgard ein Geschäft zu übernehmen. Tochter Jadwiga war mit einem Deutschen verheiratet, der gegen Ende des Jahres 1945 aus der Kriegsgefangenschaft in Norwegen zurückkehrte und zunächst von der Außenwelt abgeschirmt wurde, um nicht gleich als Deutscher aufzufallen und erst einmal in der Familie polnisch zu lernen. Meine Mutter arrangierte sich mit den Polen und akzeptierte ihre neue Situation, die aber insgesamt doch sehr demütigend und unsicher blieb. Ende April 1945 bekamen wir Post von der polnischen Verwaltung, die mittlerweile die Stadt übernommen hatte. Es war die Aufforderung an mich, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Rathaus zu erscheinen. Meine Familie war entsetzt und befürchtete, daß ich zu einem Arbeitseinsatz nach Polen abkommandiert werde. Meine Schwester wurde mit Decken und Wegzehrung zum Markt geschickt, um zu beobachten, ob ich einen Lastwagen zum Abtransport besteigen müsse. Stattdessen bekam ich eine Stelle als Hilfskraft bei Janek Klimkiewicz, der die Sattler- und Polsterwerkstatt der Firma Asmus in der Kämpenstraße übernommen hatte. Auf diese Weise verfügte ich über eine Arbeitsbescheinigung und durfte nun hoffen, in Zukunft unbehelligt von Arbeitseinsätzen wie am Proviantamt oder beim Kiesharken am russischen Ehrenmal in der Körliner Straße zu bleiben. Die Arbeit in der polnischen Sattlerei war erträglich, der Chef ebenfalls. Ab und zu ließ er seine Wut über die Familie Söhnert heraus, wo er während des Krieges hatte arbeiten müssen, besonders die Töchter haßte er zutiefst. Von ihm hörte ich zum ersten Mal von den Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Er erzählte auch von den Beschlüssen von Potsdam und der Abtrennung der deutschen Ostgebiete, was wir jedoch damals noch nicht glauben mochten, und überprüfen konnten wir seine Angaben nicht, denn es gab keine deutschen Zeitungen und unser Radio hatten wir wie alle Deutschen bereits zuvor bei den Russen abgeben müssen. Bei Klimkiewicz arbeitete ich mit mehreren jüngeren und zwei älteren deutschen Frauen sowie zwei älteren deutschen Männern zusammen, die vorher als Zivilangestellte in der Alten Kaserne an der Körliner Straße beschäftigt waren. Herr Schäfer, ein netter älterer Sattlermeister, fungierte in der Kämpenstraße als Zuschneider, geschätzter Fachmann und väterlicher Freund der hier arbeitenden Frauen; sein Kollege, an dessen Namen ich mich heute nicht mehr erinnere, saß wie wir Frauen an einem "Sattlerpferd" und bekam aufgrund seiner Erfahrung die schwierigeren Näharbeiten zugeteilt. Zur Gruppe der Frauen gehörte auch eine Büroangestellte aus der zuvor genannten Kaserne, die uns schon seit langem bekannt war, weil sie Mieterin im Hause von Tante Ilse Schwedersky in der Torstraße 13 war. Sie holte mich morgens für den Weg durch die Stadt ab; und meine Mutter war stets beruhigt, wenn ich zusammen mit Fräulein Rudnick zur Arbeit ging, obwohl mir diese auch nicht hätte helfen können, falls ein russisches Kommando wieder Deutsche für einen Arbeitseinsatz aufgreifen sollte. So schlichen wir uns dann auf immer wechselnden Umwegen durch die Stadt in Richtung Kämpenstraße. Zu meinen Kolleginnen in der Sattlerei gehörten damals noch Ursula Müller und Ursula Wrase, und hier traf ich auch Anneliese Scholz aus der Lindenstraße wieder. Sie hatte mit mir einige Jahre das Lyzeum besucht und die Oberschule schon früher verlassen; Ursula Müller kannte ich aus der Volksschule, wo wir vier Jahre gemeinsam in einer Klasse waren, und Ursula Wrase, ein etwas jüngeres Mädchen, kam ebenfalls aus unserer Stadt. Ursula Müller wurde bald zur Gefährtin unseres Chefs und führte ihm dann auch den Haushalt in der neben der Werkstatt gelegenen Wohnung. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft von Iwan, einem russischen Soldaten, der zur russischen Militärpolizei gehörte und ständiger Besucher bei unserem Chef war; er vermittelte ihm Aufträge beispielsweise von russischen Offizieren, die dann Pistolen- oder Kartentaschen in der Sattlerei anfertigen ließen. Wir Frauen nähten dabei die Zuschnitte von Herrn Schäfer zusammen, Fräulein Rudnick versah sie mit den verschiedenen Ziernähten. Iwan bekam von Klimkiewicz für die Vermittlung der Kunden großzügig Kartoffelschnaps und war so nicht selten völlig betrunken. Als er wieder einmal im Vollrausch eingeschlafen war, nutzte Ursel Müller die günstige Situation und versteckte zum Spaß sein Gewehr, das der Russe zuvor neben dem Bett von Klimkiewicz, in dem er wie so oft seinen Rausch ausschlief, abgestellt hatte. Nach dem Erwachen glich sein Verhalten einem Vulkanausbruch, der uns alle um unser Leben fürchten ließ. Er tobte durch die Werkstatt und wollte zuerst unseren Chef und dann uns alle umbringen, so daß Ursel die Waffe ganz schnell wieder auftauchen ließ. Nur mit einer großen Flasche Kartoffelschnaps gelang es schließlich, ihn etwas zu besänftigen. Iwan konnte sich aber auch von einer ganz anderen Seite zeigen, wenn er einmal nicht betrunken war. So hatte er sich in Anneliese Scholz verliebt und machte ihr mit einem Geschenk einen Antrag. Als sie jedoch sowohl sein Geschenk als auch seinen Ansinnen ablehnte, wurde er ausgesprochen aggressiv, und auch die Besänftigungsversuche von Klimkiewicz halfen nun nicht mehr viel. Anneliese hatte von diesem Zeitpunkt an nur noch bei der Arbeit in der Werkstatt vor ihm Ruhe und mußte auf dem Heimweg oft die verschiedensten Tricks anwenden, um sich seinen Nachstellungen zu entziehen (ihre genaue Adresse war ihm damals glücklicherweise nicht bekannt).
Unser Wochenlohn, der jeweils am Sonnabend bei Arbeitsschluß ausgezahlt wurde, betrug lediglich 45 Zloty, dazu kamen gelegentlich Naturalien, etwa Butter (die unser Chef von Bauern aus dem Umland für von ihm gelieferte Pferdegeschirre bekommen hatte), oder Kartoffelschnaps, der aus den verschiedensten Quellen stammen konnte, und ab und zu etwas Zucker, welcher damals ausgesprochen knapp war. Nach der Auszahlung des Lohnes gab es dann vom Chef Schnaps und Brot, so daß wir vor dem Heimweg immer einige Gläser im Stehen leerten. Einmal erhielten wir auch jeweils ein halbes Ferkel zugeteilt. Die Tiere waren wohl schon vor längerer Zeit geschlachtet worden und hatten bereits eine bedenklich grüne Farbe angenommen, so daß die meisten von uns das Fleisch überhaupt nicht mit nach Hause nahmen und Fräulein Rudnick und ich auf dem Heimweg an einem Weg an der Leitznitz etliche dieser halben Ferkel im Gebüsch liegen sahen. Ich aber nahm auf Anweisung meiner Großmutter grundsätzlich alles Eßbare - also auch das Ferkel - mit nach Hause, wo wir zu dieser Zeit auch noch zwei Klavierlehrerinnen aus Körlin bei uns in der Wohnung aufgenommen hatten. Sie waren auf ihrer Flucht im März 1945 in Belgard gestrandet, hatten keine Arbeit und verfügten somit auch nicht über Geld, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Meine Mutter und Großmutter konnten deren Bedarf nicht decken, denn auch wir bekamen von den bei uns wohnenden Polen nur einen geringen Teil des Essens ab, das meine Mutter für die polnische Familie zubereiten mußte. So wurden das von mir mitgebrachte Ferkel dann von den beiden alten Frauen, die erst nach einigen Wochen wieder nach Körlin zurückkehren konnten, ohne weitere Folgen für ihre Gesundheit verzehrt. Da meine ehemaligen Klassenkameradinnen fast alle aus den nun aufgelösten Reichsarbeitsdienstlagern, in denen sie in Hinterpommern während ihrer Dienstverpflichtung nach dem Abitur untergebracht waren, vor den heranrückenden Russen nach Westen geflüchtet waren, hatte ich während der Zeit von Anfang März 1945 bis zu unserer Vertreibung aus Belgard im Januar 1946 außer zu Marie-Luise Beilfuß, die mich in den ersten Märzwochen mit ins Krankenhaus nahm, nur noch einmal im Sommer 1945 Kontakt zu Magdalene Nest, die damals bei einem Polen in einer Gärtnerei arbeitete. Meine Mitschülerin Barbara Dumjahn war mit Mutter und Geschwistern nach ihrer Flucht, welche die Familie nach Mecklenburg führte und der anschließenden Rückkehr nach Hinterpommern, in Naffin bei Belgard gelandet, denn der Versuch, wieder in ihrem eigenen Haus in der Kleiststraße in Belgard unterzukommen, war aufgrund der dort mittlerweile lebenden Polen gescheitert. So arbeitete Bärbel bei den Russen auf dem Gut der Familie Wilde in Naffin, ohne daß ich von ihr wußte. Ihre Mutter Frau Dumjahn kam im Sommer 1945 mit der kleinen Tochter Gunhild an der einen und einer Kanne Milch für uns in der anderen Hand zu Fuß zu uns in die Marienstraße gelaufen. Meine Mutter weinte vor Rührung, als sie mir abends nach der Arbeit davon berichtete. Bärbel hat mir viel später bei einem Klassentreffen in den achtziger Jahren erzählt, daß meine Mutter damals Frau Dumjahn ein Sommerkleid von mir für Bärbel mitgab, als sie hörte, daß Bärbel nach der Flucht nur noch ein einziges Kleid besaß. Da mein Verdienst bei Janek Klimkiewicz nur 45 Zloty pro Woche betrug und damit gerade ausreichte, um in der Bäckerei drei "Schweinsohren" zu kaufen, wurde unser Lebensunterhalt währenddessen von meiner Mutter verdient, indem sie für die Polen in unserem Haus die Wirtschaft führte. Besonders die Feiern der Familie Sabrotzki waren uns ein Greuel, nach denen am Morgen die abgenagten Knochen unter dem Tisch lagen und der Hund über die Tasten des Klaviers laufen durfte. Aus dieser Zeit habe ich nur wenige Erinnerungen an das häusliche Leben mit meiner Familie, da ich den ganzen Tag über in der polnischen Sattlerei in der Kämpenstraße beschäftigt war. Ich weiß aber sicher, daß meine Mutter das gesamte Jahr 1945 das Haus nicht verließ. So erledigte meine Großmutter Elfriede, deren Gelenkrheumatismus sich wieder etwas gebessert hatte, oft von meiner Schwester Anneliese begleitet alle äußeren Angelegenheiten, mochte es sich um Einkäufe, Behördengänge oder um den Verkauf von Wertgegenständen handeln, denn wir mußten nach und nach unser Silberzeug und andere versteckte Wertsachen verkaufen. Dabei wandte sich meine Großmutter an eines der zahlreichen polnischen An- und Verkaufgeschäfte, die sich mittlerweile in unserer Stadt ausgebreitet hatten, so auch an der Südost-Seite des Marktplatzes in einem ehemaligen Korsettgeschäft bzw. im Laden eines deutschen Uhrmachers. Anneliese besorgte das Holen der Suppe von dem in der Familie Sabrotzki verkehrenden Russen Mischa, der in unserer nun vom russischen Militär belegten Oberschule als Koch und Zahlmeister sein Refugium hatte.
"Artikel
XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, daß die Überführung
der deutschen Bevölkerung aus Polen 'in ordnungsgemäßer
und humaner Weise' erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen
war jedoch eine völlig andere. Mit sowjetischer Zustimmung dehnte
die polnische Regierung den Begriff 'Polen' dabei auch auf die ihrer Verwaltung
unterstellten Oder-Neiße-Gebiete aus. Als die Westmächte Kenntnis
von der Vertreibung erhielten, konnten sie eine kurzzeitige Unterbrechung
erreichen, hatten aber aufgrund der Haltung der Sowjetunion auch danach
keine Möglichkeit, Polen zur Einhaltung der in Potsdam vereinbarten
Bestimmungen zu zwingen." [Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.):
Informationen
zur politischen Bildung Nr. 267,
Schließlich erreichten wir kurz hinter Stettin den Bahnhof von Scheune, dem Grenzort zur damaligen sowjetischen Besatzungszone, wo wir dann endlich aufatmen und die eiskalten Viehwaggons der Polen verlassen konnten, um in einem deutschen Personenzug bis Anklam weiterzufahren. Dort saßen wir zunächst im Wartesaal, wo man uns sagte, daß wir entlaust werden und vom Bahnhof aus direkt in ein Notaufnahmelager kommen sollten. Um mir und meiner Familie das Lagerleben zu ersparen und möglichst schnell bei unserer Verwandtschaft unterzukommen, versuchte ich mit Hilfe eines abgelaufenen Studentenausweises von meinem Zahnmedizinstudium in Greifswald während des letzten Kriegsjahres und unter dem Vorwand, daß ich aus dieser Zeit dort noch ein Zimmer habe, für uns eine Fahrkarte in die Universitätsstadt zu lösen - und es gelang mir zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich, das Herz des gutmütigen Schalterbeamten zu erweichen, der uns als gerade erst aus dem Osten eingetroffenen Vertriebenen die Weiterreise eigentlich überhaupt nicht hätte ermöglichen dürfen. So landeten wir nach einer erneuten Bahnfahrt bei der Familie meines Großonkels Ernst Lawin in Greifswald - schwer traumatisiert und dabei einerseits froh, nun endlich den Übergriffen der Polen entkommen und hinter der Oder in Sicherheit zu sein, andererseits jedoch entsetzt über die Verständnislosigkeit unserer jetzt ausgesprochen unfreundlichen Verwandten und ihre Weigerung, uns länger als eine Woche in ihrer doch recht großen Wohnung zu beherbergen (sie hatten hier allerdings bereits Flüchtlinge aus Ostpreußen aufnehmen müssen). Es handelte sich um die Familie des jüngsten Bruders meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich geb. Lawin aus Viverow, pensionierter Konrektor einer Greifswalder Schule, in dessen Haus ich während meines Studiums 1944 gern gesehener Gast war, und für dessen Familie ich von jeder Fahrt nach Hause Butter und andere, im letzten Kriegsjahr rare Lebensmittel aus Hinterpommern mitbrachte. Er konnte sich jedoch gegen seine zweite, erheblich jüngere Frau nicht durchsetzen, die uns samt ihrem etwa zehnjährigen Sohn den Aufenthalt in Greifswald unerträglich machte. So kam zu all den Schikanen der Polen, denen wir in Belgard und während der Vertreibung aus der Heimat ausgesetzt waren und welche meine Mutter und Großmutter naturgemäß viel tiefer verletzten als mich Zwanzigjährige, die Unduldsamkeit der Greifswalder Verwandten, bei denen wir erst einmal Unterschlupf zu finden gehofft hatten. Deshalb siedelten wir bereits Anfang Februar zu Else Gerboth - einer Cousine zweiten oder dritten Grades meines Vaters, mit der wir über die Vorfahren Mohr meiner Großmutter Elsbeth Maaß; verwandt waren - nach Halle an der Saale in die Lutherstraße 74 über, wo wir trotz ihrer bereits übervollen Wohnung herzlich aufgenommen wurden. Nach einigen Wochen bekamen wir in Halle eigenen Wohnraum zur Untermiete bei Fräulein Dr. Körner in einer Altbauwohnung im Haus "Am Kirchtor 28" zugewiesen - zwei Zimmer mit Küchen- und Toilettenbenutzung sowie ein unbenutzbares Badezimmer. Hier waren insbesondere meine Mutter und meine Großmutter froh, wieder einmal für sich allein sein zu können, meine bei Kriegsende erst zwölfjährige Schwester Anneliese konnte nun endlich wieder zur Schule gehen und ich selbst besuchte einen sogenannten Neulehrerkurs in der Klosterschule in Halle, welche damals zur Behebung des eklatanten Lehrermangels in den meisten Regionen der damaligen sowjetischen Besatzungszone angeboten wurden. Anschließend unterrichtete ich an der Schule in Nehlitz und später im benachbarten Nietleben bis zu meiner Übersiedelung nach Westdeutschland 1955. Auch meine Mutter fand ganz allmählich wieder in ein geregeltes Leben zurück, das man aber noch lange nicht als normal bezeichnen konnte. Da war einmal das finanzielle Problem: Außer den 3000 Reichsmark, die in Annelieses Leibchen eingenäht der Plünderungen durch die Polen während der Vertreibung entgangen waren, verfügten wir über keinerlei Geldreserven. Später bekam meine Mutter eine winzige Rente in Höhe von 90 Reichsmark, die bis 1955 nie erhöht wurde, jedoch keine Hinterbliebenenrente für ihren vermißten Ehemann, welcher als Offizier der Deutschen Wehrmacht und somit Teilnehmer am Krieg gegen die Sowjetunion aus Sicht des SED-Regimes jegliche Versorgungsansprüche verloren hatte. Nachdem ich ab September 1946 ein Lehrergehalt (vielleicht Maikäfer flieg
Dein Vater ist im Krieg Die Mutter ist in Pommerland Pommerland ist abgebrannt Maikäfer flieg
Die damals unverzichtbaren Bezugsscheine für das Notwendigste, was man zum Überleben brauchte, waren nur schwer zu bekommen; einige Möbelstücke stellte uns unsere Vermieterin Fräulein Körner zur Verfügung. Das Schlimmste jedoch war, daß die Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten nicht die nötigen Kalorien liefern konnten. Denn meine Mutter und meine Großmutter hatten als "Nichtarbeitende" lediglich die sogenannte "Friedhofskarte" (Karte 5), während Anneliese als Heranwachsende und ich als Lehrerin in der Ausbildung ein bißchen besser gestellt waren. Ohne Verwandtschaft auf dem Lande wie in Belgard und ohne jegliche Wertgegenstände, mit deren Hilfe man Lebensmittel bei den Bauern der Umgebung hätte eintauschen können, war für Heimatvertriebene wie uns das Leben in den ersten Nachkriegsjahren kaum zu bewältigen. Dazu kam der Kohlenmangel und die kalten Winter der ersten Nachkriegsjahre. Auf meiner Mutter lag zu dieser Zeit natürlich die größte Last; sie mußte vor den Geschäften nach den bewirtschafteten Lebensmitteln und eventuellen Sonderzuteilungen anstehen und hielt fortwährend nach Dingen Ausschau, die den Hunger besänftigen konnten, oder sie versuchte im Winter mit der wenigen Braunkohle das Wohnzimmer auf zumindest 15 Grad zu erwärmen. Ich selbst war in diesen halleschen Jahren zunächst für ein Jahr als Lehrerin in Nehlitz im Saalkreis, danach bis 1955 an einer Schule in Nietleben und kam so nur am Wochenende zu meiner Familie nach Halle.
Meine erste Lehrerstelle nach der Übersiedelung aus der DDR im Jahre 1955 und einem "Nachstudium" am Pädagogischen Institut in Weilburg an der Lahn trat ich im Rheingau in dem kleinen Ort Kiedrich unweit von Wiesbaden an. Der bekannte Weinort lag nur sieben Kilometer von Hausen vor der Höhe entfernt, wo mein Ehemann Friedrich Gürge, der bereits 1954 aus der DDR geflohen war, seit einem Jahr an der einklassigen Volksschule unterrichtete und wir gemeinsam in der Lehrerwohnung im Schulhaus wohnten. So war ich froh, daß ich nach längerem Suchen und zahlreichen Bewerbungen schließlich diese Stelle in der Nähe unseres Wohnortes gefunden hatte. Der ausgesprochen freundliche Schulrat des Rheingaukreises erklärte mir bei der Einstellung jedoch, daß ich nur vorübergehend an der Schule in Kiedrich arbeiten könne, weil in dem überwiegend katholischen Ort auf Dauer nur eine der Lehrerstellen mit einer evangelischen Lehrkraft
Nun lernte ich endlich die praktische Schularbeit im Westen kennen, nachdem mich das "Nachstudium für Sowjetzonenlehrer" am Institut für Lehrerbildung des Landes Hessen mehr oder weniger theoretisch darauf vorbereitet hatte. "Kinder sind überall Kinder!" dachte ich, doch auch im zwischenmenschlichen Bereich war hier manches ziemlich anders. "Sie werden die große Unruhe noch spüren," sagte der Rektor der Schule bei der Vorstellung zu mir, "der Wein rauscht hier in den Köpfen!" Ich kam allerdings recht gut mit diesen fröhlichen, aufgeschlossenen Menschen - Kinder wie Eltern - zurecht. In den zwei Jahren meiner Tätigkeit in Kiedrich gewann ich Einblick in das religiöse sowie in das profane Leben meiner westdeutschen Mitmenschen. Denn in meiner Heimat Pommern, einer rein evangelischen Provinz des Deutschen Reiches, und in der 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Belgard, in der ich aufgewachsen war und bis zu meinem 20. Lebensjahr gelebt hatte, stellte der Bau einer Kirche für die kleine katholische Gemeinde unserer Stadt in den zwanziger Jahren fast eine Sensation dar - und in der Großstadt Halle in der DDR, wo wir nach der Vertreibung aus der Heimat durch die Polen 1946 zunächst zehn Jahre gelebt hatten, spielten konfessionelle Unterschiede damals keine Rolle. Hier in dem kleinen westdeutschen Weindorf unweit des berühmten Kloster Eberbachs aber war der Katholizismus auch weiterhin das bestimmende Element. Weil mir anfangs das Ambiente meines Dienstortes doch sehr fremdartig erschien, suchte ich Kontakt zu meinem evangelischen, aus Berlin stammenden Kollegen Dietrich Seydel, durch den ich auch bald seine Frau Nora (genannt Nori oder Nuscha) kennenlernte. So war die Familie Seydel mit den zwei reizenden Kindern Bernd und Tina in den Jahren 1957 bis 1959 eine häufige Anlaufstelle für
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| Eleonore Gürge geb. Maaß | |||||||||||||||||||||||||
[zuletzt aktualisiert am 07.09.2010 - wird kontinuierlich erweitert und fortgesetzt] => zu den Erinnerungen Teil 1 - bis 1944 => noch mehr Erinnerungen - Photoalbum ab 1946 |
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