Mein Großvater Bernhard
Maaß wurde am 30. Oktober 1867 in Alt-Lülfitz
nordöstlich von Belgard an der Persante als Sohn
des Bauern und Ortsvorstehers Johann
Eduard Leopold Maaß und seiner Ehefrau Ernestine
Luise Maaß geb. Kaske geboren, verließ als junger Mann sein
Heimatdorf und ging für eine Kaufmannslehre nach Berlin zu einem Hoflieferanten
des Kaisers, in dessen Kontor die Angestellten nur mit Cutaway und Zylinder
kamen. Nach Abschluß seiner Lehre kaufte er mit seinem Erbe in der
Marienstraße in Belgard ein Haus, in dem er in den neunziger Jahren
ein Lebensmittelgeschäft einrichtete. Als etwas später das Nachbarhaus
abbrannte, erwarb er das Grundstück und ließ es mit einem Gebäude
im Stil seines ersten Hauses bebauen, so daß die Adresse nun Marienstraße
15/16 lautete. Baumeister war Wilhelm Utech, der Vater des Belgarder Bildhauers
Joachim
Utech, der auch mein Zeichenlehrer
an der Oberschule war. Mein Großvater war ein tüchtiger Geschäftsmann,
der sich nicht scheute, bereits morgens um sechs Uhr in seinem Laden zu
stehen, um die Kunden zu bedienen, die auf dem Weg zur Arbeit bei ihm etwas
kaufen wollten. Andererseits aber brachte er, durch den Aufenthalt in Berlin
dazu befähigt, auch etwas "savoir vivre" nach Belgard, was
sich u. a. an der Einführung von damals in unserer Stadt noch unbekannten
Lebens- und Genußmitteln - etwa Ananas, französische Weine und
neue Kaffeemischungen - zeigte. In dem mittlerweile vergrößerten
Anwesen konnte er bald auch zwei Bierstuben
einrichten. Im Hof des Hauses befand sich eine Ausspannung, die vor allem
für die Kunden aus den umliegenden Dörfern Bedeutung hatte, denn
hier konnten sie - wie auch bei verschiedenen anderen Geschäften der
Stadt - ihre Pferde ausspannen und während des Einkaufs unterstellen.*
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Kolonialwarengeschäft Bernhard Maaß
Anfang des Jahrhunderts,
mein Großvater Bernhard
Maaß auf der Treppe oben rechts
(Aufnahme Dezember 1908 als Ansichtskarte versandt)* |
Bei Fritz Schulze, Redakteur der ehemaligen Belgarder Zeitung ("Presse-Schulze"),
findet man nach dem Kriege im Heimat-Rundbrief Aus dem Lande Belgard,
Nr. 37 / Okt. 1972 auf Seite 3 die Zuschrift eines Belgarders, der seine
Lehre in unserem Geschäft 1914 beendet hatte, zu einer Zeit, als Lehrjahre
noch keine Herrenjahre waren und die Geschäfte vor dem Ersten Weltkrieg
oft noch bis 9 Uhr abends geöffnet hatten, so daß lediglich die
Sonntage der Jugend gehörten: "Lehrlingsausbildung in Belgard
hat sich bewährt. Rundbrief-Leser Karl Beihl in Lübeck schreibt.
'Als Dank für die immer so schönen Belgarder Rundbriefe sende
ich Ihnen ein Foto von dem bekannten Kolberger Merkurhaus a. d. 17. Jahrhundert.
Meiner damaligen guten Ausbildung bei Herrn Kaufmann Bernhard Maaß
in Belgard, Marienstr. 15/16, verdanke ich es, daß ich in diesem Kolberger
Haus 27 Jahre mit großem Erfolg gearbeitet habe.'"
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Nach dem Ersten Weltkrieg: mein Großvater Bernhard
Maaß wiederum auf
der Treppe rechts, vor dem Schaufenster links Albert Manke und rechts
Alwin Ewald aus Pumlow [Aufnahme von Herrn Dietmar Behling
aus Berlin freundlicherweise zur Verfügung gestellt] |
Nachdem dann mein
Vater nach dem Tode seines Vaters Bernhard 1927 einige Jahre als Geschäftsführer
für seine Mutter Elsbeth tätig gewesen war, übernahm er Mitte
der dreißiger Jahre die familieneigene Kolonialwaren-, Delikatessen-
und Weinhandlung als selbstständiger Kaufmann. Die Geschäftsräume
befanden sich im Erdgeschoß des Hauses Marienstraße 15/16,
zwei Bierstuben waren dem Laden angeschlossenen;
an der Hauswand neben den Schaufenstern hingen große emaillierte Blechschilder,
darunter Werbung für "Hildebrand Schokolade & Kakao",
"Kathreiner Malzkaffee", "Liebigs Fleischextrakt", "Bensdorp
Cacao", "Knorr Hafermehl beste Kindernahrung", "Zuntz
geröstete Kaffees", "Kohlstock-Bier"
und auch für "Spratts
Hundekuchen", ein übergroßes Emailleschild mit dem Kopf
eines Bernhardiners (nach einem Entwurf von Hans Lindenstaedt, einem der
bedeutendsten deutschen Gebrauchsgraphiker des frühen 20. Jahrhun-derts),
das mir als Kind besonders gut gefiel. Wir entdeckten dieses Schild 1989
in einem Hühnerstall hinter dem Haus und kauften es auf einer weiteren
Reise nach Pommern im Jahre 1992 einer polnischen
Familie ab, die damals in einer Wohnung des Gebäudes Marienstraße
15/16 lebte. Das Geschäft war bereits
seit langem auf Kaffee, Weine und Spirituosen spezialisiert. Natürlich
führte man auch alle anderen Lebensmittel. Schon mein Großvater
Bernhard Maaß hatte neue Kaffeemischungen hergestellt. Der Rohkaffee
wurde damals in einem Gasröster gemischt und geröstet. Später
schaffte mein Vater einen großen elektrischen Kaffeeröster an.
Ich habe oft davor gestanden und durch eine Glasscheibe die Bewegungen der
Kaffeebohnen in der großen Rösttrommel verfolgen und danach beobachten,
wie der Kaffee in einem großen, offenen Behälter zum Abkühlen
durch ein Rührwerk bewegt wurde. Alle Räume waren dann von herrlichem
Kaffeeduft durchzogen. Wahrscheinlich kam dieser elektrische Kaffeeröster
im Zuge einer Kampagne der Überlandzentrale zur Umstellung von Gas
auf elektrischen Strom in den Laden. Dafür warben auch Transparente
über den Straßen mit der Aufschrift "Belgard kocht elektrisch"
und eine elektrische Illumination des Mükeparks, die mir als Kind besonders
gut gefiel. Im Jahre 1935 wies sogar der Belgarder Poststempel darauf hin.
Im Zuge dieser Umstellung wurden bisher gasbetriebene Geräte wie beispielsweise
Kocher, Waffel- und Bügeleisen während einer gewissen Übergangsphase
kostenlos gegen elektrische Modelle eingetauscht, auch wir bekamen damals
einige Haushaltsgeräte unentgeltlich umgetauscht.*
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Kolonialwarengeschäft Bernhard
Maaß im Jahre 1926 (Mein Vater Erwin
Maaß auf der Treppe oben links) |
Mein Vater handelte auch mit Briketts (en detail) und Brennspiritus. Diese
Geschäfte lagen in den Händen von Herrn Rettig, dem Hofarbeiter.
Im Herbst und Winter wurde auch Wild - Hirsche, Rehe, Hasen und Wildschweine
- verkauft, das an großen Haken unter der Holzgalerie im Hof aufgehängt
war und von Herrn Rettig fachgerecht zerlegt wurde. Das Häuten der
Hasen übernahm unsere langjährige Hausgehilfin Olga, die darin
ebenso wie im Spicken eine große Fertigkeit erlangt hatte. In Hinblick
auf die in unserem Geschäft verkauften Lebensmittel erinnere ich mich
an Artikel von Knorr und Maggi, an Blauband-Margarine (mit einer Zeitung
für Kinder, die bei uns an der Kasse auslag), an Sarotti-, Hildebrand-,
Mauxion-, Hachez- und Cailler-Schokolade, Camembert "Stolper Jungchen",
geräucherte Gänsebrust (Spickbrust), an Teewurst von der Firma
Wilhelm Brandenburg aus Rügenwalde
und Kathreiner Malzkaffee. Senf - bei uns Mostrich genannt - kam von der
Firma Kühne und wurde aus großen grau-blauen Keramikgefäßen
in die von den Kunden mitgebrachten Gefäße gezapft. Ebenso verfuhr
man mit "Kreude", dem schwarz-glänzenden Zuckerrübensirup.
Marmelade gab es lose aus Blecheimern oder als Konfitüre in gedrungenen,
rundlichen Gläsern der Firma Bourzutschky. Nährmittel, Zucker
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Die Rama-Kinderzeitung (Jugendschrift
zur Unterhaltung und Belehrung) gab
es auch bei uns im Geschäft |
und Salz wurde in Säcken angeliefert, vom Personal abgewogen und eingetütet.
Die Salzsäcke waren weiß und hatten einen hellblauen seitlichen
Streifen, sie wurden nach dem Auftrennen als Handtücher in Laden und
Bierstube benutzt. Zigaretten befanden sich in einem etwas höher aufgehängten
Wandschrank, unter dem ein kleiner Holztritt stand. Ich erinnere mich an
die Marken "Eckstein", "R6" und "Muratti Gold".
Meine Mutter rauchte nur Zigaretten mit Goldmundstück und sammelte
für mich die den Packungen beiliegenden Bilderschecks, die ich dann
nach Hamburg-Bahrenfeld zum Zigaretten-Bilderdienst sandte, um dafür
Bilder einzutauschen und die entsprechenden Sammelalben - etwa "Märchen",
"Tiere des Waldes", "Blütenpflanzen" oder "Malerei
der Renaissance" - zu bestellen. Wasch- und Putzmittel gab es damals
noch nicht in dieser Vielfalt wie heute, jedoch sind mir "Persil",
"Sil", "Henko", Kernseife, Seifenflocken und Ata-Scheuerpulver
in Erinnerung geblieben. Zeitweise hatte die Firma Maaß auch eine
Filiale
an der Ecke Lindenstraße / Bahnhofstraße.
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| Das Erdgeschoß 1936 |
Die beiden Bierstuben
lagen rechts neben dem Laden und hatten zwei bzw. drei Fenster zur Marienstraße.
Man konnte sie vom Laden, vom Hausflur und vom Hofgang aus betreten. In
der ersten Bierstube stand eine kurze Theke mit den Bierzapfhähnen,
die vom Keller aus gespeist wurden. In späterer Zeit waren die Zapfstellen
in einer hinter der Theke vom Packraum abgeschlagenen Nische, wo sich auch
das Spülbecken befand. Auf der alten Theke standen von da an Gläser
mit Salzstangen und ähnliches. An einer Seitenwand neben dem Hinterausgang
befand sich ein Schränkchen für verschiedene weitere Utensilien;
in einem Hängeschränkchen lagerten Zigarren. Vom Packraum war
ein schmaler Gang durch Holzplatten abgeteilt, der die benachbarte erste
Bierstube mit dem Ausgang zum Hof verband. In diesem Durchgang stand der
Geschirrschrank. Die Einrichtung bestand aus zwei großen, langen Tischen
mit gepolsterten Bänken und Stühlen aus Holz. Die zweite Bierstube
hatte drei große und einen kleinen Tisch, sowie Sofas und gepolsterte
Stühle mit Armlehnen. Ein Mantelständer und eine Reihe von Haken
für Zeitungen und Zeitschriften, etwa die "Belgarder Zeitung"
oder die "Berliner Illustrierte", vervollständigten die Ausstattung.
Meine Mutter versuchte in den letzten Jahren, die triste Einrichtung durch
Blumen etwas aufzuhellen. Ich habe für die kleinen Keramikvasen im
Sommer oft Wiesenblumen gepflückt. An Getränken
gab es Bier vom Faß - u.a. Dortmunder Unionsbräu, wahrscheinlich
auch Kohlstock-Bier
- Spirituosen und Kaffee. Man konnte dazu warme Würstchen mit Brot
und Tilsiter oder Schweizer Käse, der in Streifen geschnitten und mit
Senf serviert wurde, verzehren. Einmal im Jahr im Winter gab es einen großen
Topf "Königsberger Fleck", eine Suppe, die aus Rinder- und
Schweinemagen gekocht war und deren Brühe viele kleine Magenwürfel
enthielt.In der Fastnachtszeit wurde zu einem Bockbierfest eingeladen, bei
dem auch entsprechende Dekorationen, Kappen und Pappnasen eine Rolle spielten.
Die Betreuung der Bierstube erfolgte tagsüber wohl durch Angestellte
vom Laden aus. Abends kamen nur wenige Gäste, es waren fast alles Stammgäste.
Mein Vater bediente sie selbst, und wenn er im Kontor Schreib- oder Buchführungsarbeiten
zu erledigen hatte, saß meine Mutter in der Bierstube und versorgte
die Gäste. Später wurde ein Buffetier eingestellt, der jedoch
im Herbst 1939 kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen nach
Westpreußen ging, um dort selbst ein Lokal zu eröffnen. Ich vermute,
daß im letzten Jahr die Bierstuben am Abend geschlossen waren, denn
mein Vater war ja schon zu Kriegsbeginn eingezogen worden, so daß
meine Mutter sich allein um das Geschäft kümmern mußte und
bereits damit überlastet war.*
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| Verblichener Hinweis im Jahre 2000 |
Werner Pagel, Sohn von Reinhard Pagel, dem letzten Bürgermeister von
Roggow (einem Dorf etwa 4 km südlich von Belgard),
erinnert sich an einen Besuch in den Bierstuben unseres Geschäftes:
"Bis Mitte der dreißiger Jahre lief alles in ruhigen Bahnen.
Mein Vater konnte damals noch alles mit dem Fahrrad, auch zu den Ämtern
in Belgard, erledigen. Gelegentlich nahm er auch Pferd und Wagen und verband
damit einiges, so beim Einkaufsverein, beim Sattler, in Geschäften
usw. Ich fuhr oft mit; wir spannten bei Kaufmann Bernhard Maaß am
Ende der Heerstraße, in der Nähe des Hohen Tors aus. Wenn die
Besorgungen erledigt waren, saß man noch etwas in der Gaststube, wo
in der Regel Bekannte aus anderen Dörfern anzutreffen waren. Das erste
Getränk meines Vater war ein "Koks", ein hochprozentiger
Rum (?) mit einem Stück Würfelzucker und einer Kaffeebohne darin.
Dann - je nach Wetter - eine Tasse Kaffee oder ein Bier. Für mich nach
Wunsch eine gelbe, rote oder grüne Limonade. Auch den kleinen Imbiß
vergesse ich nicht. Unterhalb von Kaufmann Maaß - Richtung Marktplatz
- in der Heerstraße war eine Bäckerei. Ich meine, es war die
Bäckerei Sellnow. Von dort mußte ich dann für 20 Pfennig
vier Brötchen holen. Aus dem Laden wurde auf einem Teller ein Keil
Tilsiter Käse in Streifen geschnitten mit Mostrich gebracht. Für
mich war dieses zweite Frühstück ein Erlebnis. Die Fahrt zurück
nach Roggow führte meistens über Sternkrug. Mein Vater konnte
hier dann noch amtliche Erledigungen machen."
[Quelle: http://www.Belgard.org/Ortsgesch/Fotos/Roggow/Pagel.htm]
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| Marienstraße 15/16 im Jahre 1989 |
Unter dem Laden und den Bierstuben befanden sich die Kellerräume, zum
Teil mit Gewölben. Hier wurden Käselaibe, Essig und Weine - aus
dem Rheingau, von der Mosel und aus Frankreich - gelagert. Es gab auch einen
Abfüllapparat und eine Verkorkungsmaschine für Weine, die im Faß
geliefert wurden. Heringe lagerten in einer großen Tonne im Packraum
hinter dem Laden, wo auch die Materialien für die Schaufenstergestaltung
in einem Wandregal lagen. Ein großer Tisch vor dem Hoffenster war
der Ort, wo die Lebensmittel für die Hauslieferungen zusammengestellt
und verpackt wurden. Auf diesem Tisch wurde auch das Wild zerlegt, das vorher
an Haken unter der Holzgalerie "abhing". Ich erinnere mich auch
an lebende Karpfen, die man zu Weihnachten und Sylvester anbot. Sie wurden
in der Waschküche in mehreren Tonnen unter ständigem Zufluß
von Leitungswasser gehalten. Einmal geschah es, daß einige Karpfen
übrig blieben. Diese wurden dann in unsere Badewanne umquartiert und
nach und nach an Freunde und Bekannte verschenkt. Natürlich kamen sie
auch bei uns als "Karpfen blau" oder "Karpfen in Biersoße"
auf den Tisch. In einem zum Hof gelegenen, vom Hausflur aus zugänglichen
Zimmer hielten sich am Sonnabend, dem Einkaufstag der Landkundschaft, oft
Bauersfrauen auf, die nach Erledigung ihrer Einkäufe sich nur ungern
zu ihren Männern in die Bierstuben setzten und deshalb hier auf die
Heimfahrt warteten (die Wagen der Bauern standen während des Einkaufs
in der Mauerstraße hinter unserem Haus und die Pferde im großen
Pferdestall am hinteren Hoftor).
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| Geschäftsanzeige von 1926 |
Dieses hintere Zimmer war in den dreißiger
Jahren zeitweise an Ernst
Hardt, einen Vertreter der Kohlstock-Brauerei
vermietet, der hier sein Büro hatte. Die Kohlstockfässer lagerten
in einem separaten Keller, der Anfang des Krieges zum Luftschutzkeller ausgebaut
wurde. Das dicke Kaltblutpferd, das den Brauereiwagen zog, hatte einen kleinen
Stall im hinteren Teil des Hofes. Bis zum Jahre 1936 verfügte auch
unser Geschäft noch über ein Pferd, das den Rollwagen (einen Tafelwagen
mit niedrigen Seitenwänden) zog, wenn Waren von der Güterabfertigung
der Bahn abgeholt oder zu Kunden gebracht werden mußten. Später
wurden die Auslieferungen an die Kundschaft dann mit einem Geschäftsrad
mit Anhänger durchgeführt. Im Geschäft arbeiteten in den
dreißiger Jahren meistens einige "junge Männer" (Angestellte)
und zwei Lehrlinge, dazu Fräulein Emma Kunst als Kassiererin.
Mitte der
zwanziger Jahre war u.a. Hilmar Kramp als Lehrling im Maaßschen
Geschäft, der Sohn des Stationsvorstehers von Nassow und Bruder von
Grete Kramp, meinem Kindermädchen bis Anfang der dreißiger Jahre
und erste Frau meines Onkels Karl Alverdes
(der sie bei uns im Hause kennenlernte); letzter kaufmännischer Lehrling
war Anfang der vierziger Jahre Bruno Giese.
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| Nach dem Einsturz am 6.8.2001 |
Während das ehemalige Geschäftshaus Marienstraße 15/16 bei
unseren Besuchen in den Jahren 1985, 1989 und 1992 noch relativ gut erhalten
und vollständig bewohnt war, zeigte es
sich bereits 1996 seit mehreren Jahren unbewohnt und einschließlich
der Nebengebäude nahezu
völlig zerstört, d.h. die Zwischendecken und Fachwerkfüllungen
herausgebrochen, die Fenster zugemauert, das Mauerwerk zum Hof teilweise
eingerissen und lediglich die Fassade zur Marienstraße noch erhalten.
Schließlich stürzte das Haus in der Nacht vom 6. auf den 7.8.2001
in sich zusammen. Über die näheren Umstände schrieb die Tageszeitung
Glos Koszalinski aus Koszalin (ehemals Köslin) in ihrer Ausgabe
vom 9.8.2001 unter der Überschrift "Und
die Mauer stürzte ein...." sinngemäß:*
"Ein Großalarm
hielt gestern Abend die Rettungskräfte Bialogards in Atem. Ein Gebäude,
in dem sich sieben Kinder aufhielten, stürzte ein. Sofort wurde Hilfe
geleistet. Aus Gdansk [ehemals Danzig] wurden Spezialkräfte der Feuerwehr
angefordert.
Kurz nach 21 Uhr stürzte ein Teil eines abbruchreifen Hauses in der
Najswietszey Marii Panny [ehemalige Marienstraße] ein. Nach Angaben
der Nachbarn wurden dort noch kurz vor dem Einsturz sieben Kinder gesehen.
Die Rettungskräfte befürchteten schon das schlimmste. Zum Glück
wurden die vermißten Kinder von der Polizei bereits zu Hause angetroffen.
'100-prozentige Sicherheit gibt es aber nicht, wir müssen weitersuchen'
sagte Jacek Wielinski, Kommandant der PSP Bialogard. Die benachbarten
Straßen wurden gesperrt und die Unglücksstelle beleuchtet.
Die Bewohner der benachbarten Häuser mußten ihre Wohnungen
verlassen; erst nach vier Stunden durften sie nach Hause zurück.
Der Einsatzleiter der Feuerwehr, Tadeusz Reszko, setzte sich mit dem Bauamt
in Verbindung. Dieses empfahl, mit dem Abriß bis zum Morgen zu warten.
'Da wir jetzt wissen, daß sich keine Personen mehr im Gebäude
befinden, würde dies ein zu großes Risiko für unsere Leute
bedeuten. Die Lampen blenden und es kann leicht zu einem Unfall kommen'
warnte Bauinspektor Andrzej Kazirod. Um Mitternacht kam der Leiter der
PSP Bialogard, Stanislaw Lenard, zur Unglücksstelle: 'Die Lage ist
sehr ernst. Im Inneren des Gebäudes hängen noch die Reste der
Decken, die Arbeiten fortzusetzen ist von daher unmöglich.' Das Gebäude
steht im Privateigentum. Seit Monaten versuchen die Behörden, mit
dem Besitzer Kontakt aufzunehmen, dieser ist jedoch verschwunden. Jetzt
droht ihm eine satte Strafe oder sogar Gefängnis. Auch die Kosten
des Einsatzes muß er tragen.
Es bestehen keine Zweifel, wie es zu dem Unglück kommen konnte -
das Holz des Gebäudes wurde demontiert und als Brennmaterial verwandt;
Kinder sollen Backsteine entfernt und dafür 5 Zloty bekommen haben,
von wem ist noch unklar. Am nächsten Morgen begann man schließlich
mit dem Abriß."
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| Erwin Maaß 1942 |
Als mein Vater 1939 bereits einige Tage vor Beginn des Krieges eingezogen
wurde, übertrug er meiner Mutter die Geschäftsleitung. Da auch
unsere Angestellten zur Wehrmacht einberufen wurden, unterstützten
sie nur noch der Lehrling Bruno Giese
und Fräulein Emma
Kunst, ein älteres Fräulein, das schon früher bei uns
zeitweise als Kassiererin ausgeholfen hatte. Zu den Schwierigkeiten durch
die Abwesenheit des Geschäftsinhabers und die fehlenden Mitarbeiter
kamen die zahlreichen Vorschriften der Kriegswirtschaft wie etwa Lebensmittelkarten
und Lieferbeschränkungen. Das alles führte zu einer erheblichen
Steigerung des Arbeitsaufwandes und bedeutete damit eine große Belastung
für uns alle. So sehe ich uns heute noch - meine Mutter, meine Großmutter,
unsere Hausangestellte Grete und mich - in unserem Wohnzimmer auf dem großen
Eßtisch unter einer dunkelroten Hängelampe mit Fransen die unzähligen
Lebensmittelmarken aus unserem Geschäft auf große Packpapierbögen
in Reihen abgezählt und nach Kategorien geordnet mit Leim und Pinsel
aufkleben. Dazu kam die immer weiter verschärfte Preisauszeichnungspflicht.
Anläßlich einer Kontrolle in unserem Geschäft hatte meine
Mutter eine äußerst unangenehme Begegnung mit einem anmaßenden
Beamten von der Preisüberwachung, der sie des Betruges verdächtigte,
weil sie in Unkenntnis der Gepflogenheiten im Wildhandel das Fleisch eines
Spießbockes nicht richtig ausgezeichnet hatte. Nach Gesprächen
mit Hertha Beyer vom gleichnamigen Kolonialwarengeschäft am Markt /
Ecke Poststraße über die unter allen Einzelhändlern unbeliebten
Praktiken der Preisüberwachungsbehörde und eingehender Beratung
mit meinem Vater schloß meine Mutter im November 1940 das Geschäft.
Die bewirtschafteten Waren übernahm die Firma
Beyer am Markt / Ecke Poststraße und der Lehrling beendete seine
Ausbildung bei Kolonialwaren
Banatz am Markt / Ecke Jägerstraße. Die finanzielle Lage
unserer Familie war gesichert, weil mein Vater nach der Schließung
des Geschäftes neben seinem Zahlmeistergehalt eine Familienunterhaltszahlung
erhielt.*
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