Letzte Feldpostbriefe von Erwin Maaß 1945
Die letzten Briefe meines Vaters Erwin Maaß (12.3.1897-6.3.1945) an seine Familie aus der Zeit von Januar bis März 1945, als die Russen bereits in Pommern standen. Nachdem er bereits am Ersten Weltkrieg als Gefreiter (Verdun, Arras, Flandern) teilgenommen hatte, diente mein Vater im Zweiten Weltkrieg zuletzt als Oberzahlmeister (Leutnant der Reserve) beim 1. Bataillon des Auffrischungs-Regiments 59. Als seine
Erwin Maaß 1943
Einheit während der Abwehrkämpfe mehrfach verlegte wurde (Hammerstein bei Neustettin, ca. 70 km südöstlich von Belgard, Tempelburg am Dratzig-See, ca. 50 km südlich von Belgard), konnte er einige Male, so etwa am 15.1.1945, bei uns in Belgard an der Persante kurz Station machen. Ende Februar versuchte er sich mit einer von ihm geführten Gruppe versprengter Wehrmachtsangehöriger und Zivilisten, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, von Hammerstein aus über Belgard an die Ostsee durchzuschlagen. In Degow kurz vor Kolberg wurde er am 5. März 1945 mit seinen Kameraden von den Russen überrollt und bereits einen Tag später auf dem Weg in die Kriegsgefangenschaft von einem russischen Bewacher aus der Marschkolonne herausgegriffen und erschossen. Diese Feldpostbriefe aus den letzten Monaten seines Lebens begleiteten meine Mutter Bertha Maaß über die Vertreibung aus der Heimat 1946 bis nach Mittel- und Westdeutschland. Nach ihrem Tod fanden sie sich in ihrem Nachlaß. Wie oft mag sie diese betrachtet und in ihnen gelesen haben!
Eleonore Gürge geb. Maaß



Feldpostbrief Erwin Maaß vom 16.01.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 21.01.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 24.01.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 25.01.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 27.01.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 01.02.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 15.02.1945

Feldpostbrief Erwin Maaß vom 05.03.1945


Erinnerungen Johannes Runge vom 08.02.1945

Erinnerungen Johannes Runge vom 05.03.1945


Mitteilung Gertrud Meyer vom 21.09.1947

Mitteilung Gertrud Meyer vom 29.01.1950

Mitteilung Herbert Fiss vom 01.07.1950

Mitteilung Herbert Fiss vom 01.04.1951






Hammerstein, 16.1.45

Liebes Bertchen!

Gestern bin ich gut in Hammerstein angekommen. Ich habe hier einen ähnlichen Auftrag wie zur Zeit von Stettin nach Libau. Voraussichtlich bin ich noch bis zum 30. ds. Mts. hier und denke noch mal in der Zwischenzeit nach Köslin und wenn auch nur für ein paar Stunden zu Dir zu kommen. An sich ist es hier ähnlich wie in Krakow, nur recht ungemütlich kalt, da die ganze Anlage wohl in erster Linie für den Sommerbetrieb eingerichtet ist. Heute Nacht hat es feste gefroren, hoffentlich ist unserer Wasserleitung nichts passiert und Dir dadurch Ärger gespart geblieben.

Ich will nun vor allem hoffen, daß sich Anneliese schon wieder auf dem Wege zur Besserung befindet. An sich machte sie ja auch gestern, als ich sie sah, keinen schlechten Eindruck. Sie ist ja eigentlich ein recht geduldiger Patient.

Sehr gespannt bin ich ja, was Lore nun erleben wird, wenn es wirklich zu dem Einsatz bei Siemens kommt. Wundern wird sie sich wohl über die Arbeitszeit. Zum Glück hat es nun wohl auch nicht mehr geschneit, so daß Du von der Arbeit mit der Straße verschont bleibst. Aber bei dem Haus ist es ja so, daß sich immer wieder neue Schwierigkeiten ergeben.

Für heute genug, ich will diesen Brief noch direkt zur Bahn bringen, weil ich denke, daß er Dich unter Umgehung des Dienstweges einen ganzen Tag früher erreicht.

Bleibt nur alle frisch, besondere Grüße an die beiden Patienten Omi und Anneliese. Lore wünsche ich für die neue Arbeit alles Gute.

Sei Du recht herzlich gegrüßt und geküßt von

Deinem Erwin*

Abs. E.M. Hammerstein 4
Aufstellungsstab Major Waldstein
Auffrischungs-Regiment







21.1.45 Hammerstein

Liebes Bertchen!

Dem mir neulich am Fernsprecher angekündigten Brief habe ich bis heute noch nicht bekommen. Nach den letzten Nachrichten aus dem Osten war hier heute früh ein leichter Wirr-Warr, der sich aber inzwischen im Laufe des Tages geklärt hat. Ich bin heute früh zu einer Alarmeinheit gekommen, so daß ich wohl kaum in Kürze zu Hause sein werde, bleibe aber voraussichtlich in Hammerstein. Es ist ja nun wohl etwas brenzlich geworden, da heißt es nun doppelt die Ruhe bewahren. Hoffentlich kümmert Ihr Euch dort nicht zu viel um dumme haltlose Gerüchte.

So schlecht ausgestattet wie hier bin ich eigentlich noch nie gewesen, das kommt aber daher, daß ich hier einen anderen Verwendungszweck bekommen habe, als anfangs vorgesehen war. Wenn ich gewußt hätte, daß ich hier ein Btl. übernehmen soll, hätte ich mir von Köslin viel mehr Handwerkszeug mitgebracht. Dazu sind die Baracken nicht recht warm zu bekommen und auch wenig sauber.

Ich will heute Abend versuchen, Dich nochmal anzurufen. Hoffentlich geht es Anneliese inzwischen besser und fühlt sich Lore bei ihrer Arbeit wohl. Na ich werde es ja von ihr selber erfahren. Nach allem was ich so höre, möchte ich Dir empfehlen mit Deinem Heizmaterial recht sparsam umzugehen. Wie die Versorgung im laufenden Jahr wird, rosig kann ich es mir nicht vorstellen und wenn die Sonne auch schon höher steigt, so ist doch deshalb der Winter noch nicht zu Ende.

Also für heute genug. Lebt alle wohl und seid vielmals gegrüßt.

Dir einen lieben Kuß

Dein Erwin*

Hoffentlich bekommst Du nicht in nächster Zeit noch mehr Evakuierte. Ich fürchte Heinz dürfte bald dran sein. An Omi besondere Grüße. Die Fernsprecher waren gestern für Privat gesperrt.







Hammerstein 24.1.45

Liebes Bertchen!

Nun bin ich doch noch in Hammerstein. Es war so dicht daran, daß wir mitten aus unserer Arbeit zum Einsatz nach dem Osten kamen. Gott sei Dank hat sich die Lage ja wohl gefestigt. Hoffentlich habt Ihr Euch zu Hause durch die wahren und andererseits übertriebenen Nachrichten nicht zu sehr aufgeregt. Hier soll es schon in der Stadt reichlich nervös gewesen sein, da die Abmarschbereitschaft schon von der Bevölkerung als Abmarschbefehl aufgefaßt worden war. Ich selbst bin in den kritischen Tagen aus dem Lager nicht rausgekommen. Du wirst Dir ja denken können, daß ich mal wieder besonders reichliche Arbeit habe, die mir an sich ja Freude macht und mir in großen Zügen nicht mehr neu ist. Erschwerend wirken sich hier besonders die mangelhaften und kalten sowie recht primitiven Geschäftsräume aus. Ich habe nun aber wenigstens ein für hiesige Verhältnisse gutes und auch leicht warm zu kriegendes Quartier. Ich muß mich bloß selber drum bemühen, daß ich Brennmaterial rankriege. Neulich habe ich im Casino auch Paul Kupfer und Lehrer Gutschke aus Gr. Satspe getroffen. Beide sind stolz darauf, seit Kriegsbeginn auf demselben Büroschemel und dem gleichen Quartier zu sein. Sie gehören also zu den wenigen Leuten, die die Stellung restlos gehalten haben. Auch Stepke, der Schwiegersohn von der Valeska Nath, ist seit Kriegsbeginn hier.

An sich ist es ja ganz auszuhalten. Das Lager liegt mitten in einem Wäldchen und ist der Weg zu den Mannschaftsbaracken bei dem Schnee und Rauhreif jetzt besonders schön, nur war es ein paar Tage recht kalt.

Von Dir habe ich nun immer noch keinen Brief. Ich habe auch noch ein paarmal versucht zu telefonieren, leider aber ohne Erfolg, da Privatgespräche nicht zugelassen werden. Unter den heutigen Umständen weiß ich nun garnicht wie es bei Euch zu Hause aussieht und will hoffen, daß es Euch allen den Umständen nach gut geht und besonders, daß sich Anneliese inzwischen schon recht weit auf dem Wege zur Besserung befindet.

Ich habe mir das mit den Waffen überlegt und muß Dir sagen, daß ich es für am richtigsten halte, wenn Du sie ohne Rücksicht auf Heinz anmeldest, soweit sie meldepflichtig sind.*

An ein kurzes Nachhausekommen ist zur Zeit nicht zu denken, da wir immer noch in erhöhter Alarmbereitschaft liegen und Urlaub sowie Dienstreisen verboten sind. Es sollten ja nun auch Briefe verboten sein und nur noch Postkarten zugelassen werden, was aber scheinbar schon wieder in Bezug auf Feldpostbriefe gelockert worden ist. Diese Auskunft habe ich jedenfalls von der Post in Hammerstein durch eine Ordonanz bekommen. Ich will nur hoffen, daß dieser Brief nicht etwa liegen bleibt, werde aber sicherheitshalber zwischendurch eine Postkarte an Dich senden.

Sollte in den nächsten Tagen von hier ein LKW nach Kolberg fahren, so würde ich einen Brief an Dich mitgeben und Dich bitten mir ein paar fehlende Sachen mitzusenden.

So, liebe Mutti, nun für heute genug, ich muß rüber ins Nordlager, fast eine halbe Stunde Weg. Bleibt mir alle munter, ich bin in Gedanken sehr viel bei Euch.

Viele Gruße an alle, Dich umarmt und küßt recht innig

Dein Erwin*

Aufstellungsstab Waldstein
Hammerstein Kreis Schlochau 4


* Bei den Waffen handelte es sich um die Jagdgewehre meines Großvaters Bernhard Maaß, die nach dem Tode seinem Sohn Heinz zugesprochen wurden und welche dieser - ebenso wie einige weitere Erbstücke - bei uns in seinem Elternhaus in Belgard zurückgelassen hatte.







Abs.: E. Maaß Ob.Zhlm.
Aufstellungsstab Waldstein
Hammerstein Krs. Schlochau 4

25.1.44  [gemeint ist hier 1945]

Liebes Bertchen!

Da es fraglich ist, ob Dich mein letzter Brief infolge der Sperre erreicht, sende ich Dir heute die Karte. Hoffentlich seid Ihr alle den Umständen nach wohlauf. An sich kann ich Dir von mir nichts Neues berichten. Ob und wann ich nach Köslin zurückkomme, ist unter den heutigen Verhältnissen ganz unbestimmt. Wenn ich von hier woanders eingesetzt werden sollte, so sind von mir in Köslin in einem verschlossenen Schrank auf dem Flur noch meine Sachen, die Du eventuell abholen lassen könntest, durch den Jungen mit Lore. 2 Koffer und ein Kleidersack. Die Sachen stehen beim Stab der Fahr.Ers.Abt. 2 im Flur in einem blauen Schrank. Ich würde dann aber nochmal extra schreiben.

Leider weiß ich nun garnichts von Euch, da bisher Post nicht gekommen und telefonieren unmöglich ist. Bleibt alle munter und seid herzlich gegrüßt.

Dir einen lieben Kuß

Erwin







27.1.45

Liebes Bertchen!

Nun ist schon gepackt u. in ein paar Stunden marschieren wir im Fußmarsch ab. Ich gehe mit dem Alarm-Btl. raus und denke, daß schon alles gut ablaufen wird. Nun kann ich Dir nicht mehr schreiben, wo ich mich befinde, da ich bei der kämpfenden Truppe bin. Vorläufig bleibe ich aber noch in Eurer Nähe und wirst Du ja laufend von mir hören d.h. wenn die Post befördert wird. Leider weiß ich ja nun garnicht wie es Euch allen geht, da ich bisher keine Post habe, das geht aber den meistens Leuten hier so. Zum Teil sind die Angehörigen schon evakuiert. Es ist alles recht bitter, aber ich denke es muß schon schief gehen.

Arbeit ist dauernd u. reißt nicht ab. Das ganze ist ein wilder Haufen, aber ich denke wenn erst alles auf dem Marsch ist wird schon eine Klärung u. Zusammenhalt kommen.

Bleibt nun alle munter, so oft ich kann werde ich mich melden.

Liebe Grüße an Omi, Lore Anneliese u. alle Bekannte.

Dich liebes Bertchen umarmt u. küßt recht innig

Dein Erwin







1.2.44 / 12 mittags Donnerstag  [gemeint ist hier 1945]

Liebes Bertchen!

Ich bin gesund und in der Nähe von Tempelburg. Aus dem Kessel bin ich mit meinen 85 Fahrzeugen gut herausgekommen. Seit dem Ausmarsch habe ich mich beritten gemacht und habe mir die Grenzmark angesehen. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag habe ich mir eine kleine Erfrierung der Nasenflügel und des linken Ohrläppchens geholt, die Sache ist aber harmlos.

Wie mag es Euch nun gehen? Ich habe schon lange nichts mehr gehört. Diesen Brief will ich jemand mitgeben, der das Dorf verläßt, hoffentlich erreicht er Dich. Eine Feldpostnummer haben wir in der Eile noch nicht bekommen, daher kannst Du mir vorläufig auch nicht schreiben. Da ich die ganze Bagage in Fällen wie den heutigen selbstständig zu führen habe, fehlt es an Arbeit und Ärger nicht. Dazu kommen die Anstrengungen des Marsches und die Wirkung der frischen Luft. Ich bin hundemüde und will jetzt auf Vorrat schlafen.

Hoffentlich seid Ihr alle den Umständen gemäß gesund und munter. Hoffentlich stagniert die ganze Sache, so daß Euch unangenehmes erspart bleibt. Grüße Omi und die Kinder recht schön und sei vielmals umarmt und geküßt

von Deinem Erwin







Zur Situation der Einheit meines Vaters Anfang Februar 1945 (Donnerstag, 8.2.1945) schreibt der Belgarder Kaufmann Johannes Runge (1906-1993):

"Während wir noch dabei waren, uns auszurüsten, brachen die Russen bei Schneidemühl durch, das nicht sehr weit von Hammerstein entfernt liegt. Das Regiment war nicht fertig, die drei Bataillone, zu denen ich als Kompanieschreiber gehörte, wurden nachts nach Süden in Marsch gesetzt, natürlich zu Fuß. Ich sehe uns noch im tiefen Schnee neben unseren Gefechtswagen, die mit Pferden bespannt waren, einherstapfen. Es war bitter kalt und nach dem Marsch waren fast alle Hauptfeldwebel mit Erfrierungen ausgefallen. Wir kamen bis Flatow, an der früheren polnischen Grenze. Dort ‚im Raume Flatow-Jastrow' wurden unsere drei Bataillone zusammen mit der 15. lettischen SS-Division von den Russen eingekesselt und ziemlich zu Schanden gemacht. [....]

Unser Rückzugsweg ging an einem kleinen Waldstück vorbei, der Weg und das Wäldchen lagen unter schwerem Maschinengewehr- und Granatwerferfeuer. Nachdem wir die Pferde vor unserm Wagen verloren hatten, sprangen wir in wilder Flucht in das Wäldchen, in dem blau der Pulverdampf stand. Überall lagen Tote, die Geschosse sirrten durch die Bäume. Ich hatte eine schreckliche Angst, nie in meinem Leben habe ich mich so schnell zu Boden geworfen wie hinter jeden Baumstamm. Irgendwie kam ich ohne Schaden heraus und traf zwei Mann von unserem Haufen, die auch davongekommen waren. Ich hatte nur noch eine Pistole; Gewehr und sämtliches Gepäck war weg. Wir trotteten durch den Wald, kamen auf einen Weg, wo russische Werfer 'Stalinorgeln' in eine Kolonne hineingehalten hatten: es war grauenvoll. Gegen Abend überschritten wir auf einer Notbrücke einen Fluß und erreichten die kleine Stadt Landeck. Sie lag unter feindlichem Artilleriefeuer und brannte überall. Wir fanden eine Unterkunft in einem Keller [....].

Am sehr frühen Morgen brachen wir nach hinten aus, verließen Landeck und schlugen uns durch den Wald. [....] Wir hatten Glück und begegneten niemandem. Dafür trafen wir am dritten Tag auf eine Chaussee und bald darauf unseren Zahlmeister [Erwin Maaß]. Wir wurden gern in Empfang genommen, ich wurde wieder Kompanieschreiber; aus den drei Bataillonen hatte man mit Mühe ein neues zusammengebaut. Der Bataillonsführer war gefallen."

In: Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter 1945. Band IV, 6. bis 14. Februar 1945. München 1999, S. 196-197.







15.2.45

Liebes Bertchen!

Wenn ich Dir auch keine Feldpostnummer ansagen kann, so kannst Du doch versuchen mir an folgende Anschrift zu schreiben:

Einheit Rohde (Herwig)
Hammerstein bei Neustettin

Von dort soll unsere Post abgeholt werden, ob es klappen wird ist allerdings eine andre Frage.

Ich habe nun gestern mein Btl. wieder nach vielen Irrfahrten erreicht. Es ist allen sehr schlecht gegangen und ich habe mit meinem Troß besonderes Glück gehabt, daß ich auf eigene Verantwortung losmarschiert bin. Bis auf einen Hund habe ich alles durchgebracht, na unberufen. Ich bin gesund und habe nun kräftig zu tun, um nach 14tägiger Rundreise durch Süd-Pommern meinen ganzen Betrieb mit allem Drumm und Drann klar zu kriegen. Es sind doch überall recht blöde Zustände.

Hoffentlich seit Ihr alle munter und kann ich bald von Euch hören. Man weiß ja nur niemals genau, ob die Post wirklich befördert wird.

Euch allen recht herzliche Grüße und Dir einen besonders lieben Kuß

Dein Erwin

Hast Du 2 Briefe mit Zigaretten bekommen?








5. März 1945

Mein liebes Bertchen!

Nun scheint es aus zu sein. Anscheinend geht es noch heute in Kriegsgefangenschaft. So wie es kommt, muß es genommen werden. Sei tapfer, liebe Frau! Hoffentlich geht bei Euch alles einigermaßen.

Lebt alle wohl. Grüße Omi, unsere beiden lieben Mädel und sei Du in Liebe umarmt und geküßt von

Deinem Erwin







An diese vermutlich letzten Tage meines Vaters Anfang März 1945 erinnert sich auch der Belgarder Kaufmann Johannes Runge (1906-1993), damals Kompanieschreiber in der Einheit meines Vaters, auf Seite 131 bis 133 seiner 1965 niedergeschriebenen und 1985 veröffentlichten Erinnerungen und Gedanken. Ein Leben im 20. Jahrhundert:

"[....] ich [....] saß [....] mit dem sogenannten Gefechtstroß in einer Siedlung mitten im Walde, die aus weit verstreuten Einzelgehöften bestand. Von hier aus versorgten wir die weiter vorn eingesetzte Truppe mit Lebensmitteln und warmen Essen. Ich bin da mehrere Nächte mit einen Gaul vor einem Ackerwagen mutterseelenallein nach vorne gefahren. Rund herum brannten die Dörfer, ab und zu pfiff ein Schuß, man zog unwillkürlich den Kopf ein. Als ich eines Tages frühmorgens zurückkam, erfuhr ich, daß das Gehöft, von dem ich abends aufgebrochen war, inzwischen von den Russen 'erobert' worden war. [....] Da entschloß sich der Führer unseres komischen Haufens zum Aufbruch. Es war der Zahlmeister Erwin Maaß, in Zivil Kolonialwarenhändler in Belgard, mein einziger Landsmann in der Truppe. Wir waren im ganzen etwa 80 Mann, Köche, Schreiber, Pferdeführer und ein Oberfeldarzt, 20 Pferde und zehn Wagen. Zusammen hatten wir höchstens zehn Gewehre und Pistolen. Wir machten uns also schlicht auf den Weg, und es war wirklich hohe Zeit. Jede Nacht hörten wir in unserer Nähe die russischen Panzer rasseln. Wir kamen morgens durch Neustettin, die Russen am Mittag, gleichzeitig waren sie aber auch an unserer rechten Seite. Wir marschierten auf der linken Seite der Bahnstrecke Neustettin-Belgard-Kolberg, die Russen auf der rechten Seite, aber auch hinter uns. Über Gramenz ging es nach Drenow, von dort aus konnte ich nach Hause anrufen, es waren nur noch 15 km bis Belgard. Da schwenkten wir nach Westen ab und machten in Battin, zwischen Schivelbein und Belgard Rast. Erwin Maaß, der uns mit Glück und Geschick geführt hatte, war ein kluger Kopf. Er wußte, daß in Belgard eine Versprengtensammelstelle war, und die wollte er vermeiden. Denn er befand sich mit seiner merkwürdigen Truppe bereits weit außerhalb der Legalität. Erwin Maaß fuhr mit unserm einzigen Motorrad nach Belgard; als er wiederkam, ließ er mich rufen und sagte: 'Runge, in Belgard ist alles hysterisch, schnappen Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie hin!' Urlaub für 24 Stunden! Mit diesem Urlaub rückt Erwin Maaß in die Liste meiner Lebensretter ein. Ich kehrte nicht zurück, 24 Stunden waren zuviel für die Russen. Maaß und seine Leute sollen an der Straße zwischen Körlin und Plathe, als sie sich weiter nach Westen abzusetzen versuchten, von den Russen überrascht worden sein. Man hat nichts mehr von ihnen gehört.

[....] Am Montag oder Dienstag wagten wir uns in die Stadt und nahmen unsere verlassene Wohnung wieder in Besitz. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie durchsucht und verwüstet vorzufinden. Da wir fast überall die Schlüssel hatten stecken lassen, waren nur wenige Schränke aufgebrochen, aber alles lag auf dem Fußboden. Wir stellten fest, daß eigentlich noch nichts weg war, nur die Telefonmembranen waren sorgfältig herausgeschraubt, sogar der Rotwein war noch da. Wir brachten alles wieder in Ordnung und hatten nun ständig Besuch von Russen und Polen. Der erste polnische Offizier nahm meine Rolleiflexkamera mit. Außer uns war noch eine Flüchtlingsfamilie, die von weiter östlich gekommen war und etwas polnisch sprach, in der Wohnung. [....]"







Im Jahre 1950 erhielt meine Mutter Bertha Maaß von einer pommerschen Lehrersfrau aus Drosedow / Kreis Kolberg einen Brief, in dem diese berichtete, daß die Einheit meines Vaters im Schulhaus in Drosedow genächtigt hätte und daß sie am nächsten Morgen (5.3.1945) von den Russen gefangen genommen worden waren:


Innien Krs. Rendsburg den 21.9.47

Sehr geehrte Frau Maaß!

Von Frau Rutenberg (Belgard), die auch in diesem Ort wohnt, erfuhr ich zufällig Ihre Adresse und da muß ich an Sie schreiben weil ich noch Briefe von Ihrem Mann bei mir habe. Ob Sie wohl etwas von Ihrem Mann erfahren haben? Jedenfalls kam Ihr Mann am 5. März 1945 (Montag) nachmittags in unserem Wohnort (Drosedow über Kolberg-Pommern) in russische Gefangenschaft. Ihr Mann kam am Montag d. 5. März vormittag in unser Dorf mit ungefähr 100 Mann, der Gulaschkanone u. viel Verpflegung, die Leute wollten sich bis Stettin durchschlagen. Auf dem Schulhof wurde Halt gemacht und Ihr Mann bezog mit 4 Mann bei mir im Schulhaus Quartier, ich habe den Männern auch das letzte Mittagessen gemacht. Die Russen waren schon in allen Dörfern ringsum und an ein Fortkommen der Militärs war nicht mehr zu denken, so warteten die armen Kerle ihr Schicksal ab und wurden nachmittags ungefähr um 3 Uhr von den Russen abgeführt. Ihr Mann gab mir die beiliegenden Briefe die ich Ihnen jetzt erst zustellen kann, außerdem gab mir Ihr Mann noch seine goldene Uhr u. seinen Ring, ich hatte die Sachen mit einigen Sachen von mir eingegraben, leider sind die Sachen alle gefunden und von den Russen mitgenommen worden, es tut mir unendlich leid Ihnen die anvertrauten Sachen nicht zustellen zu können.

Es würde mich interessieren ob Sie irgendwie Nachricht über Ihren Mann bekommen haben oder in völliger Ungewißheit sind, schreiben Sie mir doch bitte mal.

Mit den besten Grüßen

Frau Gertrud Meyer

Bhf. Hausen
Innien Krs. Rendsburg-Holstein







Innien, d. 29.1.50 Krs. Rendsburg (Holstein)

Sehr geehrte Frau Maaß!

Gestern erhielt ich Ihren Brief und will Ihnen auch gleich Nachricht geben. Ich schicke Ihnen die Briefe Ihres Mannes u. meine Zeilen, wie ich dieselben schon vor über 2 Jahren an Sie abgeschickt hatte, der Brief aber als unzustellbar zurückkam. Sie werden aus meinem ersten Brief ersehen, wie ich mit Ihrem Mann bekannt wurde u. zu den Briefen kam, ebenso muß ich Ihnen heute nochmals bestätigen, daß ich die goldene Uhr Ihres Mannes u. auch den Siegelring leider nicht mehr habe, es ist von den Russen alles entdeckt u. fortgenommen worden. Wenn Sie den Einmarsch der feindlichen Truppen erlebt haben, werden Sie verstehen können auf welche Art man seine Sachen verloren hat, und was wir für ein gehetztes, geängstigtes Leben führten. Durch Ihren Brief sind mir die Tage wieder so recht in Erinnerung gekommen, ich bin immer aufs Neue erschüttert, wenn ich an die Gefangennahme der armen Männer (ungefähr 100 Mann) denke, sie wollten so gerne nach Hause, dachten sie kämen auf der Chaussee nach Stettin durch, da kamen die Russen schon in unser Dorf u. alle Hoffnung war verloren. Ich dachte bestimmt, Ihr Mann hätte sich mal gemeldet oder wäre vielleicht schon bei Ihnen, nun höre ich aber daß Sie überhaupt nichts von ihm wissen, das tut mir doch sehr leid. Was ist nur für ein furchtbares Unglück, durch diesen unglückseligen Krieg, über uns gekommen. Ich habe meinen Mann 1943 in Rußland verloren und habe von meinem damals 17jährigen Jungen seit Januar 1945 keine Nachricht, er war in Tütow bei Demmin Luftwaffenhelfer und ist nicht aufzufinden wo die Einheit geblieben ist. Sie können sich meinen Gram denken über soviel zerstörtes Leben. Ich bin froh, daß ich Ihnen endlich die Briefe zustellen kann, wenn sie auch schon 5 Jahre alt sind bedeuten sie Ihnen doch sehr viel und nur gut, daß ich die Briefe so lange aufbewahrte.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Ihr Mann doch eines Tages zu Ihnen zurückkehrt, es würde mich dann Interessieren es zu hören.

Unbekannter Weise grüße ich Sie herzlichst

Ihre Gertrud Meyer







Anfang der fünfziger Jahre schrieb Herr Herbert Fiss aus Bielefeld, Am Bruche 49, der zu der Gruppe der Versprengten meines Vaters Erwin Maaß gehört hatte und mit meinem Vater zusammen in Gefangenschaft geraten war, an meine Mutter Bertha Maaß in Halle / Saale. Er erwähnte einen Russen, der meinen Vater aus der Marschkolonne nach hinten geführt habe und ohne ihn zurückgekommen sei:


Bielefeld, d.1.7.50

Liebe Frau Maaß!

Gestern am 30.6. erhielt ich Ihren Brief. Möchte Ihnen nun folgendes mitteilen was ich genau weiss und jederzeit beschwören kann. Einen andern Kameraden, der ihren Mann so genau während der Zeit gekannt hat, werden Sie nicht finden.

Am 4. März 45 rückte unser Tross in Drosedow Krs. Kolberg ein. Ihr Mann ging ins Dorf um Erkundigungen über die Lage zu holen. Nach einer Weile kam er wieder und meinte, es kann jeder machen was er will denn wir können nicht weiter weil alles besetzt ist. Da er müde und abgespannt war wie alle andern, ging er schlafen. Er hatte sich im Dorf Quartier besorgt. Ich gehe schlafen, morgen sehen wir uns wieder waren seine Worte.

Am 5.3.45 gegen 15 Uhr ging ihr Mann mit ca. 85 Mann in russ. Gefangenschaft. In den Abendstunden hatten wir durch den Marsch schon ein par Dörfer hinter uns. Ihr Mann marschierte vorne in der Kolonne und ich ziemlich in der Mitte bis hinten. Da hatte ihr Mann mit einem russ. Soldaten eine Streiterei und war sehr aufgeregt. Den Grund zum Streit weis ich nicht. Da blieb der Soldat mit ihrem Mann auf der Chaussee stehen und schrie ganz laut, so das ich es im weiter marschieren genau hören konnte ungefähr folgende Worte.

Wenn ihr mich erschiessen wollt, erschiesst mich doch hier auf der Stelle, dazu braucht ihr mich nicht mit nach hinten zu nehmen. Wir gingen weiter und er musste zurück. Allerdings weiss ich nicht wieweit. Aber jetzt kann ichs mir denken. Ich glaube jetzt fest, das ihr Mann Russland nicht mehr gesehen hat. Sonnst hätte er mit seiner Familie im Schriftlichen verkehr gestanden. Als Stabs.Offzr. hätte er auch noch einen kleinen Sold Monatlich bekommen. Wir durften schreiben und bekamen auch Post.

Nun liebe Fr. Maaß mit dieser Sache tragen sich meine Gedanken seit dem 5.3.45. Ich habe es mir damals fest vorgenommen, wenn ich mal nach hause komme, mit ihrem Mann oder seinen Angehörigen in verbindung zu kommen. Mehr kann ich leider nicht sagen und schreiben.

Ich will schliessen.

Mit frdl. Grüssen

Herbert Fiss

Einen schönen Gruss von meiner Schwester.
Sie hatte auch vergebens gelauert.

Ihre Adresse: Fr. Else Albrecht, Bielefeld, Sudbrackstraße 118







1.4.51

Liebe Frau Maaß!

Ihre Karte mit bestem Dank erhalten. Ich war über Fest verreist und habe die Karte daher erst später gelesen. Sonst habe ich Ostern ganz gut verlebt und hoffe von Ihnen dasselbe. Nun noch zu der Sache. Es kann auch der 6. oder 7. März gewesen sein. Den Ort kann ich leider nicht sagen wo Ihr Mann mit dem gewissen R. zurückging. Mit den Jahren vergisst man ja vieles. Auch trafen wir noch den Kutscher Priebe von Hacke. Sonst hat sich alles mit den Worten abgespielt wie ich schrieb.

Es grüsst herzlich

H. Fiss

Gruss von meiner Schwester